Ein Gemeiner Mordanschlag!
Oder: Eine späte Nachbetrachtung

Beteiligte Personen:
Baraya von Weiden-Harlburg und Streitzig ä.H., Vögtin der Hollerheide
Lanzelund von Weiden-Harlburg und Streitzig ä.H., ihr Bruder und Baron der Hollerheide

Burg Distelstein, Baronie Hollerheide, Rondra 1043 BF
Es polterte so laut, dass Baraya aus ihren Gedanken gerissen wurde. Verdutzt blickte sie hinüber zur Wand, hinter der irgendetwas Schweres gefallen sein musste. Was komisch war, denn dort sollte ihrer Erfahrung nach die Treppe sein. Irritiert blinzelte sie, dann vernahm sie einen schleifenden Laut, begleitet vom dumpfen Klang eines unartikulierten Wutschreis und noch einmal einen lauten Schlag, dem in kurzen Abständen, drei-vier leisere folgten. Just, als fiele etwas besagte Treppe hinunter.

Ihre Tür wurde donnernd aufgestoßen und ihr Bruder Lanzelund stolperte herein. Mit irgendwas verfing er sich im Türriegel, geriet – offenbar erneut – aus dem Tritt und taumelte auf den Stuhl zu, der ihrem Schreibtisch gegenüber stand, um gemeinsam mit dem Möbel zu Boden zu gehen.

Baraya blinzelte ein weiteres Mal, dann beugte sie sich vor, erblickte jedoch nur den unteren-hinteren Teil ihres Bruders. „Ähm“, eröffnete sie das Gespräch mit der ihr eigenen Eloquenz, „alles klar da unten?“

„Gleich wieder“, erklang es mit gepresster Stimme. Offenbar hatte der Baron der Hollerheide sich wehgetan und war noch damit beschäftigt, den Schmerz weg zu atmen.

Schließlich flog eine seiner riesigen Pranken nach oben, umklammerte die Tischkante, nicht ohne die beiden kleinen Figurinen – eine sich aufbäumende Stute mit ihrem Fohlen – umzuwerfen. Dann folgte die zweite Hand und hob ein fürchterlich zerknittertes Papier empor.

„Ein gemeiner Mordanschlag“, stieß Lanzelund hervor, dessen erhitztes Gesicht nun auch auftauchte. „Auf unsre Gräfin“, fuhr er aufgebracht fort und wuchtete sich empor.

 „Wie?“ erschrak Baraya sich, „Ich meine: wann? Und wer?“ Sie erhob sich eilig.

 Ihr Bruder war sich unterdessen wohl seines desolaten Zustandes bewusst geworden und hatte umgehend Gegenmaßnahmen eingeleitet. Das zerknitterte Papier segelte auf Barayas Schreibtisch, derweil die nun freien Hände sich darum verdient machten, die langen blonden Haare des Barons zu bändigen. Dann wurde das edle, samtene Wams mit dem stolzen Weidenbaum ihres Geschlechts glatt gestrichen und zum Schluss der Schwertgurt zurechtgerückt. Und damit stand er vor ihr, wie es sich gehörte, der aktuell schönste Ritter Weidens.

 „Walderia von Löwenhaupt!“, erklärte er gnädig und, ob ihres angenommenen Unwissens, mit einem Spur Tadel in der Stimme.

 „Was?“, schnappte Baraya. „Ich weiß, wer unsre Gräfin ist. Wer sie ermorden wollte, will ich wissen.“

 „Ahso, ja, also“, er deutete auf das Knitterpapier und hob zugleich die Schultern. „Das ist nicht raus. Natürlich haben aufrechte Weidener den Mord verhindert. Aber soweit ich’s verstanden hab, weiß niemand, wer hinter dieser feigen Tat steckt.“

 „Was ist das überhaupt“, die Vögtin der Hollerheide griff sich das Papier, drehte es um und ließ es mitsamt ihrer Hand gleich wieder fallen. „Ernsthaft, Lanzelund? Ich meine: wirklich?“

Der Baron war irritiert ob dieser Ansprache und runzelte missbilligend die Stirn. „Wie meinen?“

 „Das ist ein Fantholi!“, erklärte Baraya und hob die mitgenommene Postille wieder empor.

„Das weiß ich!“

 „Ein uraltes Fantholi, Lanzelund.“

 „Wat?“

 Nun war es an ihrem Bruder, zu blinzeln. „Aber das lag in dem Korb, mit den Dingen, die ich mir ansehen soll“, rechtfertigte er sich vorwurfsvoll.

 „Oh, ihr Götter“, seufzte Baraya. „Darüber haben wir vor Jahren schon gesprochen. Vor Jahren! Die Sache wurde außerdem sehr wohl aufgeklärt. Rahjane von Löwenhaupt wurde wegen des versuchten Mordes an ihrer Verwandten verurteilt. Jetzt sag nicht, das hast du vergessen!“

 „Öhm ... ne, stimmt, jetzt wo du’s sagst, da war was. Die olle Schachtel mit ihrem ständigen ‚Mittenberge-ist-unser‘-Gesabbel. Gut, dass die endlich weg ist.“

„Hmja, vermutlich.“ Nachdenklich setzte sich Baraya wieder. „Weg ist das richtige Wort. Ich weiß nicht, ob es nicht vernünftiger gewesen wäre, sie hinzurichten. Nun sitzt sie im Reichsgefängnis auf den Efferdtränen in Perricum und fristet da ihr Dasein. Keine saubere Lösung, wenn du mich fragst. Nur etwas, an dem sich solche reiben können, die es nach wie vor mit den Geltringern halten.“

“Solche gibt’s? Das’ ja wohl das Letzte, diese elendigen Thronräuber und Verräter soll allesamt der Olle holen, kann ja wohl ...“, begann sich Lanzelund zu ereifern.

„Wie auch immer“, fiel ihm seine Schwester ins Wort, ehe er zum Thema Ysilia und allem, was noch mit den Geltringern in Zusammenhang stand, vordringen konnte. „Mich würde tatsächlich interessieren, warum du diesen sechs Jahre alten Fetzen studierst und nicht die Dinge, die ich dir mit den Vermerken ‚Wichtig‘, ‚Eilt‘ sowie ‚wichtig & dringend‘ gekennzeichnet habe, Bruder. Kannst du mir das bitte erklären?“

„Nun ja“, wie stets völlig immun gegen den Anflug von Sarkasmus in Barayas Stimme, hob der Baron gönnerhaft an zu erklären. „Ich hab’ mir gedacht, dass der Stapel ja nun schon ordentlich hoch ist und dass ich am besten unten anfange, damit ich keins von den ‚Wichtigs‘ und ‚Dringends‘ vertrödele. Also habe ich den ganzen Stapel genommen und umgedreht. Und da, schwupps: Gemeiner Mordanschlag auf unsre Walderia. Das lesen und hierher kommen, war eins.“

Baraya hob die Brauen. „Natürlich. Einleuchtend. Gute Idee. Besser jedenfalls, als direkt nach Olat zu preschen und deine Hilfe da anzubieten. Das ...“, sie wollte sich gar nicht ausmalen, was das für ein Licht auf die Weiden-Harlburgs geworfen hätte und dankte den Göttern, dass Lanzelund diesmal zuerst zu ihr gekommen war. Das brachte ihr die Art seines Auftritts wieder ins Gedächtnis. „... war wohl überlegt, Lanzelund. Aber was war das für ein Getöse?“ Sie konnte nicht anders, sie musste wissen, was zu dem unwürdigsten Auftritt geführt hatte, den Lanzelund seit mindestens ein paar ... Monden hingelegt hatte.

„Erinnerst du dich, dass ich gesagt habe, eines Tages gerbe ich deiner Katze das Fell?“

 „Jaaaa“, lautete die argwöhnische Antwort.

 „Nun, dieser Tag ist heute und ich will nix hören. Lauert das Drecksvieh im Schatten und springt mir zwischen die Beine, wie ein Dunkelding. Du kannst von Glück sagen, dass ich mir nicht ebenso den Hals gebrochen habe, wie die Flasche guten Almadaners, die mir bei dem Versuch, mein Gleichgewicht wiederzuerlangen, entglitten und auf der Treppe zerschellt ist.“

Baraya unterdrückte den Impuls nachzufragen, was ihr Bruder in einer solchen Krisensituation eigentlich mit einer Weinflasche anfangen wollte. Zuerst galt es, das Leben ihrer Samtpfote zu retten, oder zumindest ihr samtiges Fell, denn ihr Bruder salbaderte gerade davon, dass er dieser nämliches abziehen werde. „Jetzt hör’ mal zu“, hub sie an, warf den alten Fantholi mit einer geübten Bewegung in den kleinen Kamin, wo er sofort Feuer fing, und hielt Lanzelund angriffslustig einen Finger unter die Nase, „wenn du meiner Katze auch nur ein Haar krümmst ...“