Vorfreude
Reichsend, Ende Hesinde 1045 BF
Der Graf der Heldentrutz, Emmeran von Löwenhaupt, brummte zufrieden und schickte den Boten handwedelnd davon. In die Küche, sich etwas Warmes zu gönnen. Draußen hatte der Alte vom Berge längst die Herrschaft angetreten. Feld und Flur lagen unter einer dicken, mal pudrigen, häufiger verharschten Schicht. Alles wirkte nun viel sauberer und die Nächte waren heller, denn bei klarem Wetter spiegelte der glitzernde Schnee Mondenschein und Sternenglanz .
Es war eine Freude und ebensolche empfand der Graf, wenn er an die anstehenden Ereignisse dachte. Das war eine deutliche Verbesserung zu der Stimmung, in den ihn die Erkenntnis versetzt hatte, dass alle ... wirklich alle ... Weidener Grafschaften eine Jagd veranstalteten, die das Grafenhaus selbst auslobte.
Nur seine nicht!
Auf der anderen Seite: die Heldentrutz war immer auf der Jagd. Auf der Pirsch nach Schwarzpelzen, die über den Finsterkamm herüberschwappten und auf der Hatz nach solchen, die ihr Unwesen beständig an den Osthängen des Schicksalsgebirges trieben. Man war in der Heldentrutz schlicht immer beschäftigt mit dem, was im fetten Baliho und im beschaulichen Bärwalde wenig mehr war, als eine Freizeitbeschäftigung. Dass aber die Sichelwacht, jene ärmliche Grafschaft am anderen Ende der Mittnacht, auch eine gräfliche Jagd hatte, das hatte Emmeran gefuchst. Wenn sogar diese Habenichtse mit ihrem nichtsnutzigen Graf, der sich nichtmal den Anschein gab, ein anständiger Ritter zu sein, eine eigene Grafenjagd veranstalteten, dann, ja dann konnte die Heldentrutz nicht hinten an stehen!
Darum hatte er die Erste Heldentrutzer Grafenpirsch ins Leben gerufen und sich voller Elan an die Planung gemacht. In Herzoglich Waldleuen sollte sie stattfinden und somit, mit ausdrücklicher Billigung der Herzogin. Im Iseholz würden sie pirschen, jenem geschichtsträchtigen Wald, in dem schon Isegrein der Alte in Altvorderer Zeit gejagt und, wenn man den Geschichten Glauben schenken wollte, mit dem Leu gesprochen hatte. Dem Leu, erstem der Waldlöwen und Liebling der Sturmesgleichen, den sie in der Heldentrutz zur Ruhe gebettet hatte.
In seiner Grafschaft, die ihren Namen nicht von ungefähr trug, denn hier trotzten Helden!
Der Löwenhaupter brummte wohlig und ließ sich zu einem kleinen Lächeln hinreißen. Da war es nur würdig und recht, dass sein Neffe Arlan, Prinz der Weidenlande, sich anlässlich der Heldentrutzer Grafenpirsch die Ehre gab. Ebenso wie Arnwulf von Pandlaril, Graf von Baliho und die junge Griseldis von Pallingen, Gräfin von Bärwalde. Die Sichelwacht würde sicher irgendwen schicken, um das Gesicht zu wahren und das war Emmeran auch recht, denn den Wolkensteiner wollte er nun wirklich nicht um sich haben. Darüber hinaus hatten alle großen Häuser Weidens ihr Kommen zugesagt und ebenso, der Vorsteher des Hauses der Eisigen Stelen in Trallop.
Die Grafenpirsch war also schon im Vorfeld ein Erfolg und der Graf der Heldentrutz freute sich inzwischen wirklich auf das Ereignis. Sein Jagdmeister hatte verschiedene Vorjagden durchgeführt und zeigte sich zufrieden mit dem Wildbesatz im Iseholz. An würdiger Beute würde es also nicht mangeln, ebensowenig an gut abgehangenem Wildbret für Eröffnungs- und Abschlußbankett. Jetzt konnte ihm eigentlich nur das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen, aber irgendwie hatte der Löwenhaupter im Gefühl, dass dieses heurer nicht sein Problem sein würde. Was sollte schon schief gehen?