Alljährlich treffen sich die Weidener Briefspieler im Winter des jeweiligen Jahres, um an einem Wochenende gemeinsam in Weidener Gefilden zu wandeln, sich auszutauschen, miteinander zu plauschen und schließlich auch die Würfel rollen zu lassen. Dieses Event wird Weidener Kaminstübchen genannt und bisweilen bereitet das Orga-Team eines der Treffen mit einer Reihe von Stimmungstexten vor. Sie sollen die Spieler in selbige bringen und bisweilen auch an das eine oder andere erinnern, was in den Tischspielplots aufgegriffen werden könnte...

Nachfolgend werden die Stimmungstexte zum Kaminstübchen 2020 bzw. coronabedingt 2021 vorgestellt.


Ein Gemeiner Mordanschlag!
Oder: Eine späte Nachbetrachtung

Beteiligte Personen:
Baraya von Weiden-Harlburg und Streitzig ä.H., Vögtin der Hollerheide
Lanzelund von Weiden-Harlburg und Streitzig ä.H., ihr Bruder und Baron der Hollerheide

Burg Distelstein, Baronie Hollerheide, Rondra 1043 BF
Es polterte so laut, dass Baraya aus ihren Gedanken gerissen wurde. Verdutzt blickte sie hinüber zur Wand, hinter der irgendetwas Schweres gefallen sein musste. Was komisch war, denn dort sollte ihrer Erfahrung nach die Treppe sein. Irritiert blinzelte sie, dann vernahm sie einen schleifenden Laut, begleitet vom dumpfen Klang eines unartikulierten Wutschreis und noch einmal einen lauten Schlag, dem in kurzen Abständen, drei-vier leisere folgten. Just, als fiele etwas besagte Treppe hinunter.

Ihre Tür wurde donnernd aufgestoßen und ihr Bruder Lanzelund stolperte herein. Mit irgendwas verfing er sich im Türriegel, geriet – offenbar erneut – aus dem Tritt und taumelte auf den Stuhl zu, der ihrem Schreibtisch gegenüber stand, um gemeinsam mit dem Möbel zu Boden zu gehen.

Baraya blinzelte ein weiteres Mal, dann beugte sie sich vor, erblickte jedoch nur den unteren-hinteren Teil ihres Bruders. „Ähm“, eröffnete sie das Gespräch mit der ihr eigenen Eloquenz, „alles klar da unten?“

„Gleich wieder“, erklang es mit gepresster Stimme. Offenbar hatte der Baron der Hollerheide sich wehgetan und war noch damit beschäftigt, den Schmerz weg zu atmen.

Schließlich flog eine seiner riesigen Pranken nach oben, umklammerte die Tischkante, nicht ohne die beiden kleinen Figurinen – eine sich aufbäumende Stute mit ihrem Fohlen – umzuwerfen. Dann folgte die zweite Hand und hob ein fürchterlich zerknittertes Papier empor.

„Ein gemeiner Mordanschlag“, stieß Lanzelund hervor, dessen erhitztes Gesicht nun auch auftauchte. „Auf unsre Gräfin“, fuhr er aufgebracht fort und wuchtete sich empor.

 „Wie?“ erschrak Baraya sich, „Ich meine: wann? Und wer?“ Sie erhob sich eilig.

 Ihr Bruder war sich unterdessen wohl seines desolaten Zustandes bewusst geworden und hatte umgehend Gegenmaßnahmen eingeleitet. Das zerknitterte Papier segelte auf Barayas Schreibtisch, derweil die nun freien Hände sich darum verdient machten, die langen blonden Haare des Barons zu bändigen. Dann wurde das edle, samtene Wams mit dem stolzen Weidenbaum ihres Geschlechts glatt gestrichen und zum Schluss der Schwertgurt zurechtgerückt. Und damit stand er vor ihr, wie es sich gehörte, der aktuell schönste Ritter Weidens.

 „Walderia von Löwenhaupt!“, erklärte er gnädig und, ob ihres angenommenen Unwissens, mit einem Spur Tadel in der Stimme.

 „Was?“, schnappte Baraya. „Ich weiß, wer unsre Gräfin ist. Wer sie ermorden wollte, will ich wissen.“

 „Ahso, ja, also“, er deutete auf das Knitterpapier und hob zugleich die Schultern. „Das ist nicht raus. Natürlich haben aufrechte Weidener den Mord verhindert. Aber soweit ich’s verstanden hab, weiß niemand, wer hinter dieser feigen Tat steckt.“

 „Was ist das überhaupt“, die Vögtin der Hollerheide griff sich das Papier, drehte es um und ließ es mitsamt ihrer Hand gleich wieder fallen. „Ernsthaft, Lanzelund? Ich meine: wirklich?“

Der Baron war irritiert ob dieser Ansprache und runzelte missbilligend die Stirn. „Wie meinen?“

 „Das ist ein Fantholi!“, erklärte Baraya und hob die mitgenommene Postille wieder empor.

„Das weiß ich!“

 „Ein uraltes Fantholi, Lanzelund.“

 „Wat?“

 Nun war es an ihrem Bruder, zu blinzeln. „Aber das lag in dem Korb, mit den Dingen, die ich mir ansehen soll“, rechtfertigte er sich vorwurfsvoll.

 „Oh, ihr Götter“, seufzte Baraya. „Darüber haben wir vor Jahren schon gesprochen. Vor Jahren! Die Sache wurde außerdem sehr wohl aufgeklärt. Rahjane von Löwenhaupt wurde wegen des versuchten Mordes an ihrer Verwandten verurteilt. Jetzt sag nicht, das hast du vergessen!“

 „Öhm ... ne, stimmt, jetzt wo du’s sagst, da war was. Die olle Schachtel mit ihrem ständigen ‚Mittenberge-ist-unser‘-Gesabbel. Gut, dass die endlich weg ist.“

„Hmja, vermutlich.“ Nachdenklich setzte sich Baraya wieder. „Weg ist das richtige Wort. Ich weiß nicht, ob es nicht vernünftiger gewesen wäre, sie hinzurichten. Nun sitzt sie im Reichsgefängnis auf den Efferdtränen in Perricum und fristet da ihr Dasein. Keine saubere Lösung, wenn du mich fragst. Nur etwas, an dem sich solche reiben können, die es nach wie vor mit den Geltringern halten.“

“Solche gibt’s? Das’ ja wohl das Letzte, diese elendigen Thronräuber und Verräter soll allesamt der Olle holen, kann ja wohl ...“, begann sich Lanzelund zu ereifern.

„Wie auch immer“, fiel ihm seine Schwester ins Wort, ehe er zum Thema Ysilia und allem, was noch mit den Geltringern in Zusammenhang stand, vordringen konnte. „Mich würde tatsächlich interessieren, warum du diesen sechs Jahre alten Fetzen studierst und nicht die Dinge, die ich dir mit den Vermerken ‚Wichtig‘, ‚Eilt‘ sowie ‚wichtig & dringend‘ gekennzeichnet habe, Bruder. Kannst du mir das bitte erklären?“

„Nun ja“, wie stets völlig immun gegen den Anflug von Sarkasmus in Barayas Stimme, hob der Baron gönnerhaft an zu erklären. „Ich hab’ mir gedacht, dass der Stapel ja nun schon ordentlich hoch ist und dass ich am besten unten anfange, damit ich keins von den ‚Wichtigs‘ und ‚Dringends‘ vertrödele. Also habe ich den ganzen Stapel genommen und umgedreht. Und da, schwupps: Gemeiner Mordanschlag auf unsre Walderia. Das lesen und hierher kommen, war eins.“

Baraya hob die Brauen. „Natürlich. Einleuchtend. Gute Idee. Besser jedenfalls, als direkt nach Olat zu preschen und deine Hilfe da anzubieten. Das ...“, sie wollte sich gar nicht ausmalen, was das für ein Licht auf die Weiden-Harlburgs geworfen hätte und dankte den Göttern, dass Lanzelund diesmal zuerst zu ihr gekommen war. Das brachte ihr die Art seines Auftritts wieder ins Gedächtnis. „... war wohl überlegt, Lanzelund. Aber was war das für ein Getöse?“ Sie konnte nicht anders, sie musste wissen, was zu dem unwürdigsten Auftritt geführt hatte, den Lanzelund seit mindestens ein paar ... Monden hingelegt hatte.

„Erinnerst du dich, dass ich gesagt habe, eines Tages gerbe ich deiner Katze das Fell?“

 „Jaaaa“, lautete die argwöhnische Antwort.

 „Nun, dieser Tag ist heute und ich will nix hören. Lauert das Drecksvieh im Schatten und springt mir zwischen die Beine, wie ein Dunkelding. Du kannst von Glück sagen, dass ich mir nicht ebenso den Hals gebrochen habe, wie die Flasche guten Almadaners, die mir bei dem Versuch, mein Gleichgewicht wiederzuerlangen, entglitten und auf der Treppe zerschellt ist.“

Baraya unterdrückte den Impuls nachzufragen, was ihr Bruder in einer solchen Krisensituation eigentlich mit einer Weinflasche anfangen wollte. Zuerst galt es, das Leben ihrer Samtpfote zu retten, oder zumindest ihr samtiges Fell, denn ihr Bruder salbaderte gerade davon, dass er dieser nämliches abziehen werde. „Jetzt hör’ mal zu“, hub sie an, warf den alten Fantholi mit einer geübten Bewegung in den kleinen Kamin, wo er sofort Feuer fing, und hielt Lanzelund angriffslustig einen Finger unter die Nase, „wenn du meiner Katze auch nur ein Haar krümmst ...“



Eine Hochherrschaftliche Hochzeit
Oder: Adelige Winkelzüge unter dem Brennglas

Beteiligte Personen:
Rechhild Dornbühler, eine Kuhmagd aus Baliho
Wallfried Altenwehr, ein Kuhbursche aus Baliho, Anführer der kleinen Truppe

Auf dem Karrenweg nach Pallingen, Anfang Efferd 1043 BF
Staub brannte in Rechhild Dornbühlers Augen, nichtsdestotrotz ließ sie die Peitsche knallen, um das Hornvieh auf dem Karrenpfad zu halten. Vor ihnen zeichnete sich dunkel der näher rückende Bärnwald ab. Die Balihoer Gelben muhten missgelaunt. Links und rechts der Straße lockten halbwegs grüne Weiden und das war allemal angenehmer, als die Staubpiste, der sie folgen mussten. Es war aber auch ein heißer und vor allem fürchterlich trockener Sommer gewesen.

Die Kuhmagd gab ihrem Zossen die Sporen und schloss zu Wallfried Altenwehr auf, der ihre kleine Truppe anführte. Wie alle anderen Viehtreiber hatte er sich ein buntes Tuch vor Nase und Mund gebunden. Gerade zog er es nach unten und spuckte in hohem Bogen aus. „Hoffe nur, die haben in Pallingen ein halbwegs anständiges Bier!“, knurrte er.

Die Dornbühlerin nickte. Das hoffte sie auch, wenngleich sie es bezweifelte. Außer in Baliho, bekam man in Weiden kaum irgendwo war anständiges zu saufen. „Was wollen wir nochmal in diesem Kaff hier?“

„Kaff?“ Wallfried lachte und schüttelte den Kopf, „Sag’ das bloß nicht, wenn wir erst da sind. Pallingen soll mal die Grafenstadt von Bärwalde werden. Wichtig, wichtig!“

Rechild spähte nach vorne. Nein, seit sie dies das letzte Mal getan hatte, war Pallingen nicht gewachsen, es war immer noch ein Kaff. Gut, überragt wurde es von einer anständigen Burg, aber das machte es noch nicht zu einer Stadt. Jedenfalls nicht in den Augen der aus der Balihoer Stadtmark stammenden Kuhmagd.

„Grafenstadt, verstehe. Na, da haben die aber noch was vor sich, ehe das wie ne Stadt aussieht. Soll mir egal sein. Und wer von da hat diese stattliche Herde sommerfetter Ochsen bestellt?“

Der Vollstrecker warf ihr einen amüsierten Blick zu. „Kriegst so gar nix mit, eh, Dornbühlerin? Da wird eine Hochzeit gefeiert, eine gräfliche. Die Erbin der Walderia von Löwenhaupt heiratet und das wird kommenden Mond groß gefeiert. Dafür die Ochsen.“

„Ah“, Rechilds Gesicht hellte sich auf, „stimmt, davon habe ich gehört. Die olle Walderia hat ein junges Mädel als Tochter angenommen und die tut sich mit einem hübschen Barden um. Das hat mir so ein Finsterbach-Flößer erzählt, der auf einen Humpen im Bunten Ochsen war. Eine Geschichte, die zu Herzen geht, gibt’s ja nur noch selten.“

„Davon hast du also gehört, ja?“ Wallfried lachte in sich herein. „Wenn nur alles so mühelos reisen würde wie Gerüchte. Is nur kein Barde, denn sie kriegt, die Tochter. Heißt übrigens Griseldis von Pallingen, die Gute, und die Burg da ist der Stammsitz ihrer Familie. Darum wird der Flecken wohl auch Grafensitz. Nach allem was man hört, ist er zwar nicht so geschichtsträchtig, wie der bisherige in Olat, aber um Längen bequemer.“

Letzteres schien Rechild nicht zu interessieren, denn sie fuhr Wallfried beinahe ins Wort. „Wie, kein Barde? Wieso denn nicht? Die lieben sich doch!“

„Ach Mädchen, als ob das zählt. Der hat nix in der Tasche, der hat keine Burg und der hat kein … ähm … den kennt keiner. Oder so. Und die junge Pallingerin wird ja mal Gräfin, also braucht sie wen, der wichtig ist. Darum kriegt sie jetzt nen Rabenmund.“

„Was? Ein Rabenmaul? Einen aus der Verrätersippe?“ Der Kuhmagd war vollends aus der Ruhe gebracht.

„Du liebes Bisschen, seit wann interessierst du dich denn für das ganze Adelsgezösele? Ich dachte, das sind alles nur fette und faule Nichtskönner, die sich auf unsere Kosten durchfressen.“

„Stimmt ja auch alles, wobei unsere Weidener Adligen ja wenigstens noch kämpfen können. Aber all die anderen sind überflüssig, wie ein krummliegender Furz.“ Erklärte die Dornbühlerin aufgebracht. „Ich kann ja auch nix dafür, wenn ich zufällig was aufschnappe und das hab ich halt, als ich im Bunten Ochsen war. War ‘ne gute Geschichte und noch dazu umsonst, also habe ich zugehört. Hätt‘ste sicher auch getan, wenn du nicht besoffen im Eck gelegen hätt‘st.“

Wallfried schnaubte gleichgültig, derweil seine Augen noch immer amüsiert blitzten. „Ihr Weiber seid halt doch alle gleich! Kaum faselt wer von wahrer Liebe, die noch dazu in Adelskreisen ihre rahjensroten Kreise zieht und schon ist alles Wettern und Zetern vergessen, eh?“

„Gar nicht!“, protestierte Rechhild und schniefte erbost. „Aber nachfragen werd ich doch noch dürfen, wo ich doch ganz andere Geschichten gehört habe. In denen war die junge Gräfin ganz hin und weg von ihrem Barden und es war ihr schnurzpiepegal, dass der Heldentrutzer Graf den am liebsten in den Blautann jagen würde, oder Schlimmeres. Ein Rabenmund kam jedenfalls in keiner der Geschichten vor.“

„Ja nun, so ist das aber und der Kerl nun der lachende Dritte. Scheint, die Familie besinnt sich wieder auf das, was sie am besten kann.“

„Das Reich verraten?“

„Neiiiin“, der Kuhbursche schüttelte heftig den Kopf und musste dabei so herzlich lachen, dass ihm Tränen helle Spuren in das staubbedeckte Gesicht zeichneten. „Heiraten! Das doch deren Wappenspruch, also irgendwie was mit glücklich und heiraten. Ab davon sind das nicht alles Verräter, Hildi, sonst hätt die gute Kaiserin sicher keine auf den Thron der neuen Markgrafschaft gesetzt.“

„Pah!“, entfuhr es der Dornbühlerin, „das mag so sein, aber ich würd‘ einem aus der Sippe trotzdem nicht den Rücken zudrehen und was das glücklich sein und heiraten angeht: das kann ich mir echt nicht vorstellen. Zumindest nicht bei der Pallingerin, denn deren verwöhntes Herzchen schlägt für ihren Creyenacher und ich lass mir nix anderes erzählen! Aber im Grunde isses mir auch egal. Liefern wir unsere Ochsen ab, streichen die Restzahlung ab und dann nix wie zurück nach Baliho. Hier is’ mir zu viel Landschaft.“


Weidener Eigenarten
Oder: Vorauseilende Sorge

Beteiligte Personen:
Brin Liraniyan von Rhodenstein, Abtmarschall des Ordens zur Wahrung
Wolfhard Melynlas von Rhodenstein, Truchsess (quasi Verwalter des irdischen Besitzes) des OzW
Irmina Vermias von Rhodenstein, Tresslerin (Herrin der Bibliotheken) des OzW
Alguin Elvenor von Rhodenstein, Erzabt (spiritueller Verwalter) des OzW
Hebzibah Myralcor di Al'Muktur, Siegelmeisterin (Vertreterin der Erzkanzlerin des OzW)


Burg Rhodenstein, Baronie Hollerheide, Tsa 1042 BF
Klagend und unheimlich heulte der Wind um Türme und Zinnen des Rhodensteins, er wirbelte Schnee und Eis in unzugängliche Ecken und entlockte mancher Wache einen unflätigen Fluch, weil er so schneidend war.

Im Wohnzimmer des Abtmarschalls war davon freilich wenig zu spüren, denn ein ansehnliches Feuer prasselte im großen Kamin und beleuchtete die Gesichter der hier Versammelten.

„So soll es sein.“, beantwortete Brin Lirondiyan von Rhodenstein die unausgesprochene Frage. „Sie ist die Erbin der sehr geschätzten Walderia von Löwenhaupt. Ihr Geschlecht ist eines der vornehmsten Weidens und sie selbst ist der Herrin durchaus zum Wohlgefallen. Natürlich werde ich ihrer Hochzeit persönlich beiwohnen und dem jungen Paar den Segen der Alveransleuin erteilen.“

„Gut“, nickte Wolfhard Melynlas von Rhodenstein, der Truchsess. „Ich werde auch hingehen. Selten trifft man so viele Weidener Adelige auf einem Fleck, wie bei einer Hochzeit. Einer so wichtigen allzumal. Wenn ich‘s mir recht überlege: wir sollten deutliche Präsenz zeigen. Alguin, Irmina, kommt ihr auch?“

Erzabt und Tresslerin schüttelten beinahe synchron den Kopf.

„Irgendjemand muss den Rhodenstein ja am Laufen halten“, schmunzelte Brin und fasste die gebeugte Gestalt am Kamin ins Auge. „Hebzibah, was ist mit dir?“

Die Vertreterin der Erzkanzlerin war gerade damit beschäftigt, dem Truchsess ob seiner Missachtung ihrer Person einen schlechtgelaunten Blick zuzuwerfen. Als sie angesprochen wurde, straffte sie sich und schüttelte dann ebenfalls den Kopf. „Es ist, wie ihr sagt, Abtmarschall, ich werde hier gebraucht. Aber Bruder Wolfhard hat recht, wir sollten den Weidener Adel allein durch unsere Präsenz daran erinnern, dass ihre Kinder im Schoß des Ordens gut aufgehoben sind.“

Der Truchsess hob die Brauen ob des unerwarteten Lobs und verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln. Brin seufzte. Die wechselseitige Abneigung dieser beiden begann ihn anzustrengen.

„Wie auch immer, vor allem sollten wir die Gäste, mithin also die Familie des Bräutigams und deren Verbündete, darüber informieren, was sie zu erwarten haben“, fuhr der Abtmarschall des Ordens zur Wahrung fort.

„Nämlich?“, fragte Irmina Vermias von Rhodenstein, die Tresslerin.

„Das Hochzeitsturnier“, erklärte Brin und als allenthalben geraunt wurde, dass das ja nun zu einer ordentlichen Adelshochzeit dazu gehöre, was ja wohl jeder wisse, ergänzte er schmunzelnd, „und wie es dazu kommt.“

Wolfhard und Irmina runzelten fragend die Stirn und diesmal war es Erzabt Alguin, der antwortete.

„Nun, in den meisten anderen Provinzen wird der Buhurt folgendermaßen ausgetragen: der ranghöchste Adlige übernimmt die Rolle des Anführers und stellt seine Truppe auf den Kampf ein.“

Hebzibah musste grinsen, als sie den Unwillen in den Gesichtern der beiden Weidener erkannte.

„Aber der Ranghöchste muss nicht zwangsläufig der beste Kämpfer sein und ist damit auch nicht zwangsläufig als Anführer geeignet. Arbolf von Pandlaril zum Beispiel“, erklärte Irmina geduldig, „ist der ranghöchste Weidener Baron, sogar der höchste Freiherr des Reiches, aber … bei allem Respekt … ein geeigneter Schlachtenführer ist er längst nicht mehr.“

„Hört, hört“, ließ sich erwartungsgemäß der Truchsess vernehmen, der eben im Herzen noch immer ein Binsböckel war.

Brin von Rhodenstein seufzte leise. „Darum geht es. Allein aus Höflichkeit unseren Gästen aus der Rommilyser Mark gegenüber sollten wir sie vorab informieren, dass die Streiter der Griseldis von Pallingen vor dem Turnier erst noch herausfinden müssen, wer von ihnen würdig ist, den Buhurt anzuführen. Ich schätze, diese Feinheit ist im Süden eher unbekannt.

„Tsk“, machte Wolfhard von Rhodenstein klar, was er davon hielt, derweil Irmina verständig nickte. „Ich werde einen entsprechenden Brief aufsetzen und das Prozedere erklären. Sofern die Märkischen es nicht ebenso halten wollen, haben sie nach der Hochzeit also einen Ruhetag, derweil die Weidener miteinander ringen. Das ist vielleicht gar nicht so ungünstig.“

Nun verdrehte Hebzibah innerlich die Augen. Die Weidener und ihre Selbstüberschätzung!

„Stimmt“, brummte Wolfhard, „das sorgt für einigermaßen ausgeglichene Kräfteverhältnisse.“

„Tsk“, ließ sich nun doch die almadanische Siegelmeisterin vernehmen und zog damit zuverlässig die Aufmerksamkeit des Truchsess’ auf sich.

„Was mich zu der Frage bringt, Eminenz, wie halten wir es eigentlich mit unserer ständig absenten Erzkanzlerin?“, fragte er schneidend und Brin stellte sich auf eine weitere hitzige Diskussion zu diesem Thema ein, denn ja: diese Frage musstegeklärt werden.


Eine Hochherrschaftliche Hochzeit
Oder: Das Leben ist kein Zuckerschlecken!

Beteiligte Personen:
Frumhild May von Heiduk, Gemahlin des Junkers von Ilmenau in der Stadtmark Baliho
Tsalinde Ermentrud von Heiduk, ihre jüngste Tochter, ein Adelsfräulein

Junkergut Ilemenau, Stadtmark Baliho, Praios 1043 BF
„Ohhhh“, Tsalinde Ermentrud von Heiduk klatschte begeistert in die feisten Hände, „eine Hochzeit, wie schön. Da wird sie sich aber freuen.“

„Wen meinst du?“, fragte ihre Mutter Frumhild, ohne von ihrer Stickarbeit aufzusehen.

„Na, die hehre Griseldis. Dass sie ihren Schatz heiraten darf, vor dem Antlitz der Götter.“ Die jüngste Heiduk-Tochter hatte die Einladung sinken lassen und blickte mit glänzenden Augen aus dem Fenster in den großen Garten. „Schööön“, seufzte sie.

„Welchen Schatz denn bitte?“ Frumhild ließ die Nadel sinken und bedachte ihre Jüngste mit irritiert gehobener Braue.

„Na, Wolfhart von Creyenach, von ihm hast du doch sicher schon gehört. Drüben in Baliho spielen sie manches Liedlein von ihm. Er ist ein Barde, weißt du?“

„Oh ja, das weiß ich und der Name ist mir bekannt. In Baliho? Tatsächlich? Dann aber sicher im Ochsenviertel, denn ich schätze, die Gräfin ist keine allzu große Freundin seiner Liedchen und den darin enthaltenen Frechheiten.“

„Hum?“, Tsalindes Blick zitterte kurz hinüber zu ihrer Mutter, befand dann aber, dass die alte Frau ohnehin keine Ahnung von zeitgenössischer Musik hatte und ließ das Thema fallen.

„Jedenfalls ist das schön, dass die Liebe siegt. Wo ihr mir doch immer sagt, sowas gibt es im echten Leben nicht.“ Nun schwang gehöriger Vorwurf in Tsalindes Stimme mit.

„Hast du die Einladung denn gelesen, Kindchen?“, hakte ihre Mutter nach.

„Nur so halb“, gab Tsalinde zu. „Wieso?“

„Nun“, machte sich Frumhild daran, der guten Laune ihrer Tochter das Fundament zu entziehen, „dann muss ich dir leider sagen, dass der Bräutigam mitnichten dieser Sängerknabe ist, sondern ein gewisser Aldron von Rabenmund. Er ist wohl ein Enkel unsrer guten Mutter Aldessia aus Baliho. Und irgendwie hängen die Binsböckels in der Ahnenreihe auch mit drin. Jedenfalls stolzieren einige schon wieder so stolz umher, wie unser Gockel Arbolf auf seinem Misthaufen.“

Die junge Heidukerin starrte ihre Mutter irritiert an. Dann schüttelte sie widerborstig den Kopf. „Das kann nicht sein, niemand würde doch eine angehende Gräfin zwingen, nicht ihre Liebe sondern so einen … so einen … einen Rabenmund, wirklich? Wieso das denn? Sind die denn wieder wohlgelitten, oder was? Das kann ja wohl nicht wahr sein. Die arme Griseldis.“ Die Worte sprudelten nur so aus der jungen Frau heraus, ehe sie verstummte und traurig vor sich hinstarrte.

„Wirklich?“, kam es dann zaghaft und begleitet von einem herzzerreißenden Blick.

„Ich fürchte schon, Lindchen. Gerade so eine zukünftige Gräfin muss ihre Bande schließlich klug wählen und manchmal, muss sie ihre Neigung hinten anstellen. Zum Wohle ihres Landes.“ Frumhild stand auf und trat zu ihrer Tochter, um ihr besänftigend die Hand auf die Schulter zu legen. „Das ist die Bürde, die Menschen von Stand, also Menschen wie wir“, schob sie betont nach, „tragen müssen. Ich bin sicher, Griseldis von Pallingen weiß das und hat darum diese Wahl getroffen. Oder ihr zumindest zugestimmt“

„Hmmm“, brummte Tsalinde. Dann schnaubte sie. „Ich weiß ja nicht, ob das so stimmt. Es gibt da Geschichten, nach denen kann ich nicht recht glauben, dass sie von ihrem Wolfhart lassen würde.“

„Geschichten, mehr nicht“, schickte sich Frumhild an, das Thema zu beenden. „Oder eher: Gerüchte. Gib nicht so viel auf das Gerede der Menschen. Meist ist kaum etwas dran. Immerhin heiratet die zukünftige Gräfin Bärwaldes jetzt einen Angehörigen der Familie Rabenmund. Ich schätze, das wird eine große Sache, wir sollten also nachsehen gehen, ob wir angemessene Garderobe haben, mein Kind. Andernfalls müssen wir in Baliho etwas anfertigen lassen.“

„Pft“, sprang Tsalinde überhaupt nicht auf den Ablenkungsversuch ihrer Mutter an. „Ich find das nicht schön.“

Ihre Mutter seufzte. „Nunja, Tsalinde, so ist es nun einmal. Außerdem kann es doch sein, dass Griseldis diesen Aldron gerne hat, unterdessen vielleicht sogar lieber als den Creyenacher mit seiner kessen Lippe. Manchmal passiert so etwas, manchmal wandert die Liebe.“

„Pft“, blieb Tsalinde bei ihrer Meinung und schniefte missbilligend.


Unerwünschte Fährte
Oder: Stümperhaftes Schwarzpelzpack

Beteiligte Personen:
Gilamund Fuchsenfold, Jagdmagd aus der Pfalzgrafschaft Bibergau
und ihr Hund Edil

Im Bärnwald zu Bibergau, Anfang Travia 1043 BF
Es brauchte nicht das tief in der Brust ihres Hundes geborene Knurren, um Gilamund vorzuwarnen. Geräuschlos ging sie in die Hocke und legte beruhigend eine Hand auf Edlis Schultern. Sofort verstummte der große Hund und verlegte sich darauf, Witterung aufzunehmen. Die Jägerin indessen ließ ihren Blick wandern.

Ruhig und langsam nahm sie alle Einzelheiten in sich auf und zum Schluss die für den Moment wichtigste: es drohte keine unmittelbare Gefahr. Immerhin zwitscherten Vögel um sie herum und ein paar Dutzend Schritt weiter vorne, entlang des kleinen Baches, konnte sie in dem sich lichtenden Laub auch erkennen, dass sie fröhlich umher hüpften. Gänzlich unbeeindruckt von dem Feenhörnchen, das eifrig damit beschäftigt war, Wintervorräte anzulegen und eben auch davon, was Gilamund entdeckt hatte. Also erhob sie sich wieder und trat langsam auf die Schneise, die eine gefallene Tanne hier vor einigen Jahren geschlagen hatte.

Es war ein guter Lagerplatz. Die Tanne beschirmte ihn zum Bach hin und die jungen Hasel- sowie Hollersträucher waren kein ernstzunehmendes Hindernis. Also hatten die Orks sie einfach umgehauen und die bestenfalls faustdicken Stämme und Äste als weiteren Sichtschutz aufgetürmt. Ihre Feuerstelle war klein gewesen, kundig abgeschirmt und sie war ebenso beseitigt worden. Nur wenigen traute Gilamund zu, ihre Existenz überhaupt zu bemerken. Wie auch die wenigen anderen Anzeichen, die davon kündeten, dass hier vor vielleicht zwei Tagen Schwarzpelze gerastet hatten. Mindestens ein halbes Dutzend und offenbar sehr um Heimlichkeit bemüht. Aber es waren eben Orks und die hinterließen Spuren, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengten, es nicht zu tun.

Angewidert schnippte Gilamund ein winziges Büschel charakteristischen Fells vom schuppigen Stamm der Tanne. Sie begutachtete die Überreste der Sträucher, die von zu viel welkem, aber immerhin grünem Laub verborgen waren, um jetzt, im aufziehenden Herbst, nicht aufzufallen. Und sie schürzte verächtlich die Lippen, als sie den Fußabdruck freilegte, der unter all dem sorgsam verteilten Laub übersehen worden war.

Orks waren im Bärnwald nicht allzu ungewöhnlich. Ungewöhnlich war jedoch, mit welcher Sorgfalt diese ihr Hiersein verbergen wollten.

Das hier war der zweite Lagerplatz, der überdeutlich davon sprach und der zweite, den sie beinahe übersehen hatte. Den anderen hatte sie vor ein paar Tagen gefunden. Sie hatte sich gewundert, der Sache aber keine übermäßige Bedeutung beigemessen.

Das änderte sich nun und Gilamund beschloss, sofort zurückzukehren und beim Pfalzgrafen vorzusprechen. Sollte er entscheiden, was davon zu halten war. Dafür war er schließlich da.