Dramatis Personae
- Bärfang von Rauheneck
ein Heckenreiter aus der Sichelwacht - Birke
eine Wegelagerin - Borka Fälklin
ein Raubritter - Firnfee von Rauheneck
eine Heckenreiterin aus der Sichelwacht - Gilm
ein Wilderer - Widderich von Rauheneck
noch ein Raubritter - allerlei Kroppzeug
Mitte Rondra 1029 BF
In einem Lager im Hohenforst, Herzoglich Weiden
“Hast du’s auch schon gehört, Gilm?” “Was gehört?” “Na das mit den Sichelwachtern?!” “Welchen Sichelwachtern?” “Wohl eher nicht, eh?”, vorsichtig zog Birke das Stöckchen zurück, mit dem sie bisher lustlos in der schwachen Glut des Wachfeuers herumgestochert hatte, “Erinnerst du dich noch an den Ritter, dessen Gaul Borka auf der Turney in Hohenhain fast abgemurkst hätte?” “‘türlich erinner ich mich, wie hätt ich den auch vergessen könn? Bin doch damals dabei gewesen. Ein unheimlicher Kerl, dieser Rauheneck! Mich grausts heut noch, wenn ich dran denk. Was ist denn mit ihm?” “Na, wie’s scheint ist der vor kurzem hier in der Finsterwacht aufgetaucht und spuckt große Töne. Offenbar hat er am Ende doch noch rausgefunden wer damals in der Rüstung steckte und will jetzt die Satisfaktion einfordern, die Borka ihm versprochen hat. Was für ein Irrer ... man sollte meinen nach all der Zeit hätte er die Sache vergessen oder doch wenigstens was Besseres zu tun.”
Sichtlich irritiert ließ Gilm den Dolch sinken, der ihm bisher als behelfsmäßige Nagelfeile gedient hatte. “Was? Der Kerl is hier?” “Ja.” “Jetzt?” “Na wenn ich’s dir doch sage.” “Woher weißt du das? Hast du ihn etwa gesehen?” “Ne, aber Nolle hat mir die Geschichte aus erster Hand erzählt.” “Was’n für ne Geschichte?” “Na die von den Sichelwachtern halt.” “Jetzt lass dir doch nich alles aus der Nase ziehn, Weib, leg los!”
“Da gibt es an sich gar nicht viel zu erzählen”, meinte Birke und machte eine demonstrative Pause, bevor sie ihrem vorgeblichen Desinteresse zum Trotz mit leuchtenden Augen erneut zu sprechen begann, “Scheint als würden ein paar von den Sichler Nasen über die Dörfer tingeln und Spottreden halten. Nach dem, was ich gehört habe, reiten sie vor allem darauf rum, dass die ‘Geißel der Wacht’ sich zukünftig besser nur noch Räuber und nicht mehr Raubritter nennen sollte, da sie offensichtlich keinen Fitzel Ehre im Leib hat und sich aus purer Feigheit mit eingezogenem Schwanz drum drückt, eine Ehrenschuld einzulösen ... wie ein räudiger Köter eben und nicht wie ein Mann, der den Titel ‘Ritter’ verdient.”
Nach dieser Feststellung hingen sie beide einen Moment lang schweigend ihren Gedanken nach. Dann hob Gilm den Dolch wieder und setzte die Reinigung seiner Fingernägel fort. “Glauben diese Hohlböcke etwa, dass es ihnen so gelingen wird, Borka zu was zu bringen, worauf er keine Lust hat? Glauben die vielleicht, dass man ihn bei der Ehre packen kann?” Birke hob ratlos die Schultern. “Ich weiß es nicht. Habe dir doch nur erzählt, was mir zugetragen wurde. Dass Borka sich deshalb umentscheiden wird, würde ich jetzt nicht unbedingt meinen, ab...” “Naja, warten wir’s einfach ab.”
Ende Rondra 1029 BF
In einem Lager im Hohenforst, Herzoglich Weiden
“Und? Gibt’s was Neues von der Sichelwachter Front, Füchslein?” “Hum ... naja, das kann man so oder so sehen”, Birke grinste breit, während sie ihren Apfel akkurat in kleine Schnitze zerteilte, “Sie sind jedenfalls noch nicht abgezogen.”
“Nach dem, was ich so hör, haben sie ihre Vorgehensweise bisher auch nich wirklich geändert. Kommen bloß immer neue Spitzen dazu, eh?” “Oh ja, das stimmt. Und genauer werden sie. In Radbruch haben sie neulich rotzfrech behauptet, dass es mit den Fähigkeiten Borkas nicht weit her sein kann, wenn er im Tjost die Pferde seiner Gegner abstechen muss, um es überhaupt zu was zu bringen – und hinterher dann wie ein nichtswürdiger Feigling das Weite sucht, weil er sich nicht traut, seinem schwer verwundeten Gegner im Zweikampf die Stirn zu bieten.” “Jepp, sowas hab ich auch gehört. Hab gehört sie hätten gesagt Borka wär eher n nordmärksches Hühnchen, das beim ersten Anzeichen von Gefahr kopflos das Weite sucht, als n weidenscher Falke, der gnadenlos zuschlägt, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet. Offenbar haben die Dörfler sich darüber köstlich amüsiert.” “Ja, das stimmt wohl so”, Birke nickte bestätigend.
“Was sagt Borka denn eigentlich dazu?”, fragte Gilm nach kurzem Zögern, “Wird ja nun langsam doch ein bisschen arg, eh? Mit ‘nem Nordmärker würd ich mich ja nich vergleichen lassen wolln. Wie lang er sich das wohl noch gefallen lässt?” “Keine Ahnung”, Birke hob ratlos die Schultern, “Habe bisher nichts von ihm gehört. Ich nehme mal an er weiß was los ist. Aber scheinbar ist es ihm nicht genug, um für Ruhe zu sorgen.” Mit nachdenklicher Miene schob sie ihrem Gefährten ein paar Apfelscheiben zu.
“Hmhum. Na, ich bin jedenfalls gespannt, wer am Ende den längeren Atem hat”, zufrieden lächelnd griff Gilm sich einen der Schnitze und vergrub seine Zähne in dem hellen Fruchtfleisch, “Kleine Wette gefällig?”
Ende Rondra 1029 BF
In einem Lager im Hohenforst, Herzoglich Weiden
“Es gibt was Neues von den Sichlern”, mit einem breiten Grinsen ließ Birke sich auf einen wackeligen Holzschemel sinken, der neben jener winzigen Grünfläche stand, auf der ihr Gefährte gerade einen frisch gewilderten Hirsch ausnahm. “Sag an!” “Also gut”, sie setzte sich zurecht und bemühte sich um ein möglichst ernstes Gesicht, während sie überlegte, wie sie die Neuigkeit am besten an den Mann bringen sollte.
“Es ist das erste Mal zu Handgreiflichkeiten gekommen”, platzte es schließlich aus ihr heraus und das Grinsen kehrte auf ihre Lippen zurück, kaum dass sie den Unglauben auf Gilms Gesichtszügen erblickte. “Wie bitte?” “In Firunsgrund ist es zu einer handfesten Schlägerei gekommen, nachdem zwei der Sichler in der Dorfschenke außer der Befähigung im Kriegshandwerk auch Borkas Manneskraft in Frage gestellt hatten.” “Was?” “Naja, neben den Sichlern sind eben auch Orm, Hitta und Turold in der Schenke gewesen. Weil Borka aber nicht da war, um sich selbst zu verteidigen, und weil die Bauerntrampel aus dem Ort lauthals mitgegrölt haben, dachten die drei wohl, dass es an der Zeit wäre, diesen saudummen Hinterwäldlern mal ordentlich Bescheid zu stoßen.”
Gilm hielt in seiner Arbeit inne, um sich Birke ganz zuzuwenden. “Und wem genau haben sie Bescheid gestoßen, die drei?” “Es waren wohl nur der Riese mit der Glatze und das blonde Weib in der Schenke. Ich vermute, dass das Ganze etwas anders gelaufen wäre, wenn dieser merkwürdige Finsterling auch da gewesen wäre. Ich würde mich mit dem jedenfalls nicht anlegen wollen.” “Ne”, Gilm schüttelte bestätigend den Kopf, “Mit dem Kerl wohl kaum. So einer wie der versteht doch eh ni...” “Ich muss dich aber leider enttäuschen, Gilm, wir haben niemandem Bescheid gestoßen.” “Hä?”
Im Angesicht des dümmlichen Gesichtsausdrucks ihres Gefährten lachte Birke hell auf. “Die drei sind eben wieder hier angekommen. Orm haben sie vier Zähne ausgeschlagen, Hittas linke Hand ist gebrochen und der arme Turold hat ein Horn auf der Stirn, dass dein Hirsch hier vor Neid erblassen würde ... wenn er nicht schon tot wäre.”
Als Gilm sie fassungslos anstarrte, spuckte Birke ihren Kautabak zufrieden grinsend auf den Boden und zuckte mit den Schultern. “Scheint als hätte der Hüne sich wie ein wilder Stier gebärdet und als würde die Blondine nicht davor zurückschrecken, auch mal mit Bechern, Stühlen oder gleich ganzen Tischen zuzuschlagen. Muss heiß hergegangen sein, in der Schenke. Angeblich sahen die Sichler hinterher genauso schlimm aus, wie unsere drei. Die Krönung des Ganzen ist jedenfalls, dass in der Taverne auch ein Händler rumgehangen hat, der von Borka vor ner Weile mal ausgenommen wurde. Der hat sich nen Spaß draus gemacht, unsere Leute hinterher zu verhöhnen und mit Essensresten zu bewerfen. Und die Bauern ... naja ... man kennt sie ja ... .” “Ich glaub’s ja wohl nich!”
Ein wenig umständlich kramte Birke ein neues Bröckchen Tabak – kostbare Beute von einem der letzten Raubzüge – aus ihrer Gürteltasche hervor und schob es sich beiläufig in den Mund. “Ist aber so.” “Und was sagt Borka dazu?” “Ist noch nicht zu mir durchgedrungen. Ich nehme an der weiß noch gar nichts davon. Im Moment ist er ja nicht hier im Lager.”
“Kannst du mir mal verraten warum du so dämlich grinst, Weib? Das sind unsere Jungs gewesen, die sie da verdroschen haben. Wer weiß, ob wir nich die nächsten sein werden?!” “Warum ich grinse?”, Birke wischte sich einen Faden bräunlicher Spucke aus dem linken Mundwinkel, ohne dass ihr Amüsement geschwunden wäre, “Weil ich glaube, dass diese Sache mich in unserer Wette ein gutes Stück weit vorangebracht hat und dich ein gutes Stück zurückgeworfen. Borka ist noch vor Ende dieses Mondes fällig.”
Anfang Efferd 1029 BF
In einem Waldstück beim Blutulmenthurm, Herzoglich Weiden
“Und? Willst Du mir jetzt erzählen, was passiert ist?”, Birke strich vorsichtig über die frisch verbundene Seite ihres Gefährten. Gilm seufzte leise und gab ihrem Drängen dann endlich nach. “Hast’s dir zwar vermutlich schon selbst zusammengereimt, aber meinetwegen. Reich mir nur erst das Bier rüber!” Birke kam der Aufforderung nach, ehe sie es sich neben ihm auf dem Deckenlager bequem machte.
“Wir wollten diesen Händler aus Auen ausnehmen. So wie’s Borka uns befohlen hat, bevor er selbst in Richtung Reichsstraße aufgebrochen ist, um den großen Fisch zu fangen. Weißt schon, den Handelszug au...” “Ja, ich weiß.” “Is soweit auch alles ganz gut gelaufen. Genau wie wir’s geplant hatten. Das Problem war nur, dass unser Opfer nich tun wollt, was wir ihm gesagt haben, als es soweit war. Wi...”, Gilm verschluckte sich und richtete sich prustend auf. In einem feinen goldgelben Bierregen ergoss sich das kühle Nass weitflächig über die Decken und Felle, während er sich unter Schmerzen krümmte und schließlich leise fluchend an seine wunde Seite griff. Birke nahm ihm den Humpen ab und wartete geduldig, bis er sich soweit gefangen hatte, dass er weitersprechen konnte.
“Die elende Mistmade hat sich einfach geweigert, die Waren rauszurücken. Hat gefragt, was wir denn tun wollen, um ihn zu zwingen. Nachdem unser ‘Räuberhauptmann’ schon zu feige wär, nem Spötter das immer frecher werdende Maul zu stopfen, wären wir als die billigen ‘Handlanger’ ja wohl kaum in der Lage, nen Handelskarren auszunehmen, der unter der Bedeckung von drei Söldlingen reist.” “Wie viele seid ihr gewesen?” “Neun.” “Oh je”, Birke runzelte sorgenvoll die Stirn und gab den Humpen an Gilm zurück, als er ihr bedeutete, dass sein Durst noch lange nicht gestillt war.
“Er hat sich also geweigert und diese verfluchten Söldlinge hat’s auch nich wirklich intressiert, dass n paar von uns ihre Armbrüste auf sie gerichtet hatten. Die sin offenbar davon ausgegangen, dass wir nich ernst machen würden.” “Das habt ihr aber ... .” “Klar haben wir. Blieb uns ja nichts andres übrig. Wie hätt das denn bitte ausgesehn? Die Leute erst überfallen wollen und sich dann vor nem unterlegenen Gegner in die Hose machen ... das geht doch nich. Wer hätt uns denn da überhaupt noch ernst genommen?!” “Und dann?” Birke konnte nicht anders, als diese Frage zu stellen.
“Dann ging der Ärger erst richtig los. Wir haben mit denen natürlich kurzen Prozess gemacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Händler selbst und zwei von seinen Mietlingen das nich überlebt haben. Das gleiche gilt allerdings auch für Morka.” “Mögen die Götter sich ihrer unsterblichen Seele erbarmen”, murmelte Birke leise, bevor sie Gilm einen unsicheren Blick zuwarf, “Und jetzt?”
“Naja, wir haben die vier natürlich verschwinden lassen. Aber früher oder später wird sich wer fragen, wo die eigentlich geblieben sin. Und es wird nich lang dauern, bis er sich nen Reim drauf macht. Und wenn’s soweit is, bedeutet das ne Menge zusätzlichen Ärger für uns. Die Wachtritter haben uns so schon nich gern. Wenn rauskommt, dass der Tod dieser Kerle auf unserm Mist gewachsen is, werden sie das sicher als Vorwand nehmen, um noch fleißiger nach uns zu suchen, damit sie uns endlich den Garaus machen können. Kurz und schlecht: Die Situation wird so beschissen sein wie schon lang nich mehr. Und das alles nur wegen diesen Sichelwachter Drecksratten.”
“Oder weil Borka sich weigert, endlich seine vermaledeite Ehrenschuld einzulösen.” Gilm brummte misslaunig, aber die Tatsache, dass er nichts erwiderte, war Birke Hinweis genug darauf, dass er ihre Haltung nicht mehr ganz so vehement ablehnte wie noch vor wenigen Tagen. “Dieser Rauheneck hat von Anfang an gesagt, dass er jederzeit bereit steht und dass er sofort abreisen wird ... wenn Borka ihm gegeben hat, wonach ihn dürstet. Warum tut er es nicht? Fürchtet er sich etwa?” “Sich fürchten? Das glaub ich nich”, Gilm schüttelte den Kopf, “Ich glaub eher, dass er sich von niemand zu was zwingen lassen will. Wenn’s hart auf hart kommt, wird er diesen irren Blutsäufer ganz sicher in Stücke reißen – und ich werd dann der Erste sein, der auf den armseligen Überresten tanzt.”
Obwohl die Worte ihres Gefährten nicht wirklich überzeugend klangen, gab Birke sich fürs Erste zufrieden. “Dann hoffen wir, dass es soweit sein wird, bevor uns noch Schlimmeres widerfährt. Wenn die Bauern und Händler hier in der Gegend sich alle entscheiden, Borka nicht mehr ernst nehmen zu wollen ...”, sie ließ den Satz unvollendet.
“Sieht jedenfalls so aus, als würd unsre Wette sich weiter zu Deinen Gunsten entwickeln, Füchslein.”
Anfang Efferd 1029 BF
In einem Waldstück beim Blutulmenthurm, Herzoglich Weiden
“Und? Wie geht es ihm?” “Nicht wirklich gut. Ich glaube dem armen Kerl ist heute der Schreck seines Lebens in die Glieder gefahren.” “Hab gehört er hätt sich eingenässt?” “Hat er auch”, Birke seufzte mitleidig, während sie sich zu Gilm gesellte, der im Schatten einer großen Buche saß, “Er ist völlig außer sich gewesen und wer wollt ihm das verdenken? Abgesehen von einen paar Kratzern und Beulen hat der Sichler ihm zwar kein Leid getan, aber er konnte ja vorher nicht wissen, dass er so glimpflich davonkommen würde. Wenn ich mir das vorstelle ... ne! Ich hätte es auch mit der Angst zu tun bekommen. Ich würde diesem Wahnsinnigen um keinen Preis der Welt in die Hände fallen wollen.” Als sie bei der bloßen Vorstellung erschauerte, legte Gilm schützend den Arm um seine Gefährtin.
“Was ist denn nun gewesen?” “Nolle wollte von einem Besuch bei seinem Weib hierher zurückkehren. Traute lebt ja ganz in der Nähe, wie du sicher weißt?!” Gilm nickte. “Na, jedenfalls war er noch nicht besonders weit gekommen, als er diesem Widderich auch schon direkt in die Arme gelaufen ist. Der hat ihn sich gleich gegriffen – die Götter allein mögen wissen woher er wusste, mit wem er es zu tun hat. Na, er hat ihn sich jedenfalls geschnappt und zur Brust genommen.” Immer noch ein wenig ungläubig schüttelte Birke den Kopf und auch Gilm schien nicht recht zu wissen, was er von der Sache halten sollte. “Und dann? Was hat der Sichler denn mit ihm angestellt?” “Schwer zu sagen. Nolle bringt ja kaum einen geraden Satz zuwege. Der sieht so blass aus wie die Kaiserinnengroßmutter ... nur ohne Puder halt.” “Und was hast du dir zusammengereimt?”
Birke legte ihre Stirn demonstrativ in Falten. “Offenbar war das Ganze nicht geplant. Die Geschwister von diesem Sichler müssen genauso erschrocken sein wie unser Nolle, was dem natürlich noch mehr Angst gemacht hat. So wie die geguckt haben, sagt er, ist er fest davon überzeugt gewesen, dass sein letztes Stündlein geschlagen hätte. Aber dann wollte dieser Widderich wohl vor allem mit ihm reden.” “Worüber denn?” “Uh ... einiges. Ich fürchte zum Beispiel Nolle hat den Standort unseres Lagers preisgegeben. Vermutlich werden wir in den nächsten Tagen weiter ziehen, damit wir Nächtens nicht irgendwann von den Wachtrittern überrascht werden.” “Das hätt er nich tun dürfen”, Gilm seufzte schwer. Doch Birke hob gleichmütig die Schultern. “Er hatte Todesangst, was erwartest du denn?”
Einen Moment lang hingen sie beide schweigend ihren Gedanken nach. Dann räusperte Gilm sich leise: “Und sonst?” “Sonst? Der Kerl hat anklingen lassen, dass es für Leute wie uns klüger wäre, heuer nicht mehr allein durch die Wälder zu streifen. Er meinte wohl, dass es angesichts des schwindenden Respekts der Bauern angeraten wäre, in Gruppen zu reisen, wenn wir an unseren Leben hängen würden. Dass außer denen auch noch er und seine Drecksmischpoke auf uns lauern, hat er da gar nicht mehr erwähnen müssen.”
“Schad nur, dass er offenbar recht hat.” “Ja verdammt, das hat er! Mag ja sein, dass Borka und ein paar von seinen Waffenknechten es mit nem Ritter und zwei seiner verfluchten Spießgesellen aufnehmen können, aber die meisten von uns sind doch keine Krieger. Wir können diesen Nachteil nur durch Überzahl oder List und Tücke wett machen ... . Und umbringen können wir sie auch nicht. Wenn wir das täten würden wir doch eher heut als morgen am Galgen baumeln. Denn dass das restliche Adelspack dann gar keine Ruhe mehr geben würde, das dürft ja wohl außer Frage stehen, eh?”
Zornig entriss Birke ihrem Gefährten den Weinschlauch und stürzte etwas von dessen Inhalt in sich hinein. “Er hat auch gesagt, dass wir die Gesellschaft Borkas fürs Erste besser meiden sollten. Denn als Raubgesindel seien wir allesamt vogelfrei und die Vogelfreiheit würde sich nur dann rentieren, wenn man einen mächtigen Schutzherrn hat, dessen Ruf einen vor den Rachegelüsten der Opfer bewahrt – und davor vom Fleck weg erschlagen zu werden.” “Hat er das wirklich gesagt?” “Ja, hat er. Und dass Borka sicher kein solcher Schutzherr sei hat er auch gesagt. Denn wer es zum Wohle aller nicht mal mit einem einzelnen Ritter aufnehmen wolle, von dem sei wohl kaum zu erwarten, dass er sich mit einer ganzen Horde aufgebrachter Bauern anlegen würde.” Sie schniefte leise und schüttelte dann resigniert den Kopf. “Stimmt soweit”, meinte Gilm nach einer kurzen Pause, “Wenn die das Volk weiter so aufstacheln, wird bald keiner mehr zögern uns zu erschlagen – ne Strafe droht dafür ja eh nicht und wenn Borka sich auch nicht drum kümmert ... .”
“Beim nächsten von uns, der ihm über den Weg läuft, will er übrigens auch keine Gnade mehr walten lassen.” “Ah je”, ein heiseres Lachen entrang sich Gilms Kehle. “Du lachst, aber in den Gesichtern der anderen habe ich nackte Angst gesehen. Mich würd es nicht wundern, wenn unsere Bande morgen früh schon um einiges kleiner wäre. Der Kerl hat seinen Finger in offene Wunden gelegt. Ja, es wird immer schwieriger und gefährlicher die Händler und Reisenden auszunehmen. Ja, das Volk hat immer weniger Angst vor uns. Und ja, keiner versteht, warum Borka die Sache nicht längst aus der Welt geschafft hat. Ein blöder Zweikampf, rondradonnernocheins, ist das denn wirklich so viel verlangt? Wenn wir danach endlich wieder unsere Ruhe hätten?”
“Liebe Güte, Füchslein, du bist ja richtig in Fahrt?! Sieht ganz so aus als würdst du dich gar nich mehr drüber freuen, dass dein Sieg in greifbare Nähe rückt?” “Ne. Das erst wieder, wenn Borka endlich tut, was er längst schon hätte tun müssen und diesem überheblichen Dreckskerl das hässliche Maul stopft.”
Mitte Efferd 1029 BF
In der Höhle des Falken, Herzoglich Weiden
“Nur hin und gleich wieder zurück?” “Ja. Sag ihm, dass ich dort am Zwölften dieses Mondes zur Stunde der Dämmerung bereitstehen werde, um die Sache zu Ende zu bringen. Frag ihn auch nach der Wahl seiner Waffen und komm anschließend gleich wieder hierher! Hast du das verstanden?” Der Waffenknecht nickte eifrig. “Dann ab dafür!” Borka wartete, bis das Kerlchen aus seiner Höhle verschwunden war und ließ sich dann leise fluchend auf dem hölzernen Sessel nieder, der ihm von jeher als ‘Thron’ diente.
Er hatte seine Gegner unterschätzt. Sträflich unterschätzt sogar. Es kam selten genug vor, dass so etwas überhaupt geschah. Doch diesmal hatte er nicht nur ein bisschen daneben gelegen, sondern komplett ... meilenweit daneben. Mit einem zornigen Knurren stützte der Fälklin sein Kinn auf die geballte Faust. Wer hätte das auch gedacht? Wer hätte es für möglich gehalten, dass ein einzelner Streiter ohne Rang und Namen vermögen würde, was den Rittern aus der Trutz in all den Götterläufen nicht gelungen war?
Und woran lag das?
Seufzend griff Borka nach dem schweren Weinpokal, der vor ihm auf dem Tisch stand, und stürzte einen großen Schluck kostbaren Yaquirtalers in sich hinein als sei es billiger Fusel. Daran, dass der Sichler sich völlig unverrückbar zum Ziel gesetzt hatte, ihm seinen vermaledeiten Willen aufzuzwingen. Mit aller Gewalt und ohne Rücksicht auf Verluste. Er hatte sich ausschließlich auf diese eine Sache konzentriert. Während den Wachtrittern stets noch mindestens eine weitere Pflicht an den Hacken klebte, hatte dieser Kerl sich einzig und allein ihm gewidmet. Unzufrieden rotzte Borka einen großen Klumpen rötlich-brauner Spucke auf den Boden.
Und wieso konnte er das?
Hatte er denn wirklich nichts Besseres zu tun? Immerhin war er doch gerüchteweise auch ein Ritter. Hatten die Ritter der Sichel etwa keine wichtigen Aufgaben zu erledigen? Keine dienstlichen Verpflichtungen? Oder ließ ein Widderich von Rauheneck selbst diese liegen, um sich genussvoll in seinen billigen Rachegelüsten suhlen zu können? Und das alles wegen eines nutzlosen Gauls? Unglaublich ... !
Während er den Pokal ungeduldig in seiner Rechten drehte, schüttelte der Fälklin energisch den Kopf. Es waren nicht allein Zeit und Determination gewesen, die den Sichler am Ende sein Ziel erreichen ließen – soviel stand fest. Der Rauheneck und seine verkommene Sippschaft hatten darüber hinaus auch genau gewusst, was sie anstellen mussten, um ihn in die Ecke zu drängen. Elendes Dreckspack, das sie waren ... .
Nun ja, wenigstens verriet dieser Umstand ihm etwas über seine Widersacher: Sie wussten mehr über sein Gewerbe, als irgendeiner der anderen Häscher, die sich bisher an seine Fersen geheftet hatten. Sehr viel mehr. Ein bitteres und dennoch stillzufriedenes Lächeln umspielte Borkas Lippen, als er abermals einen großen Schluck Wein trank. Unter Männern von seinem Schlage war schon viel darüber spekuliert worden, was an den Geschichten über das Haus Rauheneck dran sein mochte. Darüber, ob sie wirklich eine Familie ruchloser Heckenreiter waren oder sich zu Unrecht im Glanze ihres althergebrachten Ruhmes sonnten. Er hatte nun Gewissheit.
Diese verfluchten Sichler waren drauf und dran ihm den Todesstoß zu versetzen. Sie hatten von Anfang an genau gewusst, wie sie ihn anfassen mussten und sie wussten es, weil sie seine Ängste teilten ... die gleichen Feinde hatten ... das Gesindel. “Ihr dreckigen Lumpenhunde!”, stieß er zwischen den Zähnen hervor und schlug mit der geballten Faust kräftig auf die Armlehne seines Throns, “Euch wird es auch noch an den Kragen gehen! Früher oder später seid ihr fällig!”
Oh ja, sie hatten gewusst, wie man einen Raubritter beim Schopfe packte. Borka empfand beinahe so etwas wie widerwillige Anerkennung, als er sich die Geschehnisse der letzten Wochen noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Am Anfang hatte er sich noch leichten Herzens über den Sichler Sonderling lustig gemacht. Das Lachen war ihm allerdings schnell vergangen. Schon früh hatte er geahnt, dass der Sinn der Tiraden nicht darin lag, seine Ehre zu beschmutzen oder an seine ritterlichen Tugenden zu appellieren. Wie durchdacht das Vorgehen seiner Feinde wirklich war ... das hatte er allerdings erst begriffen, als drei seiner billigen Handlanger vertrimmt und hinterher von einer wütenden Horde Gemeiner durch die Mangel gedreht worden waren. Die Furcht und damit auch der Respekt der einfachen Bevölkerung waren so schnell geschwunden, dass man es mit bloßem Auge kaum hatte nachverfolgen können.
Borka schniefte leise, während er seinen Krug mit einem dritten gewaltigen Schluck leerte. Und dann die ersten widersetzlichen Händler. Das Leben war ihnen schwer geworden. So schwer, dass das anfangs zögerliche Murren seiner Leute bald schon zu einem kaum noch überhörbaren Gezeter anschwoll. Erst recht nach der Sache mit Nolle ... . Drei Männer hatte er seitdem verloren, sie hatten sich Nächtens aus dem Lager geschlichen und waren nie wieder zurückgekehrt. Zwei weitere hatten die Bauern an die Büttel verpfiffen. Dann noch die eine, die im Scharmützel mit dem widerborstigen Händler aus Auen ums Leben gekommen war ... .
Sie alle standen kurz davor Freiwild zu werden. Und wenn er nicht ein Blutbad an der Bevölkerung seiner Heimat anrichten wollte, um ein Exempel zu statuieren und so sein Ansehen zurückzuerlangen, war diese Entwicklung wohl auch nicht mehr aufzuhalten. Doch konnte er dem Treiben seiner Herausforderer schwerlich Einhalt gebieten, indem er sich wie ein gewissenloser Schlächter gerierte. Das war nicht seine Art und es war niemals sein Ziel gewesen. So tief hatte er nie sinken wollen – und würde es auch nicht. Ebenso wenig, wie er tief genug sinken würde, den Mord an drei seiner Standesgenossen zu befehlen. Sicher war ihre Schlagkraft groß genug, um die Sichler alle miteinander ins Jenseits zu befördern. Aber um welchen Preis? Sie mochten dreckige Bastarde sein ... waren nur leider dennoch von adeligem Geblüt und damit denkbar ungünstige Ziele für Mordanschläge. Vor allem jetzt, da jeder auf Anhieb wissen würde, wer ihren Tod zu verantworten hatte.
“Pack”, brummte er leise und beugte sich dann vor, um seinen Pokal wieder aufzufüllen, “Elendes Dreckspack!”
Egal in welche Richtung er es drehte und wendete ... wollte er seine Ruhe zurück, blieb ihm nur ein Weg: Er musste dem Sichelritter geben, wonach ihn so dringend verlangte. Nur recht so, sollte er es doch haben! Wenn dieser Kerl erst in seinem eigenen Blute lag, würden die Bauern und Händler es sich zweimal überlegen, ob sie ihre Mäuler weiter aufreißen wollten. Ja, im Grunde gab es keine sicherere Methode, die Spötter wieder zum Schweigen zu bringen, als eigenhändig denjenigen zu erschlagen, der ihnen das Herz zum Spotten gegeben hatte. Nur recht, in der Tat!
“Ha”, mit einem grimmen Lachen hob Borka seinen Weinkelch und prostete einem imaginären Saufkumpanen zu, “Heil dir, Widderich von Rauheneck! Du wirst die Kur für die Krankheit sein, die zu verbreiten du dich so krampfhaft bemüht hast. Dein Opfer wird es sein, das mir den Weg zurück zum Alten ebnet.”
Wenn er den Mann im Zweikampf besiegte, war das Rondras Wille. Am Ergebnis eines ritterlichen Kräftemessens gab es nichts zu deuteln. Niemand würde ihn dafür zur Rechenschaft ziehen, nicht einmal bei einem tödlichen Ausgang. Und dass das Gefecht für einen von ihnen einen tödlich enden würde, daran bestand für Borka kein Zweifel. Er hatte den Sichler auf der Turney erlebt. Er hatte sein Gesicht gesehen, aus dem Hass und Verachtung sprachen. Hatte seine Augen gesehen, in denen kalte Mordlust blitzte. Schon damals hatte er gewünscht, er hätte seine Waffe niemals gegen den elenden Zossen gerichtet. Etwas stimmte nicht mit Widderich von Rauheneck und er war nicht der einzige, der das bemerkt hatte. Der Mann lief nicht ganz rund ... er war ... von einem unheiligen Feuer beseelt ... . Kein Gegner, den man sich wünschte. Deshalb hatte er sich ja auch redlich bemüht, das Unvermeidliche zu vermeiden.
Borka schob den Gedanken weit von sich und schüttelte energisch den Kopf. Danach starrte er einen Moment lang atemlos auf eine kleine Phiole, die neben der Weinflasche auf dem Tisch stand, und spürte wie die Ruhe langsam in seine Glieder zurückkehrte. Einerlei wer oder was sein Widersacher war und was nicht mit ihm stimmte: Seine Tage auf Dere waren gezählt!
Und wenn der Rauheneck erst tot war, würde alles wieder so werden, wie es einst gewesen.
Mitte Efferd 1029 BF
Irgendwo im Nirgendwo, Baronie Schneehag
“Das ist ... einfach nur blöd, Bärfang. Wir schaffen das heute nicht mehr.”
“Natürlich schaffen wir das heute nicht mehr, das war doch von Anfang an klar.”
“War es das?”
“Mir war es klar. Und wenn du mal einen Blick auf diese vermaledeite Karte geworfen hättest, wäre es dir auch klar geworden. Aber nein, die Dame hatte ja Besseres zu tun.”
“Naja und? Was machen wir jetzt?”, mit einer zornigen Geste wischte Firnfee sich das leidige Regenwasser aus dem Gesicht – wohl zum tausendsten Mal an diesem Tage – und starrte ihren älteren Bruder fragend an, “Wie hast du dir das denn gedacht? Ist ja nicht so, als ob wir alle Zeit der Welt hätten.” Sie warf einen besorgten Blick auf ihren zweiten Bruder, der wie ein blutiger Anfänger im Sattel seines Rosses hing. “Wenn wir nicht langsam ein sicheres und trockenes Plätzchen für ihn finden, werden wir dem Vatter daheim beichten müssen, dass ihm schon wieder ein Erbe abhanden gekommen ist. Das wird ganz sicher alles andere als lustig.”
“Würde Schwanhildt zum nächsten Oberhaupt der Familie machen ... . Nein, das wird in der Tat nicht lustig. Sieht man mal ganz davon ab, dass der Alt...”
“Leute ...”, ein heiseres Krächzen aus Widderichs Richtung ließ die Geschwister erschrocken zusammenfahren, “... verschiebt dieses Gespräch gefälligst auf die Zeit nach meinem Tod! Ich will ... .” Er hielt kurz inne und riss sein Pferd dann mit einer brutalen Bewegung herum,
Augenblicke später ertönten Laute, die Firnfee und Bärfang bereits seit dem Morgen begleiteten, wenn auch in unregelmäßigen Abständen: Ihr Bruder erbrach sich. In seinem Rücken wechselten sie besorgte Blicke. Ihnen war von Anfang an klar gewesen, dass der Fälklin Widderich im Zweikampf ein paarmal recht gut erwischt hatte. Sie wären aber niemals auf den Gedanken gekommen, dass die Folgen derart schlimm ausfallen könnten. Zumal ihr Bruder schon seltsam unrund durch die Gegend geeiert war und merkwürdiges Zeug gefaselt hatte, bevor sich überhaupt erste Anzeichen einer Entzündung zeigten. Und nun, nun ritten sie seit Stunden im strömenden Regen umher, was für die Wundheilung sicher auch alles andere als förderlich war.
“Ich mache mir wirklich Sorgen, Mann. So kenne ich ihn gar nicht. Der würde doch normalerweise sogar über ein abgehacktes Bein lachen und danach gleich stramm weitermarschieren. Das ist doch nicht normal”, raunte Firnfee Bärfang zu.
“Nein, ist es nicht. Ich glaub’ auch nicht, dass er einfach nur krank ist. Glaub’ eher, dass dieser dreckige Bastard da noch ein bisschen nachgeholfen hat. Die Hosen von dem Kerl waren doch gestrichen voll, würd’ mich nicht wundern, w...”
“Du meinst er hat seine Waffe ...?”, mit einem panischen Unterton in der Stimme starrte die junge Rauheneck ihren Bruder an.
“Ich weiß es nicht.”
“Aber was machen wir denn jetzt? Wir brauchen einen Heiler. Wohin gehen wir?”
“So kurz vor der Hollerheide? Ich würd am liebsten bis zum Rhodenstein weiterreiten, aber ich fürchte, das packt er nicht mehr. Es gibt da ein Gut kurz vor der Furt durch den Finsterbach. Dahin sollten wir uns wenden.”
“Ein Gut? Kein Dorf?”, aus den Augenwinkeln nahm Firnfee wahr, dass Widderich sich aufrichtete. Sie lächelte ihm aufmunternd zu und konzentrierte sich dann gleich wieder auf Bärfang.
“Altenfurten. Ich weiß nicht, ob es da einen Heiler gibt, aber den Böcklins sagt man nach, sie hätten Beziehungen zu den ...”, Bärfang hielt inne und warf einen sichernden Blick zu seinem Bruder hinüber, erst als er sich ganz sicher war, dass Widderich nicht zuhörte, sprach er leise weiter, “... zu den Weisen Frauen. So dreckig wie es ihm geht, wäre es wohl das Beste, wir hätten eine von der Sorte an der Hand.”
“Böcklin?”
“Adelsfamilie von hier.”
“Bist du sicher? Klingt mir eher nicht danach. Und klingt irgendwie auch verdächtig nach Fälklin. Was, wenn das alles eine Matsche ist?”
“Ja, bin ich. Stellen die Barone von Schneehag. Das ist übrigens die Baronie, durch die wir gerade reiten”, trotz ihrer prekären Situation, konnte Bärfang sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen.
“Du willst zum Baron? Bist du wahnsinnig geworden? Und wenn der nun was mit unserem Namen anzuf...”
“Nicht zum Baron, zu einem seiner Söhne. Die Böcklins sind selbst nicht ganz koscher. Da geh’ ich doch lieber noch zu denen, als dass ich es bei wem anders probiere.”
“Und woher weißt du das nun schon wieder?”
“Ich höre den Leuten zu, wenn sie erzählen. Drüben, in Herz...”
Ein dumpfer Aufprall unterbrach die Rede Bärfangs. Erschrocken rissen sie sich voneinander los und blickten zu ihrem Bruder hinüber. Der Sattel seines Zossen war allerdings leer und Widderich sank eben auf dem klatschnassen Boden in sich zusammen. Wie ein Mann rissen Bärfang und Firnfee ihre Pferde herum und trieben sie auf das reiterlose Ross zu. Der bärtige Hüne war einen Tick schneller als seine Schwester – er kniete schon am Boden, als sie noch mit ihrem Steigbügel kämpfte. Hastig griff er nach seinem Bruder, drehte ihn auf den Rücken und bettete ihn dann auf seinen Oberschenkeln.
“Widderich? Heda, alter Halunke, was soll das denn jetzt? Hast du gar keinen Benimm? Komm zu dir, hör auf mit dem Unsinn!”
“Was ist mit ihm, Bärfang?” Sorgenvoll starrte Firnfee in das Gesicht ihres siechen Bruders, das zwischen seinen dunklen Haarsträhnen geradezu totenähnlich blass wirkte. Die Verbände, die sich um seine Leibesmitte und den Schildarm wanden, waren völlig durchnässt und zeigten an vielen Stellen Spuren von frischem Blut.
“Er glüht. Verdammte Scheiße, er glüht! Wir müssen schnell weiter.”
Fantholi Nummer 34:
Von Falken und Widdern
Herzoglich Weiden. Aus der Heldentrutz erreichte uns just die Kunde von einem in aller Heimlichkeit ausgefochtenen Ehrenhändel zwischen den Hohen Herren Borka Fälklin und Widderich von Rauheneck. Gerüchteweise wurde damit zu Ende gebracht, was ein Jahr zuvor auf der Sommerturney in Hohenhain seinen unglückseligen Anfang nahm. In der zweiten Runde des Tjosts hatte der aus der Grafschaft Sichelwacht stammende Rauheneck im Rondra 1029 BF einen ganz in Blau gerüsteten Ritter gefordert, der seinen Namen nicht preisgeben wollte, und war bei dem anschließenden Kräftemessen aufgrund eines haarstäubenden Zwischenfalls sowie einer aufsehenerregenden Fehlentscheidung des Turniermarschalls aus dem Wettbewerb ausgeschieden.
Verlässlichen Quellen zufolge sah der Blaue Ritter sich damals außerstande seinem Gegner auf herkömmlichem Wege beizukommen und ritt deshalb einen niederträchtigen Angriff gegen das Ross des Sichlers, was dessen katastrophalen Sturz zur Folge hatte. Trotz seines unritterlichen Gebarens wurde der Streiter ohne Namen jedoch weder disqualifiziert noch gezwungen, seine Identität preiszugeben. Vielmehr eröffnete man dem vom Sturz sichtlich gezeichneten Rauheneck – dessen Pferd mit dem Tode rang –, dass der Kampf für ihn verloren sei, wenn er nicht noch einmal in den Sattel steige, um seinem ebenso gesichts- wie ehrlosen Gegner erneut die Stirn zu bieten. Offenbar hat der Sichelwachter bereits in diesem Rahmen Satisfaktion gefordert, erklärte sich aber bereit, den Turnierfrieden zu wahren und seinen Strauß erst nach Abschluss der Feierlichkeiten auszufechten. Über seinen letzten Lanzengang, in dem er später auf fremdem Pferd und allem Anschein nach angetrunken keine allzu gute Figur mehr machte, soll hier das Mäntelchen des Schweigens gebreitet werden. Seine Genugtuung hat der Rauheneck in Hohenhain jedenfalls nicht bekommen, denn der Blaue Ritter schlich sich in der Nacht darauf ungesehen davon.
Wie sich der Bogen von dieser Geschichte zu dem oben erwähnten Duell schlagen lässt, bleibt schleierhaft. Obwohl der Name ‘Borka Fälklin’ in Hohenhain nicht gefallen ist, scheint sein Herausforderer jedoch zu der Überzeugung gelangt zu sein, dass niemand anders als er unter dem Helm des Blauen Ritters steckte. Offenbar war diese Erkenntnis auch der Grund dafür, dass der Rauheneck sich im Anschluss an den Baronsrat auf Burg Efferddorn in die Heldentrutz begab, um abermals Satisfaktion zu fordern. Die Tatsache, dass sein Rivale sich in den Wäldern Herzoglich Weidens versteckt hielt, war dabei nur vorübergehend hinderlich: Mit bemerkenswerter Ausdauer gelang es dem Sichler den anfänglichen Widerstand zu brechen, indem er sich so lange auf Kosten des Fälklins amüsierte, bis selbst die Spatzen auf den Dächern in seine Spottlieder einstimmten und die Bauern auf den Feldern sich den Schmähreden über das ‘feige Trutzer Hühnchen’ anschlossen. Am Ende blieb dem solchermaßen Verhöhnten wohl nichts anderes, als die Deckung aufzugeben, um nicht gänzlich zu einer verachtenswerten Witzfigur zu verkommen.
Leider ist es uns nicht möglich, unseren treuen Lesern vom Ausgang des Duells zu berichten. Zu verschieden ist die Kunde, welche bisher an unsere Ohren drang. So behaupten die einen, dass der Sichelritter im Morgengrauen des 12. Efferd ein wahres Schlachtfest veranstaltet habe – doch warum sollte er abgezogen sein, ohne den geschlagenen Vogelfreien zu seinem eigenen Ruhme und finanziellen Vorteil an die Obrigkeit auszuliefern? Andere behaupten wiederum, der Heldentrutzer habe seinen hoffnungslos unterlegenen Kontrahenten von Anfang an dominiert – aber, so fragt sich der Schreiber dieser Zeilen, wie kommt es dann, dass er über seinen Sieg bisher noch kein Wort verlauten ließ, zumal um seine Spötter endlich zum Schweigen zu bringen? Wir hoffen darauf, uns in dieser Angelegenheit bald schon Klarheit verschaffen zu können und werden weiter berichten.