Mitte Efferd 1029 BF
Irgendwo im Nirgendwo, Baronie Schneehag

“Das ist ... einfach nur blöd, Bärfang. Wir schaffen das heute nicht mehr.”

“Natürlich schaffen wir das heute nicht mehr, das war doch von Anfang an klar.”

“War es das?”

“Mir war es klar. Und wenn du mal einen Blick auf diese vermaledeite Karte geworfen hättest, wäre es dir auch klar geworden. Aber nein, die Dame hatte ja Besseres zu tun.”

“Naja und? Was machen wir jetzt?”, mit einer zornigen Geste wischte Firnfee sich das leidige Regenwasser aus dem Gesicht – wohl zum tausendsten Mal an diesem Tage – und starrte ihren älteren Bruder fragend an, “Wie hast du dir das denn gedacht? Ist ja nicht so, als ob wir alle Zeit der Welt hätten.” Sie warf einen besorgten Blick auf ihren zweiten Bruder, der wie ein blutiger Anfänger im Sattel seines Rosses hing. “Wenn wir nicht langsam ein sicheres und trockenes Plätzchen für ihn finden, werden wir dem Vatter daheim beichten müssen, dass ihm schon wieder ein Erbe abhanden gekommen ist. Das wird ganz sicher alles andere als lustig.”

“Würde Schwanhildt zum nächsten Oberhaupt der Familie machen ... . Nein, das wird in der Tat nicht lustig. Sieht man mal ganz davon ab, dass der Alt...”

“Leute ...”, ein heiseres Krächzen aus Widderichs Richtung ließ die Geschwister erschrocken zusammenfahren, “... verschiebt dieses Gespräch gefälligst auf die Zeit nach meinem Tod! Ich will ... .” Er hielt kurz inne und riss sein Pferd dann mit einer brutalen Bewegung herum,

Augenblicke später ertönten Laute, die Firnfee und Bärfang bereits seit dem Morgen begleiteten, wenn auch in unregelmäßigen Abständen: Ihr Bruder erbrach sich. In seinem Rücken wechselten sie besorgte Blicke. Ihnen war von Anfang an klar gewesen, dass der Fälklin Widderich im Zweikampf ein paarmal recht gut erwischt hatte. Sie wären aber niemals auf den Gedanken gekommen, dass die Folgen derart schlimm ausfallen könnten. Zumal ihr Bruder schon seltsam unrund durch die Gegend geeiert war und merkwürdiges Zeug gefaselt hatte, bevor sich überhaupt erste Anzeichen einer Entzündung zeigten. Und nun, nun ritten sie seit Stunden im strömenden Regen umher, was für die Wundheilung sicher auch alles andere als förderlich war.

“Ich mache mir wirklich Sorgen, Mann. So kenne ich ihn gar nicht. Der würde doch normalerweise sogar über ein abgehacktes Bein lachen und danach gleich stramm weitermarschieren. Das ist doch nicht normal”, raunte Firnfee Bärfang zu.

“Nein, ist es nicht. Ich glaub’ auch nicht, dass er einfach nur krank ist. Glaub’ eher, dass dieser dreckige Bastard da noch ein bisschen nachgeholfen hat. Die Hosen von dem Kerl waren doch gestrichen voll, würd’ mich nicht wundern, w...”

“Du meinst er hat seine Waffe ...?”, mit einem panischen Unterton in der Stimme starrte die junge Rauheneck ihren Bruder an.

“Ich weiß es nicht.”

“Aber was machen wir denn jetzt? Wir brauchen einen Heiler. Wohin gehen wir?”

“So kurz vor der Hollerheide? Ich würd am liebsten bis zum Rhodenstein weiterreiten, aber ich fürchte, das packt er nicht mehr. Es gibt da ein Gut kurz vor der Furt durch den Finsterbach. Dahin sollten wir uns wenden.”

“Ein Gut? Kein Dorf?”, aus den Augenwinkeln nahm Firnfee wahr, dass Widderich sich aufrichtete. Sie lächelte ihm aufmunternd zu und konzentrierte sich dann gleich wieder auf Bärfang.

“Altenfurten. Ich weiß nicht, ob es da einen Heiler gibt, aber den Böcklins sagt man nach, sie hätten Beziehungen zu den ...”, Bärfang hielt inne und warf einen sichernden Blick zu seinem Bruder hinüber, erst als er sich ganz sicher war, dass Widderich nicht zuhörte, sprach er leise weiter, “... zu den Weisen Frauen. So dreckig wie es ihm geht, wäre es wohl das Beste, wir hätten eine von der Sorte an der Hand.”

“Böcklin?”

“Adelsfamilie von hier.”

“Bist du sicher? Klingt mir eher nicht danach. Und klingt irgendwie auch verdächtig nach Fälklin. Was, wenn das alles eine Matsche ist?”

“Ja, bin ich. Stellen die Barone von Schneehag. Das ist übrigens die Baronie, durch die wir gerade reiten”, trotz ihrer prekären Situation, konnte Bärfang sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen.

“Du willst zum Baron? Bist du wahnsinnig geworden? Und wenn der nun was mit unserem Namen anzuf...”

“Nicht zum Baron, zu einem seiner Söhne. Die Böcklins sind selbst nicht ganz koscher. Da geh’ ich doch lieber noch zu denen, als dass ich es bei wem anders probiere.”

“Und woher weißt du das nun schon wieder?”

“Ich höre den Leuten zu, wenn sie erzählen. Drüben, in Herz...”

Ein dumpfer Aufprall unterbrach die Rede Bärfangs. Erschrocken rissen sie sich voneinander los und blickten zu ihrem Bruder hinüber. Der Sattel seines Zossen war allerdings leer und Widderich sank eben auf dem klatschnassen Boden in sich zusammen. Wie ein Mann rissen Bärfang und Firnfee ihre Pferde herum und trieben sie auf das reiterlose Ross zu. Der bärtige Hüne war einen Tick schneller als seine Schwester – er kniete schon am Boden, als sie noch mit ihrem Steigbügel kämpfte. Hastig griff er nach seinem Bruder, drehte ihn auf den Rücken und bettete ihn dann auf seinen Oberschenkeln.

“Widderich? Heda, alter Halunke, was soll das denn jetzt? Hast du gar keinen Benimm? Komm zu dir, hör auf mit dem Unsinn!”

“Was ist mit ihm, Bärfang?” Sorgenvoll starrte Firnfee in das Gesicht ihres siechen Bruders, das zwischen seinen dunklen Haarsträhnen geradezu totenähnlich blass wirkte. Die Verbände, die sich um seine Leibesmitte und den Schildarm wanden, waren völlig durchnässt und zeigten an vielen Stellen Spuren von frischem Blut.

“Er glüht. Verdammte Scheiße, er glüht! Wir müssen schnell weiter.”