Weshalb die ganze Aufregung?
Dramatis Personae:
- Frumold von Hölderlingen: Wächter über den Röderstrak, ergrauter Ritter, Onkel der Baronin und Familienoberhaupt, die graue Eminenz (alt, müde, aber immer noch ein „wahrer Hölderlingen“ (also leicht reizbar und sehr standesdünkelig)).
- Harger von Hölderlingen: Burghauptmann von Burg Rotfels, Anführer der Rotkrallen (Haustruppe der Hölderlingens), Ritter, mächtiger Krieger, maulfaul und ein „anständiger Hölderlingen“ (also nicht gar so reizbar,).
- Furgund von Hölderlingen: junge Ritterin, Baroness von Rotenwasser und eine „wahre Hölderlingen“ (also leicht reizbar und ehresdünkelig).
- Leuendan von Hölderlingen: Tsatagskind, Knappe, Baronet von Rotenwasser und ein „anständiger Hölderlingen“ (erstaunlich ausgeglichen, manche sagen: dickfellig, und von freundlichem Wesen). Aber wenn er sich mal ärgert, von kaum jemandem zu besänftigen (und dann ein „wahrer Hölderlingen“)).
- Emegunde von Hölderlingen: (späte) Baronin von Rotenwasser, Ritterin der Wahrung und „wahre Hölderlingen, also früher“ (früher leicht reizbar, schnell mit dem Fehdehandschuh und der Klinge. Heute gereift, meist beherrscht und nur bei bestimmten Triggern noch ebenso reizbar wie der Rest ihrer Sippschaft (die ihr dies aufgrund ihres beschwerlichen Lebensweges nicht nachträgt)).
Burg Rotfels, Baronie Rotenwasser, 23. Efferd 1043 BF
„Erzähl es deinem alten Großonkel nochmal, Gundchen.“ Frumold von Hölderlingen, in Ehren ergrauter Ritter ruckelte sich tiefer in den mit Schaffellen gepolsterten Sessel, nahm sein wohlgefülltes Horn und blickte über den Rand hinweg in die vor Stolz glänzenden Augen seiner Großnichte.
„Ach nein“, gab diese mit einem Anflug von Verlegenheit zurück und winkte halbherzig ab. „Am Ende war es ja doch ‘ne Niederlage und außerdem hab’ ich’s doch schon mindestens zweimal erzählt.“
„Dreimal!“, berichtigte Harger, ihr Vetter lakonisch, nippte an seinem Horn und begegnete dem empörten Blick der Baroness von Rotenwasser betont gelassenen. „Hab mitgezählt“, erklärte er unnötigerweise.
„Pft“, war alles, was Furgund dazu einfiel. Sie schniefte, blickte betont zur Seite und schniefte noch einmal.
„Es gibt Geschichten“, ließ sich die sonore Stimme Frumolds nun wieder vernehmen, „die sind es wert, so oft erzählt zu werden, Sohn. Und öfter! Also was ist, Gundchen, lass mich nicht warten. Am Ende sterbe ich, ohne es nochmal gehört zu haben. Ich bin alt, weißt du?“
„Klar weiß ich das“, beeilte sich die junge Ritterin zu bestätigen und kaschierte ihren jäh einsetzenden Schreck über die wenig höflichen Worte mit einem frechen Lächeln, von dem sie wusste, dass Frumold es mochte. „‘tschudigung. Naja, was soll ich sagen? Mir ist das Herz schon ziemlich in die Hose gerutscht, als in der zweiten Runde der Tjoste ausgerechnet der Gemahl der Greifenfurter Markgräfin auf mich wartete. Ich meine, jeder weiß, dass seine prinzliche Durchlaucht Edelbrecht vom Eberstamm ein großer Ritter ist und da dachte ich schon: das war’s dann wohl. In Kressenburgs gibt’s einfach kein Glück für eine Hölderlingen. Da treffe ich in der ersten Runde des Fußkampfs auf Thargrîn von Arpitz,…“
„Schon wieder“, warf Harger ein, was Furgund direkt aufnahm. „Genau, schon wieder! Genau wie im letzten Jahr. Und genau wie im letzten Jahr haut die mich sowas von raus. Und dann das! Musste es ausgerechnet der prominenteste Teilnehmer sein, mit dem ich nun die Lanze kreuzen sollte? Aber es half ja nix, weil kneifen war natürlich nicht drin. Also hab ich mich fertig gemacht, ganz artig ein Gebet zur Sturmleuin geschickt, ihr auch ein wenig Blut geopfert, tja und dann hab ich gemacht, was mein Schwertvater mir mal gesagt hat: ‚Helm zu und nicht dran denken, wer unter dem Helm am anderen Ende der Bahn hockt.‘“
Furgund nickte in Erinnerung an diese Lektion und nahm nun auch einen Schluck Met. „Als nächstes kam mir dann in den Sinn, was der hier“, mit dem Fuß trat sie locker gegen den lässig abgelegten ihres Vetters, „letztes Jahr gesagt hat. ‚Ne sichre Wehr ist auch nicht zu verachten!‘ Also hab ich mich ordentlich hingesetzt, den Schild gepackt und als es los ging, hatte ich ihn ganz sicher. So sicher, dass der Stoß des Eberstammers einfach abglitt. Ich glaub“, lachte sie, „ich war zuerst mindestens ebenso überrascht, wie der Prinz und die ganzen Zuschauer. Doch dann dachte ich: ‚Ne, ‘ne Hölderlingen gewinnt nicht mit dem Schild!‘“
„Hört, hört“, brachte Frumold brummend seine Zustimmung zum Ausdruck und klopfte mit dem Horn auf die Sessellehne.
Furgund grinste stolz und fuhr fort. „Ich hab mich also fest in die Steigbügel gestellt, die Lanze gepackt und ordentlich Sporen gegeben. Und tatsächlich habe ich die Wehr des Herrn Eberstamm ordentlich geprüft. Hinterher hat man mir gesagt, er habe unter meinem Stoß ebenso geschwankt, wie ich im ersten Anritt unter seinem.“
Nun brachte auch Harger seine Anerkennung zum Ausdruck, indem er Furgung zuprostete. Die junge Baroness freute dies sichtbar. Eine leichte Röte legte sich auf ihre Wangen.
„Jedenfalls dachte ich beim Ausreiten: ‚Dunnerlittchen, heute geht was!‘ und hab mich mit dem nächsten Anritt sehr beeilt. Ich dachte, das wäre vielleicht vorteilhaft für mich.“ Sie räusperte sich, blickte in ihr Horn und schüttelte bedauernd den Kopf. „Hat sich gezeigt: das war es nicht. Der Stoß des Herrn Edelbrecht war vollkommen und mein Flug aus dem Sattel sicher der weiteste an diesem Tag. Zumindest hat es sich so angefühlt. Hat einen ordentlichen Schlag getan, das sag ich euch. Aber als die Sterne nicht mehr vor meinen Augen tanzten, bin ich gleich aufgestanden und hab dem Prinzen gratuliert. Und bei mir habe ich gesagt: Nächstes Jahr! Nächstes Jahr haue ich dich aus dem Sattel!“
„Das wird wohl kaum passieren“, ließ sich nun unverhofft die Stimme ihrer jüngeren Bruders Leuendan vernehmen und brachte Furgund damit um das verdiente Lob ihres Großonkels.
„Wie? Was willst du denn damit sagen?“, fuhr sie ihn an.
„Ich glaube kaum, dass es im kommenden Jahr ein Kressenburger Neujahrsstechen geben wird, Schwesterchen. Nach allem, was man aus dem Herzen des Reiches so hört, ist der dortige Adel damit beschäftigt, sich gegenseitig zu zerfleischen. Ich glaub nicht, dass ausgerechnet der Baron von Kressenburg ein Turnierchen veranstalten wird, wenn seine garetischen Freunde sich gegenseitig die Köppe einschlagen.“
Furgund schaute ihren Bruder verständnislos an. „Du meinst diese Fehde, wegen der sich jetzt alle so fürchterlich aufregen, oder was? Und du meinst, die soll so lange gehen? Echt jetzt?“ Enttäuscht schob sie ihre Unterlippe vor und krauste die Nase.
„Ein Jahr“, lachte ihr Großonkel, „ist doch gar nichts, Gundchen. Eine ordentliche Fehde braucht ihre Zeit, das weißt du doch.“
Die drei jüngeren Hölderlingens nickten, um anzuzeigen, dass ihnen das natürlich wohl bewusst war.
„Eine ordentliche Fehde ist wie ein guter Wein, der braucht auch seine Zeit, bis er seinen Charakter entfaltet“, Frumolds Blick verlor sich in Bildern und Erinnerungen und ein seliges Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Ach ja, was waren das für Zeiten“, seufzte er. Dann schärfte sich sein Blick wieder. „Die Garetier wissen halt noch, wie es geht. Wie ein Ritter und Adelsmann seine Interessen wahrt und durchsetzt. Die erinnern sich noch an den guten alten Codex Raulis von 39, eh? Wie sieht’s mit dir aus, Leuendan? Bringt deine Herrschaft dir sowas auch bei?“
Der jüngste Sohn der Baronin von Rotenwasser war überrascht von dieser unerwarteten Ansprache und blinzelte verwirrt. „Wie jetzt? Werd’ ich an meinem Tsatag jetzt auch noch abgehört, oder was? Das soll mal schön Furgund beantworten, die ist doch die Ritterin und sollte es wissen.“
Diese Worte brachten Leuendan einen Rempler ein, den er jedoch erwartet hatte und mit einer entsprechenden Wehr beantwortete. „S’doch wahr“, lachte er. „Also, weißt du’s?“
„Klar weiß ich das. ‚Wer gemindert wurde in seinem Ansehen, Gut oder Recht, der soll entweder dem Pfade des Praios folgen und vor Lehensherr oder Gericht Klage führen und um Schlichtung bitten. Oder er soll dem Pfade der Rondra folgen und sich kraft seiner Stärke selbst zurückholen, was ihm genommen, und soll Vergeltung üben. Beide Pfade sind recht und billig und den Göttern ein Wohlgefallen.‘ “ Furgund nickte und nahm einen tiefen Zug.
„Hört, hört“, brachte Frumold seine Zufriedenheit zum Ausdruck. „Da frag ich mich doch: weshalb die ganze Aufregung? Sind die Weidener Ritter so satt und zufrieden, dass sie die Fehde inzwischen gering schätzen? Haben sie vergessen, dass die Fehde ihr vornehmes Recht ist? Und auch, dass es klare Regeln gibt, es mithin eben kein Krieg ist?“ Der alte Ritter schüttelte den Kopf. „Scheint fast so. Wie ich höre salbadern einige von traviagefälligem Frieden. Wenn ich das schon höre. Was hat denn bitte die Zustimmung einer Göttin des Plebs bei einer solchen Sache von Belang zu sein, eh? Nichts hat die Eidmutter hiermit, wie mit anderen Geschäften des Adels, zu schaffen. Es gelten das Recht des Praios und das der Frauwe Rondra. Um das des Sonnengotts wurde ersucht und es wurde übergeben an das Recht der Sturmleuin, die Fehde wurde erklärt. Alles ist, wie es sein soll.“
Furdund nickte eifrig, derweil Harger zweifelnd den Kopf wog. „Weiß nicht recht, Vater. Weiß nicht, ob die Garetier förmlich die Fehde erklärt haben. Und was die Angriffe von Nichtbeteiligten angeht, entspricht das auch nicht dem, was wir Fehde heißen. Mal ganz ab davon, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Das war nun wirklich …“
Der Ritter vom Röderstrak hob die Hand. „Kein Wort davon. Emegunde ist auf dem Weg hierher und sie regt sich immer so fürchterlich auf, wenn sie von diesem Rondraurteil von Leuengrund hört. Das würde uns allen das nette Beisammensein verderben. Einigen wir uns einfach darauf, dass es ab von diesem Murks mit dem angeblichen Göttinnenurteil eben eine Fehde ist, die im ersten Überschwang etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Die fangen sich schon wieder.“
„Besser wärs!“, brummte sein Sohn und sah seiner Baronin entgegen.
„Was schaut ihr mich denn alle so an“, frage Emegunde von Hölderlingen argwöhnisch und blickte von einem zum anderen. „Worüber steckt ihr denn die Köpfe so zusammen, eh?“
„Kressenburg!“, platzte Leuendan heraus, immer bemüht, die Mutter nicht übermäßig zu reizen.
„Ah“, die Miene der Baronin hellte sich auf. „Das Neujahrsturnier.“ In einer, in aller Öffentlichkeit, seltenen Geste der Zuneigung legte sie ihrer Tochter den Arm um die Schultern. „Hat Furgund schon von ihrem Ritt gegen den Prinzen Edelbrecht erzählt?“, fragte sie stolz.
„Viermal!“, half Harger bereitwillig aus. Seine Nichte schnitt ihm eine wütende Grimasse.
„Ach so? Na, dann schadet ein weiteres Mal ja nicht, also, sei so gut, Gundchen, und erzähle es deiner alten Mutter nochmal.“