Reiner Wein

Ort: Dorf Dûrenbrück

Dramatis Personae:

 

spät Abends am 20. Peraine 1044 BF

Nachdem sie ausgezeichnet gegessen und sich angenehm unterhalten haben, trat Silvagild hinaus in die frische Luft und spazierte um den Tempel herum. Die Nacht war klar und das schwarze Tuch des Herrn Phex war über und über mit funkelnden Kleinoden behangen. Das Madamal spendete dabei sogar genügend Licht, um sich problemlos ohne zusätzliche Fackel bewegen zu können. Die Junkerin war in Gedanken versunken … trübe Gedanken, die das betrafen, was auf sie nach ihrer Rückkehr warten würde. Das Versprechen an ihre Mutter … alles hier war so ruhig … rauh, aber auch ehrlich. Ach könnte diese Reise nur niemals enden.

Silvagild setzte sich auf einen großen Bruchstein, schloss ihre Augen und sog die kühle Abendluft ein.

Es sollte nicht lange dauern, bis Hardomar langsamen Schrittes vom Tempel her kommend auf Silvagild zuging. Mit ruhiger Stimme sprach er sie an: “Eine schöne Nacht, nicht wahr? Leudara und Helgard haben sich ein wahrhaft behaglich Heim aufgebaut.” Er setzte sich neben die Ulmentorerin und schaute sie musternd an. “Beschäftigt dich etwas?”

Die Angesprochene öffnete ihre Augen und lächelte gequält. "Nichts besonderes", log sie. "Aber ja, es ist sehr schön hier bei den beiden. Es erinnert mich an bessere Zeiten … vor meiner Knappschaft. Als Vater noch lebte und Tsalrik noch bei uns war. Du würdest es kaum glauben, aber gerade Mutter ist ein sehr liebevoller Mensch, der uns immer umsorgt und verhätschelt hat."

In Gedanken blickte Hardomar vor sich auf den Boden. “Ich kann mir gut vorstellen, was für eine fürsorgliche Frau deine Mutter ist. Bei uns waren es früher auch wirklich schöne Zeiten, als mein Vater noch bei uns war… und auch Mutter.” Der Ritter bemühte sich um ein Lächeln, schaute hoch zu den Sternen und stupste Silvi Schulter an Schulter an. “Schau mal da oben, der Drachen!” Zwinkernd winkte er ab: “Ich weiß, ich weiß… damit kann man eine Frau wie dich nicht beeindrucken…” Seine Miene wurde wieder ernster und nachdenklicher: “Damals, in dieser Nacht in Herzogenfurt, da hast du mich gefragt, warum ich eine Gemeine geheiratet habe und ich konnte dir keine Erklärung geben. Das lag unter anderem daran, dass ich…” Der Ritter neigte etwas den Kopf und setzte neu an: “Bis zu dem Zeitpunkt, wo Heshinja mit ihrer schwangeren Tochter zu uns kam, habe ich vermutlich ähnlich wie du über meinen Vater gedacht. Ich vermisse ihn so sehr… doch habe ich damals etwas erfahren, worauf ich wirklich nicht stolz bin. Vielleicht war das ein Grund, weshalb ich bisher nichts davon erzählt hatte.” Hardomar atmete einmal tief durch und schaute Silvi direkt an. “Allerdings ist direkt vor unserer Abreise etwas in Hadingen passiert, weshalb nun auch Imelda davon weiß und es wäre mir wirklich wichtig, dass ich dir davon erzähle. Darf ich dich mit dieser Sache belasten? Ich würde es auch verstehen, wenn du nichts davon hören willst.”

Silvagild schob kurz ihre Augenbrauen zusammen. "Ich hab dir damals auch gesagt, dass ich immer da bin, solltest du darüber reden wollen." Die Ritterin hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie sein Verhalten nicht nachvollziehen konnte, doch vielleicht half es ihr zu verstehen, wenn sie die genauen Hintergründe kannte. "Wenn du bereit dazu bist … dann ja, ich höre dir gerne zu."

“Ich danke dir, Silvi. Und ich vertraue dir…”, sagte er sanft und nickte ihr dankbar zu. “Ach, wo soll ich anfangen? Du weiß ja, die alte Baronin war viel krank... Vor über zwanzig Götterläufen lag sie über lange Zeit regierungsunfähig darnieder. Der Hofstaat hat dies nach außen geheim gehalten und die Regierungsgeschäfte nach eigenem Gusto weitergeführt. Einer von diesen Hofbeamten war mein Vater, damals Schatzmeister der Baronie.” Hardomar machte eine kleine Pause und seufzte resigniert. “Ich gehe davon aus, dass er daran in dem guten Glauben beteiligt war, zum Wohle der Baronie zu handeln. Aber wir wissen heute auch, dass er zum Teil in die eigene Tasche gewirtschaftet hat. Und dass die Krankheit der Baronin durch einen Fluch verursacht wurde, den Anhänger des Namenlosen über sie brachten.” Hardomar schaute Silvagild mit geradezu flehendem Blick in die Augen. “Davon hat mein Vater nichts gewusst, da bin ich mir sicher…”

Nervös fuhr er sich durchs Haar. “Als die Baronin wieder zu Sinnen kam und eine Gruppe von Getreuen um ihre Tochter Alrike die Machenschaften aufklärte, hat eine gewisse junge Norbardin mit ihrer Aussage geholfen, die Schuldigen in den Kerker oder auf den Schafott zu bringen und die namenlosen Umtriebe zu beenden. Nur zweien der hohen Hofbeamten war nichts nachzuweisen… Dem ersten Ritter der Baronin, Helme von Ulenau, mit dem Heshinja schon damals liiert war. Und dessen bestem Freund, Wolfmar von Hadingen. Mein Vater hat dann zwar das Amt des Schatzmeisters aufgegeben, ist aber unbehelligt auf sein Rittergut zurückgekehrt. Ich hatte davon mein Leben lang nichts gewusst, hatte meinen Vater vergöttert… bis diese Heshinja vor zwei Jahren auf meiner Türschwelle stand und verkündete, dass es sehr im Interesse meines Hauses wäre, wenn ich ihre Tochter ohne große Umschweife heiraten würde.”

Silvagild schien zu verstehen, wollte Hardomar aber nicht unterbrechen. Sie nickte stumm.

“Mein Großvater Ehrfried war am Boden zerstört. Ich hab gemerkt, wie sehr es ihn belastet hat. Wenn Heshinja mit dieser Geschichte zur neuen Baronin ginge, dann würde meinem Haus vermutlich das Lehen entzogen. Zumal…”, er schluckte sichtlich, “Hadingen wohlhabender ist, als es eigentlich sollte… Mein Vater hat das veruntreute Gold offenbar eingesetzt, um das Rittergut auszubauen und zum Florieren zu bringen… Ich selbst profitiere bis heute von seinem Verrat.” Nachdenklich und peinlich berührt schaute der junge Ritter für einige Augenblicke zum funkelnden Firmament hinauf, bis er weitersprach. “Großvater musste gar nicht viel sagen, um mich zu überreden. Ich wusste, ich konnte es ihm und meiner Familie nicht antun, möglicherweise alles zu verlieren. Unser schönes Gutshaus, unser guter Name, Sonnhilds Knappschaft, der Posten meiner Tante… All das konnte ich nicht aufs Spiel setzen. Mokaschka ist ja auch eine schöne und kluge Frau… und es war meine eigene Dummheit, dass sie schwanger wurde. Also habe ich dem Bund zugestimmt und es wurden schnell Nägel mit Köpfen gemacht.” Er blickte Silvagild traurig und sehnsuchtsvoll in die Augen. “Gleichzeitig hat es mich seitdem innerlich zerrissen, dass ich für die Sünden meines Vaters dieses Opfer bringen musste. Und dass ich dadurch nicht um eine Frau werben konnte, die mein Herz wirklich berührt.”

Der Blick der Junkerin wirkte kurz etwas skeptisch, doch sollte sie den Ritter immer noch nicht unterbrechen.

Der junge Hadinger seufzte erneut und ließ sichtlich den Kopf hängen. “Aber der Grund, weshalb ich dir das alles erzähle… Es ist noch etwas passiert. Kurze Zeit vor meiner Abreise kam ein Travia-Geweihter nach Hadingen und hat uns darüber informiert, dass die Geweihte der gütigen Mutter, die uns getraut hatte, tatsächlich zu diesem Zeitpunkt gefehlt, also die Gunst der Göttin verloren hatte. Der Geweihte sagte uns, dass unser Bund, den diese Schwester Lichthild geschlossen hat, nicht von Travia gesegnet ist - wer weiß, vielleicht hat die Göttin ja auch erkannt, dass die Ehe unter falschen Voraussetzungen vereinbart wurde? Jedenfalls ist die Hochzeit nunmehr ungültig und müsste mit einem richtigen Traviasegen erneuert werden.” Er hielt inne und schaute forschend in Silvagilds Gesicht, auf der Suche nach einer Reaktion oder Gefühlsregung ihrerseits auf das eben Gesagte.

Lange war dem Antlitz der Junkerin nicht wirklich viel zu entnehmen gewesen, doch bei den letzten Worten des Ritters wanderte eine ihrer Augenbrauen nach oben. Sie hätte noch einiges zum eben gesagten beizusteuern, doch stellte sich ihr vorerst eine andere Frage: “Was du auch tun wirst, oder? Einerseits weil dich ihre Mutter erpresst und andererseits weil ihr beiden inzwischen einen Sohn habt.”

“Ja, wahrscheinlich muss ich das”, antwortete Hardomar mit tonloser Stimme und runzelte die Stirn. “Bevor ich los bin, gab es in Hadingen einen gewaltigen Streit. Großvater hat mir ins Gewissen geredet, weil die Situation heute nicht anders sei als vor zwei Götterläufen - ich müsste meine Pflicht tun und den Bund erneuern, um unser Haus zu schützen. Und Mokaschka sagt, dass ich ihr den Status als Gutsherrin jetzt nicht mehr wegnehmen kann - und vor allem Dragowin nicht sein Erbe. Aber ich bin abgereist, ohne irgendwas zu klären.”

Er schüttelte langsam den Kopf. “Ich weiß es ja. Ich weiß ja, dass mir keine andere Wahl bleibt. Aber irgendwie hatte diese Enthüllung, dass unser Traviabund ungültig ist, bei mir die Hoffnung entstehen lassen, dass es doch einen anderen Weg geben könnte…” Hardomars Blick ging fragend zu Silvagild. “Nein, du hast recht, das ist eine Illusion. Ich muss es auf jeden Fall tun. Ich habe Mokaschka und Dragowin mein Wort gegeben, dass ich für sie sorgen werde. Und ich halte mich an meine Versprechen.” Er räusperte sich und zuckte entschuldigend mit den Schultern. “Verzeih, das ist eine Menge wirres Zeug. Trotzdem danke, dass ich mit dir darüber sprechen kann.”

Einige Momente lang blickte Silvagild stumm vor sich hin. “Ich denke, dass es das beste wäre, ja.” Sie wandte sich dem Ritter zu. “Du weißt ja, dass ich es nicht verstanden habe, warum du sie geheiratet hast, das … nun …”, die Junkerin wog ihren Kopf hin und her, “... hat sich nicht geändert. Es war falsch … zum damaligen Zeitpunkt. Du hast dich erpressen lassen, Hardomar”, flüsterte sie. “Anstatt das Richtige zu tun, warst du ein Spielball der Norbardin und deines Großvaters. Du kannst nichts für das was dein Vater getan hatte und hättest es für einen Neustart nutzen können.” Silvagild ließ ihre Worte einige Momente lang wirken und fuhr dann fort: “Aber du hast diese Entscheidung eben damals getroffen und ein Versprechen gegeben. Deiner Frau gegenüber und auch deinem Sohn. Ein Ritter sollte nicht einmal hü und einmal hott sagen, sondern zu seinem Wort stehen, auch wenn es nicht von einem der Zwölf gesegnet war.” “Du hast recht”, nickte Hardomar und schluckte, als er einen kurzen, aber schmerzhaften Stich der Enttäuschung in seinem Herzen fühlte. Flüchtig fragte er sich, woher dieser kam - hatte ein Teil von ihm die schmale Hoffnung gehegt, Silvagild würde ihn aufhalten, ihm von einem erneuten Traviabund abraten? Es würde, könnte einen Ausweg geben? Eigentlich kannte er ihre Einstellung, ihr großes Pflicht- und Ehrbewusstsein, hatte erwarten können, was die Junkerin sagen würde. Nein, er konnte ihr nur dankbar sein für ihr freundliches und verständnisvolles Zuhören.

“Ich werde nicht vor meinen Versprechen weglaufen. Sobald ich meine Gedanken geordnet habe, verfasse ich einen Brief nach Hadingen”, bekräftigte er mit nun wieder fester Entschlossenheit in der Stimme und zwang sich zu einem tapferen Lächeln.

Ihr Blick ging wieder nach vorne. “Aber ich bitte dich darum, diesen Ballast nicht länger mit dir rumzuschleppen. Erzähle von dem was dein Vater getan hat und auch, dass du und deine Familie aus Ulenau erpresst werdet. Ich helfe dir damit, wir können es über meine Tante Gezelda spielen … die ist ja die Lehrm … äh … sehr eng mit der Baronin.”

Hardomar nickte Silvagild zu. “Es tut wirklich gut, mit dir darüber zu sprechen, Silvi…” Die Stimmung des jungen Ritters schien sich wieder ein wenig aufzuhellen und er lächelte die Junkerin sichtlich dankbar an, “...ich kann es kaum glauben, dass du mir helfen möchtest mit deiner Tante; das müsstest du nicht. Aber ja, es würde mir eine große Last von den Schultern nehmen. Ich weiß nicht, wie ich das je wieder gut machen kann.” Langsam atmete er die Nachtluft ein, nahm unterschwellig den Duft wahr, den Silvagild verströmte und schaute zum glitzernden Sternenzelt über ihnen. Obwohl so vieles in seinem Leben im Argen lag, fühlte sich dieser Moment irgendwie… richtig an. “Ich bin glücklich, mit dir diese Reise machen zu können, bevor ich mich der Verantwortung daheim stellen muss”, sagte er leise, streckte unwillkürlich den Arm aus, um die Hand der Ulmentorerin zu ergreifen, zog seine Hand aber aus der Bewegung heraus wieder zurück und straffte seinen Oberkörper. “Bist du denn soweit glücklich mit dem Verlauf der Reise?”

"Du musst mir nicht danken …", meinte Silvagild auf die Worte des Ritters hin knapp, "... weißt du, ich hatte nie Freunde … in dieser Welt." Sie lächelte beinahe schüchtern, kannte Hardomar doch die Feenwelt, dessen Tor die Familie der Junkerin seit jeher bewachte. "Es war für uns immer etwas schwer Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen und in den seltsamen Orgilsbund wollte ich nicht. Deshalb bin ich froh, dass ich dich habe … du bist mir fast wie ein Bruder, mit dem ich blödeln kann und der mich und meine Launen aushält. Alleine deshalb finde ich die Reise schon schön."

“Launen?” fragte Hardomar gespielt überrascht und schaute sie einen Moment lang mit entsetztem Blick an. “Ist mir noch nicht aufgefallen, dass du Launen hast.” Er zwinkerte ihr vertraut zu und knuffte sie betont fröhlich in den Oberarm. “He, keine Sorge. Ich mag dich so, wie du bist. Wirklich.“ Der junge Ritter blickte verträumt in den Sternenhimmel über ihnen. “Bisher hatte ich auch keine richtigen Freunde, abgesehen von Imelda… Ich bin so froh, dich in meinem Leben zu haben.” Ein zufriedenes Lächeln umspielte sein Antlitz und er überlegte, ob dies einer dieser Momente war, an die er sich noch lange zurückerinnern würde. “Egal, was die Zukunft bringen wird, ich werde immer für dich da sein.”

Die junge Frau lächelte ehrlich und gab Hardomar dann ein Küsschen auf die Wange. “Du bist schon in Ordnung”, meinte sie neckisch und erhob sich dann von der Sitzgelegenheit. “Lass uns wieder zurückgehen. Langsam wird es kühl und wie es scheint steht uns morgen ein anstrengender Tag bevor.”