Anfang Efferd 1029 BF
In einem Waldstück beim Blutulmenthurm, Herzoglich Weiden

“Und? Willst Du mir jetzt erzählen, was passiert ist?”, Birke strich vorsichtig über die frisch verbundene Seite ihres Gefährten. Gilm seufzte leise und gab ihrem Drängen dann endlich nach. “Hast’s dir zwar vermutlich schon selbst zusammengereimt, aber meinetwegen. Reich mir nur erst das Bier rüber!” Birke kam der Aufforderung nach, ehe sie es sich neben ihm auf dem Deckenlager bequem machte.

“Wir wollten diesen Händler aus Auen ausnehmen. So wie’s Borka uns befohlen hat, bevor er selbst in Richtung Reichsstraße aufgebrochen ist, um den großen Fisch zu fangen. Weißt schon, den Handelszug au...” “Ja, ich weiß.” “Is soweit auch alles ganz gut gelaufen. Genau wie wir’s geplant hatten. Das Problem war nur, dass unser Opfer nich tun wollt, was wir ihm gesagt haben, als es soweit war. Wi...”, Gilm verschluckte sich und richtete sich prustend auf. In einem feinen goldgelben Bierregen ergoss sich das kühle Nass weitflächig über die Decken und Felle, während er sich unter Schmerzen krümmte und schließlich leise fluchend an seine wunde Seite griff. Birke nahm ihm den Humpen ab und wartete geduldig, bis er sich soweit gefangen hatte, dass er weitersprechen konnte.

“Die elende Mistmade hat sich einfach geweigert, die Waren rauszurücken. Hat gefragt, was wir denn tun wollen, um ihn zu zwingen. Nachdem unser ‘Räuberhauptmann’ schon zu feige wär, nem Spötter das immer frecher werdende Maul zu stopfen, wären wir als die billigen ‘Handlanger’ ja wohl kaum in der Lage, nen Handelskarren auszunehmen, der unter der Bedeckung von drei Söldlingen reist.” “Wie viele seid ihr gewesen?” “Neun.” “Oh je”, Birke runzelte sorgenvoll die Stirn und gab den Humpen an Gilm zurück, als er ihr bedeutete, dass sein Durst noch lange nicht gestillt war.

“Er hat sich also geweigert und diese verfluchten Söldlinge hat’s auch nich wirklich intressiert, dass n paar von uns ihre Armbrüste auf sie gerichtet hatten. Die sin offenbar davon ausgegangen, dass wir nich ernst machen würden.” “Das habt ihr aber ... .” “Klar haben wir. Blieb uns ja nichts andres übrig. Wie hätt das denn bitte ausgesehn? Die Leute erst überfallen wollen und sich dann vor nem unterlegenen Gegner in die Hose machen ... das geht doch nich. Wer hätt uns denn da überhaupt noch ernst genommen?!” “Und dann?” Birke konnte nicht anders, als diese Frage zu stellen.

“Dann ging der Ärger erst richtig los. Wir haben mit denen natürlich kurzen Prozess gemacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Händler selbst und zwei von seinen Mietlingen das nich überlebt haben. Das gleiche gilt allerdings auch für Morka.” “Mögen die Götter sich ihrer unsterblichen Seele erbarmen”, murmelte Birke leise, bevor sie Gilm einen unsicheren Blick zuwarf, “Und jetzt?”

“Naja, wir haben die vier natürlich verschwinden lassen. Aber früher oder später wird sich wer fragen, wo die eigentlich geblieben sin. Und es wird nich lang dauern, bis er sich nen Reim drauf macht. Und wenn’s soweit is, bedeutet das ne Menge zusätzlichen Ärger für uns. Die Wachtritter haben uns so schon nich gern. Wenn rauskommt, dass der Tod dieser Kerle auf unserm Mist gewachsen is, werden sie das sicher als Vorwand nehmen, um noch fleißiger nach uns zu suchen, damit sie uns endlich den Garaus machen können. Kurz und schlecht: Die Situation wird so beschissen sein wie schon lang nich mehr. Und das alles nur wegen diesen Sichelwachter Drecksratten.”

“Oder weil Borka sich weigert, endlich seine vermaledeite Ehrenschuld einzulösen.” Gilm brummte misslaunig, aber die Tatsache, dass er nichts erwiderte, war Birke Hinweis genug darauf, dass er ihre Haltung nicht mehr ganz so vehement ablehnte wie noch vor wenigen Tagen. “Dieser Rauheneck hat von Anfang an gesagt, dass er jederzeit bereit steht und dass er sofort abreisen wird ... wenn Borka ihm gegeben hat, wonach ihn dürstet. Warum tut er es nicht? Fürchtet er sich etwa?” “Sich fürchten? Das glaub ich nich”, Gilm schüttelte den Kopf, “Ich glaub eher, dass er sich von niemand zu was zwingen lassen will. Wenn’s hart auf hart kommt, wird er diesen irren Blutsäufer ganz sicher in Stücke reißen – und ich werd dann der Erste sein, der auf den armseligen Überresten tanzt.”

Obwohl die Worte ihres Gefährten nicht wirklich überzeugend klangen, gab Birke sich fürs Erste zufrieden. “Dann hoffen wir, dass es soweit sein wird, bevor uns noch Schlimmeres widerfährt. Wenn die Bauern und Händler hier in der Gegend sich alle entscheiden, Borka nicht mehr ernst nehmen zu wollen ...”, sie ließ den Satz unvollendet.

“Sieht jedenfalls so aus, als würd unsre Wette sich weiter zu Deinen Gunsten entwickeln, Füchslein.”