Der besorgte Ersatzvater
Dramatis Personae:
- Gwendolyn von Dûrrnwangen (Hofkünstlerin und Buchmalerin)
- Faramund (Kastellan der Hollerstockhöhe)
Motte Waldtreuffen, Junkergut Hennsthal, Herzoglich Waldleuen, 11. Travia 1042 BF
Als er halbwegs sicher war, dass es dem Einen gutging, machte sich Faramund auf die Suche nach der Anderen. Wobei er an den Begriff „gutgehen“ in diesem Fall keine allzu strengen Maßstäbe anlegte. Nüchtern betrachtet war die Stimmung von Arbogast nämlich nach wie vor alles andere als blendend. Und für seinen Gastgeber galt das Gleiche.
Sie waren beide angeschlagen. Der Waldtreuffener offenbar nicht in erster Linie, weil die eine Furie ihm die Beizjagd madig machen wollte, sondern vielmehr, weil die andere ihn in ein Thema gestumpt hatte, mit dem er sich lieber nicht befassen wollte. Und der Dûrrnwanger, weil ihm nach dem heutigen Abend ohne Frage noch mehr vor dem morgigen graute. Gwendolyn hatte ihr liebliches Aussehen mal wieder Lügen gestraft und es war nicht auszuschließen, dass sie Selbiges auch im Hag tun würde. Deshalb hinterfragte Arbogast seine Entscheidung für ihren Besuch bei den Gugelforstern seit rund zwei Stundengläsern sicher noch mal sehr viel gründlicher als er das in den vergangenen Wochen bereits getan hatte.
Gegen all die düsteren Gedanken waren die jungen Männer angegangen, indem sie sich durch den Trophäenraum bewegten wie zwei Kinder durch ein märchenhaftes Wunderland. Sie hatten einander Geschichten von der Jagd erzählt – aus eigener Erfahrung erst und dann allerlei Spannendes und Legendäres, das aus der Vergangenheit ihrer Familien überliefert war. Dazu hatte es Bier gegeben. Ein bisschen zunächst. Dann bisschen mehr. Und schließlich so viel, dass nur noch Raum fürs Schwelgen und keiner mehr für Kopfzerbrechen blieb.
Das war der Moment gewesen, in dem Faramund seinen Abschied nahm, um nach Gwendolyn zu sehen. Denn um die machte er sich offen gesprochen nicht weniger Sorgen als um ihren Bruder. Eigentlich eher mehr. Er steuerte den Rittersaal an, fand dort aber nur noch die Blaubingerin vor, die sich ebenfalls an ihren Humpen klammerte und alles andere als gut aussah. Es war Trauerspiel. Diese ganze Unternehmung war ein fürchterliches Trauerspiel, das den Beteiligten nur Kummer statt Freude zu bereiten schien – wie man es sich zu diesem eigentlich schönen Anlass gewünscht und im Grunde auch erwartet hätte.
Algrid erzählte Faramund, dass Gwendolyn sich schon vor einiger Zeit mit einem Verweis auf die Zofe von ihr verabschiedet hatte. Daraufhin steuerte er die Kammer an, die der jungen Herrin zugewiesen worden war. Dort fand er allerdings nur Rayalina vor, besagte Zofe eben. Dösend und mit einer Menge ... Fraunekruscht um sich herum, der allem Anschein nach noch nicht angerührt worden war. Sie bestätigte ihm diesen Eindruck und schien ebenfalls ziemlich gnatischg. Dass Gwendolyn nicht bei ihr aufgetaucht war wie besprochen, empfand sie als respektlos – und irgendwie hatte sie damit ja auch recht. Faramund schickte die arme Frau ins Bett und machte sich dann zum Stall auf.
Da sie in der Fremde weilten, es neben Arbogast, den Bediensteten und ihm selbst keine vertrauten Gesichter gab, konnte sich das Mädchen Faramunds Einschätzung nach schlechterdings nur an einem Ort aufhalten. Der Verdacht bestätigte sich bald darauf. Ein Blick in den Stallgang reichte: An dessen fernem Ende stand eine kleine Sturmlaterne. Direkt vor dem Verschlag, der Ibdaar zugewiesen worden war. Der Stute mit dem Namen und den schlechten Manieren eines Hengstes. Aus unerfindlichen Gründen hatte Gwendolyn einen Narren gefressen hatte – und umgekehrt schien es sich genauso zu verhalten. Das Tier war im Halbdunkel kaum auszumachen, seine Besitzerin aber schon: Gwendolyn saß im Stroh, sozusagen zu Füßen ihres Pferdes und starrte auf ein zerknittertes Stück Papier. Sie war so konzentriert, dass es eines leisen Schnaubens ihres übermannhohen Wachhunds bedurfte, damit sie aufblickte, Faramund bemerkte und den Brief rasch zusammenfaltete.
„Was machst du denn hier?“, fragte er und schüttelte tadelnd den Kopf.
„Gedanken sortieren.“
„Kennst du den nicht mittlerweile auswendig?“ Faramund lächelte, während er eine vage Geste in Richtung des Schreibens machte.
Gwendolyn hob daraufhin nur die Schultern und ließ das Schreiben eilig aus seinem Sichtfeld verschwinden.
„Steht da drin, dass du dich auf unserer Reise wie die Axt im Walde benehmen sollst? Oder war das deine eigene Idee?“
Gwendolyn schürzte die Lippen und hob abermals die Schultern: „Das war so eigentlich nicht gedacht. Er hat halt einfach nicht aufgehört, Fragen zu stellen. Und wer fragt, dem soll geantwortet werden, oder nicht? Wenn es Meinung gewesen wäre, hätte er die ja auch einfach äußern können, statt zu tun, als würde ihn meine Sicht der Dinge interessieren.“
Faramunds Lächeln wuchs sich zu einem schiefen Grinsen aus: „Und? Hast du vor, morgen mit Ihrer Hochwürden über die Ehe zu streiten? Das Spannungsfeld zwischen Travia- und Rahja-Kirche oder etwas ähnlich Verfängliches? In dem Fall sag mir lieber gleich Bescheid, dann setze ich am Abendtisch nämlich vorsorglich meinen Helm auf.“
Nun lächelte auch Gwendolyn, es wirkte allerdings halbherzig. „Nein, das habe ich nicht vor“, meinte sie. „Aber wenn sie mir Fragen stellt, werde ich darauf selbstverständlich wahrheitsgemäß antworten. Also ... bring ihn vielleicht mit, aber setz ihn nicht gleich auf. Das könnte einen etwas merkwürdigen Eindruck erwecken.“
„Hum.“ Faramund nickte, während er das Gesicht seines Schützlings aufmerksam musterte. Ihm gefiel nicht, was er sah. Gwendolyn wirkte noch angegriffener, als er es vom Abendmahl in Erinnerung hatte. War das Gespräch mit der Blaubingerin am Ende etwa genauso entgleist wie das mit dem Waldtreuffener? Hatte sie zwischenzeitlich noch einen Tiefschlag eingesteckt? „Was ist los, Liebes?“, fragte er schließlich und setzte sich auf einen Strohballen vor dem Verschlag, um eine größere Nähe zwischen Gwendolyn und sich herzustellen. „Du siehst schlecht aus und ich beginne langsam, mich ernsthaft um dich zu sorgen.“
„Ich hätte nicht in dieses Treffen einwilligen dürfen, Faramund“, sagte sie leise.
„Was? Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Ich bin die ganze Zeit davon ausgegangen, dass nur ich das nicht will. Also ... dass der Sohn von Hochwürden weiß, was seine Mutter tut, und dass es seine Zustimmung findet“, murmelte Gwendolyn. „Dass er sie losgeschickt hat, um eine Frau für ihn zu suchen, und dass er folglich auch mit ihrem Besuch bei uns einverstanden war. Dass er mich sehen will. Und sei es nur, um sich die Schreckschraube einmal näher zu betrachten, über die sich offenbar halb Weiden das Maul zerreißt. Zu seinem eigenen Amüsement ... was weiß ich denn? Das wäre in Ordnung für mich gewesen ... was soll’s. Aber so?“
„Aber wie?“
„Sie hat das aus eigenem Antrieb getan, sagt Algrid. Er wusste davon so wenig wie ich. Und vielleicht weiß er es jetzt immer noch nicht. Wenn wir Pech haben und vor ihm in Weidenhag eintreffen, kriegen wir morgen womöglich sogar den Schreckensschrei zu hören, den er ausstößt, wenn sie ihm die frohe Botschaft überbringt. Also wappne dich schon mal ...“ Gwendolyn ließ den Satz mit einem leisen Lachen enden, das allerdings kein bisschen amüsiert klang, sondern eher den Ruch von Verzweiflung hatte.
„Kindchen ...“, Faramund versuchte, eine tadelnde Miene aufzusetzen. „Jetzt übertreib doch bitte nicht so. Kein Mensch auf der Welt wird vor Schreck schreien, wenn er hört, dass er dich kennenlernen wird.“
„Auch keiner, der mich heiraten soll, obwohl er lieber eine Kriegerin hätte?“
„Auch so einer nicht!“
„Was macht dich da sicher, hum?“, hakte Gwendolyn nach. „Ich musste stark an mich halten, um nicht vor Schreck zu schreien, als ich diesen vermaledeiten Waldenwinkler Troll gesehen habe. Und der wich von meinen Vorstellungen vermutlich ungefähr genauso weit ab, wie ich von denen des Herrn Trautmann.“
„Ja, aber du bist ein Sonderfall. Die meisten von uns haben sich besser im Griff und keine so großen Probleme damit, an sich zu halten“, meinte Faramund schmunzelnd. Dann bedeutete er ihr mit einer einladenden Geste, sich zu ihm auf den Strohballen zu setzen.
„Geschenkt!“ Jetzt lächelte sein Mädchen doch tatsächlich – und es wirkte wenigstens gelinde amüsiert. Sie erhob sich auch, kam zu ihm hinüber, nahm folgsam platz und ließ ihn gewähren, als er den Arm vorsichtig um sie legte.
„Ich wage ernsthaft zu bezweifeln, dass du für den Gugelforster einen so grauslichen Anblick bieten wirst wie der Waldenwinkler für dich“, meinte Faramund beschwichtigend. „Wenn man es genau nimmt, bist du nämlich ganz gut gelungen. Ich glaube jedenfalls kaum, dass irgendein Mann dich je als ... Trollin bezeichnen würde. Wir sind da in unserer Wahrnehmung etwas unkritischer als ihr Frauen. Aber das weißt du doch längst, oder nicht?“
„Hum ... vielleicht.“ Gwendolyns Lächeln wurde rasch dünner und sie klang schon wieder sehr ernst, als sie zu einer Erklärung ansetzt: „Die Sache ist die ... ich habe es gehasst, wenn Arbogast diese Kerle angeschleppt hat, um sie mir vorzustellen. Jedes einzelne Mal. Ich wollte die nicht auf der Hollerstockhöhe haben, fragte mich immer, was die eigentlich in meinem Heim wollen und hätte sie am liebsten direkt wieder weggeschickt. Die gehörten da nicht hin! Und jetzt werde ich halt angekarrt ... verstehst du?“
Sie sah ihn aus großen, unglücklichen Augen an und fuhr direkt fort, weil sie ihm wohl von der Nasenspitze ablesen konnte, dass das leider nicht der Fall war:
„Ich habe eingewilligt und Seine Wohlgeboren offenbar nicht, weil er das gar nicht konnte. Das ist ... doch irgendwie genau dasselbe wie mit Arbogasts Kandidaten, oder was meinst du? Und ich mag nicht diejenige sein, die er da gar nicht haben will. Die ungefragt in sein Heim eindringt und von der er sich dort gestört fühlt. Nach allem, was ich gehört habe, ist er von seiner Mutter erst übergangen worden und wird dann morgen auch noch überrumpelt. Und wenn sie mich ihm vorführen, ruhen die neugierigen Blicke seiner ganzen Sippe auf ihm. Dann wird er begafft wie so ein ... na, weiß nicht ... eine Zirkusnummer halt.“
„Das ist aber gar nicht sein Zuhause und daher schon im ersten Punkt nicht vergleichbar“, meinte Faramund, weil ihm zu den anderen erst mal nichts einfiel.
„Toll. Danke. Das hilft mir sehr“, fuhr Gwendolyn auf. „Dann ist ja alles gut.“
„Sag mal ... verstehe ich das eigentlich richtig, dass du dir um das Befinden Seiner Wohlgeboren gerade mehr Sorgen machst als um dein eigenes?“
„Ich kann mich halbwegs einfühlen, weil ich schon ein paarmal in seiner Situation gesteckt habe“, gab Gwendolyn achselzuckend zurück. „Und außerdem kann ich ihm keinen Vorwurf machen, weil er an dem ganzen Schlamassel so wenig Schuld trägt wie ich. Oder ... vielleicht sogar weniger? Wenn ich mich versagt hätte, wäre ihm das Ganze ja erspart geblieben.“
„Man sagt aber nicht einfach ‚Nein‘ zu einer Hochgeweihten.“
„Ja, richtig. Ich nicht und er wohl erst recht nicht.“
„Und wenn du ihm keinen Vorwurf machen kannst, wirst du ihn wohl auch nicht guten Gewissens wegbeißen können, wie die unglücklichen Kerle, die bisher in dein Heim eingedrungen sind hum?“, hakte Faramund vorsichtig nach.
„Ich müsste im Umkehrschluss darauf hoffen, dass er mich nicht wegbeißt“, antwortete sie, während sie den Kopf vertrauensselig auf Faramunds Schulter legte. „Oder ich lasse mir eine andere Begründung für meine Gemeinheiten einfallen. Zum Beispiel, dass er sich bei dieser Leudane damals nicht ein bisschen mehr in Zeug gelegt hat. Wenn er deren Gunst errungen hätte, wäre uns das Ganze hier schließlich auch erspart geblieben, nicht wahr?“
„Hmhum“, meinte Framund. Das klang schon eher nach der Gwendolyn, die er kannte. „Oder wenn du einfach einen von den anderen Kerlen genommen hättest.“
„Nein, das kam nie in Frage!“
„Vielleicht wären sie gar nicht so schlimm gewesen, wenn du ihnen nur eine Chance gegeben hättest, Liebes“, seufzte Faramund.
Darauf antwortete sie nicht.
„Also, was nun? Bekommt der Gugelforster als Erster eine?“ So schnell gab Faramund nicht auf, sondern bohrte mit einen amüsierten Feixen auf den Lippen weiter: „Weil er sich im Vorfeld nichts zuschulden hat kommen lassen, meine ich? Sprich: Nicht die Frechheit besaß, seiner Mutter oder deinem Bruder gegenüber Interesse an dir zu bekunden?“
„Weiß noch nicht“, murmelte Gwendolyn. „Ich brauche auf jeden Fall eine neue Strategie. Rundheraus destruktives Verhalten schickt sich für Gäste nicht. Und wenn er eh nicht interessiert ist, kann ich die Zähne auch da lassen, wo sie sind. Dann brauche ich die gar nicht zum Einsatz zu bringen, weil das Ganze unabhängig von meinem Verhalten nichts wird.“
Interessant! Wenn das der Schluss war, den Gwendolyn aus der tatsächlich recht unglücklichen Situation zog, konnten sie alle miteinander sehr erleichtert sein. Das war allemal besser, als wenn sie entschieden hätte, das Weite zu suchen – nicht zuletzt, weil sie mit Abstand das schnellste Pferd besaß. Und es war sicher auch besser als die Schreckensszenarien, die sich Arbogast nach dem Streitgespräch vom Abend ausmalte. Faramund würde ihn darüber informieren, ehe sie am Hof der Gugelforsterin ankamen. Aber erst morgen. Der Junge hatte es in seinen Augen verdient, noch ein bisschen zu schmoren. Schließlich arbeitete er mit großem Fleiß daran, Faramund einen der beiden Menschen zu entreißen, die er an Kindes Statt in seinem Herzen aufgenommen hatte und um keinen Preis der Welt wieder hergeben wollte.
Fürs Erste nickte der Betagte Tobrier also nur und drückte seinen Schützling fest an sich.
„Das klingt in meinen Ohren nach einem ganz guten Plan, Gwennieleinchen“, brummelte er dann leise. „Wenn du zudem vorhast, wachzubleiben und nicht am Tisch einzuschlummern oder im Halbschlaf irgendwelche Zusagen zu machen, die du später bitter bereust, solltest du dich langsam mal ins Bett begeben. Komm, steh auf! Ich bring dich hin.“