Bedenken
Junkergut Leuengrund, Firun 1045 BF
Griffpurga von Halberg-Kyndoch saß mit ihrer Stickarbeit vor dem wohlig prasselnden Kaminfeuer der guten Stube des Gutshauses. Die stets frierende, schlanke Frau streckte ihre Glieder von sich und seufzte. Es war ruhig gewesen … zu ruhig, denn wie schon die vergangenen Abende hatte ihr Gemahl wieder Wichtigeres zu tun als ihr Gesellschaft zu leisten. Bärwulf war die letzte Zeit seltsam geworden, kam spät ins Bett, verließ dieses früh und sprach nicht viel.
Dennoch wusste die Landritterin, wo es ihn auch an diesem Abend herum trieb. Sie erhob sich von ihrem lauschigen Platz, legte die Handarbeit beiseite und warf sich einen dicken Mantel über ihr dünnes Abendkleid. Beim ersten Schritt aus dem Gutshaus wurde die Halbergerin von einem eisigen Windstoß begrüßt, der ihr offenes und bereits ausgekämmtes, honigblondes Haar in alle Richtungen fliegen ließ. Hätte sie in diesem Moment nicht alle Hände voll damit zu tun gehabt, den Mantel fest zu halten, die Adelsdame hätte geflucht wie ein altes Waschweib und sich die Katastrophe auf ihrem Haupt sogleich wieder zurecht gestrichen. Griffpurga hasste sich dafür, jenem inneren Impuls nachgegeben zu haben und in diese niederhöllischen Kälte hinaus getreten zu sein, doch sollte ihr Ausflug aus der warmen Stube nicht allzu lange dauern.
Wie angenommen fand sie ihren Gemahl am hölzernen Wehrgang der Palisade des Rittergutes. Das Licht des Madamals ließ ihn in diesem Moment wie eine Figur aus einer fremden Sphäre erscheinen, während der eisige Wind an seinem schweren Mantel zerrte. Bärwulf vom Blautann stand hier gerüstet in der Dunkelheit - wie schon die vergangenen Abende.
“Bärwulf, bei Firun und Efferd …”, kämpfte Griffpurga gegen das Heulen des Windes an, “... was tust du hier schon wieder? Komm in die Wärme. Du holst dir hier den Tod.”
Es kam - wie es zu erwarten war - keine Antwort, was die Halbergerin dazu verleitete zu ihm hoch zu steigen. Vor ihnen lag der zugefrorene Vier-Lehen-See, welcher im Madaschein seltsam zu leuchten schien. Die Aufmerksamkeit ihres Mannes jedoch lag am dunklen Schatten dahinter - jenem düsteren Wald, dessen Namen auch Bärwulf und ihre drei gemeinsamen Kinder trugen.
“Was ist mit dir, Mann?”
Nun endlich wandte sich der Ritter seinem Weib zu. “Ich habe geträumt … sieben Nächte derselbe Traum ... ich suche Antworten.”
“Geträumt?”
“Ja von Sankta Fringilla und fallenden Blautannen”, ein seltsamer Glanz lag in seinen Augen. “Es scheint, als würde mich der Wald rufen … irgendetwas stimmt nicht …”
“Sankta Fringilla? Hat sie zu dir gesprochen?”, kam es ungläubig aus dem Mund seiner Frau, doch schüttelte Bärwulf darauf lediglich seinen Kopf.
“Ich weiß nicht ob es klug ist, der Einladung des Grafen zum Iseholz nachzukommen. Ich habe mich auch mit Nuria ausgetauscht ... ich sollte in den Bl …”
“Humbug!”, fuhr ihm Griffpurga dazwischen. “Du wirst zur Jagd gehen und deine Familie dort vertreten. Der Blautann steht in ein paar Tagen auch noch!”