Ifirns milde Hand ...

Ort: Dorf Mittenwalde, Dûrenwald

Dramatis Personae:

Dorf Mittenwalde, am Abend des 21. Peraine 1044 BF

Tief im Dûrenwald, direkt beim Zusammenfluss von Pergel und Dergel, sowie am Dornstieg gelegen, findet sich nicht nur das kleinste Dorf der Baronie, sondern auch die einzige Ansiedlung, die nicht von einer schützenden Palisade übergeben war. Eigentlich war Mittenwalde nicht mehr als die Ansiedlung einiger Jägers- und Köhlersfamilien um die Wegschenke ´zum lauernden Spitzohr´, wo sich stets auch einiges an reisendem Volk am Dornstieg einfand. Der Handelsweg verband die südliche Heldentrutz mit dem südlichen Bärwalde und schafft eine Verbindung von Hagweg und Nôrrnstieg hin zur Reichsstraße zwei in der Grafschaft Baliho. Bekannt ist die Ansiedlung vor allem durch den nahen Hain der Weißen Maid, der von der Dorfgemeinschaft jedoch fromm gehütet wurde und auch Pilgern verschlossen bleibt, hält man die Lichtung, auf der sich immer jagdbares Wild befindet, doch für heiligen Boden.

Etwas wortkarger als noch bei ihrem Weg hin zum Grabmal, führte Helchtruda Daithi und Boronmin in ihr Heimatdorf. Sie erzählte ihnen nur ein paar Takte über die Geschichte der Siedlung und auch über den nahen Hain der Weißen Maid, wo einst einmal Ifirns Tränen Dere berührt hatten und seitdem dort immer - sehr zugängliche - Tiere anzutreffen sind. Bei der Suche helfen, so die junge Hexe weiter, würde ihnen bestimmt die junge Ifirngeweihte Alwen von Wolfenthann, die die wärmere Zeit des Götterlaufs gerne in Mittenwalde verbrachte. Alwen ist die Tochter des Ritters von Firnroden in Waldleuen und eine ihrer Basen war die Ritterin von Travienswacht hier in der Nähe. Sie suchte hier wohl, so die Vermutung Helchtrudas, nicht nur die Nähe zu ihrer Göttin, sondern auch zu ihrer Familie. In den kalten Zeiten des Jahres, war sie fast immer unterwegs und half den Menschen wo es nur ging.

Es war kein allzu weiter Weg vom Grab nach Mittenwalde und gleich nach ihrer Ankunft ließ sich Helchtruda entschuldigen, lotste den Bardenschüler und den Pagen ins Gasthaus und meinte darauf, dass sie Alwen holen würde.

So saßen der Rechklammer und sein noch jüngerer Anhang in der beschaulichen Schankstube und außer ihrem war nur ein weiterer Tisch besetzt. Dort saßen ein junger Mann und eine junge Frau, die wohl ein junges, reisendes Paar darstellen konnten. Zumindest gingen sie sehr vertraut miteinander um.

“Kann ich den beiden jungen Herren etwas bringen”, riss die Frage der älteren Schankmagd Daithi aus seinen Gedanken.
Der Bardenschüler hatte ein paar Heller von ihren Auftritten behalten dürfen, sodass er nun freimütig etwas bestellen konnte. Darum nickte er Boronmin zu und sagte zu ihm: “Darf ich dir einen ausgeben?” Ohne die Antwort des Pagen abzuwarten wandte er sich an die Schankfrau: “Ja, gute Frau, es wäre nett, wenn ich ein Bierchen haben dürfte.” Von seiner Reise an der Seite des Bardenmeisters war der 17-jährige es schon gewohnt Bier zu trinken. “Was möchtest du denn trinken, Boronmin?”

Boronmin blickte zur Schankmagd auf und überlegte, ob er ebenfalls Bier bestellen sollte, um als einer der Großen wahrgenommen zu werden. Andererseits schmeckte ihm das Gebräu eigentlich nicht besonders... Egal, vermutlich gab es hier ohnehin keine anderen Getränke, dachte er. "Ich nehme auch ein Bierchen", ahmte der Achtjährige sein Vorbild Daithi in Tonfall und Gebaren nach.

Die ältere Frau zog bei Boronmins Bestellung eine Augenbraue hoch, sagte jedoch nichts.

Als die beiden bestellt hatten besann Daithi sich und fragte die Schankmagd: “Habt ihr vor kurzem eine Schar Bewaffneter hier durch kommen sehen?” Vielleicht wusste die Schankmagd etwas über die `Schwarze Henya´.

“Da müsst Ihr schon genauer werden, junger Herr”, antwortete die Magd. “Hier kommen öfters Bewaffnete durch. Ritter und ihr Gefolge, bewaffnete Begleiter von Händlern … das haben wir hier öfters … ist eine raue Gegend, müsst Ihr wissen.”

“Nun”, der Isenhager überlegte kurz, “es müssten eher finstere Gesellen gewesen sein. Vielleicht hatten sie eine junge Ritterin mit sich, die eher unfreiwillig zu folgen schien. Eine finster dreinblickende Ritterin könnte die Bande angeführt haben.” Der Bardenschüler versuchte in Worte zu fassen, wie er sich die ‘schwarzen Henya’ in seiner Fantasie vorstellte. “Also eher Gesindel, wie man es sich nicht wünscht. Habt ihr solch Volk in den vergangenen Tagen erblickt? Oder gehört, dass die Leut von solchem sprachen?”

"Die Leute reden viel", antwortete die Magd kryptisch. "Und vieles davon ist Unsinn. Hier im Dorf hatten wir die letzte Zeit jedoch kein Problem mit, wie sagtet Ihr, Gesindel. Selbst die Orks meiden die Tiefen des Dûrenwalds, so sehr respektieren sie die Kampfkraft der hiesigen Elfen vom Herbstlaub-im-Nebel und die Magie des Waldes. Und sonst …", sinnierend rieb sie sich das Kinn, "... wäre mir dahingehend auch nichts über eine finstere Ritterin und ihre Bande zu Ohren gekommen. Von welcher Ritterin sprecht Ihr denn?"

"Nun", versuchte Daithi eine Antwort zu geben, "ich kenne sie nicht, habe auch erst heute von ihr gehört, zum ersten Male, sie wird die 'Schwarze Henya' genannt. Kennt Ihr sie? Habt Ihr von dieser finsteren Ritterin schon mal gehört?"

Nun runzelte sie die Stirn. "Gehört, ja, aber kennen tue ich sie nicht. Die ist hier?", fragte sie besorgt. "Was man so hört, lebt die doch irgendwo im Hohenforst … was will sie denn hier?"

Der Bardenschüler spürte, dass er jetzt etwas ausgelöst hatte, das außer Kontrolle geraten könnte. Darum versuchte er zu beschwichtigen: "Nein. Ich wollte nur wissen, ob die Menschen hier kürzlich von ihr gehört haben. Wenn nicht, dann habe ich sicher nur ein falsches Gerücht aufgeschnappt. Der Hohenforst ist soo weit weg… was sollte sie hier wollen? Nicht wahr, Boronmin, was sollte auch eine solch finstere Ritterin hier wollen?" Dathi versuchte den Pagen einzubinden und legte ihm bei seinen letzten Worten die Hand auf die Schulter.

Boronmin, der dem Gespräch zwischen Daithi und der Schankmagd schweigend, aber sehr aufmerksam gelauscht hatte, riss kurz erschrocken die Augen auf, als er plötzlich direkt angesprochen wurde. Aber er war auch stolz, von Daithi nach seiner Meinung gefragt zu werden. "Ähm, vielleicht geht es um Lösegeld?" vermutete er vorsichtig. "Die Frau, die entführt wurde, ist immerhin Junkerin von einem reichen Lehen." Der Junge strich sich nachdenklich das Haar hinters Ohr. "Aber ich frag mich, warum die Räuber nicht auch das Pferd mitgenommen haben? Adelar ist ein wirklich schöner Elenvinerhengst", fügte er erklärend hinzu.

Oje, dachte Daithi, es war dumm von mir, dass ich Boronmin in meinen kleinen Schwindel einbezogen habe. Das habe ich nun davon. Der Bardenschüler räusperte sich leicht und sein Gesicht gewann ein wenig Röte vor Verlegenheit.

Zu Daithis Glück schien die Schankmagd nicht die schnellste zu sein, weshalb sie nicht kombinieren konnte, dass die beiden jungen Männer anscheinend nicht auf einer Linie waren. “Äh, Lösegeld … also wenn Henya diese Junkerin entführt hat, wird sie was von ihr wollen. Ich denke nicht, dass sie Lösegeld fordert. Wie auch? Die und ihre Leute können sich doch in keinem Dorf Weidens sehen lassen. Wer würde denn die Forderung überbringen?” Führte die ältere Frau sinnierend und leicht naiv aus. Dabei lag ihr Blick auf der Tischplatte. “Und wenn sie nicht einmal das teure Pferd mitgenommen hatte, wird es vielleicht um was anderes gehen? Von wo ist sie denn, diese reiche Junkerin? Wohl nicht aus der Heldentrutz, wenn sie reich ist …”, murmelte sie, “... kennt man die hier?”

“Ähm… gewiss nicht”, versuchte der Bardenschüler verlegen davon abzulenken, dass die Schlussfolgerung auch sein könnte, dass die 'Schwarze Henya' sich doch hier irgendwo in der Nähe rumtrieb. Darum schob er noch nach: “Das ist ja auch alles sehr weit weg geschehen.” Daithi schaute, ob die Schankmagd seine Ablenkung 'gefressen' hatte. Dann sagte er: “Wir freuen uns nun aber auch auf unser Bierchen, nicht wahr, Boronmin?”

“Ja, wahrscheinlich oben bei Ulmenau …”, überlegte die Magd, “... oder drüben am Nôrrnsteg, bei Radbruch … dort soll sie auch öfters Reisende überfallen. Den Göttern sei es gedankt, kommt sie nicht bis hierher runter. Unsere Frau Baronin passt da schon auf. Die Orks alleine sind ja schlimm genug, auch wenn wir hier in Mittenwalde auch kein Problem mit denen haben”, wiederholte sie noch einmal, nickte den beiden jungen Herren zu und begab sich zum Tresen um die georderten Bier zu holen.

“Puh”, gab der Rechklammer vernehmlich seine Erleichterung kund, als sich die Situation doch noch aufzulösen schien und die Schankmagd nicht mehr näher nachgefragt hatte. “Na, das Bierchen haben wir uns aber auch redlich verdient, Boronmin, was?” Er hob die Augenbrauen.

Boronmin nickte, schaute Daithi aber verwirrt und ahnungslos an. Hatte er etwas falsch gemacht? Warum wollte der Barde der Schankmagd denn einreden, dass der Überfall weit weg passiert war? Musste man die Leute denn nicht vor der gefährlichen Räuberin und ihrer Bande warnen? Der Page sagte aber nichts dazu, sondern vertraute darauf, dass Daithi schon wusste, was er tat. Eine Weile schaute er sich schweigend in der Schankstube um, dann zupfte er Daithi plötzlich am Ärmel. "Ulmenau!" flüsterte er aufgeregt. "Da kommt Silvagild doch her... Also zu Hause in den Nordmarken... Komisch, dass der Ort, wo diese schwarze Henya ihr Unwesen treibt, ganz genauso heißt, oder?!"

“Oh”, erwiderte Daithi erstaunt auf die Anmerkung des Pagen. “Wie aufmerksam, Boronmin. Das war mir noch gar nicht aufgefallen. Du hast recht. Ob es wohl auch ein Ulmenau in Weiden gibt?” Der Bardenschüler war mit seinem Lehrmeister bereits einmal im Junkergut Weißenstein gewesen und kannte daher den Marktflecken Ulmenau. Doch er wollte den Pagen aus der Reserve locken, was auch gelang und fruchtbar war.

Der Page zuckte mit den Achseln. "Und vorhin hat der Zöllner mir ja gesagt, dass Silvagilds Wappen genauso aussieht wie das von...", er überlegte kurz, "ähm, Waldtreuffen... Also vielleicht gibt es ja irgendeine... Verbindung zwischen Silvagild oder ihrer Familie mit der Gegend hier?" Er kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. "Aber das ist wahrscheinlich alles bloß Zufall, oder?"

“Vielleicht auch nicht”, sinnierte der Isenhager. “Aber für mich sind die Zusammenhänge unter all den Adelshäusern hier in Weiden - und auch in den Nordmarken - noch oft Sewerienische Dörfer.”

"Für mich auch! Heraldik finde ich unheimlich schwierig! Ich verwechsle immer die ganzen Familien und Wappen", seufzte Boronmin und hob die Schultern. "Vielleicht kommen Ulmen auch bloß oft in Namen und Wappen vor, weil die Bäume hier überall wachsen?"

“Ja womöglich ist das so”, stimmte Daithi ihm zu. “Trotzdem ist es gut, Boronmin, dass du auf all diese Kleinigkeiten achtest, vielleicht findest du so die Information, die uns hilft, Silvagild zu befreien.” Und dann hob der Rechklammer die Augenbrauen und lächelte. “Ich habe ja schonmal gesagt: Du bist ein richtig guter Ermittler! Dexter Nemrod hätte seine Freude an dir.”
Boronmin grinste breit und freute sich, so gepriesen zu werden. "Wer ist das denn?" fragte er neugierig nach.

“Oh, das war mal ein berühmter Großinquisitor des Reiches”, prahlte Daithi mit seinem Wissen, “und der Leiter der Kaiserliche Garethischen Informationsagentur.”

"Ach so." Boronmin nickte verständig und versuchte, sich den Namen einzuprägen. Bei Gelegenheit würde er seinen Schwertvater bitten, ihm etwas über diesen Herrn Nemrod zu erzählen.

Als Daithi merkte, dass er gerade gegenüber dem Jungen ein wenig wie ein Angeber wirkte, wurde er kleinlaut. Er hatte den Namen Dexter Nemrod ja auch nur irgendwo aufgeschnappt, vielleicht in Donnerbach oder bei seinen Eltern. Irgendwie fand er den Gedanken an eine Geheimorganisation des Kaiserhauses wohl faszinierend und so hatte er sich das gemerkt. Daithi nickte zurück und schwieg einen Moment.
 
Die Schankmagd war noch beim Mann hinter dem Tresen beschäftigt, als sie die Tür in den Schankraum öffnete. Herein trat Helchtruda mit einem breiten Lächeln im Gesicht, doch war sie nicht die einzige Person, die im rustikalen Türrahmen der Schenke zum lauernden Spitzohr erschien. Die zweite Frau war im Vergleich zur eher burschikos auftretenden Hexe ungleich aufsehenerregender. Von etwa gleicher Größe wie die Tochter Satuarias vor ihr, bemerken die beiden beim ersten Anblick vor allem die unterschiedlichen Farbtöne ihrer Augen: während das Rechte in kühlem Eisblau leuchtet, strahlt das linke Auge in einem wärmeren Himmelblau. Das seidige, braunes Haar war von hellen Strähnen durchzogen und fiel ihr offen über die Schultern. Gewandet war die junge Frau in einen langen, weißen Pelzmantel.

Die beiden Frauen begaben sich zu Boronmins und Daithis Tisch. “Das sind meine beiden Begleiter”, meinte Helchtruda fröhlich. “Der Page Boronmin und der Bardenschüler Daithi. Das …”, die Hexe wies auf die Frau an ihrer Seite, “... ist Alwen. Die andere Alwen.” Sie zwinkerte Boronmin zu. “Sie ist die beste Fährtenleserin, die ich kenne und sie hilft jedem Menschen, der ihre Hilfe braucht.”

“Erfreut”, grüßte Alwen in warmem Ton, der so gar nicht zu ihrem eher abweisenden Äußeren passte. “Trudi hat mir bereits erzählt worum es geht.” Die Frauen setzten sich an den Tisch. “Seltsam das Ganze. Nicht nur, dass Henya sich hier in der Gegend aufhielt, sondern auch das mit eurer Freundin … das ist untypisch für sie.”

"Ifirn zum Gruße." Boronmin neigte höflich das Haupt und schaute die andere Alwen interessiert an, überließ das Reden aber lieber Daithi.

“Es freut uns Euch kennenzulernen, Hochwürden”, grüßte der Bardenschüler die Geweihte. “Boronmin und ich sind Euch sehr dankbar, dass Ihr uns helfen möchtet. Ist doch so, Boronmin”, dabei stupste er den Pagen an, der eifrig nickte. “Sicher wären wir ohne Euch verloren.” Der Isenhager lächelte die Ifirngeweihte an. “Warum denkt Ihr, es sei untypisch für sie?”

Kurz lag der Blick der Geweihten auf dem jungen Boronmin. "Nun, sie macht normalerweise keine Gefangenen. Also hat sie in der Ritterin etwas gesehen, das sie interessiert hat oder sie für sich zu verwenden trachtet. Ihr kennt sie. Gibt es da etwas?" Alwen war bewusst, dass es eine Frage ins Blaue war, aber irgendetwas musste es geben und das galt es zu verstehen.

“Nun”, Daithi verzog leicht den Mundwinkel etwas verlegen, “zugegeben, so lange und intensiv kenne ich Frau Silvagild nicht, dass ich einschätzen könnte, wofür sich jemand aus den Schwarzen Landen interessieren möchte an ihr. Aber vielleicht hast du eine Idee, Boronmin? Dein Schwertvater und sie scheinen sich doch sehr eng zu kennen und zu verstehen.”

Boronmin nickte. "Mein Schwertvater sagt immer, dass die Frau Silvagild eine sehr edle, tapfere und rondratreue Ritterin ist. Und sehr nett. Sie hat übrigens eine unheimlich schöne schwarze Rüstung... Und sie war schon als Knappin mit ihrer Schwertmutter im Krieg!" Boronmin überlegte kurz. "Ähm, beim Rabenmarkfeldzug des Barons von Hlûtharswacht, glaub ich. Könnte das wichtig sein? Vielleicht hatte diese Henya eine offene Rechnung mit ihr?"

"Hm", Alwen stoppte kurz, als die Schankmagd die beiden Bierkrüge auf den Tisch stellte. "Für mich bitte dasselbe und für Trudi das übliche."

"Natürlich, euer Gnaden. Sehr gerne."

Die Ifirngeweihte wartete, bis die Magd wieder am Tresen stand, bevor sie fortfuhr: "Dass es offene Rechnungen gab, wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Wann war denn besagter Feldzug?" Insgeheim hoffte die Jägerin der Weißen Maid, dass dem nicht so war. Offene Rechnungen von einer Frevlerin und Psychopathin würden kein gutes Ende für die Ritterin bedeuten.
“Das ist sicher schon vier Jahre her”, der Isenhager hatte seine Eltern und seine Großmutter über den Feldzug reden hören. Dann fragte er einer Intuition folgend: “Könnte es auch die schwarze Rüstung sein, vielleicht?”

"Die Rüstung hatte die Frau Silvagild neulich beim Herzogenturnier an", erzählte Boronmin, "aber bei der Reise hat sie die gar nicht mit. Heute trug sie ein Kettenhemd." Er zog die Kettenglieder aus der Tasche, die er vorhin aufgehoben hatte, und zeigte sie der Geweihten. “Das hier haben wir bei Matissas Grab gefunden.”

Nachdenklich sah Alwen auf die Kettenglieder. "Henya wurde 1040 BF das erste Mal hier in Weiden gesehen. Das wäre dann in etwa dieselbe Zeit wie dieser Feldzug. Also ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie sich daraus kennen. Es ist anzunehmen, dass sie sich seit der Schlacht an der Alstfurt nicht mehr in den dunklen Landen aufgehalten hat." Ein Stück weit beruhigte die Geweihte diese Erkenntnis. Es musste also was anderes sein. "Hm, wichtig wird auf jeden Fall sein, dass wir ihre Spur aufnehmen. Es ist denkbar, dass sie Silvagild zum Hohenforst führt. Habt ihr bereits Anhaltspunkte über die eingeschlagene Richtung? Konntet ihr etwas beim Grab ausmachen?"

“Aufgrund der Feierlichkeiten zur Heiligen Matissa ist der Platz voller Spuren von den Menschen, dort zuvor mit gebetet hatten”, antwortete der Bardenschüler, “so dass es uns schwerfiel, eine passende Spur auszumachen. Wir hoffen auf Euch, Hochwürden, da Ihr ein geschultes Auge habt und vielleicht etwas entdeckt, dass sich unseren Augen entzogen hat.” Daithi sah die Geweihte an und in seinem Gesicht blitzte gleichsam Verzweiflung und Hoffnung auf in der Sorge um die verschwundene Ritterin. “Aber Hohenforst ist weit von hier. Könnte sie hier irgendwo einen Unterschlupf haben, die 'Schwarze Henya'? … Vielleicht in Ulmenau oder in Nôrrnsteg bei Radbruch? Die Schankmagd erwähnte diese Orte.”

Die Geweihte schüttelte ihr Haupt. "Bestimmt nicht in einem Dorf. Henya ist verhasst und gesucht, sie wird wohl einen Bogen um Ulmenau oder Radbruch machen. Soviele Leute hat sie nicht …", hoffte sie, "... und die Ritter sind aufmerksam." Wieder stoppte Alwen in ihren Ausführungen, als die Magd das Bier und Helchtrudas Tee brachte.

"Wenn sie mit einer Geisel zum Hohenforst möchte, wird sie wohl eher Richtung Weidenwald aufgebrochen sein und von dort aus weiter gen Efferd. Aber das ist nur eine Vermutung. Wir werden die Spur schon finden. Bloß der Vorsprung … und ihre Motivation machen mir Sorgen. Vielleicht sollten wir auch Hochwürden Grimmbart hinzuziehen. Wenn jemand den Hohenforst besser kennt als Henya, dann er."

“Bestimmt ist das nicht verkehrt, Hochwürden Grimmbart einzubeziehen”, stimmte der Isenhager zu. “Aber vielleicht sollten wir morgen erst einmal die Spur aufnehmen, um eine Idee zu bekommen, wohin diese 'Schwarze Henya' mit Frau Silvagild hin möchte.” Daithi seufzte. Das sorgenvolle Gefühl schnürte ihm ein wenig den Brustkorb zu.

“Alwen, wie gesagt würden wir die anderen morgen früh bei Matissas Grab treffen”, rief Helchtruda diese Tatsache noch einmal in Erinnerung und erntete dafür ein Nicken der Geweihten.

Boronmin nickte, innerlich etwas beruhigt, weil so viele Leute helfen würden. Mit der Geweihten Alwen und diesem Hochwürden Grimmbart hätten sie jede Menge zwölfgöttliche Unterstützung. Und sicherlich würde auch die Schwertschwester Leudara ihnen zur Seite stehen. "Wie viele Tage reitet man denn bis zum Hohenforst?" fragte der Junge. Er nippte lässig an seinem Bier, sichtlich stolz, das zu schaffen, ohne das Gesicht zu verziehen oder zu husten. "Irgendwann und irgendwo muss diese Henya auch mal schlafen, oder?"

"Das ist schwer zu sagen", antwortete Alwen auf die berechtigte Frage des Pagen. "Je nachdem welchen Weg sie nimmt und wohin in den Hohenforst es sie zieht. Aber eine gute Tagesreise bis zum Wald ist es sicher." Nun lächelte sie erstmals knapp. "Also ja, einmal muss sie sicher schlafen."

“Ja, das hoffen wir”, stimmte Daithi zu. “Sie werden hoffentlich nicht die ganze Nacht durch reiten. Wobei solch lichtscheues Gesindel doch oft eher in der Nacht unterwegs ist. Ich denke, je eher wir die Fährte aufnehmen, desto besser. Ich hoffe einfach sehr, dass Frau Silvagild für die 'Schwarze Henya' eine so wertvolle Geisel ist, dass sie gut behandelt wird.” Der Rechklammer seufzte erneut. Die Sorge um die Ritterin schien ihn zunehmend zu erdrücken.

Auch Boronmin runzelte besorgt die Stirn bei der Vorstellung, wie die Nacht wohl für die arme, gefangene Silvagild sein würde. Ob man sie geknebelt an einen Baum fesseln würde? "Ja, wir müssen sie so schnell wie möglich finden!" stimmte er Daithi zu und nickte mehrfach.

“Das müssen wir”, stimmte auch Alwen zu. “Deshalb sollten wir zusehen, dass wir bei Zeiten ins Bett kommen und morgen bei Morgendämmerung zum Grabmal aufbrechen. Nehmt euch hier ein Zimmer”, schlug die Geweihte dann weiter vor. “Das geht auf mich, es sollte genug frei sein.”

“Ja, das wäre wohl gut”, stimmte der Isenhager zu, “wenn wir zeitig zu Bett gehen und früh aufstehen.” Er nickte. “Aber vielen dank, Ihr helft uns ja schon sehr, Hochwürden, ich denke, mein Geld reicht noch für Boronmin und mich, um die Unterkunft zu bezahlen.”

“Wie du willst”, gab Alwen zurück. “Die Wirtin würde von einer Götterdienerin niemals Geld annehmen. Ich hätte mich mit ihr anders geeinigt.”

Dann schaute Daithi zu Boronmin, der verschiedentlich an seinem Bier nippte. “Wir trinken noch aus und dann gehen wir schlafen, oder, Boronmin?”

Boronmin blickte scheu zu dem Bardenschüler. "Ähm, vielleicht sollten wir noch was essen?" schlug der Junge vorsichtig vor. "Ich meine, im Moment hab ich wirklich keinen Hunger, weil das alles so grausig ist, glaube ich... Aber wenn wir jetzt nichts essen, wird uns nachts vielleicht der Magen knurren und dann können wir noch schlechter schlafen?" Unsicher senkte der Junge den Blick.

“Ach, ihr hattet noch nichts”, Alwen schien verwundert. “Dann geht das Essen auf mich …”, sie schenkte dem Bardenschüler einen Blick, “... keine Widerrede.”

“Ich danke Euch, Hochwürden”, erwiderte Daithi mit einem Lächeln, “gerne nehmen wir Eure Einladung an.” Er wollte Alwine nicht brüskieren und befürchtete, dass er das mit seiner vorausgegangenen Ablehnung bereits getan hatte. “Und du hast vollkommen Recht, Boronmin. Wenn wir etwas gegessen haben, schlafen wir vielleicht fest genug, dass uns unsere Sorgen nicht vorzeitig aus dem Schlaf holen.” Sagte er und hoffte, dass er nicht zuviel über seinen Seelenzustand verraten würde. Und doch sprach er seinen Wunsch noch aus: “Mögen uns die Götter Speise und Schlaf segnen wie auch bei unserem Vorhaben mit uns sein.”