Unerwartete Verbindungen
Dramatis Personae:
- Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
- Radewid Datharid von Rhodenstein (Geweihte der Rondra, Kriegschronistin des Ordens)
- Heldar Rayamas von Rhodenstein (junger Geweihter der Rondra)
- Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
Der Hag, Peraine, Dorf Weidenhag 1043 BF
Am Abend des Folgetages gesellten sich Heldar und Irmina noch einmal zur Baronin. Radewid hatte den Hag bereits verlassen und die Weiterreise angetreten.
In den großen Händen des jungen Geweihten wirkte das zerfledderte Vademecum, zwischen dessen Seiten zahlreiche farbige Stoffbänder hervorragten, nachgerade winzig. Streifen groben Leinens waren am Buchrücken aufgeklebt worden, wohl um es halbwegs in Form zu halten und der Buchdeckel wirkte mehr als fadenscheinig.
„Ohje“, seufzte die Tresslerin und trug dabei einen Gesichtsausdruck, als betrachte sie ein bedauernswertes und verletztes Lebewesen, „das sollte sich mein Holder aber mal ansehen, Junge. Ehe es ganz aus dem Leim geht.“
„Dachte ich auch schon, Ehrwür’n. Aber ich hab’s erstmal repariert.“ Ein wenig verschämt bot er es ihrer Gastgeberin an. „Bitte sehr, Hochgeboren. Das rote Band markiert das Kapitel, von dem ich sprach. Die Balihoer Baronshäuser, anno 996 BF.“
Ohne viel Federlesen nahm Gwidûhenna das Buch und begann, sich darin zu vertiefen. Die Baronin war eine schnelle Leserin mit einer bemerkenswerten Intelligenz und Auffassungsgabe und somit sollte es nicht lange dauern bis sie ihre Augenbrauen nach oben schnellen ließ. „Hölderlingen …“, murmelte sie und kratzte sich am Kinn, „… seltsam …“, immer noch schien es so als spräche Gwidûhenna mehr zu sich selbst als an die Geweihten gewandt. Auf deren fragende Blicke hin, führte sie näher aus. „In meiner Zeit in Rommilys habe ich von einem entfernten Vetter eine Geschichte über ihre Hochgeboren Emegunde gehört. Sie kämpften gemeinsam gegen Borbarads Horden und er war allem Anschein nach so beeindruckt vom Mut und der Kampfkraft der damaligen Baroness, dass er ihr in Aussicht stellte, einen Sohn oder eine Tochter seiner Familie von ihr ausbilden zu lassen.“
Derweil Heldar konzentriert die Stirn runzelte, trug Irmina ihr Erstaunen sichtbar im Antlitz. „Ist das so?“, fragte sie leise.
Die schlanken Finger der Baronin strichen sanft über die aufgeschlagene Seite. Sie schien in Gedanken versunken. „Leider starb besagter Vetter kinderlos … dennoch … in meiner Familie stehen wir stets zu unseren Versprechen und wenn einer von uns aus letalen Gründen nicht mehr dazu in der Lage ist es einzuhalten, dann ist es eine Ehre für den nächsten dies an seiner oder ihrer statt zu tun.“
Ihr Blick löste sich vom Buch und lag nur Herzschläge später wieder auf der Tresslerin. „Was könnt Ihr mir denn über die Baronin erzählen, Ehrwürden. Sie ist Laienritterin im Orden zur Wahrung, wenn ich recht informiert bin?“ Gwidûhenna hatte auch schon mehr über die Baronin von Rotenwasser gehört – zuvorderst natürlich über den Strauß, den sie mit der Kirche der Gütigen ausfocht – doch würde sie die Meinung einer ihrer Ordensschwestern interessieren.
Diese nickte. Ihr Blick schien nach innen gewandt und es dauerte einige Herzschläge, ehe sie antwortete. „Ich habe die jetzige Baronin noch in ihrer Zeit auf Trans Aquae kennen gelernt. Sie diente dort als Akoluthin und lebte nur anfangs auf der Burg. Nach ihrer Eheschließung mit einem“, zweifelnd hob sie die Augenbrauen, „nun, ich glaube, einem Ritter aus Perainenstein. Danach lebte sie mit ihrer Familie zu Füßen der Burg. Ich habe sie vor allem als ruhige, verschlossene Frau erlebt, aber das will nichts heißen, immerhin kann ich unsere Treffen an einer Hand abzählen und dann war sie auch weniger agierend. Ihre Erhebung zur Baronin hat viele im Orden überrascht, nur wenig hätten wohl mit einer Versöhnung ausgerechnet im Hause Hölderlingen gerechnet. Bislang scheint sie ihre Sache ganz gut zu machen und ich glaube, sie kann zu den Baroninnen gezählt werden, die die Balihoer Gräfin weitgehend unterstützt. Ihre Kinder hat sie recht klug untergebracht, wie ich hörte. Die Erbin beim Vogt von Perainenstein und den Knaben …“ Irmina hob ergeben die Schultern, „… das ist mir entfallen, aber es war auch keine ungünstige Verbindung.“
Fragend blickte sie ihren Schwertsohn an. „Oh, ich weiß auch nicht, wo ihr Sohn in Knappenschaft ist. Aber ich weiß, dass Hochgeboren Emegunde einen Rondratempel in Rössenwede, dem Hauptort von Rotenwasser, bauen lässt. Als Grablege der Familie und um die beträchtliche Schriftensammlung ihres Vaters unterzubringen. Sie ist eine sehr gläubige Frau, müsst Ihr wissen, Hochgeboren“, ergänzte er beinahe etwas gewichtig.
Was die Baronin mit einem zufriedenen Nicken quittierte, ihren Gästen dann jedoch mit einer Handgeste bedeutete fortzufahren.
„Wohl wahr, allerdings scheint sie in gewissen Punkten ganz der Linie ihrer Familie zu folgen. Denn sie gilt als selbstbewusste Adlige, die es vor allem mit den Göttern des Adels hält und einen persönlichen Groll gegen die Traviakirche zu hegen scheint. Allerdings ist das nun wirklich etwas, was ich nur durch Hörensagen weiß. Es kann also auch Geschwätz sein.“
Kurz biss sich Gwidûhenna in die Unterlippe. „Ja, von jenem Groll habe ich auch schon gehört …“, meinte sie in nüchternem Ton, „… es ist schwer solcherlei Geräusche hier auf dem Hof nicht zu vernehmen. Mein Haus steht der Gütigen sehr nahe und meine Tante ist die Hochgeweihte des hiesigen Tempels.“ Die Baronin zwang sich zu einem Lächeln. „Aber dennoch werde ich die Baronin nicht alleine daran bewerten. Ihre von Euch attestierte Frömmigkeit ist ein sehr hohes Gut und auch mein Erstgeborener erhält seine Ausbildung von einem Mann, der Rondra und Praios in höheren Ehren hält.“ Kurz sann die Gugelforsterin einem Gedanken nach. „Die Frage, die sich mir stellt ist, ob ihre Hochgeboren denn überhaupt einer dahingehenden Verbindung zu meiner Familie gegenüber offen wäre. Seit Eslamsbrück hat sich allem Anschein nach vieles geändert.“
Irmina nickte. „Sehr vieles. Rotenwasser ist eine der Balihoer Baronien, die nicht von fetten Weiden und vielhörnigen Rinderherden geprägt sind. Soweit ich weiß sind es eher tiefe Wälder und schroffe Berge, die dem Lehen seinen Stempel aufdrücken. Die Hölderlingens haben in den letzten Jahren wenig von sich reden gemacht. Der Altbaron war krank und lebte zurückgezogen auf der entlegenen Baronsburg. Erst seit seinem Tod und nachdem Emegunde ihm auf den Baronsthron folgte, tauchen die Angehörigen dieser Familie hier und da wieder auf.“
Heldar nickte. „In den letzten Jahren haben sich stets Ritter der Hölderlingens angeschlossen, wenn es gen Kressenburg zum Neujahrsstechen ging. Und auch bei den Bemühungen um die Rückeroberung des Aarensteins haben sie deutlich Farbe bekannt.“
„Ai“, nickte Irmina, „ich werte dies durchaus als Versuch, die Familie wieder aktiver in die Geschicke des Landes einzubringen. Mit Sicherheit kann ich es nicht sagen, da wäret Ihr bei Schwester Leuenklinge von Baliho bestimmt besser aufgeboben. Aber diese Kunde im Hinterkopf, glaube ich durchaus, dass die Baronin Verbindungen zu anderen Weidener Baronsfamilien nicht abgeneigt gegenüber steht.“
Vom jüngeren Geweihten drang nun ein Glucksen herüber, wie von einem unterdrückten Lachen. Und tatsächlich hatte er eine Hand vor den Mund gelegt und räusperte sich nun. Entschuldigend grinste er und erklärte. „Nun ja, ich schätze, allzu zahlreich dürften diese Bande nicht sein, bedenkt man den Ruf der Hölderlingens und den Spitznamen, den sie nun schon sehr lange tragen. Der Fehdehandschuh sitzt in diesem Haus von jeher locker.“
Die Tresslerin seufzte. „Was uns zurück zum Anlass unseres Besuches führt. Aber Heldar hat natürlich recht: es gibt sicherlich verträglichere Familien, als just die Hölderlingens. Wiewohl ich persönlich eine solche Herausforderung ja weit interessanter finde, als die ewig gleichen und bisweilen ausgetretenen Pfade. Auf solchen wächst man nicht wirklich.“
Die Baronin begegnete eben dieser Aussage mit einem Kopfnicken. „Wohl gesprochen, Ehrwürden.“ Sie ließ ein Lächeln folgen. „Vor schwierigen und kontroversen Situationen habe ich mich nie verschlossen.“ Gwidûhenna dachte dabei an ihren Kampf darum, dass die Herzogin die Grafschaften Heldentrutz und Bärwalde aus der Waffenfolge für den Haffax-Feldzug ausnehmen sollte, was ihre Hoheit dann auch tat. Genauso ihr Einsatz dafür, der Herrin Rahja hier in Weidenhag, gegen den Willen ihrer Tante und der hier sehr einflussreichen Institution der Kirche der Eidmutter, eine Heimat zu schaffen. „Nein, oft einmal sehe ich diese gar als Herausforderung. Fehden haben schon andere geführt …“, ja, so auch ihre Familie, „… und das Recht dazu ist im Codex Raulis eindeutig kodifiziert. Dass die Baronin eine fromme Frau ist und Ihr mir das bestätigt, soll mir genügen, um zumindest den Versuch zu wagen, das Versprechen meines verstorbenen Vetters einzulösen – so ihre Hochgeboren von Hölderlingen damit einverstanden ist.“
Ihr Blick lag für einige Momente auf den beiden Geweihten. „Vielleicht würde es helfen, den Kontakt über Euch und den Orden herzustellen. Ich denke, dass unser beider Familien … sowohl die Hölderlingens, als auch wir Gugelforster, aus dieser Verbindung so einiges mitnehmen können.“
„Den Kontakt über den Orden herzustellen ist ein Leichtes, Hochgeboren. Ich werde gerne einen Brief an die Äbtissin von Trans Aquae schreiben. Diese kennt Baronin Emegunde sehr gut, immerhin hat diese unter ihr gedient. Insofern erscheint es mir ein guter Weg, Ehrwürden Hlíf einzuschalten. Sie wird wissen, welche Worte es zu wählen gilt.“ Zuversichtlich nickte die Tresslerin und schien sich in der Tat sehr über die Entwicklung in dieser Sache zu freuen.
„Sehr schön …“, bestätigte sie Gwidûhenna erfreut, „… dann freue ich mich darauf in dieser Sache von ihrer Ehrwürden oder ihrer Hochgeboren zu hören.“ Sie nickte in die Runde. „Und wegen des Tempels freue ich mich darauf mit dem Seneschall in Kontakt zu treten.“ Um eine Bestätigung des Gesagten ersuchend, blieb ihr Blick fragend auf Irmina liegen, die breit lächelnd nickte.
-Fin-