Anfang Efferd 1029 BF
In einem Waldstück beim Blutulmenthurm, Herzoglich Weiden
“Und? Wie geht es ihm?” “Nicht wirklich gut. Ich glaube dem armen Kerl ist heute der Schreck seines Lebens in die Glieder gefahren.” “Hab gehört er hätt sich eingenässt?” “Hat er auch”, Birke seufzte mitleidig, während sie sich zu Gilm gesellte, der im Schatten einer großen Buche saß, “Er ist völlig außer sich gewesen und wer wollt ihm das verdenken? Abgesehen von einen paar Kratzern und Beulen hat der Sichler ihm zwar kein Leid getan, aber er konnte ja vorher nicht wissen, dass er so glimpflich davonkommen würde. Wenn ich mir das vorstelle ... ne! Ich hätte es auch mit der Angst zu tun bekommen. Ich würde diesem Wahnsinnigen um keinen Preis der Welt in die Hände fallen wollen.” Als sie bei der bloßen Vorstellung erschauerte, legte Gilm schützend den Arm um seine Gefährtin.
“Was ist denn nun gewesen?” “Nolle wollte von einem Besuch bei seinem Weib hierher zurückkehren. Traute lebt ja ganz in der Nähe, wie du sicher weißt?!” Gilm nickte. “Na, jedenfalls war er noch nicht besonders weit gekommen, als er diesem Widderich auch schon direkt in die Arme gelaufen ist. Der hat ihn sich gleich gegriffen – die Götter allein mögen wissen woher er wusste, mit wem er es zu tun hat. Na, er hat ihn sich jedenfalls geschnappt und zur Brust genommen.” Immer noch ein wenig ungläubig schüttelte Birke den Kopf und auch Gilm schien nicht recht zu wissen, was er von der Sache halten sollte. “Und dann? Was hat der Sichler denn mit ihm angestellt?” “Schwer zu sagen. Nolle bringt ja kaum einen geraden Satz zuwege. Der sieht so blass aus wie die Kaiserinnengroßmutter ... nur ohne Puder halt.” “Und was hast du dir zusammengereimt?”
Birke legte ihre Stirn demonstrativ in Falten. “Offenbar war das Ganze nicht geplant. Die Geschwister von diesem Sichler müssen genauso erschrocken sein wie unser Nolle, was dem natürlich noch mehr Angst gemacht hat. So wie die geguckt haben, sagt er, ist er fest davon überzeugt gewesen, dass sein letztes Stündlein geschlagen hätte. Aber dann wollte dieser Widderich wohl vor allem mit ihm reden.” “Worüber denn?” “Uh ... einiges. Ich fürchte zum Beispiel Nolle hat den Standort unseres Lagers preisgegeben. Vermutlich werden wir in den nächsten Tagen weiter ziehen, damit wir Nächtens nicht irgendwann von den Wachtrittern überrascht werden.” “Das hätt er nich tun dürfen”, Gilm seufzte schwer. Doch Birke hob gleichmütig die Schultern. “Er hatte Todesangst, was erwartest du denn?”
Einen Moment lang hingen sie beide schweigend ihren Gedanken nach. Dann räusperte Gilm sich leise: “Und sonst?” “Sonst? Der Kerl hat anklingen lassen, dass es für Leute wie uns klüger wäre, heuer nicht mehr allein durch die Wälder zu streifen. Er meinte wohl, dass es angesichts des schwindenden Respekts der Bauern angeraten wäre, in Gruppen zu reisen, wenn wir an unseren Leben hängen würden. Dass außer denen auch noch er und seine Drecksmischpoke auf uns lauern, hat er da gar nicht mehr erwähnen müssen.”
“Schad nur, dass er offenbar recht hat.” “Ja verdammt, das hat er! Mag ja sein, dass Borka und ein paar von seinen Waffenknechten es mit nem Ritter und zwei seiner verfluchten Spießgesellen aufnehmen können, aber die meisten von uns sind doch keine Krieger. Wir können diesen Nachteil nur durch Überzahl oder List und Tücke wett machen ... . Und umbringen können wir sie auch nicht. Wenn wir das täten würden wir doch eher heut als morgen am Galgen baumeln. Denn dass das restliche Adelspack dann gar keine Ruhe mehr geben würde, das dürft ja wohl außer Frage stehen, eh?”
Zornig entriss Birke ihrem Gefährten den Weinschlauch und stürzte etwas von dessen Inhalt in sich hinein. “Er hat auch gesagt, dass wir die Gesellschaft Borkas fürs Erste besser meiden sollten. Denn als Raubgesindel seien wir allesamt vogelfrei und die Vogelfreiheit würde sich nur dann rentieren, wenn man einen mächtigen Schutzherrn hat, dessen Ruf einen vor den Rachegelüsten der Opfer bewahrt – und davor vom Fleck weg erschlagen zu werden.” “Hat er das wirklich gesagt?” “Ja, hat er. Und dass Borka sicher kein solcher Schutzherr sei hat er auch gesagt. Denn wer es zum Wohle aller nicht mal mit einem einzelnen Ritter aufnehmen wolle, von dem sei wohl kaum zu erwarten, dass er sich mit einer ganzen Horde aufgebrachter Bauern anlegen würde.” Sie schniefte leise und schüttelte dann resigniert den Kopf. “Stimmt soweit”, meinte Gilm nach einer kurzen Pause, “Wenn die das Volk weiter so aufstacheln, wird bald keiner mehr zögern uns zu erschlagen – ne Strafe droht dafür ja eh nicht und wenn Borka sich auch nicht drum kümmert ... .”
“Beim nächsten von uns, der ihm über den Weg läuft, will er übrigens auch keine Gnade mehr walten lassen.” “Ah je”, ein heiseres Lachen entrang sich Gilms Kehle. “Du lachst, aber in den Gesichtern der anderen habe ich nackte Angst gesehen. Mich würd es nicht wundern, wenn unsere Bande morgen früh schon um einiges kleiner wäre. Der Kerl hat seinen Finger in offene Wunden gelegt. Ja, es wird immer schwieriger und gefährlicher die Händler und Reisenden auszunehmen. Ja, das Volk hat immer weniger Angst vor uns. Und ja, keiner versteht, warum Borka die Sache nicht längst aus der Welt geschafft hat. Ein blöder Zweikampf, rondradonnernocheins, ist das denn wirklich so viel verlangt? Wenn wir danach endlich wieder unsere Ruhe hätten?”
“Liebe Güte, Füchslein, du bist ja richtig in Fahrt?! Sieht ganz so aus als würdst du dich gar nich mehr drüber freuen, dass dein Sieg in greifbare Nähe rückt?” “Ne. Das erst wieder, wenn Borka endlich tut, was er längst schon hätte tun müssen und diesem überheblichen Dreckskerl das hässliche Maul stopft.”
Raubgesindel - Gefangen und geprügelt
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