Von Bürgerkrieg und persönlichen Eitelkeiten

Dramatis Personae:

Der Hag, Baronie Weidenhag, Anfang Peraine 1043 BF

Travine folgte dem Knaben mit der Öllaterne durch die Flure des Hags.. Unter ihr knarrte der Holzboden, durch die Fenster erhellte immer wieder das Licht weit entfernter Blitze die sonst durch vollende Dunkelheit durchdrungenen Räumlichkeiten und warfen so manchen bedrohlich wirkenden Schatten. Das stets darauf folgende Donnergrollen zerriss die sonst so friedliche Stille der Nacht. Die alternde Hochgeweihte der Travia maß all dem jedoch keine besondere Beachtung zu. In ihrem, durch die kurze Nacht immer noch schweren Kopf kreisten die Gedanken, was ihre Nichte wohl dazu bewogen haben konnte sie mitten in der Nacht zu sich zu rufen. Angst und Neugier hielten sich dabei die Waage - war etwas mit den Kindern oder den Menschen der Baronie passiert? Drohte Unheil? Oder suchte sie bloß einen Weg um mit ihr ein vertrauliches Gespräch zu führen. Es war selten, dass die Baronin sich ihr gegenüber im Vertrauen öffnete.

Vor dem Arbeitszimmer angekommen wies der junge Mann auf die schwere Eichentür. Auch ihm stand sichtlich der Schlaf in den Augen und auch ihm war anzumerken, dass die Pflicht ihn wohl aus überraschend aus Boron Armen riss. Travine blickte an sich herab. Sie war notdürftig in eine einfache Wolltunika und Stiefel geschlüpft. Kurz lächelte sie. Auch wenn Geweihte der Eidmutter nicht viel auf ihr äußerliches Erscheinungsbild gaben, war sie noch nie in so einem erbärmlichen Aufzug zu einer Audienz erschienen.

Auch das Arbeitszimmer selbst war nur sehr schwach beleuchtet. Kerzen und Lampenöl waren hierzulande selbst für Barone Güter des Luxus und wurden sparsam eingesetzt. Dennoch fiel es der Geweihten nicht schwer sogleich ihre Nichte auszumachen. Gwidûhenna von Gugelforst saß an ihrem Arbeitstisch hinter einem Kandelaber, der der Arbeitsfläche ausreichend Beleuchtung spendete. Auch ihre Aufmachung unterscheidete sich von jenem Aufzug, den man sonst von ihr gewohnt war; statt einem teuren Kleid war sie in einen einfachen Mantel gewandet und ihre sonst stets perfekt frisierten und in Form gebrachten schwarzen Locken fielen wirr und zerzaust an ihr herab. Ihrer weithin gerühmten Schönheit tat dies jedoch keinen Abbruch.

“Tante”, Gwidûhenna erhob sich ehrerbietend aus ihrem Sessel, als sie die Ankunft der Hochgeweihten bemerkte und ihre Stimme konnte ebenso wenig wie ihr Anblick verhehlen, dass es auch für die Herrin der Weidenhager Lande eine kurze Nacht gewesen sein musste. “Bitte setze dich.”

Travine kam der Aufforderung gerne nach und versuchte in den folgenden Momenten aus dem Antlitz ihres Gegenübers deren Beweggründe für dieses nächtliche Treffen zu lesen. “Henna, meine Liebe …”, sie ließ sich in den ihr dargebotenen Stuhl fallen, “... du wolltest mich sprechen? Stimmt etwas nicht?”

Als Antwort folgte ein Lächeln. Die Traviageweihte kannte ihre Nichte und wusste deshalb, dass sie sich zwar Mühe gab, das Lächeln jedoch dennoch aufgesetzt war.

“Ist etwas mit den Kindern?”, setzte Travine deshalb besorgt nach. Sie wusste, dass ihr ältester Travinian gerade seine Pagenschaft in den weit entfernten Nordmarken angetreten hatte und es Gwidûhenna schwer fiel, ihn in diesem jungen Alter so weit fort zu schicken. “Ist es wegen Travinian?”, fragte die Geweihte demnach weiter. Die Baronin war eine liebevolle Mutter mit einem starken Band zu ihren Kindern. Vielleicht war es ja bloß Sorge und der Wunsch sich mit einer anderen Mutter darüber auszutauschen.

“Tante, können sich die Götter in ihrem Wesen verändern..?”, die Frage der Baronin sollte die Geweihte harsch aus ihren Gedanken reißen.

“Kind nein, wie kommst du denn auf sowas?” Sie hatte mit viel gerechnet, aber nicht mit so einer Frage.

Als Antwort folgte ein bitteres Lächeln. “Damals als Mutter starb war es für mich einfach meine Zelte in Rommilys abzubrechen um zurück nach Weiden zu kommen und das obwohl seine kaiserliche Hoheit, der Graf von Ochsenwasser und Kanzler Hirschfurten mich nicht gehen lassen wollten …”, abermals folgte ein bitteres Lächeln, “... ich hätte noch ein paar Jahre in der Kanzlei der Grafschaft dienen sollen und dann hätte man über einen Wechsel in eine der Reichskanzleien sprechen können, meinten sie.” Kurz stoppte die Baronin und blickte zum Fenster hinaus. In der Ferne erhellte ein Blitz das Land, gefolgt von einem Donnergrollen. “Man hat mir eine große Zukunft in der Politik vorhergesagt und ich hatte mit seiner Hoheit auch einen Förderer, der mich leicht in höheren Kreisen hätte unterbringen können. Ja, wo der Weg für mich hätte hinführen können zeigt meine damalige Kollegin Beergard, die heute Kanzlerin der jungen Rommilyser Markgräfin ist.”

Die Geweihte hörte ihrer Nichte aufmerksam zu, konnte ihrem Gedankengang jedoch nicht ganz folgen. Wie kam sie von den Göttern zu ihrer Vergangenheit am Grafenhof zu Ochsenwasser? Im Grunde genommen hatte sie jedoch recht, Gwidûhenna war eine Diplomatin und Politikerin. Man konnte die Handschrift Barnhelm von Rabenmunds in ihrer Ausbildung ganz deutlich erkennen. Auch den Sinn für die Kunst hatte sie von ihm übernommen. Nun saß sie auf einem Baronsthron in der Heldentrutz, wo man wohl eine Ritterin auf ihrem Platz erwartet hätte. “Worauf willst du denn hinaus, Liebes?”

“Weißt du warum es mir dennoch so leicht fiel?”, antwortete die Baronin mit einer Gegenfrage, sollte ihrer Tante jedoch keine Möglichkeit geben um zu antworten. “Weil es mir an persönlichen Eitelkeiten fehlt.” Abermals zerriss Donnergrollen die Stille der Nacht. “Als Mutter starb wusste ich, dass Vater mit den meisten Pflichten als Baron überfordert sein würde. Er war ein strahlender Ritter, einer der bereit war für seine Schutzbefohlenen im Kampf zu sterben, doch war er kein Regent. Er konnte doch noch nicht einmal anständig lesen. Das war Mutters Aufgabe, das wissen wir beide.”

Travine nickte zustimmend.

“Ich wurde hier gebraucht. Nicht nur von Vater, sondern auch von den Menschen in der Baronie. Deshalb kam ich zurück, ließ alles hinter mir und übernahm die Verwaltungsarbeit des Lehens.” Gwidûhenna strich sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht. “Wir sind Adelige, wurden von den Göttern über den Rest der Menschen erhoben, doch dennoch sind wir bloß Diener - Diener der Götter und auch Diener unserer Schutzbefohlenen. Viele meiner Standesgenossen scheinen diese Tatsache nicht so recht verinnerlicht zu haben.” Die Baronin zog ihre Augenbrauen zusammen. “Denkst du es war meinem Ansehen zuträglich den Welkensteinern einen Teil ihrer Länder zurückzugeben? Und das noch dazu kurz nachdem sie versucht haben einen Krieg mit mir vom Zaun zu brechen?” Sie schüttelte energisch den Kopf. “Nein, dieses Vorgehen wurde mir vielerorts als Schwäche ausgelegt.”

“Es war das richtig so …”, warf Travine ein, “... die Alternative wäre Leid gewesen. Und du hast es mit Feyenhold doch gut gelöst, indem du ihn im Gegenzug hier am Hof hast ausbilden lassen. Eine doppelte Handreichung sozusagen und du hast dafür gesorgt, dass der Junge dir gewogen ist und nicht auf dumme Gedanken kommt.”

Gwidûhenna nickte. “Auch als ich die Herzogin bekniet hatte die Grafschaften Heldentrutz und Bärwalde für den Haffax-Feldzug aus der Waffenfolge auszunehmen war das meinem Ansehen nicht unbedingt zuträglich. Nicht wenige haben darüber den Kopf geschüttelt und auf die Tatsache hingewiesen, dass ich keine Ausbildung an der Waffe genossen hatte und es deswegen nicht besser wüsste. Ja, ich habe selbst Stimmen vernommen, die meinten, dass mein Bruder wohl eine bessere Wahl auf dem Baronsthron einer Heldentrutzer Baronie sei.”

Travine seufzte leicht, sollte jedoch nicht zu Wort kommen.

“Es waren nämlich nicht wenige, die beim Ruf der Kaiserin darauf vergaßen, dass wir hier in Weiden eine ebenso wichtige Wacht zu halten haben.” Die Baronin rollte mit ihren Augen. “Der Ruf nach Ruhm und Ehre mag in vielen Fällen verlockender sein als der Alltag. Und genau da wären wir wieder beim Problem …”

“... der persönlichen Eitelkeit”, ergänzte die Geweihte schmal lächelnd.

“Genau so ist es”, nickte Gwidûhenna knapp. “Besonders bedrohlich wird es jedoch wenn Menschen die Götter wie Standarten vor ihren eigenen Befindlichkeiten und Eitelkeiten voran tragen und deshalb auch die Frage, die ich dir eingangs gestellt hatte, liebe Tante. Können Götter sich verändern?”

Die Hand der Götterdienerin ging unterbewusst zu ihrem hölzernen Gänseamulett. “Was für ein seltsamer Gedanke. Natürlich nicht, Kind.”

Die Baronin nickte zufrieden. “Das denke ich nämlich auch.” Kurz hielt sie ein paar Papiere hoch und platzierte sie dann so auf dem Tisch, dass auch Travine davon lesen konnte. “Vetter Ademar aus Waldstein hat mir vor einigen Tagen geschrieben. Nachdem ich mir von einigen Reisenden habe erzählen lassen, dass das Herz des Reiches von einer großen Fehde heimgesucht wird, habe ich ihm schreiben lassen.” Sie tippte auf den Tisch. “Das ist seine Antwort.”

Travine musste schlucken. Sie hatte von den Kampfhandlungen gehört. Meist von besorgten Reisenden, die bei ihr im Tempel um ein Gespräch gesucht hatten.

“Ich hatte keine Ahnung welche Ausmaße das dort bereits angenommen hat …”, ein Flüstern der Baronin brach die Stille zwischen den beiden Frauen, “... das Wort Fehde spottet inzwischen jeder Beschreibung.” Wieder erhellte das Licht eines Blitzes das Arbeitszimmer der Baronin. “Laut diesem Bericht gibt es wo man nur hinsieht Kampf, Blut und willkürliche Entlehnungen, gefolgt von ebenso fragwürdigen Belehnungen. Es regiert das Chaos, Menschen sterben in einem unsinnigen Krieg … und warum?”

Die Geweihte hob sichtlich betroffen ihre Schultern.

“Weil es Rondra angeblich so will …” Wie als Antwort schnalzte abermals ein greller Blitz über den Nachthimmel, gefolgt von einem dumpfen Donnergrollen. “Rondra!”, die Stimme der Baronin war nun erregter als zuvor. “Ich bin keine Ritterin, Tante, aber ich war Zeit meines Lebens stets von Rittern umgeben. Von frommen Männern und Frauen, die die Gebote der Löwin schon mit ihrer Muttermilch aufgesogen hatten.” Gwidûhenna schüttelte den Kopf, nahm abermals den Bericht in ihre Hände und fuchtelte damit zornig in der Luft herum. “Nein Tante, selbst ICH weiß, dass DAS nicht Rondra ist. Ein Königreich, das im Blut ersäuft - ein Königreich, indem das Chaos und Anarchie herrschen kann nicht der Wille der guten Götter sein…”

“Kind…”, versuchte Travine ihre Nichte zu beruhigen.

“Gibt es denn keine Opposition gegen diesen Wahnsinn? Die Kirche des Praios zum Beispiel? Und wie sieht es mit der Kaiserin aus, immerhin auch Königin Garetiens?” Rage hatte sich der sonst so bedacht agierenden Baronin bemächtigt.

“Kind …”, abermals startete die Geweihte einen Versuch, “... es gab ein Orakel. Sowohl des Praios als auch der Rondra. Es steht uns nicht zu, deren Worte zu deuten.”

Die Weidenhager Baronin presste ihre Lippen zusammen, gab nach einigen Herzschlägen jedoch nach und ließ ihrem Zorn weiter freien Lauf. “Orkendreck … laut Ademar war der Wille Rondras nicht eindeutig. Es gab allem Anschein nach ein Duell zwischen Vertretern der Grafschaften Hartsteen und Reichsforst, das keine Entscheidung brachte.. Welche Tochter des Wahnsinns kommt daraufhin auf die Idee, dass dies für alle fünf Grafschaften ein Aufruf zum Blutvergießen sei?”

“Henna … du vergisst dich!” Auch Travines Wangen waren nun etwas gerötet.

“Vielleicht bedeutete es genau das Gegenteil … und das Jahresorakel des Praios war lediglich als Warnung vor solcherlei Torheiten zu verstehen.” Die Baronin riss sich nun sichtlich wieder etwas am Riemen. “Warum überlassen wir den Garetiern die Deutungshoheit. Dieser Bürgerkrieg ist schon längst nicht mehr bloß eine Garether Sache?”

Travine zuckte kurz mit einem ihrer Mundwinkel.

“Genau aus diesem Grund habe ich heute Botschaften zum Rhodenstein und nach Reichsend schicken lassen, genauso wie nach Anderath zu Hochwürden Heliopais. Ich hatte gehofft, dass du in dieser Sache für die Kirche der Eidmutter sprechen könntest.”

Die Augenbrauen der Angesprochenen wanderten nach oben. “Ist es denn die Aufgabe der Geweihtenschaft der Gütigen den Willen anderer Götter zu deuten? Ich bin mir sicher, dass meine Brüder und Schwestern, so gut es ihnen möglich ist, gegen das entstandene Leid zu kämpfen. Was erwartest du dir dadurch?”

Gwidûehnna nickte ihr knapp zu. “Ich will es … verstehen. Vor nicht allzulanger Zeit wurde mir zugetragen, dass die Reichsprovinzen des Kämpfens müde seien. Dass wir sie mit Weidener Problemen die Orks betreffend nicht behelligen sollen. Ein ziemlich rasanter Gesinnungswandel im Herzen des Reiches, meinst du nicht auch?”

Als Antwort folgte ein leichtes Nicken.

“Oder es ist einfach nur ein Ausdruck von Fadesse und Unterforderung.. Eine Möglichkeit für Kriegstreiber ihre persönlichen Eitelkeiten auszuleben und ein uneindeutiges Orakel war dafür bloß eine willkommene Begründung dafür. Wir werden sehen.” Die Baronin erhob sich abermals aus ihrem Stuhl. “Nun denn, ich habe dich lange genug aus deinem Bett ferngehalten …”, nun stahl sich erstmals an diesem Abend ein ehrliches Lächeln auf die Züge der Herrin Weidenhags, “... schlaf gut, Tante und vielen Dank für deine Zeit.”

Travine wandelte noch einige Zeit durch die Gänge des Baronssitzes. An Schlaf war für sie am heutigen Abend sowieso nicht mehr zu denken. Ja, sie würde das Zwiegespräch mit ihrer Göttin suchen - Gwidûhenna hatte recht, ein Bürgerkrieg im Reich war eine Sache aller, die etwas auf Ordnung und Frömmigkeit gegenüber den Göttern und ihrer Gebote gaben. Ihr Blick ging zum Fenster hinaus, wo das Gewitter sie nun erreicht hatte und Travine sich dabei erwischte, sinnsuchend aus den zuckenden Blicken zu lesen.