Die Jagd - Silvagilds Traum

Ort: Hohenforst

Dramatis Personae:

 

Hohenforst, Morgen des 23. Peraine 1044 BF

>>Das junge Mädchen stand verwegen vor ihr. Ein einfaches Kleid am Körper, die blasse Haut von leuchtenden Stellen überzogen - Male, die Silvagild an Wunden erinnerten, ohne dass diese tatsächlich ihre Grausamkeit zeigten. Sie lächelte … in einer Mischung aus Herausforderung und Milde. "Du bist stärker als du denkst, Silvagild", sagte sie wiederholt zu ihr. Jedes Mal wenn die Ritterin ihre Augen schloss war SIE da. Das Mädchen, diese Matissa, die ihr Leben gegeben hatte - in einem Kampf, der eigentlich nicht der ihre war. In einer Schlacht, die zu gewinnen für sie eine wahnwitzig geringe Chance bereithielt. Aber sie tat es. Ein Bauernmädchen, das niemals ein Schwert in ihren Händen hielt. Der niemals ein Ehrbegriff oder das Streben nach Schutz ihrer Mitmenschen anerzogen wurde.

Silvagild, immerhin eine Ritterin, für die das alles nicht galt, wand sich unter ihren Blicken. Ihre Probleme waren so verschwindend gering gewesen - ein Mann, den sie nicht heiraten wollte, Meinungsverschiedenheiten mit ihrer Mutter was die Regierung anging … für sie stand immer nur sie selbst und ihr Wille im Vordergrund. Das wurde ihr klar und es schmerzte. "Es ist … schwer", flüsterte die junge Ritterin etwas niedergeschlagen.

“Der Weg zur Erkenntnis beginnt und endet bei Dir selbst, Silvagild”, meinte Matissa voller Milde, nach einigen Momente der Stille. “Hadere nicht mit dem, was von dir erwartet wird. Das Leben ist kurz … für einige kürzer als für andere …”, kurz sah sie an sich selbst herab, “... und es ist eine stete Herausforderung. Die Götter prüfen uns und die, die sie besonders lieben, prüfen sie besonders hart. Verzage nicht, mein Kind, komm zur Ruhe … und besinne dich auf dich selbst! Denn erst, wenn du mit dir selbst im Reinen bist, kannst du für jene, die du liebst, die sein, die sie erwarten und verdienen. Für deine Mutter … deine Schutzbefohlenen … deinen Ehemann …”<<



"Aufwachen Prinzessin", ein unsanfter Tritt riss die Ulmentorerin aus ihrem Schlummer. Das Dunkel um sie herum schien beinahe vollkommen. Die einzelne Lichtquelle vor ihr brannte schmerzlich in den Augen, doch sollte es nicht vom Praiosmal, sondern von einer Fackel kommen. Ihre Hände schmerzten und waren zusammengebunden und sie lag auf kaltem, feuchtem Stein. "Schwing deinen Hintern hier raus. Wir brechen auf", blaffte eine Frau mit den kurzen braunen Haaren.

"Fick dich", kam es zur Antwort und wurde mit einem neuerlichen Tritt beantwortet.

"Reiz mich nicht, sonst werfe ich dich den Orks vor … oder meinen Männern. Die freuen sich bestimmt über eine Hure." Die Braunhaarige zog Silvagild an ihren langen Haaren hoch. "Du kennst es noch aus dem Dûrenwald. Die Sache geht mit deiner Zustimmung, oder ohne sie. Ein Wort zu Gerin und du wirst fügsam wie eine Mirhamonette."

"Was hat er dir denn eigentlich versprochen?", fragte die junge Junkerin und hob stolz und ungebrochen ihr Kinn. "Dass ich dir Feentore öffnen kann?" Silvagilds Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. "Was für ein Unsinn."

"Schweig, Schlampe", fuhr sie die andere an und ohrfeigte sie mit einem schallenden Knall, der vom Stein der Wände schier hundertfach widerhallte. "Es sind Dinge, von denen du nichts verstehst. Spiel deine Rolle und ich überlege mir noch einmal ob ich dich an die Finsterzwerge oder an die Orks verschachere. Wenn du ganz artig bist, darfst du es dir sogar aussuchen." Angewidert sah sie an der jungen Ritterin herab. "So wie ich dich einschätze gefällt es dir sogar … herumgereicht zu werden. Ihr Feenblütigen seid ja so liebestoll, was man so hört."

Wieder griff die grimmige Frau nach dem blonden Haarschopf. "Und jetzt bist du eine folgsame Stute und gehst, sonst hole ich die Gerte … und glaub mir, das willst du nicht erleben."

Lustlos, aber äußerlich folgsam ließ sie sich mitziehen - durch ihren Kopf kreisten jedoch die Gedanken. Irgendwie musste sie hier wegkommen …