Neue Verbündete

Ort:
Weißensee, Junkergut Weißenstein

Dramatis Personae:

 

Ulmenau, Morgen des 23. Peraine 1044 BF

Trotz der frühen Stunde schien der Weißensee schon von einem besonderen Glanz erfüllt gewesen, als Hardomar die Grotte verließ. Als sich der Ritter umwandte war es ihm als wäre er soeben durch massiven Fels geschritten. Nichts hier gab Aufschluss darauf, was sich hinter dieser Wand verbarg. War die Grotte denn überhaupt hinter dieser Wand? Oder hatte ihn ein Portal in eine andere Welt gebracht? Der Hadinger wusste es nicht.

Lautes Schüffeln ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Vor dem Ritter stand - ganz so als durchschritt das Tier ebenfalls ein Feentor - von einen Herzschlag auf den anderen ein großer grauer Hund, der beim Anblick Hardomars seinen Kopf schief legte, aber kein Laut gab.

Hardomar schrak bei dem schnüffelnden Laut für einen Herzschlag zusammen und sah dann überrascht zu dem großen Hund. “Huch, wer bist du denn?”

Die Augen des Tieres ließen den Ritter nicht los, aber er bewegte sich nicht auf ihn zu.

“Lasko …”, rief eine junge weibliche Stimme dann, was der Hund mit einem Bellen beantwortete. “Lasko, da bist du ja”, hinter den nahen Ulmen schälte sich eine schmale Gestalt hervor. Die junge Frau hatte langes, weißblondes Haar und rehbraune Augen. Sie war überdurchschnittlich groß gewachsen und dabei sehr schlank, was den Hadinger im ersten Moment an eine Elfe denken ließ. Doch trug sie nicht etwa einen Bauschmantel und war mit einem Bogen bewaffnet, sondern kleidete sich wie eine - zugegeben leicht gerüstete - Ritterin: schweres Lederzeug, ergänzt um ein kurzärmeliges Kettenhemd und stählerne Arm- und Beinschienen. An ihrer Seite trug sie ein klassisches Langschwert.

“Ah … wen hast du denn da gefunden”, meinte sie bei Hardomars Anblick misstrauisch. “Seltsamer Ort für einen Spaziergang … so ganz allein.”

“Seid gegrüßt! Die Götter mit Euch, die Sturmherrin voran”, antwortete der Ritter höflich. “Ich hatte mich schon gefragt, mit wem ich das Vergnügen habe.” Hardomar kniete sich nieder und bot dem Hund vorsichtig die Rückseite seiner Hand zum Schnüffeln an. “Na, Lasko…”, lockte der Hadinger mit sanfter Stimme das Tier, während er dieses aufmerksam beobachtete. “Mein Name ist Hardomar, Ritter von Hadingen, ich komme aus den Nordmarken”, erklärte er im Plauderton. “Wunderschön hier am See, nicht wahr? Aber warum meint Ihr, dass der Ort ‘seltsam’ wäre?” Mit unschuldig-fragendem Blick schaute er zu der jungen Dame auf.

“Grimmberta von Wolfenthann”, grüßte sie kurz angebunden und beäugte die Annäherungsversuche des Ritters an ihren Rüden mit skeptisch hochgezogener Augenbraue. “Macht Ihr das öfters? Alleine hier am See zu stehen … zu dieser frühen Stunde? Und ohne Euer Pferd?” Die junge Ritterin wirkte nicht wirklich zugänglich und blieb auch in einem ansehnlichen Abstand zu ihrem Nordmärker Gegenüber stehen.

“Sehr erfreut, Ritterin Grimmberta”, lächelte Hardomar. “Wo mein Pferd ist? Wo ist denn Euer Pferd?” Da Lasko nicht auf ihn reagierte, erhob er sich mit einer fließenden Bewegung und ließ seinen Blick versonnen über den See und die Landschaft schweifen. “Tatsächlich mache ich das öfter… Die Schönheit eines neuen Morgens genießen, wenn die Natur noch ganz ruhig und unberührt vor einem ausgebreitet liegt”, erklärte der Hadinger mit einem ehrlichen Leuchten in den Augen. Er musterte Grimmberta nun etwas genauer. Sie wirkte nicht wie eine Verbündete der ‘schwarzen Henya’, aber er musste vorsichtig sein und sie erstmal von diesem Ort weglocken. “Eigentlich möchte ich zur Festung Weißenstein. Bin ich hier richtig auf dem Weg nach oben?” Der junge Ritter sah flüchtig den Felsen hoch, wobei er seine Augen mit der Hand gegen das Licht abschirmte. Dann blickte er wieder Grimmberta an und versuchte es mit einem weiteren Lächeln, das gleichermaßen harmlos wie charmant wirken sollte.

“Mein Pferd …”, wiederholte sie langsam und es wurde Hardomar klar, dass sie wohl nicht für männlichem Charme empfänglich war, “... mein Pferd ist drüben beim Steig.” Grimmberta reckte ihr Kinn. “Ein anderes Tier ist mir nicht aufgefallen. Seid ihr nordmärker Ritter denn immer zu Fuß unterwegs? Nicht, dass man Euch auf der Festung für einen Landstreicher hält.”

"Oh nein", lachte Hardomar leichthin. "Mein treues Ross steht in Ulmenau im Stall des 'Schwarzen Einhorns'. Dachte mir, ich lass' Trollwulf noch ein bisschen seinen Hafer genießen und spazier' das kurze Stückchen zu Fuß. An so einem herrlichen Morgen." Das Lächeln des Ritters wurde noch ein wenig strahlender. "Nun denn, hohe Dame Grimmberta, wäret Ihr so freundlich, mir den Weg zur Feste zu weisen? Natürlich nur, wenn Ihr gerade nicht zu beschäftigt seid?"

“Ich bin beschäftigt”, antwortete die junge Ritterin verwundert. “Aber gut …”, Lasko lief zu ihr und setzte sich an ihre Seite, “... dann lasst Euch bei Eurem Spaziergang nicht stören.”

Hardomar hob eine Braue. Was machte sie hier bloß am Eingang zu Loreleïs Grotte? Es wäre wirklich ungünstig, falls Grimmberta noch hier wäre, wenn seine Gefährten kämen. Oder, schlimmer noch, Henyas Schergen. “Achso? Ich hatte gedacht, Ihr würdet nur eine kleine Runde mit Lasko drehen…”, plauderte er freundlich weiter. “Darf ich neugierig fragen, was Eure ‘Beschäftigung’ ist? Vielleicht kann ich Euch dabei meine Unterstützung anbieten?”

“Ich bin …”, die junge Frau überlegte kurz, “... die Vorhut seiner Wohlgeboren, des Baronets von Weidenhag. Wir sind auf der Suche nach den Schergen Henyas aus dem Hohenforst.” Es wurde Hardomar langsam aber sicher klar, dass Grimmberta nicht die hellste Kerze war, doch machte sie auf ihn keinen bedrohlichen Eindruck. “Ihr habt sie nicht zufällig gesehen?”

“Henyas Schergen?” Hardomar versuchte, so gut es ging, ein Hüsteln zu unterbinden, “...und da sucht Ihr hier? Darf ich fragen, was der Anlass für die Suche seiner Wohlgeboren ist?”

Sie zuckte mit ihren Schultern. “Er hat mich zum See geschickt und Lasko hat mich hier an diesen Ort geführt”, erklärte Grimmberta. “Wir sollen wohl andere Leute treffen, darunter meine Base Alwen, und irgendeine Ritterin wird vermisst.”

“Ritterin?” Hardomar versuchte erneut ein Hüsteln zu unterdrücken. “Nun, diese vermisste Ritterin ist Silvagild von Ulmentor und sie ist meine beste Freundin.” Er trat einen Schritt näher an Grimmberta heran. “Und die Leute, mit denen Ihr Euch treffen sollt, sind in der Tat meine Freunde und ich. Wir sind auf der Suche nach Henya und ihren Schergen und werden meine Freundin aus ihren Fängen befreien.” Er schaute Grimmberta mit offenem, freundlichen Ausdruck in die Augen. “Entschuldigt bitte, hohe Dame, dass ich zunächst etwas vorsichtig und reserviert Euch gegenüber war. Aber tatsächlich besteht die Gefahr, dass die Banditen hier irgendwo in der Nähe ihr Unwesen treiben.”

Grimmberta schien es ihm nicht übel zu nehmen, was die wegwerfende Handbewegung deutlich zeigte. “Das heißt Ihr sucht hier nach Eurer Freundin? Habt Ihr denn eine Spur?” Ohne eine Antwort abzuwarten wies sie in jene Richtung, in der Hardomar den Marktort Ulmenau wusste. “Wilfred hat ein einige Ritter um sich geschart und lagert ganz in der Nähe. Wir sind erst vorhin angekommen.”

“Wir haben auf jeden Fall eine sehr starke Vermutung, dass Henyas Leute hier früher oder später auftauchen werden”, erklärte der Ritter mit ernster Miene. “Deshalb hatte ich in der Nacht Wache gehalten. Meine Gefährten wollen heute früh hierher zurückkehren.” Er schaute sich müßigerweise um, ob in der Umgebung schon eine Bewegung auszumachen war. “Wenn seine Wohlgeboren in der Nähe lagert, würdet Ihr mich zu ihm führen?” Hardomar überlegte, ob er Rondreich und Loreleï Bescheid geben könnte, doch wollte er das Versteck der Nymphe nicht ohne weiteres enthüllen. Vermutlich wäre es vertretbar, den Posten für eine nicht allzu lange Weile aufzugeben. “Ich denke, dass meine Freunde das Lager des Baronets auch erreichen werden und wir dann unsere Kräfte gegen Henya bündeln können.”

"Es ist nicht weit", wiederholte Grimmberta. "Folgt mir, ich führe Euch hin." Die junge Ritterin wollte sich gerade aufmachen, da wandte sie sich noch einmal zu Hardomar um. "Ihr habt ja kein Pferd bei der Hand", rief die Wolfenthannerin sich selbst ins Bewusstsein. "Dann könnte es länger dauern."

“Um ehrlich zu sein… mein Pferd haben meine Freunde mitgenommen. Es sollte hier nicht rumstehen und Aufmerksamkeit erregen, falls Henya auftauchen sollte. Meine Gefährten werden es, wenn sie eintreffen, wieder herbringen.” Hardomar überlegte flüchtig: “...also, wäre es denkbar, dass ich zumindest bis zum Lager bei Euch… mitreite?” Er lächelte verlegen und versuchte einen unschuldigen Blick aufzusetzen. “Ihr könntet Euch auch aussuchen, ob Ihr vorne oder hinten… es wäre gewiss besser, wenn wir uns beeilen.”

Grimmberta schien die Aussicht mit dem Fremden Ritter zu reiten nicht sonderlich prickelnd zu finden - jedenfalls deutete Hardomar den verzogenen Mundwinkel der jungen Frau so. Dennoch nickte sie ihm knapp zu. "Meinethalben in Ordnung, aber seht zu, dass Ihr an Euer Pferd kommt. Nicht, dass das zur Gewohnheit wird."

“Habt Dank, werte Grimmberta. Das ist wirklich überaus nett von Euch”, sagte er sichtlich dankbar. “Nur dieses eine Mal, ich schwöre.”

Das graue, kräftige, aber einfache Pferd der Ritterin stand nicht weit entfernt und ebenso war es auch kein allzu weiter Weg hin zu einem kleinen Zeltlager, das gerade außerhalb Ulmenaus errichtet wurde.

“Oh, du bist ja ein Netter”, begrüßte er den Grauschimmel und strich diesem über die Stirn. “Wie heißt er denn?”

"Vernossiel", meinte Grimmberta knapp. "Es ist eine 'Sie'. Sie ist eine gute Seele", mit diesen Worten schwang sich die junge, schlanke Ritterin behende in den Sattel.

Hardomar zog bei dem Namen eine Augenbraue hoch. “Nun dann, Vernossiel…”, sagte er mit einem nachdenklichen Ton in seiner Stimme. Vielleicht war es nicht allzu ungewöhnlich, dass sie ihr Pferde nach einer Elfenprinzessin benannte, zumal die Sage von Perdan und Alari in dieser Gegend sehr beliebt war - aber es war schon ein komischer Zufall…

Der Ritter saß beim Reiten hinter Grimmberta und hielt sich, so gut es ging, behutsam an ihrer Hüfte fest, um der Dame nicht das Gefühl zu geben, er wäre aufdringlich - aber runterfallen wollte er auch nicht gerade.

Hardomar konnte verschiedene Banner sehen: die drei grünen Sparren auf Silber der Baronie Weidenhag, der rote Wolf auf Gold der darpatisch-stämmigen Baronsfamilie, aber auch die silberne Brücke über silbernen, gekreuzten Schwertern auf schwarz der Familie Stelzberg und den schwarzen Wolf auf Silber, schräg über der Rose auf Grün des ehemaligen Baronshauses Welkenstein.

Es war Leudara, die gerade im Gespräch mit Baronet Wilfred zu sein schien, welche den Hadinger als erstes bemerkte. "Hoher Herr, wo kommt Ihr denn her?", fragte die Schwertschwester verwundert und ohne Gruß. "Und wo sind die anderen?"

“Seid gegrüßt!” rief der Hadinger Leudara und dem Baronet mit der Hand zum Rondragruße entgegen. “Wie schön, Euch zu sehen.” Er stieg von dem grauen Pferd als erster ab und bot Grimmberta seine Hand zum Absteigen an. Mit einer höflichen Verbeugung trat er zum Baronet. “Unsere Gefährten versuchen das Versteck Henyas ausfindig zu machen und holen weitere Unterstützung. Doch hier in der Nähe gibt es etwas, das Henya vermutlich dringend haben möchte… Oder dieser dunkle Magus, der mit ihr unterwegs ist. Deshalb hatte ich nachts hier gewacht.”

"Hm", brummte die Geweihte. "Es ist seltsam, hatten wir uns nicht alle bei Sonnenaufgang verabredet?" Leudara hob ihre Augenbrauen. "Ich habe Dyderich ins Dorf zu Ilme geschickt."

“Ja, hatten wir…”, nickte Hardomar der Geweihten zu. Den Gedanken, dass seine Gefährten nicht bald zurückkehren würden, ließ er nicht zu. “Vielleicht sind sie ja einer Spur nachgegangen und konnten etwas herausfinden…”, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Dass ihnen etwas passiert sein konnte, wollte er nicht aussprechen. Noch war Zeit, als dass sie vielleicht jeden Moment erscheinen mochten.

"Ohne uns darüber in Kenntnis zu setzen?", fragte Leudara immer noch wenig erfreut über die Entwicklungen. "Naja, vielleicht kann ja Dyderich im Dorf etwas herausfinden."

“Warten wir mal ab; hoffentlich klärt sich gleich alles auf…”, antwortete Hardomar optimistisch, hielt jedoch leicht angespannt in der Umgebung Ausschau.

Fragend sah Hardomar zu Wilfred: “Euer Wohlgeboren, was wisst Ihr bereits über Henyas Aktivitäten in der Gegend?”

Der Baronet war ein groß gewachsener, aber schlanker Mann. Er trug eine, mit Plattenteilen verstärkte Kettenrüstung und ein Langschwert an der Seite. Hardomar begrüßte er mit der rondrianischen Schwertfaust. "Nun seit gestern nichts neues. Wir hatten unser Lager in Ifirnshau beim Hohenforst aufgeschlagen, wo uns eine hiesige Bäuerin bestätigte, dass die letzten Monde alles ruhig war, aber …", er wies knapp auf einen anderen Ritter, der einen grün-weißen Wappenrock, mit einem schwarzen Wolf auf der Brust, über der Rüstung trug, "... wir haben Ritter Wulfhelm von Welkenstein und Ritterin Grimmberta von Wolfenthann getroffen, die einen … Überfall … auf den Rahjatempel zu Wargentrutz nachspürten und sich unserer Gruppe angeschlossen hatten. Ein Artefakt und die Novizin Fenia werden vermisst und wir vermuten, dass dies mit der Entführung Ritterin Silvagilds zu tun haben könnte."

“Ich bin mir mittlerweile ganz sicher, dass dies alles miteinander zu tun hat”, bestätigte Hardomar, ohne gleich zu viel verraten zu wollen. “Wir wissen inzwischen, dass Henya nach einem zweiten Teil des Artefakts aus dem Rahjatempel hinterher ist. Beide Teile zusammen ergeben einen Schlüssel… und Silvagild soll ihnen helfen, indem dieser widerliche Magier ihren Geist missbraucht.” Hardomar hatte seinen Blick ein wenig gesenkt und sah nun mit ernster Miene zu Wilfred: “Was ist denn über diese Novizin Fenia bekannt? Habt Ihr eine Idee, weshalb sie entführt wurde?”

"Diese Fenia ist ein einfaches Bauernmädchen aus Wargentrutz. Sehr hübsch, weshalb Hochwürden Rahjania darum gebeten hatte sie als Novizin in den Tempel nehmen zu dürfen." Wilfred legte seine Stirn in Falten. "Mehr ist mir über sie nicht bekannt. Vielleicht kann Euch der hohe Herr Wulfhelm mehr erzählen … er ist ja bekanntlich öfters im Tempel."

Hardomars Überlegung, dass auch die Novizin vielleicht Feenblut in sich tragen könnte, war damit weder entkräftet noch bestätigt. “Ich würde sehr gerne mit dem Herrn Wulfhelm sprechen. Könntet Ihr mich bitte mit ihm bekannt machen?” fragte der Ritter nach.

Der Baronet nickte knapp. “Heda, Wulfhelm”, rief er quer über die Anwesenden. Der nun heran schreitende Welkensteiner bestach durch seine wallenden, dunkelblonden Haare, die er wie den Bart stets sorgsam gestutzt zu tragen pflegte, und die dunkelblauen Augen. Welkensteinern sagte man für gewöhnlich nach, dass sie blondes Haar und blaue Augen besaßen - der Sage nach ein Erbe ihrer Stammmutter Alari - schien dieser Wulfhelm bei diesem Bild auf der etwas dünkleren Seite zu liegen.

Da der Blick Wilfreds zu Hardomar deutete, tat dies auch die Aufmerksamkeit des Ritters. “Rondra zum Gruße, Wulfhelm Lindariel von Welkenstein mein Name, Ritter zu Dûrenbrück. Ihr gehört wohl zu der Gruppe um Leudara? Har … Hargord, richtig?”

“Hardomar, Ritter zu Hadingen…”, verbesserte der junge Ritter den Welkensteiner freundlich und deutete grüßend eine leichte Verbeugung an. “Rondra zum Gruße! Die Ritterin Silvagild, welche am Grab der Heiligen Matissa von Henyas Schergen entführt wurde, ist meine Freundin. Wir waren gemeinsam auf Pilgerreise im Namen der Sturmherrin.” Hardomar war sich nicht sicher, wie ausführlich Wulfhelm bereits über Silvagild informiert war, doch wollte er direkt zum Thema kommen. “Ich glaube, dass das gestohlene Artefakt aus dem Rahjatempel mit einem Gegenstück zusammengesetzt werden soll, das sich hier in der Nähe befindet. Und wir haben Vermutungen, warum ausgerechnet Silvagild entführt wurde; es hat mit dem Feenblut in ihrer Familie zu tun. Daher frage ich mich, ob es vielleicht bei der Novizin Fenia ähnliche Gründe gab… Verzeiht, dass ich so mit der Tür ins Haus falle, aber wisst Ihr etwas über sie, das sie für Henya und ihre Bande interessant machen könnte?”

Der Welkensteiner rieb sich das Kinn. "Ich denke nicht, dass Fenia von Feen abstammt, aber wer weiß das schon genau?" Er hob seine Schultern. "Meine Vermutung ist eher, dass sie es war, die den Stein mit sich genommen hat. Aus welchem Motiv auch immer … die Novizin und das Artefakt verschwanden zur selben Zeit und sie hatte auch einfachen Zugang dazu."

Hardomar fuhr sich nachdenklich am Hinterkopf durchs Haar. “Wenn Ihr mit der Vermutung recht habt, dass die Novizin das Artefakt entwendet hat… Bei Silvagild haben wir feststellen müssen, dass dieser dunkle Magier Besitz von ihrem Körper ergriffen hatte. Er konnte sie dazu bringen, mit den Räubern zu kämpfen, während er Perdans Schwert vom Weydensteyn stahl.” Der Ritter verzog bei dem Gedanken an seine Vision von diesen Ereignissen besorgt das Gesicht. “Vielleicht hat der Magus auch Fenia kontrolliert? Oder tut das noch immer.”

Der Weidener hob seine Schultern. “Ich kenne Fenia, von sich aus würde sie so etwas nie tun … also ja, es ist denkbar, dass sie unter irgendeinem Bann stand … oder noch steht.”

“Das ist es, was mich so beunruhigt”, entgegnete Hardomar und seufzte. Wo waren nur Daithi und Boronmin? Was sollten sie tun, wenn diese nicht bald auftauchen würden? Erneut wandte er sich an die Umstehenden: “Solange wir keine Antwort erhalten, wo sich das Versteck Henyas befindet, sollten wir uns vielleicht darauf einstellen, hier einen Hinterhalt für ihre Bande vorzubereiten, sollte diese versuchen, das nächste Artefakt zu stehlen. Es befindet sich an einem geheimen Ort am Fuße des Weißensteins.” Hardomar wippte unruhig mit dem Fuß. Es gefiel ihm nicht, untätig darauf zu warten, dass irgendwas passierte. Er zuckte mit den Schultern. “Oder habt ihr andere Vorschläge?”

Beim Wort 'Hinterhalt', erstarben die Gespräche rund um den Ritter und es schien als würde von einen auf den anderen Herzschlag alle Blicke auf Hardomar liegen - manche davon waren ungläubig, andere schienen amüsiert.

"Ich denke nicht, dass es einen Hinterhalt braucht, hoher Herr", meinte dann Leudara leise. "Wir sind genug um ihr offen zu begegnen." Die Schwertschwester versuchte sich in einem aufmunternden Lächeln. Der Nordmärker hatte wahrscheinlich nicht daran gedacht, wie es wirkte, diesen Vorschlag vor gestandenen, im Selbstverständnis rechtschaffenen und Rondratreuen Adeligen zu unterbreiten.

"Ja, ich würde mich nur sehr ungern deswegen versündigen", warf Grimmberta ein, deren Tante immerhin die Tresslerin des mächtigen Ordens zur Wahrung vom Rhodenstein war.

"Das heißt Ihr könntet uns an den Ort führen, der Henyas Ziel darstellt?", setzte Wilfred interessiert nach. Ihm schien der Vorschlag vom Hinterhalt nicht so sehr aufzustoßen, war es ihm doch bewusst, dass man bestimmtem Geschmeiß nicht mit Ehre zu begegnen hatte - eine Sache, die er als fahrender Ritter gegen Dämonendiener und Orks gelernt hatte.

“Verzeiht meine schlecht gewählte Wortwahl”, versuchte Hardomar die Umstehenden zu besänftigen. “Keineswegs hatte ich daran gedacht, mich hinter einem Gebüsch zu verstecken und meine Gegner hinterrücks zu überfallen”, ‘... ohne ihnen genug Zeit zum Aufwärmen zu geben’, war Hardomar in einem Anflug von Sarkasmus versucht, laut auszusprechen, biss sich jedoch auf die Zunge. “Tatsächlich hatte ich eher vorschlagen wollen, uns schon einmal für einen möglichen Kampf in einer günstigen Stellung zu postieren, um im Falle des Angriffs nicht völlig unvorbereitet zu sein. Also zum Beispiel Späher einzusetzen, um zu beobachten, aus welcher Richtung die Banditen kommen.” Er wandte sich an Wilfred: “Henyas Ziel? Nun, es ist ein geheimer Ort ganz hier in der Nähe… Aber er sollte möglichst auch geheim bleiben… Vielleicht könnte ich mit Hilfe zweier Gefährten in der Nähe dieses Ziels Ausschau halten, um Euch im Falle eines Angriffs schnell zu alarmieren?” Der junge Ritter richtete sein Wort an die gesamte Gruppe: “Es wäre doch bedauerlich, wenn Henya direkt vor unserer Nase das Artefakt stiehlt, Leute umbringt und wir es nicht einmal mitbekommen.” Hardomar schaute aufmunternd in die Runde und setzte hinzu: “Etwas Vorbereitung dürfte keine Sünde gegen die Sturmherrin darstellen, oder was meint ihr?”

Der Baronet musterte Hardomar für einen Moment wortlos. “Gut, Ihr nehmt Arika und Grimmberta mit Euch. Wir bleiben hier und … warten. Kampfbereit.” Die rotblonde Baroness aus Hardomars Heimat Schweinsfold war zwar noch Knappin in ihren letzten Jahren der Ausbildung, doch bereits in Kette gerüstet und mit einem wehrhaften Knappinnenschwert gegürtet. Grimmberta schien nicht ganz so begeistert von der Aufgabe, fügte sich jedoch nickend.

“Wohlgeboren von Hadingen”, grüßte Arika den Ritter ernst. Immerhin war auch die verschwundene Silvagild eine Ritterin ihrer Schwester, was es gewissermaßen auch zu einer Sache ihrer Familie machte. “Ihr führt uns an den Ort?”
Hardomars Miene hellte sich auf, als er Arika wiedersah. “Junge Dame, es ist mir eine Freude, Euch an den Ort zu führen.” Der junge Ritter deutete mit der Hand in die Richtung, in die sie aufbrechen würden. Mit einem flüchtigen Seitenblick zu Grimmberta wandte er sich an Wilfred. “Wäre es möglich, dass ich mir eines Eurer Pferde ausleihe? Die gute Vernossiel hat unter meinem Gewicht heute schon genug leiden müssen.” Etwas zögerlich setzte er hinzu: “Und könnte ich den hohen Herrn Wulfhelm eventuell auch mitnehmen? Das würde unsere Aussichten erhöhen, falls es dort tatsächlich zu einem Angriff der ‘schwarzen Henya’ kommt.” Er schaute den Welkensteiner fragend an: “Natürlich nur, wenn Ihr uns begleiten möchtet.”

Es war klar, dass Wilfred die Worte des Hadingers als etwas befremdlich empfand. "Ihr habt doch ein Pferd … oder etwa nicht?", fragte er verwundert. Doch bevor Hardomar zu einer Antwort ansetzen konnte, brachte sich Grimmberta von der Seite ein: "er kann Vernossiel haben. Ich bleibe dafür hier …", sah sie ihre Chance gekommen, um nicht mit zum See gehen zu müssen, "... und Wulfhelm kann mit."

Der Baronet wog seinen Kopf hin und her und sah dann hinüber zum Welkensteiner, der ihm zunickte. "Gut, dann sei es so."
Hardomar nickte zustimmend, auch wenn er es bedauerlich fand, dass die Wolfenthannerin im Lager verbleiben wollte. “Besten Dank, Grimmberta, dass Ihr mir Vernossiel anvertraut. Ich verspreche, dass ich gut auf sie aufpassen werde.” Neugierig setzte er nach: “...Ihr seid also eine Bewunderin der alten Sage um diese Elfenprinzessin?”

“Nun, ich stamme ja irgendwie von ihr ab …”, meinte die Ritterin schulterzuckend und als wäre diese Tatsache Allgemeingut. Tatsächlich schien niemand sonst auf diese Worte zu reagieren, “... und ich streife gerne durch ihren Wald und ich kenne die Ruinen ihres weißen Turms.” Grimmberta nickte um die Worte zu bekräftigen.

“Weißer Turm?” fragte Hardomar. “Meint Ihr damit den Turm auf dem Weydensteyn?”

“Nein, den weißen Turm im Wargenforst”, antwortete die junge Ritterin. “Feyenhold hat mir den Namen des Turms gesagt … also der Ruine … Schatorm … oder so in der Art. Wohl alte elfische Ruinen und einst sollen Prinzessin Vernossiel und Alari dort gelebt haben.”

"Mmmh…", brummte Hardomar in sich hinein. Vielleicht befand sich dort ebenfalls ein Feentor, mutmaßte er. War dieser Turm auch ein mögliches Ziel? Solange sich jedoch ein wichtiger Teil des Schlüssels hier befand, würde Henya vermutlich demnächst hierher kommen. Trotzdem interessierte ihn das Wissen Grimmbertas über die alte Turmruine. Vielleicht würde es noch wichtig werden. “Wie weit ist das von hier entfernt? Ist der Weg durch den Wargenforst nicht auch recht gefährlich?” hakte er noch einmal nach, bevor er endgültig mit Arika und Wulfhelm aufbrechen wollte.

“Bestimmt mehr als einen Tag”, schätzte Grimmberta. Wenn man scharf ritt war man recht bald in Zirkenstadingen und konnte von dort aus den Wald betreten. Aber im Wald selbst war es ein breiter Fußweg. “Gefährlich …”, ging sie dann auf seine zweite Frage ein, “... ja, für Auswärtige oft schon.”

“Vielleicht sollten wir los”, mischte sich Wulfhelm in das Gespräch ein. “Eure Fragen zum Wargenforst können wir auch unterwegs klären. Ich stehe Euch dazu zur Verfügung.”

“Sehr gerne…”, erwiderte Hardomar höflich und schenkte der Ritterin noch einmal ein flüchtiges Lächeln. “Dann werden wir wohl aufbrechen müssen”, wandte er sich an die Umstehenden. “Habt Dank und passt auf Euch auf. Wir geben Bescheid, sollte uns etwas Ungewöhnliches auffallen. Und hoffen wir, dass wir doch bald von unseren Freunden hören.” Gemeinsam mit Wulfhelm und Arika machte er sich auf den Weg zu den Pferden. Im Gehen wandte er seine Aufmerksamkeit der Knappin zu, welche er in Dûrenbrück nur kurz gesehen hatte: “Wie geht es Euch, junge Dame? Gerade in so schwerer Zeit tut es wahrlich gut, ein vertrautes Gesicht zu sehen.”

“Mir geht es gut”, meinte Arika knapp. “Ich hätte mir nur gewünscht, dass du und Silvagild mich unter anderen Umständen besucht”, kurz verzog die junge Frau ihren Mund und es schien als würde sie dabei in weite Ferne blicken. “Aber wir werden zusehen, dass die ganze Sache ein positives Ende nimmt und schon bald werden wir mit Silvagild und einem Horn Met an einem gemütlichen Lagerfeuer sitzen.”

Dem Hadinger Ritter fiel auf, dass Arika ihn mit ‘du’ angesprochen hatte. Irgendwie kam es ihm komisch vor, die Schwester seiner Baronin zu duzen, besonders in Anwesenheit von Wulfhelm; andererseits waren Arika und Silvagild Freundinnen aus Kindheitstagen und er gehörte somit wohl auch zum erweiterten Freundeskreis Arikas. Daher beschloss er, ihr gegenüber auch aufs ‘Du’ umzusteigen. “Ja, da hast du recht…”, antwortete er, ein wenig in Gedanken verloren. In diesem Moment fühlte er sich daran erinnert, wie sehr ihm Silvagild fehlte. Die Vorstellung, dass sie eigentlich jetzt in diesem Moment alle gemeinsam gemütlich bei einem Met oder Wein und leckerem Essen zusammensitzen sollten, stimmte ihn traurig und wütend zugleich. Warum konnte die Reise nicht einfach unbeschwert weitergehen? Er hatte sich über so viele Dinge Gedanken gemacht und nun wusste er nicht, ob je wieder alles gut werden würde. Der junge Ritter atmete schwer durch und versuchte auf andere Gedanken zu kommen. “Ich werde keinen Moment ruhen, bis Silvagild nicht gerettet ist… und dann werden wir an einem großen schönen Lagerfeuer Met trinken”, bestätigte er Arika, die ernst nickte. “Eine Menge Met.” Sie erreichten die Pferde; Hardomar trat zu Vernossiel und begrüßte das Tier. “Na, meine Liebe. Ich hoffe, du bist netter als deine Namensgenossin?” Er kraulte das Ohr des Pferdes und richtete sein Wort an Wulfhelm: “Ihr seid sicherlich sehr gut vertraut mit der Sage um Alari und Perdan - habt Ihr auch schon einmal von einem Zepter gehört, das Alari mitgenommen haben soll?”

Der Welkensteiner nickte lächelnd. “Meine Familie meint von Perdan und Alari abzustammen, ja”, erklärte er stolz. “Von dem Zepter wusste ich jedoch bisher nichts. Aber wisst Ihr, ich denke nicht, dass Vernossiel jenes Monster ist, als das sie die Balladen kennen. Sie ist eine Mutter, die ihre einzige Tochter verloren hat.” Der Ritter hob seine Schultern. “Ich weiß es noch wie es mir ging als meine Fina oben im Finsterkamm blieb … und sie war nicht von meinem Fleisch und Blut. Nicht auszudenken was passieren würde wenn meinen Kindern etwas geschieht.”

Der Ritter vermutete nur, dass Fina Wulfhelms Gemahlin gewesen war und wusste nicht, was genau mit ihr im Finsterkamm passiert war; doch konnte er es sich ausmalen und wollte daher lieber das traurige Thema nicht allzu sehr vertiefen. “Was Vernossiel und Alari angeht… Manchmal heißt lieben doch auch loslassen, oder? Auch wenn es sich wie das schlimmste auf der Welt anfühlt, was einem ereilen kann - aber man will am Ende doch, dass die Person, die man liebt, glücklich ist.” Hardomar fokussierte dabei seinen Blick auf das Ross und zuckte mit den Schultern. “Wobei das Ende der Geschichte wirklich mein Herz berührt.”

Der Ritter wog seinen Kopf hin und her. “Ich denke schon, dass es einen Unterschied macht ob man seine Tochter in die Ehe entlässt, oder sie an eine andere Welt verliert. Aber das mag Ansichtssache sein.”

Hardomar nickte und dachte flüchtig an Miriltrud, die ihren Sohn an eine Feenwelt verloren hatte. ‘Vielleicht ist sie deswegen so streng mit Silvi’, überlegte er, schwieg aber für einige Momente.

“Den Stein kennst du aber”, warf Arika von der Seite ein und versuchte damit wahrscheinlich auch das Thema vom Verlust von geliebten Familienmitgliedern wegzubringen.

“Jaja, den schon”, Wulfhelm nickte. “Die Ritterin Ciria aus Albernia hat ihn vor einem Götterlauf geborgen. Sie meinte, dass ihr die Heilige Matissa den Weg gewiesen hat. Im Endeffekt habe ich die Ritterin bewusstlos und mit dem Stein im Schnee liegend gefunden … mitten in der Nacht!”

Hardomar schwang sich auf das Pferd. Auf Vernossiel sitzend richtete er Tunika und Kettenhemd sowie das am Gürtel befestigte Schwert. “Also… hier in der Nähe befindet sich eine geheime Höhle und dort wird ein Stab für diesen Stein verwahrt. Nur gemeinsam ist dieses Zepter oder der… Schlüssel wohl wirksam…” Nachdenklich schaute er zu Wulfhelm hinüber, als er begann, das Pferd langsamen Schrittes in Bewegung zu setzen. Er überlegte, wieviel von der Sage wirklich so passiert und wieviel später dazugedichtet worden war. Würde eine liebende Mutter ihre Tochter in einen Turm sperren und sie von einer wilden Bestie hetzen lassen? Oder hatte Alari noch etwas anderes getan, was die Wut der Mutter ausgelöst hatte? “Meint Ihr, Vernossiel war damals vielleicht gar nicht so sehr daran interessiert, die beiden Liebenden auseinander zu treiben? Vielleicht war sie vor allem hinter diesem Zepter her?”

“Ihr meint die Höhle von Loreleï? Ich habe bisher nur Geschichten darüber gehört”, schien Wulfhelm beeindruckt zu sein, fing sich dann jedoch sogleich wieder: “Was damals zu den Ereignissen führte, die wir aus der Sage kennen ist schwer zu sagen. Dazu müssten wir wahrscheinlich mit Vernossiel sprechen”, er lächelte schmal.

“Nach den Erlebnissen der letzten Tage würde es mich nicht mehr wundern, wenn wir der leibhaftigen Vernossiel begegnen würden”, antwortete Hardomar und tätschelte den Hals des Pferdes. “Nein, du bist nicht gemeint.” Er beschleunigte das Reittempo und blickte zu Arika und Wulfhelm hinüber. “Und ja, der Stab des Zepters befindet sich in der Höhle der Nymphe Loreleï. Ich hab sie gestern abend kennenlernen dürfen”, der Ritter runzelte nachdenklich die Stirn, “leider scheint das Artefakt dort nicht allzu sicher zu sein…” Er wandte sich wieder an Wulfhelm. “Ihr habt die albernische Ritterin also gefunden? Was hat sie denn zu den Visionen gesagt, die sie von der heiligen Matissa erhalten hat? Es ist…”, er zögerte kurz, “... es ist nämlich so, dass Silvagild und ich auch Visionen hatten.”

“Sie hat mir erzählt, dass sie den Stein für Vernossiel gesucht hat”, holte der Ritter etwas weiter aus. “Eine Suche, die sie erst zu der Nymphe geführt hat, dann weiter in den Hohenforst und die ihr Ende in Dûrenbrück genommen hat.” Wulfhelm fuhr sich durch seinen Haarschopf. “Es ist schwer zu wiederholen, was sie meinte und vielleicht hat auch das Fieber aus ihr gesprochen. Sie meinte, dass Matissa die Hüterin des Steins war und dass das Kleinod dann später in Wargentrutz auftauchte heißt wohl, dass er eben nicht bei Vernossiel war.” Nun wandte sich der Welkensteiner gänzlich dem Hadinger zu und lächelte. “Ja, ich weiß, dass sie immer noch lebt und erreichbar ist. Was wisst Ihr denn über Hochelfen?”

“Nun ja, Hochelfen…”, gab Hardomar von sich und dachte kurz nach. Eigentlich hatte der junge Ritter nicht wirklich viel Ahnung von Elfen, außer den Geschichten und Erzählungen, die er mal in Büchern gelesen hatte. “Sind das die Elfen, die noch ganz traditionell in den Wäldern leben und nicht unter Menschen in den Städten?” fragte er und wartete eine erste Reaktion Wulfhelms ab.

“Ganz im Gegenteil”, lächelte der Ritter. “Die Hochelfen lebten in Städten, die die Vorstellungskraft von uns Menschen übersteigt. Lange vor uns besiedelten sie diese Lande und als ihr Volk darnieder ging, verließen sie das Dererund zu den Inseln im Nebel. Dort wo einst ihre Siedlungen lagen soll es oft Übertritte auf die Inseln im Nebel geben.”

“Inseln im Nebel…”, wiederholte Hardomar staunend. Das klang so unwirklich, wie ein Ort aus einem Märchen… Aber seine Erfahrungen hatten ihn gelehrt, dass in diesen Dingen oft mehr Wahrheit lag, als die meisten Menschen dachten. Schließlich hätte er früher auch nie geglaubt, dass es die Lilienkönigin wirklich gab. “Dieser ‘weiße Turm’ im Wargenforst, von dem Grimmberta vorhin sprach - das war so eine Siedlung der Hochelfen, nicht wahr? Könnte es dort einen ‘Übertritt’, wie Ihr sagt, geben? Und das Zepter, das Henya und der Magus suchen, wäre dann der Schlüssel dafür?” Er kratzte sich nachdenklich die Bartstoppeln am Kinn. “Was könnten sie wollen, auf diesen Inseln? Unermessliche Schätze und Reichtümer?”

“Oder den Tod”, meinte Wulfhelm kühl. “Ich denke nicht, dass es hier auf dem Dererund einen Sterblichen gäbe, der sich mit den Hochelfen anlegen würde. Und Armeen wird man nicht durch die Tore bringen.” Der Ritter verzog seine Lippen zu einem schmalen Strich, doch war es Arika, die als nächstes ihr Wort erhob: “Vielleicht werden wir es erfahren, wenn wir diesen Mann in Gewahrsam haben.”

“Na, hoffen wir, dass wir ihn bald im Gewahrsam haben”, erwiderte Hardomar und versuchte eine Miene der Zuversicht aufzusetzen. “Auf jeden Fall scheinen unsere Gegner mit großer Entschlossenheit vorzugehen… Die Entführung von Silvagild in Dûrenbrück, am nächsten Morgen der Angriff auf Gut Weidenwald, wohl als Ablenkung für den Raub des Schwerts vom Weydensteyn, dann die Entführung der Novizin und der Diebstahl des Steins aus dem Rahjatempel zu Wargentrutz…”, fasste der Ritter nachdenklich zusammen. “Die verfolgen offenbar einen ganz klaren Plan und wissen genau, was sie tun. Während wir immer noch im Dunkeln tappen. Ich hoffe nur, dass unsere Bemühungen uns nicht zu Spielfiguren in einem größeren Komplott machen, ohne dass wir es merken…” Unwillkürlich suchte der junge Ritter die Umgebung nach Auffälligkeiten oder möglichen Feinden ab und zog die Stirn mit sichtlichem Unbehagen kraus.

"Ja, hoffentlich nicht", stimmte Arika ihm zu. "Da sind mir die Orks beinahe lieber. Da weiß man nämlich was man bekommt", schien sie zu scherzen, räusperte sich jedoch sogleich.

“Ich kann auf beides gut und gerne verzichten…”, warf Hardomar mit einem leicht sarkastischen Lächeln ein.

"Lass uns einmal diese Höhle aufsuchen, von dieser Nymphe. Dort liegt wohl das Ziel des Feindes, das müssen wir schützen."
“Wir dürfen nicht zulassen, dass Henyas Leute in die Höhle eindringen. Daher müssen wir vorsichtig sein, wenn wir uns dem Ort nähern und achtgeben, dass uns niemand beobachtet.” Hardomar brachte Vernossiel ein paar hundert Schritt vor der Höhle an einer kleinen Baumgruppe zum Stehen. Etwas leiser sagte er zu den anderen: “Ich glaube, es wäre unauffälliger, wenn wir die Pferde hier lassen. Es ist nicht mehr weit.”

Wulfhelm nickte und stieg dann aus dem Sattel. Arika tat es ihm kurz darauf gleich. "Gut, wir folgen dir", meinte der Welkensteiner dann.

Es dauerte nicht mehr allzu lange bis sie die Stelle erreichten, an welcher Hardomar den Eingang wusste, doch dem Nordmärker wurde sofort klar, dass etwas hier anders war als noch zuvor. Er sah seltsame Glyphen am Stein, die vor einigen Stunden bestimmt noch nicht da waren.

“Mist! Verflucht!” rief Hardomar mit laut flüsternder Stimme aus. Das durfte doch nicht wahr sein, dass ausgerechnet in dem kurzen Moment, wo er nicht da war, dieser verdammte Magier herkam. Ohne Umschweife löste Hardomar das Sicherungsband von seinem schweren Dolch und lief hastig direkt zur Wand, wo er den Einlass vermutete. Dann drehte er sich zu seinen beiden Begleitern. Er spürte, wie das Blut durch seine Adern pulsierte und flüsterte angespannt: “Ich glaube, sie sind schon drin, macht euch kampfbereit!” Hardomars Hand ging nun zum Griff seines Schwertes, welches sich noch in der Scheide befand. Leise und vorsichtig versuchte er, die weiße Felswand zu durchschreiten, lief dabei jedoch gegen den harten Stein.

"Ähm, ich sehe hier nur eine Wand", merkte Arika daraufhin an. "Du meinst, dass wir da durch müssen?"

"Ach, verdammt!" Der Ritter ächzte überrascht auf, als er mit der Schulter gegen die massive Wand stieß. "Rondreich sagte, dass Loreleï mich reinlassen würde... Aber vorhin waren diese Zeichen auch noch nicht da!" erklärte er und blickte sich sichtlich angespannt in der Umgebung um. "Loreleï, kannst du mich hören?" rief er gegen den weißen Felsen. "Ich bin's, äh... Onagya! Wir bringen Hilfe!" Prüfend fuhr er mit der Hand über die Steinwand. "Bitte lass' uns rein!"

Hardomar konnte es nicht sehen, doch hinter ihm warfen sich Arika und Wulfhelm fragende Blicke zu und hoben dann simultan ihre Schultern. “Was sollen das denn für Glyphen sein?”, fragte Arika.

Doch noch bevor der Hadinger zu einer Antwort ansetzen konnte, trug der Wind gerufene Worte an sie heran. “Hoher Herr Hardomar?!”, rief ein Mann, der sich verdächtig nach Dyderich anhörte und wohl nach ihnen suchte. “Hoher Herr?”
Der Ritter sah sich um. “Dyderich?” rief er laut zurück. “Bist du es? Wir sind hier!”

“Herr Hardomar … ja …”, der Barde wirkte gehetzt, ritt bis zu den anderen und rutschte dann aus seinem Sattel. “Wir haben Nachricht von Hochwürden Grimmbart erhalten in seinem Tempel. Ein Teil von Henyas Truppe ist wohl auf dem Weg hierher. Ein anderer zieht gen Praios, Ziel unbekannt.”

"Dyderich, gut dich zu sehen", sagte Hardomar und nickte dem Barden zu. "Ich fürchte, Henyas Leute waren schon hier. Genauer gesagt dieser Magus." Er wies mit einer Handbewegung auf die Glyphen am Fels. "So etwas wurde auch benutzt, um das Schwert von Weydensteyn zu holen", erklärte er mit düsterem Blick.

“Der Weydensteyn …”, murmelte der Barde, “... ja, was sie wohl mit dem Schwert gemacht haben … hm.”

Nur wenige Herzschläge später zog das Schnauben eines Pferdes die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich. Hardomar konnte zwei Männer mit Armbrüsten erkennen, die ein schweres Streitross flankierten und wohl auf ihn zielten. Am Ross selbst saß eine junge Frau in dunkler Rüstung: ihre dichten dunkelblonden Haare zu einem dicken Zopf geflochten, ihr Antlitz ernst und die braunen Augen funkelten herausfordernd - es war Silvagild. “Zu spät”, meinte sie monoton und kurz zuckte dabei einer ihrer Mundwinkel nach oben. “Wir haben was wir brauchen.”

Während Arika sich vor Schreck die Hand vor den Mund hielt, zog Wulfhelm sein Schwert und Dyderich stand wie versteinert neben seinem Pferd.

Hardomar traute seinen Augen nicht. Silvagilds Blick, der ihn bösartig anfunkelte, wirkte für ihn so unwirklich. Doch hier stand er vor dem, was von ihr übrig war. Der Ritter fragte sich, ob ein Zauber sie so beeinflusste, dass sie böse handelte oder ob der Wille des Magus vollends von ihr Besitz ergriffen hatte. Mutig ging der junge Ritter einen halben Schritt auf Silvagild zu und musterte ihre Augen. Er erinnerte sich daran, dass die Junkerin auch bei dem Überfall auf das Gut Weidenwald niemanden ernsthaft verletzt hatte. Sollte der Magus sie wirklich kontrollieren, so gab es vielleicht einen kleinen Funken Hoffnung, dass Silvagild jetzt in diesem Moment einen inneren Kampf focht - und er wusste, dass seine Freundin sehr hartnäckig sein konnte.
Er ging ihr noch einen weiteren halben Schritt entgegen, hob die Hände beschwichtigend vor sich und ergriff die Zügel des Pferdes, mit dem Dyderich herangeritten war. Flüchtig prüfte er, ob sie den Stab des Zepters sichtbar bei sich trug, während er die Schützen zu ignorieren versuchte. Das Herz des Ritters pulsierte stark und dröhnend durch seinen gesamten Körper. “Silvi, du siehst irgendwie anders aus…”, rief er, halb um den Magus zu provozieren, halb um Silvagilds Geist irgendwie zu erreichen. “Neue Frisur? Steht dir überhaupt nicht”, urteilte er ironisch und warf ihr einen intensiven Blick zu.

Sie schien ihn auf jeden Fall zu erkennen, denn kurz nahm das Antlitz der Ritterin einen Ausdruck an, der gequält wirkte. “Zwing mich nicht dir weh zu tun”, sagte die Ulmentorerin leise und beinahe flüsternd. Einer der beiden Schützen blickte derweil fragend zu ihr auf und schien auf ein Kommando zu warten, während die schwarze Mähre nach Hardomar schnappte.
Hardomar zog reflexartig die Hand von dem Pferd weg und schaute leicht irritiert wieder zu seiner Freundin. “Nein, Silvi, auch wenn deine Mutter vielleicht nicht allzu traurig wäre, wenn die Schützen jetzt abdrücken und mich erschießen”, sagte er mit einem Anflug von Sarkasmus und in der Hoffnung, ein Stück der alten, ‘richtigen’ Silvagild hervorzulocken, “...ich kenne die hohe Dame Miriltrud gut genug, um zu wissen, dass sie sehr stolz auf dich ist.” Er fixierte die junge Ritterin mit seinen blauen Augen und sah ihr mutig und offen entgegen. “Ja, deine Mutter, welche dir mit ihren Erwartungen das Leben oft nicht leicht gemacht hat…”, der Ritter machte eine bedeutsame Pause, “...sie liebt dich sehr. Das weißt du doch, oder? Trotz des Feenblutes, welches in dir pulsiert, bist du zu einer pflichtbewussten Frau herangewachsen, die mehr als bereit ist, die Verantwortung für ein Lehen zu übernehmen. Dein Vater… er wäre so unendlich glücklich, könnte er nur sehen, was für eine starke und tapfere Ritterin aus seiner kleinen Silvagild geworden ist.” Sachte ging er einen weiteren Schritt auf Silvagild zu. Keinen Moment löste er seinen Blick von ihrem und versuchte irgendeine Regung bei ihr zu erkennen.

Auf dem Antlitz der Junkerin zeigte sich ein Ausdruck von Unglauben und noch bevor sie auf die Worte des Hadingers antworten konnte, erfüllte Lautenklang die Luft. Dies wiederum nötigte der jungen Baroness Arika einen konsternierten Blick ab. Die Melodie jedoch kannte sie, es war ´Weiden im Wind´.

Was auch immer der Troubadour damit bezwecken wollte, schien zu wirken, denn Silvagild sah auf. Es war ihr Lieblingslied und nicht viele wussten das. “Mein Vater hat mich verlassen … alleine gelassen”, murmelte die Ulmentorerin. “Und meine Mutter sieht in mir eine Zuchtstute.” Sie presste ihre Lippen aufeinander und schüttelte dann ihren Kopf.

“Ich glaube, die Schlampe knickt ein”, bemerkte einer der beiden Schützen und zielte nun entschlossen auf Hardomar, bereit auch ohne Befehl zu schießen.

Hardomar behielt sowohl Silvagild als auch die beiden Schützen mit äußerster Anspannung im Auge. Selbst wenn Silvi zur Vernunft käme - mit den Banditen war nicht zu spaßen. “Hm, mal nachrechnen… Wir sind zu viert…”, verkündete er im fröhlichen Plauderton und zählte vier Finger an seiner linken Hand ab, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit der Männer allein auf sich zu richten, während er gleichzeitig Dyderichs Pferd am Zügel unauffällig so dirigierte, dass es sich vor den Barden, Arika und Wulfhelm stellte und diesen zumindest teilweise Deckung bot, “...und ihr? Ihr habt nur - wieviele? - ah, zwei Armbrüste… Tja, schon blöd, was?” Er lachte die Schützen herausfordernd an und schickte ein verzweifeltes Stoßgebet an die Göttin, jeden Moment bereit, sich mit einer schnellen Rolle auf den Boden zu werfen und den Bolzen auszuweichen. Auch wenn die Chancen hierfür schlecht standen. Es war selbstmörderisch… Aber hätten die Banditen erst einmal geschossen, würden sie längere Zeit fürs Nachladen benötigen.

“Und außerdem…”, Hardomar zwinkerte dem Mann, der eben gesprochen hatte, verschwörerisch zu, “...der Bolzen deiner Armbrust liegt schief, Arschloch!” behauptete er, als er zu einem seitlichen Ausweichsprung ansetzte.

Der Angesprochene lächelte müde. “Ihr seid NOCH zu viert. Es braucht nur einen Herzschlag bis ihr nur noch zu dritt seid … ein Barde, eine junge Frau … wohl Knappin … und ein Ritter. Ich mag unsere Chanc…”

Weiter kam er nicht, denn just in diesem Moment ließ Silvagild ihre Mähre steigen, die nach einer Drehung nach rechts, den dortigen Schützen mit einem Tritt zu Boden beförderte. Die folgende Verwirrung nutzte der erfahrene Ritter Wulfhelm, der sich auf den zweiten der Mordbuben stürzte und sogleich dabei war ihn zu überwältigen.

Schon fast hatte sich Hardomar in Bewegung gesetzt, in Erwartung, der Armbrustschütze würde auf ihn feuern, da sah er die mutige Aktion der Junkerin. “SILVI!” rief er laut aus und sprintete, so schnell er konnte, zu dem gestürzten Mann. Hatten sie es geschafft? War Silvagild wieder Herrin über ihren eigenen Willen? Oder steckte hier in der Nähe noch irgendwo der finstere Magier, der Silvagild vielleicht jeden Moment wieder unter seine Kontrolle bringen würde? Noch während der Ritter rannte, zog er sein Langschwert und hielt dieses dem auf den Boden liegenden Schurken an den Hals. Der Hadinger achtete darauf, dass der Bösewicht nicht erneut eine Waffe ergriff und hielt ihm auffordernd das Schwert an die Kehle: “Schön ruhig, Freundchen!” forderte er ihn mit ernster Miene auf und sah nun auch mit einem schnellen Blick nach Wulfhelm und Silvagild.
Der Welkensteiner hatte seinen Mann auch überwältigt, kniete auf seinem Rücken und presste sein Gesicht in den Boden. Dass der Barde Dyderich immer noch sein Lied klimperte, gab der Situation einen makaberen Beigeschmack.

“Bindet die beiden Arschlöcher”, meinte Silvagild und in diesem Moment sah die junge Ritterin auf dem dunklen Ross aus wie eine Rächerin aus einem Tulamidischen Märchen. Sie nahm ein Hanfseil, das seitlich am Sattel hing, teilte es mittig und warf beiden Rittern je eine Hälfte zu. Dann schwang sie sich aus dem Sattel. Hardomars Blick entging dabei nicht, dass sie etwas funkelndes aus ihrer Tasche holte, das den Hadinger bei näherem Hinsehen an den Anhänger erinnerte, den Rondreich um seinen Hals trug.

Hardomar fing das Seil auf. Das Fesseln hatte er zwar gelernt, doch gehörte dies nicht zu den Aufgaben, in denen besonders gut war. “Umdrehen, auf den Bauch!” befahl er dem Mann, an dessen Hals er noch immer die Klinge seines Langschwerts hielt. Dann bemerkte er den funkelnden Anhänger bei Silvagild. Eilig steckte er das Schwert weg, schlang provisorisch das Seil ein paar Mal um das Handgelenk des Schurken und rief dabei zur Knappin herüber: “Arika, komm bitte her! Kannst du hier weitermachen und auf ihn aufpassen?” Als Arika zu ihm geschritten kam und sich zu dem Räuber hinunterbeugte, stand er auf und ging zu Silvagild. “Silvi? Wie geht es dir?” fragte er vorsichtig, musterte seine Freundin und wies mit Blick auf den Anhänger. “Was ist das?”

"Ein Schlüssel", antwortete sie kurz angebunden und ging hin zu jener Felswand, die Hardomar als Zugang zu Loreleïs Höhle kannte. Und ehe sich der Ritter versah, war sie auch dahinter verschwunden.

Geschwind eilte Hardomar ihr nach. “Wartet hier - wir sind gleich wieder zurück!” rief er Dyderich über die Schulter zu. Direkt vor der Felswand bremste er leicht ab und versuchte mit ausgestreckten Händen Silvagild durch das Gestein hinterher zu gehen.

Das Tor schien noch offen zu sein, denn auch dem Ritter gelang es die Höhle zu betreten. Silvagild war dabei nicht zu sehen, doch konnte er ihre Stimme hören. Ruhig und entspannt, soweit er das beurteilen konnte. Sie unterhielt sich … offensichtlich. Die andere Stimme schien dabei einem Mann zu gehören.

Als Hardomar den Pfad zu Loreleïs Teich weiter folgte, erblickte er die beiden auch. Silvagild und vor ihr Rondreich. Gerade gab sie ihm jenen Anhänger wieder, den Hardomar noch am Morgen um den Hals des jungen Mannes hatte baumeln sehen, und der zuvor von Ritterin gehalten wurde. “Danke, noch einmal”, meinte sie mit gedämpfter Stimme.

Der Hadinger Ritter zog irritiert die Stirn kraus und schritt langsam auf die beiden zu. “Ja genau, danke nochmal… auch von meiner Seite”, meldete er sich mit leicht ironischem Unterton zu Wort und sah Rondreich fragend an. “Ich hatte schon befürchtet, dir und Loreleï wär’ was zugestoßen.”

Der Angesprochene fuhr herum und atmete dann tief aus, als er den Hadinger sah. “Silvagild zum Dank ist uns nichts passiert, hoher Herr”, meinte er lächelnd.

“Nein, ich habe euch zu danken. Wäre Loreleï nicht gewesen, hätte man inzwischen wahrscheinlich schon eine Belohnung auf meinen Kopf ausgelobt.” Auch die Ritterin sah Hardomar nun entgegen. Fordernd, so wie er sie kannte. “Das hat ja ziemlich lange gedauert. Habt ihr überhaupt nach mir gesucht? Das Leben als Mirhamonette eines Magiers liegt mir nicht.” Ohne eine Antwort abzuwarten, winkte sie ab. “Es geht Loreleï gut, sie hat uns sogar etwas Zeit gekauft, aber wir müssen los. Gen Praios. Pergelfurt.”

Hardomar musste unweigerlich breit grinsen. Hatte er bis eben Zweifel gehabt, schmolzen diese nun weg wie Frühlingsschnee. So missmutig und herablassend - genauso kannte und liebte er seine Silvi. "Warum es so lange gedauert hat?" Hardomar kratzte sich übertrieben nachdenklich am Kinn. "Ja, weißt du… Erst waren wir dir ja dicht auf den Fersen, aber dann…”, er überlegte kurz, wie er sie spontan aufziehen konnte, “...haben wir diese wilden, feurigen Amazonen kennengelernt und dann…", er brach mit einem entschuldigenden Schulterzucken ab und sah Silvagild unsagbar erleichtert in die Augen. "Ich hab mir solche Sorgen gemacht…", brachte er mit trockener Stimme heraus. Vor Freude kamen ihm fast die Tränen; mit einem tiefen Atemzug versuchte er diese zurückzuhalten. Am liebsten hätte er, obwohl Silvagild vermutlich genervt reagieren würde, sie sofort in seine Arme gerissen und fest an sich gedrückt. Doch zunächst blickte sich der Ritter schnell und etwas argwöhnisch in der Höhle um. “Apropos Magier… Ist der noch irgendwo in der Nähe? Und was ist mit dem Stab?”

"Der Stab ist bei Gerin, dem Magier. Aber nicht, ohne dass Loreleï ihn noch irgendwie magisch beschädigt hat, dass er nicht so leicht zusammenzusetzen ist. Er war unvorsichtig … in mehrerlei Hinsicht." Sie grinste. "Ach es ist eine längere Geschichte, ich bin wieder die Alte und musste dir vorhin vor der Höhle etwas vorspielen, um keinen Verdacht zu erwecken. Ich bin einfach froh, dass du hier bist und es dir gut geht. Wo sind denn die anderen?"

“Nun, Dyderich hast du ja draußen gesehen… und gehört. Ganz in der Nähe lagert Baronet Wilfred mit einigen Rittern sowie Hochwürden Leudara. Wir haben in den letzten Tagen eine Menge Helfer zusammengetrommelt. Daithi und Boronmin wollten einen Firungeweihten hinzuziehen, Hochwürden Grimmbart, um Henyas Versteck im Hohenforst aufzuspüren - ich hoffe sehr, dass es ihnen gut geht. Dyderich meinte eben, dass es Nachrichten von Grimmbart gab... Und dein Hengst Adelar ist wohl noch in der Obhut einer Hexe namens Trudi.” Der Ritter lächelte Silvagild herzlich an und seufzte erleichtert. “Ich kann noch immer nicht fassen, dass du wieder du bist… Das eben war gut geschauspielert”, sagte er anerkennend, “...für ein paar Augenblicke hab ich dir die düstere Raubritterin tatsächlich abgenommen und mein letztes Stündlein schlagen hören.” Er trat ein Stück näher an sie heran, legte kurz die Hand auf ihren Arm und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. “Und keine Sorge, die Frisur steht dir.” Einen Moment schaute er sie an und genoss es einfach, bei ihr zu sein, dann wandte er sich an den Jüngling: “Rondreich, kommst du mit uns oder bleibst du noch hier? Und Loreleï geht es wirklich gut? Hatte schon befürchtet, hier ein Blutbad vorzufinden”, murmelte der Ritter mit fürsorglichem Blick, ‘...für das Silvagild verantwortlich sein könnte’, setzte er in Gedanken hinzu, doch verbannte er die düsteren Bilder aus seinem Geist, straffte sich und schickte sich an, die Höhle zu verlassen. “Du musst mir auf dem Weg nach Pergelfurt unbedingt die ‘längere Geschichte’ erzählen, Silvi. Auch, warum wir dahin reisen.”

Silvagild war ehrlich beeindruckt von den Erzählungen des Ritters, wen sie alles mobilisiert hatten. "Das bedeutet mir viel", kommentierte sie knapp, aber Hardomar merkte, dass es ehrlich war und sie bewegte.

Rondreich hatte sich unterdessen sein Amulett um den Hals gelegt. "Ich werde etwas hier bleiben, hoher Herr. Loreleï ist in ihrer Welt, um sich etwas zu beruhigen. Es ging zwar alles ganz gut aus, aber etwas aufgeregt war sie ja schon und wenn sie wieder kommt, möchte ich sie nicht alleine lassen." Er winkte den beiden zu. "Wenn ihr das nächste Mal in Ulmenau seid, schaut im Einhorn vorbei. Meistens bin ich dort."

"Danke nochmals, Rondreich", winkte nun auch Silvagild. "Und lass mir Loreleï schön grüßen, wenn sie wieder kommt. Wir schnappen uns derweil den Magier." Bei diesen Worten knuffte sie Hardomar in den Oberarm und schickte sich ebenfalls an zu gehen.
“Ja, mach’s gut, Rondreich!” verabschiedete sich Hardomar ebenfalls herzlich, als sie die Höhle verließen. “Wir werden auf jeden Fall mal im ‘Schwarzen Einhorn’ vorbeischauen, wenn wir in der Gegend sind… Und Grüße an die blaue Maid!”

Draußen angekommen passten Wulfhelm und Arika immer noch auf die beiden Gefangenen auf. Man würde sie dem Baronet übergeben und nach Weidenhag bringen.

"Der Magier mochte schlau sein und alles penibel durchgeplant haben", hob die Junkerin an, als sie sich zum Aufbruch fertig machten. "Aber er hat die Bindung zwischen Feenwesen und Fennblütigen unterschätzt. Ja, ich hatte ihn …", sie rollte mit ihren Augen, "... in meinem Zustand hierher geführt. Er hat die Höhle geöffnet, denn der Stein … das Tor ist nichts anderes als eine materielle Illusion oder so. Also da, aber auch irgendwie nicht. Wenn man weiß wo sie ist, kann man sie öffnen, wenn man die Macht dazu hat." Die Ulmentorerin räusperte sich. "Also er hat mir den Zugang geöffnet und machte dann den Fehler mich alleine gehen zu lassen. Vielleicht weil er sich seiner Macht über mich zu sicher war, oder weil er Loreleï fürchtete? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich entschlossen dieses Ding zu holen und sogar die Waffe hat er mir überlassen, sollte sie Gegenwehr leisten. Aber sie hob den Zauber auf, befreite mich von dem Stiernacken seiner Beeinflussung und schmiedete mit mir einen Plan. Uns war klar, dass es nicht gehen würde, ohne sein Ziel zu erreichen." Silvagild tippte sich auf die Nase. "Da wir hier irgendwie nicht am Dererund waren, bekam er davon auch nichts mit. Hier hatte Gerin keine Macht, also vereinbarten wir, dass ich ihm geben sollte, was er verlangt. Zuvor würde sie aber noch sicherstellen, dass er das Artefakt nicht einfach zusammensetzen kann."

Die Junkerin sah kurz zu Wulfhelm, der die gefesselten Banditen über den Rücken seines Pferdes warf. "Es kam mir dabei entgegen, dass ich mich an alles erinnern konnte, was während meiner Beeinflussung um mich geschehen ist, also spielte ich meine Rolle wohl überzeugend. Er teleportierte sich mit dem Zepter weg und ich solle mit den anderen beiden schnellstmöglich nach Pergelfurt folgen. Dort würde er den Schlüssel wieder zusammenfügen. Rondreich gab mir seinen Schlüssel, damit ich zu ihm kann, sobald Gerin weg war und ich mich der anderen beiden entledigt hatte. Er meinte, er habe Freunde, die uns helfen würden ihn aufzuhalten." Sie lächelte. "Jetzt weiß ich ja, dass ihr es wart."

Hardomar hörte Silvagilds Ausführungen aufmerksam zu, während er Wulfhelm beim ‘Verladen’ der Schergen zur Hand ging. “Es tut mir sehr leid, dass du das durchmachen musstest”, sagte er schließlich mit leiser, ehrlicher Stimme zu Silvagild. “Ich mag mir kaum vorstellen, wie das ist - den eigenen Willen der Beeinflussung so eines… Dreckskerls unterwerfen zu müssen…” Er ballte leicht die Faust und nickte ihr ernsthaft zu. “Wir werden ihn dafür büßen lassen, das verspreche ich dir.” Fragend schaute der Hadinger dann in die Runde der Gefährten. “Gut, präsentieren wir erstmal unsere beiden neuen ‘Freunde’ dem Baronet und dann weiter nach Pergelfurt?” Kurz fuhr er sich durchs Haar und wandte sich noch einmal Silvagild zu: “Sag mal, vorhin hatte ich mit Wulfhelm und Grimmberta kurz über Ruinen der Hochelfen im Wargenforst gesprochen, Alaris ‘weißer Turm’ oder so… Da soll es ein weiteres Tor geben, nicht wahr, Wulfhelm? Ich hatte überlegt, ob das eventuell auch ein mögliches Ziel sein könnte. Hatte der Magus darüber mal gesprochen, Silvi?”

"Sie waren nicht sein primäres Ziel", dachte die Junkerin nach. "Er hat darüber gesprochen, ja, und sie waren das zweite Ziel, sollte es in Pergelfurt Probleme geben, mit dem jedoch nicht wirklich jemand gerechnet hatte. Ich habe die Furcht in den Augen der anderen gesehen, als sie über den Wald sprachen. Niemand wollte dorthin gehen."

"Das größte Problem ist es in diesem Zusammenhang …", setzte Wulfhelm hinzu, "... die Ruinen überhaupt zu finden. Feyenhold kennt sie und Grimmberta auch. Sonst würde mir niemand einfallen."

"Also erstmal Pergelfurt." Hardomar nickte nachdenklich. "Grimmberta sollte uns begleiten, für den Fall, dass sich die Banditen doch in den Wargenforst schlagen." Er musterte Silvagild fragend. "Und Perdans Schwert vom Weydensteyn; den Namen hab ich vergessen - geschmiedet ganz allein mit dem Ziel, Feenwesen zu töten oder zu verletzen... Hört sich ziemlich gefährlich an, oder? Sollten wir...", er zuckte mit den Achseln, "...vielleicht versuchen, diese Waffe zu zerstören?"

"Ach du meinst dieses?" Silvagild tippte auf den kohlschwarzen Griff, der zu einer Klinge gehörte, die in einer Scheide an ihrem Schwertgürtel hing. "Ich weiß nicht, ob es wirklich besondere Kräfte hat, aber es ist wohl magisch. Ich würde es aber gerne dem Rondratempel zur Verwahrung übergeben, den wir vor einigen Tagen besucht haben. Dort ist es am Besten aufgehoben." Sie lächelte, dann schwang sich die junge Ritterin in den Sattel. Hardomar zog eine Augenbraue hoch. “Meinst du den in Greifenfurt oder in Dûrenbrück? Sicher ist das Schwert dort in guten Händen, andererseits… Ich weiß, dass das nicht unbedingt vergleichbar ist, aber dieser Stein wurde auch aus einem Tempel geraubt…”, gab er zu Bedenken. “Mir ist einfach nicht besonders wohl bei dem Gedanken, dass sich eine Waffe, die für unsere Freunde wie Loreleï so extrem gefährlich ist, weiterhin auf dem Dererund befindet…” Er zuckte mit den Achseln. “Aber für’s erste bin ich froh, dass du das Schwert hast. Vielleicht fragen wir nachher Hochwürden Leudara, was sie dazu meint. Und nach Dûrenbrück müssen wir, wenn das hier alles vorbei ist, eh noch mal zurück; da befindet sich ein Teil unseres Gepäcks. Bis dahin…”, er warf Silvagild einen schelmischen Blick zu, “...schneid dich nicht mit dem scharfen Ding.” "Wir sollten auf jeden Fall auch den anderen von deiner Gruppe Bescheid geben. Man darf die Bande nicht unterschätzen."

“Ja, ich weiß. Es wäre gut, wenn wir alle unsere Kräfte vereinen, bevor wir uns Henya und diesem Magus stellen.” Er runzelte die Stirn und musterte seine Freundin. “Wenn er merkt, dass du nicht mehr unter seiner Kontrolle bist, besteht die Möglichkeit, dass er dich erneut verzaubern kann?”

Silvagild hob ihre Schultern. “Wohl nicht, ohne dass sie mich wieder gefangen nehmen. So leicht und schnell dürfte das nämlich nicht gehen.”

Hardomar nickte ihr entschlossen zu. “Das werden wir auf jeden Fall zu verhindern wissen.”


Fortsetzung folgt ...