... und Rondras Zorn
Ort: Dorf Dûrenbrück, Dûrenwald
Dramatis Personae:
- Gwidûhenna Dythlind Traviata von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
- Hardomar Jast von Hadingen (Ritter von Hadingen)
- Leudara Aldieri von Rhodenstein (Schwertschwester von Dûrenbrück)
- Dyderich vom Sümpfle (Weidener Barde)
Dorf Dûrenbrück, Abend des 21. Peraine 1044 BF
Den Weg von Matissas Grabmal zurück ins Dorf Dûrenbrück war einer gewesen, den die Anwesenden nun schon recht gut kannten und es für Hardomar und Dyderich somit kein Problem war recht schnell wieder zu ihrem Ausgangpunkt zurückgekehrt waren. Dort war gerade noch das Bankett in Gange. Zwar war das Essen inzwischen bereits abgetragen, doch saß die Haute Volée des Adels immer noch beisammen, trank, lachte und scherzte. Hardomar konnte sogleich die Hochgeweihte Leudara ausmachen, die an der Seite der Baronin saß. Ihr gegenüber der Baronet Wilfred von Gugelforst und der Baronsgemahl Gorfried von Sturmfels ä.H.
Es war Dyderich, den Gwidûhenna als erstes erkannte und die beiden dann freudig näherwinkte. “Vetter, was für eine Freude … wir haben dich schon vermisst.” Ein Blick in das Antlitz des Baronets zeigte, dass das wohl nicht für jeden galt. “Spielst du noch etwas für uns?”, fuhr die Landesmutter dann fort, bevor sie auch Hardomar erblickte. “Ah … und dein Begleiter … unser Gast aus den Nordmarken …”, sie wies auf freie Stühle an der Tafel, “... setzt Euch doch ihr beiden. Habt ihr schon vom Wild probiert?”
Hardomar trat mit Dyderich vor die Baronin und neigte ehrerbietig das Haupt, verzichtete jedoch darauf, sich zu setzen. “Eurer Hochgeboren, Hochwürden, wir haben schlechte Nachrichten”, begann er ohne Umschweife. “Unsere Freundin, die Junkerin von Ulmentor ist offenbar heute Nachmittag entführt worden. Von einer gewissen ‘schwarzen Henya’ und ihrer Bande.” Im Blick des jungen Ritters waren Sorge und Anspannung deutlich zu erkennen.
Die Baronin warf Leudara und ihrem Bruder einen vielsagenden, ernsten Blick zu. Knapp nickte Wilfred, dann brach Gwidûhenna ihr kurzes Schweigen. "Nicht hier, hoher Herr", meinte sie und wies auf die anderen Anwesenden. "Bitte folgt mir", die Gugelforsterin erhob sich und wartete bis die Schwertschwester es ihr gleich tat.
Zu viert gingen sie in das Gutshaus des Ritters, genauer gesagt in den kleinen 'Rittersaal', der nicht mehr war als ein Raum mit Kamin und einer Tafel. Die Baronin wies die anderen drei an sich zu setzen, dann tat sie es ihnen gleich. "Erzählt mir bitte was vorgefallen ist … alles was Ihr wisst. Ihr dürft dessen versichert sein, dass wir Euch mit dieser Sache nicht alleine lassen werden."
Der Nordmärker Ritter setzte sich und überlegte, wo er anfangen und wie viel er erzählen sollte. Zwar rechnete er damit, dass Rückfragen kommen würden, hielt es jedoch für besser, zunächst nur die nötigsten Informationen mitzuteilen: “Unsere ersten Nachforschungen waren bisher recht aufschlussreich. Nach der Prozession ist die Junkerin erst in den Rondratempel gegangen und dann zum Grab der Heiligen geritten, offenbar um dort in Ruhe zu beten. Dabei wurde sie hinterrücks von den Banditen der schwarzen Henya überfallen und in den Wald verschleppt. Das Pferd der Junkerin haben die Verbrecher jedoch zurückgelassen…” Er schaute fragend in die Runde. “Meint Ihr, es wird eine Lösegeldforderung geben?”
Gwidûhenna warf einen Seitenblick auf die Schwertschwester Leudara, wohl um ihr diese Frage zu übergeben.
“Unwahrscheinlich”, hob die Geweihte dann an. “Nach allem was wir über diese Frau wissen ist, dass sie eine Mordbrennerin ist und keine Gefangenen macht. Einst hatte sie sogar den Weiler Ifirnshau niederbrennen lassen … ohne Kalkül und ohne Rücksicht auf Verluste. Dass sie nun dazu übergeht lohnende Geiseln festzuhalten und dann Gold zu fordern kann ich nicht glauben.”
Die Baronin zog ihre Stirn kraus. “Was wissen wir denn über sie?”
“Nun …”, Leudara räusperte sich, “... Hochwürden Grimmbart in Ulmenau hat sich schon länger mit ihr auseinandergesetzt, sieht er sie doch als eine potenzielle Gefährdung für den Rajoksbau im Hohenforst, aber ich schweife ab”, wieder räusperte sich die Hochgeweihte. “Henya ist die Schwester des Junkers Rodunk von Biberwald. Sie zählte 14 Sommer als sie plötzlich verschwand. Heute wissen wir, dass sie damals von einer Gruppe Söldner aufgelesen wurde und mit in die dunklen Lande gezerrt wurde. Ob anfangs freiwillig oder gezwungen, weiß ich nicht. Dort diente sie bei den Schwarzen Reitern und später auch bei den Tode …”
“Bitte, komm zum Punkt”, warf Gwidûhenna ein.
“Die Schlacht an der Alstfurt gegen uns Weidener markierte ihr Ende bei den dunklen Schergen", fuhr die Schwertschwester fort. "Sie weigerte sich einem selbstmörderischen Befehl des dunklen Herzogs nachzukommen und floh von der Fahne. Nach Weiden … in ihre Heimat und genau hier fügte sie sich schnell in das entstandene Vakuum nach Borkas Tod ein. Sie kennt den Hohenforst so gut wie ihre Westentasche und genau deshalb ist es auch so schwer ihrer habhaft zu werden.”
“Mhmmm”, bestätigte Gwidûhenna nach dem Bericht der Schwertschwester. “Ich wende so einiges an Dienstrittern und Waffenknechten auf um den Hagweg zu schützen. Sie ist eine Plage. Firutin und Bunsenhold können davon ebenfalls ein Lied singen.”
“Was ich damit sagen will, hoher Herr”, wandte sich Leudara wieder an den Hadinger. “Es ist höchst untypisch, dass Henya Geiseln nimmt. Gibt es etwas, was sie an der Junkerin interessieren könnte? Jede Information wäre wichtig.”
Hardomar schaute bei dem Gesagten entsetzt vor sich auf den Tisch. All dies linderte keineswegs seine Sorgen und Ängste um Silvagild. Ganz im Gegenteil; in seinem Geist breitete sich eine schwarze Leere aus, die es ihm schwer machte, klare Gedanken zu fassen. Er zwang sich zur Konzentration und richtete sein Wort an Leudara. “Ihr erwähntet einen Namen… Hochwürden Grimmbart in Ulmenau? Interessanterweise gibt es auch in Silvagilds Lehen, dem Junkergut Ulmentor, einen Ort dieses Namens. Aber das ist sicherlich nur Zufall.”
Leudara nickte bestätigend.
Er wandte sich an alle Anwesenden am Tisch. Kurz überlegte er, ob er Silvagilds Dryadenblut erwähnen sollte, befand es aber für besser, dies zurückzuhalten. Auch bei der Erscheinung der Heiligen war er nicht sicher, ob es zu privat war, entschied sich jedoch für die Wahrheit: “Vorhin, bei der Zeremonie, hat Silvagild gedacht, sie hätte die heilige Matissa gesehen. Ein Ritter, der Herr von Waldtreuffen, hat gesagt, die Heilige würde Zweiflern im Glauben erscheinen…” Mit beschwörendem Blick schaute Hardomar in die Runde: “Sie ist aber absolut fest im Glauben, da bin mir sicher.” Er überlegte, ob ihm noch etwas besonderes zu Silvagild einfiel, was diese für eine brutale Borbaradanierin interessant machen könnte. Doch wenn es Henya direkt auf Silvi abgesehen hatte - woher konnte die Verbrecherin gewusst haben, dass die Junkerin zu dieser Zeit an diesem Ort sein würde? Vielleicht ging es auch nur um irgendein Opfer… für ein blutiges Ritual oder dergleichen? Hardomar versuchte, diese grausamen Bilder abzuschütteln und versank für einen Moment in Gedanken, bis er den Kopf hob und nachdenklich fragte: “Silvagild war beim Rabenmarkfeldzug dabei… Könnte es damit zu tun haben?”
Die beiden Frauen hatten dem Ritter aufmerksam zugehört. "Es stimmt, dass die Heilige ab und an Menschen erscheint, die durch eine harte Phase ihres Lebens gehen und deren Glauben auf die Probe gestellt wird. Vor allem als Traumbild, wie es einst die göttliche Löwin bei Sankta Matissa selbst tat." Nun schüttelte die Schwertschwester ihr Haupt. "Aber ich denke nicht, dass Henya darauf abzielt."
"Was den Rabenmarkfeldzug angeht …", warf dann Gwidûhenna ein, "... war dieser zu einer Zeit, da haben wir schon Berichte über ihr Treiben in Weiden erhalten. Meine Familie stammt aus der Rabenmark und ich halte engen Kontakt zu ihnen …", erklärte die Baronin weiter, "... deshalb hatte ich von dem Feldzug nach Tälerort gehört. Ist ja auch die Nachbarbaronie zu Gugelforst."
Kurz legte sich brütendes Schweigen über die vier am Tisch. Es war Dyderich, der dieses wieder brach: "Nun, es gibt da schon noch was über Silvagild, Henna", meinte er zögerlich. "Ich hatte ihr geschworen kein Wort darüber zu verlieren, aber wenn sie wirklich in Lebensgefahr ist und das helfen könnte." Der Barde biss sich auf die Lippe und sah kurz zu Hardomar, von dem er annahm, dass er ebenfalls davon wusste.
"Alles was du uns erzählst bleibt an diesem Tisch, Vetter", versprach die Baronin. "Aber ich würde es verstehen, wenn du deinen Schwur einhalten willst."
Wieder lag Dyderichs Blick am Nordmärker Ritter, ganz so als wolle er dessen Zustimmung für sein Vorhaben.
Hardomar, der eben selbst überlegt hatte, ob er das Geheimnis preisgeben sollte, erwiderte verstehend den Blick des Barden. Silvi würde vermutlich sehr ungehalten sein, wenn sie davon erfuhr, überlegte er. Aber wenn es half, sie wohlbehalten zurück zu bekommen... Mit ernster Miene nickte er Dyderich zu.
"Silvagild ist ein Feenblut", erklärte Dyderich daraufhin flüsternd und es überraschte ihn wie 'normal' dies anscheinend aufgenommen wurde. Zumindest verzogen weder Gwidûhenna noch Leudara ihre ernsten Mienen. "Sie hat Dryaden in ihrem Stammbaum, wie sie selbst sagt. Sie riecht auch danach, also …", der Barde räusperte sich, "... sie umgibt der Duft nach Wald und Wiesenblumen. Auch hat sie sehr markante Hautbilder."
Es war Leudara, die kurz ihre Stirn kraus zog. "Das könnte ein Grund sein", befand sie. "Weiden ist voller Feen, vielleicht erwartet sich Henya dadurch etwas?"
"Hmmm …", fiel nun auch die Baronin in Gedanken, "... möglich. Vielleicht weiß Alina Rat. Schade, dass sie nicht hier ist. Oder eine der Schwestern vom Unkenbund." Gwidûhenna nickte ernst. "Ich werde zwei Ritter den Hagweg hochschicken und Rodunk informieren. Vielleicht auch Rovenna … kann nicht schaden."
"Ich werde Euch begleiten", gab derweil die Schwertschwester bekannt. "Was gedachtet Ihr denn als nächstes zu tun? Wir sollten so bald wie möglich ihre Fährte vom Grab weg aufnehmen."
“Habt Dank, Hochgeboren” sagte Hardomar, der mit soviel Unterstützung nicht gerechnet hatte, mit sichtlich bewegter Miene und neigte sein Haupt vor der Baronin. “Und dass Ihr uns begleiten wollt, Hochwürden, lässt mich trotz aller Sorge um unsere Freundin wieder Hoffnung schöpfen."
Im Geist des jungen Hadingers wirbelten derweil viele Fragen durcheinander - wenn es tatsächlich Silvagilds Feenblut war, das diese Henya interessierte - woher hatte die Räuberin wissen können, dass die Junkerin allein an dem Grab beten würde? War Silvi irgendwie dort hingelotst, in eine Falle gelockt worden? Doch die Mutmaßungen waren aus seiner Sicht viel zu unausgegoren und weit hergeholt, um sie in dieser Runde zu erörtern. Der Ritter bemühte sich um ein höfliches und dankbares Lächeln, auch wenn man ihm Anspannung und Niedergeschlagenheit mehr als deutlich ansah. “Wir haben mit den anderen vereinbart, dass wir uns morgen in aller Frühe wieder am Grabmal der heiligen Matissa treffen. Dort findet die Ifirngeweihte aus Mittenwalde, ihre Gnaden Alwen, hoffentlich eine Spur, der wir dann folgen können.”
"Ah, Ihr zieht Alwen hinzu?", Gwidûhenna hob ihre Augenbrauen. "Das ist klug. Sie kennt die Gegend sehr gut." Dann ging ihr Blick weiter zu Leudara. "Habt Dank, Hochwürden.”
Die Schwertschwester antwortete mit einem freundlichen Nicken. “Dann werden wir bei der Morgendämmerung aufbrechen. Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr wieder bei mir und meiner Familie Quartier beziehen, hoher Herr.”
Auch Hardomar nickte der Baronin und der Geweihten noch einmal dankend zu. "Ja, sehr gerne nehme ich das Angebot noch einmal an, Hochwürden!" Er zweifelte daran, besonders gut schlafen zu können, während Silvi in der Gewalt einer verrückten Mörderin war, aber ihm war auch klar, dass er am nächsten Tag seine Kräfte und daher etwas Ruhe brauchen würde. "Silvagilds Gepäck und einen Teil unserer Sachen würde ich dann auch bei Euch im Haus lassen, damit wir schnell und flexibel unterwegs sind." Er nahm sich jedoch vor, sämtliches Gold, das er für die Reise vorgesehen hatte, mit sich zu nehmen, auch wenn er die Möglichkeit einer Auslösung der Geisel inzwischen für sehr unwahrscheinlich hielt.