Diese eine, leidige Sache

Dramatis Personae:

Grünes Skriptorium, Burg Rhodenstein in der Baronie Hollerheide, Mitte Peraine 1043 BF

Stille erfüllte das Grüne Skriptorium, einzig durchbrochen vom gelegentlichen Kratzen einer Feder, oder dem Knarren einer Diele, wenn einer der Geweihten sein Gewicht verlagerte. Es war früher Vormittag und mithin die Zeit mit dem besten Licht des Tages. Irmina Vermias von Rhodenstein atmete zufrieden ein, ließ ihren Blick über die gebeugten Rücken ihrer Brüder und Schwestern schweifen, hin zum Kamin, in dem – hinter einem schweren, schmiedeeisernen Gitter – ein munteres Feuer loderte. Es war kalt auf dem Rhodenstein. Auch in diesem Schreibsaal war es kalt. Doch das Feuer sorgte wenigstens für ein wenig Wärme. Oder eher: etwas weniger Kälte.

Gerade wollte die Tresslerin sich wieder ihrer Arbeit zuwenden, und dem fein gemahlenen Edelsteinstaub Öl sowie andere Bindemittel beifügen, um die Farben zu mischen, die sie zu benutzen gedachte, da klopfte es an der Tür zur Grünen Bibliothek. Alle hielten inne und blickten dorthin, denn es war durchaus ungewöhnlich, dass ein Eintretender klopfte. So ehrfurchtgebietend das Skriptorium mit seinen Regalen voller Bücher und zahlreichen Stehpulten mit offenen Folios und Folianthen war, es war vor allem ein Arbeitsraum. Das war dem Klopfenden wohl auch eingefallen, denn just öffnete sich die ohnehin nur angelehnte Tür und Hebzibah Myralcor di Al'Muktur trat hindurch.

Die Siegelmeisterin bewegte sich vorsichtig und hielt sich etwas steif, wie Irmina nicht entging. Sofort verkorkte sie das Ölfläschchen und schob das Tablett mit den Staubschälchen zurück in den zugehörigen Kasten. Ein schneller Seitenblick verriet ihr, dass die übrigen Chronisten und Archivare sich wieder ihrer Arbeit widmeten und es keiner Mahnung bedurfte. Also nickte sie der almadanischen Schwester lächelnd zu und wies mit der Hand in die Richtung, aus der diese gerade gekommen war.

Der Schreibtisch der Tresslerin war in der angrenzenden Bibliothek. Ebenso zwei Stühle und Irmina gedachte nicht, Hebzibah mit ihren Rückenschmerzen stehen zu lassen. Zusammen mit ihrem „Gast“ setzte sie sich also vor den eigenen Schreibtisch und blickte neugierig auf das gefaltete Pergament in Hebzibahs Händen. „Womit kann ich behilflich sein“, fragte sie zuvorkommend.

„Nun“, ein lautloses Lachen begleitete dieses eine Wort und, wie Irmina nicht umhin konnte, zu bemerken, trug es ein gewisses Maß an Ratlosigkeit in sich, „ich hoffe, das kannst du tatsächlich, Irmina. Es ist wieder diese leidige Sache“, sagte die Stellvertreterin der Erzkanzlerin. Hebzibah rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl herum.

„Die Garetische Fehde?“, hakte die Tresslerin nach.

„Jawohl, oder vielmehr ihr vorgeblicher Anlass. Auch das: wie befürchtet. Die Berichte unserer Chronisten sind noch lückenhaft und wenn es um eine so delikate Sache geht, traue ich nur unseren eigenen Quellen.“

„Aus gutem Grund“, brummte Irmina. „Doch bis wir Kunde von den unseren haben, verlassen wir uns auf das, was wir ohnehin wissen und verinnerlicht haben. Auf diese Weise können wir nicht fehlgehen, habe ich recht?“

Hebzibah nickte. „Sicher. Die Lehen der Herrin sind ein Fundament, auf dem wir alle sicher wandeln. Auch darum bin ich zu dir gekommen, Schwester. Dies hier ist ein Brief der Baronin von Weidenhag. Sie erbittet unseren Rat. Nein, eigentlich hat sie ihr Urteil schon bei der Hand, es klingt eher zwischen den Zeilen, dass sie eine Bestätigung ihrer Sichtweise erhofft. Zumindest aber Antworten und spirituelle Führung.“

„Gwidûhenna von Gugelforst?“ hakte Irmina überrascht nach. „Das ist in der Tat eine Überraschung. Bislang hat sie sich nicht gerade durch einen innigen Rondraglauben hervorgetan. Wie erfreulich, dass sie nun unseren Rat sucht.“

„Das finden wir, der Abtmarschall und ich, auch und wir denken, dass wir in diesem speziellen Fall nicht nur einen Brief schreiben, sondern Präsenz zeigen sollten. Allein, um ganz sicher zu gehen, dass wir jeden Zweifel ausräumen konnten. Wenngleich in diesem Brief natürlich auch viel eigene Meinung und vor allem Treue zum Reich mitschwingt.“

Die Tresslerin runzelte die Stirn, doch ihr Gegenüber überging dies mit einer galanten Geste. „Du wirst es gleich verstehen, wenn du den Brief liest. Ich habe überlegt, ob es nicht eine gute Gelegenheit für dich wäre, der Heimat einmal wieder einen Besuch abzustatten. Wie lange ist es her, dass du in Weidenhag warst, hm?“

Irmina runzelte die Stirn. „Eine Weile, es ist ja nicht gerade um die Ecke und …“

„Das stimmt“, fiel die Siegelmeisterin ihr ins Wort, „und wir wissen, wie unabkömmlich du hier eigentlich bist. Dennoch glauben wir, dass es in diesem speziellen Fall gut wäre, wenn du reisen würdest. Mit den Kindern vielleicht? Vermutlich triffst du von uns allen am ehesten die Tonlage, mit der du ihre Hochgeboren erreichen und ihren Zweifeln begegnen kannst.“

„Von Mutter zu Mutter, meinst du?“ Irmina hob die Brauen. „Unterschätze die Baronin nicht. Sie wurde in Darpatien ausgebildet und diente dort in der Kanzlei der Grafschaft Ochsenwasser. Das ist ein weit tückischeres Pflaster als die hiesigen Grafschaften, Baliho vielleicht einmal außen vor.“

„Das ist uns wohlbekannt. Aber du stammst aus Weidenhag und ja, du bist Mutter. Das sind beides verbindende Aspekte, auch im Hinblick auf unser weiteres Anliegen.“ Hebzibah seufzte. „Schau, du scheinst uns am besten für diese Aufgabe geeignet. Du kennst dich im Süden der Heldentrutz aus, man kennt dich dort, du hast Freunde, Verwandte. Nutze deine Reise so gut wie möglich, unsere Sicht der Vorgänge zu verbreiten, Antworten zu geben, Zweifel zu zerstreuen. Das fällt leichter, je offener die Herzen sind, meinst du nicht?“

„Doch, natürlich. Es ist einsichtig.“ Irmina seufzte. „Ich nehme an, ich soll weder alleine, noch unauffällig reisen?“

Hebzibah schüttelte lächelnd den Kopf. „Du wirst reisen, wie es sich für die Tresslerin des Ordens zur Wahrung gehört. Außerdem werden dich deine Kinder begleiten, ausreichender Schutz ist also angebracht. Wie es aussieht, wird dich auch ein Ritter der Wahrung begleiten.“

„Und wann?“

„Morgen, Schwester, also eile dich, es deinem Gemahl zu erklären. Derweil schicke ich einen Boten, der ihrer Hochgeboren deine baldige Ankunft ankündigt.“