Stille Gedanken

Firun 1045, Ruine Blautann

Es war kalt in der Kapelle der Göttin Rondra. Auch die auf dem Altarstein flackernden Kerzen kamen nicht gegen Firuns eisigen Hauch an, der den Blautann und ganz Waldleuen in festem Griff
hielt.

“...drum lass mich dir danken für diesen Kampf,
danken für mein Leben im Glauben an dich,
und dafür, dass der Sieg der unsere ist!
Dir gebührt die Ehre, dieser Tag ist dein!”

Seine Stimme verklang in der Kapelle und die Atemwolken vergingen in der kalten Luft.

‘So flüchtig’, stellte Dietrad von Kesselhod fest, während er wieder in die Stille der Kapelle tauchte.

‘So still wie der Blautann, bevor im Zwielicht die Heilige erschienen war’, überlegte der Sichelwachter Ritter.

Er verdankte der Stammmutter der Blautann sein eigenes Leben und das seiner Erbin, davon war er überzeugt. Die dreifaltige Begegnung mit der Heiligen Fringilla hatte Dietrad nachhaltig beeindruckt und ihm trotz seiner Angst um Firre überhaupt
die Kraft verliehen, gegen seine Gegner zu bestehen. Es waren Orks aber auch Menschen gewesen und Dietrads Blick fiel auf seine Votivgaben vor dem schlichten hölzernen Bildnis der Göttin: Die beiden Arbach-Säbel, an deren Schneiden dunkel sein geronnenes Blut klebte, hatte er zuerst einem Ork und dann einem Menschen abgenommen.

Was die Ketzer - was diesen Gerwulf oder den anderen namenlosen Schnitter - angetrieben hatte, vermochte Dietrad noch immer nicht zu verstehen. Aber die meisten von ihnen waren nun tot und er selbst am Leben.

Eigentlich hätte ihm diese Tatsache Frieden und Zuversicht schenken müssen, doch Dietrad spürte noch immer, wie die Angst mit gierigen Klauen an ihm zerrte.

‘Wenn die Macht der gehörnten Götter - die Macht, die lange unerkannt war - so weit reicht, dass selbst der Adel sie verehrt, ist es schlecht um Weiden und besonders die Heldentrutz bestellt.’

Die Gedanken des Ritters waren für einen Moment so düster wie der Geisterwald, in dem sie der Heiligen begegnet waren.

Dort war ihnen aber auch Einsicht in Fringillas Heldentaten offenbart worden, und die Heilige hatte sogar mit ihnen gesprochen,
erinnerte sich der Sichelwachter. Und er - Dietrad von Kesselhod - hatte Fringillas Schild errungen und Bärwulf demütig zurückgegeben, so dass der Bund hatte erneuert werden können!

Sogleich verspürte er einen Funken Hoffnung - mehr als ihm das Gebet an die Leuin vorhin hatte schenken können - und eben das wollte er sich bewahren: Er würde Ihrer Heiligen zu Ehren einen kleinen Schrein in Isenwall errichten.