Bärendienst

Ingerimms Steg, Burg Drôlenhorst, Herbst 1045 Bosparans Fall
 
„Wie stellt der sich das denn vor? Als ob ich hier nicht genug zu tun hätte.“

Affra von Fluck, Vögtin von Ingerimms Steg, flätzte sich auf dem hochlehnigen Stuhl hinter dem wuchtigen Schreibtisch und betrachtete den aufgefalteten Brief in ihren fleischigen Händen mit einem Blick, den man sich sonst für Dinge vorbehielt, die gelegentlich unter Stiefelabsätzen zu finden waren und klebten. Mit einem Schnauben warf sie das Dokument achtlos zurück auf den Stapel der restlichen Korrespondenz, um die sie sich zu kümmern gedachte.

„Ich reise doch nicht mitten im tiefsten Winter wochenlang quer durchs halbe Herzogtum, um an einer Jagdpartie teilzunehmen, wo sich dann irgendwelche Wichtigtuer gegenseitig Honig ums Maul schmieren“, ätzte sie. „Heldentrutzer Grafenpirsch, pfh.“

Torgunn von Ascheraden stand mit durchgedrücktem Rücken einige Schritt entfernt hinter einem Stehpult und legte bei den Worten Affras leicht den Kopf schief. Die Hofdame unterstützte die Vögtin häufig bei anliegendem Briefverkehr, da sie bisweilen recht hilfreiche Gedanken beizusteuern wusste und gut zu formulieren verstand. Darüber hinaus verfügte sie über eine durchaus gefällige Handschrift.

„Nun, wenn Ihr der Einladung aus verständlichen Gründen nicht persönlich zu folgen vermögt, wie wäre es dann, vielleicht einen Vertreter dorthin zu entsenden, Hochgeboren? Mir erscheint das ratsam“, sagte sie sanft.

„Und wer schwebt Euch da vor?“, fuhr die Vögtin sie an. „Euer Gatte womöglich? Das wird sicher nicht passieren. Der Platz des Burghauptmanns ist schließlich hier. Und überhaupt fiele mir auch sonst niemand ein, auf den ich einfach so mal eben verzichten könnte, damit er oder sie in irgendeinem Hinterwald am anderen Ende der Mittnacht durchs Unterholz schleichen kann. Nein, wir werden das ganze einfach absagen. Die Einladung wird ohnehin nur pro forma erfolgt sein.“

„Wie Ihr wünscht“, entgegnete die Ascheraderin, legte sich sogleich ein Blatt Papier zurecht und schickte sich an, das kleine Tintenfässchen zu öffnen, das am oberen Rand ihres Pultes in einer Aussparung eingelassen war. Plötzlich jedoch hielt sie inne und sah auf. „Wie wäre es mit dem Kressinger?“

Die Vögtin schien einen kurzen Moment über den Vorschlag nachzudenken, winkte dann aber ab. „Ich glaube, der alte Branghain versteht sich nicht besonders auf das Waidhandwerk. Und nachdem, was ich weiß, wird Graf Emmeran wohl nicht viel von einem Gesandten halten, der keiner adligen Familie entstammt und seinen Rittertitel ehrenhalber verliehen bekommen hat.“

Torgunn nickte. „Ja, das stimmt wohl. Ich dachte nur, weil der Herr Coran doch vor einiger Zeit den verwaisten Firunschrein auf seinem Lehn wieder hat einsegnen lassen. Da hätte das mit der Jagd als Anerkennung für seine Bemühungen ganz gut gepasst. Aber Ihr habt natürlich recht. Wahrscheinlich würde sich der Gute nur quälen.“

Nun war es Affra, die stutzte und langsam den Kopf zur Seite in Richtung ihrer Hofdame drehte. „Obwohl …, wenn ich es noch einmal bedenke, habt Ihr da in der Tat einen Punkt. Der Branghainer sollte unbedingt in angemessener Weise für seine Verdienste um den Alten vom Berg belohnt werden.“ Der Anflug eines Lächelns umspielte jetzt ihre schmalen Lippen. „Also, Ihr setzt zwei Schreiben auf! Eines als Antwort für den Grafen, in dem wir bedauern, dass ich der Einladung nicht selbst entsprechen kann - unabkömmlich, dringliche Amtsgeschäfte und so weiter -, aber dass wir uns freuen, einen treuen Vasallen und großen Verehrer des Wintergottes an meiner statt entsenden zu können. Und die zweite Depesche geht nach Kressing, in der wir Ritter Coran ui Branghain mitteilen, dass wir gedenken, ihm eine große Ehre zukommen zu lassen.“