Urkentrutzer Nachlese

Baroniegrenze Waldleuen/Urkentrutz, Mitte Firun 1045

dramatis personae:
Lyssandra von Finsterborn, Baronin von Urkentrutz
Firian Böcklin von Buchsbart, Baron von Schneehag
Yolanda von Brachfelde, Bardin und Schwester des Barons von Brachfelde + Junkerin zu Eibenruh
Roan von Elstersteg, Junker von Elstersteg
Grifo von Binsböckel-Graûgard, der Junker von Graûgard
 

Müde und resigniert saß Lyssandra von Finsterborn, Baronin von Urkentrutz im Sattel ihres Schlachtrosses „El Abrego“. Der Hengst, den sie auf dem Elenviner Rossmarkt erstanden hatte, stapfte durch den Schnee auf der Verbindungsstraße zwischen der Baronie Waldleuen und Urkentrutz. Bald würden sie Waldleuen hinter sich lassen und das Dienstrittergut Dachsrath auf Urkentrutzer Grund erreichen, wo sie für die Nacht Quartier beziehen wollten. An ihrer Seite ritten Knappin Erlinde Böcklin von Hunsfurt und Waffenknecht Trauwald, der das Packpferd führte.

Was für eine katastrophale Wendung hatte die gräfliche Jagd doch genommen! Sie hatte sich auf das firungefällige Ereignis in der benachbarten Baronie gefreut. Eine gehörige Zahl an Edlen aus Weiden hatte sich in Waldleuen versammelt gehabt, um im Iseholz zu jagen. Und dann? Eigenartige Geschehnisse, das Verschwinden zahlreicher Begleiter der Adeligen, hatten dazu geführt, dass sie das getan hatten, was sie nie hätten tun sollen – den Blautann betreten. Schon ihr Vater selig hatte es Lyssandra eingebläut. Ungute Dinge geschehen im Blautann! Es ist besser niemals einen Fuß in das verfluchte Baumdickicht zu setzen! Gab es nicht auch diesen Spruch, der die Gefahren knapp zusammenfasste: „Den Blautann sehen und sterben!“ Fast wäre dieser für sie und ihre Begleiter wahr geworden.

Nun, das hatte sie nun davon, dass sie nicht hatte hören wollen. Das linke Bein schmerzte noch immer. Trotz des Wundumschlags mit Einbeerenmarmelade würde es wohl noch einige Zeit dauern bis sie die schwere Wunde, die ihr der Anführer dieser eigenartigen Jäger verpasst hatte, die sich als üble Schurken entpuppt hatten, ganz verheilt sein würde.

Die Baronin grübelte weiter. Anfangs war ja sogar noch alles gut gegangen. Die Gruppe Adeliger, der sie zugeteilt worden war, um sich auf die Suchen nach den Verschwundenen zu machen, hatte sich so leidlich im Blautann zurechtgefunden. Widrigkeiten wie eine scheußliche Moorleiche auf einer Insel in einem Waldteich hatten sie hinter sich gelassen. Grifo von Binsböckel-Graûgard, der Junker von Graûgard hatte sowohl dem eiskalten Moorwasser als auch der Schauergestalt auf der Insel getrotzt. Nur wenig später machten sie die Bekanntschaft der Eulenkönigin Oropheïa und zu Lyssandras Überraschung war es gerade der sonst oft so polternde Böcklin, der mit seiner Hochachtung und seinem Respekt das Vertrauen der Tierkönigin gewann. Alles schien den Umständen entsprechend gut zu laufen, doch dann kam der Moment der Uneinigkeit. Man traf auf eine seltsame Jägergemeinschaft in einer Waldhütte. Dem Vernehmen nach schien die Zeit im Blautann anders zu verlaufen als außerhalb. Denn man versicherte ihnen dort, dass man sich im Götterlauf 945 befände. Während Lyssandra und Yolanda von Brachfelde, die Gemahlin ihres Schwertvaters Accolon, der sie seit den Zeiten ihrer Knappinnenzeit freundschaftlich verbunden war, einen diplomatischen Weg zur Erkundung der seltsamen Geschehnisse in und um die Jägerhütte im Wald anstrebten, entschied am Ende die Ungeduld des Schneehager Barons, dass alles in einen blutigen Kampf mündete. Kein Auge blieb trocken. Verletzt wurden alle ihrer Mitstreiter. Besonders übel erwischte es Roan von Elstersteg, doch auch Yolanda von Brachfelde, den Junker von Graûgard und ihre Wenigkeit mussten schwere Verletzungen einstecken. Lediglich der Baron von Schneehag, der den Kampf eröffnet hatte, war dank seiner schweren Rüstung mit ein paar Kratzern davongekommen. Sichtlich geknickt durch den Zustand und die teilweise schweren Wunden seiner Begleiter bot er großzügig Schlucke aus seinem Einbeerentrank an.  Am Ende verdankten sie ihr Überleben der klugen Yolanda, die ihr Heil in der Flucht gesucht hatte und auf diesem Weg die Unterstützung der Belagerer der Jagdhütte gewann. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie nicht die um die Hütte versammelten Begleiter des bereits seit fast 100 Götterläufen verstorbenen Vogtes von Waldleuen Hillbrandt von Binsböckel auf sich aufmerksam gemacht hätte.

Verwirrend war letztlich auch die Erkenntnis, dass sich Kultisten in diesem Teil des Blautanns herumgetrieben, die es auf edles Blut abgesehen hatten. Ihnen war die Entführung und teilweise grausame Ermordung der Begleiter der Edlen der gräflichen Jagdgesellschaft zuzuschreiben. Und mehr noch. Diese hatten sich mit Orks zusammengetan, um ihre Ziele zu erreichen. Was für eine üble Konspiration sich da auftat, erschreckend! Lyssandra musste sich fragen, ob auch in jenem Teil des Blautanns der zu Urkentrutz gehörte und sich jenseits des Finsterbachs erstreckte solche Umtriebe stattfanden. Sie musste versuchen Gewissheit darüber zu bekommen und mehr Wissen über den Schnitterkult zu erlangen. Doch, wie sollte man Gewissheit bekommen ohne selbst in Gefahr zu geraten? Hatte sie doch gerade am eigenen Leib erfahren müssen, wie schnell einem im Blautann etwas zustieß und wie unvorhersehbar und geheimnis- und gefahrvoll ein Besuch des Tanns war. Sobald sie zurück auf der Burg war, wollte sie sich kundig machen, wie sie an die benötigten Informationen gelangen könnte.

Zur Jagd selber blieb dann nicht mehr viel zu sagen. Zwar konnten so einige der Entführten gerettet werden, viele aber mussten ihr Leben lassen. Dabei ging die Spannbreite vom einfachen Hundeknecht Brotlaus des Junkers Roan von Elstersteg bis hin zum langjährigen Waffenmeister und engen Vertrauten des Baronshauses der Bollinger Heide, Praiodan von Frauenhold. Tiefe Trauer herrschte daher in vielen der Reisegruppen und die Jagd wurde daher abgeblasen.