Ein besorgter Brief

Gegeben zu Weidenhag am 6. Tage des Mondes Peraine, 1043 nach dem Fall des hunderttürmigen Bosparans

Zu Händen Ihrer Exzellenz Sariya Fulmiar von Donnerbach, Erzkanzlerin des Heiligen Ordens zur Wahrung aller Schriften und Taten zu Ehren Unserer Frauwen und Göttin Rondra zu Rhodenstein


Euer Exzellenz!

Mit einem hohen Maß an Besorgnis wende ich mich mit diesem Schreiben an Eure Person. Als einfache Gläubige und nicht als Baronin der Weidenhager Lande, doch dennoch meine ich mit diesen Zeilen für viele andere Glaubensbrüder und -schwestern zu sprechen.

Vor einigen Praiosläufen hat mich besorgniserregende und verstörende Kunde aus dem Herzen unseres Reiches erreicht. Nachdem ich erfahren habe, dass die Lande Garetiens von einem verheerenden Fehde heimgesucht werden bat ich meinen Waldsteiner Vetter um seine Einschätzung der Lage vor Ort. Was er mir nun schriftlich berichtete, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Die Bezeichnung ´Fehde´ spottet demnach jeder Beschreibung. Alle fünf Grafschaften beteiligen sich an Kampfhandlungen und inzwischen sind große Teile der Kaisermark, sowie der Grafschaften Hartsteen, Reichsforst und Schlund verheert. Unvorstellbares Leid wird den Menschen vor Ort zugemutet und das obwohl die Kaiserin des Reiches Rauls des Großen und Königin von Garetien schon früh zu einer Schlichtung des Streits aufgerufen hatte.

Anfangs, so mein Vetter in seinem Schrieb, beschränkte sich diese ´Fehde´ lediglich auf kleinere Scharmützel auf Turneien zwischen den Grafschaften Reichsforst und Hartsteen. Allem Anschein nach wurde der neue Graf von Hartsteen gegenüber Reichsforst vertragsbrüchig. Die Kaiserin lud zu einem Mutter Rondra gefälligen Göttinnenurteil ins Kloster von Leuenfried. Im Beisein einer Laiendienerin, in Person der Hochverräterin Invher ni Bennain, traten sich Kombattanten beider Grafschaften gegenüber. Das Duell sollte jedoch keine Entscheidung bringen. Nach einem Kampf auf Augenhöhe verschmolzen die Waffen beider Kontrahenten miteinander. Ein Fingerzeig der Göttin, der von der Anwesenden Laiendienerin als Rondras Wille zum Blutvergießen gedeutet wurde.

Es sollte nach diesem Schiedspruch nicht lange dauern bis die ersten größeren Kampfhandlungen begannen. Doch waren es nicht etwa Hartsteener oder Reichsforster Ritter, die einen Erstschlag auf die jeweils andere Fehdepartei führten, sondern Truppen des Schlund und der Kaisermark. Was folgte war ein Flächenbrand, der sich über das gesamte Königreich ausbreitete.

Nun steht es mir nicht zu darüber zu urteilen warum die Deutung eines so bedeutenden Fingerzeigs Mutter Rondras einer Laiendienerin oblag, wo es im Königreich und den angrenzenden Provinzen befähigtere Männer und Frauen gäbe. Ja ich komme nicht umhin zu bemerken, dass es wohl selbst im Kloster Leuenfried geeignetere Alternativen gegeben hätte. Noch weniger steht es mir zu den Willen der Rondra zu deuten, dennoch seht Ihr in mir eine zutiefst verunsicherte und verwirrte Gläubige. Deshalb bitte ich Euch, in Vertretung für den Schwertbund, zu einer Stellungnahme betreffend dieser Vorkommnisse.

Es kann nicht der Wille Mutter Rondras sein, dass ein Königreich bewohnt von rechtgläubigen, braven Menschen in Blut und Elend versinkt - wegen eines Vertragbruchs zwischen zweier Grafenhäuser.

Die Zwölfe in ihrer unendlichen Weisheit und Güte mit Euch,
Rondra und Travia Ihnen voran!

gez. Gwidûhenna Dythlind Traviata von Gugelforst,
Baronin von Weidenhag, Hzgl. Landedle zu Südhag