Dramatis Personae

 

Blutmond: Der Feind regt sich

Bärenburg, Herzogenstadt Trallop, Mitte/Ende Rondra 1047 BF

„Und? Wie ist sie so, die Wolkensteinerin? Hattest du schon das Vergnügen?“, Walpurga hob interessiert die Brauen.

„Nur ein einziges Mal und auch nur sehr kurz. Ich schätze, als Vögtin bin ich für sie nicht so interessant. Sie hält es wohl für wichtiger, sich mit den Baronen in ihrem näheren Umfeld gut zu stellen“, Irlgunde zwang ein Lächeln auf ihre Lippen, das das Kunststück vollbrachte, zugleich pikiert und geringschätzig zu wirken.

„Ist dann ja sehr bedauerlich für Hochgeboren, dass sie zwischen Altentrallop, Mauterndorf, Östlingen und Schroffenfels sitzt“, meinte Arlan mit einem amüsierten Blitzen in den Augen.

„Na, es gibt ja auch noch Fuchshag, Adlerflug und Zollhaus. Damit dürfte sie erstmal genug zu tun haben“, Irlgunde hob gleichmütig die Schultern.

„Wenn es da mit der Arschkriecherei reicht, fällt ihr ja vielleicht doch wieder ein, dass es noch ein paar andere Nachbarn gibt.“

„Ich habe es schon oft gesagt und wiederhole mich an dieser Stelle gern noch mal“, hob Walpurga nach kurzem Innehalten an, „Ich würde nicht einen Lidschlag zögern, aus dir eine Baronin zu machen, Schwester. Was du in Schroffenfels geleistet hast, ist mehr als beachtlich. Daran wären die meisten kläglich gescheitert. Es wird Zeit, dass du dafür die gebotene Anerkennung erhältst, und es schert mich nicht im Geringsten, was meine Tante dazu sagt. Ich glaube eh nicht, dass sie das Lehn für ihren Enkel zurück will. Sie scheint die Augen eher auf Mittenberge gerichtet zu haben.“

„Na“, Irlgunde hob abwehrend die Hand. „Niemals! Nicht solange dieser Graf auf dem Thron sitzt, Walli. Ich bin lieber dir Rechenschaft schuldig, als mich vor Bunsenhold verantworten zu müssen. Mit Baronin Walpurga kann er nicht umspringen, wie er es mit Baronin Irlgunde tun würde. Dass du in der Sache drinhängst, zwingt ihn zur Mäßigung.“

„Ach, Gundel ... .“

Die Herzogin seufzte aus tiefstem Herzen und Aldewein senkte schnell den Kopf, um das Grinsen zu verbergen, das just auf seine Lippen drängte. Er schaffte es sogar, ein belustigtes Kopfschütteln im Anbetracht der albernen Spitznamen zu unterdrücken, mit denen die Damenschaften einander gern liebevoll foppten. Dennoch wurde Walpurga aus irgendeinem Grund auf ihn aufmerksam. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie sie sich ihm zuwandte und fragend die Brauen hob.

„Wolltest du etwas sagen, Aldewein?“, hakte sie schnippisch nach.

„Keineswegs! Ich wüsste gar nicht, was ich dazu sagen soll.“

„Dann sag was zum neuen Amt deines Bruders“, fuhr Walpurga fort. „Dazu wird dir ja hoffentlich was einfallen, hum?“

Aldewein nickte beflissen und griff nach seinem Humpen, um das Grinsen in einem großen Schluck Bier zu ertränken, ehe er den Blick hob, um die Löwenhaupterin pflichtschuldig anzusehen.

„Sicher! Was willst du denn wissen?“

„Wie lässt es sich an? Was hat er vorgefunden? Stimmt es etwa, dass Herrn Firians Witwe Burg Firnhag leergeräumt und zugesperrt hat, bevor sie gegangen ist?!“

„Nun, wenn ich das...“

„Emmeran soll sich glücklich schätzen, dass sie das Ding nicht angezündet und die Mauern niedergerissen hat. Ne Burg braucht in Schneehag ja eh keiner mehr, wenn dort nicht gegen den Ork gekämpft werden soll. Ebnen wir ihm doch einfach direkt einen möglichst bequemen Weg ins Landesinnere, wie wäre das?“

Arlans Worte sorgten dafür, dass es an der Tafel totenstill wurde. Für einen Moment jedenfalls. Einen schrecklich langen Moment, in dem man eine Fee hätte husten hören können. Aldewein sah, wie sich Walpurgas Stirn gefährlich wölbte und Linnea mit einer beschwichtigenden Geste nach der Hand des Prinzen griff, ehe sie schmunzelnd den Kopf schüttelte.

„Klingt, als würde der verblichene Baron von Schneehag aus dir sprechen, Arlan“, meinte Aldewein in dem Bemühen, die Wogen ein bisschen zu glätten. „Dem würde eine solche Rede sicher gefallen, das macht sie aber nicht unbedingt wahrer.“

„Nicht? Mir war, als wäre Herrn Firians – Boron hab ihn selig! – Familie entlehnt worden, weil er es gewagt hat, den Ork anzugreifen? Eine Entscheidung, die mir bislang noch niemand so richtig erklären konnte“, Arlans Augen wurden schmaler, als sein Blick von Aldewein zurück zu Walpurga wanderte. „Sind wir uns sicher, dass das nicht wieder so eine Ausfallerscheinung deines Vetters war? Allein von Zorn getragen? Etwas, das er später bitterlich bereuen wird?“

„Die Sache liegt nicht so einfach, wie du sie dir machst, Arlan. Und langsam fange ich an, mich zu fragen, wie es mir je gelingen soll, dir dieses Bedürfnis nach Simplifizierung auszutreiben.“ Die Herzogin schnalzte leise und verzog unwillig die Lippen, ehe sie sich räusperte:

„Der Schneehager hat nicht etwa gegen Orks in seinem Lehn gekämpft, um dieses zu verteidigen. Er ist in den Finsterkamm gezogen und hatte fast sein gesamtes Waffenvolk dabei, hat sein Land also derweil entblößt. Was noch viel schwerer wiegt als das: Er hat für sein Unterfangen einen Zeitraum gewählt, in dem Emmeran eben solche Alleingänge strengstens untersagt hatte. Ohne Rücksprache, versteht sich. Wie es zuvor auch schon ein paarmal geschehen war. Weshalb Emmeran ihm angekündigt hatte, dass ein weiterer Verstoß dieser Art schwere Konsequenzen haben würde. Man muss schon sehr stur und unvernünftig sein, um eine solche Warnung aus seinem Mund in den Wind zu schießen. Da sind wir uns hoffentlich alle einig.“

„Ja, ich weiß doch. Füße stillhalten, um nicht für Aufruhr im Finsterkamm zu sorgen, während dort allenthalben Späher unterwegs sind, um rauszufinden, was eigentlich los ist. Aufklärung, wegen der gravierenden Vorfälle in den vergangenen Monden, der Sichtung von Zholochai, wo keine hingehören ... und so weiter ...“, Arlan machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wie lange sollte das mit der Aufklärung denn bitte dauern, hum? Das Ganze hat sich über Monde hingezogen. Irgendwann würde man ja gern auch mal wieder zuschlagen, wenn der Ork seinen Pelz zeigt. Ich kann den Sinn hinter der ewigen Warterei nicht erkennen.“

„Das Abwarten fällt uns allen schwer, da gibt es kein Vertun“, pflichtete Aldewein dem Prinzen bei. „Zumal ja mittlerweile jedem klar sein dürfte, dass etwas schwer im Argen liegt.“ Er ließ seinen Blick durch die Runde gleiten und erntete von allen Seiten zustimmendes Nicken. „Allein, im Finsterkamm, also auf dem angestammten Gebiet der Gharrachai, zu kämpfen, ist von jeher ein Wagnis. Vor allem, weil Ritter dort oben im Gebirge ihre größte Stärke selten ausspielen können. Pferde sind oft nutzlos, da sollten wenigsten alle anderen Sterne günstig stehen. Wer gut aufklärt, rennt halt nicht blind in sein Verderben – wie
es der Schneehager leider getan hat“, Aldewein hob die Schultern.

„Vielleicht wäre er ja nicht in sein Verderben gerannt und hätte statt einer blutigen Niederlage einen bedeutenden Sieg eingefahren, wenn es noch ein paar mehr Streiter mit seiner Entschiedenheit gegeben hätte? Wenn jemand mit ihm gezogen wäre und ihm beigestanden hätte, statt dass er sich da oben ganz allein verzettelt?“

„Ich würde es weniger als Entschiedenheit und mehr als Besessenheit bezeichnen, Arlan“, warf Irlgunde vorsichtig ein. „Wenn du damals auf dem Baronsrat gewesen wärst, hättest du es selbst gesehen. Dann wüsstest jetzt du genau, wovon ich rede.“

„Ja gut, Tantchen, man kann auch schon mal ein bisschen grimmig werden, wenn man sich in einem fort den Mund fusselig redet und niemand zuhören will“, er verschoss einen herausfordernden Blick in Richtung seiner Mutter, die daraufhin bloß tadelnd den Kopf schüttelte. „Mag sein, dass das bei zart besaiteten Gemütern wie Besessenheit ankom...“

„Zart besaitet? Ich glaube, es hackt, Bursche! Du wirst ja wohl nicht die Unver...“

Irlgunde fuhr zornig auf, kriegte sich aber sofort wieder ein, als ihr Blick auf das breite Grinsen des Prinzen fiel. Er hatte sie absichtlich getriezt und sie war darauf hereingefallen, als müsste sie es nicht längst besser wissen.

Auch Aldewein konnte sich im Angesicht dessen ein Feixen nicht verkneifen. Wenn er erkannte, dass ein Gespräch zu nichts führte, war Arlan mitunter durchaus bereit, einzulenken --- in seltenen Fällen sogar ganz umzukehren. Er tat das meist nicht sonderlich elegant, aber letztlich zählte ja vor allem der gute Wille.

„Ich denke, wir kommen in der Sache nicht zusammen“, meinte er nun an seine Mutter und deren beste Freundin gewandt. „Es wird Euch nicht gelingen, mich davon zu überzeugen, dass es klug und angemessen war, eine dermaßen kampfstarke und alte Baronsfamilie zu entlehnen. Vielleicht lassen wir es einfach dabei bewenden?“

Nachdem das gesagt war, hob Linnea zum ersten Mal die Stimme – freundlich lächelnd und mit einem entschuldigenden Schulterzucken: „Arlan hat dich vorhin unterbrochen, Aldewein. Wie wäre es, wenn du unsere Neugier jetzt doch noch befriedigst und erzählst, was Herr Ewalt auf Burg Firnhag vorgefunden hat? Ich denke, das interessiert nicht nur Walpurga.“

„Sicher“, Aldewein nickte und setzte erneut an. „Nun, also, wenn ich das...“

Weiter kam er auch diesmal nicht, denn plötzlich tat es einen riesen Schlag: Die Tür wurde aufgerissen und Aldewein erschrak, als er das blasse, angespannte Gesicht seines älteren Bruders gewahrte. Dann glitt sein Blick auch schon weiter. Hinüber zu einer ziemlich abgerissen und sehr erschöpft aussehenden Schwarzfeder, die hinter Eberwulf in den Raum trat. Als der Mann sah, wer alles an der Tafel saß, blieb er wie angewurzelt stehen.

„Entschuldigt die Störung, aber es ist von immenser Wichtigkeit und duldet daher keinen Aufschub“, hob Eberwulf sogleich an. Ganz ohne Gruß, was die Dringlichkeit seines Anliegens nur noch klarer werden ließ. „Dies hier ist Kuniwig Schlehknüppel, der direkt aus Nordwall kommt und vom Wachtgrafen mit schlimmer Kunde geschickt wurde.“

„Dann sprich!“, wandte sich Walpurga direkt an den Soldaten.

Der öffnete den Mund ein paarmal, brachte aber keinen Ton hervor und warf schließlich einen flehenden Blick in Eberwulfs Richtung.

Aldeweins Bruder nickte gnädig und legte sofort los: „Herr Halgan lässt ausrichten, dass Nachricht von einer Belagerung Burg Gramsteins Nordwall erreicht hat. Turm und Dorf Tennach sind offenbar gefallen und es gab Angriffe von Orks auf mehrere weitere Wachttürme, bis mindestens hoch nach Hohenhain. Die Lage ist unübersichtlich, er hat nicht genug Leute, um sie hinreichend aufklären zu können, geschweige denn, überall da zu sein, wo der Schwarzpelz gerade zuschlägt. Er bittet daher um Verstärkung – nicht nur hier, sondern auch in Reichsend und offenbar bei allen Schwertern der Trutz.“

Schwerter der Trutz. Das war er!

Aldewein erhob sich, ohne zu zögern, derweil er den Guten Göttern im Stillen dafür dankte, dass seine Frau und die Kinder sich gerade in Trallop aufhielten. Sie hatten kürzlich den 99 Tsatag seines Schwiegervaters Pagol gefeiert und erst in ein paar Tagen die Rückreise antreten wollen. Was die anderen auch tun würden. Erst mal schön hierbleiben. Er hingegen ...

„Ich verabschiede mich von meiner Familie und breche dann auf“, meinte er kurz angebunden.

„Nicht allein!“

Aldewein warf einen überraschten Blick zu Arlan hinüber, der ebenfalls aufgestanden war – und mit ihm Linnea.

„Wir begleiten dich“, meinte der Prinz jetzt. „Der Tag ist zwar nicht mehr ganz frisch, aber bis Mittenberge sollten wir es heute noch schaffen. Olben, mit etwas Glück.“

„Allein?“

„Natürlich nicht! Mit meinen Leuten. Den Berittenen.“

„Das dauert zu lange, Arlan“, Aldewein schüttelte den Kopf. „Bis die alle bereit sind, bin ich schon dreimal i...“

„Dauert zu lange, Papperlapapp!“, fiel der Prinz ihm energisch ins Wort. „Die halten sich schon seit Monden bereit und warten nur darauf, dass sie endlich zu den Waffen gerufen werden. Mach du lieber schnell mit deinem Abschied, sonst reiten wir ohne dich los!“

Aldewein blinzelte irritiert und hob entschuldigend die Hände, derweil Arlan sich von ihm ab- und stattdessen der Schwarzfeder zuwandte:

„Und du siehst zu, dass du was zu essen und ein frisches Pferd kriegst, Kuniwig. Du kommst auch mit und beantwortest uns auf dem Weg zu Halgan ein paar Fragen über die Lage in der Trutz. Was der Haushofmeister da gerade erzählt hat, wird ja wohl kaum alles sein, worüber du berichten kannst, oder?“

„Ähm ... ja, Herr. Oder ... nein?“, stotterte der arme Kerl. „Ich mein: Ja, mach ich, wie Ihr gesagt habt. Und nein, ich kann natürlich mehr sagen, wenn wir unterwegs sind.“

„Trefflich!“ Damit ließ Arlan den Soldaten Soldat sein und richtete das Wort an die Herzogin: „Wie besprochen, Mutter?! Du lässt mich ziehen, ja? Ohne dass wir darüber vorher noch mal reden müssen?“

„Selbstverständlich“, Walpurga nickte, während sie sich ebenfalls erhob. „Aber nicht, ohne dich in mütterlicher Sorge noch mal zur Vorsicht und Umsicht zu ermahnen. Dazu, nicht zu handeln, ohne vorher nachzudenken, und mir keine Schande zu bereiten. Hörst du?!“

„Verstanden“, Arlan nickte.

„Dann komm her und lass dich umarmen. Du auch, Linnea!“

Das war das Ende ihres Mittagessens in trauter Runde. Aldewein hätte sich ein Schöneres vorstellen können, war als Trutzer aber Kummer gewohnt. Besser das hier, als auf einer von Schwarzpelzen belagerten Burg zu hocken, wie sein Waffenbruder Walthari von Leufels es offenbar gerade tat.