Ein Morgen wie kein zweiter
Baronie Nordhag, 16. Efferd 1046 BF
Aleria schrak hoch und schaute aus dem Fenster. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. „Wie viel Zeit mochte wohl vergangen sein?“ Sie zog die Bettdecke weg und glitt aus dem Bett. Dann wusch sie sich an der bereitgestellten Waschschüssel und öffnete ihre Kleidertruhe. Nach einer kurzen Überlegung legte sie sich ein Unterkleid, eine grüne Tunika, Stiefel und Ledermieder bereit. Kurz betrachtete sie sich nachdenklich im Spiegel. Die Narben auf ihrem Bauch waren gut verheilt und nur noch dünne weiße Linien auf ihrer Haut. „Keine Eitelkeiten, frisch ans Werk.“, tadelte sie sich selbst. Sie band ihre Haare zu einem dicken Zopf und kleidete sich an. Gewissenhaft prüfte sie ihr Schwert, steckte es zurück in die Scheide an ihrem Gürtel und verließ ihr Zimmer. Im Gang davor lehnte sie sich an die Wand und blickte durch die Schießscharte nach draußen. Dabei summte sie leise ein Lied. „Habe ich mich erschrocken, Herrin. Ich hatte euch da nicht stehen sehen.“ Aleria schmunzelte und drehte sich zu der noch sehr blonden Magd um, die ein Tablett in den Händen hielt. „Ach Luzelin, du Träumerle. Wir waren doch hier verabredet?“ Die Magd schaute verlegen zu Boden. „Es ist schon gut. Geh wieder schlafen und danke hierfür.“ Die Ritterin nahm ihr das Frühstückstablett ab und wartete noch einen Moment, bis sie um die Ecke verschwunden war. Dann stellte sie das Tablett auf ein Schränkchen und klopfte an Wilfings Tür. „Seid ihr schon auf? Ich wollte euch zum gemeinsamen Frühstück einladen. Draußen regnet es ein wenig, daher dachte ich wir könnten in mein Arbeitszimmer gehen und uns ein wenig unterhalten?“
Im Stillen dankte der Ritter dem guten Alberich für den Hinweis, dass die Hausherrin bereits gut vor der Praiosscheibe ihr Tagwerk zu beginnen pflegte. Er selbst war auch kein Langschläfer, aber so zwei- bis dreimal hätte er sich wohl noch umgedreht, stattdessen saß er schon gewaschen und angezogen auf der Truhe und wartete darauf, dass sie ihr Gemach verlassen würde. Rasch erhob er sich, tat zwei schnelle Schritte und öffnete die Tür. Sie lächelte ein wenig verlegen und sah Wilfing fragend an. „Verehrte Aleria, welche Freude euch wiederzusehen. Ich könnte mir nichts vorstellen, dass ich lieber tun würde, als gemeinsam mit euch zu frühstücken.“ Er musterte ihr Gesicht und musste arg mit sich ringen, ihr nicht sanft über das Gesicht zu streicheln. „Es wundert mich nicht, dass sich die Praiosscheibe hinter Wolken verbirgt, gegen die Kraft und Schönheit eures Lächelns wirkt sie doch nur fahl und matt!“ Seine Augen weiteten sich etwas, hatte er das wirklich gerade laut gesagt? Aleria stand mit großen, staunenden Augen und rang nach Worten: “Also, äh, so etwas hat noch nie… also ich… äh.” Dann lächelte sie verlegen, nahm das Tablett und ging voran. “Kommt und seid leise. Das Haus schläft noch.”, flüsterte sie. Erleichtert atmete Wilfing auf. Er hatte sie zumindest nicht erzürnt. Ihm kam es sogar so vor, als ob er sie positiv überrascht hätte. Er nickte lächelnd und folgte ihr. Wie sie so vor ihm ging, kam er nicht umhin, ihre Figur zu bewundern. Wie hatte ihm diese Frau damals in Grasenweg nicht sofort als solche auffallen können? Wie gerne wollte er sie jetzt einfach in die Arme schließen und sie niemals wieder loslassen. Sie folgten dem Gang, den Alberich ihn in der Nacht zuvor geführt hatte. An der Tür zum Treppenhaus vorbei blieb Aleria vor einer schweren Eichentür stehen und reichte Wilfing das Tablett. Dann zog sie einen Bund Schlüssel hervor und schloss die Tür auf.
Hinter der Tür befand sich ein geräumiges Zimmer mit einem großen Kamin, vor dem zwei Sessel standen. An der Fensterseite war ein riesiger Schreibtisch, auf dem allerlei Dokumente, Karten und Bücher lagen. Im Fenstererker dahinter waren zwei Bänke eingelassen, wo eine zusammengerollte weiße Katze auf einem dicken Kissen schlief. An der rechten Wand hing ein größerer Wandteppich mit einer Jagdszene. Daneben hingen einige ungewöhnlich schlanke Schwerter. An der Wand gegenüber dem Fenster stand ein großes Bücherregal. Ein paar Holzfiguren standen zwischen den Büchern. Über dem Kamin hing das Wappen des Hauses und der Baronie Nordhag. Auf dem Kaminsims lagen einige Pfeifen. Aleria nahm Wilfing das Tablett wieder ab und stellte es auf den Beistelltisch zwischen den Sesseln. Sie schenkte sich und Wilfing einen Becher Kräutertee ein und machte es sich in dem rechten Sessel gemütlich.
Interessiert blickte sich Wilfing in dem Raum um. Der Wandteppich hielt seinen Blick fest und er betrachtete ihn interessiert, dann fielen ihm die schlanken Klingen auf. Es war sicher nicht einfach solch eine zierliche und bestimmt leichte Klinge zu führen, wenn man Langschwert und schweren Dolch oder den wuchtigen Zweihänder zu führen gewohnt war. Der Duft des Kräutertees lenkte Wilfings Aufmerksamkeit wieder auf den kleinen Tisch, die beiden Sessel und vor allem auf Aleria. Ihrem Beispiel folgend setzte er sich ebenfalls und nahm sich seinen Becher. Wieder musterte er das Gesicht der Rothaarigen, jedes ihrer Feenküsschen war ihm derweil vertraut geworden. So oft hatte er ihr Gesicht bereits bewundert, dass er, wenn er denn zeichnen könnte, ihr Gesicht auswendig hätte nachzeichnen können. Dann nahm auch er einen Schluck des heißen Getränkes. Nur widerwillig löste er seinen Blick von ihr, was sollte sie nur von einem Kerl denken, der sie nur tumb anstarrte? Er blickte in das Feuer des Kamins und überlegte, was er sagen sollte.
Mit geschlossenen Augen genoss sie für einen Moment das Aroma des Tees. Dann musterte sie Wilfing. “Das war sehr nett, was ihr da vorhin gesagt habt.”, platzte es plötzlich aus ihr heraus. Verlegen schaute sie in die Flammen des Kamins. “Ich denke, ich höre so etwas gerne aus eurem Mund. Vor euch hat noch nie jemand um mich geminnt” Sie nahm einen weiteren Schluck Tee, ohne ihn anzusehen. War sie zu weit gegangen? Ohne den Blick vom Tanz der Flammen zu nehmen, stellte er den Becher ab, atmete tief ein. Jetzt oder nie Wilfing: „Aleria? Ich bin kein so wortgewandter Mann wie mein Freund Grimold, deswegen verzeiht, wenn ich direkt sage, was ich denke!“ Sein Blick wanderte vom Feuer des Kamins zu ihr herüber. Sie musterte ihn neugierig. „Ich gestehe euch meine Liebe. Seit wir uns in Nordhag wieder getroffen haben, ist keine Stundenkerze heruntergebrannt, ohne dass ich an euch gedacht habe. In euch sehe ich alles vereint, was ich erhofft habe, wenn ich mir die Frau vorgestellt habe, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte. Ihr seid die schönste Frau, die ich je erblickt habe. Ihr seid klug, schlagfertig, mutig, gefühlvoll, entschlossen, eine geschickte, unerschrockene Kämpferin, zäh und zuversichtlich.“ Fast schon verzweifelnd hob er die Hände: „Ich habe gar nicht genügend Worte, um zu beschreiben, wie einzigartig und wunderbar ihr in meinen Augen seid. Aleria könnt ihr euch vorstellen, euren weiteren Lebensweg mit mir gemeinsam zu gehen?“
Er hatte es getan! Noch nie in seinem Leben hatte er sich so verwundbar, so ausgeliefert und gleichzeitig so befreit gefühlt. Aleria hörte aufmerksam zu, als Wilfing begann und nickte sanft, während er sprach. Ihre Augen bewegten sich schnell und musterten sein Gesicht. Als er geendet hatte, entstand für einen Moment eine unangenehme Stille, die nur von dem Knacken und Knistern im Kamin unterbrochen wurde. Ihr Gesicht leuchtete im flackernden Schein des Feuers rot und kurz zeigte sich wieder die Zornesfalte auf ihrer Stirn, die kurz danach einem Lächeln wich. Aufmerksam musterte er sie. Das Zusammenspiel des roten Widerscheins und ihrer Mimik jagte ihm einen leichten Schauer über den Rücken. So musste Rondra aussehen, bevor sie sich in die Schlacht stürzte. Diese Frau war so unglaublich schön und wenn er eine Rondra-Statue anfertigen müsste, würde er ein Abbild von ihr erschaffen. Egal ob in Wut oder Zuneigung, diese Frau strahlte immer eine unglaubliche Anmut aus, wie es nur eine Göttin konnte.
Langsam stellte sie ihre Teetasse zurück auf das Tablett und legte die Hände locker auf ihre Knie, während ihr Blick jetzt sanft und gutmütig auf Wilfing lag. Sie erhob sich, stellte sich an den Kamin und blickte in das Feuer. Nach einer Weile drehte sie sich zu Wilfing um. Einen Moment noch blieb sie still vor ihm stehen. Dann ging sie langsam auf die Knie und legte ihre Hände in seine. Wilfings Herz drohte vor Aufregung und Ungewissheit, seinen Brustkorb zu sprengen. Ob sie wohl magische Fähigkeiten hatte? Manchmal glaubte er, in ihrem Gesicht lesen zu können, was sie bewegte und wie sie wohl reagieren würde. Auch wenn er nicht immer nachvollziehen konnte, warum und was sie zornig machte. Und dann gab es Situationen wie jene. Er konnte erkennen, dass sie nicht wütend auf ihn war. Das war schonmal ein gutes Zeichen. Aber ob sie mit ihrem Schweigen nun nach einem Weg suchte, um ihm möglichst schonend beizubringen, dass er sicher nicht der Mann an ihrer Seite sein würde? Oder würde sie sich noch etwas Zeit erbeten, um sich ihrer eigenen Gefühle bewusst zu werden. Er konnte es nicht sagen. In ihm wuchs die Überzeugung, dass sie ihm nur erlaubte, hinter ihre Mauer zu blicken, wenn sie es für richtig hielt.
Aleria wählte ihre Worte mit Bedacht. Etwas ungewohnt Sanftes lag in ihrer Stimme: “Ihr seid ein sehr tapferer und mutiger Mann, Wilfing von Eisegraîn. Ein Ritter, der sich seinen Drachen stellt. Manchmal hatte ich befürchtet, ihr hättet Angst vor mir. Und manchmal glaubte ich, dass dies wieder so ein verletzendes höfisches Spielchen ist, das ich nicht beherrsche. Aber ich erkenne, ihr seid nicht die Art von Höfling, die mit den Gefühlen anderer spielen würde.”, sie machte kurze Pause. Das Feuer knisterte im Kamin. Dann sprach sie weiter: “Jetzt, da ihr mir zuvorgekommen seid, kann ich mir gut ausmalen, wie ihr euch im Inneren fühlen müsst. Und so großartig wie ihr mich beschreibt, bin ich gewiss nicht. Ich habe nur immer brav getan, was man von mir verlangte. Und bin dann so unvorbereitet mit dem Erbe meiner Familie belastet worden. Gegen Wölfe, Bären, Drachen oder Orks zu streiten, ja darauf war ich gefasst. Für die Leuin wollte ich mein Leben geben. Und dann kam alles anders.” Sie sah ihm in die Augen und strich mit der Rechten sanft über seine Wange. Wilfing runzelte die Stirn. Hatte er richtig gehört? Sagte sie zuvorgekommen? Alles in ihm wollte jubeln, aber er zwang sich die Ruhe zu bewahren und nicht den Moment durch überstürztes Handeln zu zerstören.
“Meines Vaters Wunsch war es immer, dass wir Kinder in den Rängen des Adels aufsteigen mögen. Einen Ort schaffen, an dem das Haus Feljatens gedeihen kann. Dafür hat er sein Leben lang gekämpft. Dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir sein Wunsch gleichgültig ist. Denn ihr seid gewaltsam in mein Leben eingedrungen und bietet mir etwas, das ich nie zu erträumen wagte.” Sie stand wieder auf und zog Wilfing hoch und er folgte ihrer Führung. Liebevoll blickte er auf die Frau seines Herzens und drohte wieder einmal in ihren Augen zu versinken. Sie schaute zu ihm auf. ”Was du da vorschlägst, wird nicht einfach werden. Ein herzoglicher Vogt und eine Baronin müssen konsultiert werden. Der Name Feljaten darf nicht verloren gehen. Wenn du mich auf meinem Weg begleiten willst, Wilfing von Eisegrain, werden uns sicher harte Zeiten bevorstehen. Und vielleicht wird dir auch nicht jede meiner Entscheidung gefallen. Aber ich bin dazu bereit, den Bund mit dir einzugehen, wenn du mich nur machen lässt.” Sie kam einen Schritt näher, drückte ihren Kopf gegen Wilfings Brust und umarmte ihn. Wilfing konnte sein Glück nicht fassen. Kurz blickte er zur Decke und dankte den Göttern. Dann schloss er sie in seine Arme. Mit ruhiger Stimme begann er zu sprechen: „Das Haus Eisegrain hat außer mir noch zwei Erben, zwei starke und junge Herzen, die den Namen Eisegrain in die Zukunft tragen können. Sorge Dich also nicht, Feljaten soll künftig auch mein Name und mein Haus sein.“ Er küsste sie auf die Stirn: „Gemeinsam werden wir allen Feinden widerstehen und den Traum deines Vaters wahr werden lassen. Das schwöre ich dir, bei der Alveransleuin und bei meiner Ehre!“
Ein neuer Tag bricht an
Aleria schaute zum Fenster und nahm Wilfing bei der Hand. “Komm ich will dir was zeigen.” Sie zog ihn hinter sich her, vorbei an dem Zimmer, in dem er genächtigt hatte, bis sie vor dem dicken dunklen Vorhang standen. Hinter dem Vorhang verbarg sich eine schwere eisenbeschlagene Tür. Aleria holte erneut ihr Schlüsselbund hervor und öffnete sie. Die beiden durchquerten eine kleine Wachstube und kamen an eine Wendeltreppe, die nach oben führte. Oben angekommen, standen sie nun auf der überdachten Wehrplattform des Turms, die über den Giebel des Herrenhauses ragte. Ein einsamer Bogenschütze stand an den Zinnen gen Efferd und nickte den beiden Rittern zu: “Wohlgeboren. Heute seid ihr spät dran.” Aleria nickte der Wache nur kurz zu und deutete dann gen Efferd, wo sich die düsteren Umrisse des Finsterkamms weit in den Himmel erhoben. “Jeden Morgen vor Sonnenaufgang übe ich hier oben, um den Schwarzpelzen zu zeigen, mit wem sie es hier zu tun bekommen.” Sie lachte leise und sah Wilfing belustigt an. “Naja, außer heute. Da hatte ich wichtigeres zu tun, als über die Verteidigung des Raulschen Reiches nachzusinnen.” Dann zog sie ihn an den Rand der rahjawärtigen Zinnen Richtung Hof. “Und dann kommt Herr Praios und schaut, was wir hier so treiben.” In dem Moment blitzte das erste Licht des Morgens über den Horizont und vertrieb langsam die Regenwolken.
Wilfing stand hinter Aleria und bestaunte mit ihr, wie sich die Praiosscheibe erhob. Er hatte seine Arme um sie gelegt und sein Kopf ruhte auf ihrer rechten Schulter. Wange an Wange genossen sie still diesen Moment. Alles um sich herum für diesen kurzen und doch ewig scheinenden Augenblick vergessen. Als die Praiosscheibe in vollem Rund am Firmament stand flüsterte er: „Ich danke dir, dass du diesen herrlichen Moment mit mir teilst.“ Er richtete sich auf, strich ihr sanft über die Haare. „Wir haben zwar noch einige Hürden zu nehmen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir schon sehr bald hier oben gemeinsam den Schwarzpelzen zeigen, dass es für sie hier nichts als den Tod zu holen gibt!“ Er blickte sie zuversichtlich an: „Mit dir an meiner Seite gibt es nichts mehr, das ich fürchte. Wir werden alles erreichen, was wir uns vornehmen.“ Sie strahlte regelrecht, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab Wilfing einen Kuss auf die Wange. Der Ritter genoss es. Er hatte heute mehr bekommen, als er sich in seinen kühnsten Träumen erhofft hatte. Aleria liebte ihn und sie war bereit, die Frau an seiner Seite zu sein. Was sein Bruder wohl sagen würde, wenn er ihm mitteilte, dass er nun künftig das Familienoberhaupt war und für den Erhalt des Hauses Eisegrain zu sorgen hatte? Gut, Tannwulf war inzwischen Firungeweihter und würde das Lehen nicht selbst führen und verwalten können, aber mit einem Dienstritter an der Seite würde es schon klappen. Vielleicht hatte er sogar den geeigneten Mann dafür. Zuerst hatte er an Grimold gedacht, aber der würde wohl kaum vom Rhodenstein nach Frônach ziehen, um wiederum nur Dienstritter zu sein, und er konnte es dem Freund noch nicht einmal verdenken. „Nun, was würde meine künftige Gemahlin jetzt am liebsten tun?“ Aus den Augenwinkeln hatte er bemerkt, dass der Bogenschütze das ungewöhnliche Geschehen zwar diskret und etwas verwundert beobachtete, sich inzwischen aber ganz gen Efferd gewandt hatte und angestrengt nach Orks suchte. „Was ich gerade tun will und was wir tun sollten, ist nicht so ganz im Einklang.”, antwortete sie keck. “Der Anstand und die Pflicht schreit nach der Halle, dem gemeinschaftlichen Frühstück und der Aufsicht über die restliche Ernte.“ Der Ritter nickte zustimmend: “Es ist wirklich gut, eine kluge und vernünftige Frau an meiner Seite zu haben!” Er küsste sie noch einmal auf die Stirn und dann gingen sie gemeinsam hinab.
Die erste Planung
Im Saal des Gutshauses wurde bereits gefrühstückt. Die Frônacher hatten sich unter die Kaltenforster gemischt und ein Außenstehender hätte wohl nie auch nur den Verdacht gehegt, dass zwischen den Bewohnern des Gutes Leute saßen, die dort sonst nicht hingehörten. Angrist, der Waffenknecht und Armbruster war in ein Gespräch mit einem der Waffenknechte Alerias vertieft, Nibelwulf war wieder, oder gar immer noch mit der Köchin in einer Unterhaltung verwickelt und Ullgraîn spielte eine leise, fröhliche Melodie. Der Jägerin ging es blendend an diesem Morgen, hatte sie sich doch sehr in Zurückhaltung geübt, was die alkoholischen Getränke betraf. Die Rotblonde war allerdings die Einzige des Frônacher Trios, die nicht immer wieder zur Tür hinübersah, hinter der ihr aller Dienstherr gestern verschwunden war. Sehr ungewöhnlich, dass der Ritter noch nicht da war, da er doch sonst immer des Morgens der Erste war. Nicht dass sich die beiden Männer sorgten, dem Ritter sei etwas zugestoßen, es war nur einfach ungewöhnlich. Man unterhielt sich über die letzten Ernten, die einzuholen waren und ließ es sich gut gehen, als die beiden Rittersleut eintraten. Nibelwulf hob skeptisch die rechte Augenbraue. Wilfing lächelte, wusste er doch, um das Bestreben des Tobriers, seinen Dienstherren und Freund möglichst vorteilhaft zu verheiraten. Ja, er konnte förmlich sehen, wie Nibelwulf gerade all seine Überlegungen nahm und in die Latrine warf. Angrist war einfach nur erleichtert, dass sein Herr wieder aufgetaucht war. Nur Ullgraîn lächelte sehr zufrieden und nickte Wilfing vergnügt zu, der ihr ein sehr zufriedenes Lächeln schenkte.
„Sind de beide Wohljeboren satt jeworde? Oda wolln se noch wat zum Frühstück?” Die Köchin des Gutes stand von ihrem Platz auf und trat den beiden fragend entgegen. Aleria nickte: “Noch ein wenig Tee wäre gut. Und ein paar Eier.” Dann wandte sie sich an Wilfing. “Uns bleiben nur vierzehn Tage für die Vorbereitung des Festes. Musst du sofort nach Fornach zurück? Oder bleibt ihr noch?” Während sie ihn fragte, trat ein Mittvierziger mit kurzen braunen Haaren, gestutzten Bart und einer sauberen Schürze in die Halle. “Wohlgeboren, Wohlgeboren, ich hörte ihr plant ein Fest? Wie kann unser bescheidenes Gasthaus zum Gelingen beitragen?” Aleria grinste und flüsterte zu Wilfing. “Das wird jetzt lustig.” Tee und Eier, das klang gut, gerade wollte er auf Alerias Frage antworten, als dieser Mann, den der Frônacher vorher noch nie gesehen hatte, die Aufmerksamkeit durch sein, wie Wilfing fand, etwas forsches Auftreten auf sich zog. Aleria wandte sich dem Mann mit dem starken Koscher-Akzent zu: “Mein guter Travihold Rodendörfer hier, betreibt unser Gasthaus im Ort und ist wieder einmal bestens informiert. Zuweilen will mir scheinen, er bespitzelt mich.” Der Angesprochene wurde kreidebleich, wich einen Schritt zurück und verbeugte sich unterwürfig. Noch bevor er etwas zu seiner Verteidigung sagen konnte, setzte Aleria nach. “Travihold, ihr befindet euch in der Präsenz des Herrn auf Frônach, Wohlgeboren Wilfing von Eisegrain. Der unser Gut in Augenschein nimmt. Ihr solltet daher ein wenig Respekt zeigen.” Aleria grinste breit. Die Unterwürfigkeit des Gastwirtes schien sie zu amüsieren. Die übrigen Kaltenforster behandelte sie immer auf Augenhöhe. Mit diesem Gastwirt aber schien sie einen Schabernack treiben zu wollen. “Mein tiefstes Bedauern euer Wohlgeboren. Ich war mir nicht bewusst, dass wir solch einen illustren Gast im Ort beherbergen. Hätte ich das gewusst, hätte ich einen Präsentkorb vorbereiten lassen.”
Alerias Worte ließen Wilfings Unmut sofort wieder verschwinden. Gespannt verfolgte der Ritter das Schauspiel. Und es war ein Schauspiel. Dann kam der Zeitpunkt, an dem Wilfing seinen Einsatz für gekommen sah: “Oh, geschätzter Travibold, hätte ich geahnt, dass ihr einen Präsentkorb für mich bereiten lassen würdet, ich hätte euch selbstredend informieren lassen. Ich verspreche euch, wenn ich das nächste Mal einen Boten schicke, um Wohlgeboren von Feljaten über meinen Besuch zu informieren, wird er, bevor er den Rückweg nach Frônach antritt, bei euch, mein geschätzter Meister Travibold, vorbeikommen und euch persönlich über den geplanten Zeitpunkt meines Besuches informieren. Ich wäre wirklich untröstlich, euch noch einmal in eine so unschöne Situation zu bringen.” Der Ritter hatte während der ganzen Zeit den Wirt mit ernstem Blick angesehen und mit fester Stimme gesprochen. Irritiert sah der Wirt den Ritter an und begann nervös seine Schürze zu kneten. Aleria musste grinsen: „Nun denn? Mir deucht ihr habt Arbeit vor euch. Und mit Irmfried ein Fest vorzubereiten. Ihr dürft euch entfernen.“ Buckelnd zog der Wirt sich zurück.
Aleria setzte sich wieder auf ihren Stuhl und als Wilfing sich setzte, beugte sie sich zu ihm rüber und erklärte leise: „Der Ursprung unserer Familie liegt hier in Weiden. Irgendwann gab es irgendwo mal einen Turm auf dem Katzenstein. Seither waren meine Ahnen als Dienstritter im Raulschen Reich unterwegs. Bis es meine Eltern wieder nach Weiden zog. Als sie das heruntergekommene Gut hier zum Lehen erhielten, luden sie von überall her Freunde ein. Die Köchin aus Albernia, die Wirtsleute aus dem Kosch, woher die beiden Zwerge, die die Schmiede betreiben kommen weiß ich gar nicht. Der Wirt hat früher wohl als Spitzel für einen Nordmärker Baron gearbeitet. Seine unterwürfige Art hat er aus seiner Zeit dort. Das Kommando im Wirtshaus führt seine Frau. Naja, das alles festigt meine Bindung zu den Leuten hier, macht aber auch vieles sehr unformell. Alle hier sind dem Hause Feljaten irgendwie verbunden. Selbst der Müller, der keine Frauen mag, geschweige denn auf dem Mühlhof duldet, zollt zumindest dem Wappen Respekt.“ Wilfing hörte aufmerksam zu und seine Augen weiteten sich bei der Erwähnung des Müller und seiner Eigenart. Was waren das für seltsame Untertanen? Aber andererseits waren sie Aleria und ihrer Familie auf persönlicher Ebene verbunden und dadurch sicher sehr loyal.
Sie nahm einen Schluck Tee und drehte sich zu Wilfing. „Jetzt kennst du meine Leute. Was von meiner Familie übrig ist, ist Oheim Balder und noch ein Oheim in Albernia oder Nordmarken, von dem ich gar nichts weiß.“, sie strahlte und sah Wilfing an, wie ein neugieriges kleines Mädchen. „Und jetzt du. Ich bekomme einen neuen Bruder und eine Schwester? Wie sind die so? Bringst du die zum Fest mit?“ Schlagartig wirkte sie für einen Wimpernschlag, verunsichert und traurig. Dann wieder gefasst und stolz, als sie flüsterte: „Du willst mich doch noch, oder?“ Zur Antwort küsste er sie zuerst, bevor er Worte folgen ließ: „Ich liebe dich Aleria und ich werde dich lieben, solange mein Herz schlägt.“ Mit einem Mal herrschte Totenstille in der Halle, sogar Ullgraîn hatte ihr Flötenspiel abrupt beendet. Wilfing hatte offenbar etwas lauter gesprochen, als er es beabsichtigt hatte.
Die Ritterin strahlte vor Glück. Dann errötete sie und sah zu den Leuten im Raum: “Was glotzt ihr denn so? Habt ihr euer Tagwerk schon vollendet? Los an die Arbeit.” Beim letzten Satz musste sie fast lachen. Sie wartete, bis der Pöbel seinem Tagwerk nachging und die Halle verließ. Dann wandte sie sich an Wilfing, setzte sich einfach auf seinen Schoß und küsste ihn ebenfalls. “Magst Du mir nun von deinem Bruder und deiner Schwester erzählen?” Wilfing war beeindruckt, mit welcher Selbstbeherrschung sie die Situation gemeistert hatte. Ihre Stimme und ihre Mimik waren ernst und autoritär gewesen, nur in ihren Augen konnte man zum Ende hin dieses freudige Strahlen sehen, welches er so liebte. Überhaupt waren es bei Aleria diese tiefgrünen Augen, an denen man immer ihre wahren Emotionen lesen konnte, wie er es noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte. Dass die Augen der Spiegel der Seele sind, traf wohl bei niemandem so sehr zu wie bei ihr. Es war so herrlich ihre Nähe und Wärme zu spüren, als sie sich auf seinen Schoß setzte. Er genoss ihren Kuss und atmete ihren Duft, wieder dankte er allen Überderischen dafür, dass diese Frau seine Gefühle erwiderte.
Anerkennend hob er die Augenbrauen: „Du bist wirklich erstaunlich, sogar meine Leute folgen deinem Kommando, ohne mit der Wimper zu zucken.“ Er lächelte sie verliebt an: „Nicht nur mein Herz hast du im Sturm erobert, sondern auch gleich die Gefolgschaft meiner Leute!“ Dann blickte er zur Tür, durch die das Gesinde verschwunden war. Kurz war eine Art Unsicherheit zu erkennen. Dann atmete er tief durch und sah die Ritterin, die ihn mit neugierigen Augen beobachtete. „Nun, meine Familie. Ja, die Eisegrains sind gefühlt schon seit Ewigkeiten mit dem Gut Frônach belehnt und dem entsprechend ist es auch sehr gut um die Loyalität und Verbundenheit der Bewohner Frônach’s und des Umlandes bestellt, sie kennen es nicht anders, als dass eine Eisegrain auf dem Wehrhof sitzt. Mein Bruder, der Zweitälteste, ist inzwischen ein Firungeweihter und ist noch im Tempel zu Trallop. Tannwulf Waidlieb von Eisegrain, ein zäher, sehr vom Verstand geleiteter junger Mann. Eben ein Firungeweihter, wie man ihn sich vorstellt und das von Geburt an. Tatsächlich hat er sogar schon als Säugling nicht geweint. Wir sind Brüder und das ist der Punkt, der uns verbindet. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt Emotionen empfindet. Dinge sind wie sie sind. Unser Vater wurde beim Kampf gegen Räuber getötet, seine Reaktion, im Kampf sterben Menschen, manchmal eben auch welche, die zur Familie gehören. Er meint es nicht böse, es ist einfach seine Art, Dere und alles, was darauf geschieht wahrzunehmen.“ Er seufzte, man konnte ihm anmerken, er akzeptierte, wie sein Bruder war, aber nachempfinden oder verstehen konnte er es nicht. Auch er hatte akzeptiert, dass sein Vater getötet worden war, hatte nie die Götter gefragt, warum ausgerechnet sein Vater oder das Schicksal verflucht, dass es ihm den Vater genommen hatte. Das Leben war hart, gefährlich und erbarmungslos, vor allem in der Heldentrutz. Dennoch hatte er um seinen Vater geweint und vermisste ihn.
Kurz war sein Blick in die Ferne gegangen. Dann lächelte er Aleria entschuldigend an: „Tja und dann ist da unser Wildfang, ich glaube du und unser Nesthäkchen, ihr werdet euch gut verstehen.“ Als er begann, von seiner Schwester zu sprechen, hatte sich seine Haltung und Mimik verändert, man konnte förmlich spüren, wie sehr er seine kleine Schwester liebte. „Ailgrid Feenlieb ist sicher einen guten Kopf kleiner als ich und zumindest auf den ersten Blick, auch nicht sehr kräftig, aber ich staune jedes Mal, wenn sie mit dem Zweihandschwert übt. Es ist einfach unglaublich, wie unbeschwert eine so kleine, zarte Person ein so großes, schweres und klobiges Ding führen kann.“ Er sah Aleria plötzlich sehr ernst an: „Wenn du Ailgrid je erzählst, was ich dir jetzt sage, ich schwöre bei den Zwölfen, ich spreche nicht mehr mit dir…. für mindestens zehn Minuten!“ Er zwinkerte bei den letzten Worten zu, um die Schärfe aus dem Satz zu nehmen. „Ailgrid ist mit dem Zweihandschwert derart schnell und gewandt, man könnte denken, sie hat nur einen Holzstock in Händen, ich glaube nicht, dass ich sie im Zweikampf bezwingen könnte. Und ich halte mich für einen guten Kämpfer.“ Er zuckte mit den Schultern: „Hat sie schon so mancher unterschätzt. In einem Kampf auf Leben und Tod ist das ein Fehler, den man nur einmal macht.“ Er strich Aleria durch das Haar und blickte sie liebevoll an. „Ich hoffe sie werden beide zu unserer Hochzeit kommen. Dann wäre da natürlich noch unsere Mutter, Lanzelind Yosmina von Eisegrain, eine geborene von Traviasquell am Widdernhag. Nach Vaters Tod und meiner Belehnung ist sie nach Trallop in das dortige Bardilakaner Kloster gegangen und widmet den, hoffentlich noch langen Rest ihres Lebens, den Armen, Kranken und Bedürftigen. Ich hätte sie gerne auf Frônach behalten, aber sie meinte dort sei nun kein Platz mehr für sie.“ Er wirkte ein wenig traurig bei dem letzten Satz. Aleria konnte sehen, dass es ihn schmerzte, im Prinzip beide Elternteile mehr oder weniger verloren zu haben. „Sie wird leider nicht zu unserer Hochzeit kommen, sie hat geschworen, das Kloster nicht mehr zu verlassen, weder lebend noch tot.“
Aleria dachte kurz nach und kräuselte die Nase. “Ich mag Trallop nicht sonderlich. Eine sehr ungastliche Stadt ohne Gasthäuser und alles ist immer todernst. Das es dort ein Bardilakaner Kloster gibt, wusste ich gar nicht.” Sie seufzte. “Ja, dann haben wir wohl viel zu tun. Hat Ailgrid die Schwertleite erhalten? Oder welchem Handwerk geht sie nach? "Wir müssen sie auf jeden Fall einladen.” Sie stockte kurz: „Nein, du musst auf jeden Fall vorher mit ihr persönlich reden.” “Ja, Ailgrid hat die Schwertleite vor etwa 16 Götternamen erhalten. Sie ist inzwischen Dienstritterin bei der Baronin von Urkentrutz, Lyssandra von Finsterborn. Ich werde Beiden eine Nachricht zukommen lassen, damit sie sich nicht auf irgendwelche Reisen begeben und dann nicht zu unserer Vermählung erscheinen können.” Sie nickte nachdenklich: “Und deinen Bruder müssen wir rechtzeitig einladen. Und deine Mutter? Naja?” Sie grübelte einen Moment. “Badilakaner? Der Heilige Badilak.”, sie runzelte die Stirn. “Hatte der nicht einst die Prostituierten von Mendena bekehrt? Wenn ich mich recht entsinne, ist es ein Orden, der sich um die Armen kümmert.”, sie seufzte schwer und zuckte dann mit den Schultern. “Na dann werden wir halt, nachdem wir unsere Eide vor Rondra abgelegt haben, nach Trallop reisen und im Tempel der Roten Flamme auch vor Travia unsere Treue schwören. Ich will sie kennenlernen und ich vermute, sie wäre bestimmt glücklich, bei der Hochzeit ihres Ältesten anwesend sein zu dürfen.”, sie nickte bestimmend. Wilfing war angenehm überrascht und sichtlich erfreut, dass sich Aleria bereits jetzt so große Gedanken machte und bereit war, solche Umstände auf sich zu nehmen.
“Also, einen Termin finden. Einen Vertrag aushandeln lassen. Den Bruder informieren. Die Schwester informieren. Unserer Herrin Rondra zeigen, dass wir es ernst meinen. Die Mutter überraschen. Dann vor Travia treten. Klingt doch einfacher, als einen Baumdrachen zu jagen. Wird dann wohl eine Frühlingshochzeit werden. Unsere Baronin wird wohl ein paar Tage auf uns verzichten müssen. Und dann müssen wir das auch noch hier feiern. Und in der Verlobungszeit im Winter…” sie zog die Nase wieder kraus: “Kennst du Rote und Weiße Kamele? Wir müssen ja Zeit totschlagen. Oder sehen wir uns dann erst wieder im Frühjahr? Ich glaube, das ist so üblich. Wie dumm von mir. Vielleicht möchtest du deine Verwandten auch erstmal allein konsultieren. Das ist schließlich ein sehr großer Schritt.” Wilfing lachte und umarmte sie: „Du bist eine ganz besondere Frau!“, erneut küsste er sie. „Wir werden es schon schaffen! Ich werde morgen nach Frônach zurückkehren und einige Dinge organisieren und in die Wege leiten, dann komme ich zu dir zurück und wir besprechen die weiteren Schritte und wie und wo jeder von uns den Winter verbringen wird. Ich werde maximal zwei Tage weg sein.“ Sanft drückte er ihre Hand.
Sie gab Wilfing einen Kuss und sprang auf. “Komm wir sagen es wenigstens schon mal dem Herrn Vater.” Sie zog ihn auf die Beine und zur Tür der Halle. Draußen auf dem Hof herrschte ein beschäftigtes Treiben. Ein Wagen mit Heu wurde gerade an der Remise entladen. Die Knechte tippten sich zum Gruß an die Stirn, als die Ritter vorbeieilten und die Mägde machten einen artigen Knicks. “Wohlgeboren.”, raunten sie. Und egal, wen man ansah, alle schienen bei bester Laune zu sein und sich zu freuen. Gemeinsam liefen sie über den Hof und der Eisegrainer bemerkte rasch, dass unter den Leuten eine außergewöhnlich gute Stimmung herrschte. Auch sah er sich nach Nibelwulf, Angrist und vor allem Ullgraîn um, konnte aber keinen der Drei entdecken. Aleria führte Wilfing den Hügel hinunter und an dem Gasthaus vorbei. Auf dem kleinen Dorfplatz herrschte ebenfalls viel Trubel. Hier stand die Zehntscheune, die gerade von den Bauern befüllt wurde, während Oheim Balder vor einem Pult vor der Scheune stand und die Bücher führte. In der kleinen Schmiede am Dorfplatz standen zwei finster dreinschauende Zwerge an einem Amboss und stritten über ein Stück heißen Metal, das noch glühend auf dem Amboss lag. “Angrosch mit euch, ihr Brüder.”, rief Aleria fast singend. Die beiden schauten herüber und sofort erhellten sich ihre Gesichter. “Und die Leuin mit euch Hohe Frau.” An der Schmiede vorbei ging es weiter an der niedrigen Mauer entlang, welche die kleine Peraine-Kapelle und ihren Obst Hain abgrenzte und durch die efferdwärtige Palisade hinaus. Rechts und links hinter der Palisade erstreckten sich Weideflächen auf denen Schafe und Ziegen standen und friedlich nebeneinander grasten. Ein Stückchen weiter begrenzte ein Mäuerchen den Boronanger des Ortes. Am hinteren Ende des Angers blieb Aleria vor einer Stele stehen. Der dunkle Stein trug am Sockel mehrere Namen. Die Fläche darüber war mit Katzen-Motiven geschmückt. Aleria blieb andächtig stehen und schlug das Zeichen Borons vor ihrer Brust. Auch der schwarzhaarige Ritter machte das Boronsrad vor der Brust und betrachtete dann die Stele. “Herr Vater, Frau Mutter, geliebter Rondril. Darf ich euch meinen Verlobten vorstellen? Wilfing und ich wollen heiraten. Ich weiß das du andere Pläne mit mir hattest, Vater. Aber die Verantwortung, den Namen weiterzutragen, liegt nun auf meinen Schultern. Und letztlich habe ich jemanden gefunden, der mich um meinetwillen mag und dem schon seit einiger Zeit mein Herz gehört. Und künftig werden wieder zwei Schwerter für das Haus streiten.” Sie ging auf die Knie und legte eine Hand auf die im Stein verewigten Namen. Dabei flüsterte sie etwas und nickte dann. Dem Beispiel der Rothaarigen folgend kniete auch Wilfing sich nieder. Nach dem Aleria geendet hatte erhob er seine Stimme, ruhig, nicht allzu laut, aber fest und sicher: „Eure Wohlgeboren Manborn und Rondrana von Feljaten, Ritter Rondril von Feljaten, ich gelobe nur die edelsten Absichten im Hinblick auf eure Tochter und Schwester zu hegen. Und ich liebe sie wirklich von ganzem Herzen. Ich hoffe sehr, dass mein Ansinnen auf das Wohlwollen ihrer Familie trifft. Es ist mein Wunsch, künftig den Namen von Feljaten zu tragen und all mein Sinnen und Trachten soll dem Nutzen und Wohl eurer Familie gelten.“ Dann neigte er sein Haupt und schwieg.
Als Aleria sich wieder erhob, hatte sie Tränen in den Augen. Sie wandte sich ab und rieb sich das Gesicht trocken. “Nicht. Moment. Einen Moment bitte.” Sie wollte nicht, dass Wilfing sie so sieht. Dann drehte sie sich zu ihm um. “Es war ein sehr aufregender Morgen, der viel Neues für mich gebracht hat. Und dafür danke ich dir.” Sie nahm Wilfings Hand und rieb ihn über den Handrücken. Dann sah sie zu ihm auf und lächelte wieder. “Nun denn wir haben viel vorzubereiten. Ich werde hier alles so weit vorbereiten lassen, für die Gäste. Allerdings…”, sie überlegte kurz. “Wenn du es für angemessen hältst, würde ich auch nach Fronach kommen, um meinen Bräutigam dort abzuholen.” Sie grinste frech. “Die guten Leute dort müssen ja wissen, an wen sie ihren guten Ritter verlieren? Oder, wir holen das im Frühjahr nach?” Wilfing lachte und drückte sanft ihre Hand: “Das klingt nach einer sehr guten Idee. Ich möchte dir sehr gerne den Ort meiner Geburt und den bisherigen Mittelpunkt meines Lebens zeigen und dich mit den Menschen, die mir fast so etwas wie eine zweite Familie sind, bekannt machen.” Er gab ihr einen Kuss. “Dann ist es ausgemacht, du kommst, um mich abzuholen, oder sollte ich Heim holen sagen?” Er zwinkerte ihr zu. Sie schlenderten den Weg zurück ins Dorf. Irmfried Ährenhold, die Peraine Geweihte, beaufsichtigte hinter dem Mäuerchen, welches die Kapelle weiträumig umfriedete, wie ein paar Jungs und Mädels die letzten Früchte von den Apfelbäumen pflückten. Als sie die beiden Ritter so zusammen sah, strahlte sie förmlich vor Freude. “Einen gesegneten Tag wünsche ich den Brautleuten.” Das Gasthaus war dieser Tage gut besucht. Die letzten Reisenden von oder auf dem Weg zu den Türmen der südlichen Finsterwacht kehrten hier ein. Die warme Herbstsonne lockte die Gäste in den Biergarten vor dem gepflegten weiß getünchten Haus.
Ein Geheimnis wird gelüftet
Zurück auf dem Gutshof kamen den beiden Alberich, Findane, Ullgraîn, Nibelwulf und Angrist entgegen. “Wohlgeboren, wir liegen gut in der Zeit und werden bald alles eingebracht haben.” Findane nahm ihren Arm von Ulgraîns Schulter und nickte den beiden zu. “Haben wir einen Grund, uns auf etwas zu freuen?” Aleria lachte und kniff Wilfing in den Arm, bevor sie ihr antwortete: “Oh ja. Du darfst dich darauf freuen, auf die Jagd zu gehen. Wir benötigen noch einiges an Vorräten für das Fest.” Wilfing blickte zu Ullgraîn: “Wenn es der Herrin zu Kaltenforst recht ist, begleitest du Findane. Ich habe das Gefühl, ihr seid ein effektives Gespann!” Entschuldigend blickte er zu Aleria: “Gib mir einen kurzen Moment, ich muss eben etwas mit Ullgraîn besprechen.” Er blickte zu der rotblonden Jägerin, die nickte und gemeinsam gingen sie ein gutes Stück von den anderen weg. Überraschenderweise war es allerdings die junge Frau, die sprach und nicht der Ritter. Zum Schluss nahm er seine Bedienstete sogar kurz in den Arm. Erstaunt über diese Heimlichtuerei, ließ sie ihn dennoch gewähren. Wie könnte sie ihm auch einen Wunsch abschlagen? Und jetzt waren da doch diese Schmetterlinge Dauergast in ihrem Bauch. Als sie dann von weitem sah, dass er Ullgraîn wieder einmal in den Arm nahm, wurde es ihr unvermittelt sehr warm. Zorn stieg in ihr hoch. Sie schaute zu den anderen, die diese Szene auch wahrgenommen haben mussten. Treibt er ein doppeltes Spiel? Den Gedanken schob sie beiseite, bedachte Wilfing aber mit einem kühlen Blick, als er sich zu ihr umdrehte.
Der Eisegrainer wirkte etwas nervös, als er zu Aleria zurückkehrte, während ihr Ullgraîn freundlich zu lächelte und sich ihrerseits zu Findane begab und diese ebenfalls bat, mit ihr ein vertrauliches Gespräch führen zu dürfen. Die Ritterin sagte kein Wort. Ihre Mimik verriet nicht, was in ihr vorging. Sie blieb einfach nur stumm neben ihm und lauerte. Aleria und Wilfing gingen in das Gutshaus zurück, wo der Schwarzhaarige dann endlich zu reden begann: “Ich habe dir etwas Wichtiges noch nicht erzählt.” Er sah ihr in die Augen und sie konnte sehen, dass er sehr aufrichtig bedauerte, ihr bisher diese Sache verschwiegen zu haben. Sie hob eine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. „So etwas bespricht die Familie unter sich.“ Sie ging zu der Tür, die hinter der Halle in den dunklen Gang führte, eilte die Treppe rauf, öffnete die Tür zum Arbeitszimmer und schloss sie hinter Wilfing. „Ja?“, fragte sie schlicht und die Art, wie sie das sagte, deutete an, dass sie keine Ausflüchte dulden würde. Die Zornesfalte fehlte. Ihr Gesicht wirkte bleich und kalt. Sie schaute Wilfing erwartungsvoll an.
Er holte tief Luft: “Zwischen Ullgraîn Rabenstoltz und mir gibt es eine Verbindung, die weit tiefer reicht als ein einfaches Dienstverhältnis. Ullgraîn ist meine Schwester!” Er wirkte jetzt erleichtert, als ob eine große Last von ihm abgefallen sei. Ihre Augen zuckten kurz, als ob sie etwas am Kopf getroffen hätte und ihre versteinerte Mimik geriet wieder in Bewegung. Etwas unsicher blickte Wilfing Aleria an, hob entschuldigend die Hände und sprach rasch weiter: “Ich hätte es dir auf jeden Fall gesagt, ich wollte nur, dass Ullgraîn es vorher weiß.” Er zuckte mit den Schultern: “Ich hätte eigentlich wissen müssen, dass sie schon längst von meiner Absicht wusste.” Er wirkte wie ein kleiner Junge, den man eben mit den Fingern im Honigtopf erwischt hatte. “Du bist jetzt der dritte Mensch, der noch auf Dere wandelt, der Bescheid weiß. Um genau zu sein, ist Ullgraîn meine Halbschwester. Mein Vater hat mich als Einzigen aus der Familie ins Vertrauen gezogen, nicht weil er ein besonderes Verhältnis zu mir hatte, sondern weil ich sein Erbe war und er sicherstellen wollte, dass seine Bastardtochter auch nach seinem Tod gut versorgt ist.” Wilfing wirkte irgendwie verloren und hilflos, wie er da vor Aleria stand. Diese durchbohrte ihn mit ihrem Blick. Die Wangen wurden rot. Zorn zeigte sich auf ihrer Stirn. Und dann lachte sie los. Es war ein ehrliches, glockenhelles Lachen. „Entschuldige mein Liebster. Ich hatte für einen Moment geglaubt, du willst mir jetzt offenbaren, dass Ullgraîn deine heimliche Mätresse ist und ich dich teilen müsste.“ Ihr Lachen beruhigte sich wieder. „Also, wissen nur sie, du und ich das? Warum dürfen deine Geschwister das nicht wissen, aber ich? Was sagt Ullgraîn über uns beide? Sie sollte das mit dir auf keinen Fall Findane erzählen. Die wird gesprächig, wenn sie trinkt.“
Wie immer verblüffte sie ihn wieder einmal. Für einen kurzen Moment deutete alles darauf hin, dass es gleich ein rondrawürdiges Donnerwetter geben würde und dann erklang ihr herrliches glockenhelles Lachen, dass einfach alveranisch war. Mätresse? Wie? Der schwarzhaarige Ritter wurde plötzlich knallrot. „Was, wiwiwie kommst du bei den gültigen Zwölfen auf diesen Gedanken? Wir… ich… Warum?“ Jetzt war er verwirrt, hatte er doch eigentlich immer darauf geachtet, in der Öffentlichkeit nicht zu vertraut mit Ullgraîn umzugehen, um Gerüchten, sie könnten etwas miteinander haben zu vermeiden. Aber wenn Aleria diesen Gedanken hatte, dann vielleicht auch andere! Naja, andererseits war es besser die Leute hielten sie für seine abgelegte Gespielin, als dass jemand die Wahrheit erfuhr. Er fasst sich und ging auf die nächste Frage ein. „Nun mein Vater hat mich bei Travia, der Schützerin der Schwüre und auf Praios schwören lassen, dass ich niemanden aus der Familie und auch meiner Gemahlin je offenbare, dass Ullgraîn seine Tochter ist.“ Endlich zeigte er sein spitzbübisches Lächeln wieder. „Nun, du gehörst nicht zur Familie Eisegrain und wirst du auch nicht und du bist nicht meine Gemahlin, zumindest noch nicht! Also habe ich meinen Schwur nicht gebrochen.“ Er gab ihr einen Kuss. „Ullgraîn mag dich sehr. Sie hat es als erstes gewusst, dass ich dich liebe. Noch bevor ich es ihr erzählt habe.“ Er blickte kurz nachdenklich zur Decke. „Wahrscheinlich sogar, bevor ich mir dessen richtig bewusst geworden bin.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich denke nicht, dass sie Findane so etwas anvertraut. Ullgraîn sieht das Wesen jedes Lebewesens viel deutlicher als ich es je könnte.“ Er seufzte: „Ich bin so unendlich froh, dass das nun nicht mehr zwischen uns steht. Und es dient meinem Seelenfrieden, dem Vertrauen zwischen uns und letztlich auch Ullgraîn’s Sicherheit und Wohlergehen, wenn du Bescheid weißt. Ich liebe dich und es würde mich umbringen, dich zu belügen oder Geheimnisse vor dir zu haben.“
Sie strich Wilfing liebevoll über die Wange. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit sie hier bei uns bleiben kann.“ Aleria nahm ein kleines Buch vom Schreibtisch und blätterte darin. Dann seufzte sie kurz. „Ich denke, wir könnten sie als deine persönliche Waffenmeisterin einstellen. Sie gehört dann zu deiner Bedeckung und es ist plausibel, wenn sie immer in deiner Nähe ist.“ Sie schenkte Wilfing ein gewinnendes Lächeln. „Also noch eine Schwester. Woher kommen die roten Haare?“ Wilfing erwiderte das Lächeln und meinte mit einem Zwinkern: „Ich muss mir, den Zwölfen sei gedankt, nichts einfallen lassen, ich habe eine unglaublich kluge Frau, die immer eine Lösung in der Hinterhand hat.“ Er beugte sich vor und küsste sie. Dann wurde er wieder etwas ernster. Kurz blickte er ihr schweigend in ihre tiefgrünen Augen. „Die roten Haare, die hat sie von ihrer Mutter, Neiddora Rabenstoltz geerbt. Ullgraîn kennt sich sehr gut mit Kräutern, der Behandlung von Krankheiten und Verletzungen aus. Auch bei so mancher Entbindung hat sie schon geholfen.“ Verständnisvoll blickte er Aleria an. „Willst du immer noch, dass sie bei uns hier in Kaltenforst lebt? Wenn herauskommt, dass sie ein Bastardkind ist, könnte das auch einen Schatten auf das Haus Feljaten werfen. Ich und auch Ullgraîn könnten verstehen, wenn du deswegen Bedenken hast.“ Sie straffte sich und schaute Wilfing ernst an. „Gibt es noch mehr Geheimnisse, für die wir gemeinsam eine Lösung finden müssen?“ Der Eisegrainer schüttelte den Kopf: „Nein, das waren alle Geheimnisse. Versprochen!“
Sie musterte Wilfing mit großen Augen und zog die Nase kraus. „Irmfried wollte schon lange einen Kräutergarten anlegen. Nur ist sie nicht mehr die jüngste, um Pilze und Kräuter suchend durch Wiese und Wald zu stromern. Wenn deine Schwester ihr hilft und ihr Wissen als Hebamme einbringt, wird sie bei den Frauen im Ort gewiss anerkannt werden.“ Aleria schaute Wilfing fragend an: „Eine Heilkundige hätte ich nie in ihr vermutet. Eher eine Wildhüterin wie Findane.“ Sie nickte, um ihren Worten mehr Kraft zu verleihen: „Entscheiden müsst ihr beide. Ich kann nur Möglichkeiten schaffen. So oder so sollte sie aber ein Gespräch mit Irmfried suchen. Sie ist die einzige Geweihte weit und breit und sie wird froh sein, sich mit einer Kündigen über die hiesigen Kräuter und Heilpflanzen austauschen zu können.“ „Nun, Ullgraîn ist schon eine Jägerin und weiß sehr gut, mit Pfeil und Bogen, Saufeder, Speer oder Dolch umzugehen. Aber ja, sie kennt sich nicht nur mit den Tieren, sondern auch mit Pflanzen aller Art aus. Sie könnte der Hüterin der Saat sicher sehr gut im Garten zur Hand gehen und die Beiden würden bestimmt vom Wissen der Anderen profitieren.“ Er überlegte: „Ullgraîn ist in Frônach trotz ihrer Hilfsbereitschaft nie wirklich akzeptiert worden. Gibt viel Gerede, du weißt schon, Findelkind, das von einem Ritter mit auf sein Gut gebracht wird, dort lebt und mit dessen Kinder aufwächst, lesen und schreiben lernt…. Naja, das sorgt natürlich für allerlei Gerede und der Hang der Leute zum Aberglauben und Schauergeschichten tut ein Übriges." Er zuckte mit den Schultern, dann gab er Aleria einen weiteren Kuss. „Wie auch immer, ich danke dir, dass sie dir willkommen ist und für sie ist es eine Chance, eine Heimat zu finden, in der sie akzeptiert wird.
Sie nickte ernst. “Wir Feljatens haben schon immer einen Platz für diejenigen bewahrt, die überall anders gelitten sind. Wir werden hier schon etwas zu tun für sie finden.” Sie machte es sich wieder in dem Sessel vor dem Kamin bequem und goss sich und Wilfing Wasser aus einer bereitgestellten Karaffe ein. “Wen wirst du alles mitbringen, wenn du hierherziehst? Ullgraîn auf jeden Fall. Wen kann Frônach sonst noch entbehren? Wir müssen hier ja auch wegen der Unterkunft planen.” Sie entspannte sich sichtlich und trank einen Schluck Wasser. “Was ist mit Niebelwulf und Angrist? Was werden die tun?” Wilfing nahm ebenfalls Platz und betrachtete seine Zukünftige. Tatsächlich hatte er sich bereits ebenfalls diese Frage gestellt, wer sollte mit ihm kommen? Wen konnte er überhaupt mitnehmen, ohne seinem Bruder Schwierigkeiten zu bereiten? Er lehnte sich zurück: „Ich denke es wird sich auf Ullgraîn und Nibelwulf beschränken. Angrist und die übrigen Waffenknechte haben ihren Eid auf das Haus Eisegrain abgelegt, wie eigentlich alle auf dem Lehen. Lediglich Ullgraîn ist per Eid mir direkt verpflichtet naja und Nibelwulf? Er wird nicht von meiner Seite weichen. Wir haben so einiges zusammen er- und überlebt, das verbindet mehr als Blutlinie oder Eide.“ Wilfing lächelte: „Das sind ein paar spannende Geschichten für Abende am Kamin in der kalten Zeit, man kann ja nicht nur Rote und Weiße Kamele spielen.“ Er nahm sein Wasser und trank. Dann blickte er wieder zu Aleria: „Da es sich um einen Wechsel der Baronie handelt müsste ich sicher auch bei Landvogt Firutin von Hohenstein eine Genehmigung einholen, denn letztendlich sind die Hörigen auch, genau wie das Lehen Frônach selbst Eigentum der Herzogin und stehen somit unter seiner Verwaltung.“ Nachdenklich nahm er einen weiteren Schluck Wasser. „Die Freien haben alle ihre Betriebe in Frônach, die sie nicht verlassen werden, um anderenorts neu beginnen zu müssen.“ Er zuckte mit den Schultern: „Die Zwerge fühlen sich ebenfalls der gesamten Familie und vor allem dem Gut Frônach verpflichtet.“ Erneut nahm er einen Schluck Wasser. “Ganz wie seinerzeit in Grasenweg, nur Ullgraîn, Nibelwulf und meine Wenigkeit.” Wilfing zwinkerte ihr zu: “Ich hoffe das genügt Dir als Aussteuer!”
Sie verschluckte sich kichernd und schaute Wilfing dann ernst an. “Wilfing, mein Liebster. Erstens, ein Ritter braucht seine Lanze. Und auch wenn wir hier nicht im reichen Süden sind, wo die Ritter gleich mit fünf Mann Gefolge anrollen, so denke ich doch, dass meinem Gemahl ein, zwei, drei eigene Leute Bedeckung zustehen. Zumal sie ja auch Freunde sind. Wenn es also Ullraîn und Nibelwulf sind und du keinen Eigen aus Fronach abziehen willst, dann werden wir entweder hier jemanden finden, der dazu passt, oder in Nordhag jemanden verdingen. Letztlich macht sich hier ja auch jeder nützlich auf dem Gut, wenn wir mal nicht unterwegs sind, um Weiden vor den Orken zu bewahren." Sie machte eine kurze Pause und sprach dann bedächtig weiter: ”Ich hoffe, du bist dir bewusst, dass ich nur ein Rittergut führe und die Heldentrutz nicht gerade reich ist? Zwar steht mein Gut auf dem fruchtbarsten Boden der Trutz. Aber ich muss gut haushalten, damit am Ende eines Götterlauf etwas übrigbleibt, das man zurücklegen kann für schlechte Zeiten. Du heiratest in ein Haus ein, das weniger Geldmittel zur Verfügung hat als das deinige. Jeder hier muss helfen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Von den Gefahren des Finsterkamms ganz zu schweigen.” Sie sah sehr ernst aus. Ihre Wangen hatten sich gerötet und es wirkte fast so, als ob sie erwarten würde, dass er nun einen Rückzieher machte.
Wilfing fasste ihre Hände: „Nun, Frônach gehört ebenfalls zur Heldentrutz und das wir vielleicht in Sachen Geldmittel etwas besser stehen als das Haus Feljaten hängt, ganz sicher im Wesentlichen daran, dass wir seit über 300 Götterläufen auf Frônach sitzen und während der Orkenstürme die meisten Dinge von Wert vor Plünderung bewahren konnten.“ Sanft streichelte er ihr über die Wange: „Und ich habe ja schon ein bisschen eigenen Besitz, den ich mitbringe. Die Pferde, die Hunde, Gestechrüstung, die übrige Rüstung und Waffen. Auch komme ich nicht mit leerem Säckel, zwar werde ich nichts aus den Truhen des Lehens und der Familie nehmen, aber ich habe mir im Laufe der Zeit auch ein bisschen was angespart. Ach, und nicht zu vergessen, meine Trophäe, die ich beim Turnier erstritten habe.“ Er blickte ihr voller Zuversicht und Liebe in ihre tiefgrünen Augen und küsste sie, bevor er weitersprach. „Wir werden alles erreichen, wir beide stehen fest zusammen. Fest im Glauben, fest in der Liebe und fest im Willen. Kein Hindernis, welches wir nicht überwinden werden, solange wir zusammenstehen!“ Gerührt schaute sie ihm in die Augen und nickte dann. Sie schaute kurz zur Seite, um eine Träne weg zu wischen. “Ich denke, dann ist alles gesagt. Du hast mich heute sehr glücklich gemacht. Ich freue mich auf ein Leben mit dir und werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit Kaltenforst für dich ein schönes Zuhause wird.”
Unterdessen bei den Stallungen
Nachdem Ullgraîn mit Wilfing gesprochen hatte, kam sie fröhlich auf Findane zu, hakte sich bei ihr unter und schlenderte mit ihr in Richtung der Stallungen. „Wir Zwei gehen gemeinsam auf die Jagd, ich freue mich so! Hab gehofft, dass sich das bald ergibt, aber dass es so schnell klappt?“ Sie strahlte die Freundin an: „Und es ist so, wie wir es nach den Worten Wilfings, vermutet haben. Die zwei Ritter haben es endlich begriffen, dass da unter ihren Kettenhemden und ihrem ganzen Rittergehabe eine sehr hübsche Frau und ein gar nicht so unansehnlicher Mann stecken.“ Breit grinsend blickte sie der Halbelfin in die Augen: „Ich habe das Gefühl, wir werden uns bald häufiger sehen!“ „Achja? Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich für das Ritterkind freue.“ Findane blieb mit der Freundin im Durchgang der Remise stehen. „Manchmal habe ich geglaubt, ob ihrer Launenhaftigkeit und den Zorn in ihr, wird sie nie einen Kerl finden, der sich an sie ran traut.“ Sie deutete auf die Pferdeboxen. In den vorderen standen ein paar Warunker. Aus einer der hinteren Boxen schaute ein riesiger weißer Pferdekopf um die Ecke. “Mit zwei Rittern wird hier wieder mehr los sein. Als die Eltern noch lebten, ging es hier manchmal zu wie in einem Taubenschlag. Immer war jemand unterwegs, um irgendwo irgendwie zu helfen. Viele von den Älteren hier hoffen, dass das jetzt wieder so sein wird.“
Der weiße Tralloper wieherte laut und kam aus der Box direkt auf Findane und Ullgraîn zu. „Das ist das Pferd von Manborn. Er vermisst seinen Herrn.“ erklärte Findane und strich dem riesigen Pferd über Stirn und Blesse. “Wir werden also ein wenig Wild besorgen. Magst du lieber im Wald oder in den Lechnims Kuppen jagen?” “In den Lechmins Kuppen war ich schon länger nicht mehr unterwegs, vielleicht können wir dort zuerst unser Glück versuchen!” Sie kraulte den Tralloper sanft hinter den Ohren. “Viele Menschen denken Tiere seien dumm und könnten nicht verstehen, wenn ihre Reiter, Jagdbegleiter sterben. Doch diese Leute irren.” Sie blickte dem riesenhaften Tier in die Augen: “Du weißt sehr genau, dass dein Freund nicht mehr auf Dere wandelt, dich nie wieder reiten wird und du trauerst.” Sie wandte sich zu Findane: “Schön, dass du ihm eine Freundin bist.” Dann kehrte das Lächeln in ihr Gesicht zurück: “Wollen wir aufbrechen? Vielleicht möchte uns der große, weiße Freund begleiten?” Sie sah wieder zu dem Tralloper: “Was meinst du, wären die Lechmins Kuppen eine angenehme Abwechslung?” Findane überlegte kurz und nickte dann. “Ja, da gibt's immer ein paar Wildschweine und Hirsche. Lass uns da jagen.” Sie prüfte einmal kurz ihre Ausrüstung, die sie bei sich trug, und schaute Ullgraîn dann fordernd an. “Pferde brauchen wir da nicht. Die würden uns nur behindern.” Sie nahm ein paar Säcke aus einer Ecke der Remise und ging voran. „Sehr schön!“ Strahlte die Rotblonde. „Ich bin auch bereit zum Aufbruch!“ Ullgraîn errötete leicht: „Oh, ich habe wieder einmal den Fokus verloren. Du hast natürlich Recht, für unsere Aufgabe ist es nicht sehr hilfreich, den Großen im Schlepptau zu haben.“ Sie tätschelte dem weißen Tralloper den Hals und raunte ihm zum Abschied zu: “Ein anderes Mal, versprochen, Großer!” und folgte dann gut gelaunt der Halbelfe. Diese führte Ullgraîn zum efferdwärtigen Ausgang des Dörfchens, vorbei an den Weiden und Feldern, zu den besagten Hügeln.