Der unwillige Sohn
Dramatis Personae:
- Trautmann von Gugelforst (Junker von Lichtwacht)
- Bosper (ein Waffenknecht)
Burg Lichtwacht, Baronie Nordhag, Anfang Efferd 1042 BF
Trautmann von Gugelforst war zufrieden mit sich selbst. Wie beinahe jeden Morgen stand er am inneren Mauerring seiner kleinen Burg und überblickte das Land, das ihm zur Verwaltung übertragen worden war. Hier fanden sich keine größeren Siedlungen, keine goldenen Weizenfelder oder saftigen Wiesen und auch keine großen Herden. Das Land war vom düsteren Schattenforst bedeckt, lag am Fuße des mächtigen Finsterkamms und barg unzählige Gefahren. Hier gab es – neben dem sicheren Tod, wenn man sich zu tief hinein wagte – nichts als Felsen, Bäume, zwei reißende Gebirgsbäche, die nach dem Winter zu Flüssen anschwollen, einen verwunschenen Sumpf und eben Burg Lichtwacht.
Seit beinahe drei Wintern war sie seine Heimat. Trautmann hatte das Gemäuer, einen uralten Stützpunkt der Bannstrahler, als halbe Ruine übernommen und in kurzer Zeit wieder zu einer Heimat für Menschen gemacht. Travia, Rondra und, so hoffte er, auch Praios zum Wohlgefallen. Die Wehranlage lag auf einem Ausläufer des Bergmassivs und war recht überschaubar an Größe: Neben zwei Türmen, Ställen und einem neu errichteten Gutshaus, gab es, zum Teil unter Tage, eine Kapelle des Praios. Gänzlich unter Tage lag der einstige „Giftschrank“ Weidens, in dem der Orden vom Bannstrahl in der Zeit der Herzogenwahrer bedenklich Schriften und Artefakte verwahrt hatte.
In der etwas geräumigeren Vorburg lebten bis vor Kurzem die Fronpflichtigen des Adeligen – wie wohl schon vor 700 Sommern zu Zeiten der Priesterkaiser. Vor erst wenigen Monden brachen sie ihre Lager hier ab und zogen in die beiden, neu errichteten Höfe am Fuße des Hügels, was der ganzen Anlage nun wieder etwas Luft zum Atmen gab. Lichtwacht lag fernab vom Schuss. Nach Nordhag war es eine gute Tagesreise und aus genau diesem Grund musste sich die Anlage, damals wie heute, selbst versorgen können. Das gelang bislang eher schlecht als recht zwar – dicke Bäuche suchte man hier jedenfalls vergebens.
Der einstige äußere Mauerring um die Vorburg war an vielen Stellen eingefallen gewesen und mit hölzernen Palisaden geflickt worden. Steine und der damit verbundene logistische Aufwand waren in dieser Lage sehr schwer zu bekommen und hätten die finanziellen Mittel des Junkers gesprengt. Die Trümmer, die nach so langer Zeit noch verwertbar waren, hatte Trautmann für die Renovierung der „Hauptburg“ genutzt. Lichtwacht mochte von außen wie Flickwerk aussehen, dennoch war die Burganlage wieder so wehrhaft, dass ihr bloßer Anblick kleine und mittelgroße Orkgruppen davon abhielt, etwas zu versuchen - wohl auch weil das was man hier finden konnte wohl den Aufwand nicht wert gewesen wäre.
Die Burg war an sich nicht allzu schwer zu verteidigen und die Standortwahl war eine weise gewesen. Folgte man dem Pfad von Nordhag kommend, so erblickte man die Anlage erst auf den letzten zwei Meilen. Ein schmaler, sich schlängelnder Pfad führt hoch zur Burg. Der Hang davor war über die letzten Jahre ausgeholzt worden und diente zum einen den Leibeigenen als Weide für ihre Ziegen und Schafe, zum anderen gewährte er einen besseren Blick auf eventuelle Gefahren, die sich der Burg aus dem Tal und Schattenforst näherten.
Ja, Trautmann hatte hier so einiges bewegt und nun, da auch der Fluch gebannt war und er die Kapelle in den fähigen Händen der Gemeinschaft des Lichts wusste, konnte er sich neuen Aufgaben zuwenden. Das sah wohl nicht nur er so, sondern auch seine Mutter. So deutete er ihre vermehrten Briefe innerhalb der letzten Monde zumindest. Der Ritter konnte sich denken, worauf ihre Mitteilungsbedürftigkeit hinauslief, auch wenn die Mutter selbstverständlich bedacht genug war, das Thema nicht offen zu erwähnen. Trautmann war aber nicht auf der Einbrennsuppe dahergeschwommen und konnte zwischen den Zeilen lesen – das sollte vor allem Travine Erlgard von Gugelforst wissen: Sie hatte ihn nicht zum Dämlack erzogen. Darüber hinaus war der Junker mit einem Instinkt gesegnet, der ziemlich verlässlich anschlug, sobald etwas im Busch war. Und gegenwärtig war dies der Fall ... eindeutig. Es war im Grunde die ewig gleiche Leier: „Such dir eine Frau und gründe eine Familie.“ Er rollte mit den Augen.
Es war kein Geheimnis, dass seine Mutter sich eine Schwiegertochter wünschte ... und Enkel. Viele Enkel. Doch wollte Trautmann das auch? Seit seinem erfolglosen Werben um die Hand seiner jetzigen Lehnsherrin hatte er sich nicht mehr mit dem Thema auseinandergesetzt. Dabei war der Gugelforster stets ein Mann gewesen, der beim Weibsvolk ganz passabel ankam. Er war groß, hatte breite Schultern, Brust und Rücken, die von Waffenübungen gestählt waren, und auch Körperpflege war ihm nicht fremd. An der Seite des Grafen hatte er stets Wert darauf gelegt, anständig adjustiert und sauber zu sein – oft um ein Vielfaches sauberer als sein Dienstherr. Und auch auf Burg Lichtwacht ließ er sehr bald schon eine Badekammer einrichten, die er überdurchschnittlich oft aufsuchte. Seine braunen Haare waren auf die Länge einiger Finger gekürzt und sein Bart nie mehr als das, was nach drei Tagen zu stehen vermochte.
Der Junker war ein oft sehr ruhiger Mann mit weichen Gesichtszügen, prominenter Nase und milden braunen Augen. Es brauchte schon viel, um ihn in Wallung zu bringen. Doch wenn es einmal so weit kam, mochte man gar jenes Feuer in ihm erkennen, durch das sich sein Schwertvater sich seit Jahr und Tag auszeichnete und für das er gefürchtet war.
Trautmann zog das letzte Schreiben seiner Mutter unter seinem Gürtel hervor. Er trug es schon seit einigen Tagen mit sich herum und warf immer mal wieder einen Blick darauf. ‚... sieh’ zu, dass du dich anständig kleidest ...‘ Was bei den Gehörnten sollte das bedeuten? Er seufzte.
„Ihr wollt nicht hin, habe ich recht?“
Die Stimme eines Mannes in seinem Rücken riss den Gugelforster aus Lethargie und Tagträumereien. Es war Bosper, ein Waffenknecht, der wohl gerade seinen Rundgang absolvierte. Trautmann hatte ihn vor einigen Tagen darum gebeten, ihn nach Weidenhag zu begleiten.
„Bin ich so einfach zu durchschauen?“ Der Ritter zwang sich zu einem Lächeln, doch der Versuch missglückte und alles, was sich auf seinem Antlitz zeigte, war eine seltsame Grimasse. „Sie wird mich an meine Pflicht erinnern mir ein Weib zu suchen.“
„Und das ist warum genau schlimm?“ Der Knecht war ein schlanker Mittdreißiger. Er war still und pflichtbewusst und erinnerte Trautmann irgendwie auch an sich selbst. „Ihr seid ein junger, gesunder Mann. Wünscht Ihr Euch keine Frau, die Euch das Bett wärmt und Euch Kinder schenkt?“
„Hum ...“, erwischt, „... ja, aber es soll meine Wahl sein und nicht die meiner Mutter. Im schlimmsten Fall hat sie schon irgendwen angekarrt.“
„Wann habt Ihr denn das letzte Mal Zeit aufgewendet, um Euch nach einem Weib umzusehen? Ihr verlasst seit Monden kaum mehr die Burg und grabt Euch stets in Arbeit ein. Ich denke nicht, dass Eure Zukünftige von sich aus ihren Weg nach Lichtwacht findet.“ Bosper ließ nicht locker.
Als Antwort folgte ein Seufzen. Trautmann wandte sich ab und blickte hinaus auf die bewaldete Vorgebirgslandschaft vor seiner Burg. Der Mann hatte nicht ganz unrecht. Er hat sich schon lange nicht mehr mit dem Weibsvolk auseinandergesetzt und gelegen hatte er auch schon länger bei keiner mehr. Hier auf Lichtwacht war die Auswahl ja auch nicht besonders groß und am Grafenhof war er nur noch selten. „Ich soll also nach Weidenhag reiten?“
„Wenn Ihr meinen Rat wollt ...“
Der Junker wandte sich wieder seinem Waffenknecht zu und lächelte gequält: „Du hast recht. Es hier auszusitzen, macht es bestimmt nicht besser. Am Ende kommt Mutter noch hierher.“ Dieser Gedanke zauberte dem Ritter dann doch ein ehrliches Lächeln auf die Lippen. „Also gut. Dann gilt es wohl, meine guten Sachen herzurichten. Wir brechen morgen auf, damit wir am zwölften Tage des Travia eintreffen ... wie von ihr gewünscht.“