Der Weydensteyn
Ort: Gut Weidenwald
Dramatis Personae:
- Leudara Aldieri von Rhodenstein (Schwertschwester von Dûrenbrück)
- Boronmin Odulf von Henjasburg (Page von Ritter Hadomar)
- Daithi ´Adlerkralle´ von Rechklamm (Schüler von Meister Dyderich)
- Olin Grünstein (Vogt des Ritters von Weidenwald)
Rittergut Weidenwald, Vormittag des 22. Peraine 1044 BF
Hinter der verträumten Ansiedlung fand sich eine ansehnliche Anhöhe, der von den Einheimischen Weydensteyn geheißen wurde. Der Weg hinauf war ein Kraftakt, der der kleinen Gruppe abverlangt wurde, denn an Reiten war nicht wirklich zu denken, und so blieb nur der anstrengende Fußweg durch den Wald. Hier zeigte Olin, dass er trotz fortgeschrittenem Alter immer noch gut in Schuss war, zählte er doch zu den Flinksten auf dem Weg hinauf zum Weidenstein. Ihm blieb sogar noch genügend Luft, um den anderen die Geschichte des regionalen Rahjaheiligen Perdan Weydensteyn zu erzählen, der von hier ausgezogen sein sollte, um seine elfische Geliebte aus den Fängen einer großen Wargenkreatur zu erretten.
Daithi hatte die Sage von Perdan und Alari schon einige Male gehört, war sie doch eine der liebsten Geschichten, die sein Lehrmeister erzählte. Leudara kannte die Geschichte aus ihrer Heimat selbstverständlich auswendig und folgte den Erzählungen des Vogtes nur mit einem halben Ohr.
Oben angekommen erblickte die Gruppe jene Turmruine, die der Sage nach zu Zeiten von Isegreins Landnahme ein Vorposten gewesen war und dem Helden Perdan später als Wohnstatt gedient hatte. Unweit davon war erst vor Kurzem ein hübsches Jagdhaus errichtet worden. Von eben jenem Häuschen hatte man einen schönen Ausblick auf die Weidenhager Lande. Obwohl die Topografie der Baronie hügelig war, konnte man von hier das Iseholz, den funkelnden Weißensee mit der Festung Weißenstein in Waldleuen sowie den Dûrenwald und sogar den Wargenforst erblicken.
“Nun, wenigstens steht das Jagdhaus noch”, bemerkte Olin. “Ich hätte nicht gewusst wie ich es ihrer Hochgeboren hätte erklären sollen.” Während der Vogt sich auf das hübsche, aus Holz errichtete Haus zubewegte, richtete Leudara ihren Schritt in die Richtung der Turmruine.
Völlig außer Atem kam der Isenhager oben an. Daithi war zwar von daheim Berge gewohnt, immerhin war er in den Ausläufern der Ingrakuppen geboren worden und aufgewachsen, aber das hier war selbst für ihn eine Herausforderung. Als er merkte, dass die Rondrageweihte auf die Ruine zusteuerte, überlegte er nicht lange - er blieb nur einen Moment stehen, um wieder zu Atem zugelangen - dann folgte er Leudara umgehend.
Boronmin hatte mit dem Aufstieg überhaupt keine Probleme - übermütig und leichtfüßig wie eine Gämse sprang er über Stock und Stein den Weg hinauf und lauschte dabei staunend der Geschichte des Vogtes, die er zwar auch schon kannte, aber nichtsdestotrotz sehr gerne noch einmal hören wollte; besonders interessierte ihn die ausführliche Beschreibung der schrecklichen Wargenkreatur. Als sie oben angekommen waren, blickte der Junge sichtlich beeindruckt hoch zu der Turmruine. "Hier könnten auch Vampire und Werwölfe hausen", murmelte er mehr zu sich selbst.
“Es ist der Sage nach das älteste, durch Menschenhand erbaute Gebäude hier in der Gegend”, erklärte Leudara ihren beiden jungen Begleitern. “Einst von einem Waldläufer des ersten Königs von Baliho als Außenposten errichtet. Zu einer Zeit, als hier sonst nur Orks und Elfen lebten.” Die Rondrageweihte wies die beiden jungen Männer an etwas zurück zu bleiben und zog dann ihren Rondrakamm vom Rücken. Sicher war sicher.
Respektvoll gehorchte der Bardenschüler Leudaras Anweisung. Daithi war beeindruckt von der mächtigen Waffe der Geweihten. Er kam sich mit dem Dolch an seiner Seite gerade sehr wehrlos vor. Auch war er sicher nicht der beste Kämpfer mit dieser Waffe. Zwar hatte er früher verschiedentlich mit seinen Brüdern und seiner Cousine Isotta gefochten, doch lagen seine Talente sichtlich nicht in diesem Bereich. Seine Cousine Isotta, die in diesem Jahr im Rondra zur Ritterin geschlagen wurde, hatte zwar versucht, ihm das ein oder andere beizubringen, doch hatte es nicht viel gefruchtet. Bald würde seine jüngste Schwester Koarmin, die ebenfalls im Rondra als Pagin bei einer Ritterin aus der Nachbarschaft aufgenommen wurde, besser fechten können als er. Schon im Raufen war die Achtjährige eine ernstzunehmende Gegnerin für ihn. Daithi nahm sich in diesem Moment vor, dass er seine Wehrhaftigkeit arbeiten musste, vielleicht den Umgang mit einem Rapier oder Degen lernen sollte. Es würde ja nicht immer so sein, dass er unter dem Schutz einer Rondrageweihte unterwegs war. Und auch sein Meister würde ihn nicht immer beschützen können. Solche Situationen wir heute zeigten ihm, wie wichtig es war, sich seiner selbst erwähren zu können.
Der Turm wirkte bis zur Hälfte unbeschädigt, während der obere Teil verfallen war. Besonders schien, dass die Anlage keine sichtbare Tür hatte, durch die man sie hätte betreten können.
Daithi war ganz in seinen Gedanken um seine Wehrlosigkeit versunken, dass er gar nicht bemerkte, was man mit einem scharfen Blick hätte sehen können.
Boronmin verzichtete darauf, das Knappenschwert zu ziehen, das er seit gestern immer noch trug. Bisher hatte ihn niemand dazu aufgefordert, es abzulegen. Und er wollte das nicht dadurch herausfordern, dass er vor den Augen der Schwertschwester mit einer Waffe herumfuchtelte, die er eigentlich noch nicht tragen durfte. Der Junge hielt jedoch seine Hand am Schwertknauf und beobachtete sehr aufmerksam und konzentriert die Umgebung.
Tatsächlich sah der junge Page einige Gravuren an der Mauer des Turms. Einige davon bis zur Unkenntlichkeit verwittert, aber andere sahen wiederum sehr frisch aus. Die Symbole sahen für den jungen Mann jedoch fremdländisch aus und er konnte sie nicht zuordnen.
Der Junge sprang behende zu der Mauer und betrachtete die seltsamen Zeichen. "Was ist das denn hier?" fragte er Daithi und Leudara. "Das sieht teilweise ganz neu aus."
Der Sohn eines Halbelfen wurde durch den aufgeregten Ruf des jungen Pagen aus seinen Gedanken gerissen. Daithi folgte dem Jungen zu der Stelle, wo er offensichtlich etwas entdeckt hatte. Die Gravuren an der Mauer erinnerten ihn an Zeichen, die er bei seinem Vater als auch bei seiner elfischen Großmutter gesehen hatte sowie auch als Kind anfänglich im Seminar der elfischen Verständigung in Donnerbach lernen durfte. “Das scheint von Elfen zu stammen”, attestierte er daher mit seinem Halbwissen.
"Daithi, kannst du das lesen?" fragte Boronmin neugierig. "Und meinst du, dass hier vor kurzem Elfen waren?" Er schaute sich unwillkürlich suchend in der Umgebung um, als könnte jeden Moment ein Elf aus dem Gebüsch auftauchen.
"Mhmm", stimmte Leudara dem Bardenschüler zu. "Sieht tatsächlich nach elfischen Zeichen aus. Aber muss nicht unbedingt von Elfen angebracht worden sein. Vielleicht auch magische Zeichen. Wir sollten nicht zu nahe ran."
Boronmin, der nicht erwartet hatte, dass die Zeichen magisch sein könnten, wich mit staunendem Blick lieber einen Schritt zurück.
"Man sagt dem Turm immer schon eine gewisse magische Aura nach", erklärte Leudara weiter. "Manche Menschen halten ihn für verflucht, andere für ein Heiligtum. Wirklich helfen könnte uns wohl nur jemand, der der magischen Analyse fähig ist." Der Geweihten fielen überhaupt nur zwei Personen in Weiden ein: Prinzessin Gwynna und Kitinkaja … beides wissende Schwestern. "Vielleicht finden wir Hinweise darauf ob heute Morgen jemand hier oben war."
Und tatsächlich meinte Daithi frische Hufspuren am Boden auszumachen, die auf dem aufgeweichten Boden vergleichsweise ganz gut auszumachen waren. Doch was wollten sie hier? Warum hatte der Page frische Glyphen auf dem Turm entdeckt und was gäbe es hier überhaupt zu holen? Schließlich hatte diese Ruine doch nicht einmal eine Tür, durch die man sie betreten konnte.
“Mmh”, sinnierte der Rechklammer, “die Zeichen an der Mauer scheinen ja teilweise noch sehr neu zu sein und die Hufspuren auf dem Boden frisch. Es muss jemand vor kurzem hier gewesen sein. Was meint Ihr, Hochwürden? Aber wo sind sie hin? Wie kommt man in den Turm hinein? Hast Du eine Idee, Boronmin?”
“Vor allem - wie kommt man hier mit Pferden hoch”, warf Leudara ein. “Den kürzeren Weg, den wir gerade genommen hatten, sind sie nicht rauf. Ich würde demnach annehmen, dass es nicht genau jene Personen waren, die den Weiler überfallen haben. Das spricht wieder für die Theorie, dass man unten von den Vorkommnissen hier oben ablenken wollte.”
Die Geweihte stieß einen lauten Pfiff aus, der eine Gruppe Vögel aus nahen Bäumen aufstoben ließ. “Heda, Grünstein”, rief sie den alten Vogt zu ihnen.
Es dauerte nicht allzu lange bis der alte Mann heran kam. “Ja, Hochwürden. Ihr wünscht?”
“Was erzählt man sich über die Ruine.” Sie winkte ab, als der Vogt bereits Luft holte um zu antworten. “Nicht das Übliche, sondern was du darüber weißt. Dinge, die nicht jedem zugänglich sind.”
“Hm …”, der Alte fuhr sich durch den Bart, “... nun, es gibt die Sage, dass Perdans altes Schwert noch hier sei. Eine Waffe, die er sich, der Sage nach, von den Finsterkammzwergen in Dorzromlosch hat schmieden lassen …”, wieder strich Olin sich durch den weißen Bart, “... mmmmmh … Surtalogi hieß es. Geschmiedet um gegen den Wargen zu kämpfen. Eine Waffe geschmiedet um ein Feenwesen zu töten. Aber es ist eine Sage … wie gesagt. Ich habe sie nur zufällig erst vor Kurzem wieder gehört.”
“Eine Waffe um ein Feenwesen zu töten?”, fragte Daithi nach. “Ein bestimmtes?”
“Äh, ja junger Herr”, der Vogt nickte. “Den Wargen aus dem Wargenforst. Der hielt ja Perdans Geliebte gefangen, aber vielleicht war es auch wirksam gegen andere Feenwesen? Den Wargen hat er jedenfalls nicht getötet.”
“Das heißt, dieser Wolf,... dieser Warg,... er soll ein übernatürliches Wesen aus der Feenwelt sein?” In Daithis Vorstellungen waren Wesen aus der Feenwelt eher besonders leicht wirkende, wunderschöne Gestalten. Ein Wolf passte da nicht in sein Bild.
“Der Warg ist aus dem Gefolge Prinzessin Vernossiels”, schaltete sich dann wieder die Geweihte ein. “Vor ziemlich genau einem Götterlauf habe ich eine Ritterin kennengelernt, die ihm begegnet ist. Ob er nun ein Feenwesen ist, oder nicht …”, sie hob ihre Schultern, “... das weiß ich nicht. Er ist jedenfalls nicht aus dieser Sphäre. Der Legende von Perdan und Alari nach war er ein hochelfischer Wächter.”
“Mmh”, brummte der Bardenschüler nachdenklich. So richtig ergab für ihn das gerade Gehörte noch nicht das her, was ihn einerseits zu Silvagild oder andererseits in diese Ruine hätte führen können. Darum schritt Daithi langsam dem Tageslauf der Praiosscheibe entgegen um den Turm des Perdan herum, um vielleicht doch noch etwas zu entdecken, was ihm weiterhelfen möge. Langsam entfernte er sich von der Rondrageweihten und dem Vogt, sein Blick umherschweifend und die Ruine bemusternd. Auch die Hufspuren schaute er sich noch einmal genauer an, von woher sie kamen und wohin sie gingen.
Soweit er das erkennen konnte, mussten es zwei Pferde gewesen sein. Eines davon schwer - wahrscheinlich ein Schlachtross -, das andere wohl filigraner. Die Spuren führten zum Turm und wieder von ihm weg. Es schien Daithi als wäre das Ziel der Unbekannten klar gewesen zu sein.
Der Rechklammer näherte sich vorsichtig und langsam der Stelle, wo die Hufspuren dem Turm am nächsten kamen und schaute, ob dort weitere Spuren darauf hindeuteten, dass die unbekannten Reiter von ihren Pferden abgestiegen waren.
Staunend, aber schweigend hatte der Page die Unterhaltung verfolgt. Als Daithi begann, die Umgebung näher in Augenschein zu nehmen, trottete auch Boronmin ziellos suchend umher, konnte aber keine neuen Spuren finden. Schließlich kehrte er an die Seite der Rondrageweihten zurück und schaute diese fragend an: "Hochwürden, Ihr sagtet, einer Ritterin ist erst vor einem Götterlauf dieser garstige Warg begegnet!? Der aus der Sage von Perdan und Alari? Der lebt immer noch?" Die Legende, die eben noch wie ein schönes Märchen geklungen hatte, wirkte für Boronmin plötzlich überaus echt - beängstigend echt. Bei dem Gedanken, dass diese Wargenkreatur hier in der Gegend umging, lief ihm ein Schauer den Rücken hinunter.
"Ja, Boronmin, das heißt es", bestätigte die Geweihte. "Dass er noch lebt, zumindest. Deshalb die Vermutung, dass es sich um ein überderisches Wesen handelt. Ob nun eine Fee, oder ein magisches Wesen aus Elfenmagie, weiß niemand." Nun lächelte Leudara sanft. "Was den Wargenforst, Prinzessin Vernossiel und den Wargen angeht, kann dir bestimmt Alwens Familie vieles erzählen …", nun flüsterte die Geweihte verschwörerisch, "... sie führen den Wargen sogar im Wappen und sollen von Perdan und Alari abstammen … und somit auch von Vernossiel."
"Macht dieser Warg denn Probleme?" fragte Boronmin mit gerunzelter Stirn und versuchte sich an ihm bekannte Geschichten zu erinnern, in denen monströse Kreaturen vorkamen. "Ähm, raubt er Vieh, frisst er Schafe? Oder... Kinder?"
“Nein”, beantwortete Leudara die Frage schnell. “Er verlässt den Wald nicht. Man sagt, dass er tief im Wargenforst etwas behütet … so wurde es mir auch von der Ritterin erklärt. Eine Art Tor, wenn du so willst. Kein Mensch wagt sich jedoch so weit dort hinein … was wohl wiederum an den Geschichten über den Wargen liegt. Der Ritterin hat er nichts getan und sie nicht angegriffen.”
"Ach so..." Boronmin schaute fast enttäuscht, hatte er doch ein wenig auf eine spannende Geschichte gehofft, wie die Ritterin sich im heldenhaften Kampf einer gewaltigen, blutrünstigen Bestie entgegen stellte. Er nickte Leudara dankend zu und hielt Ausschau, wo Daithi steckte.
Während der Page das Gespräch mit der Schwertschwester suchte, konnte Daithi anhand von Spuren ausmachen, dass die Reiter tatsächlich abgestiegen waren und hin zum Turm gingen. Vielmehr sah er auch, dass die Spuren sich mit den Orten der zuvor entdeckten neuen Glyphen zu decken schienen.
Je mehr Spuren Daithi fand desto größer wurden seine Fragen. Es war offensichtlich, dass es ihm nicht gelingen würde, dieses Rätsel zu lösen. Leudara hatte ja schon angedeutet, dass es jemand brauchte, der diese Glyphen entziffert und ihr mögliche magische Wirkung bestimmte. Ach, hätte ich doch in Donnerbach besser aufgepasst, dachte der Rechklammer verzweifelt. Er wünschte, sein Vater sei hier. Der Graumagier mit elfischer Abstammung würde dieses Rätsel bestimmt mit Leichtigkeit auflösen. Daithi erkannte, dass er hier nicht weiterkam, und setzte seinen Weg, das Gemäuer zu erkunden fort. Vorsichtig, suchend, den Turm beäugend, schritt er weiter langsam dem Tageslauf der Praiosscheibe entgegen.
Es war schwer für Daithi etwas auszumachen, doch eine Sache fiel ihm auf. Während die frischen Stiefelabdrücke sonst eher spärlich gesät waren, fanden sich vor einem bestimmten Fleck am Turm vergleichsweise viele davon. Soweit er das erkennen konnte waren es jedoch nur zwei verschiedene Stiefelpaare - eines davon kleiner, wohl von einer Frau oder einem heranwachsenden Mann - und eines eher größer, wahrscheinlich von einem recht groß gewachsenen Mann.
An dieser Stelle blieb der Bardenschüler stehen. “Mmh”, äußerte er wieder laut und gab zu erkennen, dass er nachdachte und rätselte. Er schaute sich die Spuren so genau wie es ihm gelang an. Dabei achtete er auch darauf, ob er einen Zusammenhang mit dem Gemäuer erkennen konnte, ob es vielleicht von hier aus einen Zugang geben könnte. Vielleicht hatten die Fremden ja auch etwas anderes hinterlassen, als ihre Fußspuren.
Es sah tatsächlich so aus, als hätten sie hier den Turm betreten, doch fand sich vor Daithi lediglich fester Stein.
Sehr vorsichtig und mit großem Respekt - vielleicht auch ein wenig mit Angst erfüllt - betastete Daithi die Wand. Er schaute auch, ob sich hier erneut frische Glyphen fanden. Diese fanden sich hier tatsächlich.
Unsicher, ob er hier nun vielleicht unvorsichtig etwas auslösen würde, wandte er sich um zu Leudara und Boronmin. “Hier!”, rief er, “hierhin führen die Spuren. Und es mutet an, dass hier jemand irgendwie den Turm betreten hat. Und hier sind erneut diese Zeichen an der Wand. Vielleicht gelangt man hier auf magische Weise in das Gemäuer. Oder es ist eine schlichte Geheimtür oder so etwas.”
Sogleich waren die anderen herangetreten. “Tatsächlich”, meinte Leudara die Leistung des jungen Mannes anerkennend. “Sieht fast danach aus, als hätten sie hier den Turm geöffnet, ja …”, mutig schritt die Geweihte hin und strich mit der flachen Hand über den kalten, uralten Stein, “... hm … ob Henya alleine dazu imstande ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Es ist uns nichts bekannt, dass sie magische Kräfte hätte.”
Olin hob seine Schultern. “Vielleicht stimmt es ja, dass sie das Schwert geholt hat. Es wundert mich, dass ich diese Sache just erst vor einiger Zeit - nach langen Jahren wieder gehört habe.”
“Was gehört”, hakte Leudara nach und runzelte ihre Stirn.
“Na, die Sache mit der Waffe des Perdan, die immer noch hier sein sollte”, antwortete der Vogt. “Das war jetzt nicht unbedingt Allgemeingut, vielleicht weiß ja der Barde was darüber. Die kennen sich doch aus mit den hiesigen Geschichten.”
Der Bardenschüler schaute den Vogt verlegen an. “Nun”, antwortete er und hob die Augenbrauen, “mir ist zwar die Legende von Perdan und Alari aus den Liedern geläufig, aber von dem Schwert habe ich noch nichts gehört. Aber ich bin ja auch Nordmärker. Vielleicht könnte uns Meister Dyderich weiterhelfen.” Dann blickte er in die Runde und seufzte. “Ich habe den Eindruck, wir kommen hier nicht weiter. Mein Vater würde vielleicht den Zauber hinter diesen Zeichen erkennen, aber er ist weit weg von hier.”
“Dein Vater?”, fragte Leudara mit hochgezogenen Augenbrauen.
“Ja, Hochwürden”, antwortete der Isenhager geflissentlich. “Mein Vater ist Gildenmagier und würde die Zeichen sicher deuten können sowie auch sehen, wenn hier ein Zauber im Gange wäre.” 'Sehen' war in seinen Worten im übertragenen Sinne gemeint, denn sein Vater war blind. “Außerdem hat er elfische Wurzeln und kennt sich sicherlich mit diesen Zeichen gut aus.”
"Herr Vogt", meldete sich Boronmin zu Wort, "wer war das denn, mit dem Ihr kürzlich über dieses Schwert gesprochen habt? Vielleicht versucht ja jemand, den Warg zu töten und hat deshalb nach der Waffe gesucht und diese vielleicht auch gefunden. Und wenn der Warg gar keine böse Bestie ist, sondern vielleicht sogar… nett", er sagte dies immer noch mit einem leichten Anklang von Enttäuschung in der Stimme, "...dann sollte vielleicht jemand den Wargen warnen?" Ratlos zuckte er mit den Schultern.
“Den Wargen warnen?”, wiederholte Daithi verblüfft. Ein interessanter Gedanke. Auf welche Ideen Boronmin immer wieder kam. Dann schaute der Bardenschüler zum Vogt, interessiert an der Antwort auf die Frage, wer die Geschichte erzählt habe.
Der Vogt meinte sich verhört zu haben. “Ihr beiden meint wir sollten den Wargen warnen? Es weiß doch niemand genau wo er sich befindet. Der Wargenforst ist riesig und ich weiß gar nicht ob er uns verstehen würde.” Dann schien sich der erste Frage Boronmins in seinem Geist zu manifestierten: “Ähm, ja … wegen dem Schwert. Das ist meine ich gerade einmal ein-zwei Wochen her. Es waren Gäste hier oben … sie haben sich als Pilger vorgestellt. Ein recht großer Mann … und ein kleinerer. Sie wollten den Perdanweg von hier nach Wargentrutz gehen.”
“Ein großer und ein kleiner Mann?”, wiederholte Daithi erneut. “Das passt zu den Spuren hier.” Dann zeigte er auf die Abdrücke der beiden Stiefelpaare vor dem Turm.
"Nun ja... ich meine, wenn der Warg da in seinem Forst eine wichtige Aufgabe hat...", begann der Junge zögerlich, da er merkte, dass sein Vorschlag einer Warnung eher auf Unverständnis stieß, "dann wäre es wahrscheinlich gar nicht so gut, wenn jemand ihn ermordet?" Ob der Warg wusste, dass es eine Waffe gab, die ganz speziell dafür geschmiedet worden war, ihn zu töten? Das musste ein beunruhigendes Gefühl sein... Boronmin begann so langsam Sympathie und Mitleid für die arme Kreatur zu entwickeln. "Wie sahen diese beiden Männer denn sonst aus?" fragte er den Vogt. "Und haben sie gesagt, wie sie heißen?"
Olin konnte sich immer noch nicht vorstellen, dass jemand es auf den Wargen vom Wargenforst abgesehen haben könnte und hing diesem Gedanken noch für einige Momente lang nach. “Ganz normal. Sie trugen Mäntel, war ja noch bisschen kälter … aber sie waren nicht von hier. Sie sprachen keine Weidener Zunge …”, er rieb sich den Nacken und sah auf die Spuren auf dem Boden, “... jaaaaa, könnten ihre Spuren sein … geschätzt. Aber genau sagen, kann ich das nicht. Kann aber in etwa hinkommen.”
Der Junge verzog leicht entnervt den Mund. Besonders genau war die Beschreibung der beiden Männer ja immer noch nicht - ein Großer und ein Kleiner, beide in Mänteln? "Und ähm, wo könnten die beiden hergekommen sein, von der Aussprache her? Sahen sie aus, als wären sie von Adel? Was für Haar- und Bartfarben hatten sie? Irgendwelche Narben oder auffälligen Merkmale?" Als ihm klar wurde, dass er den alten Mann ganz schön mit seinen Fragen bedrängte, biss er sich verlegen auf die Unterlippe.
"Ah, kennst du die Herrschaften?", fragte Olin den redseligen Jungen.
"Beantworte einfach nur die Fragen", rief ihn Leudara daraufhin zur Ordnung.
"Könnten Tobrier gewesen sein", führte der Vogt dann resignierend aus. "Sie haben sich nur mit dem Vornamen vorgestellt. Gerin und Harmwulf, wenn ich mich recht entsinne. Der Große hatte dunkles Haar und Bart … beides gepflegt. Der kleinere war bartlos und hatte rotes Haar und Feenküsschen im Gesicht. Beide sahen nicht allzu alt aus. Geschätzt Anfang dreißig."
“Ich danke Euch, Herr Vogt”, besänftigte Daithi den leicht angespannten Moment. “Ihr habt uns sehr weitergeholfen.” Dann wandte er sich zu Leudara und Boronmin: “Sollen wir hinunter steigen zu den anderen und ihnen von unseren Erkenntnissen berichten?”
"Vielen Dank, Herr Vogt!" wiederholte Boronmin brav und verbeugte sich leicht. Eigentlich wären ihm noch viel mehr Fragen eingefallen, aber er merkte, dass das im Moment nicht so recht ankam. Der Junge nickte Daithi und Leudara zu. "Ja, mal sehen, was die anderen rausgefunden haben... Ich denke ja immer noch, dass die Tobrier den armen Warg töten wollen."
Bei den Worten ´armer Warg´ schien es als würde Olin für einen Moment das Gesicht entgleisen, doch fing er sich recht schnell wieder. Er verbeugte sich ebenfalls vor den drei Herrschaften und sah dann erwartungsvoll zur Hochgeweihten.
“Ja, lasst uns gehen”, war die Schwertschwester der Meinung ihrer beiden jungen Begleiter. “Vielleicht haben sie im Dorf ja auch etwas herausgefunden … und vielleicht kann uns Dyderich etwas über dieses Schwert erzählen. Wenn es denn wirklich das Ziel war.”