Der schönste Mann


Dramatis Personae:

 

Junkergut Hollerstockhöhe, Baronie Hollerheide, Mitte Rahja 1041 BF

Arbogast hielt inne, als er den Pavillon erreichte. Statt seine Schwester direkt zu begrüßen, studierte er lieber erst einmal das Bild, das sich ihm bot. Gwendolyn stand an einem ihrer liebsten Orte auf der Hollerstockhöhe. Sie war hergekommen, um „ganz in Ruhe ernsthaft zu arbeiten“. So hatte sie es jedenfalls ausgedrückt. Es bestand eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was er als ernsthafte Arbeit bezeichnete, und dem, was sie als solche empfand. Aber ganz unbestritten ging sie dem Handwerk nach, das sie erlernt hatte – und daher wäre es unangemessen gewesen, eine Diskussion vom Zaun zu brechen.

Um seine kleine Schwester herum verteilt lagen und standen Pergamente, zwei zerfledderte Büchlein, Tiegel, eine Farbmischplatte, Pinsel, Kreidestifte, Federkiele, Schaber, Tücher sowie ein Krug mit Wasser. Vor sich hatte sie die Staffelei aufgebaut und eine Leinwand darauf gespannt. Und davor wiederum thronte auf einem dreibeinigen Schemel eine Vase mit Blumen. Rote Blumen, weiße Blumen, gelbe Blumen und violette Blumen mit allerlei Grünzeug dazwischen. Es war bestimmt ein ganz wunderbares Arrangement, das es verdiente, in einem Gemälde verewigt zu werden. Gwendolyn besaß nämlich ein untrügliches Gespür für derlei, wohingegen er ... nun, er hatte eben einfach keine Ahnung.

Deshalb verlor Arbogast auch schnell das Interesse an dem Blumenstrauß und ließ den Blick weiter wandern. Hinüber zu seiner Schwester, die sich viel zu leicht gekleidet hatte, wie er fand. Es war der Hitze geschuldet, das wusste er. Und im Grunde gab es hier auf dem Gut ja niemanden, der allzu lüsterne Blicke werfen würde, oder vor dem sie sich aus noch schlimmeren Gründen in Acht hätte nehmen müssen. Dennoch verspürte er das dringende Bedürfnis, Gwendolyn zu ermahnen. Dazu, sich doch bitte irgendetwas überzuwerfen. Etwas, das aus festerem und vor allem blickdichterem Stoff bestand, als der zwar bodenlange, aber dennoch eher ent- als verhüllende Hauch von Nichts, der ihre zarte Gestalt gerade umspielte.

Gut, sie trug einen Kittel. Aber der hatte keine Ärmel und stand vorn auch noch weit offen. Was Arbogast bei näherer Betrachtung irgendwie widersinnig erschien, wenn jemand mit Ölfarben hantierte und seine sicher skandalös teure Kleidung vor Schaden bewahren wollte. Irritiert sah er zu den Farben hinüber und stellte fest, dass sie allesamt unangetastet waren. Gwendolyn hielt einen Kohlestift in der rechten Hand und eine Kladde in der Linken. Sie malte also gar nicht auf Leinwand, sondern zeichnete auf Pergament. Eine Skizze vielleicht? Vorarbeiten für das Gemälde, das sie später noch anzufertigen gedachte?

Arbogast sah prüfend ins Gesicht seiner Schwester, bemerkte eine gesunde Röte, die ihre Wangen überhauchte, sowie ihre glühenden Augen und fragte sich, wie ein Haufen sterbender Pflanzen so viel Begeisterung auslösen konnte. Sie bemerkte ihn ja offenbar nicht einmal, obwohl er nun schon eine ganze Weile neben ihr stand und sich sogar ein paarmal leicht bewegt hatte, um besser sehen zu können. Daher beschlich ihn nun auch der Verdacht, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging. Also trat er kurz entschlossen auf sie zu und warf einen neugierigen Blick auf die Zeichnung, an der sie arbeitete.

Es bedurfte nur eines Wimpernschlags, um zu erkennen, dass die mit Pflanzen nichts zu tun hatte. Stattdessen starrte er auf einen splitterfasernackten Mann. Reichlich konsterniert, wohlgemerkt, denn dessen Leib war derart perfekt geformt, dass es jedem Normalsterblichen Tränen der Verzweiflung in die Augen treiben musste. Mit widerwilligem Interesse besah sich Arbogast stramme Lenden, ein grauenhaft schmales Becken, den V-förmigen Oberkörper, die vielen schwellenden Muskeln, die makellose Haut ... . Es war alles da. Wirklich alles!

„Gwen“, murmelte er und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie verstört er war. „Ich dachte, du willst Blumen malen. Was in aller Götter Namen ist das?“

„Ein Mann“, erwiderte sie mit heiter-beschwingter Stimme.

Die Tatsache, dass sie nicht erschrocken zusammengezuckt war oder wie am Spieß geschrien hatte, als er sie ansprach, ließ ihn vermuten, dass ihr seine Anwesenheit vielleicht doch nicht ganz entgangen war. Sie versuchte auch nicht, ihr Werk vor ihm zu verbergen, sondern machte in aller Seelenruhe weiter. Keine Scham erkennbar. Nur Freude an dem, was ihr Kohlestift da aufs Papier brachte.

„Wieso malst du einen nackten Mann, Schwester?“, hakte er vorsichtig nach.

„Weil das eine hohe Kunst ist, Bruder. Den Körper eines Menschen auf Pergament zu bannen, allzumal in Bewegung und anatomisch korrekt, erfordert viel mehr Können als so ein paar traurige Blümlein. Es hat mich einfach gepackt. Und warum denn auch nicht? Ich meine ... ist doch so weit ganz gut gelungen, oder findest nicht?“

„Ja und ... wo ist dein Modell? Also, wie ... ?“

Nun hielt Gwendolyn doch inne. Sie wandte sich ihm zu, hob den Stift langsam an ihre Schläfe und ließ ihn ein paarmal leicht auftippen:

„Hier oben. Ob du es glaubst oder nicht: Ich weiß, wie nackte Männer aussehen. Ganz gut sogar. Was denkst du denn, was ich in meiner Lehre getan habe? Die ganze Zeit nur Stillleben geübt, oder was? Meinst du vielleicht, damit lässt sich Geld verdienen. Wenn du dich über Wasser halten willst, musst du Menschen malen. Je eitler und reicher desto besser.“

„Ja, aber doch nicht so!“ Arbogast lachte leise.

„Du musst wissen, wie ein nackter Körper beschaffen ist, bevor du ihn fachgerecht in Kleidung verpacken kannst“, antwortete sie schlicht.

„Ich wage zu bezweifeln, dass sich das, was du da gezeichnet hast, in irgendeine Bruche dieser Welt verpacken ließe“, meinte Arbogast mit einem vielsagenden Blick in die Leibesmitte des feuchten Traums aus schwarzem Kohlestaub.

„Wirklich?“, Gwendolyn wandte sich wieder von ihm ab und legte den Kopf schief, um ihr Werk kritisch zu betrachten. „Ich glaube, du hast keine Ahnung, mein Lieber. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie so etwas ohne Schwierigkeiten erst entblößt und dann wieder verpackt wurde. Du solltest vielleicht nicht von dir auf andere schließen.“

„Du was ... hast ... was?“, stotterte Arbogast.

„Ich habe mein Wissen nicht nur aus Büchern. So was studiert man am lebenden Objekt“, erklärte sie amüsiert. „Das ist ganz normal, also schau mich nicht so komisch an. Landschaften male ich ja auch nicht nur von Bildern ab, sondern stelle mich meist mitten rein.“

„Willst du mir damit sagen, dass ich unser hart erwirtschaftetes Geld ausgegeben habe, damit du dir nackte Perricumer und Horasier angucken kannst? Dass du da unten im Süden den lieben Tag lang auf bloße Männerärsche gestarrt hast?“

„Gelegentlich, ja. Und auf Frauenärsche auch.“

„Was?“

„Frauen“, wiederholte sie geduldig. „Die weibliche Anatomie habe ich natürlich auch studiert und mich an ihr geübt. Meist bereitet das offen gesprochen mehr Vergnügen. Wenn du mich fragst, ist der weibliche Körper deutlich besser gelungen als der männliche und im Allgemeinen auch schöner anzuschauen.“

„Warum zeichnest du dann jetzt einen Mann?“

„Die Erinnerung ist noch frisch!“

„Gwendolyn!“

„Was denn?“, sie schmunzelte und setzte den Stift wieder an.

Während er von der Seite ungläubig starrte, begann seine Schwester, dem bislang schmerzlich leeren Gesicht ihres Geschöpfs mit ein paar feinen Strichen mehr Form zu verleihen. Arbogast dachte lieber nicht darüber nach, was es zu bedeuten hatte, dass sie sich diesem Teil des Körpers ganz am Ende erst widmete. Sollte das nicht eigentlich der wichtigste sein?

„Bitte sag mir, dass das Ganze nicht so schweinisch ist, wie ich es mir vorstelle“, forderte er leise.

„Du hast zu lange in der Traviamark gelebt. An Nacktheit ist nichts Schweinisches, wenn man nicht frömmelt“, meinte sie, ohne den Stift abzusetzen. „Die meiste Zeit habe ich zusammen mit anderen da gesessen und alle haben genau das Gleiche skizziert. Ist das züchtig genug?“

„Und wenn das nicht der Fall war?“

„Dann habe ich womöglich hin und wieder auch mal jemanden zu mir ins Atelier gebeten, um meine Studien ... na ... zu vertiefen.“

„Gute Götter, Gwend...“

„Was?!? Es war in der Fremde. Keiner hier wird je etwas davon erfahren, ich bin niemandem versprochen, habe keinen Bastard in die Welt gesetzt – und außerdem bin ich erwachsen!“, fauchte sie. „Ich kann tun und lassen, was ich will. Das hat dich nicht zu interessieren, solange ich diskret bleibe und keinen Anlass für allzu üblen Tratsch biete.“

„Das ist hoffentlich nicht der reisende Ritter, der neulich hier durch gekommen ist!“

Arbogast sah, wie sich ein beseeltes Lächeln auf die Züge seiner Schwester schlich und hätte in seinem Entsetzen am liebsten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Das spottete doch nun wirklich jeder Beschreibung!

„Hast du den etwa auch erst ohne Rüstung gezeichnet?“, hakte er nach.

„Ich bitte dich ... jetzt schau doch mal genauer hin!“

Das war keine Antwort auf seine Frage, sondern eine Ausflucht – ziemlich billig, noch dazu. Dennoch leistete Arbogast der Aufforderung Folge. Er löste den Blick von Gwendolyns Antlitz und sah wieder auf den Kohlemann hinab. Dessen Gesicht war noch lange nicht fertig, aber das Kinn und vor allem die markante Nase reichten aus, um zu begreifen.

„Liebe Zeit, nein, bitte nicht! Immer noch? Ernsthaft?“

„Er ist nun mal mit weitem Abstand der schönste Mann in der Gegend und noch dazu ein liebgewonnener Kindheitstraum. Jetzt mach ihn mir nicht madig!“, gab sie feixend zurück. „Abgesehen davon wäre er wahrscheinlich ganz dankbar, wenn es irgendwann mal ein fertiges Gemälde mit Rüstung gäbe? Eitel genug ist er doch ...“

„Und verheiratet!“

„Na und? Ich zeichne ihn ja nur und schlafe nicht mit ihm.“

„Wenn Greifgolda das sieht, bringt sie dich auf der Stelle um! Weißt du denn nicht, dass die Frau eine Großmeisterin in Sachen Eifersucht ist?“, fragte Arbogast.

„Wenn sie mir vorher noch verrät, ob der Bereich direkt unterhalb der Gürtellinie wenigstens halbwegs dem Original entspricht, wäre das in Ordnung für mich. Dann hätten meine Lehre und mein Leben am Ende doch noch einen Sinn gehabt!“

Gwendolyn grinste zwar und ließ dadurch erkennen, dass es ihr mit dieser haarstäubenden Aussage nicht ernst war. Trotzdem traf sie Arbogast wie ein Fausthieb in die Magengrube. Denn so naiv, unbekümmert und versponnen seine Schwester nach außen auch wirken mochte – in ihrem Inneren haderte sie gelegentlich, das wusste er. Damit, wer sie war und wie sie war und wie wenig das nach Weiden passte. Das ließ sie beileibe nicht so kalt, wie es gern mal den Anschein hatte. Allein schon aus dem Grund hätte sie Arbogasts Meinung nach im Horasreich bleiben sollen, als sich ihr die Gelegenheit bot. In der Heimat ihrer Mutter fiel sie nicht auf wie ein bunter Hund, sondern fügte sich ganz gut ein. Schon als Kind hatte Gwendolyn ein paar Jahre dort gelebt und am Ende ihrer letzten Reise eine Anstellung bei einem aufstrebenden Künstler angeboten bekommen. Als ... Zuarbeiterin oder so. Arbogast begriff nicht, was das bedeutete, auch wenn sie schon mehrfach versucht hatte, es ihm zu erklären.

Er wusste nur eins: Gwendolyn war wieder zurück zu ihm auf die Hollerstockhöhe gekommen. Vor ziemlich genau zwei Götterläufen. Und beinahe genauso lange suchte sie nach einem Platz für sich. Nach einer Aufgabe. Einem Sinn, mit dem sie ihr Leben füllen konnte. Der war aber nicht so leicht zu finden, da keiner der großen Höfe in der Mittnacht einen Künstler suchte, die kleinen sich so etwas nicht leisten konnten oder wollten und der Rhodenstein für sie „noch keine Option“ war, wie sie selbst sagte. Also verbrachte sie ihre Zeit meist damit, den einst von der Mutter umgestalteten Garten zu hegen, zu pflegen und zu erweitern, romantische Geschichtlein zu lesen, durch den Wald zu streifen und kranke oder verletzte Tiere mit nach Hause zu bringen, statt irgendetwas zu schießen, tagträumend durch das Gutshaus zu tänzeln und ... na ja, Bilder von ihrem nackten Baron zu zeichnen.

Arbogast hatte eine vage Ahnung, wie sich das alles für sie anfühlte. Aber letztlich war die wirklich sehr vage. Als halber Horasier, Schwertgeselle und Ritter nur ehrenhalber fiel er selbst in einigen Punkten aus dem Rahmen, den die Weidener Gesellschaft für sie aufgespannt hatte. Immerhin aber war er ein Krieger und konnte sich dadurch in den Augen der anderen bewähren, um seinen Platz zu finden. Bei Gwendolyn verhielt es sich anders. Sie sprengte das Gestell komplett. Vielleicht, wenn sie sich dem Gesang zugewandt hätte und nicht der Malerei ... vielleicht hätte sie dann eine Chance in der Mittnacht gehabt, wo das Handwerk der Barden hoch geschätzt wurde. Er hatte seinerzeit verzweifelt versucht, ihr das zu erklären, war aber an ihrer Sturheit gescheitert. Sie hatte ihm zu verstehen gegeben, dass ihr gleich war, was die Weidener dazu sagten und dass sie ihrem Herzen folgen musste.

Sie hatte sich mit ihrem Eigensinn selbst ins Bein geschossen. Und gerade war sie leider schon wieder dabei – indem sie sich einem weiteren Vorschlag Arbogasts rundheraus verweigerte. Sehr ausdauernd und mit großer Vehemenz. Als Familienoberhaupt hatte er natürlich darüber nachgedacht, was getan werden konnte, um ihrem Leben eine Wendung zu geben und sie aus der Sackgasse herauszuholen, in der sie gerade steckte. Die Lösung, auf die er gekommen war, erschien ihm so einfach wie elegant: Gwendolyn brauchte einen Mann. Sie musste eine eigene Familie gründen. Das wäre dann ihr Platz im Leben und auch ihre Aufgabe. Eine, die sie sicher erfüllen würde, davon war er überzeugt. Nur sie ... leider nicht so ganz.

Wann immer er ihr mit dem Ansinnen kam, versuchte, ihr die Idee schmackhaft zu machen, oder gar Männer auf die Hollerstockhöhe einlud, damit sie sie beschnuppern und hoffentlich Gefallen an ihnen finden konnte, durchkreuzte sie seine Bemühungen mit einer Effizienz, dass einem Hören und Sehen vergehen konnte. Das Ganze war unfassbar ernüchternd und Arbogast hatte sich mehr als einmal gefragt, was die Spielchen überhaupt sollten. Es ergab in seinen Augen keinen Sinn, denn im Grunde war sein Schwesterchen Männern überhaupt nicht abgeneigt – wie das Bild von Lanzelund gerade mal wieder eindrucksvoll belegte.

Arbogast richtete den Blick auf Gwendolyns Werk und seufzte leise. Er weigerte sich, zu glauben, dass sie insgeheim immer noch in den Herrn der Hollerheide verschossen war und deshalb keinem anderen Mann eine Chance gab. Das wäre undenkbar gewesen. Albern ... . Es kam nicht in Frage! Wenn sie aber ... wenn sie womöglich ... . War es denkbar, dass sie jeden ihrer bemitleidenswerten Galane mit dem absonderlichen Idealbild verglich, das sie da gerade zu Pergament gebracht hatte? In dem Fall ...

„Wie wäre es, wenn du dir einen eigenen Mann suchen würdest und den dann zeichnest, hum?“, wagte er einen etwas zahnlosen Vorstoß. „Dann müsstest du die Gattin nicht fragen, ob dein Bild die Vorlage trifft, sondern könntest ... äh ...“ Er stockte, als sie den Blick zum zweiten Mal von ihrem Geschöpf löste und ihn belustigt ansah.

„Was für ein Mann soll das denn sein, dass es mich in den Fingern juckt, wie bei Seiner Hochgeboren?“, fragte sie mit einem koketten Augenaufschlag. „Das Panoptikum, das du bis jetzt aufgefahren hast, war dazu ja kaum geeig...“

„Gwendolyn ... Gwen ... Lynnie ... komm schon. Mach mich nicht schwach!“, flehte er.

„Nein, ich denke, da bleibe ich doch lieber bei mei...“

Arbogast konnte nicht anders: Er griff kurzentschlossen zu, entwand ihr die Kladde, schloss sie mit einem vernehmlichen Klacken und klemmte sie unter seinen Arm.

„Schluss jetzt damit!“, brummte er. „Du hast für heute genug gezeichnet, geh ins Haus! Trissa hat gesagt, ihr wollt noch über irgendetwas reden. Sie ist jetzt so weit. Und ich ... werde das hier verschwinden lassen. Nicht dass das am Ende noch irgendjemand sieht!“

„Wenn du dir einen geheimen Vorrat anlegen willst, sollten das dann nicht besser Frauen sein, geschätzter Bruder?“, fragte Gwendolyn spitz.

Dabei funkelten ihre Augen derart mutwillig, dass Arbogast erstmals der Gedanke kam, sie könnte ihn gerade verladen haben. Dass das Ganze nur ein saudummer Scherz war. Ein gwendolynscher Kommentar zu seinen Versuchen, ihr einen Mann aufzuschwatzen. Zuzutrauen war es ihr. Sie sah zwar aus, als könne sie kein Wässerchen trüben, aber hinter dem harmlosen Antlitz taten sich Abgründe auf ... so schwarz wie ein Orkpelz.

„Untersteh dich!“, rief er – halb im Zorn, halb bemüht, nicht in Gelächter auszubrechen – und hob mahnend den Finger. „Und jetzt schieb ab, bevor ich mich vergesse, Rotzgöre!“

Sie quittierte seine Worte mit einem artigen Knicks und spritze dann tatsächlich davon. Er starrte ihr noch einen Moment grübelnd hinterher – bei weitem nicht zum ersten Mal von einem Gefühl der absoluten Überforderung erfüllt. Was hatten sich seine Eltern bloß dabei gedacht, so früh zu sterben und ihn mit diesem Dämon in Heiligengestalt allein zu lassen?