Roter Hahn

Ort: Dorf und Gut Weidenwald

Dramatis Personae:

 

Dorf und Rittergut Weidenwald, Morgen des 22. Peraine 1044 BF

Die Nacht war kurz gewesen und die Tagwache früh. Bereits einige Zeit bevor die Praiosscheibe ihre tägliche Wanderschaft über das Firmament begann, ließ Alwen die beiden jungen Männer wecken und während sich Boronmin und Daithi noch den Schlaf aus den Augen rieben, war die Jägerin der Weißen Maid bereits damit beschäftigt, die ebenso verschlafene Schankmagd auf Trab zu halten. Sie ließ ihnen ein Frühstück und Wegzehrung vorbereiten. Es galt keine unnötige Zeit zu verlieren und den Worten folgten auf jeden Fall die nötigen Taten, was dazu führte, dass die vier bei Morgendämmerung tatsächlich zum Aufbruch bereit waren.

Die Nacht über hatte es wohl geregnet, was dazu führte, dass der Boden von Nebel bedeckt war. Eine Tatsache, die Helchtruda dazu motivierte zu erzählen, dass sie gehört habe, dass die Thorwaler meinen, im Nebel wandeln die Geister. Der Weg war durch die aufkommende Unterhaltung wieder sehr kurzweilig gewesen, einzig Alwen schwieg und sah sich konzentriert um.

Auch in Dûrenbrück begann der Tag sehr früh. Hardomar wurde mitgeteilt, dass die Baronin ihren Bruder zum Hag schickte, wo er sich mit einem Dienstritter verbinden sollte und dann, gemeinsam mit einer Hand Waffenknechten, weiter gen Firun reiten soll. Die Wehrhöfe und Dörfer der praioswärtigen Baronie sollen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt werden und die kleine Truppe bei Ifirnshau am Rande des Hohenforsts patrouillieren. Sie würden auf Abruf bereit sein, sollte Unterstützung benötigt werden.

Die Schwertschwester Leudara begleitete derweil Hardomar und Dyderich zum Grabmal, wo sie beinahe zeitgleich mit der Gruppe aus Mittenwalde eintrafen.

Der Regen machte es nur noch schwerer die Spuren auszumachen, doch schien Alwen bereits recht bald fündig zu werden. Wie es schien, und die Ifirngeweihte bestätigte, hatte sich Henya und ihre Gruppe nicht wirklich Mühe gemacht Spuren zu verwischen. Viel mehr schienen sie ziemlich in Eile zu sein, was überraschte, hatten sie doch einen unwilligen Gast bei sich.
Durchs Unterholz folgte die Gruppe kaum zu vernehmenden Schleichwegen und wie es schien, war Alwens Vermutung vom Vorabend richtig: der Weg schien gen Firun zu führen, wo das Weidenwäldchen lag. Gewissheit sollte sehr bald nach dem Verlassen des Dûrenwalds folgen, konnte die doch ganz deutlich eine aufsteigende Rauchfahne ausmachen, die deutlich über das hinausging, was einem typischen Schornstein entwich. Da noch einige Hügelketten zwischen dem Dûrenwald und dem Weidenwald lagen, war es ihnen unmöglich gewesen, genaues zu erkennen. Dennoch erhöhte die Gruppe ihr Tempo um den Weiler so bald wie möglich zu erreichen.

Weidenwald war ein kleines Gut am Fuße des Weydensteyns, welcher vom Weidenwald bedeckt war. Der Forst galt als sehr guter Jagdgrund, weshalb die Ansiedlung seit jeher als Jagdgut der Barone von Weidenhag Nutzung fand. Zum Baronsitz selbst waren es nur einige Meilen und vom erst kürzlich am Felsen errichteten, repräsentativen Jagdhaus, konnte man weite Teile der Baronie überblicken. Mit dem Gut belehnt war das angesehene Rittergeschlecht derer vom Blautann. Derzeitiger Ritter von Weidenwald war der junge Wallfried vom Blautann, der als Bärenritter an der Seite der Herzogin in Trallop diente und das Rittergut als Versorgungslehen zugesprochen bekam. Da der Ritter selbst nicht anwesend war, vertrat ihn der alternde Gutsvogt Olin Grünstein. Ein Veteran mehrerer Orkkriege und darüber hinaus ein passionierter Waidmann.

“Bei der Göttin”, entfleuchte es Alwen, als sie sich dessen gewahr wurde, was im Dorf geschehen sein musste. Sie kannte den Weiler, fand sich hier doch ebenfalls ein Schrein der milden Göttin, den sie mit betreute. Dort wo für gewöhnlich der Stall der Herrschaft stand, fand sich lediglich ein schwarzes, qualmendes Holzgerippe. Überall liefen Menschen umher, viele mit einem Holzeimer in der Hand, andere gerade dabei eines der aufgescheuchten Tiere zu beruhigen. Wieder andere, versuchten sich gegenseitig Wunden zu versorgen.

“Ich denke wir werden gebraucht”, bemerkte Helchtruda und nickte Alwen zu. “Sucht den Vogt, wir stoßen zu euch wenn die Menschen hier versorgt sind”, wandte sie sich dann an Hardomar und Leudara, dann ritten die beiden Frauen vorne weg.
“Ohje”, entfuhr es dem Bardenschüler, als er der Tochter der Erde und der Ifirngeweihten nachschaute und die sich ihnen bietende Szenerie der Siedlung betrachtete. “Wenn das auch die 'Schwarze Henya' gewesen sein sollte - was hat sie vor? Eine Spur der Zerstörung zu hinterlassen? Ich verstehe das nicht.”

“Ich auch nicht, ich auch nicht” murmelte Hardomar kopfschüttelnd. In seiner Kehle setzte sich erneut ein dicker, übler Kloß fest. Jegliche winzige Resthoffnung, dass man Silvagild relativ einfach auslösen oder befreien könnte, war nun endgültig zerschlagen. Das hier war etwas anderes… Und er hatte ein wirklich übles Gefühl dabei.

Boronmin schaute sich mit großen Augen um. Er war schon zuvor überzeugt gewesen, dass diese Henya eine sehr böse und grausame Frau sein musste, aber die Zerstörung und Verletzten mit eigenen Augen zu sehen, erschütterte den Jungen zutiefst.

Es dauerte nicht lange bis die Ankunft der fünf restlichen Reiter bemerkt wurde. Ein älterer Mann mit verbundenem Arm kam auf Hardomar, Daithi, Dyderich, Boronmin und Leudara zu, sobald diese das Palisadentor durchgeritten sind. Seine Miene war ernst. “Die Götter zum Gruße, Rondra ihnen voran …”, er nickte der Schwertschwester zu, die er wohl als einzige erkannte, “... Hochwürden, Ihr kommt gerade zur rechten Zeit. Es gab einen Überfall … keine zwei Stundengläser her.” Dann maß er auch die anderen mit einem kurzen Blick. “Olin … Olin Grünstein. Gutsvogt des Ritters zu Weidenwald.”

“Die Götter zum Gruße. Ich bin Hardomar von Hadingen, Ritter aus den Nordmarken. Das hier ist mein Page Boronmin.” Der Hadinger verzichtete darauf, Dyderich und Daithi selbst vorzustellen, sondern nickte diesen nur auffordernd zu. Er wollte dem Barden die Wahl lassen, unter welchem Namen dieser hier auftreten wollte.

"Thordenan von Gugelforst", stellte sich Dyderich mit seinem tatsächlichen Namen vor. Die Situation war zu ernst für seinen Künstlernamen, auch machte es bestimmt mehr Eindruck, wenn er sich als Familienmitglied der Baronin offenbarte.

Nach dem sein Meister sich vorgestellt hat sagte der Bardenschüler nur knapp: “Daithi von Rechklamm, die Zwölfe zum Gruß.”
“Was ist geschehen?” fragte der Ritter Hardomar mit deutlich erschütterter Miene. “Habt Ihr Tote zu beklagen?”

Der Vogt schüttelte knapp den Kopf. “Den Göttern sei es gedankt haben wir keine Toten zu beklagen … weder Mensch noch Tier. Lediglich ein paar Blessuren …”, er wies auf seinen Arm, “... haben wir erlitten. Und Verbrennungen von den Löscharbeiten … wir mussten ja auch die Tiere befreien, die im Stall gefangen waren.”

“Was ist geschehen”, wiederholte Leudara die Frage Hardomars, die immer noch unbeantwortet im Raum stand.

“Oh verzeiht …”, Olin rieb sich verlegen den Nacken, “... natürlich. Wir wurden im Morgengrauen angegriffen. Es waren nicht viele, aber sie wussten was sie taten … erst brach das Feuer im Stall aus, das unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog, dann ritten sie ins Dorf. Es war nicht viel nötig um uns zu überwältigen … aber etwas war seltsam.”

“Seltsam?”, fragte Leudara nach.

“Ja, es schien seltsam. Bis auf zwei Pferde haben sie nichts mitgenommen … es …”, zögerlich suchte er nach den passenden Worten, “... es wirkte wie ein Ablenkungsmanöver. Kennt Ihr denn diese Ritterin? Sie war so jung.”

“Interessant, dass sie es auf die Pferde abgesehen hatten… und dass sie zwei benötigen”, überlegte der Hadinger mit leiser Stimme. Dann wandte er sich Olin zu. “Ich bin wirklich sehr froh, dass niemand ernsthaft verletzt wurde. Wir folgen einer Raubritterin, die in Dûrenbrück beim Fest der heiligen Matissa eine Freundin von uns entführt hat.” Er wollte weitersprechen, wurde aber davon abgelenkt, dass sein Page und der Bardenschüler offenbar lebhaft miteinander tuschelten.

“Pferde?”, platzte es verblüfft aus Daithis Mund bevor er merkte, dass es wohl nicht an ihm war, hier Fragen zu stellen. Ablenkungsmanöver?, dachte er. Was hatte die 'Schwarze Henya' vor? War es nicht ungewöhnlich, dass sie so wenig Wert darauf legte, unentdeckt zu bleiben? Auffällige Spuren und dann noch dies hier. Wollte sie, dass man ihr folgt? War das alles eine Falle? Wenn ja, wen genau wollte sie in ihre Falle locken? Bestimmt nicht einen unbedeutenden Bardenschüler aus dem Isenhag. Während er nachdachte, schüttelte Daithi verständnislos leicht seinen Kopf.

Boronmin schaute verwirrt zu Daithi herüber. "Warum stehlen die jetzt zwei Pferde, haben Adelar aber nicht mitgenommen?" fragte er den Bardenschüler mit gedämpfter Stimme.

“Ich finde das auch sehr seltsam, Boronmin”, tuschelte Daithi mit dem Pagen nachdem er sein Pferd an seine Seite geführt hatte, um leise sprechen zu können und die erwachsenen Herrschaften nicht weiter in ihrem Gespräch zu stören. “Es scheint mir fast, als wolle jemand, dass wir die Spur finden.”

"Stimmt", wisperte Boronmin zurück. "Das ist extrem merkwürdig... Also vielleicht hatten es die Räuber gar nicht auf Frau Silvagild abgesehen? Sondern sie nur entführt, damit wir folgen?" Er schaute mit unstetem Blick zwischen den beiden Barden, seinem Schwertvater und der Rondrageweihten hin und her. "Dann laufen wir direkt in eine Falle rein..." murmelte der Junge unheilsvoll und biss sich ängstlich auf die Unterlippe.

Daithi seufzte. Ja, Boronmin hatte recht. “Aber es nützt ja nichts”, erwiderte der Isenhager flüsternd, “wir wollen Silvagild befreien.” Und weil er merkte, dass der Page verängstigt war fügte er noch in festem und bestimmtem Tonfall leise hinzu: “Und das werden wir auch.”

Leudara bemerkte die Absonderung der beiden jungen Männer als erste. "Kommt nur, ihr beiden sollt hier auch eine Stimme haben. Was ist euch aufgefallen?"

Der Rechklammer hob sein Haupt und schaute zur Rondrageweihten hinüber, unsicher ob es wirklich angebracht war, dass er - mit so wenig Lebenserfahrung - seine Gedanken mit den anderen teilen sollte. Doch dann rang er sich ob der Ermutigung durch Leudara durch: “Kommt es Euch nicht seltsam vor, dass die 'Schwarze Henya' eine solch auffällige Spur legt? Boronmin und ich befürchten, es könnte eine Falle sein.”

Der Page nickte schüchtern. "Vielleicht wollen sie ja nicht die Frau Silvagild, sondern einen von uns?" ergänzte er mit leiser Stimme.

“Schwarze Henya?”, fragte Olin auf die Worte des Bardenschülers hin. “Einen Überfall von ihr hätten wir nicht alle überlebt.”
Worte, die Leudara dazu brachten, skeptisch ihre Brauen zusammenzuziehen. “Wir sind der Raubritterin hierher gefolgt, also ja, die ´schwarze Henya´.”

Unsicher schwieg der Vogt und sah sich dann unter den Anwesenden um. “Hochwürden, edle Herren … ich habe dieses Gut mit allem mir möglichen verteidigt … und ich kenne Henya. Sie war es nicht, die uns überfallen hat. Vielleicht ihre Leute, ja, aber sie war nicht hier. Ich kannte die Anführerin nicht.”

“Aber es war eine junge Ritterin, sagt Ihr?”, fragte Daithi verwundert nach. “Dunkelblondes Haar? Braune Augen? Ein Grübchen am Kinn?” Der Bardenschüler war sich bewusst, dass er eine freche, ungeheuerliche Unterstellung auszusprechen schien. Aber ihm kam der Gedanke, dass die junge Ritterin vielleicht unter dem Einfluss eines bösen Zaubers stand.

"Ja … ja …", der alternde Vogt nickte, "... Ihr kennt sie?"

Daithi hielt sich die linke Hand vor seinen Mund - erschrocken über das was er gesagt und nun daraufhin gehört hatte. Er spürte, dass er sich erklären musste, damit die anderen nicht dachten, er würde eine unverschämte Verdächtigung aussprechen. “Vielleicht…”, stotterte er, “vielleicht steht sie unter einem… äh… einer Art magischem Bann…”

“Magischer Bann …”, wiederholte Olin langsam. “Ich weiß es nicht. Ich hatte mit ihr gekämpft … sie schien zumindest bei ihren Sinnen zu sein … aber …”, er rieb sich das bärtige Kinn, “... es war schon seltsam. Als sie die Möglichkeit hatte mich zu töten … tat sie es nicht. Sie blickte hoch zum Felsen … dann zogen sie ab.”

Boronmin riss erschrocken die Augen auf, als er zu verstehen glaubte, was hier Unglaubliches angedeutet wurde. Fragend suchte er den Blickkontakt zu Daithi - sollten sie dem Gutsvogt gegenüber soviel verraten? Vielleicht wär es besser, erst einmal Stillschweigen darüber zu bewahren, wer die Angreiferin gewesen sein könnte und dann unauffällig zu ermitteln, was der Grund für Silvagilds Verhalten war? Denn einen guten Grund dafür musste es geben, davon war der Junge überzeugt. Er sagte jedoch weiterhin nichts, sondern beobachtete aufmerksam und überließ das Reden den Erwachsenen.

Silvagild sollte diesen Angriff geleitet haben?! Hardomar runzelte die Stirn und schüttelte unwillkürlich den Kopf. Tatsächlich hatte sie sich vor ihrem Verschwinden irgendwie seltsam verhalten… Doch nein, niemals hätte sie aus freien Stücken so etwas getan! Hierfür musste es einen plausiblen Grund geben! Stand Silvagild tatsächlich unter einem Zauberbann, versuchte sie das Vertrauen dieser Leute zu erlangen, wurde sie mit etwas erpresst? “Felsen?” fragte er in Gedanken versunken nach, sah flüchtig dorthin hinauf und überlegte, wen oder was sie dort gesehen haben mochte.

Dann richtete er sein Wort an die Gruppe: “Wer auch immer diese junge Raubritterin war, die Euch überfallen hat… Es scheint mir, dass sie mehr Anstand und Ehre besitzt als der Rest von Henyas Schergen. Fast wirkt es, als hätte sie verhindert, dass Euch Schlimmeres angetan wird.” Hardomar schaute fragend zu seinen Gefährten, unsicher, ob sie hier zugeben sollten, mit der Rädelsführerin befreundet zu sein. Vielleicht sollten sie das erst in kleiner Runde und nicht vor dem Vogt besprechen. Er wandte sich wieder an Olin. “Wenn der Stall nur ein Ablenkungsmanöver war, dann glaube ich nicht, dass sie bloß wegen zwei Pferden gekommen sind. Wir sollten noch einmal gründlich überprüfen, ob hier sonst noch was beschädigt oder geraubt wurde.” Der Hadinger Ritter ließ seinen Blick suchend über die Umgebung schweifen. “Vielleicht schauen wir einmal nach, ob an dem Ifirnschrein alles in Ordnung ist”, ergänzte er aus einer plötzlichen Eingebung heraus.

"Denkt Ihr, dass der Schrein das Ziel war", warf Dyderich ein, bevor Olin auf die Aussage des Hadingers reagieren konnte. "Sagt Olin, wart Ihr schon oben bei der Turmruine?"

Der Vogt schüttelte den Kopf.

"Ihr meintet die Ritterin blickte den Felsen hoch. Konnte es sein, dass jemand oben war?", bohrte der Barde weiter.

"Das ist möglich", antwortete der alte Kämpe, doch war klar, dass er es nicht mit Sicherheit sagen konnte.

"Vielleicht sollten wir uns aufteilen. Ein Teil sieht hoch zur Ruine, ein anderer zum Schrein und dann vielleicht auch im restlichen Dorf", schlug Leudara auf die herrschende Unsicherheit hin vor.

Als Hardomars Blick kurz nach oben zum Felsen ging folgte auch Daithi und schaute hinauf. Danach konnte er seinen Blick zunächst nicht von dort abwenden und fragte sich, was es wohl war, wonach die Ritterin geschaut hatte. Es drängte ihn Quasi eine innere Neugier, dem nach zu gehen. “Ich geh mit nach oben”, entfuhr es ihm darum spontan, als die Rondrageweihte vorschlug, dass ein Teil hinauf zur Ruine gehen sollte. Erst dann blickte er wieder die Menschen um sich herum an und merkte, dass er sich erneut hatte nicht zusammenreißen können und nicht abgewartet hatte, bis die erwachsenen Herrschaften über den Vorschlag Leudaras befunden hatten. Etwas verlegen senkte er seine Augen.

"Und ich komm' mit zu dem Felsen!" bot sich sogleich der junge Page an, der Daithis verlegenen Blick in seinem Eifer nicht bemerkt hatte. "Ich hab sehr gute Augen."

Boronmins letzte Bemerkung holte Daithi aus seiner Verlegenheit heraus. Er schmunzelte. “Das hast du wirklich”, bestätigte er den Jungen.

Hardomar zog die Stirn kraus bei der Vorstellung, dass sein Page schon wieder auf Erkundungstour gehen wollte - und dann auch noch in irgendwelchen alten Ruinen herumklettern… Andererseits sollte er Mut und Eifer des Jungen nicht allzusehr bremsen, überlegte der Ritter. Wenn er den Pagen immer nur an der kurzen Leine hielt, würde nie ein richtiger Ritter aus Boronmin werden. Nachdenklich wog Hardomar den Kopf hin und her. “Wer weiß, ob da oben nicht irgendeine Gefahr droht oder sich sogar noch Räuber verstecken… Hochwürden Leudara, würdet Ihr die beiden jungen Herren eventuell begleiten? Dann hätte ich ein viel besseres Gefühl. Und Herr Vogt, Ihr werdet sicherlich im Jagdhaus nach dem Rechten sehen wollen…” Nachdenklich sah er sich um. “Ich denke, dass Helchtruda und Alwen sich bei der Versorgung der Verletzten bereits einen ganz guten Überblick über die Situation im Dorf verschaffen. Insofern würde ich vorschlagen, dass der Herr von Gugelforst und ich zunächst zum Schrein gehen?” Er schaute Dyderich fragend an. Vielleicht wäre es eine gute Gelegenheit, mit dem Barden unter vier Augen zu besprechen, was dieser von Silvagilds merkwürdigem Verhalten hielt. “Nachher können wir uns wieder hier treffen und schauen, was wir für Hinweise haben… Und Boronmin”, er schaute den Pagen mit strengem Blick an, “...wenn da oben irgendwas verdächtig oder gefährlich ausschaut, dann kommt ihr sofort wieder her. Und zwar schnurstracks, ja?”

Der Vogt sah auf diese Worte hin fragend zu Leudara, die ihm knapp zunickte. Da auch Dyderich seine Zustimmung durch ein Kopfnicken deutlich machte, tat es ihnen schlussendlich auch der Vogt gleich. “Gut, Hochwürden und ich gehen mit den beiden Herrschaften hoch auf den Weydensteyn … Ihr seht beim Schrein nach dem Rechten. Ihre Gnaden Alwen wird Euch helfen, sollte etwas mit dem Bildnis der Göttin sein.”

Boronmin nickte brav und versicherte seinem Schwertvater noch einmal, sich nicht in Gefahr zu begeben. Unter normalen Umständen hätte ihn die Aussicht, zu der interessanten Turmruine hinauf steigen zu dürfen, mit begeisterter Vorfreude erfüllt. Doch nun folgte er Olin mit nachdenklicher Miene. Alles in ihm brannte darauf, sich mit Daithi darüber auszutauschen, was Silvagild offenbar getan hatte - doch hatte er Scheu, das Thema vor dem Gutsvogt und der Geweihten anzusprechen. Vielleicht würden sie dann denken, dass Silvagild aus freien Stücken zur Raubritterin geworden war. Und am Ende würde an jedem Baum in Weiden und darüber hinaus das Bild der Junkerin auf den Steckbriefen prangen... Nein, sie mussten so schnell wie möglich beweisen, dass Silvagild unschuldig war!

Auch der Bardenschüler folgte dem Vogt. Er war ganz gespannt darauf, herauszufinden, was er dort oben antreffen würde. Allerdings spürte er auch die Spannung der Situation und hoffte sehr, dass sich alles zum Guten auflösen würde. “Na dann”, sagte er als sie aufbrachen, um seinen Tatendrang anzuzeigen. Er hatte aber auch gehörig Respekt davor, was auch immer auf sie warten würde. Darum war er sehr dankbar, dass die Rondrageweihte sie begleitete.

Hardomar nickte allen noch einmal aufmunternd zu und versuchte damit Zuversicht auszustrahlen. “Passt gut auf Euch auf!” rief er den anderen hinterher.