Mitte Efferd 1029 BF
In der Höhle des Falken, Herzoglich Weiden
“Nur hin und gleich wieder zurück?” “Ja. Sag ihm, dass ich dort am Zwölften dieses Mondes zur Stunde der Dämmerung bereitstehen werde, um die Sache zu Ende zu bringen. Frag ihn auch nach der Wahl seiner Waffen und komm anschließend gleich wieder hierher! Hast du das verstanden?” Der Waffenknecht nickte eifrig. “Dann ab dafür!” Borka wartete, bis das Kerlchen aus seiner Höhle verschwunden war und ließ sich dann leise fluchend auf dem hölzernen Sessel nieder, der ihm von jeher als ‘Thron’ diente.
Er hatte seine Gegner unterschätzt. Sträflich unterschätzt sogar. Es kam selten genug vor, dass so etwas überhaupt geschah. Doch diesmal hatte er nicht nur ein bisschen daneben gelegen, sondern komplett ... meilenweit daneben. Mit einem zornigen Knurren stützte der Fälklin sein Kinn auf die geballte Faust. Wer hätte das auch gedacht? Wer hätte es für möglich gehalten, dass ein einzelner Streiter ohne Rang und Namen vermögen würde, was den Rittern aus der Trutz in all den Götterläufen nicht gelungen war?
Und woran lag das?
Seufzend griff Borka nach dem schweren Weinpokal, der vor ihm auf dem Tisch stand, und stürzte einen großen Schluck kostbaren Yaquirtalers in sich hinein als sei es billiger Fusel. Daran, dass der Sichler sich völlig unverrückbar zum Ziel gesetzt hatte, ihm seinen vermaledeiten Willen aufzuzwingen. Mit aller Gewalt und ohne Rücksicht auf Verluste. Er hatte sich ausschließlich auf diese eine Sache konzentriert. Während den Wachtrittern stets noch mindestens eine weitere Pflicht an den Hacken klebte, hatte dieser Kerl sich einzig und allein ihm gewidmet. Unzufrieden rotzte Borka einen großen Klumpen rötlich-brauner Spucke auf den Boden.
Und wieso konnte er das?
Hatte er denn wirklich nichts Besseres zu tun? Immerhin war er doch gerüchteweise auch ein Ritter. Hatten die Ritter der Sichel etwa keine wichtigen Aufgaben zu erledigen? Keine dienstlichen Verpflichtungen? Oder ließ ein Widderich von Rauheneck selbst diese liegen, um sich genussvoll in seinen billigen Rachegelüsten suhlen zu können? Und das alles wegen eines nutzlosen Gauls? Unglaublich ... !
Während er den Pokal ungeduldig in seiner Rechten drehte, schüttelte der Fälklin energisch den Kopf. Es waren nicht allein Zeit und Determination gewesen, die den Sichler am Ende sein Ziel erreichen ließen – soviel stand fest. Der Rauheneck und seine verkommene Sippschaft hatten darüber hinaus auch genau gewusst, was sie anstellen mussten, um ihn in die Ecke zu drängen. Elendes Dreckspack, das sie waren ... .
Nun ja, wenigstens verriet dieser Umstand ihm etwas über seine Widersacher: Sie wussten mehr über sein Gewerbe, als irgendeiner der anderen Häscher, die sich bisher an seine Fersen geheftet hatten. Sehr viel mehr. Ein bitteres und dennoch stillzufriedenes Lächeln umspielte Borkas Lippen, als er abermals einen großen Schluck Wein trank. Unter Männern von seinem Schlage war schon viel darüber spekuliert worden, was an den Geschichten über das Haus Rauheneck dran sein mochte. Darüber, ob sie wirklich eine Familie ruchloser Heckenreiter waren oder sich zu Unrecht im Glanze ihres althergebrachten Ruhmes sonnten. Er hatte nun Gewissheit.
Diese verfluchten Sichler waren drauf und dran ihm den Todesstoß zu versetzen. Sie hatten von Anfang an genau gewusst, wie sie ihn anfassen mussten und sie wussten es, weil sie seine Ängste teilten ... die gleichen Feinde hatten ... das Gesindel. “Ihr dreckigen Lumpenhunde!”, stieß er zwischen den Zähnen hervor und schlug mit der geballten Faust kräftig auf die Armlehne seines Throns, “Euch wird es auch noch an den Kragen gehen! Früher oder später seid ihr fällig!”
Oh ja, sie hatten gewusst, wie man einen Raubritter beim Schopfe packte. Borka empfand beinahe so etwas wie widerwillige Anerkennung, als er sich die Geschehnisse der letzten Wochen noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Am Anfang hatte er sich noch leichten Herzens über den Sichler Sonderling lustig gemacht. Das Lachen war ihm allerdings schnell vergangen. Schon früh hatte er geahnt, dass der Sinn der Tiraden nicht darin lag, seine Ehre zu beschmutzen oder an seine ritterlichen Tugenden zu appellieren. Wie durchdacht das Vorgehen seiner Feinde wirklich war ... das hatte er allerdings erst begriffen, als drei seiner billigen Handlanger vertrimmt und hinterher von einer wütenden Horde Gemeiner durch die Mangel gedreht worden waren. Die Furcht und damit auch der Respekt der einfachen Bevölkerung waren so schnell geschwunden, dass man es mit bloßem Auge kaum hatte nachverfolgen können.
Borka schniefte leise, während er seinen Krug mit einem dritten gewaltigen Schluck leerte. Und dann die ersten widersetzlichen Händler. Das Leben war ihnen schwer geworden. So schwer, dass das anfangs zögerliche Murren seiner Leute bald schon zu einem kaum noch überhörbaren Gezeter anschwoll. Erst recht nach der Sache mit Nolle ... . Drei Männer hatte er seitdem verloren, sie hatten sich Nächtens aus dem Lager geschlichen und waren nie wieder zurückgekehrt. Zwei weitere hatten die Bauern an die Büttel verpfiffen. Dann noch die eine, die im Scharmützel mit dem widerborstigen Händler aus Auen ums Leben gekommen war ... .
Sie alle standen kurz davor Freiwild zu werden. Und wenn er nicht ein Blutbad an der Bevölkerung seiner Heimat anrichten wollte, um ein Exempel zu statuieren und so sein Ansehen zurückzuerlangen, war diese Entwicklung wohl auch nicht mehr aufzuhalten. Doch konnte er dem Treiben seiner Herausforderer schwerlich Einhalt gebieten, indem er sich wie ein gewissenloser Schlächter gerierte. Das war nicht seine Art und es war niemals sein Ziel gewesen. So tief hatte er nie sinken wollen – und würde es auch nicht. Ebenso wenig, wie er tief genug sinken würde, den Mord an drei seiner Standesgenossen zu befehlen. Sicher war ihre Schlagkraft groß genug, um die Sichler alle miteinander ins Jenseits zu befördern. Aber um welchen Preis? Sie mochten dreckige Bastarde sein ... waren nur leider dennoch von adeligem Geblüt und damit denkbar ungünstige Ziele für Mordanschläge. Vor allem jetzt, da jeder auf Anhieb wissen würde, wer ihren Tod zu verantworten hatte.
“Pack”, brummte er leise und beugte sich dann vor, um seinen Pokal wieder aufzufüllen, “Elendes Dreckspack!”
Egal in welche Richtung er es drehte und wendete ... wollte er seine Ruhe zurück, blieb ihm nur ein Weg: Er musste dem Sichelritter geben, wonach ihn so dringend verlangte. Nur recht so, sollte er es doch haben! Wenn dieser Kerl erst in seinem eigenen Blute lag, würden die Bauern und Händler es sich zweimal überlegen, ob sie ihre Mäuler weiter aufreißen wollten. Ja, im Grunde gab es keine sicherere Methode, die Spötter wieder zum Schweigen zu bringen, als eigenhändig denjenigen zu erschlagen, der ihnen das Herz zum Spotten gegeben hatte. Nur recht, in der Tat!
“Ha”, mit einem grimmen Lachen hob Borka seinen Weinkelch und prostete einem imaginären Saufkumpanen zu, “Heil dir, Widderich von Rauheneck! Du wirst die Kur für die Krankheit sein, die zu verbreiten du dich so krampfhaft bemüht hast. Dein Opfer wird es sein, das mir den Weg zurück zum Alten ebnet.”
Wenn er den Mann im Zweikampf besiegte, war das Rondras Wille. Am Ergebnis eines ritterlichen Kräftemessens gab es nichts zu deuteln. Niemand würde ihn dafür zur Rechenschaft ziehen, nicht einmal bei einem tödlichen Ausgang. Und dass das Gefecht für einen von ihnen einen tödlich enden würde, daran bestand für Borka kein Zweifel. Er hatte den Sichler auf der Turney erlebt. Er hatte sein Gesicht gesehen, aus dem Hass und Verachtung sprachen. Hatte seine Augen gesehen, in denen kalte Mordlust blitzte. Schon damals hatte er gewünscht, er hätte seine Waffe niemals gegen den elenden Zossen gerichtet. Etwas stimmte nicht mit Widderich von Rauheneck und er war nicht der einzige, der das bemerkt hatte. Der Mann lief nicht ganz rund ... er war ... von einem unheiligen Feuer beseelt ... . Kein Gegner, den man sich wünschte. Deshalb hatte er sich ja auch redlich bemüht, das Unvermeidliche zu vermeiden.
Borka schob den Gedanken weit von sich und schüttelte energisch den Kopf. Danach starrte er einen Moment lang atemlos auf eine kleine Phiole, die neben der Weinflasche auf dem Tisch stand, und spürte wie die Ruhe langsam in seine Glieder zurückkehrte. Einerlei wer oder was sein Widersacher war und was nicht mit ihm stimmte: Seine Tage auf Dere waren gezählt!
Und wenn der Rauheneck erst tot war, würde alles wieder so werden, wie es einst gewesen.
Raubgesindel - In der Höhle des Falken
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