Henya

Ort: Dûrenwald

Dramatis Personae:

 

Dûrenwald, 21. Peraine 1044 BF

Der Vorteil daran, dass man mit einer sehr mitteilungsfreudigen und auch mitteilungsbedürftigen Begleiterin reiste, war, dass man so einiges über das Land und die Leute erfuhr - ob man nun wollte oder nicht. Helchtruda nahm die Adeligen mit ihren Erzählungen in Beschlag, neben ihren Pferden herlaufend und dabei ein sehr ausgeprägtes Maß an Konstitution zeigend. Es war bestimmt nicht einfach gewesen in diesem Tempo zu gehen, während das Mundwerk unaufhörlich Töne von sich gab. Und der Dûrenwald, an dessen Rand das Dorf Dûrenbrück lag und einen Teil dessen sie schon am Vortag durchquert hatten, war dabei ein sehr ausgiebiges Thema. Die junge Frau erzählte vom Wald und woher er seinen Namen hatte; benannt war der alte Forst demnach nach den Dûren. Das Wort kam aus dem Elfischen und bedeutete so etwas wie ´alte Wächter´, auch wenn es sich so nicht wörtlich übersetzen ließ. Die Dûren waren Hüter, die besonders reine Quellen schützten und sich vor allem hier, aber auch vereinzelt im riesigen Bärnwald finden lassen. Es sind beseelte Bäume, die auch ihren Standort verändern können. Einzig den Elfen der hier ansässigen Herbstlaub-im-Nebel-Sippe sagt man nach, dass sie die Bäume besänftigen und über Jahrhunderte ruhig halten können.

Weiter erzählte sie vom Hain der Weißen Maid, einer heiligen Waldlichtung der Ifirn, auf der sich immer jagdbares Wild aufhalten soll, was die Menschen hier schon einige Male vor dem Hungertod bewahrte. Jedoch würde niemand auf die Idee kommen, auf der Lichtung ohne vorhandene Not zu jagen. In diesem Zusammenhang erzählte Helchtruda auch von Yann dem Waidmann, einem regionalen Heiligen, der auf besagter Lichtung die Göttin getroffen haben soll und auch vom Baronsreif Weidenhags, der mit Eisflockenquarzen besetzt sei, welche man als Tränen Ifirns verstand.

So verflog die Zeit hin zum Grabmal, das den Anwesenden bereits bekannt war und tatsächlich. Adelar stand auf der Lichtung … alleine. Von Silvagild war nichts zu sehen.

Boronmin hatte während des gesamten Weges wie gebannt an Helchtrudas Lippen gehangen. Sie erzählte unglaublich faszinierende Geschichten - Elfensippen und beseelte Bäume, heiliges Wild und die Tränen Ifirns... besonders die Tatsache, dass sie sich jetzt genau am Schauplatz dieser Legenden aufhielten, jagte dem Jungen einen wohligen Schauer über den Rücken. Immer mal wieder, wenn er einen besonders großen Baum sah, musterte er diesen prüfend; halb erwartend, dass er sich bewegen könnte oder man zumindest ein Gesicht in der Rinde entdecken mochte. So bedauerte es Boronmin fast ein wenig, dass sie das Ziel so schnell erreichten, auch wenn er sich schon wunderte, wo Silvagild stecken mochte. Aber da sich nun vier Erwachsene der Sache angenommen hatten, war er überzeugt, dass sie die Junkerin schnell wiederfinden würden.

Auch Daithi hatte der redseligen, blonden Frau aufmerksam zugehört. Das waren Geschichten für Balladen, dachte er. Auch fragte er sich, woher Helchtruda all das wusste. Sie war sicher keine einfache - normale - Frau. Seine Neugier stieg. Aber ebenso seine Sorge. Er schaute sich um. Das Pferd der Ritterin hatten sie gefunden. Aber wo war Silvagild selbst?

Hardomar redete selbst viel und gerne - fast genauso wie seine Schwester Imelda - doch wurde, wie es schien, die Redseligkeit der Hadinger Geschwister von dieser jungen Frau noch deutlich übertroffen. Gerade war die Stimmung des jungen Ritters durch seine Sorge um Silvagild gedrückt; dennoch störte ihn Helchtrudas Beredsamkeit keineswegs. Ihre Geschichten lenkten ihn ab und er lauschte während der Wegstrecke interessiert den wundersamen Erzählungen. Zwar hatte er in der Feenwelt des Ulmentors schon die kuriosesten Wesen, Kreaturen und Pflanzen gesehen, doch in der hiesigen Welt waren ihm sprechende Bäume und mystische Lebewesen bisher fremd und nur als Teil von Märchen und Legenden bekannt gewesen. Umso mehr Respekt schenkte er dem Dûrenwald.

Als sie sich dem Grab näherten, stieg beim Hadinger wieder die Anspannung. Er hoffte sehr darauf, dort sofort eine betende Silvagild anzutreffen - dass sich alles einfach in Wohlgefallen auflösen und die Junkerin ihnen einen spöttischen Spruch an den Hals werfen würde, warum sich denn alle ihretwegen überstürzt auf den Weg gemacht hätten. Doch als er Adelar mutterseelenallein dort stehen sah, stieg in Hardomar wieder das ungute Gefühl auf, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Sogleich sprang er aus dem Sattel und lief zum Pferd der Junkerin herüber. “Na, mein lieber Adelar? Bist du ganz allein hier?” fragte er leise, klopfte dem Pferd liebevoll auf den Hals und blickte sich nach einer Spur oder einem Hinweis auf den Verbleib Silvagilds um.

Das Pferd der Junkerin wirkte jedoch verstört. Adelar stieg hoch und wieherte als Hardomar ihn tätschelte. Seine Ohren hatte er angelegt.

"Irgendetwas scheint ihn erschreckt zu haben", bemerkte Dyderich, dessen Blick für einen Moment auf Helchtruda lag. Die junge Frau jedoch ging ihrerseits furchtlos auf das Tier zu, murmelte ein paar unverständliche Worte und streichelte ihm die Blesse. Wie von Zauberhand schien sich das Tier auch zu beruhigen.

Während Helchtruda abermals in einen Vortrag über die richtige Handhabung von Pferden verfiel - von ihrem gewirkten Sanftmut-Zauber erzählte sie selbstverständlich nichts - sahen sich die anderen drei nach Spuren Silvagilds um. Der Ritter hörte nur halbherzig dem Vortrag Helchtrudas zu, war er doch bei den Paggenfeldern aufgewachsen und davon überzeugt, sich mit der Handhabung von Pferden bestens auszukennen. Im Moment hatte er jedoch andere Sorgen, als sich auf eine Diskussion über Pferde einzulassen und war darauf konzentriert, irgendwo eine Spur Silvagilds zu entdecken. Es war der junge Boronmin, der noch einmal das Grab in Augenschein nahm … und den Kranz, den die Baronin darauf abgelegt hatte.

Daithi, der dem Blick des Pagen folgte, merkte, dass irgendetwas an dem Bild nicht zu passen schien.

“Hast du etwas gesehen Boronmin?”, fragte der Bardenschüler den Pagen, als er sich dem Grab und dem Kranz näherte. Irgendetwas irritierte ihn. Aber was? Daithi musterte den Kranz.

Wenn man bedachte, dass der Kranz erst vor wenigen Stundengläsern hingelegt wurde, war er überraschend stark in Mitleidenschaft gezogen gewesen. Es schien Daithi fast so als wäre jemand darauf herumgestiegen.

“Hmh”, grübelte Daithi laut, “sag mal Boronmin, hat sich da jemand auf den Kranz gestellt? Was meinst Du?”

"Ja, der Kranz sieht seltsam aus...", murmelte Boronmin nickend. "Aber wer würde denn so was Frevelhaftes tun?!" Bei der Vorstellung, dass jemand mutwillig den Kranz der Baronin auf dem Grab der Heiligen zertrampeln könnte, weiteten sich die Augen des Pagen vor Entsetzen. Das konnte eigentlich nur ein Ork gewesen sein, überlegte er.

“Es sei denn…”, grübelte der Bardenschüler weiter vernehmlich vor sich hin, “jemand wollte vielleicht auf den Grabstein steigen oder so?” Er trat noch näher an den Stein um zu schauen, ob das sein konnte, dass die Spuren am Kranz davon zeugen würden, dass sich jemand darauf gestellt hatte, um dann anschließend auf den Grabstein zu steigen, doch sollte sich dieser Schluss nicht eindeutig bestätigen. Da der Kranz auf der Marmorplatte am Boden lag, könnte es sogar eine Unachtsamkeit gewesen sein.

Daithi ging in die Hocke, um sich das Ganze noch einmal ein Stück näher anzuschauen. Vorsichtig hob er mit dem Zeigefinger der linken Hand den zertrampelten Kranz ein wenig an.

Es mutete dem Bardenschüler seltsam an, wies doch auch der Rest des Grabmales leichte Verunreinigungen auf - jedoch lediglich auf dem Boden. Daithi empfand es als unwahrscheinlich, dass Adelar der Urheber war … irgendetwas war hier vorgefallen, aber für eine gezielte Schändung war es wohl zu wenig.

“Herr Hardomar”, rief der Rechklammer den Ritter, “könntet Ihr einmal schauen? Sind das womöglich Spuren eines Kampfes? Oder hat sich jemand an der Grabplatte zu schaffen gemacht? Was denkst du, Boronmin?”

Bei dem Hinweis auf einen Kampf horchte Hardomar alarmiert auf und stürmte eilig zu Daihti. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand die Grabplatte hochgenommen und dann wieder so plaziert haben könnte." Der Ritter suchte die Ränder der Platte nach Hinweisen ab und schaute sich auch noch einmal den Kranz an. Waren hier und in der Umgebung des Grabs vielleicht weitere Spuren zu erkennen, die auf einen Kampf hindeuteten?

"Vielleicht waren es ja wirklich Orks?" formulierte Boronmin seine größte Sorge und schluckte sichtlich.

Orks? Boronmins sorgenvolle Frage steckte ihn an. Ein unwohles Gefühl machte sich in seinem Inneren breit. Aber Daithi versuchte sich das nicht anmerken zu lassen, um den Pagen nicht noch mehr zu verängstigen. “Bestimmt…”, versuchte Daithi den Pagen - und auch sich selbst - zu beruhigen, “...bestimmt finden wir eine einfache Erklärung… Es geht Silvagild sicher gut.”

Hardomar war tief in Gedanken. Er versuchte sich an die genauen Worte Norsolds zu erinnern. Ob auch Silvagild von der Heiligen etwas überreicht bekommen hatte, so wie diese andere Ritterin, deren Seele anschließend vom Feuer Rondras erfüllt worden war? Vielleicht hatte die Begegnung Silvi so durcheinander gebracht, dass sie nun im Alleingang gegen die Orklande zog? Wenn sie nicht bald eine Spur fanden, dann… Hardomar wollte sich nicht das Schlimmste ausmalen.

Während Daithi zu ihm sprach, schien Boronmin etwas Funkelndes nahe der Grabplatte zu erspähen. Es sah aus wie kleine, ineinander verschlungene Kettenglieder … wie ein kleines Stück aus einer Kettenrüstung. Am Boden sonst war nichts abzulesen - auch weil das Terrain durch die Prozession voller Spuren war.

Boronmin hob die Kettenglieder auf und rannte damit zu Daithi und seinem Schwertvater. "Schaut!" rief er aufgeregt. "Ist das vom Kettenhemd der Frau Silvagild!?"

Hardomar untersuchte gerade die Ränder der Grabplatte, als sein Page ihm die Kettenglieder vor die Nase hielt. Der Ritter riss die Augen auf. Zwar konnte er die abgerissenen Teile nicht eindeutig Silvagilds Kettenhemd zuordnen, jedoch war dies kein gutes Zeichen. “Oh, Silvi…” brachte er sichtlich schluckend heraus; in seinen Augen war für einen kurzen Moment ernsthafte Besorgnis zu erkennen, bevor er sich wieder um ein kontrolliertes Lächeln bemühte. “Das muss nichts heißen”, versuchte er Boronmin, Daithi und auch sich selbst zu beruhigen. Er legte seine Hand auf die Schulter des Pagen. “Wo hast du das denn gefunden? Hier drüben?” Er deutete auf die Stelle, von der Boronmin gerade kam und ging selbst in diese Richtung, um nach weiteren Hinweisen zu suchen.

Boronmin nickte nur und schaute mit großen Augen um sich.

Es könnte der Platz eines Kampfes gewesen sein. Die unachtsamen Tritte auf der Platte des Grabes, der wohl herausgeschlagene Teil der Rüstung. Aber es fand sich, zur Erleichterung aller, kein Blut am Boden - soweit man dies erkennen konnte. Dass Adelar zuvor unruhig war, sprach ebenfalls dafür, dass hier etwas mit Silvagild geschehen sein musste, doch machte die nur wenige Stundengläser zuvor begangene Prozession auf der Lichtung jede Spurensuche nahezu unmöglich.

Auch Daithi konnte sich nun einen sorgenvollen Blick nicht verkneifen. Irgendwie waren ihm seine Mitreisenden in den wenigen Tagen, in denen er sie kannte, ans Herz gewachsen, und so war es ihm schon arg darum, wenn nun Silvagild etwas passiert sein sollte.

Mit gesenktem Kopf umkreiste Boronmin weiterhin suchend das Grab; hin und wieder warf er den Erwachsenen einen verstohlenen Seitenblick zu. Es beunruhigte ihn, dass diese auch nicht recht zu wissen schienen, was nun zu tun war.

Abseits standen immer noch Dyderich und Helchtruda in ein Gespräch über Pferde vertieft. Wobei Gespräch in dieser Hinsicht etwas irreführend war. Im Endeffekt artete die Sache in einen Monolog aus, weil der sonst so beredte Barde bereits kapitulierend seine Waffen gestreckt hatte. Tapfer wie ein Ritter ließ der Troubadour die nicht enden wollenden Worte über sich ergehen und erst als Helchtruda einmal eine kurze Verschnaufpause einlegte, schien Dyderich geistesgegenwärtig genug um die sich bietende Gelegenheit zu nutzen. Flink wandte er sich den anderen Dreien zu, die gerade interessiert die Grabplatte zu mustern schienen. “Habt ihr etwas gefunden?”, fragte er knapp und bewegte sich ein paar Schritte hin zu den anderen.

Boronmin wies auf die kleinen Kettenglieder und schaute Dyderich mit ernster, angespannter Miene an. Vor seinem geistigen Auge stand das beunruhigende Bild, wie Silvagild sich im heldenhaften Gefecht einer Übermacht von Feinden entgegenstellte, dann jedoch von diesen überwältigt und in den Wald verschleppt wurde. “Wenn Adelar nur sagen könnte, was passiert ist…”, murmelte er leise.

"Aber … das kann er doch", meinte daraufhin die heran getretene Helchtruda und schlug sich mit der flachen Hand gehen die Stirn. Warum war sie nicht selbst darauf gekommen? "Also nicht wirklich, aber wenn er sich daran erinnert, könnte er die Gedanken mit mir teilen. Vielleicht würde es ja wirklich helfen."

“Mit dem Pferd reden?”, platzte Daithi erstaunt heraus. Er hatte es sich ja bereits fast gedacht: Die junge redselige blonde Frau konnte Zauber wirken. Er merkte erst nach ein paar Momenten, dass sein Mund vor Verblüffung offenstand. Dann schloss er ihn. Helchtruda stieg erneut in seinem Ansehen.

Verwirrt starrte Boronmin ihre Begleiterin an. Konnte sie etwa die Sprache der Tiere sprechen? In den Märchen gab es so etwas manchmal und irgendwie waren sie hier ja auch in einem Zauberwald... Aufmerksam blickte der Junge zwischen Helchtruda, Daithi und Silvagilds Pferd hin und her - halb in der Erwartung, dass die junge Frau sogleich ins Wiehern und Schnauben verfallen würde.

Dyderich schien zu verstehen, worauf die junge Frau hinaus wollte und nickte ihr knapp zu, was Helchtruda auch dazu brachte sogleich loszulegen. Sie streichelte zärtlich Adelars Hals und flüsterte dabei einige Worte. Ihre Augen waren geschlossen - genauso wie ihr Mund. Gerade letzteres war seit dem Zusammentreffen der Frau mit der Gruppe ein Novum. So lange wie in diesem Moment hatte sie noch nicht geschwiegen. Immer wieder zuckten ihre Mundwinkel und auch Adelar war wippte leicht mit seinem Kopf, als Frau und Tier in einer seltsamen Art der Umarmung aneinander standen.

Die Prozedur dauerte in etwa ein Sechstel Wassermaß, bevor Helchtruda ihre Augen öffnete und vom Wallach zurücktrat. “Ugh …”, meinte sie knapp, “... nun, es gibt eine gute Nachricht … und eine schlechte”, setzte die junge Frau etwas zerknirscht hinzu.

“Jetzt red schon”, forderte sie der Barde sie etwas harscher auf, als er dies beabsichtigt hatte.

“Die gute Nachricht …”, fuhr Helchtruda fort und es schien, als hätte sie der Ton Dyderichs nicht verstört, “... ist, dass es Silvagild wohl ganz gut geht. Also zumindest dürfte sie nicht ernsthaft verletzt sein.”

“Und die schlechte Nachricht?”, der Troubadour hob seine Augenbrauen.

“Die schlechte Nachricht ist, dass sie wohl heute nicht mehr zu uns zurückkehren wird”, das nun folgende Lächeln wirkte unpassend, war aber geschwängert von Sorge und Unsicherheit. “Ich fürchte, dass sie sich in der Gewalt der schwarzen Henya befindet und nur die Götter wissen, was sie mit ihr vorhat. Im besten Fall möchte sie nur etwas Lösegeld erpressen.”

“Die `schwarze Henya´?”, fragte Daithi erstaunt und erschrocken nach. “Ist das eine Räuberin? Oder etwa eine Orkenbraut? … ich meine wegen der schwarzen Pelze derselben…”, fügte er ein wenig verschämt hinzu.

Die Tatsache, dass sich Helchtruda mit Adelar verständigen konnte, setzte auch Hardomar in Erstaunen, obwohl er schon vermutet hatte, dass sie eine weise Frau war. Flüchtig erinnerte er sich an das Eichhörnchen, welches ihn angesprochen hatte, als er das erste Mal mit Silvagild in die Feenwelt gegangen war. Seither konnte er sich einiges mehr an Merkwürdigkeiten vorstellen... Zu gerne würde er einmal wissen wollen, was sein Hengst Trollwulf von ihm hielt. Ob dieser mit ihm glücklich war? Oder gab es Dinge, die ihn an Hardomar störten? Gespannt und immer noch staunend wartete der Ritter auf das Resultat von Helchtrudas Zwiegespräch mit dem Ross. Als die junge Frau dann von der ‘schwarzen Henya’ berichtete, die Silvagild offenbar entführt hatte, ballte er seine Hand unbewusst über dem Schwertknauf zur Faust. Ihm sagte der Name nichts, doch hörte er sich alles andere als freundlich an. “Wir müssen Silvagild da so schnell wie möglich rausholen!”, rief er entschlossen. “Helchtruda, wisst Ihr, wo diese Henya sich aufhält?”

“Henya ist eine fehlgegangene Seele”, beantwortete sie erst die Frage des Bardenschülers. “Ihre Wiege stand hier in der Baronie, aber ihr Vater war ein schlechter Mensch und man erzählt sich, dass er sie und ihre Mutter misshandelt hatte. Sie lief davon und lebte lange Zeit in den dunklen Landen. Vor einigen Sommern kehrte sie zurück und haust nun irgendwo im Hohenforst. Aber ob sie Silvagild dorthin bringt …”, sie hob unwissend ihre Schultern, “... es ist weit von hier.”

Nun erschrak Daithi erneut. “Ihr meint…”, er schaute Helchtruda an, “Ihr meint, sie ist eine Anhängerin des Dämonenmeisters?” Er erinnerte sich, was sein Vater über Borbarad und seine Schergen erzählt hatte.

“Nun … des dunklen Herzogs … ja”, sie nickte.

Diese Henya hörte sich in der Tat unbarmherzig und gefährlich an und die Vorstellung, was sie Silvagild antun könnte, schnürte ihm die Kehle zu. Ihm wurde geradezu schlecht bei dem Gedanken, wozu diese Verbrecherin in der Lage sein mochte. Viele drängende Fragen kamen in ihm auf; er versuchte besonnen zu bleiben, atmete einmal tief durch und wandte sich mit fragendem Blick an Helchtruda. “Konntet Ihr in Adelars Erinnerungen erkennen, wie es sich genau zugetragen hat? Hatte Silvagild allein am Grab gebetet und wurde von hinten überfallen? Wieviele waren es; kam es zum Kampf?” Er überlegte kurz, ob er zunächst auf eine Antwort warten sollte, setzte aber ungeduldig eine weitere Frage gleich hinterher: “Haben sie sie mit Pferden verschleppt?”

Die Angesprochene wog ihren Kopf hin und her. "Adelar hat seine Erinnerungen mit mir geteilt", erklärte sie dem Ritter. "Demnach war alles etwas chaotisch. So wie ich es verstanden habe, kam Silvagild alleine hier her, um wohl noch einmal das Grab zu besuchen. Sie hatte gerade gebetet, als sie von einer kleinen Gruppe überrascht wurde. Dann ging es schnell … es waren auf jeden Fall mehr als zwei und eine davon eindeutig Henya, aber wieviele genau, konnte ich nicht erkennen. Zu aufgeregt war auch Adelar in diesem Moment. Der Kampf war kurz und die Gesuchte deutlich unterlegen. Aber sie war bei Bewusstsein, als sie sie weg brachten … zu Pferd, ja." Die Hexe sah sich an der Lichtung um. "Die Richtung konnte ich nicht ausmachen, aber ich denke, dass sie nicht durchs Unterholz sind."

Der Page kaute mit ängstlichem Blick an seinem Daumennagel. Er spürte die Besorgnis der anderen und hatte große Angst um Silvagild. Wie mochte es ihr wohl gehen? Verzagt und mutlos trottete er zum Grab, hob den Kranz auf und versuchte diesen, so gut es ging, etwas zu ordnen und wieder festzustecken. Dann legte er das Gebinde zurück auf die Grabplatte und begann leise und inbrünstig zu Rondra und zur heiligen Matissa zu beten.

Der Bardenschüler sah seinen Meister sowie Ritter Hardomar und die Tochter der Erde abwechselnd fragend an. “Sollen wir versuchen die Spuren zu finden? Wir müssen sie doch verfolgen.”

Der junge Ritter ging einen Schritt auf Helchtruda zu und senkte vor ihr sein Haupt. “Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass Ihr uns helft. Ohne Euch wüssten wir nicht, was passiert ist.”

“Bitte …”, meinte die junge Hexe, “... ich bin kein edles Fräulein. Nennt mich einfach Helchtruda oder Trudi und bleibt beim “Du”. Meine Eltern sind Köhler und ich lebe in einem Dorf im Wald.”

“Gern… Trudi”, entgegnete der Ritter. “Aber nur, wenn du mich auch mit Hardomar anredest.” Er lächelte sie offen und herzlich an. “Ich kenne nur wenige edle Fräulein, die so selbstlos und ohne zu Zögern fremden Menschen geholfen hätten. Danke dafür.”

"Ihr müsst mir nicht danken, Hardomar", sie winkte ab. "Hier in der Trutz stehen die Leute füreinander ein … anders könnten wir nicht überleben."

Dann schritt Hardomar zu dem sichtlich verstörten Boronmin. Er kniete sich zu seinem betenden Pagen, legte den Arm um dessen Schultern und betete die letzten Strophen mit ihm gemeinsam. Kurz strich er Boronmin mit der Hand aufmunternd über den Rücken.

Boronmin nickte tapfer und schaute seinen Schwertvater dankbar an, bemühte sich aber vor allem, nicht hier an Ort und Stelle in Tränen auszubrechen. Er musste stark sein und Rondra vertrauen. Da er nicht wusste, was er sonst tun konnte, begann er ein weiteres Gebet.

“Wir werden sie finden, keine Sorge”, sagte der Hadinger leise zu dem Jungen, erhob sich dann wieder und kehrte zu den beiden Barden und der weisen Frau zurück. “Ich schätze, sie haben etwa ein bis zwei Stundengläser Vorsprung, oder? Selbst wenn wir jetzt eine Fährte ausmachen, dann wäre meine Hoffnung höchstens, dass wir noch ihr Nachtlager erreichen… sofern sie überhaupt eins aufschlagen. Vielleicht könnten wir Silvagild dort nachts heimlich befreien? Wobei wir im Moment nicht besonders gut auf einen Kampf vorbereitet sind.” Er zuckte mit den Schultern und sein Blick ging von den Barden und Helchtruda zu Boronmin.

“Vielleicht sollten wir besser vor Einbruch der Dunkelheit nach Dûrenbrück zurückkehren und uns zunächst mit Waffen und Ausrüstung ausstatten? Bestimmt würden uns Hochwürden Leudara und einige andere Rittersleute bei einer Befreiungsaktion unterstützen.” Angespannt und sichtlich im Zwiespalt zog der junge Ritter die Stirn kraus. “Aber das würde heißen, die Verfolgung für den Moment aufzugeben und später nach dem Versteck dieser Bande zu suchen. Was meint Ihr?”

“Dazu müssten wir wissen, was sie mit ihr vorhaben”, gab Dyderich zu bedenken. “Soll es eine Entführung sein? Was tat Henya überhaupt hier? Ihr Revier ist doch normal oben beim Hohenforst … dort ist sie ein Ärgernis, aber hier? So weit südlich?”

Helchtruda rieb sich ebenfalls ihre Stirn. “Nun, vielleicht reichte es schon, dass das Fest hier stattfand”, sie hob ihre Schultern. “Aber was genau sie vorhat, weiß ich nicht. Wir können entweder aufbrechen und gleich nach ihr suchen, oder sie ziehen lassen und uns morgen organisierter dran machen. Die Baronin wird sicher Ritter und Hilfe entbehren und ihre Hochwürden bestimmt auch.”

“Ich wäre dafür, dass wir sofort nachsetzen, denn noch ist der Vorsprung nicht zu groß”, wagte der Bardenschüler seine Meinung einzubringen, wissend, dass es eine Entscheidung seines Meisters und des Ritter Hardomar sein würde. “Vielleicht können wir sie auch gewaltfrei auslösen, wenn wir wissen, was das Begehr der `schwarzen Henya´ ist. Immerhin sind die Nordmärker wohl kaum ihre Feinde, erst recht nicht Frau Silvagild.”

Auf den letzten Satz seines Schülers wog Dyderich seinen Kopf hin und her. “Ich weiß nicht, ob sie da einen Unterschied macht, Daithi.” Natürlich hoffte er, dass es sich so verhielt wie der junge Nordmärker gerade artikuliert hatte. “Was meint Ihr, hoher Herr?”, wandte sich der Barde dann an Hardomar.

“Wenn wir gleich aufbrechen wollen …”, warf Helchtrude jedoch ein, bevor der Hadinger zu einer Antwort ansetzen konnte, “... dann würde ich noch schnell den Umweg nach Mittenwalde machen. Es ist nicht weit von hier, aber wir werden für unsere Suche einen Fährtenleser gebrauchen können.”

“Ja”, mischte sich der Bardenschüler erneut ein, “ein Fährtenleser wäre hilfreich.” Daithi dachte an den Onkel seines Vaters, von dem er wusste, dass er Waldläufer war und sich hervorragend auf Fährtensuche verstand. So jemand könnten sie nun sehr gut gebrauchen.

Hardomar merkte, dass er erwartungsvoll angeschaut wurde, dennoch starrte noch einen Moment länger schweigend ins Leere. Ja, er war der einzige Ritter hier; er würde letztendlich die Entscheidung treffen und vertreten müssen. Und ihm war klar, dass es eine harte und schmerzhafte Entscheidung sein musste. Die anderen schienen dazu zu tendieren, die Entführer sofort zu verfolgen und alles, wirklich alles in ihm schrie danach, ohne Zögern den Verbrechern hinterher zu jagen. Der Gedanke, dass Silvagild in der Gewalt einer brutalen Borbaradianerin war, die Vorstellung, was ihr vielleicht gerade, jetzt in diesem Moment, angetan wurde, ließ auch in ihm den überwältigenden Drang aufsteigen, sofort zu Silvis Rettung loszustürmen. “Wir sollten erst nach Dûrenbrück zurückkehren”, sagte er mit ruhiger Stimme und verzog geradezu schmerzhaft das Gesicht. “Nicht, um allzu lange dort zu verweilen, aber zumindest die Baronin und die Schwertschwester müssen wir informieren. Wer weiß, vielleicht geht dort auch eine Lösegeldforderung ein… Auf jeden Fall holen wir uns Ausrüstung, versuchen Unterstützung zu gewinnen und brechen dann so schnell wie möglich wieder auf. Oder gibt es Einspruch von euch?” Der Hadinger Ritter schaute mit erstem Blick in die Runde und wandte sich an Helchtruda: “Was meinst du, können wir Mittenwalde eventuell auch bei Nacht erreichen?”

“Ich könnte”, meldete sich der Bardenschüler erneut - ihm war durchaus bewusst, dass er hier nicht der Entscheidende war, sich dem Ritter unterordnen musste, aber es trieb ihn die Sorge um Silvagild und er vergaß darüber die Etikette - “während Ihr nach Dûrenbrück zurückkehrt und die Baronin informiert sowie die Ausrüstung holt, zusammen mit Helchtruda den Fährtenleser aufsuchen und ihn bitten, uns zu helfen. Ich besitze eh keine Ausrüstung, die uns besonders hilfreich wäre auf unserer Suche, daher brauche ich nicht nach Dûrenbrück zurück. Wenn sich der Fährtenleser uns angeschlossen hat, können wir uns ja an einem passenden Ort auf dem Weg treffen. Vielleicht hier am Grab, denn die Spuren müssten ja hier irgendwo beginnen.”

Dyderich nickte langsam. “Ich denke, dass das eine gute Idee ist, hoher Herr. Ausgenommen Euch sind unsere Kampffähigkeiten wahrscheinlich auch zu beschränkt um gegen Henya und ihre Bande etwas ausrichten zu können … wieviel es jetzt auch immer sein mögen.” Er wandte sich Daithi zu. “Gut, so können wir es machen, wenn Helchtruda damit einverstanden ist?”

Die Angesprochene nickte. Dass sie nun selbst auch recht wortkarg war, wirkte auf die Umstehenden beinahe gruselig. “Wir holen Alwen und treffen uns morgen früh wieder hier. In der Nacht sollte niemand durch den Wald reisen. Morgen können wir von hier dann die Fährte aufnehmen.”

Boronmin hatte sich wieder etwas gefangen und war vom Grab der Heiligen zur Gruppe zurückgekehrt. Mit geweiteten Augen, aber ernst zusammengepressten Lippen blickte er in die Runde. "Aber Alwen ist doch in Dûrenbrück?" fragte er verwirrt nach.

“Hä?”, nun war Helchtruda verwirrt. “Hast du sie im Dorf gesehen? War sie auch beim Fest?”

 "Ja, wir haben zusammen Strohpuppen gebastelt", antwortete Boronmin stolz. "Und dann durften wir Hochwürden bei der Andacht helfen!"

Nun kratzte sich die Frau an der Schläfe. "Ah, die Alwen … du meinst die Tochter des Ritters?" Nun lachte Helchtruda milde. "Nein, eine andere. Die, die ich besuche hat einen Bogen und trägt einen langen weißen Pelzmantel."

Für einen kurzen Moment stellte sich Boronmin die Pagin Alwen mit Bogen und weißem Pelzmantel vor... eigentlich dürfte ihr das auch gut stehen, befand er. "Darf ich mitgehen?" fragte er plötzlich unvermittelt und schaute bittend zu seinem Schwertvater auf. "Also mit Daithi und Helchtruda nach Mittenwalde, um die andere Alwen zu holen?"

Hardomar schaute seinen Pagen zweifelnd an. “Nein, das ist zu gefährlich, wenn diese Verbrecherbande hier in der Gegend ihr Unwesen treibt.”

“Aber ich möchte helfen!” bat Boronmin. “Und ich möchte Daithi und Trudi beschützen!” Entschlossen legte der Junge die Hand auf den Knauf des Knappenschwertes, das er seit heute Vormittag trug.

Der Ritter schüttelte nachdenklich den Kopf. Ihm gefiel die Idee nicht, den Achtjährigen mit dem Bardenschüler und der Hexe allein im Wald herumstromern zu lassen. Andererseits wirkte Boronmin, der eben noch entmutigt und verloren vor dem Grab gekniet hatte, nun wieder lebendiger und hoffnungsvoller. Vielleicht sollte er dem Jungen dieses Gefühl der Zuversicht nicht nehmen. “Na gut”, nickte der Hadinger, “dann machen wir das so…” Wer wusste schon, ob der Page mit ihm und Dyderich auf dem Weg nach Dûrenbrück nicht ebenso in Gefahr geraten konnte. Helchtruda kannte sich immerhin im Wald aus und beherrschte vielleicht allerlei Zauberkünste, die Boronmin so wirkungsvoll schützen mochten wie das Schwert eines Ritters. Trotzdem war ihm nicht ganz wohl dabei, den Jungen aus seiner Obhut in die der Hexe zu geben. Er schaute Boronmin, Daithi und Helchtruda ernsthaft an und nickte ihnen zu, immer noch mit einem mulmigen Gefühl im Magen. “Passt gut auf Euch auf!”

“Ja, das machen wir”, versprach Boronmin eifrig und flitzte zu den Pferden. “Helchtruda, möchtest du auf Adelar reiten?” fragte er die junge Frau. “Ich glaube, er mag dich!”

"Ja, sehr gerne", antwortete diese. "Dann sind wir fluchs in Mittenwalde. Wir müssen nur das Stück zum Dornstieg, den Weg müssen wir ja alle zurücklegen und dann folgen Dyderich und Hardomar den Dergel entlang flussaufwärts und wir flussabwärts. Da passiert schon nichts", versuchte Helchtruda nun auch den Ritter zu beruhigen. Der Barde wirkte dem zum Gegensatz sehr entspannt - zumindest was die Aussicht betraf, seinen Schüler mit einer aufgedrehten Hexe durch den Wald zu schicken.

Daithi hatte gespannt gewartet, wie sich Ritter Hardomar entscheiden würde. Als er zustimmte, dass Boronmin mit der Tochter der Erde und ihm mitgehen durfte huschte ein Lächeln in sein Gesicht. “Sehr schön, Boronmin”, sagte er bestätigend zum Pagen, “das freut mich sehr in deiner Bedeckung zu reisen, junger Ritter.” Er nickte dem Jungen zu und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

“Dann sehen wir uns alle morgen früh wieder” bekräftigte der Ritter in die Runde. Er ging zu seinem Pagen und drückte diesen noch einmal fest an sich. “Pass’ gut auf die beiden auf. Und sei achtsam mit dem Schwert”, sagte er mit ruhiger und fester Stimme. Dann ging sein Blick zu Dyderich. “Also los, reiten wir nach Dûrenbrück.”

Als Boronmin dann auf seinem Ross saß und sich alle in Bewegung setzten, musste der Junge doch ein wenig schlucken. Es war das erste Mal, dass er ohne die Begleitung seiner Eltern oder seines Schwertvaters aufbrach. Obwohl ja Daithi und Helchtruda dabei sein würden, fühlte er sich nun wie ein Erwachsener, der auf eigener Mission seines Weges ritt. Als sie am Dornstieg waren, ließ der Page seinen Wallach Seestern stolz lostraben und winkte Hardomar und Dyderich zum Abschied lebhaft hinterher.