Eine Hochherrschaftliche Hochzeit
Oder: Adelige Winkelzüge unter dem Brennglas

Beteiligte Personen:
Rechhild Dornbühler, eine Kuhmagd aus Baliho
Wallfried Altenwehr, ein Kuhbursche aus Baliho, Anführer der kleinen Truppe

Auf dem Karrenweg nach Pallingen, Anfang Efferd 1043 BF
Staub brannte in Rechhild Dornbühlers Augen, nichtsdestotrotz ließ sie die Peitsche knallen, um das Hornvieh auf dem Karrenpfad zu halten. Vor ihnen zeichnete sich dunkel der näher rückende Bärnwald ab. Die Balihoer Gelben muhten missgelaunt. Links und rechts der Straße lockten halbwegs grüne Weiden und das war allemal angenehmer, als die Staubpiste, der sie folgen mussten. Es war aber auch ein heißer und vor allem fürchterlich trockener Sommer gewesen.

Die Kuhmagd gab ihrem Zossen die Sporen und schloss zu Wallfried Altenwehr auf, der ihre kleine Truppe anführte. Wie alle anderen Viehtreiber hatte er sich ein buntes Tuch vor Nase und Mund gebunden. Gerade zog er es nach unten und spuckte in hohem Bogen aus. „Hoffe nur, die haben in Pallingen ein halbwegs anständiges Bier!“, knurrte er.

Die Dornbühlerin nickte. Das hoffte sie auch, wenngleich sie es bezweifelte. Außer in Baliho, bekam man in Weiden kaum irgendwo war anständiges zu saufen. „Was wollen wir nochmal in diesem Kaff hier?“

„Kaff?“ Wallfried lachte und schüttelte den Kopf, „Sag’ das bloß nicht, wenn wir erst da sind. Pallingen soll mal die Grafenstadt von Bärwalde werden. Wichtig, wichtig!“

Rechild spähte nach vorne. Nein, seit sie dies das letzte Mal getan hatte, war Pallingen nicht gewachsen, es war immer noch ein Kaff. Gut, überragt wurde es von einer anständigen Burg, aber das machte es noch nicht zu einer Stadt. Jedenfalls nicht in den Augen der aus der Balihoer Stadtmark stammenden Kuhmagd.

„Grafenstadt, verstehe. Na, da haben die aber noch was vor sich, ehe das wie ne Stadt aussieht. Soll mir egal sein. Und wer von da hat diese stattliche Herde sommerfetter Ochsen bestellt?“

Der Vollstrecker warf ihr einen amüsierten Blick zu. „Kriegst so gar nix mit, eh, Dornbühlerin? Da wird eine Hochzeit gefeiert, eine gräfliche. Die Erbin der Walderia von Löwenhaupt heiratet und das wird kommenden Mond groß gefeiert. Dafür die Ochsen.“

„Ah“, Rechilds Gesicht hellte sich auf, „stimmt, davon habe ich gehört. Die olle Walderia hat ein junges Mädel als Tochter angenommen und die tut sich mit einem hübschen Barden um. Das hat mir so ein Finsterbach-Flößer erzählt, der auf einen Humpen im Bunten Ochsen war. Eine Geschichte, die zu Herzen geht, gibt’s ja nur noch selten.“

„Davon hast du also gehört, ja?“ Wallfried lachte in sich herein. „Wenn nur alles so mühelos reisen würde wie Gerüchte. Is nur kein Barde, denn sie kriegt, die Tochter. Heißt übrigens Griseldis von Pallingen, die Gute, und die Burg da ist der Stammsitz ihrer Familie. Darum wird der Flecken wohl auch Grafensitz. Nach allem was man hört, ist er zwar nicht so geschichtsträchtig, wie der bisherige in Olat, aber um Längen bequemer.“

Letzteres schien Rechild nicht zu interessieren, denn sie fuhr Wallfried beinahe ins Wort. „Wie, kein Barde? Wieso denn nicht? Die lieben sich doch!“

„Ach Mädchen, als ob das zählt. Der hat nix in der Tasche, der hat keine Burg und der hat kein … ähm … den kennt keiner. Oder so. Und die junge Pallingerin wird ja mal Gräfin, also braucht sie wen, der wichtig ist. Darum kriegt sie jetzt nen Rabenmund.“

„Was? Ein Rabenmaul? Einen aus der Verrätersippe?“ Der Kuhmagd war vollends aus der Ruhe gebracht.

„Du liebes Bisschen, seit wann interessierst du dich denn für das ganze Adelsgezösele? Ich dachte, das sind alles nur fette und faule Nichtskönner, die sich auf unsere Kosten durchfressen.“

„Stimmt ja auch alles, wobei unsere Weidener Adligen ja wenigstens noch kämpfen können. Aber all die anderen sind überflüssig, wie ein krummliegender Furz.“ Erklärte die Dornbühlerin aufgebracht. „Ich kann ja auch nix dafür, wenn ich zufällig was aufschnappe und das hab ich halt, als ich im Bunten Ochsen war. War ‘ne gute Geschichte und noch dazu umsonst, also habe ich zugehört. Hätt‘ste sicher auch getan, wenn du nicht besoffen im Eck gelegen hätt‘st.“

Wallfried schnaubte gleichgültig, derweil seine Augen noch immer amüsiert blitzten. „Ihr Weiber seid halt doch alle gleich! Kaum faselt wer von wahrer Liebe, die noch dazu in Adelskreisen ihre rahjensroten Kreise zieht und schon ist alles Wettern und Zetern vergessen, eh?“

„Gar nicht!“, protestierte Rechhild und schniefte erbost. „Aber nachfragen werd ich doch noch dürfen, wo ich doch ganz andere Geschichten gehört habe. In denen war die junge Gräfin ganz hin und weg von ihrem Barden und es war ihr schnurzpiepegal, dass der Heldentrutzer Graf den am liebsten in den Blautann jagen würde, oder Schlimmeres. Ein Rabenmund kam jedenfalls in keiner der Geschichten vor.“

„Ja nun, so ist das aber und der Kerl nun der lachende Dritte. Scheint, die Familie besinnt sich wieder auf das, was sie am besten kann.“

„Das Reich verraten?“

„Neiiiin“, der Kuhbursche schüttelte heftig den Kopf und musste dabei so herzlich lachen, dass ihm Tränen helle Spuren in das staubbedeckte Gesicht zeichneten. „Heiraten! Das doch deren Wappenspruch, also irgendwie was mit glücklich und heiraten. Ab davon sind das nicht alles Verräter, Hildi, sonst hätt die gute Kaiserin sicher keine auf den Thron der neuen Markgrafschaft gesetzt.“

„Pah!“, entfuhr es der Dornbühlerin, „das mag so sein, aber ich würd‘ einem aus der Sippe trotzdem nicht den Rücken zudrehen und was das glücklich sein und heiraten angeht: das kann ich mir echt nicht vorstellen. Zumindest nicht bei der Pallingerin, denn deren verwöhntes Herzchen schlägt für ihren Creyenacher und ich lass mir nix anderes erzählen! Aber im Grunde isses mir auch egal. Liefern wir unsere Ochsen ab, streichen die Restzahlung ab und dann nix wie zurück nach Baliho. Hier is’ mir zu viel Landschaft.“