Die blaue Dame vom See
Ort: Weißensee, Junkergut Weißenstein
Dramatis Personae:
- Loreleï, die Nymphe vom Weißensee
- Ilme Weidengras (Wirtin im Schwarzen Einhorn)
- Rondreich Weidengras (deren Bruder)
- Hardomar Jast von Hadingen (Ritter von Hadingen)
- Boronmin Odulf von Henjasburg (Page von Ritter Hadomar)
- Daithi ´Adlerkralle´ von Rechklamm (Schüler von Meister Dyderich)
Am Weißensee, Abend des 22. Peraine 1044 BF
Es war bereits dunkel gewesen als sie aufbrachen. Fünf Reiter, zwei davon mit großen brennenden Fackeln. Es war Ilme, die vorne weg ritt und schon beim Palisadentor - der dort Dienst tuende Büttel hob beim sich bietenden Anblick lediglich seine Augenbrauen - wurde Hardomar, Daithi und Boronmin klar, was ihr Ziel sein würde. Trotz der Dunkelheit der Nacht, hob sich der Weißenstein mit seiner Festung noch einmal dunkler vom Rest ab. Doch nicht die Festung war ihr eigentliches Ziel, denn kurz bevor es den schmalen Weg hoch zur Wehranlage ging, scherte die Wirtin nach rechts aus und ritt dann am Fuße des großen Kalkfelsens entlang. Der Ritt führte sie zu einem kleinen Ulmenwäldchen, welches am Ufer des Weißensees lag, wo der Weißenstein auf das Gewässer traf.
Wortlos sattelten Ilme und Rondreich ab und gingen hinunter zum See. Der junge Mann achtete nicht darauf, ob die drei Nordmärker ihm folgten - er nahm es an. Den Rand des Sees entlang, ging er zu einem Ausläufer des Weißensteins, einer Felswand, die in den Weißensee hineinragte. Dort angekommen wandte er sich zu den anderen um, während seine Hand wieder auf dem Anhänger seiner Kette lag. “Wir sind da.”
In der Dunkelheit wirkte das ganze Szenario auf Daithi schon ein wenig gespenstig. Da er sich nicht hier auskannte beeindruckten den Isenhager alles Schatten des Ulmenwäldchen und des aufragenden weißen Felsens. Dann der Blick, der sich ihm bot, wo der Fels in den See hinein mündete und von der Wasseroberfläche das Licht des zunehmenden Madamals wieder gespiegelt wurde. Als Rondreich ankündigte, dass sie da wären, schaute er erstaunt: Wo sollten sie sein? Was sollte hier sein? Würde nun die Nymphe aus dem See steigen? Er kommentierte die Aussage von Ilmes Bruder nur mit einem leisen: “So?”
"Sollen wir ins Wasser gehen?" fragte Boronmin zögerlich und ein bisschen ängstlich. Darauf war er nicht sonderlich erpicht, da der See ziemlich kalt aussah. Mussten sie etwa die Luft anhalten und hinunter tauchen? Vielleicht gab es unter der Oberfläche eine versunkene Stadt, in der die Nymphen und Necker lebten? Verträumt betrachtete der Junge das Spiel des Madalichtes auf den sich sanft kräuselnden Wellen und hielt Ausschau nach ungewöhnlichen Bewegungen unter der Wasseroberfläche.
“Ich glaube nicht”, antwortete Hardomar seinem Pagen. Er blickte stirnrunzelnd den Felsen hinauf, auf der Suche nach einem Hinweis, welcher auf einen Eingang hindeuten könnte. Doch wusste er auch vom Ulmentor, dass solche Portale nicht mit dem bloßen Auge zu erkennen waren. Gespannt sah er zu Rondreich, was dieser nun tun würde.
"Die Kette", erklärte Rondreich knapp. "Loreleï sollte inzwischen schon wissen, dass wir hier sind. Jetzt heißt es warten, ob sie uns empfängt." Es dauerte kein Viertel Stundenglas bis der junge Mann den anderen zunickte. "Sieht so aus, als würde sie unsere Anwesenheit akzeptieren." Woran er das festmachte, konnten die anderen der Gruppe nicht ausmachen. Lediglich Ilme wusste was er meinte. Sanft streichelte sie über den Stein und es schien als würde die Hand der Wirtin für die Dauer eines Herzschlages im Fels verschwinden.
Im nächsten Moment war sie dann als Ganzes verschwunden. “Bitte, nach Euch”, wies Rondreich auf die Felswand vor ihnen. Sein Blick war ernst und er schien die Aufforderung tatsächlich ernst zu meinen.
Daithi empfand diese ganze Situation als sehr unwirklich. Das Warten, obwohl es nicht lange war, erschien ihm wie eine Ewigkeit. Als er Ilme verschwinden sah, konnte er es nicht glauben. Aber er vertraute Rondreich. Langsam, vorsichtig, tastete er nach dem Felsen.
Der Hadinger lief während der Wartezeit ungeduldig auf und ab, prüfte den Griff seines Schwertes, trank etwas aus seiner Wasserflasche, bot den anderen etwas davon an und schaute sich in der Gegend um. Was wäre wohl, wenn Loreleï sie nicht empfangen würde? Was könnten sie dann tun, um Silvagild zu finden?
Doch schlussendlich verkündete Rondreich die Botschaft, dass sie eintreten durften. Ohne großes Zögern schritt Hardomar zum Tor und hindurch, gespannt auf das, was dahinter auf ihn warten würde.
Die Page riss überrascht die Augen auf, als sein Schwertvater und die anderen im Felsen verschwanden, als wäre nicht viel dabei. Boronmin atmete tief durch, nahm seinen ganzen Mut zusammen und trat vor den Felsen, wo er jedoch noch einmal stehen blieb und zögerlich die Hand ausstreckte. Er vergewisserte sich mit einem kurzen Blick zu Rondreich, an der richtigen Stelle zu sein, dann ging er mit ausgestreckter Hand ganz, ganz langsam voran.
Die Höhle war wohlig warm und über und über sprießten farbenfrohe Blumen, wovon einige seltsam fluoreszierten und die Höhe in ein angenehmens Licht tauchten. Den drei Nordmärkern war es beinahe so, als betraten sie durch den Eingang nicht nur diesen, von der Außenwelt abgeschnittenen Raum, sondern auch eine andere Welt.
Im Zentrum der Höhle fand sich ein kleiner, klarer See mit einer Vielzahl von Seerosen. Sonst war nichts auszumachen … oder besser, niemand. Umso überraschender war es, als plötzlich eine helle Stimme anhob zu sprechen.
“Hert, Iamiaiama …”, hallte es von den Wänden wieder, “... wen bringst du mir denn da? Spielgefährten?” Die Stimme kicherte vergnügt, während ihre Urheberin im Verborgenen blieb. “Oh … und deine Schwester …”, nun schien in der Tonlage etwas Enttäuschung mitzuschwingen. “Hert du weißt doch, dass sie … aaaah aber zwei hübsche junge Männer auch … ooooh … du weißt einfach was ich mag. Wobei …”, wurde die Stimme ernst, “... der eine riecht nach Tod. Das mag ich nicht.”
Der Bardenschüler war zutiefst erschrocken und zugleich erstaunt. Er riss seine Augen weit auf und öffnete wohl auch seinen Mund vor Staunen. Sie sprach die Sprache seiner Großmutter. Soviel verstand er noch. Es brauchte ein wenig, dass er einigermaßen wieder seine Fassung fand.
Auf der Suche nach der Person hinter der Stimme blickte sich Hardomar um und betrachtete aufmerksam die Höhle. Die letzten Worte ließen ihn erschrocken zusammenfahren; ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Unweigerlich griff er mit der Hand nach dem Löwenamulett, das er um den Hals trug. Fragend blickte er zu Daithi und schluckte. ‘Riecht nach Tod?’ Hardomar war versucht, einfach nachzufragen, doch seine Manieren geboten ihm, sich zunächst vorzustellen. “Verzeiht unser Eindringen, edle Dame Loreleï, mein Name ist Hardomar von Hadingen und ich bin in Begleitung des jungen Herrn Daithi Adlerkralle von Rechklamm, sowie meines Pagen Boronmin von Henjasburg.” Er überlegte, ob er auf eine sofortige Antwort warten sollte, doch brannten ihm die letzten Worte unter den Nägeln. “Wir sind Euch unendlich dankbar, dass Ihr uns empfangt, doch was meint Ihr mit… Tod?”
"Doch nicht, weil ich den Namen des Herrn Boron trage?" wisperte Boronmin verwirrt zu Daithi.
Der Bardenschüler neigte sich ein wenig zu Boronmin hinunter und erwiderte leise flüsternd: “Ich glaube, du bist damit nicht gemeint, keine Sorge.” Doch Daithi war darüber auch irritiert. Insbesondere als Hardomar ihn anblickte überlegte er kurz, ob die Nymphe wohl ihn selbst meinte und was sie über ihn wissen könnte, was ihm selbst gar nicht gewahr war.
“Du riechst danach, Onagya”, schallte wieder die Stimme von den Wänden. “Aber wenigstens schmeichelst du meinen Augen.” Nun folgte wieder ein vergnügtes, beinahe kindliches Kichern. “Deine Gefährten Oâ und Swanja habe ich auch schon bemerkt, Onagya … aber Eure Herzen sind voller Ernst und Sorge …”
Daithi zuckte kurz zusammen. Hatte er Boronmin etwas falsches zugeflüstert? Meinte sie mit `Rabe´ den Pagen? Rochen Raben nach Tod?
“Heeert”, die Stimme nahm einen beinahe flehentlichen Ton an. “Hert, was machen deine Freunde hier?”
“Sie wollen dich warnen”, antwortete Rondreich.
Erst jetzt kam etwas Bewegung in eine nahe Ansammlung von Seerosen-Blüten. Aus dem Wasser stieg eine wunderschöne, zarte junge Frau mit langem, goldblondem Haar und leicht bläulich schimmernder Haut, die bar jeder Kleidung war. Sie war für menschliche Maßstäbe nicht allzu groß gewachsen - etwa 160 Halbfinger -, ihre Lippen hatten die Röte reifer Kirschen und ihre Augen leuchteten im selben Blau wie das Wasser unter ihr. Neugierig legte sie ihren Kopf schief als sie die Anwesenden musterte. “Mich warnen?”, gab sie melodisch und voller Neugier zur Antwort.
Der Isenhager versuchte sich zu sammeln und zu erinnern, was er von seinem Vater und seiner elfischen Großmutter sowie in Donnerbach gelernt hatte. “Sanya”, sagte er vorsichtig. “Es sind böse Menschen unterwegs und wir fürchten, sie möchte dir schaden. Sie haben das Schwert des Perdan… ich glaube es wird `Surtalogi´ genannt… und wir haben Anlass anzunehmen, dass sie es gegen dich verwenden möchten…” Daithi blickte hilfesuchend zu Hardomar, immerhin hatte er ja die Vision.
Doch die Nymphe kam einer Antwort des Hadingers zuvor. “Perdan … oh, den kenne ich … und seine Alari … ein schönes Paar …”, meinte sie verträumt und ließ, in einem beinahe grenzenlosen Maß an Naivität, jede Form von Besorgnis vermissen. Stattdessen schweiften ihre Gedanken auf ein vollkommen anderes Thema ab. “Sie haben mich einmal besucht, weißt du? Ist aber schon etwas her.”
Hardomar sah die liebreizende Dame mit großen, staunenden Augen an. Sein Blick wanderte flüchtig über den nackten Körper der Nymphe, doch ebenso schnell wieder zu den blauen Augen Loreleïs. ‘Bildhübsch…, aber…’ Die Sorge um Silvagild ließ keinerlei sinnliche Gedanken zu, als so schnell wie möglich seine Freundin zu retten. Für einen kurzen Moment ging ihm durch den Kopf, dass die Sprunghaftigkeit der Nymphe ihn an Silvi erinnerte, aber in extremer Form… “Äh ja, Perdan, also…” Für einen Moment versuchte der Ritter seine Gedanken zu ordnen, dann setzte er neu an: “Diese Gruppe böser Menschen, da ist ein Magier dabei. Der hat das Schwert gestohlen, mit dem Perdan gegen den Warg gekämpft hat.” Er blickte kurz zu Loreleï, in der Hoffnung, soweit Verstehen in ihren Augen zu erkennen. “Also, diese bösen Menschen haben auch eine Freundin von uns entführt. Silvagild, so heißt sie, ist ein Feenblut; sie soll möglicherweise den Weg zu Euch öffnen. Und ich hatte einen Traum, oder vielmehr eine… Vision, dass ich Euch schützen muss. Nur so könnte ich auch Silvagilds Seelenheil retten.” Er lächelte die Nymphe etwas verlegen an. “Tja, das ist es in der Kurzfassung. Deshalb sind wir hier.”
Boronmin nickte bestätigend. "Und wir glauben, dass diese Leute Euch wehtun wollen", ergänzte Boronmin. "Es sind wahrscheinlich Schwarztobrier."
Rondreich stand in der zweiten Reihe und wusste, dass dies eine schwere Geburt werden würde. Die Nymphe des Weißensees war ein mächtiges magisches Wesen, aber in ihr wohnte der Geist eines Kindes. Stets wollte sie spielen, ihre Neugier erstickte jede Vorsicht bereits im Keim und sie war der festen Überzeugung, dass niemand ihr etwas Böses wollte.
“Hert, wovon reden deine Freunde”, als konnte sie seine Gedanken lesen, richtete Loreleï ihre Wort an ihn. “Das ist langweilig, können wir nicht … etwas anderes machen?”
“Es ist ernst, Liebste”, versuchte sich der junge Mann sich nun im Süßholzraspeln. “Es sind Menschen da draußen, die dir Böses wollen. Und damit könnte ich nicht leben.”
“Ach, Hert …”, nun lief eine Träne die bläulich-blassen Wangen der Nymphe hinab und gleichzeitig begann es in der Höhle zu regnen.
“Nicht weinen, Lo …”, nun war der Bruder der Wirtin an sie herangetreten und nahm sie in seine Arme, “... wir werden nicht zulassen, dass dir jemand was tut. Wir werden uns was einfallen lassen.” Kurz schweifte sein Blick hilfesuchend über die Anwesenden.
"Können wir die edle Dame Loreleï vielleicht woanders hinbringen und verstecken?" schlug Boronmin schüchtern vor.
“Ich fürchte, dass das nicht geht”, meinte Ilme auf die Worte des Pagen hin. “Wenn du Nymphen von ihrem Gewässer entfernst, können sie sogar sterben.” Dann wandte die Wirtin sich an die anderen. “Bruder, vielleicht bleibst du hier bis die Sache vorüber ist. Du wärst wohl der effektivste Schlüssel. Wisst Ihr denn …”, sie nahm nun vor allem Hardomar und Daithi ins Auge, “... wie dieser Magier gedenkt sich Zutritt zu verschaffen? Ihr meintet Eure Freundin könnte ihm dabei helfen?”
“Also am Weydenstein hatten sie sich Zugang in den Turm verschafft”, antwortete der Bardenschüler, “indem sie elfische Glyphen auf die Wand geschrieben hatten.” Daithi überlegte. Dann blickte er Hardomar an: “Aber ich vermute, Silvagild wird ihr Schlüssel sein. Ihr sagtet, dass sie Dryadenblut habe, Herr Hardomar, also verwandt ist mit den Nymphen?” Der Rechklammer hatte von seiner Mutter viele Geschichten über Kobolde, Dryaden und Nymphen gehört.
Nachdenklich nickte Hardomar dem Rechklammer zu. “Ja, das stimmt, Silvagild hat Dryaden in ihrer Blutlinie. Sie verströmt auch einen besonderen Duft… nach Wald und Wildblumen. Aber das ist noch nicht alles…” Für einen Moment zögerte der Ritter und musterte die Runde. Bisher hatte er das Ulmentor nicht erwähnt und es behagte ihm nicht, dieses Geheimnis herum zu erzählen. Gleichzeitig verdichtete sich bei ihm das Gefühl, dass dieser Umstand hier entscheidend sein könnte. Er straffte sich mit neuer Entschlossenheit. “Silvagild ist bei uns in der Heimat außerdem die Wächterin eines Feentors”, er lächelte flüchtig, “...dort hindurchzugehen fühlt sich ganz ähnlich an wie der Weg in diese Höhle. Also vielleicht erhoffen sich die Entführer, dass Silvagild als Wächterin auch den Zugang hierher öffnen kann? Besonders besorgniserregend ist, dass dieser Magier wohl irgendwie die Kontrolle über Silvagilds Körper erzwingen kann.” Der Ritter sah mit sorgenvoll verzogener Miene zu seinen Gefährten. “Wobei noch die Frage bleibt, was genau ihr Ziel ist. Warum sind sie noch nicht hier? Sie hatten immerhin einen Vorsprung und wir haben sie auf dem Weg hierher nicht angetroffen.” Fragend schaute Hardomar nun direkt dem Jüngling Rondreich in die Augen. “Die Feenwelt bei uns hat mehrere Zugänge. Ist das hier auch so? Gibt es vielleicht mehr als einen Eingang, durch den die Übeltäter an diesen Ort gelangen könnten?”
Der Page Boronmin hörte mit staunenden Augen seinem Schwertvater zu. Silvagild, Wächterin eines Feentores? Verwirrt runzelte der Page die Stirn, meldete sich jedoch nicht noch einmal zu Wort, sondern betrachtete still und sichtlich verzaubert die seltsamen leuchtenden Blumen um sich herum.
Kurz ging Ilmes Blick zu der Nymphe und ihrem Bruder, doch war von der Hausherrin nicht wirklich etwas konstruktives zu erwarten. Wie konnte ein Wesen, dass hier die Jahrhunderte überdauerte immer noch so weltfremd sein. Inzwischen hatte sie ihre Trauer auch wieder abgelegt und neckte Rondreich mit ihrem beckenlangen Haar. “Noch seid Ihr durch kein Feentor gegangen, hoher Herr”, erklärte die Satuarienstochter dem Ritter. “Ihr seid in einer Art Vorraum und es ist tatsächlich nicht das einzige Tor in die Feenwelt. Aber das einzige, für uns Menschen problemlos zugängliche …”, kurz huschte ein vielleicht etwas unangebrachtes Schmunzeln über ihre Lippen, “... wenn man es denn einmal hier hinein schafft. Und das ist denke ich auch das Problem, welches dieser Magier hat. Mir ist es übrigens nicht bekannt, dass Feenblütige Tore in die Anderswelt öffnen können … aber es fällt ihnen wohl leichter sie auszumachen.” Ilmes Blick schweifte zwischen Daithi und Hardomar hin und her. “Vielleicht hat er einen anderen Schlüssel … oder ein Ritual den Stein zu öffnen, so wie Ihr meintet, dass er es am Weydensteyn tat. Auch wissen wir, wie der hohe Herr richtig anmerkte, nicht, was denn Henyas Ziel ist. Ist es Loreleï oder die Feenwelt? Würden wir ihre Intention kennen, wäre uns sehr geholfen.”
Wieder lag der Blick der Hexe auf ihrem deutlich jüngeren Bruder. “Dass sie noch nicht hier sind, können wir jedenfalls dankend als eine Möglichkeit annehmen um uns vorzubereiten. Henyas Unterschlupf befindet sich im Hohenforst, wohl nicht allzu weit von hier. Seine Hochwürden Grimmbart kennt den Wald wie kein zweiter … wir haben zwei Möglichkeiten; entweder wir begegnen ihnen hier, denn irgendwann werden sie kommen. Oder wir gehen proaktiv auf sie zu und versuchen ihr Ansinnen bereits im Keim zu ersticken. Beides hat Vor- und Nachteile.”
“Aber wie können wir dann Loreleï schützen?”, grübelte Daithi. “Sie scheint ja den Ernst ihrer Lage nicht zu erkennen. Wenn wir in den Hohenforst reiten, wir aber die Übeltäter nicht erwischen und sie dringen derweil hier ein… Wie können wir verhindern, dass sie ihr etwas zuleide tun?” Der Isenhager schaute die Anwesenden mit leichter Verzweiflung an.
“Das ist der Nachteil, wenn man ihnen versucht entgegen zu ziehen”, stimmte ihm Ilme zu. “Beschützen können wir sie wohl nur dadurch, dass wir die übelwollende Quelle entfernen.” Ihr war klar, dass dies wenig befriedigende Worte waren, aber es war realistisch gesprochen wohl die einzige Möglichkeit, die sie hatten. Fragend ging ihr Blick weiter zum Ritter.
“Wir könnten uns auch aufteilen”, warf Rondreich ein, der sich gerade der Nymphe erwehrte. “Hochwürden Leudara ist in der Gruppe. Und ihre Gnaden Alwen … und ein echter Ritter”, wies er auf Hardomar. “Wenn wir Hochwürden Grimmbart fragen, ist er bestimmt auch dabei. Dass Henya sich hier auszutoben gedenkt ist sicher nicht in seinem Interesse.”
“Ganz recht!” stimmte der junge Ritter Rondreich zu. “Wir benötigen so viel Unterstützung wie erdenklich. Seine Wohlgeboren, Wilfred von Gugelforst, könnte uns vielleicht helfen.” Für einen Moment stockte Hardomar, abgelenkt vom Getändel der Nymphe. Bewusst versuchte er sich nur auf Rondreich zu konzentrieren. “Wenn Henyas Versteck nicht weit weg ist, dann wird sie dieses sicherlich nutzen, um sich gründlich auf den Überfall vorzubereiten. Ich geh’ schon davon aus, dass Loreleï das Ziel ist, zumindest wurde ich in meiner Vision aufgefordert, sie zu beschützen.” Flüchtig fragte er sich, warum es die mutmaßlichen Borbaradianer auf die schöne Nymphe abgesehen haben könnten. Ging es darum, über die Feentore eine Art Abkürzung in ferne Landstriche zu erschließen? Sein Blick wanderte zu Daithi. “Auch wenn uns hier vielleicht ein Überraschungsmoment zu Gute käme, sollten wir die Banditen besser in ihrem Lager überraschen und überwältigen, wenn sie vielleicht sogar unvorbereitet sind.” Außerdem wollte er Silvagild keinen Herzschlag länger als nötig in Gefahr lassen und den Qualen aussetzen, die sie in Gefangenschaft durchleben musste. Er schaute zu Ilme. “Wir müssten Henya und ihren Schergen unbedingt zuvorkommen und schnell handeln. Aber vermutlich können wir selbst mit Hochwürden Grimmbarts und Alwens Unterstützung nicht nachts in den Hohenforst reiten? Könnte man heute abend zumindest einen Boten senden, um den Baronet um Unterstützung bitten?”
Die Angesprochene schüttelte erst ihren Kopf, dann nickte sie zustimmend.
Boronmin legte die Hand voller Entschlossenheit auf den Knauf seines Knappenschwertes. Er war bereit, seinen Beitrag bei der Befreiung Silvagilds zu leisten. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens meldete sich der Page jedoch scheu zu Wort: "Aber wer bleibt jetzt bei Loreleï? Falls die bösen Männer doch hierher kommen?" Fragend schaute er zu dem schönen Geschöpf mit der bläulich schimmernden Haut. "Kann sie denn zaubern, um sich zu verteidigen?"
Während Hardomar und Boronmin redeten hatte Daithi zur Nymphe geblickt. Das war ein Fehler. Er war ganz gefesselt von ihrem Anmut und ihrer Schönheit und hatte dem Ritter und seinem Pagen wohl nur halb zugehört. Was für ein bezauberndes Geschöpf. Halb in diesen Gedanken und mit verklärtem Blick seufzte er: “Sie mag wohl zaubern können. Aber ob sie sich verteidigen kann…” Dann merkte Daithi dass er ganz in ihrem Anblick gefangen war und wendete bewusst seinen Blick ab. Dann schaute er zunächst zu Boronmin und dann zu Hardomar. “Eure Vision, Herr Ritter, wird doch einen Sinn gehabt haben. Wenn die `Blaue Maid´ sich zu wehren wüsste, dann bräuchte sie ja nicht unsere Unterstützung. Ich schlage vor, dass wenigstens Rondreich bei ihr bleibt. Und vielleicht noch jemand zweites, der Hilfe holen kann.”
Hardomar wandte sein Wort an Daithi: “Jemand sollte auf jeden Fall über Nacht hier wachen, ob es zu einem Angriff kommt. Da meine Vision mir befohlen hat, Loreleï zu schützen, werde am besten ich zusammen mit Rondreich hierbleiben; ich könnte im Ernstfall kämpfen. Und morgen würden wir uns hier mit den anderen treffen, um in aller Frühe die Banditen ausfindig zu machen und zu stellen. Dann könnten wir schauen, wer währenddessen wiederum bei Loreleï bleibt. Würdest du…”, er trat näher an den Bardenschüler heran und sah ihn mit bedachtem Blick an. Sollten die Schergen auftauchen, so würde er seinen Pagen lieber in Sicherheit wissen. Boronmin war noch nicht so weit, sich einem erwachsenen Kämpfer entgegenzustellen, auch wenn er ihm zur Selbstverteidigung mit dem Stahl bereits ein wenig gezeigt hatte. Wenn es dann morgen früh gegen Henya ginge, plante er seinen Knappen wiederum bei Loreleï zu lassen.
Leise und vertraut sprach er zu Daithi: “Würdest du bitte heute Nacht auf Boronmin aufpassen? Ich übergebe ihn in deine Obhut, bis wir uns morgen hier wiedersehen.” Der Bardenschüler nickte. Der Plan des Ritters klang vernünftig. Dann wandte er sich an Ilme. “Und es wäre ganz gewiss von Vorteil, wenn auch Ihr hier bei uns bleiben würdet. Sollten Henyas Männer und Frauen mit einem Magier an ihrer Seite auftauchen, dann wäre Euer Schutz unerlässlich. Ich denke Daithi und Boronmin finden den Weg auch alleine ins Dorf zurück?”
Boronmin verzog leicht enttäuscht das Gesicht. Es gefiel ihm nicht, dass sein Schwertvater ihn offenbar so dringend in Sicherheit wissen und aus allen möglichen Gefahrensituationen heraushalten wollte. Er fühlte sich entschlossen und bereit, sich der 'schwarzen Henya', ihren Schergen und dem schwarztobrischen Magier entgegenzustellen, um Loreleï und Silvagild zu beschützen. Aber er war zu gut erzogen, um jetzt Widerworte zu geben.
Daithi merkte, dass Boronmin nicht glücklich mit dieser Lösung war. Darum klopfte er ihm aufmunternd auf die Schultern. “Na, dann komm, Meisterermittler. Du musst den anderen berichten. Dann können wir in der Frühe Silvagild befreien.”
Nun schien auch die Aufmerksamkeit der Nymphe wieder auf ihren Gästen zu liegen.
Boronmin nickte zustimmend. Letztendlich konnte er Daithi ja auch nicht schutzlos allein ins Dorf zurückreiten lassen. Und ein kleines bisschen hoffte er auch noch auf ein Stück vom Schweinebraten, was sein Schwertvater ja nun nicht mehr bekommen würde. Ob die Nymphe ihren Gästen ein Abendmahl servieren würde, fragte er sich insgeheim. Aber bestimmt wäre das auch irgendwas Seltsames, was hier in der Höhle wuchs? Leicht abgelenkt schaute sich der Junge für einige Momente nach Pilzen oder anderem Essbaren um, bis er sich wieder auf Daithi konzentrierte. "Nehmen wir dann alle Pferde zurück ins Dorf oder lassen wir drei hier draußen vor dem Felsen stehen?"
“Die Pferde sollten mit”, meinte Ilme sogleich. “Oder zumindest nicht vor dem Eingang stehen gelassen werden. Wir wollen sie ja nicht gleich zu uns führen.” Natürlich war nicht anzunehmen, dass Henya und ihr Anhang wusste, dass man ihr auf der Spur war - aber Pferde, die irgendwo in der Einöde standen, ohne dass die Reiter zu sehen waren, würde sie wohl auf jeden Fall wundern und ihre Aufmerksamkeit erregen. Das galt es zu verhindern.
“Ihr möchtet tatsächlich hier bleiben?”, fragte die Wirtin dann den Ritter. “Ich denke nicht, dass das nötig ist.” Wenn sie hier wirklich einfielen, war ein Ritter wahrscheinlich sowieso zu wenig.
“Deine Freunde wollen schon wieder gehen, Hert?”, fragte währenddessen Loreleï. “Aber es sind gute Freunde … es ist schön wie sehr sie sich um mich sorgen. Aber ich glaube nicht, dass das nötig ist. Vielleicht bleiben wir zusammen hier und vertreiben uns etwas die Zeit … hm? Schwimmt ihr denn gerne?”, fragte sie in die Runde.
Schwimmen? Fliegen? Wieso dachte er jetzt gerade daran? Sie hatte ihn `Swanja´ genannt, oder? Warum? Was wusste sie, was er über sich selbst nicht wusste? Daithi seufzte. Ein merkwürdiger Ort. Eine noch merkwürdigere Gesprächspartnerin. “Ich denke…”, fing der Isenhager vorsichtig an mit einer Antwort, “ich denke, wir müssen noch ein wenig ruhen, damit wir morgen früh uns auf die Spur der Übeltäter machen können. Wenn wir die ganze Nacht hier bleiben, ist das bestimmt erbaulich, aber wir werden morgen nicht das Nötige vermögen.”
Hardomar legte bei der Nachfrage der Nymphe kurzzeitig die Hand vor die Stirn, etwas gereizt über deren Unvernunft. “Äh, nein… danke…, ich denke nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ein gemeinsames Bad wäre…”, entgegnete er mit leicht geröteten Wangen und wandte sich wieder Ilme zu. “Ich habe ein besseres Gefühl, wenn ich selber über Loreleï und diesen Ort wache.” Er verzog bei der Vorstellung eines nächtlichen Überraschungsangriffs leicht gequält das Gesicht. “Natürlich werde ich Henyas Trupp nicht aufhalten können, aber vielleicht so lange beschäftigen, bis Rondreich und Loreleï sich in Sicherheit gebracht oder versteckt haben. Es ist eine kleine Chance, aber immer noch sicherer, als die beiden hier ganz allein zu lassen. Ich weiß nicht, habt Ihr vielleicht noch den einen oder anderen Trick auf Lager, um die Feinde notfalls abzulenken oder zu verwirren?” Leicht seufzend wandte er sich an die anderen. “Nun gut, wenn wir Henyas Lager überfallen wollen, so müssen wir das im Morgengrauen tun, bevor Henya selbst aufbricht.”
Er kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf und schaute in erster Linie zu Ilme. “Daher sollten wir wohl etwa ein Stundenglas losreiten, bevor die Praiosscheibe aufgeht? Das heißt, Ihr müsstet im Laufe der Nacht noch versuchen, so viele Unterstützer wie möglich zusammenzutrommeln. Und dann treffen wir alle zum Morgengrauen, was meint ihr?”
“Wenn wir Henya denn überhaupt finden”, gab Ilme zu bedenken. “Der Grund dafür, dass sie immer noch da draußen ist … seit nunmehr beinahe 5 Wintern … ist nicht dem fehlenden Willen der hiesigen Ritter geschuldet. Sie kennt den Wald sehr gut und wir tun gut daran, nicht ins offene Messer zu laufen.” Der Wirtin gefiel zwar der Tatendrang des Ritters, aber hier zeigte sich seine wohl noch fehlende Erfahrung. Die Nordmarken waren eben ein bedeutend ruhigeres Pflaster als die Heldentrutz - wahrscheinlich vergleichbar mit der Ebene von Vana in Baliho. “Hochwürden Grimmbart wird da bestimmt eine Hilfe sein, vielleicht hat er eine Vermutung. Immerhin kennt er den Hohenforst genauso gut wie Henya … wenn nicht sogar besser. Und wenn er es nicht weiß, habt Ihr zwei der besten Fährtenleser dieser Breiten an Eurer Seite.”
Ihr Blick ging noch einmal durch die Runde. “Sonst ist der Plan ein guter. Nur würde ich Euch gerne mit meinem Bruder alleine hier lassen. Ich denke, dass meine Kontakte in Ulmenau für die anderen Ziele vonnöten wären. Wir müssen auch einmal jemanden finden, der jetzt noch Richtung Meisen aufbricht um den Baronet zu verständigen. Ein paar Stunden Ritt sind das ja schon.”
“Gut”, nun war Daithi voller Tatendrang, “dann lasst uns jetzt aufbrechen.”
Hardomar seufzte; schwand doch seine eben aufgekeimte Hoffnung wieder, mit einer schnellen und effizienten Aktion Silvagild bald zu retten und die Nymphe zu schützen. Fünf Winter schon… Was, wenn sie die Bande niemals finden würden, wenn Silvi für immer verloren wäre? Ein scharfer, schmerzhafter Stich schien in sein Herz zu fahren und seine gesamte Brust zusammenzuziehen. Der Ritter schluckte und versuchte, diese düsteren Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Immerhin fand sich jetzt eine Gruppe gegen Henya zusammen, die mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und einer großen Entschlossenheit aufwarten konnte. Und Henya musste sich, wenn sie tun wollte, was immer sie vorhatte, auch aus ihrer Deckung herauswagen. “Wir werden sie finden. Das müssen wir.” Mit festem Blick schaute er Ilme an. “Ja, nutzt bitte Eure Kontakte in Ulmenau. Ich werde hier auf Euren Bruder und Loreleï aufpassen. Und wer nach Meisen aufbricht?” Hardomar zuckte mit den Schultern. “Vielleicht würde sich Helchtruda dazu bereit erklären? Sie kennt sich ja auch gut aus in der Gegend. Oder Daithi, könntest du dir vorstellen, das zu übernehmen?” Fragend schaute Hardomar den Bardenschüler an. Eigentlich hatte er gehofft, seinen Pagen in dessen Obhut zu belassen, aber er wollte Daithi die Entscheidung selbst überlassen. Wenn der junge Barde zum Baronet reiten wollte, dann würden sicherlich auch Helchtruda oder Dyderich gut auf Boronmin achtgeben.
"Vergesst Hochwürden Grimmbart nicht", meinte Ilme dann, die sich auch zum Gehen fertig machte und darüber nicht allzu unglücklich schien. "Wiewohl ich den Besuch auch alleine erledigen kann."
“Ich denke”, erwiderte Daithi nach kurzem Nachdenken, “nach Meisen sollte jemand reiten, der den Weg in der Nacht gut und schnell findet. Es wäre sicher nicht gut, wenn ich mich verirren und damit die Verstärkung ausbleiben würde. Ich schlage vor, Boronmin und ich berichten den anderen, sprechen vielleicht auch noch mit Hochwürden Grimmbart.”
"Ja, das machen wir!" bestätigte Boronmin, während er mit sichtlicher Nervosität auf der Stelle herumwippte. "Wir werden Hochwürden Grimmbart alles genau erklären. Dann wird er uns bestimmt helfen."
Hardomar kniete sich zu seinem Pagen, sodass er mit diesem auf einer Höhe sprach. Eindringlich schaute er ihn an und legte seine Hände auf dessen Schulter. "Dann pass mir mal gut auf den jungen Herren Daithi auf! Und denke daran - das Schwert eines Ritters ist nur zum Schutz der Schwachen gedacht. Benutze es nur, wenn unbedingt nötig", sagte er mit leiser, warmer Stimme, strich dem Jungen durchs Haar und drückte Boronmin an sich.
Dann stand er auf und nickte auch Ilme und Daithi zur Verabschiedung zu: "Wir sehen uns morgen früh. Viel Erfolg und mögen die Götter über euch wachen.“
Gemeinsam mit Ilme, gelang es den beiden jungen Kämpen Boronmin und Daithi sehr schnell wieder nach Ulmenau zurückzukehren. Im dortigen ´Schwarzen Einhorn´ wurden sie bereits sehnsüchtig vermisst. Auf die darauf folgende Beschreibung des Ausflugs und der Bericht über den Verbleib Ritter Hardomars reagierte der Rest - bis auf Leudara - in einer Mischung aus Unglauben und Überraschung. Man gab den beiden jungen Männern die Möglichkeit sich zu stärken, während die Schwertschwester und Dyderich in Richtung des Hohenforsts aufbrachen. Daithi, Boronmin würden mit Alwen den Firuntempel aufsuchen, während Helchtruda Ilme unterstützen würde.