Weidener Eigenarten
Oder: Vorauseilende Sorge
Beteiligte Personen:
Brin Liraniyan von Rhodenstein, Abtmarschall des Ordens zur Wahrung
Wolfhard Melynlas von Rhodenstein, Truchsess (quasi Verwalter des irdischen Besitzes) des OzW
Irmina Vermias von Rhodenstein, Tresslerin (Herrin der Bibliotheken) des OzW
Alguin Elvenor von Rhodenstein, Erzabt (spiritueller Verwalter) des OzW
Hebzibah Myralcor di Al'Muktur, Siegelmeisterin (Vertreterin der Erzkanzlerin des OzW)
Burg Rhodenstein, Baronie Hollerheide, Tsa 1042 BF
Klagend und unheimlich heulte der Wind um Türme und Zinnen des Rhodensteins, er wirbelte Schnee und Eis in unzugängliche Ecken und entlockte mancher Wache einen unflätigen Fluch, weil er so schneidend war.
Im Wohnzimmer des Abtmarschalls war davon freilich wenig zu spüren, denn ein ansehnliches Feuer prasselte im großen Kamin und beleuchtete die Gesichter der hier Versammelten.
„So soll es sein.“, beantwortete Brin Lirondiyan von Rhodenstein die unausgesprochene Frage. „Sie ist die Erbin der sehr geschätzten Walderia von Löwenhaupt. Ihr Geschlecht ist eines der vornehmsten Weidens und sie selbst ist der Herrin durchaus zum Wohlgefallen. Natürlich werde ich ihrer Hochzeit persönlich beiwohnen und dem jungen Paar den Segen der Alveransleuin erteilen.“
„Gut“, nickte Wolfhard Melynlas von Rhodenstein, der Truchsess. „Ich werde auch hingehen. Selten trifft man so viele Weidener Adelige auf einem Fleck, wie bei einer Hochzeit. Einer so wichtigen allzumal. Wenn ich‘s mir recht überlege: wir sollten deutliche Präsenz zeigen. Alguin, Irmina, kommt ihr auch?“
Erzabt und Tresslerin schüttelten beinahe synchron den Kopf.
„Irgendjemand muss den Rhodenstein ja am Laufen halten“, schmunzelte Brin und fasste die gebeugte Gestalt am Kamin ins Auge. „Hebzibah, was ist mit dir?“
Die Vertreterin der Erzkanzlerin war gerade damit beschäftigt, dem Truchsess ob seiner Missachtung ihrer Person einen schlechtgelaunten Blick zuzuwerfen. Als sie angesprochen wurde, straffte sie sich und schüttelte dann ebenfalls den Kopf. „Es ist, wie ihr sagt, Abtmarschall, ich werde hier gebraucht. Aber Bruder Wolfhard hat recht, wir sollten den Weidener Adel allein durch unsere Präsenz daran erinnern, dass ihre Kinder im Schoß des Ordens gut aufgehoben sind.“
Der Truchsess hob die Brauen ob des unerwarteten Lobs und verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln. Brin seufzte. Die wechselseitige Abneigung dieser beiden begann ihn anzustrengen.
„Wie auch immer, vor allem sollten wir die Gäste, mithin also die Familie des Bräutigams und deren Verbündete, darüber informieren, was sie zu erwarten haben“, fuhr der Abtmarschall des Ordens zur Wahrung fort.
„Nämlich?“, fragte Irmina Vermias von Rhodenstein, die Tresslerin.
„Das Hochzeitsturnier“, erklärte Brin und als allenthalben geraunt wurde, dass das ja nun zu einer ordentlichen Adelshochzeit dazu gehöre, was ja wohl jeder wisse, ergänzte er schmunzelnd, „und wie es dazu kommt.“
Wolfhard und Irmina runzelten fragend die Stirn und diesmal war es Erzabt Alguin, der antwortete.
„Nun, in den meisten anderen Provinzen wird der Buhurt folgendermaßen ausgetragen: der ranghöchste Adlige übernimmt die Rolle des Anführers und stellt seine Truppe auf den Kampf ein.“
Hebzibah musste grinsen, als sie den Unwillen in den Gesichtern der beiden Weidener erkannte.
„Aber der Ranghöchste muss nicht zwangsläufig der beste Kämpfer sein und ist damit auch nicht zwangsläufig als Anführer geeignet. Arbolf von Pandlaril zum Beispiel“, erklärte Irmina geduldig, „ist der ranghöchste Weidener Baron, sogar der höchste Freiherr des Reiches, aber … bei allem Respekt … ein geeigneter Schlachtenführer ist er längst nicht mehr.“
„Hört, hört“, ließ sich erwartungsgemäß der Truchsess vernehmen, der eben im Herzen noch immer ein Binsböckel war.
Brin von Rhodenstein seufzte leise. „Darum geht es. Allein aus Höflichkeit unseren Gästen aus der Rommilyser Mark gegenüber sollten wir sie vorab informieren, dass die Streiter der Griseldis von Pallingen vor dem Turnier erst noch herausfinden müssen, wer von ihnen würdig ist, den Buhurt anzuführen. Ich schätze, diese Feinheit ist im Süden eher unbekannt.
„Tsk“, machte Wolfhard von Rhodenstein klar, was er davon hielt, derweil Irmina verständig nickte. „Ich werde einen entsprechenden Brief aufsetzen und das Prozedere erklären. Sofern die Märkischen es nicht ebenso halten wollen, haben sie nach der Hochzeit also einen Ruhetag, derweil die Weidener miteinander ringen. Das ist vielleicht gar nicht so ungünstig.“
Nun verdrehte Hebzibah innerlich die Augen. Die Weidener und ihre Selbstüberschätzung!
„Stimmt“, brummte Wolfhard, „das sorgt für einigermaßen ausgeglichene Kräfteverhältnisse.“
„Tsk“, ließ sich nun doch die almadanische Siegelmeisterin vernehmen und zog damit zuverlässig die Aufmerksamkeit des Truchsess’ auf sich.
„Was mich zu der Frage bringt, Eminenz, wie halten wir es eigentlich mit unserer ständig absenten Erzkanzlerin?“, fragte er schneidend und Brin stellte sich auf eine weitere hitzige Diskussion zu diesem Thema ein, denn ja: diese Frage musstegeklärt werden.