Die komplizierte Schwester
Dramatis Personae:
- Gwendolyn von Dûrrnwangen (Hofkünstlerin und Buchmalerin)
- Arbogast von Dûrrnwangen (Junker der Hollerstockhöhe)
Junkergut Hollerstockhöhe, Baronie Hollerheide, Mitte Efferd 1042 BF
„Ihr müsst immer schön die Bäuchlein kraulen, ja? Dann geraten die Eingeweide in Schwung und das ist wichtig. Sonst gelangt die Milch nämlich nicht da hin, wo sie hin muss. Und das wäre ganz, ganz schlecht. Das wollen wir nicht.“
Arbogast blinzelte irritiert. Er war auf dem Weg zum Nutzgarten und davon ausgegangen, dass er seine Schwester dort über irgendeinem Grünzeug finden würde. Salat, Bohnen, Gurken, vielleicht auch Erd- oder Himbeeren. Beim Zerfleddern und Sezieren all dieser Pflanzen war sie schon erwischt worden und hatte sich dadurch eine Menge Ärger mit Merowech, dem Koch, und seiner Gemahlin Petrissa eingehandelt. Niemandem auf der Hollerstockhöhe wollte einleuchten, dass Gwendolyn so etwas dabei helfen konnte, ihre Kunst zu verfeinern. Essen war nun mal zum Essen da und nicht, um zerlegt und gemalt zu werden.
Allerdings verfügten Kohl und Kartoffeln nicht über Bäuche, die gekrault werden mussten. Und Arbogast hatte seine Schwester zwar schon dabei erwischt, wie sie mit Blumen sprach, aber noch nie mit Obst oder Gemüse. Auch die säuselnde Stimme kam ihm ziemlich verdächtig vor. Deshalb reckte er neugierig den Hals, konnte aber vorerst niemanden sehen. Also öffnete er das hölzerne Törchen zu diesem abgetrennten Teil des Gartens und sah sich um.
„Was passiert denn, wenn die Milch nicht ankommt?“
Die helle Stimme eines Kindes ertönte just, als Arbogast den Namen seiner Schwester rufen wollte – und sorgte dafür, dass er nach rechts abbog. Offenbar spielte sich das Geschehen hinter den Bohnenstangen ab. Es war also kein Wunder, dass er niemanden entdeckt hatte.
„Dann platzen die Bäuche auf und die kleinen Kerlchen sterben.“
Arbogast zuckte erschrocken zusammen. Gerade noch war er stolz darauf gewesen, wie viel Mühe sich Gwendolyn gab, einem der Kinder hier auf dem Gut etwas zu erklären – und jetzt so was! Wie konnte sie nur?
„Iiiiiiiih. Neeeee, das glaub ich nicht!“, fiepste die Kinderstimme.
„Nicht? Willst du es riskieren? Dann bist du aber am Tod einer deiner Mitkrea...“
„Zum Gruße miteinander!“, schmetterte Arbogast lauthals los, bevor er die Bohnen ganz umrundet hatte und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Das würde den Gedanken an platzende Bäuche hoffentlich aus dem Kopf des armen Kindes vertreiben, das in die Fänge seiner gnadenlosen Schwester geraten war.
Ein Blick reichte aus, um erkennen, dass es nicht nur ein Kind war, sondern derer gleich zwei. Merowechs Nachwuchs, um genau zu sein: Die siebenjährige Espe und der elfjährige Barl saßen zwischen den Bohnenstangen und dem Beet mit den Erbsen im feuchten Dreck und starrten Gwendolyn aus riesigen, ungläubigen Augen an. Jeder der Knirpse hielt ein Katzenjunges in den Händen – es wurden aber gerade keine Bäuchlein gekrault, weil das Entsetzen zu groß war. Gwendolyn schien von den verstörten Blicken ihrer kleinen Gehilfen allerdings keine Notiz zu nehmen. Auch sie saß im Dreck, was Arbogast im Angesicht ihres bestimmt sehr teuren Rocks tadelnd die Stirn runzeln ließ.
Außerdem beglückwünschte er sich selbst im Stillen dazu, Merowech nicht mit in den Garten genommen zu haben. Denn wenn der gesehen hätte, was seine Augen gerade schauten, wäre ein riesiges Donnerwetter unvermeidbar gewesen: Gwendolyn hielt den Spritzbeutel, der normalerweise zum Verzieren von Gebäck und Torten genutzt wurde, in der linken Hand, um den Katzenwelpen in ihrer rechten zu säugen. Das wäre in den Augen seines Kochs, der nicht nur auf sein Können, sondern auch auf seine Küche sowie die zugehörigen Utensilien große Stücke hielt, sicher ein ausgewachsener Skandal gewesen. Arbogast fand es eher zum Schmunzeln, hätte das Merowech gegenüber aber nie zugegeben.
„Minka ist heute Morgen nicht zur Küche gekommen, um sich ihre Milch zu holen. Und dann habe ich hier vorhin das Geschrei von den Winzlingen gehört“, hob Gwendolyn ansatzlos zu einer Erklärung an, die er zwar nicht gefordert hatte, die ihm aber dennoch sehr willkommen war. „Wir können sie ja nicht einfach sterben lassen, richtig?“
„Nein, sicher nicht.“ Arbogast schüttelte den Kopf, hakte aber sicherheitshalber nach: „Was ist denn mit der Katze? Ist sie krank?“
„Bei meiner Rückkehr gestern schien sie kerngesund“, kam es umgehend zurück. „Ich schätze, sie ist über Nacht mal wieder in den Wald gestromert und hat sich vielleicht zu tief hinein gewagt. Ein Fuchs? Marder? Dachs? Uhu? Wer weiß.“ Gwendolyn hob den Kopf, um ihn aus traurigen blauen Augen anzusehen, lächelte dabei aber tapfer und hob die Schultern, als sie ein leises „So ist der Gang der Dinge“ anfügte.
„Hmhum“, brummte Arbogast, während sein Blick an einem bunten Tuch hängenblieb, das seine Schwester wie einen Stirnreif um ihren Kopf gewunden hatte. Darunter lugte ausnahmsweise unfrisiertes Blondhaar hervor, das tief in ihren Rücken fiel. Zusammen mit den großen Augen, den hohen Wangenknochen und der kleinen Nase verlieh es ihrem schmalen Gesicht eine irgendwie ... elfenhafte Anmutung. Ausgerechnet jetzt, wo er etwas sehr Ernstes mit ihr besprechen wollte, sah Gwendolyn aus wie ein Elfchen, das ohnehin schon an seinem endlosen Weltschmerz zu zerbrechen drohte. Das war doch ... das war einfach nicht gerecht!
„Hast du mich gesucht?“, fragte sie – und riss ihn damit aus einer Betrachtung.
„Äh ... ja. Ich muss mit dir reden, Gwen.“
„Jetzt gleich? Oder kann das noch ein bisschen warten?“
Konnte es noch warten? Arbogast kratzte sich am Kopf. Er hatte sie gestern Nachmittag vollkommen unbehelligt gelassen, weil er wollte, dass sie erst mal ganz in Ruhe wieder zu Hause ankommen konnte. Heute Morgen hatte er sein Anliegen auch nicht erwähnt, weil er sie damit nicht auf leeren Magen quälen wollte. Und wenn er bis heute Abend wartete, blieb ihr wahrscheinlich nicht genug Zeit, um sich vor dem Einschlafen wieder abzuregen. Bis morgen wollte er aber nicht warten, weil er es ja irgendwann mal hinter sich bringen musste. Es half schließlich nichts, das Elend immer weiter aufzuschieben ... . Arbogast seufzte, schüttelte dann jedoch entschieden den Kopf.
„Nein, ich fürchte, das kann nicht warten“, meinte er. „Komm bitte mit!“
Er sah, wie sich eine steile Falte auf Gwendolyns Stirn bildete. Offenbar gab ihr seine Aufforderung zu denken und sie hätte gern gewusst, was los war. Dankenswerterweise fragte sie aber nicht und leistete auch keine Widerworte, sondern nickte nur. Dann trennte sie den Welpen vorsichtig vom Spritzbeutel und reichte beides an Barl weiter.
„Nicht auf den Rücken legen, ja? Immer schön aufrecht halten“, sagte sie. „Und wenn der Kleine nicht mehr will, dann macht ihr, was ich euch gesagt habe: Bäuchlein streicheln! Je länger desto besser. Und wenn ihr damit fertig seid, sucht ihr euch in der Vorratskammer eine Kiste mit hohen Wänden. Da kommen die drei rein und werden auf die Terrasse gestellt. Am besten bleibt ihr dabei und behaltet sie im Auge. Schafft ihr das, Barl?“
Der Junge nickte mit strahlenden Augen.
„Und du sorgst dafür, dass deine Schwester nichts riskiert!“
„Ja, mache ich“, versprach Barl.
Nachdem das geklärt war, erhob sich Gwendolyn, klopfte die größten Erdkumpen von ihrem feinen Röckchen und sah Arbogast fragend an: „Wohin gehen wir denn?“
„Wir drehen eine Runde durch den Garten.“
„Ach?!“
Statt etwas zu erwidern, schob er seine Schwester mit sanfter Gewalt aus dem Nutzgarten und schloss das Törchen hinter ihnen.
„Du siehst so ernst aus. Muss ich mir Sorgen machen?“, Gwendolyn ließ nicht locker.
„Eigentlich nicht“, sagte Arbogast, während er sich ein paar Schritte von den Kindern, den Welpen, dem Obst und Gemüse entfernte. Erst als er sicher war, außer Hörweite zu sein, hob er wieder an: „Eigentlich müsstest du dich freuen. Aber ich kenne dich zu gut, um glauben zu können, dass du das tun wirst. Also bin ich für das Schlimmste gewappnet, was wohl die Erklärung für die ernste Miene ist.“
„Aha?!“ Ein Fünkchen Misstrauen glomm in den Augen einer Schwester auf. Sie sagte aber nichts weiter, sondern hob nur fragend die Brauen.
„Ich möchte, dass du jemanden kennenlernst“, Arbogast ging ganz unvermittelt in die Vollen. Je schneller er mit der Wahrheit herausrückte, desto schneller würde alles vorbei sein. Hoffte er jedenfalls. Wenn er erst noch großartig herumeierte, würde das keinem von ihnen etwas bringen und das Leiden vermutlich nur unnötig in die Länge ziehen.
„Oh nein“, hauchte Gwendolyn leise. „Nicht wirklich, oder?“
„Was?“
„Einen Mann? Schon wieder?“
„Habe ich dir je Anlass zu der Hoffnung gegeben, dass ich nachlassen würde?“
„Und was wird es diesmal?“, fragte sie mit einem alarmierend scharfen Unterton in der Stimme. „Lädst du wieder einen armen, auf den Mund gefallenen Zwerg hierher ein? Oder schleppst du mich auf einen Fleischmarkt, auf dem Frauen wie Rinder durch den Ring gezogen werden, auf dass ein abgebrochener Troll sie mit seinen Blicken entkleiden kann?“
Arbogast starrte seine Schwester einen Moment schweigend an und holte dann tief Luft:
„Also erstens: Das war kein Zwerg! Der junge Mann nennt einfach nur eine sehr bullige Statur sein Eigen und wirkt dadurch kleiner als er tatsächlich ist. Abgesehen davon handelt es sich um einen ausgesprochen höflichen und netten Kerl. Er hat offenbar nicht viel Erfahrung mit Frauen, aber deshalb hättest du ihn nicht derart auflaufen lassen müssen. Ernsthaft ... der Arme traut sich wahrscheinlich nie wieder, irgendeine anzusprechen.“
„Er wirkte auf mich, als ob er es sehr nötig hätte. Also schätze ich, dass er vielleicht eine ... höchstens zwei Wochen gebraucht hat, um sich von dem Schreck zu erholen.“
„Und zweitens: Dafür habe ich mich nun wirklich oft genug entschuldigt! Ich wusste so wenig wie du, wie das da in Waldenwinkel ablaufen würde. Du hast zweifellos Recht: Es war unter aller Würde. Dennoch hättest du den Troll nicht mehrfach vor seiner versammelten Gästeschar bloßstellen sollen und du hättest erst recht nicht auf ihn schießen dürfen!“
„Ich habe nicht auf ihn geschossen. Ich habe nur grob in seine Richtung gezielt. Du kennst mich ja wohl gut genug, um zu wissen, dass ich einen derart kapitalen Bock auf die Entfernung nicht verfehlt hätte.“
„Du hast auf den Stand mit den Erfrischungen direkt hinter ihm gezielt, ein riesen Chaos und unfassbaren Lärm verursacht und dafür gesorgt, dass er diese komische Weidenthalerin vor Schreck von oben bis unten mit seinem Met einsaut ...“
„Die hatten es beide nicht besser verdient!“
„Also bitte!“
„Ja, was denn? Hast du dir das Weib mal genauer angeguckt?“, zischte Gwendolyn. „Die stand kurz davor, dem ungepflegten Kerl auf planer Fläche die Zunge in den Hals zu stecken. Es waren bei der Fleischbeschau auch ein paar sehr liebe und anständige Frauen zugegen, die ernsthaftes Interesse hatten. Tsalinde zum Beispiel. Oder Gunelde. Hätten die vielleicht noch ein halbes Wassermaß dabei zusehen sollen, wie diese schlechte Karikatur von einer Adelsperson sabbernd in den Ausschnitt der falschen Schlange starrt?“
„Humtja ...“
Arbogast hätte seine Schwester gern tadelnd angesehen, brachte bei der Erinnerung an das fassungslose Gesicht des Waldenwinklers aber nur ein amüsiertes Glucksen zuwege. Es war ihnen zwar gelungen, die festliche Gesellschaft von einem bedauerlichen Unfall zu überzeugen. Was halt so passierte, wenn man ahnungslose Adelsfräuleins dazu aufforderte, mit Pfeil und Bogen auf Zielscheiben zu schießen, um ihr Geschick unter Beweis zu stellen. Die Kompensation für das ruinierte Kleid der Weidenthalerin hatte allerdings geschmerzt – und ihr zorniger Blick fuhr ihm seinerzeit bis ins Mark. Er war ein Grund dafür gewesen, dass sie die Veranstaltung weit vor der Zeit verließen. Und irgendwie hielt Arbogast das heute noch für eine sehr weise Entscheidung.
„Ich konnte ja nicht wissen, dass er anfängt, wie ein Mädchen zu kreischen und in die Luft zu springen“, schob Gwendolyn just nach.
„Gleich wie: Keine Pfeile mehr, ist das klar? Wenn ich sehe, dass du diesmal grob in die Richtung irgendeines Menschen zielst, kannst du dir ein neues Zuhause suchen. Dann hast du der Familie so viel Schmach bereitet, dass ich dich hier nicht mehr aufnehme“, drohte Arbogast.
„Pfffft“, machte Gwendolyn und hob die Schultern. „Dann lass es doch einfach gleich bleiben.“
„Nein, das tu ich auf keinen Fall. Nicht diesmal!“
Offenbar war es ihm gelungen, seine Worte mit ausreichender Entschiedenheit vorzubringen, denn seine Schwester blieb stehen, um ihm einen überraschten Blick zuzuwerfen.
„Wieso? Was ist denn diesmal anders?“
„Wir sind eingeladen. Nur wir zwei, niemand sonst“, erklärte Arbogast mit ruhiger Stimme. „Von der Mutter des Mannes und ins Haus seiner Base. Es wird Familie zugegen sein und damit ist der Rahmen ein anderer als bei den Treffen, die ich bisher vereinbart hatte.“
„Wieso das denn?“, Gwendolyn schien irritiert.
„Die Initiative ging von dort aus, nicht von hier.“
„Aber warum? Ich meine ... ich bin doch nur ... ich. Mein Ruf ist denkbar schlecht. Also weshalb sollte jemand ... .“ Sie hielt inne und ihre Augen wurden noch größer, als sie es ohnehin schon waren. „Von wem reden wir hier, Arbogast? Du wirst ja wohl kein Treffen mit irgend so einem ... Böcklin oder Rauheneck oder Hölderlingen oder ... sonstigen Quertreibern vereinbart haben, nur um mich endlich loszuwerden?“
„Gugelforst“, erwiderte er nicht ganz ohne Stolz.
„Hä ... was?“
„Die Familie Gugelf...“
„Die Traviafrömmler? Bist du verrückt?“
„Baronin Gwidûhen...“
„Die hat doch keine Söhne im rechten Alter für mich?!“
„Das ist die Base. Die übrigens den Rahja-Tempel in Weidenhag gestiftet hat“, er sprach den Namen der Schönen Göttin überdeutlich aus, weil er hoffte, dass er so durch das Chaos in Gwendolyns Kopf dringen und ihr Bewusstsein erreichen würde.
„Base ... ?“
Nein, es hatte sie offenbar nicht erreicht.
„Ihre Hochgeboren Gwidûhenna ist die Base des Mannes, um den es geht“, erklärte Arbogast. „Hochwürden Travine von Weidenhag seine Mutter.“
„Die Vorsteherin des Traviatempels?“
„Genau die.“
„Oh, Liebliche, hab doch Gnade mit mir! Das kann nicht dein Ernst sein?!“ Arbogast beobachtete verwundert, wie noch das letzte bisschen Farbe aus dem Gesicht seiner Schwester wich und ihre Augen feucht zu glänzen begannen. „Willst du mich umbringen?“
„Jetzt übertreib doch nicht so!“
„Travine von Weidenhag? Als oberste Sittenwächterin der Trutz verrufen? Neben der hätte unsere alte Gouvernante wahrscheinlich noch wie ein verruchtes Luder aus der Balihoer Südstadt ausgesehen! Was soll das werden? Willst du, dass die mir jetzt die Flausen austreibt, bei denen es dir nicht gelungen ist? Und ein braves, angepasstes Eheweib aus mir macht?“
Arbogast hätte das Ganze vielleicht witzig gefunden, wäre nicht allzu offensichtlich gewesen, dass seine Schwester wirklich kurz davor stand, in Panik auszubrechen. Also griff er nach Gwendolyns schmalen Schultern und stieß ein leises „Schhh!“ aus.
„Jetzt beruhig dich erst mal“, murmelte er. „Ich habe mich länger mit Ihrer Hochwürden unterhalten und sie hat auf mich nicht den Eindruck gemacht, als wolle sie dich verbiegen oder gleich ganz brechen. Sonst hätte ich doch kein Treffen in Betracht gezogen. Außerdem würdest du dich gar nicht direkt unter ihrer Fuchtel befinden. Ihr Sohn, Trautmann von Gugelforst, verwaltet ein eigenes Junkertum in der Baronie Nordhag.“
„Nordhag?“
„Ja.“
„Wo da?“
„Recht weit im Süden, meine ich. In den Ausläufern des Finsterkamms.“
„Des Finsterkamms?“
„Ja.“
„Willst du mich nicht einfach gleich an die Orks verramschen, nachdem ich ihnen dort ja wohl früher oder später unweigerlich in die Hände fallen werde?“, schnappte sie.
„Gwendolyn!“
„Wer ist dieser Kerl?“
„Trautmann?“
„Ja. Was weißt du über den?“
„Was seine Mutter mir erzählt hat. Er ist ein wohlerzo...“
„Was seine Mutter dir erzählt hat? Das heißt, du kennst ihn gar nicht?“
„Dafür ist ja das Treffen gedacht: Dort können wir uns alle kennenlernen.“
„Gute Götter! Warum nur, Arbogast? Was habe ich dir denn bloß getan? Bin ich wirklich so schrecklich, dass du mich hier nicht mehr erträgst?“
„Nicht doch! Du bist überhaupt nicht schrecklich. Aber du zählst nun 25 Winter und bist damit in einem Alter, in dem man wirk...“
„DU BIST NOCH VIEL ÄLTER ALS ICH!“, schrie sie ihn förmlich an. „Warum kümmerst du dich nicht erst mal um dich selbst, bevor du mich in die Auslage stellst?“
Arbogast zuckte erschrocken zusammen, gab ein gehetztes „Gwendolyn, du liebe Zeit!“ von sich und warf dann einen sichernden Blick in die Runde. Im Grunde hätte er sich das sparen können, denn selbst wenn er hier niemanden sah: So laut, wie seine Schwester gerade geworden war, hatte man ihre Stimme sicher bis in Gutshaus vernommen. Und noch darüber hinaus. Er seufzte, gab ihre Schultern frei und griff nach ihrem Arm, um sie zum Pavillon zu geleiten – in der stillen Hoffnung, dass sich ihr Gemüt dort rasch etwas abkühlen würde. Glücklicherweise leistete sie keine Gegenwehr, sondern ließ sogar zu, dass er sie auf eine der steinernen Bänke setzte, die das kleine Rondell einfriedeten.
Dann ging er vor ihr in die Hocke, nahm sich ein Herz und sah in ihre Augen auf. In denen lieferten sich Zorn, Furcht und Verzweiflung gerade ein furioses Gefecht. Arbogast konnte nicht sagen, welches die vorherrschende Emotion war. Nur, dass es sich nicht um eine gute Mischung handelte und er nun dringend etwas sagen musste, um die Situation zu entschärfen.
„Ich will dich nicht loswerden, Gwendolyn, und du bist auch nicht schrecklich. Du bist meine Schwester und ich liebe dich. Ich will nicht, dass dich irgendjemand verbiegt oder umerzieht und wenn einer solche Tendenzen erkennen ließe, würde ich ihm deine Hand nicht geben. Ich hoffe, das weißt du?“
„Warum dann das Ganze?“, fragte sie mit zittriger Stimme. „Ich meine ... mir geht es doch gut hier? Dir geht es gut? Uns allen? Und so teuer, dass ich unsere Familie in den Ruin treiben würde, bin ich nun auch wieder nicht. Ich werde sicher ... irgendwann Aufträge erhalten. Dann kann ich etwas beitragen und falle dir nicht nur zur Last. Ich will ja ni...“
„Darum geht es doch nicht!“
„Worum dann?“
„Du wirst hier keine Erfüllung finden, versteh das doch bitte endlich!“, Arbogast warf seiner Schwester einen flehenden Blick zu. „Es kann mit dir nicht ewig so weitergehen. Du lebst allein mit deinem Bruder mitten im Wald, wo dich niemand zufällig kenn...“
„Erfüllung? Aber da finde ich die, oder was?“, fragte Gwendolyn zornig. „Am Rande des Finsterkamms mit dem Herrn Junker, den du nicht mal kennst und über den du mir nichts als das wiedergekäute Lob seiner Mutter geben kannst? Was denkst du? Dass die dir aufrichtig Bericht erstattet hat? Wahrscheinlich ist der Kerl genauso ein hoffnungsloser Fall wie ich, sonst hätte sie doch nach einer Frau gesucht, die eher den Idealen der Weidener Gesellschaft entspricht und nicht ... so eine Schreckschraube. Gugelforst ... was haben die überhaupt von einer Verbindung mit unserer Familie? Wo ist da der Haken?“
„Frag dich nicht, was die davon haben. Frag dich lieber erst einmal, was wir davon haben. Was du davon hast, vor allem.“
„Und das wäre?“
„Enge Bande zu einem ebenso gut beleumundeten wie vernetzten Adelshaus, die es dir erlauben werden, nicht nur privat, sondern auch beruflich neue Wege zu beschreiten“, gab Arbogast rasch und sehr entschieden zurück. Er war froh, dass sie nun endlich den Punkt erreichten, der seiner Meinung nach das größte Plus darstellte – jedenfalls vom Standpunkt seiner Schwester aus betrachtet. „Dadurch werden sich dir mit Blick auf deine Profession Türen öffnen, von denen du jetzt noch gar nichts ahnst, und du wirst dir neue Mögl...“
„Schert mich nicht!“, fiel sie ihm kurz angebunden ins Wort.
„Äh ... was?“, Arbogast stierte seine Schwester verdattert an.
„Das interessiert mich nicht“, wiederholte sie und schüttelte energisch den Kopf. „Was bist du nur für ein Dummkopf, Walram Arbogast Firminius von Durrnwangen! Wäre mir das das Wichtigste, würde ich in einem Palazzo im Neuen Reich und von meiner eigenen Hände Arbeit leben. Tu ich aber nicht, weil es mir darum nicht geht. Es geht um dich! Meine Familie. Ich will bei Menschen leben, die mich lieben und schätzen und denen ich mich zugehörig fühle. Ich habe nur noch dich und will dir nahe sein. Drum schmerzt es umso mehr, dass du mich abzuschieben trachtest. Zu Leuten, die mich nicht kennen und die mich wahrscheinlich nicht mal mögen werden. Einer Schwiegermutter, die einfach nur ein Weib für ihren Sohn braucht. Und einem Mann, der bloß seine Pflicht erfüllt. Ist das das Beste, was du dir für mich vorstellen kannst, ja? Das Beste, was ich von meinem Leben erwarten darf?“
„Liebes ...“, hob Arbogast an, hielt aber gleich wieder inne, weil seine Stimme nicht so fest klang, wie er es gern gehabt hätte. Da saß mit einem Mal ein dicker Kloß in seinem Hals und zwang ihn, zu schweigen. Also griff er erst mal nach den Händen seiner Schwester, um sie zu drücken – ihr begreiflich zu machen, dass er sie gehört und verstanden hatte und mit ihr fühlte.
Als er sich wieder halbwegs auf der sicheren Seite wähnte, atmete Arbogast tief durch und wagte einen zweiten Versuch: „Wenn du dich immer nur an mich klammerst und ich mich an dich, wird keiner von uns jemanden Neues kennen oder lieben lernen. Dann wird die Familie Durrnwangen aus zwei Personen bestehen, bis wir beide den Weg alles Derischen gehen – und sie schließlich ganz erlischt. Ich verstehe deine Vorbehalte und gelobe, dass ich nichts über deinen Kopf hinweg entscheiden werde. Aber ich bitte dich inständig: Gib der Sache eine Chance! Vielleicht entwickelt sich ja alles ganz anders, als du denkst, und die Familie, der du dich zugehörig fühlst, wird rasch sehr viel größer?“
„Warum kommst du nicht erst mal deiner Pflicht als Familienoberhaupt nach und gehst mir mit gutem Beispiel voran?“, fragt sie zurück.
„Das werde ich“, meinte Arbogast ruhig. „Ich habe seit dem Gespräch mit Hochwürden Travine viel nachgedacht und begriffen, dass ich die Sache nicht so lange hätte schleifen lassen dürfen. Nicht im Angesicht der schwierigen Situation, in der sich unsere Familie befindet. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich mich der Sache annehmen werde – in Zukunft auch für mich und nicht mehr nur für dich.“
„Das klingt gut“, murmelte Gwendolyn und nickte zufrieden. „Dann halten wir es doch einfach so, oder nicht?! Du suchst dir eine Frau und wenn das halbwegs unter Dach und Fach ist, darfst du wieder mit der Suche nach einem Mann für mich beginnen. Meinetwegen auch in Nordhag ... oder Weidenhag ... oder sonst wo am Ende der Welt. Wenn es nicht anders geht. Ich verspreche im Gegenzug, dass ich mich weniger unmöglich verhalten werde, um es dir nicht mehr ganz so schwer zu machen.“
Seine Schwester wagte ein schiefes, vorsichtig hoffnungsvolles Lächeln und es brach Arbogast fast das Herz, ihr die Nachricht zu verkünden, die er bisher zurückgehalten hatte:
„Ich fürchte, das wird nicht gehen.“
„Warum nicht?“
„Weil ich bereits einem Treffen zugestimmt habe.“
„Was? Wann?“
„Am 12. Travia. Im Hag, dem Baronssitz von Weidenhag.“
„Ohne mich zu fragen?“
„Du warst ja nicht da.“
„Du hast einem derart bedeutenden Treffen zugestimmt, ohne vorher auch nur ein Wort mit mir zu wechseln?“ Gwendolyn wurde jetzt wieder lauter.
„Gwen...“
Noch ehe ihr Name ganz ausgesprochen war, entriss sie ihm ihre Hände und sprang auf. Einen Moment stand sie über ihm, starrte fassungslos in sein Gesicht und schien um Worte zu ringen. Wut und Verzweiflung kehrten von Jetzt auf Gleich in ihre Augen zurück. Am meisten aber schmerzte die Enttäuschung, die dieses Mal neu hinzutrat.
Arbogast wurde sofort klar, dass er seine Schwester zutiefst verletzt hatte und er wollte wieder nach ihrer Hand greifen, etwas Beschwichtigendes sagen – egal was tun. Doch bevor er auch nur einen Muskel bewegen konnte, schluchzte sie laut auf, fuhr herum und rannte mit wehenden Röcken davon.
Er blieb zurück, wie er war. An einem ihrer liebsten Orte auf der Hollerstockhöhe knieend. Ratlos. Beschämt. Erschüttert. Von dem unguten Gefühl erfüllt, soeben eine schwere Niederlage eingefahren und mit seinem unbedachten Handeln vielleicht mehr Schaden angerichtet zu haben, als er je wiedergutmachen konnte.