Ankunft am Hag
Dramatis Personae:
- Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
... mitsamt ihrer Kinder - Luten Corrhenstein von Hirschenheide (Ritter der Wahrung und Erbjunker)
... mitsamt Ritterlanze - Radewid Datharid von Rhodenstein (Geweihte der Rondra, Kriegschronistin des Ordens)
- Heldar Rayamas von Rhodenstein (junger Geweihter der Rondra)
- Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
... mitsamt ihrer Kinder Firuna und Barnhelm - Gorfried von Sturmfels ä.H. (Baronsgemahl von Weidenhag)
- Wilfred von Gugelforst (Baronet von Weidenhag)
... mitsamt seiner Knappin Arika von Schweinsfold (Baroness von Schweinsfold)
Der Hag, Peraine, Dorf Weidenhag 1043 BF
Das Tor zur Residenz der Weidenhager Baronin war wie immer offen und dies galt nicht nur für geladene Gäste oder Gesinde, das hier seinen Dienst verrichtete, – nein, wie Irmina wusste, war es die Besonderheit des Hags, dass hier auch einfaches Volk gern gesehen war und stets ein und aus ging. Doch nicht nur das; als die kleine Gruppe in das Anwesen der Weidenhager Barone einritt, wurde sofort augenscheinlich, dass hier alles etwas kleiner und offener wirkte, als sie dies von anderen, oftmals trutzigen Residenzen des Weidener Hochadels gewohnt waren. Am Tor selbst wurde ihnen von einem einfachen Waffenknecht bloß grüßend zugenickt und innerhalb der Mauern herrschte geschäftiges Treiben.
Der Hag war ein einfaches, aber trutziges Rittergut, das innerhalb seiner bescheidenen Größe beständig erweitert und ausgebaut wurde. Das Tor passiert, sahen sie eine große Salweide, den Herzbaum, im Zentrum des Guts. Zur Linken des Baumes befand sich ein Tempel der Eidmutter, zu seiner Rechten die Ställe, sowie die Wohnungen der Dienstritter und des Waffenvolkes und ihm direkt gegenüber das repräsentative Haupthaus.
Dass ihre Ankunft trotz all dem geschäftigen, beinahe chaotischen Treiben am Hag bemerkt wurde, zeigte sich jedoch schon recht bald nachdem die Gruppe von ihren Pferden abgesessen war.
Die beiden Novizen übernahmen die Zügel der Pferde von Irmina und den beiden anderen Geweihten, während Luten diese Aufgabe einem seiner fußläufigen Waffenknechte überließ. Zusammen mit seinem jungen Barden und den beiden Bogenschützen hielt er sich nahe an der Kutsche, aus der die Amme gerade den beiden Kindern half.
Ein allgemeines Ordnen der Kleider und sich Umsehen setzte ein, wofür man sich gebührend Zeit nahm, denn die Begrüßung würde sicher nicht lange auf sich warten lassen. Irmina Vermias von Rhodenstein fasste den Eingang zum Haupthaus fest ins Auge und ein vorfreudiges Lächeln umspielte ihre Lippen.
***
Gwidûhenna von Gugelforst eilte sich. Gerade war die Baronin der Weidenhager Lande noch damit beschäftigt gewesen Ordnung in den Papierstapel auf ihrem Sekretär zu bringen, als sie über die Ankunft der angekündigten Delegation des Rhodensteins in Kenntnis gesetzt wurde. Sie strich sich ihr dunkelblaues Kleid zurecht, das zwar figurbetont geschnitten, aber sonst sehr züchtig gehalten war, und legte ihren dick geflochtenen, beckenlangen, rabenschwarzen Zopf nach hinten. Auch entschied sie sich dazu für diesen Anlass ihren bescheidenen Baronsreif zu tragen. Dies kam nicht oft vor, legte die Baronin doch sonst nur sehr wenig Wert auf Zierrat, doch wenn schon einmal höhere Würdenträger einer der Zwölfgöttlichen Kirchen hier aufschlugen, empfand sie es als angemessen.
Während sich Gwidûhenna von ihrem Arbeitszimmer aus nach unten bewegte, verteilte sie die eine oder andere Anweisung. So ließ sie nach ihrem Gemahl Gorfried, ihrem Bruder Wilfred und ihren beiden am Hag anwesenden Kindern schicken und auch die Knechte und Mägde sollten ihr Tagwerk unterbrechen und in annehmbarer Adjustierung im Innenhof antreten.
Als die Herrin von Weidenhag aus dem Haupthaus trat stellte sie zu ihrer Zufriedenheit fest, dass alles erledigt wurde wie von ihr eben erst aufgetragen. Die Knechte und Maiden standen Spalier, sie sah ihren Bruder Wilfred und ihren Gemahl Gorfried, die sie nach ihrer Ankunft sogleich flankierten und auch ihre beiden Kinder Firuna und Barnhelm hatten sich bereits eingefunden.
Gemeinsam schritten sie auf die Rhodensteiner Gruppe zu. Mit einer einfachen Geste gab die Baronin den Knechten zu verstehen sich um die Pferde der Gäste zu kümmern und den Maiden das traditionelle Knoblauchbrot und einen Willkommenstrunk aufzutragen. „Die Zwölf zum Gruße, Ehrwürden …“, hob Gwidûhenna dann in freundlichem Ton zu Irmina gewandt an, „… Rondra und Travia voran. Es ist uns allen hier gleichermaßen eine Freude wie eine Ehre, Euch hier in Weidenhag begrüßen zu dürfen.“ Sie wartete ab bis die angekommenen Rondrianer bei den Willkommensgaben zugegriffen hatten. „Ich hoffe Ihr hattet eine angenehme Reise?“
Die Tresslerin hatte sich beim Knoblauchbrot zurück gehalten und ignorierte tapfer den kleinen Tumult, den ihr lebhafter Sohn anzettelte, als er – seinen neu erlangten Begriffen der ritterlichen Minnen folgend – seinem Schwesterchen ein Stück Knoblauchbrot reichte, das diese nicht haben wollte, worauf sich ein kleiner Wortwechsel entspann, den die Amme eilfertig zu unterbinden versuchte. Stattdessen neigte sie, die Schwertfaust zum rondrianischen Gruß über dem Herzen, ehrerbietig den Kopf vor der Baronin.
„Rondra und ihre hochherrlichen Geschwister zum Gruße, Wohlgeboren und seid bedankt für Eure traviagefällige Begrüßung. Die Reise war gut“, ergänzte sie und fasste Gwidûhenna ins Auge, „danke der Nachfrage. Ich habe die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und auf dem Weg einige überfällige Besuche gemacht. Bei der Familie. Ab davon seid Ihr, Hochgeboren, nicht die einzige, die die Geschehnisse im Süden umtreibt, und es ist sehr im Sinne von Orden und Kirche, dass wir diesbezüglich das Gespräch suchen.“
Gwidûhennas Blick lag einige Herzschläge lang auf den Kindern. Ein Lächeln umspielte dabei ihre edel geschwungenen Lippen und noch bevor man ihr die Abwesenheit ihrer Aufmerksamkeit als Unhöflichkeit auslegen konnte, hob die Baronin ihren Kopf und schenkte auch der Tresslerin ein freundliches Lächeln. „Was für eine glückliche Fügung, dass Ihr die Pflicht mit etwas Erfreulichem wie der Familie verbinden konntet …“, sie gab den beiden Kindern in ihrem Rücken ein einfaches Handzeichen, die daraufhin folgsam nach vorne traten und sich den Gästen schüchtern präsentierten, „… ich darf Euch die meinen vorstellen?“
Die Gugelforsterin wartete ein Nicken der Rhodensteinerin ab und deutete dann auf den groß gewachsenen, dunkelblonden Mann zu ihrer Linken. „Mein Gemahl Gorfried von Sturmfels, älteres, darpatisches, Haus …“, der Ritter hob seine Faust zum rondrianischen Kriegergruß, bevor die Baronin mit ihrer Vorstellung fortfuhr, „… und meinen Bruder Wilfred von Gugelforst …“, auch der drahtige Ritter zu ihrer Rechten grüßte die Tresslerin standesgemäß, „… sowie zwei meiner drei Kinder … Firuna und Barnhelm.“ Die beiden Sprösslinge lächelten und verbeugten sich folgsam, was Gwidûhenna ein stolzes Lächeln abrang. „Mein Ältester Travinian hat vor einigen Monden seine Pagenschaft in den fernen Nordmarken angetreten … ich denke, dass es gut ist, wenn meine Kinder in ihrer Ausbildung auch etwas anderes als die Heldentrutz kennenlernen.“
Irmina war den Worten der Baronin aufmerksam gefolgt und hatte einen jeden der Vorgestellten aufmerksam gemustert. Nun nickte sie bestätigend. „Oh ja, es ist sehr gut, wenn die Jugend ihren Horizont erweitert und auch andere Regionen und ihre Gebräuche kennenlernt. Gerne werde ich Euch meine Kinder und vor allem meine Begleiter vorstellen“, sie warf einen Blick über die Schulter, wo Luten der Amme unterdessen zu Hilfe geeilt war, „ein wenig später vielleicht, wenn mein Sohn sich wieder an seine eigentlich gute Erziehung erinnert.“ Entschuldigend lächelte sie Gwidûhenna an und überspielte gekonnt ihre Unzufriedenheit mit der Situation in ihrem Rücken.
Kannte man die Baronin nicht, wäre man über ihre gegenwärtige Plauderei verwundert gewesen, doch gab es nichts, das der Gugelforsterin über die Familie ging. „Die Sache in Garetien …“, griff sie erst jetzt wieder den Faden auf, „… eine höchst bedenkliche Sache und ich bin Euch und dem Orden für den Einsatz dankbar, uns allen in dieser Sache Klarheit verschaffen zu wollen. Es ist bitter notwendig, dass die Kirchen zu einem Bruder- und Schwesternkrieg nicht schweigen. Am Ende von Tatenlosigkeit und Schweigen stünde wohl bloß der Zweifel der Gläubigen und eine Schwächung der zwölfgöttlichen Gemeinschaft.“ Gwidûhenna wies in einer einladenden Geste auf das Gutshaus. „Doch sollten wir so ernste Dinge nicht zwischen Tür und Angel besprechen. In Travias Namen seid Ihr und Euer ganzes Gefolge an meine Tafel eingeladen.“
„Habt Dank, in Travias Namen“, erwiderte Irmina mit einem Nicken. „Wir werden sicher noch den rechten Rahmen finden, Euer Hochgeboren, um über diese Geschehnisse und die Kreise, die sie ziehen, zu sprechen. Deswegen sind wir schließlich hauptsächlich hier. Lasst mich Euch zunächst aber wenigstens meine Geschwister im Glauben vorstellen.“ Zunächst wies sie auf die Frau, die hinter ihrer rechten Schulter Aufstellung genommen hatte und dem Geschehen bisher mit ausdruckslosem Gesicht gefolgt war. „Dies hier ist Radewid Datharid von Rhodenstein, sie dient dem Orden als Kriegschronistin und kennt Garetien von einigen Reisen. Und jenes hier“, sie wies auf den jungen Geweihten hinter ihrer andere Schulter, „ist Heldar Rayamas von Rhodenstein, der einen Großteil seiner Ausbildung unter meiner Anleitung abgeleistet hat. Er möchte den Weg eines Archivars beschreiten, sobald er sich in der Welt bewiesen hat.“
Radewid war eine athletische Frau mit etwas dunklerem Tein, nichtsdestotrotz langem blonden Haar und wachen grauen Augen. Sie ging sicher schon auf die dreißig Götterläufe zu und wirkte kampferpobt sowie gelassen. Im Gegensatz dazu sah man dem schlacksigen Heldar seine Jugend deutlich an, wenngleich er sehr groß war und eine breite Brus hatte. Seine hellbraunen Haare waren kinnlang und wirkten etwas zerzaust und seine haselnußbraunen Augen huschten neugierig hier und dorthin. Als Irmina ihn vorstellte, kroch Verlegenheitsräte seinen Hals hinauf. Nichtsdestortotz spiegelte er die zackige Bewegung seiner Schwester zur Rechten, legte die Schwertfaust über sein Herz und neigte den Kopf.
„Nun würde ich Eurer Einladung gerne folgen, Hochgeboren“, erklärte Irmina mit einem aufgeräumten Lächeln.
Gwidûhenna nickte allen ihr vorgestellten Personen freundlich zu, dann ließ sie noch einmal eine einladende Handbewegung folgen und bedeutete der rondrianischen Delegation einzutreten. Einige Momente später bewegten sie sich durch das Portal des Herrenhauses hinein in die ‚Große Halle‘ des Hags. Die durch tanzendes Fackellicht erleuchteten Wände waren mit Jagdtrophäen behangen, welche einen besonderen Kontrast zu den Heiligenbildchen und Gemälden der verstorbenen Familienmitglieder an der Wand gegenüber dem Portal gaben, und somit den einen oder anderen Schluss auf die Vorlieben der Baronsfamilie zuließen.
Linker und rechter Hand befanden sich zwei große, erkaltete Kamine, die den großen Raum wohl auch im Winter wohlige Wärme bescherten. Davor standen längsseitig zwei lange Holztische- und Bänke, die gut und gerne je an die 30 Personen Platz boten. Unterhalb der Wand mit den Heiligenbildchen und den Gemälden der Familie stand, breitseitig und etwas erhöht vom Rest der Halle, eine weitere Tafel, um die herum jedoch keine einfachen Holzbänke, sondern schön gearbeitete Stühle standen.
Gwidûhenna stellte sich vor den schönsten Stuhl, der über und über mit elfisch anmutenden Schnitzereien und Symbolen verziert war und wartete dann bis jeder einzelne ihrer Gäste in die Halle eingetreten war. Irmina oblag es den Ehrenplatz zu ihrer Rechten einzunehmen, Gorfried saß zu ihrer Linken. Auch dem Rest der Delegation wurde ein Platz an der Ehrentafel zugestanden – selbst der Amme und den Kindern. Familie war Familie und Standesdünkel kannte man hier am Hag offenbar nicht. Eine Tatsache, um die vor allem die Tresslerin wusste, war der Baronsitz Weidenhags doch dafür bekannt, stets auch für einfaches Volk die Tore offen zu haben – ja vielmehr stellte eben jene Halle, in welcher sie sich gegenwärtig befanden, normalerweise das Dorfgasthaus dar und die Holzbänke an der Seite waren normal nicht leer, sondern von einfachem Volk und Reisenden besetzt. Am heutigen Tag schien man darauf jedoch zu verzichten, wohl auch aus Respekt vor den Gästen.
Während die Baronsfamilie und ihre Gäste an der Tafel Platz nahmen, wurde bereits damit begonnen einfache Erfrischungen aufzutragen. Junge Mägde und eine Novizin des Traviatempels huschten flink hin und her und zeigten, dass sie eingespielt und ihnen Situationen wie diese nicht fremd waren. So sollte es nicht lange dauern bis jeder Anwesenden einen Krug Bier, Kräutertee, Wasser oder Met in den Händen hielt und die Baronin sich wieder erhob. „Auf die Götter, Travia und Rondra ihnen voran … auf die Familie, Weiden und das Reich“, Gwidûhenna hob ihren Kelch, „Wiewohl es eine ernste Angelegenheit ist, die Euch hierher in unsere Hallen führt, freuen wir uns dennoch darüber, dass Ihr hier und heute an unserer Tafel sitzt. Möge die gütige Mutter Travia Speis, Trank und unsere Zusammenkunft segnen.“ Sie nippte an ihrem Met und setzte sich zurück auf ihren Stuhl.
Die Tresslerin tat es ihrer Gastgeberin gleich und erhob sich ebenfalls. „Seid abermals bedankt für Eure Gastfreundschaft, die wir, der Eidmutter zum Wohlgefallen, gerne annehmen. Wir haben den Weg an die praioswärtige Grenze des Herzogtums gerne auf uns genommen, ich allen voran, denn es ist ein Besuch in der Heimat. In diesem Sinne, auf die Zwölfe und auf die Menschen Weidenhags, deren gastfreundliches Willkommen unsere Herzen wärmt.“
Mit einem schnellen Blick nach links und nach rechts stellte Irmina fest, dass keine Kohleschale nahebei stand. Also verzichtete sie darauf, entsprechend guter Weidener Tradition den zweiten Schluck aus ihrem Bierkrug mit einem Gebet der Alveransleuin zu Ehren zu opfern.
Als wäre nichts gewesen, nippte sie stattdessen am Becher und setzte sich wieder. „Es ist in der Tat eine ernste und verstörende Angelegenheit, Hochgeboren und ich hoffe, es ist in Eurem Sinne, wenn wir dieses traviagefällige Beisammensein damit nicht beschweren. Ich hoffe, danach wird ausreichend Zeit sein, das Thema in kleinerem Kreis zu besprechen.“
Gwidûhenna ging da mit der Meinung Irminas d´accord und nickte ihr bestätigend zu.
Sie erhaschte einen Blick auf die beiden Rondranovizen am Ende der Tafel und musste ob deren Unbehagen darüber, dass sie bedient wurden, schmunzeln. Mit einem sachten Nicken bedeutete sie ihnen, dass das schon in Ordnung sei, ehe sie sich wieder der Baronin zuwandte. „Wie ich sehe, steht das Waidwerk hier noch immer in hohen Ehren. Wobei es mich nicht wirklich wundert“, wandte sie sich nun an den Gemahl der Baronin, „wenn ich mich recht entsinne, entstammt Ihr dem Jagdwaller Stumfels’ Zweig, nicht wahr? Jener hat von jeher begeisterte und große Jäger hervorgebracht. Die Wälder Weidenhags sind daher vermutlich ganz nach Eurem Geschmack, nicht wahr, Hochgeboren?“
Gorfried war dankbar, dass die Tresslerin ein ihm angenehmes Thema anschlug. Kriege, oder Fehden wie in diesem Fall, waren ein Terrain, auf dem sich der Sturmfelser nur mehr sehr ungern bewegte. Lange Jahre lebte er in der anarchischen Wildermark am Hofe der Baronin von Ochsenweide, sah seine Heimat in Flammen und musste harte Entscheidungen treffen, Dörfer … Menschen gegeneinander abwiegen. Immer noch war er Mitglied im Bund der Stahlherzen, ein letztes Andenken an diese Zeit, die ihn so sehr geprägt hat und die er lieber heute als morgen wieder vergessen wollen würde.
Er nickte in Irminas Richtung. „Oh ja, etwas gefährlicher als die Wälder meiner Heimat … nun ja, zumindest vor …“, er brach ab und verdrängte den Rest seiner gefassten Gedanken, „… aber auch ebenso wildreich. Wie steht Ihr zur Jagd, Ehrwürden. Vielleicht könnt Ihr ja ein bisschen Eurer wertvollen Zeit für eine gemeinsame Jagd entbehren? Soviel ich weiß hält man auch in Eurer Familie das Waidwerk in hohen Ehren.“
Die Tresslerin nickte. „Oh ja, da erinnert Ihr Euch richtig, Hochgeboren. Als Kind war ich regelmäßig auf der Pirsch. Das hat mit dem Beginn des Noviziats deutlich abgenommen und seither auch nicht wieder zugenommen.“ Ein wenig Wehmut lag in ihren Augen, als sie sich kurz ihren Erinnerungen hingab. „Ich fürchte, ich bin reichlich außer Übung, denn meine Aufgaben lassen mir nur wenig Zeit für Müßiggang und wenn denn doch einmal, weiß ich die Zeit mit der Familie zu sehr zu schätzen, um sie eintauschen zu wollen.“ Bedauernd hob sie ihre Schultern. Dann schien ihr ein Gedanke zu kommen. „Aber vielleicht möchtet Ihr Euch mit Herrn Luten Corrhenstein von Hirschenheide zusammentun?“ Sie wies auf den Hollerheider Ritter, der gerade ohnehin zu ihnen hinschaute und zu verblüfft war, dass sich die Aufmerksamkeit just auf ihn verlagerte, um wegzuschauen.
Der Weidenhager Baronsgemahl folgte dem Blick Irminas und nickte dem Ritter zu, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tresslerin.
„Er entstammt einem Geschlecht passionierter Jäger und ist Erbe eines Junkergutes, das in Bärwalde für sein Jagdrevier bekannt ist. Zudem ist er Ritter der Wahrung und hat mir darum sein Geleit für diese Reise angetragen. Sehr zu meiner Freude, denn er hat sich als große Bereicherung erwiesen.“ Irmina hob ihren Becher und prostete dem Corrhensteiner zu, der die Geste mit einem schüchternen Lächeln spiegelte.
Abermals nickte Gorfried dem Ritter zu. „Es wäre mir eine Freude hoher Herr …“, dann hob auch er sein Trinkgefäß und prostete ihm zu, „… ist Euch morgen bei Aufgang des Praiosmales genehm?“
Überrascht starrte Luten den Baronsgemahl ein paar Herzschläge an, ehe er entschieden nickte. „Aber ja, Hochgeboren“, sagte er dann. „Worauf wollt Ihr gehen, wenn ich fragen darf?“ Eine nicht unwesentliche Frage, wie auch Gorfried wußte.
Der Sturmfelser lächelte ihm schmal zu. „Sehr gut. Wir werden in Richtung Hohenforst zur Rotwildjagd aufbrechen, deshalb auch der frühe Aufbruch. Richtet Euch auch darauf ein, dass wir eine Nacht als Gäste des Junkers von Biberwald zubringen werden. Ich hoffe das ist für Euch kein Problem? So wie ich Ehrwürden verstanden habe werdet Ihr einige Zeit im Weidenhag verbringen?“
„Kein Problem“, versicherte der Corrhensteiner, „sofern Ehrwürden mich so lange aus ihren Diensten entlässt, wovon ich aber ausgehe. Es wird mir eine Freude sein, im Hohenforst zu pirschen.“ Tatsächlich hatte sich Lutens Antlitz bei der Aussicht auf einen Jagdausflug sichtbar erhellt.
„Nun denn …“, kam es erfreut aus dem Mund des Baroninnengemahls, „… wenn ihre Ehrwürden einverstanden ist, dann sei es so. Ihr könnt Euch gerne an meinen Jagdwaffen bedienen.“
Luten neigte dankbar den Kopf. „Gegebenenfalls werde ich auf Euer freundliches Angebot zurückkommen, Hochgeboren.“
***
Unterdessen brachte sich die Baronin wieder ins Gespräch ein. „Eure Nichte hat sich im Übrigen ordentlich gemacht …“, sprach sie an Irmina gewandt, „… ich habe mich erst vor wenigen Tagen mit Junker Feyenhold unterhalten und er ist hin und weg von ihrer Bedachtheit, Ruhe und Gewissenhaftigkeit. Ihr könnt stolz auf sie sein. Travienswacht ist bei den Göttern kein einfacher Boden. Der Wargenforst und dann die Zustände in der Helbrache erst.“ Gwidûhenna nippte an ihrem Kelch. „Vielleicht wird es dennoch Zeit, dass sie sich einen unterstützenden Gemahl sucht. Zwei Schwerter sind ja schließlich besser als eines.“ Der letzte Satz - obwohl dieser mehr zu sich selbst gesagt war, als in die Runde - rang der Gugelforsterin ein Lächeln ab.
Auch die Tresslerin schienen die Worte zu erheitern. Sie lächelte schief und wog den Kopf. „Möglicherweise“, antwortete sie zurückhaltend und ihr Blick verlor sich in unbestimmten Fernen. „Bislang habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Grimmberta wirkte bei unserem letzten Zusammentreffen zufrieden mit ihrer Situation. Indes habt Ihr natürlich recht, Hochgeboren, ein Gefährte an der Seite erleichtert so manches. Vielleicht ergibt es sich, dass wir darüber sprechen, wenn wir auf Travienswacht zu Gast sind.“
Eingedenk der Vorliebe Grimmbertas für die abgeschiedene Einsamkeit, die es in ihrem Lehen zu Hauf gab, hatte Irmina zwar ihre Zweifel, dass ihre Nichte die vielen Gäste sehr zu schätzen wusste, behielt sie aber für sich. Stattdessen wechselte sie das Thema.
„Ihr sagtet vorhin, Euer Sohn sei seit einiger Zeit als Page in den Nordmarken? Wie kam es dazu? Das Herzogtum ist doch sehr weit entfernt und für einen achtjährigen Knaben“, sie bedachte ihren inzwischen ruhigen und gleichaltrigen Sohn mit einem forschenden Blick, „ist es sicher eine enorme Herausforderung.“ Die grünbraunen Augen der Geweihten schweiften zu Firuna, der Zwillingsschwester des in Rede stehenden Baronets. „Und welche Pläne habt Ihr für diese junge Dame, wenn ich fragen darf?“
Gwidûhenna bedachte die Ausführungen der Tresslerin immer wieder mit einem Nicken, ließ sie jedoch aussprechen. „Travinians Knappschaft in den Nordmarken ist noch einer Abmachung meines Vaters mit dem jetzigen Schwertvater geschuldet.“ Für einen Moment kaute sie an ihrer Unterlippe. „Damals, als die Nordmärker hier in Weiden waren … um zu … helfen …“, Irmina meinte den Anflug eines Augenrollens am Antlitz der Baronin erkennen zu können, „… hatte mein Vater mit einem der hier stationierten Ritter, Reo von Herzogenfurt-Schweinsfold, die Vereinbarung geschlossen, dass sein erster Enkel die Ausbildung zum Ritter in seiner Obhut ableisten soll. Im Gegenzug sollte eines dessen Kinder, damals auch noch nicht geboren, ihre Ausbildung hier am Hag erhalten.“
Die Baronin wandte sich lächelnd um. „Arika, liebes …“, ein schlaksiges, aber hübsches Mädchen mit rotblonden Haaren, das sich hinter dem Stuhl des Bruders der Baronin aufhielt, trat vor, „… das ist Arika von Herzogenfurt-Schweinsfold, die jüngere Schwester der Baronin von Schweinsfold im Gratenfelser Becken und Knappin meines Bruders.“ Das Gratenfelser Becken war das komplette Gegenteil der Heldentrutz gewesen – fruchtbare Felder, große Städte und reiche Menschen. Die Baronie Schweinsfold alleine hatte dabei beinahe so viele Einwohner wie die gesamte Grafschaft im Schatten des Finsterkamms. Die Gugelforsterin war demnach froh dieser Abmachung nachkommen zu können, so konnte ihr Sohn und Erbe auch andere Reichsteile kennenlernen.
„Rondra zum Gruße, Ehrwürden …“, die Knappin verbeugte sich zum Gruß, was Gwidûhenna zufrieden nicken ließ, während Wilfreds Gesichts die Szenerie ausdruckslos verfolgte.
„Rondra zum Gruße, Euer Liebden“, antwortete Irmina freundlich lächelnd, wenngleich ihre Augen die junge Nordmärkerin aufmerksam musterten. Da die Baronin von Weidenhag mit ihrer Rede fortfuhr, verlagerte die Geweihte ihre Aufmerksamkeit jedoch wieder auf diese.
„Ihr Vater ist der Schwertvater meines Sohnes. Ein rondra- und praiostreuer Ritter und Junker mit makellosem Leumund.“ Kurz hing die Baronin einem Gedanken nach, fuhr jedoch nur wenige Herzschläge später fort. „Es ist nicht leicht für eine Mutter ihr Kind so früh, so weit fort zu schicken, doch war Travinian bereit dazu. Ich denke, dass es mir selbst mehr Kraft gekostet hat als ihm.“
Die Augen der Gugelforsterin hatten einen seltsamen Glanz angenommen. Sie wandte ihren Blick ab und sah einige Moment lang auf Firuna. „Meine Tochter ist da etwas anders gestrickt. Ich wollte sie erst nach Darpatien … äh die Rabenmark … zu den dortigen Verwandten schicken, aber inzwischen bin ich der Meinung, dass sie vielleicht doch in Weiden bleiben sollte. Bärwalde vielleicht, in die Heimat meiner Mutter nach Brachfelde, oder vielleicht Baliho. Ich werde mir in den nächsten Monden Gedanken darüber machen … müssen.“
Wieder schenkte die Baronin Firuna einen liebevollen Blick, dann wandte sie sich wieder der Tresslerin zu. „Wie steht es um Eure Kinder? Werdet Ihr sie in der Obhut des Ordens ausbilden lassen?“
Überrascht zog die Tresslerin die Brauen zusammen, sann einen Augenblick über die Worte Gwidûhennas nach und neigte dann unbestimmt den Kopf. „Wenn eines der beiden die Neigung zeigt, oder sogar den Ruf vernimmt: sicher. Eigentlich sind mein Gemahl und ich aber übereingekommen, bei der Ausbildung unserer Kinder vornehmlich ihren Befähigungen zu folgen. Rondrymir“, nun war es an der Geweihten, ihren hellblonden und aufgeweckten Sohn mit weichem Blick zu betrachten, „zeigt verschiedene Anlagen. Wie werden nach meiner Rückkehr nach Rhodensein besprechen, ob wir ihn in eine Pagenschaft geben, oder doch eher in eine handwerkliche Ausbildung, die der Berufung seines Vaters entspricht. Und Bärtild“, ihre kleine Tochter hielt sich eng bei ihrem Bruder und versuchte zu verbergen, wie erschöpft sie war, „ist der Göttin sei Dank, noch so klein, dass wir diese Entscheidung noch ein wenig vor uns herschieben können.“
Nun wandte sie sich wieder der Baronin zu und nickte. „Ich kann mir nämlich gut vorstellen, was die große Distanz zwischen Euch und Travinian Euch abverlangt, Hochgeboren. Und ich fürchte, eines Tages, werde auch ich mich einer solchen Herausforderung stellen müssen.“ Sie presste die Lippen aufeinander, doch nur kurz, denn dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Firuna von Gugelforst zu.
„So soll sie denn auch eine ritterliche Erziehung genießen?“, fragte sie und fuhr gleich fort. „Baliho deucht mich dafür eine hervorragende Anlaufstelle, mehr noch als Bärwalde. Es gibt dort einfach eine viel größere Anzahl an Rittern. Und angesichts der gegenwärtig wieder so lebendigen ritterlichen Kultur scheinen Pagen und Knappen aus gutem Haus dort sehr gesucht.“
Gwidûhennas Blick löste sich von der Tresslerin und lag noch einmal für einige Momente auf ihrer Tochter Firuna. Auf der Stirn der Baronin zeigte sich für einen Moment grüblerische Falten. „Wir haben sehr lange darüber nachgedacht und gemeint, dass wir es einmal mit einer Pagenschaft versuchen …“, ihr Blick ging zurück zu Irmina, „… das schadet nicht. Sie soll unter einem anderen Adeligen dienen und soviel daraus mitnehmen wie ihr möglich ist.“
Die Gugelforsterin hob ihre Schultern. „Ob dann eine Knappschaft folgen wird, oder nicht, werden wir daran festmachen, wie sie sich tut. War ja bei mir damals auch nicht anders. Mein Vater wollte mich als Ritterin sehen, gab mich in Pagenschaft zu unserem Vetter Geppert.“ Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause und wog ihr Trinkgefäß in ihrer Rechten. „Der hat mich dann auch an den Grafenhof von Ochsenwasser vermittelt, als er gemerkt hatte, dass es nicht so recht funktionierte. Bei Firuna könnte man den exakt selben Weg einschlagen.“
„Baliho dürfte jedoch nicht so einfach werden“, warf nun Gorfried von der Seite in die Diskussion ein und erntete dafür einen vielsagenden Blick seiner Frau.
„Ja …“, Gwidûhenna nickte, „… unsere Kontakte nach Baliho sind nicht die engsten. Vielleicht ließe sich mit der Baronin von Teichenberg etwas arrangieren.“ Sie wedelte kurz mit ihrer Rechten. „Darum müssen wir uns kümmern …“, die Baronin streifte ihren Gemahl mit einem Blick, „… oder könnt Ihr uns jemanden empfehlen?“
„Ich kann Euch vor allem empfehlen, in dieser Frage den Rondratempel von Baliho hinzuzuziehen. Die Schwertschwester hat einen guten Überblick über die Verhältnisse in Baliho, kann Euch sicher kompetent beraten und vor allem Kontakte herstellen. Baliho ist eine große Grafschaft, mit zahlreichen Baronien. Gerade in den südlichen Lehen residieren viele gute Familien, in deren Reihen es aufrechte Weidener Ritter gibt. Teichenberg“, Irmina schmunzelte, „ ist da doch ein vergleichsweise kleiner Flecken.“
Kurz verloren sich die Augen der Tresslerin in der Betrachtung inwendiger Gedanken, dann nickte sie sacht. „Ich kann natürlich verstehen, dass Ihr zunächst an familiäre Bande denkt. Aber ist die Ausbildung eines Kindes nicht auch eine gute Gelegenheit, neue Bande zu knüpfen, allzumal, wenn es bislang nur wenige gibt? Wenige Verbindungen sind so dauerhaft, wie die von Ausbilder zu Schüler und solche in die reichste Grafschaft des Herzogtums zu unterhalten, könnte in mancherlei Hinsicht von Vorteil sein.“
Die Baronin runzelte in Gedanken versunken ihre Stirn. Reichtum war nichts auf das sie bei der Ausbildung ihrer Kinder achtete, auch wenn sie ihrem Sohn und Erben diese in einer der wohlhabendsten Gegenden des Mittelreichs angedeihen ließ. Die gelebten Werte waren ihr wichtiger. Der Leumund sollte unbefleckt sein und der Schwertvater oder die Schwertmutter sollte sich durch einen frommen Lebenswandel und götterfürchtiges Handeln auszeichnen. Ob dies nun zuvorderst im Sinne der Travia, der Rondra oder des Praios sein mochte, hatte in diesem Zusammenhang nicht die oberste Priorität. Die Gugelforster selbst waren ein eher bescheiden situiertes Geschlecht und es fehlte ihnen dahingehend auch der Ehrgeiz dies zu ändern.
„Ich danke Euch für den Hinweis, Ehrwürden …“, antwortete sie dann freundlich lächelnd, „… wir werden den Tempel in dieser Sache konsultieren. Könnte vielleicht wirklich eine gute Lösung sein.“ Mit einem Seitenblick bedachte die Baronin einen groß gewachsenen, schlaksigen Mann, der daraufhin bloß bestätigend nickte. „Und nun hoffe ich, dass Ihr Hunger habt.“
„Oh ja, durchaus“, bestätigte Irmina und wie auf ein Stichwort hin begannen die Mägde aufzutragen. Es wurden dabei ausnahmslos regionale Gerichte serviert – vom Wildbret aus den Weidenhager Wäldern, über schwarze Hasenblutsuppe, gesalzenen Schafkäse – hier Brimsen genannt – bis hin zu einfachem, bäuerlichem Hirsebrei.