Zwei junge Weidener Adelige auf dem Weg in die Ehe.

Zeit: Rahja 1041 BF - noch offen

Dramatis Personae (als Hauptpersonen):

Wird laufend fortgeführt und ergänzt

 


 

Der schönste Mann


Dramatis Personae:

 

Junkergut Hollerstockhöhe, Baronie Hollerheide, Mitte Rahja 1041 BF

Arbogast hielt inne, als er den Pavillon erreichte. Statt seine Schwester direkt zu begrüßen, studierte er lieber erst einmal das Bild, das sich ihm bot. Gwendolyn stand an einem ihrer liebsten Orte auf der Hollerstockhöhe. Sie war hergekommen, um „ganz in Ruhe ernsthaft zu arbeiten“. So hatte sie es jedenfalls ausgedrückt. Es bestand eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was er als ernsthafte Arbeit bezeichnete, und dem, was sie als solche empfand. Aber ganz unbestritten ging sie dem Handwerk nach, das sie erlernt hatte – und daher wäre es unangemessen gewesen, eine Diskussion vom Zaun zu brechen.

Um seine kleine Schwester herum verteilt lagen und standen Pergamente, zwei zerfledderte Büchlein, Tiegel, eine Farbmischplatte, Pinsel, Kreidestifte, Federkiele, Schaber, Tücher sowie ein Krug mit Wasser. Vor sich hatte sie die Staffelei aufgebaut und eine Leinwand darauf gespannt. Und davor wiederum thronte auf einem dreibeinigen Schemel eine Vase mit Blumen. Rote Blumen, weiße Blumen, gelbe Blumen und violette Blumen mit allerlei Grünzeug dazwischen. Es war bestimmt ein ganz wunderbares Arrangement, das es verdiente, in einem Gemälde verewigt zu werden. Gwendolyn besaß nämlich ein untrügliches Gespür für derlei, wohingegen er ... nun, er hatte eben einfach keine Ahnung.

Deshalb verlor Arbogast auch schnell das Interesse an dem Blumenstrauß und ließ den Blick weiter wandern. Hinüber zu seiner Schwester, die sich viel zu leicht gekleidet hatte, wie er fand. Es war der Hitze geschuldet, das wusste er. Und im Grunde gab es hier auf dem Gut ja niemanden, der allzu lüsterne Blicke werfen würde, oder vor dem sie sich aus noch schlimmeren Gründen in Acht hätte nehmen müssen. Dennoch verspürte er das dringende Bedürfnis, Gwendolyn zu ermahnen. Dazu, sich doch bitte irgendetwas überzuwerfen. Etwas, das aus festerem und vor allem blickdichterem Stoff bestand, als der zwar bodenlange, aber dennoch eher ent- als verhüllende Hauch von Nichts, der ihre zarte Gestalt gerade umspielte.

Gut, sie trug einen Kittel. Aber der hatte keine Ärmel und stand vorn auch noch weit offen. Was Arbogast bei näherer Betrachtung irgendwie widersinnig erschien, wenn jemand mit Ölfarben hantierte und seine sicher skandalös teure Kleidung vor Schaden bewahren wollte. Irritiert sah er zu den Farben hinüber und stellte fest, dass sie allesamt unangetastet waren. Gwendolyn hielt einen Kohlestift in der rechten Hand und eine Kladde in der Linken. Sie malte also gar nicht auf Leinwand, sondern zeichnete auf Pergament. Eine Skizze vielleicht? Vorarbeiten für das Gemälde, das sie später noch anzufertigen gedachte?

Arbogast sah prüfend ins Gesicht seiner Schwester, bemerkte eine gesunde Röte, die ihre Wangen überhauchte, sowie ihre glühenden Augen und fragte sich, wie ein Haufen sterbender Pflanzen so viel Begeisterung auslösen konnte. Sie bemerkte ihn ja offenbar nicht einmal, obwohl er nun schon eine ganze Weile neben ihr stand und sich sogar ein paarmal leicht bewegt hatte, um besser sehen zu können. Daher beschlich ihn nun auch der Verdacht, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging. Also trat er kurz entschlossen auf sie zu und warf einen neugierigen Blick auf die Zeichnung, an der sie arbeitete.

Es bedurfte nur eines Wimpernschlags, um zu erkennen, dass die mit Pflanzen nichts zu tun hatte. Stattdessen starrte er auf einen splitterfasernackten Mann. Reichlich konsterniert, wohlgemerkt, denn dessen Leib war derart perfekt geformt, dass es jedem Normalsterblichen Tränen der Verzweiflung in die Augen treiben musste. Mit widerwilligem Interesse besah sich Arbogast stramme Lenden, ein grauenhaft schmales Becken, den V-förmigen Oberkörper, die vielen schwellenden Muskeln, die makellose Haut ... . Es war alles da. Wirklich alles!

„Gwen“, murmelte er und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie verstört er war. „Ich dachte, du willst Blumen malen. Was in aller Götter Namen ist das?“

„Ein Mann“, erwiderte sie mit heiter-beschwingter Stimme.

Die Tatsache, dass sie nicht erschrocken zusammengezuckt war oder wie am Spieß geschrien hatte, als er sie ansprach, ließ ihn vermuten, dass ihr seine Anwesenheit vielleicht doch nicht ganz entgangen war. Sie versuchte auch nicht, ihr Werk vor ihm zu verbergen, sondern machte in aller Seelenruhe weiter. Keine Scham erkennbar. Nur Freude an dem, was ihr Kohlestift da aufs Papier brachte.

„Wieso malst du einen nackten Mann, Schwester?“, hakte er vorsichtig nach.

„Weil das eine hohe Kunst ist, Bruder. Den Körper eines Menschen auf Pergament zu bannen, allzumal in Bewegung und anatomisch korrekt, erfordert viel mehr Können als so ein paar traurige Blümlein. Es hat mich einfach gepackt. Und warum denn auch nicht? Ich meine ... ist doch so weit ganz gut gelungen, oder findest nicht?“

„Ja und ... wo ist dein Modell? Also, wie ... ?“

Nun hielt Gwendolyn doch inne. Sie wandte sich ihm zu, hob den Stift langsam an ihre Schläfe und ließ ihn ein paarmal leicht auftippen:

„Hier oben. Ob du es glaubst oder nicht: Ich weiß, wie nackte Männer aussehen. Ganz gut sogar. Was denkst du denn, was ich in meiner Lehre getan habe? Die ganze Zeit nur Stillleben geübt, oder was? Meinst du vielleicht, damit lässt sich Geld verdienen. Wenn du dich über Wasser halten willst, musst du Menschen malen. Je eitler und reicher desto besser.“

„Ja, aber doch nicht so!“ Arbogast lachte leise.

„Du musst wissen, wie ein nackter Körper beschaffen ist, bevor du ihn fachgerecht in Kleidung verpacken kannst“, antwortete sie schlicht.

„Ich wage zu bezweifeln, dass sich das, was du da gezeichnet hast, in irgendeine Bruche dieser Welt verpacken ließe“, meinte Arbogast mit einem vielsagenden Blick in die Leibesmitte des feuchten Traums aus schwarzem Kohlestaub.

„Wirklich?“, Gwendolyn wandte sich wieder von ihm ab und legte den Kopf schief, um ihr Werk kritisch zu betrachten. „Ich glaube, du hast keine Ahnung, mein Lieber. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie so etwas ohne Schwierigkeiten erst entblößt und dann wieder verpackt wurde. Du solltest vielleicht nicht von dir auf andere schließen.“

„Du was ... hast ... was?“, stotterte Arbogast.

„Ich habe mein Wissen nicht nur aus Büchern. So was studiert man am lebenden Objekt“, erklärte sie amüsiert. „Das ist ganz normal, also schau mich nicht so komisch an. Landschaften male ich ja auch nicht nur von Bildern ab, sondern stelle mich meist mitten rein.“

„Willst du mir damit sagen, dass ich unser hart erwirtschaftetes Geld ausgegeben habe, damit du dir nackte Perricumer und Horasier angucken kannst? Dass du da unten im Süden den lieben Tag lang auf bloße Männerärsche gestarrt hast?“

„Gelegentlich, ja. Und auf Frauenärsche auch.“

„Was?“

„Frauen“, wiederholte sie geduldig. „Die weibliche Anatomie habe ich natürlich auch studiert und mich an ihr geübt. Meist bereitet das offen gesprochen mehr Vergnügen. Wenn du mich fragst, ist der weibliche Körper deutlich besser gelungen als der männliche und im Allgemeinen auch schöner anzuschauen.“

„Warum zeichnest du dann jetzt einen Mann?“

„Die Erinnerung ist noch frisch!“

„Gwendolyn!“

„Was denn?“, sie schmunzelte und setzte den Stift wieder an.

Während er von der Seite ungläubig starrte, begann seine Schwester, dem bislang schmerzlich leeren Gesicht ihres Geschöpfs mit ein paar feinen Strichen mehr Form zu verleihen. Arbogast dachte lieber nicht darüber nach, was es zu bedeuten hatte, dass sie sich diesem Teil des Körpers ganz am Ende erst widmete. Sollte das nicht eigentlich der wichtigste sein?

„Bitte sag mir, dass das Ganze nicht so schweinisch ist, wie ich es mir vorstelle“, forderte er leise.

„Du hast zu lange in der Traviamark gelebt. An Nacktheit ist nichts Schweinisches, wenn man nicht frömmelt“, meinte sie, ohne den Stift abzusetzen. „Die meiste Zeit habe ich zusammen mit anderen da gesessen und alle haben genau das Gleiche skizziert. Ist das züchtig genug?“

„Und wenn das nicht der Fall war?“

„Dann habe ich womöglich hin und wieder auch mal jemanden zu mir ins Atelier gebeten, um meine Studien ... na ... zu vertiefen.“

„Gute Götter, Gwend...“

„Was?!? Es war in der Fremde. Keiner hier wird je etwas davon erfahren, ich bin niemandem versprochen, habe keinen Bastard in die Welt gesetzt – und außerdem bin ich erwachsen!“, fauchte sie. „Ich kann tun und lassen, was ich will. Das hat dich nicht zu interessieren, solange ich diskret bleibe und keinen Anlass für allzu üblen Tratsch biete.“

„Das ist hoffentlich nicht der reisende Ritter, der neulich hier durch gekommen ist!“

Arbogast sah, wie sich ein beseeltes Lächeln auf die Züge seiner Schwester schlich und hätte in seinem Entsetzen am liebsten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Das spottete doch nun wirklich jeder Beschreibung!

„Hast du den etwa auch erst ohne Rüstung gezeichnet?“, hakte er nach.

„Ich bitte dich ... jetzt schau doch mal genauer hin!“

Das war keine Antwort auf seine Frage, sondern eine Ausflucht – ziemlich billig, noch dazu. Dennoch leistete Arbogast der Aufforderung Folge. Er löste den Blick von Gwendolyns Antlitz und sah wieder auf den Kohlemann hinab. Dessen Gesicht war noch lange nicht fertig, aber das Kinn und vor allem die markante Nase reichten aus, um zu begreifen.

„Liebe Zeit, nein, bitte nicht! Immer noch? Ernsthaft?“

„Er ist nun mal mit weitem Abstand der schönste Mann in der Gegend und noch dazu ein liebgewonnener Kindheitstraum. Jetzt mach ihn mir nicht madig!“, gab sie feixend zurück. „Abgesehen davon wäre er wahrscheinlich ganz dankbar, wenn es irgendwann mal ein fertiges Gemälde mit Rüstung gäbe? Eitel genug ist er doch ...“

„Und verheiratet!“

„Na und? Ich zeichne ihn ja nur und schlafe nicht mit ihm.“

„Wenn Greifgolda das sieht, bringt sie dich auf der Stelle um! Weißt du denn nicht, dass die Frau eine Großmeisterin in Sachen Eifersucht ist?“, fragte Arbogast.

„Wenn sie mir vorher noch verrät, ob der Bereich direkt unterhalb der Gürtellinie wenigstens halbwegs dem Original entspricht, wäre das in Ordnung für mich. Dann hätten meine Lehre und mein Leben am Ende doch noch einen Sinn gehabt!“

Gwendolyn grinste zwar und ließ dadurch erkennen, dass es ihr mit dieser haarstäubenden Aussage nicht ernst war. Trotzdem traf sie Arbogast wie ein Fausthieb in die Magengrube. Denn so naiv, unbekümmert und versponnen seine Schwester nach außen auch wirken mochte – in ihrem Inneren haderte sie gelegentlich, das wusste er. Damit, wer sie war und wie sie war und wie wenig das nach Weiden passte. Das ließ sie beileibe nicht so kalt, wie es gern mal den Anschein hatte. Allein schon aus dem Grund hätte sie Arbogasts Meinung nach im Horasreich bleiben sollen, als sich ihr die Gelegenheit bot. In der Heimat ihrer Mutter fiel sie nicht auf wie ein bunter Hund, sondern fügte sich ganz gut ein. Schon als Kind hatte Gwendolyn ein paar Jahre dort gelebt und am Ende ihrer letzten Reise eine Anstellung bei einem aufstrebenden Künstler angeboten bekommen. Als ... Zuarbeiterin oder so. Arbogast begriff nicht, was das bedeutete, auch wenn sie schon mehrfach versucht hatte, es ihm zu erklären.

Er wusste nur eins: Gwendolyn war wieder zurück zu ihm auf die Hollerstockhöhe gekommen. Vor ziemlich genau zwei Götterläufen. Und beinahe genauso lange suchte sie nach einem Platz für sich. Nach einer Aufgabe. Einem Sinn, mit dem sie ihr Leben füllen konnte. Der war aber nicht so leicht zu finden, da keiner der großen Höfe in der Mittnacht einen Künstler suchte, die kleinen sich so etwas nicht leisten konnten oder wollten und der Rhodenstein für sie „noch keine Option“ war, wie sie selbst sagte. Also verbrachte sie ihre Zeit meist damit, den einst von der Mutter umgestalteten Garten zu hegen, zu pflegen und zu erweitern, romantische Geschichtlein zu lesen, durch den Wald zu streifen und kranke oder verletzte Tiere mit nach Hause zu bringen, statt irgendetwas zu schießen, tagträumend durch das Gutshaus zu tänzeln und ... na ja, Bilder von ihrem nackten Baron zu zeichnen.

Arbogast hatte eine vage Ahnung, wie sich das alles für sie anfühlte. Aber letztlich war die wirklich sehr vage. Als halber Horasier, Schwertgeselle und Ritter nur ehrenhalber fiel er selbst in einigen Punkten aus dem Rahmen, den die Weidener Gesellschaft für sie aufgespannt hatte. Immerhin aber war er ein Krieger und konnte sich dadurch in den Augen der anderen bewähren, um seinen Platz zu finden. Bei Gwendolyn verhielt es sich anders. Sie sprengte das Gestell komplett. Vielleicht, wenn sie sich dem Gesang zugewandt hätte und nicht der Malerei ... vielleicht hätte sie dann eine Chance in der Mittnacht gehabt, wo das Handwerk der Barden hoch geschätzt wurde. Er hatte seinerzeit verzweifelt versucht, ihr das zu erklären, war aber an ihrer Sturheit gescheitert. Sie hatte ihm zu verstehen gegeben, dass ihr gleich war, was die Weidener dazu sagten und dass sie ihrem Herzen folgen musste.

Sie hatte sich mit ihrem Eigensinn selbst ins Bein geschossen. Und gerade war sie leider schon wieder dabei – indem sie sich einem weiteren Vorschlag Arbogasts rundheraus verweigerte. Sehr ausdauernd und mit großer Vehemenz. Als Familienoberhaupt hatte er natürlich darüber nachgedacht, was getan werden konnte, um ihrem Leben eine Wendung zu geben und sie aus der Sackgasse herauszuholen, in der sie gerade steckte. Die Lösung, auf die er gekommen war, erschien ihm so einfach wie elegant: Gwendolyn brauchte einen Mann. Sie musste eine eigene Familie gründen. Das wäre dann ihr Platz im Leben und auch ihre Aufgabe. Eine, die sie sicher erfüllen würde, davon war er überzeugt. Nur sie ... leider nicht so ganz.

Wann immer er ihr mit dem Ansinnen kam, versuchte, ihr die Idee schmackhaft zu machen, oder gar Männer auf die Hollerstockhöhe einlud, damit sie sie beschnuppern und hoffentlich Gefallen an ihnen finden konnte, durchkreuzte sie seine Bemühungen mit einer Effizienz, dass einem Hören und Sehen vergehen konnte. Das Ganze war unfassbar ernüchternd und Arbogast hatte sich mehr als einmal gefragt, was die Spielchen überhaupt sollten. Es ergab in seinen Augen keinen Sinn, denn im Grunde war sein Schwesterchen Männern überhaupt nicht abgeneigt – wie das Bild von Lanzelund gerade mal wieder eindrucksvoll belegte.

Arbogast richtete den Blick auf Gwendolyns Werk und seufzte leise. Er weigerte sich, zu glauben, dass sie insgeheim immer noch in den Herrn der Hollerheide verschossen war und deshalb keinem anderen Mann eine Chance gab. Das wäre undenkbar gewesen. Albern ... . Es kam nicht in Frage! Wenn sie aber ... wenn sie womöglich ... . War es denkbar, dass sie jeden ihrer bemitleidenswerten Galane mit dem absonderlichen Idealbild verglich, das sie da gerade zu Pergament gebracht hatte? In dem Fall ...

„Wie wäre es, wenn du dir einen eigenen Mann suchen würdest und den dann zeichnest, hum?“, wagte er einen etwas zahnlosen Vorstoß. „Dann müsstest du die Gattin nicht fragen, ob dein Bild die Vorlage trifft, sondern könntest ... äh ...“ Er stockte, als sie den Blick zum zweiten Mal von ihrem Geschöpf löste und ihn belustigt ansah.

„Was für ein Mann soll das denn sein, dass es mich in den Fingern juckt, wie bei Seiner Hochgeboren?“, fragte sie mit einem koketten Augenaufschlag. „Das Panoptikum, das du bis jetzt aufgefahren hast, war dazu ja kaum geeig...“

„Gwendolyn ... Gwen ... Lynnie ... komm schon. Mach mich nicht schwach!“, flehte er.

„Nein, ich denke, da bleibe ich doch lieber bei mei...“

Arbogast konnte nicht anders: Er griff kurzentschlossen zu, entwand ihr die Kladde, schloss sie mit einem vernehmlichen Klacken und klemmte sie unter seinen Arm.

„Schluss jetzt damit!“, brummte er. „Du hast für heute genug gezeichnet, geh ins Haus! Trissa hat gesagt, ihr wollt noch über irgendetwas reden. Sie ist jetzt so weit. Und ich ... werde das hier verschwinden lassen. Nicht dass das am Ende noch irgendjemand sieht!“

„Wenn du dir einen geheimen Vorrat anlegen willst, sollten das dann nicht besser Frauen sein, geschätzter Bruder?“, fragte Gwendolyn spitz.

Dabei funkelten ihre Augen derart mutwillig, dass Arbogast erstmals der Gedanke kam, sie könnte ihn gerade verladen haben. Dass das Ganze nur ein saudummer Scherz war. Ein gwendolynscher Kommentar zu seinen Versuchen, ihr einen Mann aufzuschwatzen. Zuzutrauen war es ihr. Sie sah zwar aus, als könne sie kein Wässerchen trüben, aber hinter dem harmlosen Antlitz taten sich Abgründe auf ... so schwarz wie ein Orkpelz.

„Untersteh dich!“, rief er – halb im Zorn, halb bemüht, nicht in Gelächter auszubrechen – und hob mahnend den Finger. „Und jetzt schieb ab, bevor ich mich vergesse, Rotzgöre!“

Sie quittierte seine Worte mit einem artigen Knicks und spritze dann tatsächlich davon. Er starrte ihr noch einen Moment grübelnd hinterher – bei weitem nicht zum ersten Mal von einem Gefühl der absoluten Überforderung erfüllt. Was hatten sich seine Eltern bloß dabei gedacht, so früh zu sterben und ihn mit diesem Dämon in Heiligengestalt allein zu lassen?

 


 

Von Mutter zu Bruder


Dramatis Personae:

 

Junkergut Hollerstockhöhe, Baronie Hollerheide, Ende Praios 1042 BF

Zwei Reiterinnen näherten sich von Rahja kommend dem Jagdgut Hollerstockhöhe. Eine davon, gewandet in den orange-gelben Ornat der Geweihten der Eidmutter, die andere unverkennbar eine Ritterin – in Kettenzeug, grünem Wappenrock und mit gegürtetem Langschwert. Das Tempo der beiden war gemächlich, doch das Ziel eindeutig.

„Ist hübsch hier“, meinte Algrid Blaubinge von Pergelgrund und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Die Ritterin war eine eher klein gewachsene Frau mit schulterlangem, braunem Haar und athletisch-kräftigem Körperbau. Sie war eine Dienstritterin der Baronin von Weidenhag und wie so oft begleitete sie die Hochgeweihte Travine auf ihren Reisen. Einst hatten sie diese gar bis in die Schluchten und Täler der Roten Sichel geführt.

„Mhmm“, brummte die ältere Geweihte daraufhin, nahm ihren Blick dabei aber nicht von dem repräsentativen Jagdschlösschen, das mit kunstvoll gearbeitetem Fachwerk, dunklen Holzschindeln auf dem Dach, einem schönen Spitzgiebel und mehreren Türmchen zwar irgendwie verspielt, aber dennoch rustikal wirkte.

Travines halbjährlicher Besuch in Baliho bei Mutter Aldessia von Rabenmund war wie immer viel zu schnell vorüber gegangen. Es rief schon recht bald wieder die Pflicht und genau diese hatte sie einen kleinen Umweg nach Hollerstockhöhe machen lassen. Der hiesige Junker, Arbogast von Dûrrwangen, suchte schon länger nach einem Ehegatten für seine jüngere Schwester. Ein Umstand, von dem sie allein auf ihrer derzeitigen Reise zu drei verschiedenen Anlässen gehört hatte. Denn eben jene Suche gestaltete sich wohl nicht leicht und die junge Dame, Gwendolyn, hatte es wohl zur Kunstform erhoben, ihre Werber schnell und effektiv zu vergraulen. Ja, es war offensichtlich, dass der Junker jede Hilfe brauchen konnte, die ihm angetragen wurde.

„Bin schon gespannt, was es zu essen gibt“, meldete sich abermals die junge Ritterin an der Seite der Tempelmutter zu Wort – und erntete dafür einen strengen Blick.

„Wir kommen nicht zum Essen, Kind“, ermahnte Travine ihre Begleiterin. „Wir werden dem Junker ein Angebot unterbreiten. Eins zum Wohle unser beider Familien.“

„Ja, ich weiß“, etwas enttäuscht ließ Algrid den Kopf hängen. „Die Sache mit Eurem Sohn.“

„Genau. Es wird Zeit für ihn. Er ist in einem Alter, wo er sich schon längst darum gekümmert haben sollte, Weib und Kind an seiner Seite zu haben.“ Travine seufzte und schüttelte ihr Haupt. „Manchmal denke ich, dass er gar kein Interesse an einer Frau hat und dass ihm die Abweisung der Baronin von Nordhag ganz gut passte.“

Algrid presste die Lippen aufeinander. Dass Trautmann von Gugelforst sehr wohl an Frauen interessiert war, hatte sie schon einige Male am eigenen Leib erfahren dürfen. Es gab jedoch einen Unterschied zwischen dem rahjagefälligen Interesse und dem Willen, sich traviagefällig an eine Frau zu binden. Ein Gedanke, der einer Dienerin Travias wahrscheinlich fremd war. Sie wusste bestimmt, dass er existierte, doch würde sie solch ein Denken beim eigenen Nachwuchs wohl am Wenigsten vermuten – noch dazu, weil der Sohn diese Geschichten anscheinend außerordentlich diskret behandelte. Wenn selbst die eigene Mutter den Verdacht hegte, Trautmann wäre am eigenen Geschlecht interessiert, schien er sich in dem Ansinnen, seine Liebeleien geheim zu halten, ganz geschickt anzustellen.

„Ihr nehmt das also jetzt in die Hände, Hochwürden?“, fragte Algrid.

„So ist es.“ Die Hochgeweihte reckte ihr Kinn. „Es beschämt mich, dass mein Erstgeborener ein Leben als Junggeselle führt, während seine jüngere Schwester schon verheiratet ist und zwei Kindern das Leben schenkte. Wäre doch gelacht, wenn ich ihm nicht innerhalb von ein paar Monden ein Weib finde. Er ist ein anständiger Mann aus einem angesehenen und frommen Haus. Er dient dem Grafen und ist stattlich.“

Die Ritterin an ihrer Seite nickte bestätigend. ‚Darüber hinaus auch noch groß, stark, ruhig, pflicht- und selbstbewusst, dabei aber kein Prahlrik und kein Großmaul ...‘, Algrids Augen rollten kurz zurück, als sie ihre Gedanken immer weiter und weiter spann. Ja, sie würde ihn sofort heiraten ... alle zehn Finger würde sie sich nach einem Mann wie ihm abschlecken. Doch die Räson ließ dies nicht zu – Travine würde sie nie in Betracht ziehen und von Trautmann konnte dahingehend sowieso niemand etwas erwarten.

„Das denke ich auch“, fügte die Ritterin nach einigen Momenten des Schweigens hinzu. Ein kleiner Teil in ihr war gespannt, wer die Göre sein mochte, die in diesem hübschen Anwesen lebte und die Travine für ihren Sohn im Sinn hatte. Auch fand sich tief im Herzen der Blaubingerin ein kleiner Funken der Eifersucht, den sie mit aller Kraft daran hindern musste, zum Feuer zu werden.

Wenige Momente später stiegen die beiden Frauen von ihren Pferden und warteten darauf, dass man ihre Ankunft bemerkte. Um nicht unangemeldet zu erscheinen, hatte die Geweihte dem Hausherrn einen Brief geschickt, in dem sie ihr Kommen ankündigte und der Arbogast vor einigen Tagen hätte erreichen sollen.

Tatsächlich schienen die beiden schon bemerkt worden zu sein, bevor sie von den Pferden stiegen. Anders war nicht zu erklären, dass ein Knecht wie aus den Nichts neben ihnen auftauchte, kaum dass sie sich suchend nach einem eben solchen umsahen.

„Die Götter zum Gruße, Travia ihnen allen voran“, grüßte der Mann artig und verneigte sich, ehe er fragte, ob er „den Damen wohl die Rösser abnehmen“ dürfe. Algrid wollte gerade fragen, wo der Herr des Hauses war, als der Bursche eine eindeutige Geste in Richtung Jagdschloss machte. „Herr Arbogast erwartet Euch schon“, meinte er, bevor er ihr die Zügel abluchste.

Passenderweise tauchte just in dem Moment ein Mann von vielleicht 30 Wintern im kunstvoll beschnitzten Eingangsportal des Schlösschens auf. Er war nicht besonders groß und wirkte auch nicht allzu bullig. Eher wie einer von den zähen Kerlen, die im Kampf lieber auf Schnelligkeit als auf Kraft setzten.

Die Pergelgrunderin meinte zu erinnern, dass der Herr von Hollerstockhöhe nur ein Ritter ehrenhalber war, also nicht die typische Ausbildung eines Weidener Kämpfers durchlaufen hatte. Sie wusste nicht mehr, wo sie das aufgeschnappt hatte, doch schien es ihr jetzt bewiesen. Zumal der Mann kein Kettenhemd oder sonst eine Rüstung trug, sondern Kleidung, die ... nun ja ... edel wirkte und ... sehr ... modisch. Mochte wohl sein, dass er sich in seinen feinsten Zwirn geworfen hatte, um Hochwürden Travine zu empfangen. Jedenfalls hoffte sie das für Trautmann. Denn wenn der Dûrrnwanger immer so rum lief und seine Schwester auch, dann war die ganz sicher nichts für ihn!

Während Algrid ihren Gedanken nachhing, stieg Arbogast die Stufen zum weiten Vorplatz des Schlösschens hinab. Er trug ein offenes Lächeln zur Schau, das ihn trotz der albernen Aufmachung irgendwie sympathisch wirken ließ. Die Pergelgrunderin nahm freundliche dunkle Augen wahr, Feenküsschen und ein Gesicht, das irgendwie lausbubenhaft wirkte. Auch wenn er längst aus dem Alter heraus war, in dem man noch von einem Lausbuben hätte reden können.

„Travia zum Gruße, Hochwürden ...“, als er seine Gäste erreichte, verneigte sich der Dûrrnwanger formvollendet vor Travine. Dann ließ er seinen Blick prüfend über Algrid gleiten und schob ein „... und Wohlgeboren“ nach. „Ich hoffe doch sehr, Eure Reise hierher ist angenehm verlaufen?“

„Die Gütige möge Euer Heim und Haus segnen und Euch Eure Gastfreundschaft vergelten, Wohlgeboren“, dankte die Hochgeweihte dem Junker. Dann wies sie auf die Ritterin neben sich und ergänzte: „Ich darf Euch meine Begleiterin, die Hohe Dame Algrid Blaubinge von Pergelgrund vorstellen.“

Die Angesprochene grüßte den Dûrrnwanger mit der Schwertfaust zum Herzen, überließ sonst aber Travine das Wort. Ihre Vorbehalte gegen den Junker schien die Geweihte nach nicht zu teilen – zumindest ließ sie sich dahingehend nichts anmerken. Das Antlitz der Älteren war freundlich, gütig und ganz anders als Algrid es bisweilen schon erlebt hatte.

Der Pergelgrunderin war bekannt, dass ihre ältere Begleiterin ein bemerkenswertes Wissen darüber hatte, welche Häuser der Mittnacht ihrer Herrin nahestanden und welche nicht. Und sie wusste, dass sie mit mahnenden Worten für gewöhnlich nicht hinter dem Berg hielt. Umso interessanter würde dieses Treffen wohl werden. Vielleicht schafften es die Darbietung und die der Hochgeweihten ja, sie vom eigentlichen Thema abzulenken.

„Die Reise war angenehm und sehr kurzweilig“, fuhr die Tempelmutter fort, als den Formalitäten Genüge getan war. „Ihr habt meinen Brief erhalten und wisst warum ich Euch besuche?“

Dass Travine derart offensiv mit der Tür ins Haus fiel, schien den Dûrrnwanger auf dem falschen Fuß zu erwischen. Sein Lächeln verrutschte ein wenig und auf der von zahllosen Feen geküssten Stirn bildete sich die Ahnung zweier Falten. Es sah eher nach Sorge als nach Missbilligung aus. Dazu passte auch, dass sich die Haltung des Junkers von einem Moment auf den nächsten versteifte und er plötzlich irgendwie angespannt wirkte.

Algrid hatte keine Ahnung, was genau in Travines Brief stand. Wenn sie die Hochzeitpläne für ihren Sohn erwähnt haben sollte, konnte diese Reaktion des Dûrrnwangers aber nichts Gutes bedeuten: Seine aktuelle Miene verriet weder Freude noch Zuversicht, sondern eher Zweifel und Nervosität. Der Mann fand seine Fassung jedoch recht schnell wieder und zwang das Lächeln zurück auf seine Lippen.

„Selbstverständlich habe ich Euren Brief erhalten, Hochwürden“, meinte er mit einem beflissenen Nicken. „Doch lasst uns nicht hier darüber sprechen. Ich habe Most und etwas Kleines zu Essen richten lassen und schlage vor, dass wir uns auf die Terrasse hinterm Haus begeben. Im Garten ist es schattig, ihr könnt es Euch dort bequem machen und vor allem sind wir ungestört. Ich schätze, das wäre angemessener, als hier auf dem Vorplatz zu stehen?!“

Er wartete Travines Nicken ab und deutete dann mit einer galanten Geste auf einen Weg aus Natursteinen, der sich dicht ans Hauptgebäude des Jagdguts schmiegte. Auf diesem schmalen Pfad gingen sie um das Schlösschen herum.

Die Neugier von Algrid war ohnehin geweckt, also hielt sie auch hier die Augen offen, wurde von der allenthalben wuchernden Blütenpracht geradezu erschlagen und nahm vereinzelte Formgehölze sowie einige naturbelassene Sträucher zur Kenntnis. Es roch nach frischer Erde, Gras und Blumen, Insekten taumelten durch die Luft und das Zwitschern von Vögeln drang an ihre Ohren. Sie wusste nicht, ob Letzteres aus den Büschen auf dem Grundstück kam, oder ob es aus dem nahen Wald herüber klang, der das gesamte Anwesen umschloss – und im Grunde war das ja auch egal. Schweigend folgte die Ritterin der Hochgeweihten und dem Junker, während sie sich fragte, wohin sie hier eigentlich geraten war.

Dann bogen sie auch schon um eine letzte Ecke des herrschaftlichen Hauses herum und vor ihnen tat sich das auf, was der Herr von Hollerstockhöhe als „Garten“ bezeichnet hatte. Algrid fand dieses Wort ziemlich unpassend. Sie hätte das Ganze eher als Park beschrieben. Es war eine Anlage mit noch mehr Blumenbeeten, mit Rosenstöcken, knallbunten Rabatten, hübsch in Form geschnittenen Sträuchern, einem berankten Bogengang und wenn sie nicht alles täuschte, befand sich am fernen Ende der Grünfläche ein kleiner Teich mit Pavillon. Eingefasst wurde das Ganze wiederum von Wald – hohen alten Bäumen, die die Szenerie noch verwunschener und unwirklicher wirken ließen.

Die Pergelgrunderin wollte sich auf die Schnelle kein Urteil über ihre Umgebung erlauben. Sie kam jedoch nicht umhin, festzustellen, dass es eine andere Welt war als die, die sie aus der Trutz kannte. Lichtwacht war hiermit nicht vergleichbar. Nicht mal der Hag, wenn sie es recht bedachte. Und eigentlich gar nichts, was ihr in Weiden bislang untergekommen war. Sie fand das Jagdgut irgendwie deplatziert, wahrte aber ihr Schweigen und folgte der Einladung auf die Terrasse mit einem dankbaren Nicken. Dem Beispiel Travines folgend ließ sie sich an einem gusseisernen Tischlein nieder, auf dem schon ein Krug mit Most und drei irdene Becher bereitstanden. Wenigstens das und keine Pokale aus Kristall. Das wäre ihr nun wirklich zu viel des Guten gewesen.

Algrid trank sofort einen Schluck des kühlen Safts und warf dann einen interessierten Blick in das Gesicht ihrer Begleiterin. Sie wollte ergründen, ob die mit der überbordenden Pracht von Hollerstockhöhe gerechnet hatte, oder ob sie auch überrascht war. Darüber hinaus wurde die Neugier der Ritterin immer größer. Sie wollte unbedingt wissen, wer die Frau war, die diesem Ort entstammt. Etwa eines dieser Hühner, wie sie sie aus den besseren Vierteln von Rommilys kannte? Eine, die ihre Nase so hoch trug, dass man bei Efferdwetter Sorge haben musste, es könnte hinein regnen? War dem so, dann tat ihr Trautmann jetzt schon leid. Er war ein Mann mit einem großen Herzen und so was hatte er nicht verdient ... . Bevor die Pergelgrunderin wieder in Tagträume abschweifen konnte, mahnte sie sich selbst zu Ruhe und Aufmerksamkeit.

Unterdessen ließ sich Travine nichts anmerken – genau wie Algrid es erwartet hatte. Die Geweihte wahrte einen weitgehend neutralen Gesichtsausdruck. So blieben der Blaubingerin lediglich Mutmaßungen. Sie wusste, dass die Gugelforsterin den Verfall der Sitten durch das übertriebene Zurschaustellen von Prunk und Pomp ind er Vergangenheit durchaus schon angeprangert hatte. Würde sie zu diesem Anlass damit hinter dem Berg halten? Oder würde sie es irgendwann ansprechen?

An diesem Punkt waren Algrids Überlegungen angelengt, als der Junker das Gespräch von vorhin wieder aufgriff. Sicher nicht zuletzt, weil ihn der strenge Blick Travines dazu ermunterte. Die Tempelvorsteherin hätte schon in alveranischen Gefilden wandeln müssen, um ihr Ziel aus den Augen zu verlieren – irdische Pracht reichte dafür definitiv nicht aus.

„Ihr habt geschrieben, dass es um meine Schwester geht, Hochwürden, aber nicht worum genau“, hob Arbogast zögernd an. Er wirkte jetzt wieder etwas unsicher, hatte sich aber weit besser im Griff als bei dem überraschenden Vorstoß von eben. „Ich muss Euch leider sagen, dass sie im Moment gar nicht hier ist, sondern auf dem Distelstein weilt, um Ihrer Hochgeboren Baraya Gesellschaft zu leisten. Ich konnte sie in der Kürze der Zeit nicht hierher zurück beordern und hoffe, das ist kein Problem?“

Travine schüttelte knapp ihr Haupt, während Algrid neben ihr in den Mostbecher starrte und ihre Enttäuschung über das Fehlen dieser Gwendolyn nicht wirklich verhehlen konnte. Eine Geste, die die Tempelmutter mit einem kurzen Seitenblick bedachte.

„Nein, es wäre zwar schön gewesen, Eure Schwester auch kennenzulernen, doch gilt mein Besuch in erster Linie einmal Euch als Familienoberhaupt derer von Dûrrnwangen“, meinte sie dann. Nun zeigte sich wieder der erste Anflug eines schmalen Lächelns auf ihren Lippen – vielleicht auch, weil sie wusste, dass ihr Besuch den Junker verunsicherte. Die Geweihte war eine ausgezeichnete Menschenkennerin, es konnte ihr also gar nicht entgangen sein.

„Es ist wohl die Göttin selbst gewesen, die mich hierher geführt hat“, fuhr sie fort. „Ich habe ein paar Tage in Baliho zugebracht und während meiner Reise den Namen Eurer Schwester einige Male vernommen. Daher weiß ich auch, dass Ihr auf der Suche nach einem Gemahl für sie seid“, nun steigerte sich Travines schmales Lächeln, zu einem breiten und einnehmendem „Das ist auch der Grund für meinen Besuch. Vielleicht kann ich Euch damit helfen. Was setzt Ihr denn für Erwartungen in den Zukünftigen Eurer Schwester und auch in das daraus erwachsene Bündnis?“

„Äh ... ja.“

Nach dieser wenig eloquenten Feststellung stierte der Junker von Hollerstockhöhe seinen hohen Gast einen ausgedehnten Moment lang schweigend und mit völlig belämmerter Miene an. Ihm stand förmlich ins Gesicht geschrieben, dass er mit etwas Anderem gerechnet hatte.

Interessiert nahm Algrid die Erleichterung zur Kenntnis, die in seinen Augen aufschien – aber auch die Tatsache, dass da nach wie vor Besorgnis sichtbar blieb.

Als er mit dem Stieren fertig war, griff der Dûrrnwanger nach seinem Becher und genehmigte sich ein paar große Schlucke Most, satt Travine endlich eine Antwort zu geben.

„Entschuldigt bitte vielmals“, hob er an, nachdem er das irdene Gefäß wieder auf dem Tisch abgestellt hatte – ohne allerdings zu erklären, wofür genau er um Verzeihung bat. „Ich ... ähm ... ja“, stotterte er dann und schloss die Augen kurz.

Algrid konnte regelrecht hören, wie er sich innerlich selbst ermahnte. Gekrönt wurde dieser Vorgang von einem tiefen Atemzug und einem schiefen Lächeln.

„Ihr scheint zu wissen, dass es bereits einige erfolglose Bewerber gab“, hob der Bärwaldener schließlich mit überraschend gemessener Stimme an. „Die meisten davon sind aber nicht an meinen Ansprüchen gescheitert, sondern ... nun ja, an Gwendolyn, wenn man so will.“ Die Formulierung öffnete Raum für Spekulationen, doch schien Arbogast es wiederum nicht für nötig zu halten, eine Erläuterung anzufügen.

„Ich denke, meine Vorstellungen sind nicht zu hochschweifend“, fuhr er stattdessen fort. „Ich wünsche mir im Grunde nur einen Mann aus einer Familie mit gutem Leumund, der in der Lage ist, sie zu versorgen, der sie respektvoll behandelt und mit ihren Eigenheiten angemessen umzugehen weiß. Für eine gewisse Balance in der Ehe würde es sicher nicht schaden, wenn er ein eher ruhiges und ausgeglichenes Gemüt hat und mit beiden Beinen fest im Leben steht. Abgesehen davon wäre es schön, wenn er nicht am anderen Ende Weidens leben würde, denn Gwendolyn ist die einzige Familie, die ich noch habe – ich hänge an ihr und sie an mir.“

Ah, nun wurde es also spannend! Algrid lehnte sich leicht nach vorn und versuchte, Travines Regungen zu deuten. Die angesprochenen Eigenheiten interessierten die Pergelgrunderin brennend, denn vielleicht waren sie der Grund dafür, dass diese Gwendolyn ihre Werber allesamt vergraulte. Doch wie stand es um ihre Begleiterin? War deren Interesse ebenfalls geweckt?

Die alternde Geweihte ließ sich leider nicht in die Karten schauen. Stattdessen nickte sie nur und wahrte ein freundliches Lächeln. „Das sind in der Tat nachvollziehbare Erwartungen, die Ihr habt“, hob sie dann an. „Respekt, ein guter Leumund, ruhiger Umgang ... doch sagt an, woran, meint Ihr, liegt es, dass Eure Schwester noch bei keinem der Interessenten ihre Einwilligung gegeben hat?“ Travine schob interessiert ihre Augenbrauen hoch. „Ich habe Euch doch richtig verstanden, dass sie der Grund ist?“

„Ja, na ja, so ganz trifft es das nicht“, gab der Junker zurück und wiegte den Kopf, während er die Lippen nachdenklich schürzte. „Oberflächlich betrachtet, hat sie keinen der Männer rundheraus abgelehnt. Bei denen, die ich nicht gleich in die Wüste geschickt habe, weil ihre Motive ersichtlich die falschen waren, verhielt es sich meistenteils eher so, dass sie das Interesse schnell verloren und von sich aus die Segel gestrichen haben.“

„Und unter der Oberfläche?“, hakte Travine nach.

„Unter der Oberfläche ... wird es kompliziert. Ich schätze, es würde eine ganze Weile dauern, Euch das zu erkl...“

„Wir haben Zeit mitgebracht, Wohlgeboren“, sprach die Gugelforsterin seelenruhig in den halbfertigen Satz des Dûrrnwangers hinein.

„Ja ... ähm ... sicher“, stotterte der daraufhin, griff erneut nach seinem Krug und genehmigte sich einen Schluck.

Als er das erledigt hatte, bedachte er erst Travine und dann Algrid mit nachdenklichen Blicken. Er schien schwer darum bemüht, sich einen Reim auf die zweifelsohne etwas kuriose Situation zu machen – scheiterte aber ganz offensichtlich. Was dazu führte, dass er sich schließlich verlegen am Kopf kratzte.

„Ich möchte wahrlich nicht unhöflich erscheinen, Hochwürden“, hob er mit überaus vorsichtiger Stimme an. „Aber es fällt mir schwer, mich in dieser Unterhaltung zurechtzufinden. Ihr habt eingangs gesagt, Ihr könnt mir vielleicht bei der Suche nach einem Mann für meine Schwester helfen. Allein, ich weiß nicht, welcher Art diese Hilfe sein soll. Wärt Ihr vielleicht so freundlich, mir zu verraten, worum es überhaupt geht? Ich schätze, danach würde es mit leichter fallen, Euch zu erklären, woran ... nun ... es ... hakt.“

Travine zog eine Braue hoch und strich mit einer beiläufigen Geste über ihren Ornat – ganz so, als würde sie ihr Gegenüber auf ihre Position hinweisen wollen. Dennoch zeigte sich auf ihren Lippen ein freundliches, beinahe mütterliches Lächeln.

„Nun, es ist nicht so selten, dass Geweihte der Eidmutter die Menschen dabei unterstützen, zu ihrer Herrin zu finden, meint Ihr nicht, Euer Wohlgeboren?“ Dann hob die Tempelmutter beschwichtigend eine Hand und ließ vorerst keine Antwort zu. „Doch habt Ihr schon recht, wenn Ihr in diesem Fall mehr dahinter vermutet. Das Angebot zur Hilfe ist nicht zur Gänze uneigennützig.“ Die Gugelforsterin machte eine bedeutungsschwangere Pause und nippte an ihrem Most.

„Ich bringe Euch nicht nur das Angebot, zu helfen, sondern schlage Euch auch gleich eine Lösung vor.“ Travine stoppte abermals und atmete tief durch. „Mein Sohn ist ebenfalls auf der Suche nach einem Eheweib. Er ist ein angesehenes Mitglied der Weidener Ritterschaft, leistete seine Knappschaft am Grafenhof der Heldentrutz ab und ist seit einigen Sommern mit dem Junkergut Lichtwacht in der Baronie Nordhag belehnt. Er ...“, die Geweihte suchte nach den richtigen Worten, „... tut sich auch etwas schwer ... die richtige Dame für den Bund zu finden. Nicht aufgrund seiner Erziehung oder seiner Eigenschaften, sondern eher ... nun ich denke, es ist ebenfalls ein Problem ... unter der Oberfläche.“

Algrid fiel es plötzlich schwer, den Blick der anderen beiden am Tisch zu halten, denn ihr leiser Seufzer war Travine und Arbogast mit Sicherheit nicht entgangen.

Die Vermutung bestätigte sich sofort: Die Aufmerksamkeit des Gastgebers richtete sich erstmals seit einer ganzen Weile auf die Ritterin und sie fürchtete schon, dass er irgendetwas zu ihr sagen würde, als eine Magd an den Tisch heran trat. Keiner hat das Nahen der jungen Frau bemerkt, so konzentriert waren sie auf das Gespräch gewesen. Umso überraschter blickten nun alle auf und selbst Arbogast brauchte einen Moment, um sich zu fangen.

„Stell es einfach mit auf den Tisch, Trissa“, meinte er knapp. „Und dann ab dafür, wir haben sonst alles, was wir brauchen!“

Die Magd kam der Aufforderung mit einem kleinen Knicks nach und zog dann rasch wieder von hinnen. Zurück blieb ein großer Teller, der mit Fürchten bemalt und mit einigen durchaus verlockend anzusehenden Spezereien beladen war. Algrid griff sofort zu – vor allem, weil man mit vollem Mund nicht reden konnte und diese Maßnahme sie daher hoffentlich vor neugierigen Fragen des Junkers bewahren würde.

Tatsächlich schien der ihren herzerweichenden Seufzer schon wieder ganz vergessen zu haben, denn er wandte sich Travine zu und machte eine einladende Geste in Richtung Gebäck. Er schien die Gugelforsterin mittlerweile aber schon so weit durchschaut zu haben, dass ihm klar war: Die kurze Unterbrechung würde sie nicht davon abhalten, das Gespräch fortzuführen. Folglich versuchte er auch gar nicht erst, sich selbst zu bedienen und die Sache dadurch weiter in die Länge zu ziehen. Stattdessen knüpfte er nahtlos an das an, was zuletzt gesagt wurde.

„Trautmann von Gugelforst“, meinte er und neigte das Haupt leicht zur Seite. „Das ist Euer Sohn, nicht wahr, Hochwürden?“ Er wartete das angedeutete Nicken Travines ab und fuhr dann fort: „Der Name sagt mir etwas. Auch der des Junkertums drüben on Nordhag. Ich war zwar selbst nicht da, aber ich habe Geschichten über die Brautschau von Frouwen Leudane gehört – und darüber, dass Euer Sohn zu den aussichtsreichsten Bewerbern gehörte.“

Interessanterweise gewann der Dûrrnwanger mit einem Mal rasch an Selbstsicherheit. Seine Stimme wirkte jetzt deutlich fester als noch vor dem Auftauchen der Magd. Vielleicht ja, weil es nicht mehr um seine Schwester ging, die offenbar einen wunden Punkt darstellte? Womöglich hatte er in der Vergangenheit schon oft bohrende Fragen über sie beantworten müssen, sodass er mittlerweile gar nicht mehr anders konnte, als in die Defensive zu gehen? Gleich wie: Die Pergelgrunderin hörte aufmerksam zu, während sie kaute und hoffte, dass sie nicht noch einmal in den Mittelpunkt des Interesses geraten würde.

„Es ehrt mich, dass Ihr eine eheliche Verbindung mit unserer Familie in Betracht zieht, Hochwürden“, meinte der Dûrrnwanger unterdessen. Tatsächlich wirkte sein Gesichtsausdruck eher verwundert als geschmeichelt – es war aber eindeutig angenehme Überraschung und keine Irritation. „Allein, meine Schwester Gwendolyn kann sowohl vom Rang als auch vom Wesen her nicht ernstlich mit der Finsterkammerin verglichen werden. Ich nehme an, das wisst ihr bereits und habt es in Eure Überlegungen einbezogen?“

Travine ließ sich jedoch weiter nicht in die Karten blicken. Der Ausdruck auf ihrem Antlitz war unverändert und auch der Gefühlsausbruch der Ritterin an ihrer Seite, die sich nun mit Gebäck den Mund vollstopfte, als hätte sie seit Wochen nichts gegessen, hatte ihr nicht einmal einen Blick abgerungen.

„Leudane von Finsterkamm, ja, die einzige Frau, um die mein Sohn offiziell geworben hat“, die Geweihte entschied sich dazu, ein bisschen weiter auszuholen, meinte sie in Arbogast doch jemanden zu erkennen, der dasselbe Theater mit seiner Schwester durchzumachen hatte, wie sie mit ihrem Sohn. „Ich habe es ihm bisher freigelassen, sich eine Frau zu suchen. Er ist ein guter Mann ... treu, wohlerzogen, pflichtbewusst und er hat sich die letzten Sommer aufopferungsvoll um seine Schutzbefohlenen und sein Lehen gekümmert“, meinte sie nicht ganz ohne Stolz. „Ihm wurde ja eine Burgruine zum Lehen gegeben, doch hat er es in recht kurzer Zeit geschafft, sie wieder zu einem Zuhause zu machen. Nun, da dies vollbracht ist, helfe ich ihm bei der familiären Planung. Ihr kennt die Situation offenbar, in der ich mich befinde.“

Travine warf Arbogast einen forschenden Blick zu, wartete seine Antwort jedoch nicht ab, sondern sprach direkt weiter: „Ich bin keine Politikerin, Euer Wohlgeboren, doch Eure Familie besitzt selbst einen guten Leumund.“ Die Dienerin der Eidmutter war keine Verfechterin des Gedanken, sich lediglich mit Häusern zu verbinden, die entweder genauso so traviafromm waren wie ihres oder einen Zuwachs an Macht und Ansehen versprachen. Nein, sie war überzeugt, dass auch kleinere Geschlechter wie die Dûrrnwangens einen Platz in der erweiterten Familie verdienten. Gerade die brauchten jemanden, der sie an der Hand nahm und der gütigen Mutter zuführte. Zudem war Gwendolyn alles andere als schlechte Partie – insbesondere wenn man ihre Abstammung mütterlicherseits bedachte.

„Das Wesen Eurer Schwester mag sich von dem ihrer Hochgeboren unterscheiden, ich kenne leider beide Damen nicht persönlich, aber das bedeutet ja nicht, dass nicht auch Gwendolyn eine ausgezeichnete Ehefrau, Partnerin und Mutter sein kann“, stellte sie fest, und ihre Lippen verzogen sich zu einem herzlichen Lächeln. „Ich versichere Euch, dass es von unserer Seite keinerlei Bedenken hinsichtlich ihrer Abstammung gibt. Wir empfinden Eure Schwester als eine gute Partie für meinen Sohn und könnten uns sogar vorstellen, bei Verhandlungen zum Ehevertrag Zugeständnisse zu machen. Beispielsweise, was den Adelsnamen betrifft, ist uns die schwierige Lage Eures Geschlechts doch bewusst.“

Der letzte Satz hätte sich wie eine versteckte Kritik daran anhören können, dass die Dûrrnwangens praktisch vor der Ausrottung standen, doch gab Travine ihn vollkommen wertungsfrei wieder. Kopfschwache Familien existierten in der Mittnacht viele und sie wusste, dass das in diesen Breiten kein Zeichen für fehlende Bereitschaft sein musste, sich seinen dynastischen Pflichten zuzuwenden. So verhielt es sich auch bei den Dûrrnwangens: Arbogast und Gwendolyn waren die letzten von fünf Kindern, ihre älteren Geschwister allesamt in diversen Schlachten der vergangenen Jahrzehnte gefallen.

Travine hatte den Junker die ganze Zeit über aufmerksam im Auge behalten und registriert, dass dessen Augen durchaus an der einen oder anderen Stelle verwundert aufblitzten. Vielleicht wunderte er sich einfach nur darüber, dass sie recht gut über seine Familie Bescheid zu wissen schien – vielleicht aber auch darüber, wie weit ihre Überlegungen zu einem Bund, der noch komplett in den Sternen stand, schon gediehen war. Als sie die Sache mit den Namen erwähnte, schien Arbogast etwas sagen zu wollen, doch die Priesterin bedeutete ihm mit einer vagen Geste, dass sie noch nicht fertig war, und führte ihren Monolog ganz unbeirrt fort:

„Wenn Ihr Interesse habt und Eure Schwester einverstanden ist, würde ich Euch gern auf den Hag nach Weidenhag einladen. Zum Kennenlernen und – soweit sich die Sache gut entwickelt – hoffentlich auch, um erste Formalitäten zu erledigen. Zumindest über eine Verlobung könnten wir direkt sprechen und vielleicht auch schon die wichtigsten Punkte eines möglichen Ehevertrags abstecken.“ Travine war bewusst, dass vor allem das Einverständnis der Braut zu einem Problem werden konnte, sofern sie die Worte des Junkers richtig gedeutet hatte. Doch war ihr Anliegen durch diesen Vorstoß nun schon einmal deponiert und Arbogast konnte sich ein paar Gedanken dazu machen.

Algrid entgleiste unterdessen etwas das Gesicht. Hatte ihre Begleiterin denn nicht gehört, was der Junker zuvor sagte? Hatte sie seine Unsicherheit nicht mitbekommen? Selbst der Blaubingerin war das Unwohlsein des Gastgebers nicht entgangen, obwohl sie mehr auf die Tischplatte, ihren Mostkrug oder in die Gebäckschale sah, als der Unterhaltung zu folgen. Diese Gwendolyn hatte wohl einen recht schwierigen Charakter – wie konnte Travine es da verantworten, nach einem Viertel Wassermaß bereits ein solches Angebot auszusprechen? Noch dazu, wo die Frau ja nicht einmal anwesend war?

Ähnliche Fragen schien sich auch der Dûrrnwanger zu stellen. Auf der einen Seite wirkte er nun wirklich beeindruckt und deutlich geschmeichelt. Auf der anderen glaubte die Pergelgrunderin aber nach wie vor Zweifel in seinen Augen schimmern zu sehen. Ein bisschen was von der Nervosität war auch zurückgekehrt, als die Travianerin ihn mit ihren Vorstellungen überrollte, das spürte Algrid förmlich. Etwas bereitete ihm nach wie vor Kopfzerbrechen – und sie glaubte, eine ziemlich genaue Vorstellung davon zu haben, was das war.

„Vielen Dank für Eure freundlichen Worte zu unserer Familie und auch für das Angebot bezüglich des Namens, das für uns natürlich ein sehr interessantes wäre“, hob der Herr von Hollerstockhöhe nach einer kurzen Pause an. Er lächelte und nickte nachdenklich, während er Travines Blick suchte. „Eurer Einladung nach Weidenhag werde ich gern Folge leisten und auch meine Schwester dafür gewinnen – verlasst Euch darauf! Nachdem Ihr offenbar schon einiges an Zeit in diesbezügliche Überlegungen investiert habt, kommt es gar nicht in Frage, das nicht geschehen zu machen. Also haben wir diesbezüglich bereits eine Einigung erzielt und müssen uns nur noch über Details unterhalten.“

Nachdem das gesagt war, schien der junge Mann innerlich tief durchzuatmen und Mut für das zu sammeln, was er als nächstes ansprechen wollte. Um die Pause zu füllen, hob er wie gehabt den Mostbecher an seine Lippen. Er ließ den Blick auch kurz zum Gebäck hinüber wandern, wagte es aber anders als Algrid nicht, sich daran zu bedienen.

„Da wir so weit nun schon mal sind, würde ich gern auf einen anderen Punkt zurückkommen, Hochwürden“, meinte er dann vorsichtig. „Diese ... nun ... Probleme unter der Oberfläche ... sollten wir vielleicht wechselseitig kennen, bevor wir uns auf so ein Treffen einlassen. Nicht, dass wir am Ende eine böse Überraschung erleben. Ihr spracht davon, dass Euer Sohn bislang nur einmal um eine Frau geworben hat – und danach nicht mehr, obwohl Ihr ihm freie Hand gegeben hattet. Wie ist das zu verstehen? Bitte verzeiht, ich will Euch beileibe keine ungehörigen Fragen stellen. Ich versuche nur, zu begreifen. Hat er kein Interesse? Oder war es so sehr damit beschäftigt, besagte Ruine wieder aufzubauen und ein Heim für seine Leute zu schaffen, dass er schlicht nicht dazu gekommen ist?“

Eine beschwichtigende Handbewegung der Geweihten zeigte Arbogast, dass sie seine Neugier nicht negativ auffasste: „Die Fragen sind schon in Ordnung. Nichts anderes habe ich von einem gewissenhaften Familienoberhaupt erwartet. Hier geht es immerhin auch um die Zukunft Eurer Schwester.“

Nun warf Travine erstmals seit längerem wieder einen kurzen Seitenblick auf Algrid, die sich förmlich an der Tischplatte festzuhalten schien. Die Hochgeweihte war nicht dumm. Sie wusste durchaus, was die Ritterin mit ihrem Sohn verband und sah den jetzigen Besuch in gewisser Art auch als eine Form der Therapie: Die Blaubingerin sollte das nun Gehörte auch verstehen und für sich nutzen. Sie musste loslassen und zusehen, dass sie ihr Glück in der Gründung einer eigenen Familie fand.

„Mein Sohn hatte sich die letzten Sommer in der Tat sehr viel Ballast aufgeladen“, hob die Gugelforsterin nach einer kurzen Pause an. „Dinge, die sich in einer starken ehelichen Gemeinschaft auf die Schultern eines Paars aufgeteilt hätten und somit leichter zu bewerkstelligen gewesen wären. Doch blieb zwischen seinem Werben für die Baronin von Nordhag und seiner Belehnung keine Zeit, sich um die Suche nach einer Verlobten zu kümmern.“ Abermals schielten die Augen der Geweihten auf ihre jüngere Begleitung – fast schien es, als wolle sie sich vergewissern, dass sie auch ja gefasst blieb. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es ein Mitgrund dafür war, dass er auf dem Heiratsmarkt untätig war.“

Mitgrund? Algrid blickte verwundert auf.

Travine fuhr indessen ganz ungerührt fort: „Der andere Grund ist meines Wissens das Wesen meines Sohns. Er mag in vielen Bereichen impulsiv sein, doch bei tiefgreifenden Entscheidungen wie der für einen Traviabund ist er sehr bedacht und verlässt sich auch auf die helfende Hand seiner Mutter. Die Aufgaben in seinem Lehen, für die Finsterwacht und den Grafen machen es ihm offenbar unmöglich, die verfügbaren Damen selbst zu kontaktieren. Deshalb sehe ich mich nun für ihn um und spreche Euch in seinem Namen ein Angebot aus.“

Es war nicht die ganze Wahrheit, die Travine hier von sich gab. Algrid wusste das. Sie kannte Trautmann in mancher Hinsicht wohl besser als seine Mutter – zumindest hatte er sich ihr stets ganz selbstverständlich anvertraut. Aus dem Grund war der Blaubingerin auch klar, dass der Junker sehr unsicher war, was die Ehe anging. Er wusste, dass von ihm erwartet wurde, eine zu schließen, und dass es auch seine Pflicht war. Doch genoss er sein Leben als Junggeselle durchaus. Trautmann war nie ein Frauenheld gewesen, dafür war er zu ehrlich in seinen Absichten und dazu fehlte ihm auch die nötige Eloquenz. Dennoch hatte er immer mal wieder ausgedehnte, aber sehr diskrete Liebschaften unterhalten.

„Seid jedoch versichert, dass ich nicht hier sitzen würde, wenn ich an der Befähigung und dem Willen meines Sohnes zweifeln würde, Eurer Schwester ein respektvoller, treusorgender und liebevoller Ehemann zu sein“, Travine schenkte Arbogast ein Lächeln, nippte an ihrem Most und schlug dann noch einmal das Thema an, das ihm so unangenehm war. „Eure Schwester ... Ihr habt vorhin von ihrem Wesen gesprochen, das eine Verlobung bisher erschwert hat. Nun denke ich nicht, dass mein Sohn nicht damit umgehen könnte, was auch immer es sein mag, doch: Was genau meintet Ihr damit?“

„Eigentlich weniger ihr Wesen, als das Verhalten den Interessenten gegenüber. Wobei das Wesen sicher auch nicht unbedingt dem entspricht, was sich ein Weidener Ritter gemeinhin von seiner Gemahlin wünschen würde“, meinte Arbogast.

Er hielt kurz inne, um Tarvine mit einem nachdenklichen Blick zu messen. Dabei wirkte er zwar immer noch ein wenig gehemmt, aber bei weitem nicht mehr so nervös wie ehedem. Die Gugelforsterin hatte ihre Karten offen auf den Tisch gelegt – und wie es aussah, half ihm das dabei, ebenfalls frei zu sprechen. Er griff nicht mal nach seinem Becher, bevor er zu der von Algrid schon lange herbeigesehnten Erklärung ansetzte:

„Gwendolyn nennt eine sehr leidenschaftliche Art ihr Eigen, Hochwürden. Sie lässt sich von ihren Gefühlen leiten, nicht vom Verstand, ist behütet aufgewachsen und daher recht unbekümmert, zudem äußerst feinsinnig, was sie leider verletzlich macht. Überdies ist sie klein und zart und blond und so niedlich, dass die Herren der Schöpfung ihren Dünkel gern mal übersehen. Zunächst jedenfalls. Und den Eigensinn kann man ihr ja auch nicht unbedingt von der Nasespitze ablesen. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, boxt sie das durch. Ich meine ... sie ist Hofkünstlerin, Hochwürden. Ihr könnt Euch sicher denken, dass das nicht meine Idee war. Ich habe ihr zu etwas anderem geraten. Aber sie wollte nicht hören und hat solange auf mich eingewirkt, bis ich nachgab.“

Er lächelte der Geweihten zu – entschuldigend fast. Als täte es ihm im Nachhinein leid, dass er damals nicht mehr Entschiedenheit gezeigt hatte.

„Ich denke, die Kombination aus Leidenschaft und Willenskraft ist auch das Problem. Also das, was ich mit ‚unter der Oberfläche‘ meine. Gwendolyn will überhaupt nicht heiraten und schon gar nicht irgendwen. Vielleicht liegt das ein Stück weit an mir, ich gehe schließlich mit schlechtem Beispiel voran. Und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass ich mich noch nicht dazu durchringen konnte, ein Machtwort zu sprechen.“ Er hob die Schultern. „In jedem Fall verhielt es sich mit den Männern bislang meist so: Sie wollten das naive, gefühlige Mädel im Sturm nehmen und merkten leider erst, dass sie die Wehr besser oben gelassen hätten, als sie schon sterbend in der Palisade hingen. Und die, die rücksichtsvoller vorgegangen sind ... na ja ... hatten auch einen schweren Stand. Sie sind irgendwann zu dem Schluss gelangt, dass der Nutzen die Kosten nicht aufwiegt. Also haben sie ihre Bemühungen eingestellt. Verständlicherweise.“

Arbogast kratzte sich verlegen am Kopf und wollte nun doch wieder nach dem Mostbecher greifen – überlegte es sich aber im letzten Augenblick noch einmal anders.

„Damit  es keine Missverständnisse gibt“, schob er rasch nach, „Es nicht so, als ob wir alle Nase lang Besuch hier hätten. Und meist gab es auch keinen förmlichen Rahmen, sondern ich habe Gwendolyn Freunde und Bekannte vorgestellt. Sie zählt jetzt 25 Winter. Es sind in den vergangenen vier Götterläufen insgesamt sechs gewesen. Und einer davon ... nun ... das war ... der war nicht hier, sondern wir bei ihm, weil er nach Adlerflug in der Sichelwacht eingeladen hatte. Aber über dieses Erlebnis reden wir besser nicht. Das war mit Abstand das schlimmste Gemetzel. Wobei ich sagen muss, dass es mir um den Kerl nicht leid tut – nicht zuletzt, weil er am Ende dennoch eine Braut gefunden hat. Sogar aus Eurer Heimat, der Heldentrutz.“

Travine hatte den Worten des Junkers aufmerksam gelauscht. Beim Begriff ‚Gemetzel‘ zog sie kurz eine Braue hoch und wunderte sich über die vom Gastgeber angeschlagene Wortwahl. Ihr brannte auch sofort die Frage auf der Zunge, wie sich die Sichelwacht mit Arbogasts Wunsch vertrug, seine Schwester in der Nähe zu behalten, doch ließ sie dies unausgesprochen.

Neben ihr kaute Algrid derweil auf der Unterlippe. So abschreckend die Worte des Junkers im ersten Moment wirken mochten: Sie sah keine Gefahr für Trautmann. Er war keiner, der naive Mädchen im Sturm erobern wollte. Diese Art Frau interessierte ihn nämlich gar nicht. Er wollte eine starke Partnerin. Nicht weil er sich unterzuordnen gedachte, sondern weil er es schätzte, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Er mochte Frauen, die ihn forderten und Kampfgeist zeigten, denn nur so konnte man gemeinsam wachsen. Sollte diese Gwendolyn also tatsächlich einen starken Willen und eine ebenso starke Persönlichkeit haben, dann fand er das womöglich sogar interessant und konnte über das eine oder andere hinwegsehen.

„Ich verstehe“, meinte Travine unterdessen. Wenn Arbogasts Worte sie Hochgeweihte in irgendeiner Art irritiert hatten, ließ sie sich dies nicht anmerken. „Ihr tätet in diesem Fall vielleicht wirklich gut daran, ein Machtwort zu sprechen. Es ist öfter einmal vonnöten, junge Menschen an der Hand zu nehmen und der gütigen Mutter zuzuführen, doch sorgt Euch nicht“, auf den Lippen der Hochgeweihten Lippen zeigte sich ein mütterliches Lächeln, „ich bin davon überzeugt, dass Eure Schwester das Glück und die Erfüllung einer Ehe bald zu schätzen lernt und Euch in weiterer Folge dankbar für Euren Fingerzeig sein wird.“

Die junge Ritterin an ihrer Seite schob sich wieder ein Stück Kuchen in den Mund, während sie zuhörte und sich ihren Teil dachte. Ob Trautmann seiner Mutter am Ende auch dankbar sein würde? Nach allem, was sie bisher gehört hatte, wagte sie es das zu bezweifeln.

„Wo hat Eure Schwester denn ihre Ausbildung erfahren? Hofkünstler sind in Weiden ja etwas eher Seltenes. Wiewohl auch meine Nichte eine sehr begeisterte Künstlerin ist“, Travine hielt nicht viel von diesem Handwerk, doch ließ sie sich das nicht anmerken.

„Sie ist zuerst in Perricum gewesen. Unser Minimalkonsens war, dass sie die Kunst der Buchmalerei erlernt und sich auch in der Kalligraphie schulen lässt – was drunten im Südosten wohl besser geht als anderswo, da es sich um eine ursprünglich tulamidische Tradition handelt“, erklärte Arbogast freimütig. „Ich dachte, mit diesen Fähigkeiten könnte sie sich später einmal auf den Rhodenstein nützlich machen. Deshalb war sie auch bei einer Künstlerin in der Lehre, die öfter Aufträge aus der Löwenburg erhält.“

Arbogast hielt kurz inne und fuhr sich nachdenklich mit der Hand durchs Haar, ehe er fortfuhr: „Sie hat das alles mit großem Ernst und Eifer betrieben. Allerdings schrieb die Lehrmeisterin mir nach dem ersten Götterlauf einen Brief, in dem stand, dass Gwendolyn eine auffällige Begabung für die ... äh ... figurative Kunst erkennen lässt und dass es eine Schande wäre, diese nicht zu fördern. Also hat sie nicht nur drei, sondern vier Jahre gelernt. Als sie bald 20 Winter zählte, kam sie hierher zurück und ist mit Ende 20 für ein Jahr ins Horasiat, die Heimat meiner Mutter, um  sich fortzubilden. Später war sie noch mal einen halben Götterlauf dort, also ... ich denke, dass sie jetzt langsam mal ausgelernt hat?!“

Der Dûrrnwanger wirkte ein wenig ratlos, vermutlich nicht zuletzt wegen der von Travine bereits angesprochenen Seltenheit der Profession in den Weidenlanden. Es sah ganz so aus, als hätte er im Grunde nicht viel Ahnung von dem, was seine Schwester trieb. Vermutlich war das in erster Linie einem Mangel an Interesse für die feinen Künste geschuldet, das ihm nun wirklich niemand ernsthaft vorwerfen konnte.

„Ich glaube, sie ist wirklich sehr begabt“, fügte er schließlich erkennbar zerknirscht an. „Aber ich wäre wohl auch ein schlechter Bruder, wenn ich das anders sähe.“

Abermals lächelte die Hochgeweihte ihm freundlich zu. „Nicht unbedingt, Euer Wohlgeboren“, meinte sie dann. „Es ist wichtig, dass Ihr Eurer Schwester ehrlich und geradeheraus begegnet, auch wenn es ihr im ersten Moment wehtun würde: Am Ende des Tages wird sie Euch dafür dankbar sein.“

Algrid war sicher, dass es bei diesen Worten nicht um Gwendolyns Talent für die Kunst und die Meinung des Junkers diesbezüglich ging. Und sie war sicher, dass Travine nicht weiter auf den Werdegang ihrer eventuellen Schwiegertochter in spe eingehen würde. Die Tempelmutter von Weidenhag stand den „schönen Künsten“ nämlich eher reserviert gegenüber, was auch der Streit um den neuen Weidenhager Rahjatempel zeigte. Umso mehr wurde die Blaubingerin von den nächsten Worten ihrer Begleiterin überrascht.

„Und Eure Schwester hat es bisher nicht geschafft, in Weiden eine Anstellung zu finden?“, hakte Travine nach. „Hat sie es bei den Kirchen versucht? Heiligenbilder für Tempel oder auch beim Adel ... Portraits für Ahnengalerien sollten doch gefragt sein.“

„In Trallop gibt es eine Hofkünstlerin, die allein schon die Anfrage meiner Schwester als schwere Beleidigung empfunden zu haben scheint. Die Balihoer sind auch versorgt. Olat hat mit dem Umbau der neuen Grafenfeste in Pallingen gerade andere Sorgen. Und aus Salthel kam überhaupt keine Antwort. Damit sind die Weidener Höfe, an denen wir eine feste Anstellung für möglich gehalten hätten, abgegrast“, erklärte Arbogast. „Tempel und Klöster hat Gwendolyn noch nicht kontaktiert. Sie sagt, dass sie als Hofkünstlerin mehr Freiheiten hätte denn als Buchmalerin und dass sie diese gern erst mal genießen würde, so weit es eben möglich ist. Ich glaube, ich verstehe sogar, was sie damit meint.“ Der Junker lächelte schief.

„Das Hollerheider Baronshaus hat meiner Schwester ein paar Aufträge in Aussicht gestellt“, fuhr er dann fort. „Wie Ihr vielleicht wisst, steht Familie Weiden-Harlburg der Kirche der Heiteren Göttin nahe und kann den schönen Künsten daher einiges abgewinnen. Allerdings ist auch hier eine feste Anstellung nicht denkbar. Gwendolyn selbst hatte die Idee, ihre Dienste einfach an verschiedenen Höfen anzubieten, aber das sagt mir nicht zu. Das hier ist Weiden und nicht das Horasiat. Ich kann sie nicht allein durch die Gegend ziehen lassen, dafür ist sie nicht wehrhaft genug. Und auf Dauer jemanden abzustellen, der mit ihr durch alle Ecken der Mittnacht reist ... das kann ich mir auch nicht vorstellen.“ Der Dûrrnwanger hob die Schultern und stieß einen resignierten Seufzer aus.“

„Nun, vielleicht können wir Euch ja helfen?“, meinte Travine daraufhin. „Ich bin mir sicher, dass meine Nichte ihre Kontakte spielen lassen und Eurer Schwester Aufträge verschaffen könnte. Sie hält engen Kontakt zu kunstinteressierten Weidenern, wie zum Beispiel unserer Base Liutpercht von Dûrenwald, der Vögtin von Dornstein, oder Malepia von Helburg, der Gemahlin des Landvogts von Waldleuen. Auch in den Marken gäbe es Möglichkeiten. Gwidûhenna verbrachte ihr halbes Leben dort und erfuhr ihre Ausbildung am Hof des wohl bekanntesten Kunstsammlers des Reiches. Sie hat sowohl einen Sinn dafür, als auch die nötigen Kontakte, um Gwendolyn da die eine oder andere Tür zu öffnen, würde ich meinen. Darüber hinaus haben wir familiäre Verbindungen in den Marken, Greifenfurt und sogar im firunwärtigen Garetien.“

Algrid zog eine Augenbraue hoch und wandte sich ihrer älteren Begleiterin verwundert zu. Die Gugelforsterin sprang über ihren eigenen Schatten, wie es schien.

„Es geht uns nicht darum, Eure Schwester von dem fernzuhalten, was sie ausmacht, Wohlgeboren“, fuhr Travine unterdessen gänzlich ungerührt fort. „Solange sie weiß, wie sie ihre Prioritäten zu setzen hat und die Familie für sie an der ersten Stelle steht, sehe ich da kein Problem.“

Arbogasts hatte die lange Aufzählung seines Gasts mit immer größer werdenden Augen verfolgt. Er schien nicht recht fassen zu können, was er da hörte und antwortete auch nicht sofort, als Travine ihre Rede beendete. Stattdessen starrte er sie einen Moment schweigend an. Algrid glaubte, erstmals vorsichtige Zuversicht im Gesicht des Herrn von Hollerstockhöhe aufscheinen zu sehen. Was die geweckt hatte, würde wohl sein Geheimnis bleiben. Vielleicht schlicht die Aussicht auf Aufträge für seine Schwester. Vielleicht aber auch die Hoffnung, dass es ihm mit diesem fraglos hohen Trumpf in der Hand endlich gelingen würde, die Widerspenstige doch noch von den Vorzügen einer Ehe zu überzeugen ...

„Das ... äh ... das klingt ganz hervorragend, Hochwürden“, hob der Junker schließlich mit leicht belegter Stimme an. „Dafür wären wir Euch zu großem Dank verpflichtet, und ich kann Euch gar nicht sagen, wie viel es Gwendolyn bedeuten würde. Vor allem das, was ihr zuletzt gesagt habt. Dass Ihr sie nicht von dem fernhalten wollt, was sie ausmacht, meine ich.“ Er lächelte der Gugelforsterin  zu und wirkte jetzt schon sehr dankbar. Dann schien ihm allerdings ein Gedanke durch den Kopf zu schießen, der ihn wieder etwas ernster werden ließ: „Denkt Ihr denn, dass Seine Wohlgeboren, Euer Sohn, das ebenso sieht? Hätte er auch nichts dagegen, dass seine Gemahlin einer solchen Beschäftigung nachgeht?“

Algrid hätte diese Frage sofort beantworten können. Sie wusste, dass es Trautmann nicht nur nichts ausmachen würde, wenn seine Frau einer Beschäftigung nachging, die sie erfüllte, er würde es sogar unterstützen. Er wollte schließlich eine Partnerin und keinen hübschen Vogel, den er in einem Käfig hielt.

Travine schien ein ähnliches Bild von ihrem Sohn zu haben. „Ich denke nicht, dass er ein Problem damit hat, Wohlgeboren“, meinte sie und klang dabei sehr überzeugt. „Es wäre auch nicht das Bild, das wir unseren Kindern vermitteln. Wir sind der Meinung, dass ein jeder und eine jede der Familie mit seinen oder ihren Talenten am besten dienen kann.“ Sie nahm einen Schluck vom Most und hob dabei den Zeigefinger der freien Hand. „Solange die Familie und die damit einhergehenden Pflichten darunter nicht leiden, wohlgemerkt. Ich darf Euch ein Beispiel geben. Meine Nichte Gwidûhenna: Es gab wohl nichts, was sich mein Bruder Andîlgarn so sehr wünschte wie sie als stolze Ritterin zu sehen, ist sie doch seine Erstgeborene und Erbin. Deshalb schickte er sie nach Darpatien in die Pagenschaft. Schon recht früh wurde jedoch klar, dass das Waffenhandwerk nichts für sie ist. Sie war ein Schöngeist, malte Landschaftsbilder, musizierte auf ihrer Handharfe und tanzte gern. An der Waffe zeigte sie wenig bis gar keine Begabung, dafür jedoch für Zahlen und Bücher.“

Travine verzog kurz ihre Mundwinkel: „Es brach meinem Bruder fast das Herz, kann er mit derlei doch wenig bis gar nichts anfangen. Trotzdem setzte er sich dafür ein, dass sie im Ochsenwasser-Palast zu Rommilys Aufnahme fand, wo man sich ihrer Talente und Interessen am besten annehmen konnte. Sie erhielt eine fundierte Ausbildung im Gefolge des Grafen Barnhelm von Rabenmund und diente seiner Hochwohlgeboren nach ihrer Ausbildung in der gräflichen Kanzlei. Doch als ihre Familie sie brauchte, kam sie zurück nach Weiden. Damals starb ihre Mutter Rodwiga  und sie übernahm deren Aufgaben an der Seite ihres Vaters, wie es ihre Pflicht war.“ Der Blick der Tempelmutter ging zwischen Algrid und Arbogast hin und her: „Genau so wurde auch mein Sohn erzogen und eben dieses Zugeständnis an den Sinn für die Eigenverantwortung ist auch der Grund dafür, dass ich ihm bei der Suche nach einer Ehefrau freie Hand gelassen habe.“

Der Blick der Blaubingerin lag interessiert auf dem Gastgeber. Würde er sich mit dieser Antwort zufriedengeben? Offensichtlich war es Arbogast wichtig, seine Schwester in einem Umfeld zu wissen, in dem sie ihren Talenten und Leidenschaften weiter nachgehen konnte. Travine schien daher mit ihren Worten einen Treffer gelandet zu haben und die Ritterin wusste, dass sie keine leeren Hülsen waren, sondern schon auch der Wahrheit entsprachen.

„Wenn das alles auch im Sinne Eurer Schwester ist, wüsste ich nicht was gegen eine Verbindung sprechen sollte“, schob die Hochgeweihte gerade nach und bedachte den Dûrrnwanger mit einem prüfenden Blick.

„Das alles dürfte sehr im Sinne meiner Schwester sein“, eilte sich Arbogast zu betonen. „Die Familie ist ihr sehr wichtig. Allerdings betrachtet sie bisher naturgemäß nur mich als ihre Familie, denn sonst ist ja niemand mehr übrig. Ich denke, es könnte eine Weile dauern, bis sie sich an etwas anderes gewöhnt. Aber wenn es einmal so weit ist, könnt ihr Euch ganz sicher blind auf sie verlassen.“ Die letzten Worte sprach er im Brustton der Überzeugung und gönnte sich dann endlich den Schluck Most, nach dem er die ganze Zeit schon trachtete.

„Aus meiner Sicht und mit dem Wissen, das mir aktuell zur Verfügung steht, spricht absolut nichts gegen eine Verbindung. Aber das heißt nicht, dass sie keine Einwände erheben wird – wie hanebüchen die auch immer sein mögen“, er lächelte schief. „Ich sagte ja schon, dass sie in dieser Hinsicht ein paar sehr merkwürdige Eigenheiten kultiviert. Daher halte ich es für überaus wichtig, dass sie Euch und Eure Familie kennenlernt – vor allem natürlich Euren Sohn. Wenn die beiden sich partout nicht ausstehen könnten, wäre das wohl ein Hinderungsgrund. Aber das lässt sich eben nur herausfinden, indem wir es geschehen machen.“

Travine schenkte dem Junker daraufhin ein schmales Lächeln: „Ich denke, dass das kein Problem darstellen wird. Ich würde Euch und Eure Schwester gern für den 12. Travia auf den Hag in Weidenhag einladen. Wie ich mir habe sagen lassen, jagt Ihr und auch Eure Schwester sehr gern. Ich denke, dass es meiner Nichte und ihrem Gemahl eine große Freude wäre, Euch dazu einzuladen.“

„Nun, es liegt uns sozusagen im Blut“, gab Arbogast zurück. „Die Familie Dûrrnwangen verwaltet Gut Hollerstockhöhe bereits seit einigen Generationen und die Jagd gehört mehr oder minder zum Geschäft. Doch ob nun mit oder ohne: Ich nehme Eure Einladung gern an und freue mich schon auf den Besuch in Weidenhag.“

Die Travianerin nickte, dann wanderte ihr Blick zu Algrid hinüber. „Solltet Ihr ein Ehrengeleit für den Weg nach Weidenhag wünschen, werden wir Euch gern eines stellen“, meinte sie – ohne Frage noch immer an Arbogast gerichtet.

Weil sie so auf die Dienstritterin ihrer Base konzentriert war, entging der Hochgeweihten die Reaktion ihres Gastgebers. Er hatte zunächst abwehrend die Hand gehoben und schien schon drauf und dran, das Angebot auszuschlagen. Dann fiel sein Blick jedoch ebenfalls auf die Pergelgrunderin und er hielt mitten in der Bewegung inne. Ein Gedanke schien ihm durch den Kopf zu gehen, der dafür sorgte, dass er seine Hand senkte und langsam nickte.

„Ihr meint, Frau Algrid könnte uns auf der Reise nach Weidenhag begleiten?“, hakte er interessiert nach. Als Travine dies bestätigte, wandte sich Arbogast mit einem freundlichen Lächeln an die Pergelgrunderin: „Ja, sicher. Warum denn auch nicht? Vielleicht können wir uns an der Grenze zur Trutz treffen, oder so?!“

„Das auszumachen, überlasse ich Euch“, konstatierte die Geweihte und griff nun auch nach einem Stück Gebäck.

Ihre Erleichterung war groß. Nach all den Jahren des Wartens schien sie an dieser Front nun endlich eine Tür geöffnet zu haben. Es wäre eine gute Verbindung und ihr Sohn würde sich seiner Pflicht nicht widersetzen, da war sie sich sicher. Was ihre zukünftige Schwiegertochter anging ... da verließ sie sich ein Stück weit auch auf Gwidûhenna. Die beiden Frauen würden wohl einen Draht zueinander haben – hoffte sie.

 


 

Der unwillige Sohn

Dramatis Personae:


Burg Lichtwacht, Baronie Nordhag, Anfang Efferd 1042 BF

Trautmann von Gugelforst war zufrieden mit sich selbst. Wie beinahe jeden Morgen stand er am inneren Mauerring seiner kleinen Burg und überblickte das Land, das ihm zur Verwaltung übertragen worden war. Hier fanden sich keine größeren Siedlungen, keine goldenen Weizenfelder oder saftigen Wiesen und auch keine großen Herden. Das Land war vom düsteren Schattenforst bedeckt, lag am Fuße des mächtigen Finsterkamms und barg unzählige Gefahren. Hier gab es – neben dem sicheren Tod, wenn man sich zu tief hinein wagte – nichts als Felsen, Bäume, zwei reißende Gebirgsbäche, die nach dem Winter zu Flüssen anschwollen, einen verwunschenen Sumpf und eben Burg Lichtwacht.

Seit beinahe drei Wintern war sie seine Heimat. Trautmann hatte das Gemäuer, einen uralten Stützpunkt der Bannstrahler, als halbe Ruine übernommen und in kurzer Zeit wieder zu einer Heimat für Menschen gemacht. Travia, Rondra und, so hoffte er, auch Praios zum Wohlgefallen. Die Wehranlage lag auf einem Ausläufer des Bergmassivs und war recht überschaubar an Größe: Neben zwei Türmen, Ställen und einem neu errichteten Gutshaus, gab es, zum Teil unter Tage, eine Kapelle des Praios. Gänzlich unter Tage lag der einstige „Giftschrank“ Weidens, in dem der Orden vom Bannstrahl in der Zeit der Herzogenwahrer bedenklich Schriften und Artefakte verwahrt hatte.

In der etwas geräumigeren Vorburg lebten bis vor Kurzem die Fronpflichtigen des Adeligen – wie wohl schon vor 700 Sommern zu Zeiten der Priesterkaiser. Vor erst wenigen Monden brachen sie ihre Lager hier ab und zogen in die beiden, neu errichteten Höfe am Fuße des Hügels, was der ganzen Anlage nun wieder etwas Luft zum Atmen gab. Lichtwacht lag fernab vom Schuss. Nach Nordhag war es eine gute Tagesreise und aus genau diesem Grund musste sich die Anlage, damals wie heute, selbst versorgen können. Das gelang bislang eher schlecht als recht zwar – dicke Bäuche suchte man hier jedenfalls vergebens.

Der einstige äußere Mauerring um die Vorburg war an vielen Stellen eingefallen gewesen und mit hölzernen Palisaden geflickt worden. Steine und der damit verbundene logistische Aufwand waren in dieser Lage sehr schwer zu bekommen und hätten die finanziellen Mittel des Junkers gesprengt. Die Trümmer, die nach so langer Zeit noch verwertbar waren, hatte Trautmann für die Renovierung der „Hauptburg“ genutzt. Lichtwacht mochte von außen wie Flickwerk aussehen, dennoch war die Burganlage wieder so wehrhaft, dass ihr bloßer Anblick kleine und mittelgroße Orkgruppen davon abhielt, etwas zu versuchen - wohl auch weil das was man hier finden konnte wohl den Aufwand nicht wert gewesen wäre.

Die Burg war an sich nicht allzu schwer zu verteidigen und die Standortwahl war eine weise gewesen. Folgte man dem Pfad von Nordhag kommend, so erblickte man die Anlage erst auf den letzten zwei Meilen. Ein schmaler, sich schlängelnder Pfad führt hoch zur Burg. Der Hang davor war über die letzten Jahre ausgeholzt worden und diente zum einen den Leibeigenen als Weide für ihre Ziegen und Schafe, zum anderen gewährte er einen besseren Blick auf eventuelle Gefahren, die sich der Burg aus dem Tal und Schattenforst näherten.

Ja, Trautmann hatte hier so einiges bewegt und nun, da auch der Fluch gebannt war und er die Kapelle in den fähigen Händen der Gemeinschaft des Lichts wusste, konnte er sich neuen Aufgaben zuwenden. Das sah wohl nicht nur er so, sondern auch seine Mutter. So deutete er ihre vermehrten Briefe innerhalb der letzten Monde zumindest. Der Ritter konnte sich denken, worauf ihre Mitteilungsbedürftigkeit hinauslief, auch wenn die Mutter selbstverständlich bedacht genug war, das Thema nicht offen zu erwähnen. Trautmann war aber nicht auf der Einbrennsuppe dahergeschwommen und konnte zwischen den Zeilen lesen – das sollte vor allem Travine Erlgard von Gugelforst wissen: Sie hatte ihn nicht zum Dämlack erzogen. Darüber hinaus war der Junker mit einem Instinkt gesegnet, der ziemlich verlässlich anschlug, sobald etwas im Busch war. Und gegenwärtig war dies der Fall ... eindeutig. Es war im Grunde die ewig gleiche Leier: „Such dir eine Frau und gründe eine Familie.“ Er rollte mit den Augen.

Es war kein Geheimnis, dass seine Mutter sich eine Schwiegertochter wünschte ... und Enkel. Viele Enkel. Doch wollte Trautmann das auch? Seit seinem erfolglosen Werben um die Hand seiner jetzigen Lehnsherrin hatte er sich nicht mehr mit dem Thema auseinandergesetzt. Dabei war der Gugelforster stets ein Mann gewesen, der beim Weibsvolk ganz passabel ankam. Er war groß, hatte breite Schultern, Brust und Rücken, die von Waffenübungen gestählt waren, und auch Körperpflege war ihm nicht fremd. An der Seite des Grafen hatte er stets Wert darauf gelegt, anständig adjustiert und sauber zu sein – oft um ein Vielfaches sauberer als sein Dienstherr. Und auch auf Burg Lichtwacht ließ er sehr bald schon eine Badekammer einrichten, die er überdurchschnittlich oft aufsuchte. Seine braunen Haare waren auf die Länge einiger Finger gekürzt und sein Bart nie mehr als das, was nach drei Tagen zu stehen vermochte.

Der Junker war ein oft sehr ruhiger Mann mit weichen Gesichtszügen, prominenter Nase und milden braunen Augen. Es brauchte schon viel, um ihn in Wallung zu bringen. Doch wenn es einmal so weit kam, mochte man gar jenes Feuer in ihm erkennen, durch das sich sein Schwertvater sich seit Jahr und Tag auszeichnete und für das er gefürchtet war.

Trautmann zog das letzte Schreiben seiner Mutter unter seinem Gürtel hervor. Er trug es schon seit einigen Tagen mit sich herum und warf immer mal wieder einen Blick darauf. ‚...  sieh’ zu, dass du dich anständig kleidest ...‘ Was bei den Gehörnten sollte das bedeuten? Er seufzte.

„Ihr wollt nicht hin, habe ich recht?“

Die Stimme eines Mannes in seinem Rücken riss den Gugelforster aus Lethargie und Tagträumereien. Es war Bosper, ein Waffenknecht, der wohl gerade seinen Rundgang absolvierte. Trautmann hatte ihn vor einigen Tagen darum gebeten, ihn nach Weidenhag zu begleiten.

„Bin ich so einfach zu durchschauen?“ Der Ritter zwang sich zu einem Lächeln, doch der Versuch missglückte und alles, was sich auf seinem Antlitz zeigte, war eine seltsame Grimasse. „Sie wird mich an meine Pflicht erinnern mir ein Weib zu suchen.“

„Und das ist warum genau schlimm?“ Der Knecht war ein schlanker Mittdreißiger. Er war still und pflichtbewusst und erinnerte Trautmann irgendwie auch an sich selbst. „Ihr seid ein junger, gesunder Mann. Wünscht Ihr Euch keine Frau, die Euch das Bett wärmt und Euch Kinder schenkt?“

„Hum ...“, erwischt, „... ja, aber es soll meine Wahl sein und nicht die meiner Mutter. Im schlimmsten Fall hat sie schon irgendwen angekarrt.“

„Wann habt Ihr denn das letzte Mal Zeit aufgewendet, um Euch nach einem Weib umzusehen? Ihr verlasst seit Monden kaum mehr die Burg und grabt Euch stets in Arbeit ein. Ich denke nicht, dass Eure Zukünftige von sich aus ihren Weg nach Lichtwacht findet.“ Bosper ließ nicht locker.

Als Antwort folgte ein Seufzen. Trautmann wandte sich ab und blickte hinaus auf die bewaldete Vorgebirgslandschaft vor seiner Burg. Der Mann hatte nicht ganz unrecht. Er hat sich schon lange nicht mehr mit dem Weibsvolk auseinandergesetzt und gelegen hatte er auch schon länger bei keiner mehr. Hier auf Lichtwacht war die Auswahl ja auch nicht besonders groß und am Grafenhof war er nur noch selten. „Ich soll also nach Weidenhag reiten?“

„Wenn Ihr meinen Rat wollt ...“

Der Junker wandte sich wieder seinem Waffenknecht zu und lächelte gequält: „Du hast recht. Es hier auszusitzen, macht es bestimmt nicht besser. Am Ende kommt Mutter noch hierher.“ Dieser Gedanke zauberte dem Ritter dann doch ein ehrliches Lächeln auf die Lippen. „Also gut. Dann gilt es wohl, meine guten Sachen herzurichten. Wir brechen morgen auf, damit wir am zwölften Tage des Travia eintreffen ... wie von ihr gewünscht.“

 


 

Die komplizierte Schwester


Dramatis Personae:

 

Junkergut Hollerstockhöhe, Baronie Hollerheide, Mitte Efferd 1042 BF

„Ihr müsst immer schön die Bäuchlein kraulen, ja? Dann geraten die Eingeweide in Schwung und das ist wichtig. Sonst gelangt die Milch nämlich nicht da hin, wo sie hin muss. Und das wäre ganz, ganz schlecht. Das wollen wir nicht.“

Arbogast blinzelte irritiert. Er war auf dem Weg zum Nutzgarten und davon ausgegangen, dass er seine Schwester dort über irgendeinem Grünzeug finden würde. Salat, Bohnen, Gurken, vielleicht auch Erd- oder Himbeeren. Beim Zerfleddern und Sezieren all dieser Pflanzen war sie schon erwischt worden und hatte sich dadurch eine Menge Ärger mit Merowech, dem Koch, und seiner Gemahlin Petrissa eingehandelt. Niemandem auf der Hollerstockhöhe wollte einleuchten, dass Gwendolyn so etwas dabei helfen konnte, ihre Kunst zu verfeinern. Essen war nun mal zum Essen da und nicht, um zerlegt und gemalt zu werden.

Allerdings verfügten Kohl und Kartoffeln nicht über Bäuche, die gekrault werden mussten. Und Arbogast hatte seine Schwester zwar schon dabei erwischt, wie sie mit Blumen sprach, aber noch nie mit Obst oder Gemüse. Auch die säuselnde Stimme kam ihm ziemlich verdächtig vor. Deshalb reckte er neugierig den Hals, konnte aber vorerst niemanden sehen. Also öffnete er das hölzerne Törchen zu diesem abgetrennten Teil des Gartens und sah sich um.

„Was passiert denn, wenn die Milch nicht ankommt?“

Die helle Stimme eines Kindes ertönte just, als Arbogast den Namen seiner Schwester rufen wollte – und sorgte dafür, dass er nach rechts abbog. Offenbar spielte sich das Geschehen hinter den Bohnenstangen ab. Es war also kein Wunder, dass er niemanden entdeckt hatte.

„Dann platzen die Bäuche auf und die kleinen Kerlchen sterben.“

Arbogast zuckte erschrocken zusammen. Gerade noch war er stolz darauf gewesen, wie viel Mühe sich Gwendolyn gab, einem der Kinder hier auf dem Gut etwas zu erklären – und jetzt so was! Wie konnte sie nur?

„Iiiiiiiih. Neeeee, das glaub ich nicht!“, fiepste die Kinderstimme.

„Nicht? Willst du es riskieren? Dann bist du aber am Tod einer deiner Mitkrea...“

„Zum Gruße miteinander!“, schmetterte Arbogast lauthals los, bevor er die Bohnen ganz umrundet hatte und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Das würde den Gedanken an platzende Bäuche hoffentlich aus dem Kopf des armen Kindes vertreiben, das in die Fänge seiner gnadenlosen Schwester geraten war.

Ein Blick reichte aus, um erkennen, dass es nicht nur ein Kind war, sondern derer gleich zwei. Merowechs Nachwuchs, um genau zu sein: Die siebenjährige Espe und der elfjährige Barl saßen zwischen den Bohnenstangen und dem Beet mit den Erbsen im feuchten Dreck und starrten Gwendolyn aus riesigen, ungläubigen Augen an. Jeder der Knirpse hielt ein Katzenjunges in den Händen – es wurden aber gerade keine Bäuchlein gekrault, weil das Entsetzen zu groß war. Gwendolyn schien von den verstörten Blicken ihrer kleinen Gehilfen allerdings keine Notiz zu nehmen. Auch sie saß im Dreck, was Arbogast im Angesicht ihres bestimmt sehr teuren Rocks tadelnd die Stirn runzeln ließ.

Außerdem beglückwünschte er sich selbst im Stillen dazu, Merowech nicht mit in den Garten genommen zu haben. Denn wenn der gesehen hätte, was seine Augen gerade schauten, wäre ein riesiges Donnerwetter unvermeidbar gewesen: Gwendolyn hielt den Spritzbeutel, der normalerweise zum Verzieren von Gebäck und Torten genutzt wurde, in der linken Hand, um den Katzenwelpen in ihrer rechten zu säugen. Das wäre in den Augen seines Kochs, der nicht nur auf sein Können, sondern auch auf seine Küche sowie die zugehörigen Utensilien große Stücke hielt, sicher ein ausgewachsener Skandal gewesen. Arbogast fand es eher zum Schmunzeln, hätte das Merowech gegenüber aber nie zugegeben.

„Minka ist heute Morgen nicht zur Küche gekommen, um sich ihre Milch zu holen. Und dann habe ich hier vorhin das Geschrei von den Winzlingen gehört“, hob Gwendolyn ansatzlos zu einer Erklärung an, die er zwar nicht gefordert hatte, die ihm aber dennoch sehr willkommen war. „Wir können sie ja nicht einfach sterben lassen, richtig?“

„Nein, sicher nicht.“ Arbogast schüttelte den Kopf, hakte aber sicherheitshalber nach: „Was ist denn mit der Katze? Ist sie krank?“

„Bei meiner Rückkehr gestern schien sie kerngesund“, kam es umgehend zurück. „Ich schätze, sie ist über Nacht mal wieder in den Wald gestromert und hat sich vielleicht zu tief hinein gewagt. Ein Fuchs? Marder? Dachs? Uhu? Wer weiß.“ Gwendolyn hob den Kopf, um ihn aus traurigen blauen Augen anzusehen, lächelte dabei aber tapfer und hob die Schultern, als sie ein leises „So ist der Gang der Dinge“ anfügte.

„Hmhum“, brummte Arbogast, während sein Blick an einem bunten Tuch hängenblieb, das seine Schwester wie einen Stirnreif um ihren Kopf gewunden hatte. Darunter lugte ausnahmsweise unfrisiertes Blondhaar hervor, das tief in ihren Rücken fiel. Zusammen mit den großen Augen, den hohen Wangenknochen und der kleinen Nase verlieh es ihrem schmalen Gesicht eine irgendwie ... elfenhafte Anmutung. Ausgerechnet jetzt, wo er etwas sehr Ernstes mit ihr besprechen wollte, sah Gwendolyn aus wie ein Elfchen, das ohnehin schon an seinem endlosen Weltschmerz zu zerbrechen drohte. Das war doch ... das war einfach nicht gerecht!

„Hast du mich gesucht?“, fragte sie – und riss ihn damit aus einer Betrachtung.

„Äh ... ja. Ich muss mit dir reden, Gwen.“

„Jetzt gleich? Oder kann das noch ein bisschen warten?“

Konnte es noch warten? Arbogast kratzte sich am Kopf. Er hatte sie gestern Nachmittag vollkommen unbehelligt gelassen, weil er wollte, dass sie erst mal ganz in Ruhe wieder zu Hause ankommen konnte. Heute Morgen hatte er sein Anliegen auch nicht erwähnt, weil er sie damit nicht auf leeren Magen quälen wollte. Und wenn er bis heute Abend wartete, blieb ihr wahrscheinlich nicht genug Zeit, um sich vor dem Einschlafen wieder abzuregen. Bis morgen wollte er aber nicht warten, weil er es ja irgendwann mal hinter sich bringen musste. Es half schließlich nichts, das Elend immer weiter aufzuschieben ... . Arbogast seufzte, schüttelte dann jedoch entschieden den Kopf.

„Nein, ich fürchte, das kann nicht warten“, meinte er. „Komm bitte mit!“

Er sah, wie sich eine steile Falte auf Gwendolyns Stirn bildete. Offenbar gab ihr seine Aufforderung zu denken und sie hätte gern gewusst, was los war. Dankenswerterweise fragte sie aber nicht und leistete auch keine Widerworte, sondern nickte nur. Dann trennte sie den Welpen vorsichtig vom Spritzbeutel und reichte beides an Barl weiter.

„Nicht auf den Rücken legen, ja? Immer schön aufrecht halten“, sagte sie. „Und wenn der Kleine nicht mehr will, dann macht ihr, was ich euch gesagt habe: Bäuchlein streicheln! Je länger desto besser. Und wenn ihr damit fertig seid, sucht ihr euch in der Vorratskammer eine Kiste mit hohen Wänden. Da kommen die drei rein und werden auf die Terrasse gestellt. Am besten bleibt ihr dabei und behaltet sie im Auge. Schafft ihr das, Barl?“

Der Junge nickte mit strahlenden Augen.

„Und du sorgst dafür, dass deine Schwester nichts riskiert!“

„Ja, mache ich“, versprach Barl.

Nachdem das geklärt war, erhob sich Gwendolyn, klopfte die größten Erdkumpen von ihrem feinen Röckchen und sah Arbogast fragend an: „Wohin gehen wir denn?“

„Wir drehen eine Runde durch den Garten.“

„Ach?!“

Statt etwas zu erwidern, schob er seine Schwester mit sanfter Gewalt aus dem Nutzgarten und schloss das Törchen hinter ihnen.

„Du siehst so ernst aus. Muss ich mir Sorgen machen?“, Gwendolyn ließ nicht locker.

„Eigentlich nicht“, sagte Arbogast, während er sich ein paar Schritte von den Kindern, den Welpen, dem Obst und Gemüse entfernte. Erst als er sicher war, außer Hörweite zu sein, hob er wieder an: „Eigentlich müsstest du dich freuen. Aber ich kenne dich zu gut, um glauben zu können, dass du das tun wirst. Also bin ich für das Schlimmste gewappnet, was wohl die Erklärung für die ernste Miene ist.“

„Aha?!“ Ein Fünkchen Misstrauen glomm in den Augen einer Schwester auf. Sie sagte aber nichts weiter, sondern hob nur fragend die Brauen.

„Ich möchte, dass du jemanden kennenlernst“, Arbogast ging ganz unvermittelt in die Vollen. Je schneller er mit der Wahrheit herausrückte, desto schneller würde alles vorbei sein. Hoffte er jedenfalls. Wenn er erst noch großartig herumeierte, würde das keinem von ihnen etwas bringen und das Leiden vermutlich nur unnötig in die Länge ziehen.

„Oh nein“, hauchte Gwendolyn leise. „Nicht wirklich, oder?“

„Was?“

„Einen Mann? Schon wieder?“

„Habe ich dir je Anlass zu der Hoffnung gegeben, dass ich nachlassen würde?“

„Und was wird es diesmal?“, fragte sie mit einem alarmierend scharfen Unterton in der Stimme. „Lädst du wieder einen armen, auf den Mund gefallenen Zwerg hierher ein? Oder schleppst du mich auf einen Fleischmarkt, auf dem Frauen wie Rinder durch den Ring gezogen werden, auf dass ein abgebrochener Troll sie mit seinen Blicken entkleiden kann?“

Arbogast starrte seine Schwester einen Moment schweigend an und holte dann tief Luft:

„Also erstens: Das war kein Zwerg! Der junge Mann nennt einfach nur eine sehr bullige Statur sein Eigen und wirkt dadurch kleiner als er tatsächlich ist. Abgesehen davon handelt es sich um einen ausgesprochen höflichen und netten Kerl. Er hat offenbar nicht viel Erfahrung mit Frauen, aber deshalb hättest du ihn nicht derart auflaufen lassen müssen. Ernsthaft ... der Arme traut sich wahrscheinlich nie wieder, irgendeine anzusprechen.“

„Er wirkte auf mich, als ob er es sehr nötig hätte. Also schätze ich, dass er vielleicht eine ... höchstens zwei Wochen gebraucht hat, um sich von dem Schreck zu erholen.“

„Und zweitens: Dafür habe ich mich nun wirklich oft genug entschuldigt! Ich wusste so wenig wie du, wie das da in Waldenwinkel ablaufen würde. Du hast zweifellos Recht: Es war unter aller Würde. Dennoch hättest du den Troll nicht mehrfach vor seiner versammelten Gästeschar bloßstellen sollen und du hättest erst recht nicht auf ihn schießen dürfen!“

„Ich habe nicht auf ihn geschossen. Ich habe nur grob in seine Richtung gezielt. Du kennst mich ja wohl gut genug, um zu wissen, dass ich einen derart kapitalen Bock auf die Entfernung nicht verfehlt hätte.“

„Du hast auf den Stand mit den Erfrischungen direkt hinter ihm gezielt, ein riesen Chaos und unfassbaren Lärm verursacht und dafür gesorgt, dass er diese komische Weidenthalerin vor Schreck von oben bis unten mit seinem Met einsaut ...“

„Die hatten es beide nicht besser verdient!“

„Also bitte!“

„Ja, was denn? Hast du dir das Weib mal genauer angeguckt?“, zischte Gwendolyn. „Die stand kurz davor, dem ungepflegten Kerl auf planer Fläche die Zunge in den Hals zu stecken. Es waren bei der Fleischbeschau auch ein paar sehr liebe und anständige Frauen zugegen, die ernsthaftes Interesse hatten. Tsalinde zum Beispiel. Oder Gunelde. Hätten die vielleicht noch ein halbes Wassermaß dabei zusehen sollen, wie diese schlechte Karikatur von einer Adelsperson sabbernd in den Ausschnitt der falschen Schlange starrt?“

„Humtja ...“

Arbogast hätte seine Schwester gern tadelnd angesehen, brachte bei der Erinnerung an das fassungslose Gesicht des Waldenwinklers aber nur ein amüsiertes Glucksen zuwege. Es war ihnen zwar gelungen, die festliche Gesellschaft von einem bedauerlichen Unfall zu überzeugen. Was halt so passierte, wenn man ahnungslose Adelsfräuleins dazu aufforderte, mit Pfeil und Bogen auf Zielscheiben zu schießen, um ihr Geschick unter Beweis zu stellen. Die Kompensation für das ruinierte Kleid der Weidenthalerin hatte allerdings geschmerzt – und ihr zorniger Blick fuhr ihm seinerzeit bis ins Mark. Er war ein Grund dafür gewesen, dass sie die Veranstaltung weit vor der Zeit verließen. Und irgendwie hielt Arbogast das heute noch für eine sehr weise Entscheidung.

„Ich konnte ja nicht wissen, dass er anfängt, wie ein Mädchen zu kreischen und in die Luft zu springen“, schob Gwendolyn just nach.

„Gleich wie: Keine Pfeile mehr, ist das klar? Wenn ich sehe, dass du diesmal grob in die Richtung irgendeines Menschen zielst, kannst du dir ein neues Zuhause suchen. Dann hast du der Familie so viel Schmach bereitet, dass ich dich hier nicht mehr aufnehme“, drohte Arbogast.

„Pfffft“, machte Gwendolyn und hob die Schultern. „Dann lass es doch einfach gleich bleiben.“

„Nein, das tu ich auf keinen Fall. Nicht diesmal!“

Offenbar war es ihm gelungen, seine Worte mit ausreichender Entschiedenheit vorzubringen, denn seine Schwester blieb stehen, um ihm einen überraschten Blick zuzuwerfen.

„Wieso? Was ist denn diesmal anders?“

„Wir sind eingeladen. Nur wir zwei, niemand sonst“, erklärte Arbogast mit ruhiger Stimme. „Von der Mutter des Mannes und ins Haus seiner Base. Es wird Familie zugegen sein und damit ist der Rahmen ein anderer als bei den Treffen, die ich bisher vereinbart hatte.“

„Wieso das denn?“, Gwendolyn schien irritiert.

„Die Initiative ging von dort aus, nicht von hier.“

„Aber warum? Ich meine ... ich bin doch nur ... ich. Mein Ruf ist denkbar schlecht. Also weshalb sollte jemand ... .“ Sie hielt inne und ihre Augen wurden noch größer, als sie es ohnehin schon waren. „Von wem reden wir hier, Arbogast? Du wirst ja wohl kein Treffen mit irgend so einem ... Böcklin oder Rauheneck oder Hölderlingen oder ... sonstigen Quertreibern vereinbart haben, nur um mich endlich loszuwerden?“

„Gugelforst“, erwiderte er nicht ganz ohne Stolz.

„Hä ... was?“

„Die Familie Gugelf...“

„Die Traviafrömmler? Bist du verrückt?“

„Baronin Gwidûhen...“

„Die hat doch keine Söhne im rechten Alter für mich?!“

„Das ist die Base. Die übrigens den Rahja-Tempel in Weidenhag gestiftet hat“, er sprach den Namen der Schönen Göttin überdeutlich aus, weil er hoffte, dass er so durch das Chaos in Gwendolyns Kopf dringen und ihr Bewusstsein erreichen würde.

„Base ... ?“

Nein, es hatte sie offenbar nicht erreicht.

„Ihre Hochgeboren Gwidûhenna ist die Base des Mannes, um den es geht“, erklärte Arbogast. „Hochwürden Travine von Weidenhag seine Mutter.“

„Die Vorsteherin des Traviatempels?“

„Genau die.“

„Oh, Liebliche, hab doch Gnade mit mir! Das kann nicht dein Ernst sein?!“ Arbogast beobachtete verwundert, wie noch das letzte bisschen Farbe aus dem Gesicht seiner Schwester wich und ihre Augen feucht zu glänzen begannen. „Willst du mich umbringen?“

„Jetzt übertreib doch nicht so!“

„Travine von Weidenhag? Als oberste Sittenwächterin der Trutz verrufen? Neben der hätte unsere alte Gouvernante wahrscheinlich noch wie ein verruchtes Luder aus der Balihoer Südstadt ausgesehen! Was soll das werden? Willst du, dass die mir jetzt die Flausen austreibt, bei denen es dir nicht gelungen ist? Und ein braves, angepasstes Eheweib aus mir macht?“

Arbogast hätte das Ganze vielleicht witzig gefunden, wäre nicht allzu offensichtlich gewesen, dass seine Schwester wirklich kurz davor stand, in Panik auszubrechen. Also griff er nach Gwendolyns schmalen Schultern und stieß ein leises „Schhh!“ aus.

„Jetzt beruhig dich erst mal“, murmelte er. „Ich habe mich länger mit Ihrer Hochwürden unterhalten und sie hat auf mich nicht den Eindruck gemacht, als wolle sie dich verbiegen oder gleich ganz brechen. Sonst hätte ich doch kein Treffen in Betracht gezogen. Außerdem würdest du dich gar nicht direkt unter ihrer Fuchtel befinden. Ihr Sohn, Trautmann von Gugelforst, verwaltet ein eigenes Junkertum in der Baronie Nordhag.“

„Nordhag?“

„Ja.“

„Wo da?“

„Recht weit im Süden, meine ich. In den Ausläufern des Finsterkamms.“

„Des Finsterkamms?“

„Ja.“

„Willst du mich nicht einfach gleich an die Orks verramschen, nachdem ich ihnen dort ja wohl früher oder später unweigerlich in die Hände fallen werde?“, schnappte sie.

„Gwendolyn!“

„Wer ist dieser Kerl?“

„Trautmann?“

„Ja. Was weißt du über den?“

„Was seine Mutter mir erzählt hat. Er ist ein wohlerzo...“

„Was seine Mutter dir erzählt hat? Das heißt, du kennst ihn gar nicht?“

„Dafür ist ja das Treffen gedacht: Dort können wir uns alle kennenlernen.“

„Gute Götter! Warum nur, Arbogast? Was habe ich dir denn bloß getan? Bin ich wirklich so schrecklich, dass du mich hier nicht mehr erträgst?“

„Nicht doch! Du bist überhaupt nicht schrecklich. Aber du zählst nun 25 Winter und bist damit in einem Alter, in dem man wirk...“

„DU BIST NOCH VIEL ÄLTER ALS ICH!“, schrie sie ihn förmlich an. „Warum kümmerst du dich nicht erst mal um dich selbst, bevor du mich in die Auslage stellst?“

Arbogast zuckte erschrocken zusammen, gab ein gehetztes „Gwendolyn, du liebe Zeit!“  von sich und warf dann einen sichernden Blick in die Runde. Im Grunde hätte er sich das sparen können, denn selbst wenn er hier niemanden sah: So laut, wie seine Schwester gerade geworden war, hatte man ihre Stimme sicher bis in Gutshaus vernommen. Und noch darüber hinaus. Er seufzte, gab ihre Schultern frei und griff nach ihrem Arm, um sie zum Pavillon zu geleiten – in der stillen Hoffnung, dass sich ihr Gemüt dort rasch etwas abkühlen würde. Glücklicherweise leistete sie keine Gegenwehr, sondern ließ sogar zu, dass er sie auf eine der steinernen Bänke setzte, die das kleine Rondell einfriedeten.

Dann ging er vor ihr in die Hocke, nahm sich ein Herz und sah in ihre Augen auf. In denen lieferten sich Zorn, Furcht und Verzweiflung gerade ein furioses Gefecht. Arbogast konnte nicht sagen, welches die vorherrschende Emotion war. Nur, dass es sich nicht um eine gute Mischung handelte und er nun dringend etwas sagen musste, um die Situation zu entschärfen.

„Ich will dich nicht loswerden, Gwendolyn, und du bist auch nicht schrecklich. Du bist meine Schwester und ich liebe dich. Ich will nicht, dass dich irgendjemand verbiegt oder umerzieht und wenn einer solche Tendenzen erkennen ließe, würde ich ihm deine Hand nicht geben. Ich hoffe, das weißt du?“

„Warum dann das Ganze?“, fragte sie mit zittriger Stimme. „Ich meine ... mir geht es doch gut hier? Dir geht es gut? Uns allen? Und so teuer, dass ich unsere Familie in den Ruin treiben würde, bin ich nun auch wieder nicht. Ich werde sicher ... irgendwann Aufträge erhalten. Dann kann ich etwas beitragen und falle dir nicht nur zur Last. Ich will ja ni...“

„Darum geht es doch nicht!“

„Worum dann?“

„Du wirst hier keine Erfüllung finden, versteh das doch bitte endlich!“, Arbogast warf seiner Schwester einen flehenden Blick zu. „Es kann mit dir nicht ewig so weitergehen. Du lebst allein mit deinem Bruder mitten im Wald, wo dich niemand zufällig kenn...“

„Erfüllung? Aber da finde ich die, oder was?“, fragte Gwendolyn zornig. „Am Rande des Finsterkamms mit dem Herrn Junker, den du nicht mal kennst und über den du mir nichts als das wiedergekäute Lob seiner Mutter geben kannst? Was denkst du? Dass die dir aufrichtig Bericht erstattet hat? Wahrscheinlich ist der Kerl genauso ein hoffnungsloser Fall wie ich, sonst hätte sie doch nach einer Frau gesucht, die eher den Idealen der Weidener Gesellschaft entspricht und nicht ... so eine Schreckschraube. Gugelforst ... was haben die überhaupt von einer Verbindung mit unserer Familie? Wo ist da der Haken?“

„Frag dich nicht, was die davon haben. Frag dich lieber erst einmal, was wir davon haben. Was du davon hast, vor allem.“

„Und das wäre?“

„Enge Bande zu einem ebenso gut beleumundeten wie vernetzten Adelshaus, die es dir erlauben werden, nicht nur privat, sondern auch beruflich neue Wege zu beschreiten“, gab Arbogast rasch und sehr entschieden zurück. Er war froh, dass sie nun endlich den Punkt erreichten, der seiner Meinung nach das größte Plus darstellte – jedenfalls vom Standpunkt seiner Schwester aus betrachtet. „Dadurch werden sich dir mit Blick auf deine Profession Türen öffnen, von denen du jetzt noch gar nichts ahnst, und du wirst dir neue Mögl...“

„Schert mich nicht!“, fiel sie ihm kurz angebunden ins Wort.

„Äh ... was?“, Arbogast stierte seine Schwester verdattert an.

„Das interessiert mich nicht“, wiederholte sie und schüttelte energisch den Kopf. „Was bist du nur für ein Dummkopf, Walram Arbogast Firminius von Durrnwangen! Wäre mir das das Wichtigste, würde ich in einem Palazzo im Neuen Reich und von meiner eigenen Hände Arbeit leben. Tu ich aber nicht, weil es mir darum nicht geht. Es geht um dich! Meine Familie. Ich will bei Menschen leben, die mich lieben und schätzen und denen ich mich zugehörig fühle. Ich habe nur noch dich und will dir nahe sein. Drum schmerzt es umso mehr, dass du mich abzuschieben trachtest. Zu Leuten, die mich nicht kennen und die mich wahrscheinlich nicht mal mögen werden. Einer Schwiegermutter, die einfach nur ein Weib für ihren Sohn braucht. Und einem Mann, der bloß seine Pflicht erfüllt. Ist das das Beste, was du dir für mich vorstellen kannst, ja? Das Beste, was ich von meinem Leben erwarten darf?“

„Liebes ...“, hob Arbogast an, hielt aber gleich wieder inne, weil seine Stimme nicht so fest klang, wie er es gern gehabt hätte. Da saß mit einem Mal ein dicker Kloß in seinem Hals und zwang ihn, zu schweigen. Also griff er erst mal nach den Händen seiner Schwester, um sie zu drücken – ihr begreiflich zu machen, dass er sie gehört und verstanden hatte und mit ihr fühlte.

Als er sich wieder halbwegs auf der sicheren Seite wähnte, atmete Arbogast tief durch und wagte einen zweiten Versuch: „Wenn du dich immer nur an mich klammerst und ich mich an dich, wird keiner von uns jemanden Neues kennen oder lieben lernen. Dann wird die Familie Durrnwangen aus zwei Personen bestehen, bis wir beide den Weg alles Derischen gehen – und sie schließlich ganz erlischt. Ich verstehe deine Vorbehalte und gelobe, dass ich nichts über deinen Kopf hinweg entscheiden werde. Aber ich bitte dich inständig: Gib der Sache eine Chance! Vielleicht entwickelt sich ja alles ganz anders, als du denkst, und die Familie, der du dich zugehörig fühlst, wird rasch sehr viel größer?“

„Warum kommst du nicht erst mal deiner Pflicht als Familienoberhaupt nach und gehst mir mit gutem Beispiel voran?“, fragt sie zurück.

„Das werde ich“, meinte Arbogast ruhig. „Ich habe seit dem Gespräch mit Hochwürden Travine viel nachgedacht und begriffen, dass ich die Sache nicht so lange hätte schleifen lassen dürfen. Nicht im Angesicht der schwierigen Situation, in der sich unsere Familie befindet. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich mich der Sache annehmen werde – in Zukunft auch für mich und nicht mehr nur für dich.“

„Das klingt gut“, murmelte Gwendolyn und nickte zufrieden. „Dann halten wir es doch einfach so, oder nicht?! Du suchst dir eine Frau und wenn das halbwegs unter Dach und Fach ist, darfst du wieder mit der Suche nach einem Mann für mich beginnen. Meinetwegen auch in Nordhag ... oder Weidenhag ... oder sonst wo am Ende der Welt. Wenn es nicht anders geht. Ich verspreche im Gegenzug, dass ich mich weniger unmöglich verhalten werde, um es dir nicht mehr ganz so schwer zu machen.“

Seine Schwester wagte ein schiefes, vorsichtig hoffnungsvolles Lächeln und es brach Arbogast fast das Herz, ihr die Nachricht zu verkünden, die er bisher zurückgehalten hatte:

„Ich fürchte, das wird nicht gehen.“

„Warum nicht?“

„Weil ich bereits einem Treffen zugestimmt habe.“

„Was? Wann?“

„Am 12. Travia. Im Hag, dem Baronssitz von Weidenhag.“

„Ohne mich zu fragen?“

„Du warst ja nicht da.“

„Du hast einem derart bedeutenden Treffen zugestimmt, ohne vorher auch nur ein Wort mit mir zu wechseln?“ Gwendolyn wurde jetzt wieder lauter.

„Gwen...“

Noch ehe ihr Name ganz ausgesprochen war, entriss sie ihm ihre Hände und sprang auf. Einen Moment stand sie über ihm, starrte fassungslos in sein Gesicht und schien um Worte zu ringen. Wut und Verzweiflung kehrten von Jetzt auf Gleich in ihre Augen zurück. Am meisten aber schmerzte die Enttäuschung, die dieses Mal neu hinzutrat.

Arbogast wurde sofort klar, dass er seine Schwester zutiefst verletzt hatte und er wollte wieder nach ihrer Hand greifen, etwas Beschwichtigendes sagen – egal was tun. Doch bevor er auch nur einen Muskel bewegen konnte, schluchzte sie laut auf, fuhr herum und rannte mit wehenden Röcken davon.

Er blieb zurück, wie er war. An einem ihrer liebsten Orte auf der Hollerstockhöhe knieend. Ratlos. Beschämt. Erschüttert. Von dem unguten Gefühl erfüllt, soeben eine schwere Niederlage eingefahren und mit seinem unbedachten Handeln vielleicht mehr Schaden angerichtet zu haben, als er je wiedergutmachen konnte.

 


 

Der Rat einer Freundin


Dramatis Personae:

 

Gut Hollerstockhöhe und Burg Distelstein, Ende Efferd/Anfang Travia 1042 BF



Liebe Baraya,

ich weiß, Du bist momentan mit wichtigen verwalterischen Aufgaben befasst, die Deine volle Aufmerksamkeit erfordern. Daher will ich mich kurz fassen und schicke eine Entschuldigung für die Störung voraus. Ich kann nicht anders, als dir zu schreiben, denn ich weiß nicht ein noch aus.

Arbogast hat mir nach meiner Rückkehr auf die Hollerstockhöhe eröffnet, dass ich erneut einem möglichen Gemahl vorgeführt werden soll. Leider handelt es sich diesmal nicht um ein informelles Treffen mit einem seiner Freunde und auch nicht um eine satirische Veranstaltung in der Sichelwacht, sondern um einen „hochoffiziellen“ Termin, zu dem die Familie Gugelforst uns nach Weidenhag eingeladen hat. Ich soll dort Junker Trautmann von Gugelforst zu Lichtwacht kennenlernen, welchselbes in der Baronie Nordhag liegt.

Arbogast fordert, dass ich mich diesmal „benehme“, weil der Ruf der Familie sonst schwereren Schaden nehmen könnte. Es leuchtet mir ein. Gleichwohl: Er hat das Treffen ohne meine Zustimmung vereinbart, und ich bin so zornig, dass ich ihn am liebsten auflaufen lassen würde wie nie zuvor ...

Ich schreibe Dir, um zu fragen: Was rätst du mir? Wie soll ich mich betragen? Du kennst meine Haltung zu Arbogasts Versuchen, mich in etwas zu zwingen, das er für sich selbst nicht will. Und meine Angst vor dem, was aus meinen Träumen wird, wenn ich mich in etwas füge, das mir unerträglich scheint.

Was nun mit mir geschieht, hast Du bereits durchlitten, also kann ich mir nichts Hilfreicheres vorstellen, als Manövrierhilfen aus Deiner Feder. Ich wäre unendlich dankbar, wenn Du Dir Zeit für ein paar Zeilen nehmen könntest – verstehe aber auch, wenn Deine Pflichten es gerade nicht zulassen.


Die Zwölfe allzeit mit Dir,
Gwendolyn


PS: Wir brechen am 8. Travia in die Trutz auf.

PPS: Wenn Deine Aufgabe es zulassen, kannst du uns vielleicht alsbald auf der Hollerstockhöhe besuchen? Ich gebe gern Bescheid, wenn wir von unserer Reise zurück sind.


***


Er stand nun schon eine kleine Weile in der Tür, die in den kleinen Raum führte, den Baraya als Schreibzimmer nutzte. Eigentlich war der Anblick, der sich ihm bot, durchaus vertraut. Die hölzerne Täfelung glänzte matt, die Bemalung der Wand darüber wirkte im Kerzenlicht, als würde sie jeden Augenblick zum Leben erwachen, Kommoden und Schreibtisch waren bedeckt von Papieren, Büchern sowie Pergamentrollen und seine Gemahlin saß, vertieft in irgendetwas, mittendrin.

Isedorn lächelte, weil es ein so friedliches Bild war. Eines, das ihn unterdessen mit heimeliger Wärme erfüllte, wie er feststellte. Er scheute sich, Baraya aus ihrer Konzentration zu reißen und beschloss, einfach hier stehen zu bleiben, bis sie von sich aus den Blick hob und gar nicht anders konnte, als ihn wahrzunehmen. Immerhin stand er nur drei gute Schritte von ihr entfernt und war nicht gerade schmächtig.

Zu spät ging ihm auf, dass die anhaltend offene Tür etwas gefährdete, was Baraya lieb und teuer war: die mittels eines kleinen Kamins erzeugte Wärme, die nur zum Bleiben überredet werden konnte, wenn Fenster und Tür fest geschlossen waren. Was ihm erst wieder einfiel, als er das Schaudern bemerkte, mit dem Baraya von ihrer Lektüre aufblickte. Mit gerunzelter Stirn, zusammengezogenen Brauen und ganz und gar unvergnügtem Gesichtsausdruck.

„Du?“, schnappte sie ohne jeden Anflug von Freude. Gefolgt von einem schnarrenden, „was willst du? Dass ich mir den unzeitigen Tod hole? Dann bleib nur weiter so stehen und lass die Kälte der Niederhöllen hier reinziehen.“

„Oh, entschuldige“, Isedorn von Pandlarin beeilte sich in den Raum zu schlüpfen und die Tür hinter sich zu schließen, „das war unbedacht. Ich werde das Feuer umgehend neu schüren, dann ist dir gleich wieder warm, mein Herz.“ Er legte seine Kladde und den Korb mit Blüten und Blättern zuoberst auf einen Bücherstapel und wollte beflissen das Gesagte in die Tat umzusetzen.

„Weil ich das selbst nicht kann, oder wie? Lass gut sein und sag mir, was du willst. Ich habe zu tun.“

„Ähm … nein, eigentlich“, irritiert blinzelnd verhielt Isedorn mitten in seiner Bewegung.

„Ich bin sehr gut in der Lage, das Feuer selbst am Laufen zu halten und für einen angenehm temperierten Raum zu sorgen, Dankeschön. Bis eben habe ich das auch wunderbar bewerkstelligt. Wir Frauen“, fuhr sie schneidend fort, „sind nämlich tatsächlich durchaus in der Lage, unser Leben in die eigenen Hände zu nehmen.“

„… öm … bitte?“

„Oh ja, sofern die Herren der Schöpfung uns die Gelegenheit dazu lassen, sind wir das sehr wohl. Wenn du dich nützlich machen willst, sorge dafür, dass der Holzkorb aufgefüllt wird und lass mir meine Ruhe.“

„Also, hör mal, ich wollte dich doch nur …“, langsam wurde es Isedorn zu bunt. Gut, er hatte die Tür aufgelassen. Gut, das war dämlich, aber darüber hinaus hatte er sich doch nichts zuschulden kommen lassen.

Baraya beäugte Kladde und Grünzeug. „Sieht nicht so aus, als wäre das da mein Beritt.“

Lautes Klopfen ertönte und die Tür wurde unmittelbar geöffnet. Ein gutgelaunter Baron, die jüngste Tochter nonchalant unter den rechten Arm geklemmt, duckte sich unter dem Rahmen hindurch. „Heja, Baraya“, hub er an und wurde seines Schwagers gewahr und verhielt in der Bewegung. Klein-Grini fing unleidlich an zu zappeln und ihr Vater musste eilends nachfassen. „Isedorn? Du auch hier?“

„Oh ja, das ist er, wollte aber gerade gehen. Was willst du jetzt?“ Barayas missgelaunter Blick wanderte ansatzlos zu ihrem Bruder hinüber.

„Eigentlich nicht“, erklärte Isedorn ungefragt und straffte seine Haltung. Beinahe zeitgleich sagte Lanzelund ebenfalls „Eigentlich“, was dazu führte, dass die beide Männer einander verdutzt ansahen.

„WAS AUCH IMMER“, erstickte Baraya potentielle Erklärungen laut im Keim. „Ich habe jetzt keine Zeit. Wenn möglich, merkt euch, was ihr wolltet und vor allem: überlegt: ob es wirklich so wichtig ist, dass ihr mich damit behelligen müsst. Ich habe jetzt wirklich wichtigeres zu tun. Offenbar sind die Männer der Hollerheide immer noch der Meinung, ihre Schwestern müssten auf jeden Fall über ihren Kopf hinweg vermählt werden. Aber daran habt Ihr beide ja schon mal nichts wirklich Schlechtes finden können, eh? Also raus jetzt!“ Im Laufe ihrer Rede war die Vögtin der Baronie aufgestanden und wies nun mit ausgestrecktem Arm auf die Tür.

Isedorn und Lanzelund waren von der abweisenden Reaktion, die offenbar auf tiefen Gefühlen der Wut gründeten, überrumpelt. Ehe sie es sich versahen, fanden sie sich vor der Tür wieder.

Griniguld fing leise an zu quengeln und ihr Vater begann sie zu wiegen. „Was war das denn?“, fragte er mit aufgerissenen Augen. „Ich wollte sie doch nur fragen, ob sie Lust hat, später auf einen kleinen Ausritt mitzukommen. Mit den Kindern. Ist ein so schöner Tag.“

„Frag mich nicht, ich wollte nur fragen, welche der Waldreben ihr besser gefällt, damit ich sie auf Sandelbach pflanzen kann. Ich dachte, es wäre doch schön, wenn wir im Sommer durch Blüten aus dem Fenster schauen.“

„Und das hat sie so fuchsig gemacht?“

„Soweit kam ich gar nicht. Erst war ihr zu kalt und dann brüllte sie mich an, dass Frauen durchaus selbst was hinkriegen, oder so.“ Hilflos hob der Padlariner die Schultern und entschied sich dagegen, Kladde und Körbchen aus dem Zimmer seiner Frau zu holen.

„Hm“, brummte Lanzelund und schüttelte den Kopf, „muss einer dieser Tage sein.“ Damit war das Thema für ihn erledigt. „Na dann, komm du doch einfach mit. Wer weiß, wie viele schöne Tage wir noch haben, ehe der Herbst die Hollerheide in Nebel und Regen hüllt. Lass uns die Kinder einpacken, einen großen Korb mit Spezereien und uns einen schönen Platz in der Heide suchen. Mit etwas Glück, hat sie sich beruhigt, wenn wir wieder zurück sind.“

„Ich glaub, dazu gehört mehr, als nur etwas Glück, aber warum nicht. Klingt gut, ich suche Viridia und Pandrad und wir sind mit dabei!“


***


Meine liebe Gwendolyn,

verzage nicht und sorge dich auch nicht um meine Zeit. In Notfällen wie diesen stehe ich parat und kein noch so wichtiger Vorgang administrativer Natur kann mich davon abhalten.

Ich weiß sehr gut, wie du dich jetzt fühlst, liebe Freundin. Wie schwer die Last ist, die einem Mühlstein gleich auf deinem Herzen liegt. Wie heiß die Wut, die dein Inneres verzehrt. Und nicht zu vergessen: die maßlose, schmerzhafte Enttäuschung, in deren Gefolge sich bald tiefe Traurigkeit einfinden wird. All dies habe ich selbst durchlebt.

Doch weil dem so ist, will ich dir jetzt eines schreiben: So schlimm es heute auch ist, es wird nicht so bleiben!

So zornig ich selbst gerade auf meinen geschätzten Ersten Ritter bin, so sicher bin ich, dass er nichts tun wird, was dich, seine geliebte kleine Schwester, in tiefes Unglück stürzt. Arbogast ist ein lieber, guter Freund und Bruder, der vor allem dein Wohl im Auge hat.

Reise in dieser Gewissheit, Gwen.

Schau dir an, welchen Spross gugelforstsche Lenden ins Derenrund entlassen haben. Lausche, aber frage auch nach. Lass dich nicht abspeisen, blicke hinter die Fassade und dazu: Kitzle ihn, diesen Trautmann. Aber betrage dich wohl, wenn dies angemessen ist. Sei das reizende Adelsfräulein, das du sein kannst, wenn es dich frommt. Aber sei auch die scharfzüngige Gesellschafterin, die ich so schätze. Bleibe respektvoll, aber sei keinesfalls verhuscht. Wenn dieser Gugelforster damit zurechtkommt, mag ein zweiter Blick lohnen. Reise also nicht verzweifelt, sondern wachsam und so du es bewerkstelligen kannst: neugierig.

Keinesfalls verstelle dich. Bisweilen erlebt man unverhofft Überraschungen, die zwar den vorgezeichneten Weg beeinflussen. Aber das, meine Liebe, ist häufig ein Gewinn. So schmerzhaft mein eigener Weg zu Anfang war, er war auch überraschend und entpuppte sich am Ende sogar als ein guter.

Ich weiß, wie unglaubwürdig meine Worte für dich klingen. Du musst sie auch nicht glauben, aber vertraue mir, denn ich wünsche dir nur das Beste.

Also, schließe ich, wie ich begann: Verzage nicht! So seltsam es in diesem Kontext anmuten mag, aber mir hat diese Herangehensweise geholfen: Wappne dich, als zögest du in einen Kampf. Schirme dein Herz, schärfe Zunge und Verstand und sei mutig. Bitte neben der Liebholden auch die Alveransleuin um ihre Hilfe, denn letztlich verstehen Weidener Männer ihre Wege besser als alle anderen.

Wie es der Zufall will, hatte ich ohnehin überlegt, dass ich gern ein paar schöne Herbstabende auf Hollerstockhöhe verbringen würde, wir sehen uns also bald nach deiner Rückkehr.


Die Allschöne und die Wächterin auf Alvernas Zinnen mit dir,
Baraya


 

Die Gefolgsfrau der Base

Dramatis Personae:


Schenke Bockshaut, Dorf Fialgrau, Baronie Hollerheide, 9. Travia 1042 BF

Wohl ausgeruht saß Algrid Blaubinge von Pergelgrund in der Bockshaut. Selten einmal war die junge Ritterin so penibel adjustiert und reinlich in ihrer Aufmachung gesehen worden. Eine Tatsache, die ihre beiden Waffenknechte, die an einem Tisch in der Nähe saßen, immer wieder verwundert lächeln und spöttischen flüstern ließ. Gebaren, von dem die Blaubingerin nichts mitbekam. Sie war zu beschäftigt damit, den Sitz ihres grün-weißen Wappenrocks und der Rüstung zu überprüfen und sich ab und an durch das braune Haar zu fahren, um sicherzugehen, dass es noch anständig lag.

Man hätte meinen können, dass Algrid kurz vor einer Audienz bei ihrer kaiserlichen Majestät stand. Ein volles Stundenglas hatte sie in der Waschkammer verbracht: Ihre Stiefel glänzten und waren frisch eingefettet, im Stahl ihrer Schulterplatten und der Arm- und Beinschienen konnte man sich spiegeln und auch das lange Kettenhemd funkelte im Licht des Praiosmals. Kurz hatte sie noch überlegt, ob sie Lippenrot auf ihren schmalen Mund legen sollte, doch verwarf sie diesen Gedanken als vollkommen lächerlich.

Es war schließlich keine Audienz, die der Ritterin bevorstand, sondern lediglich der Auftrag, den Junker von Hollerstockhöhe und seine Schwester nach Weidenhag zu geleiten. Warum genau, verstand sie nicht, attestierte sie dem Dûrrnwanger doch durchaus, dass er selbst für seinen Schutz und den seiner Schwester sorgen konnte. Das Ehrengeleit kannte sie in Weiden nur, wenn die sterblichen Überreste eines im Krieg Gefallenen in die Heimat überstellt werden – dann war es ein Zeichen der Ehrbezeugung. Doch in diesem Fall? Nun, vielleicht war es im Horasiat oder den darpatischen Marken üblich? Die Blaubingerin hob beim Gedanken daran ihre Schultern. Oder war der gegenwärtige Anlass gar nicht einmal so weit entfernt von einem Trauerzug? Immerhin sollte die Freiheit zweier Menschen zu Grabe getragen werden. So gesehen empfand Algrid das Ehrengeleit dann doch wieder als außerordentlich passend.

Die Ritterin dachte an Trautmann. Würde er inzwischen schon wissen, was seine Mutter für ihn im Sinn hatte? Und vor allem: mit wem? Mit einem gewissen Maß an Faszination dachte sie zurück an ihren Besuch auf Gut Hollerstockhöhe. Das Schlösschen, der kunstvoll angelegte Garten und das edle Geschirr. Dann dachte sie an Burg Lichtwacht: zwei kahle Türme, ein Gutshaus, ein Stall und einige Holzhäuschen inmitten der Wildnis. Wie passte das zusammen? Die Blaubingerin hätte der Ort nicht interessiert, sie wäre Trautmann auch in die Grimmfrostöde gefolgt, solange sie nur zusammenbleiben konnten.

Doch würde das auch für jene Frau gelten, die sie Gwendolyn nennen? Eine Künstlerin, die einen nicht unwesentlichen Teil ihres Lebens in Perricum und dem Horasreich verbracht hatte? Es war schwer vorstellbar – und ein kleiner Teil in ihr war sogar neugierig und froh darüber, dass sie es war, die sich als Erste ein Bild von der möglichen Braut ihres Verflossenen machen konnte. Auch wenn die Sorge, dass es wehtun könnte, allgegenwärtig war.

Ihr Frühstück hatte Algrid deshalb noch nicht angerührt und der einst heiße Heidemet war mittlerweile wohl ausgekühlt. Nachdem sie zum gefühlt zehnten Mal überprüft hatte, ob die Rüstung zu ihrer eigenen Zufriedenheit saß, galt ihr neugieriger Blick wieder der Tür in den Schankraum, wo sie den Junker und seine Schwester erwartete. Tatsächlich tat sich dort just in diesem Moment etwas. Es wurde aufgetan und ein älterer Herr mit grau meliertem Haar sowie einem eindrucksvollen Bart streckte seinen Kopf in den Schankraum, um sich suchend umzusehen. Bei ihrem Besuch auf der Hollerstockhöhe hatte Algrid diesen Mann nicht gesehen, kannte ihn also nicht. Dennoch vermutete sie sofort, dass er zum Gefolge des Dûrrnwangers gehörte, straffte ihre Haltung daher ein wenig und lächelte ihm zu.

In ihrer Aufmachung bot die junge Ritterin eine sehr auffällige Erscheinung, sodass es kaum zwei Herzschläge dauerte, bis der Grauhaarige sie entdeckte. Sein Blick fiel auf ihren Wappenrock und er schien sofort zu begreifen, mit wem er es zu tun hatte: Seine Miene erhellte sich, er nickte ihr grüßend zu und machte dann eine Handbewegung, die sie als freundliches „Einen Moment, bitte!“ deutete. Dann zog er den Kopf zurück und die Tür schloss sich wieder. Kurz starrte Algrid verdattert ins Leere. Was war das denn gewesen? Die Vorhut? Und wenn ja: Wie lange würde es wohl dauern, bis der Rest der Bagage auftauchte?

Ihre Hand war schon wieder auf dem Weg zur Rüstung, um deren Sitz zu prüfen. Sie war jedoch noch nicht sehr weit gekommen, als sich die Tür erneut öffnete. Der grauhaarige Mann von eben trat jetzt ganz ein und in seinem Kielwasser folgte Arbogast von Dûrrnwangen. Algrid stellte zufrieden fest, dass auch er sich in Sachen Bekleidung und Rüstung nicht hatte lumpen lassen: Sie nahm Kettenzeug und einige polierte Plattenteile wahr. An seiner Seite trug er ein Langschwert und über der linken Schulter erkannte sie den Griff eines Anderthalbhänders. Das war die Waffe seiner Zunft, so viel sie wusste: An ihr wurden die Schwertgesellen der Tannhaus-Schule ausgebildet. Zu vorzüglichen Kämpfern, wie es hieß.

Hätte sie den Werdegang des Dûrrnwangers nicht gekannt, wäre sie jedoch niemals auf die Idee gekommen, es mit etwas anderem als einem Weidener Ritter zu tun zu haben, denn er trug keinen stutzerhaften Schnickschnack, wie er von Schwertgesellen und anderen Möchtegern-Kämpfern aus dem Herzen des Reiches allgemein zu erwarten war. Im Gegenteil: Kleidung und Rüstung wirkten betont schlicht, was aber nicht über die gute Qualität hinwegtäuschte. Der Junker von Hollerstockhöhe lächelte gutgelaunt und trat ohne Zögern auf Algrids Tisch zu. Er war so schnell so nahe, dass sie es nicht schaffte, einen Blick auf die Personen zu erhaschen, die nach ihm eintraten. Sie hörte nur, dass da noch mehr kam.

„Die Zwölfe mit Euch, Frau Algrid, Rondra und Travia ihnen voran“, grüßte Arbogast sie bereits im Näherkommen, blieb dann vor ihr stehen und streckte ihr Schwerthand und -arm zum Kriegergruß entgegen.

Die Ritterin erhob sich rasch von ihrem Stuhl, richtete ihren Schwertgürtel und umfasste den ihr dargebotenen Arm dann kräftig. „Die Götter auch Euch zum Gruße, Euer Wohlgeboren“, dankte Algrid dem Dûrrnwanger und wies auf die freien Plätze an ihrem Tisch. „Bitte ... setzt Euch doch zu mir.“

Die Blaubingerin war eine eher klein gewachsene Frau und es fiel ihr in diesem Moment schwer, auszumachen, ob der Junker denn nun in Begleitung seiner Schwester war oder nicht. Statt es weiter zu versuchen, wies sie Sie auf den Tisch mit zwei Knechten aus Weidenhag. „Euer Gefolge kann sich gern zu meinen Begleitern Heldor und Pagol setzen“, sagte sie. Algrid selbst hätte es nicht gestört, gemeinsam mit Waffenknechten und sonstigem Gesinde zu essen und zu trinken. Es war für sie sogar normal, doch schätzte sie den Junker von Hollerstockhöhe als einen standesbewussten Mann ein.

„Ihr habt es gehört“, meinte Arbogast, nachdem sie geendet hatte. Dabei wandte er sich an niemanden Bestimmtes, doch das schien auch gar nicht nötig zu sein. Ohne großes Aufheben gingen zwei Männer und zwei Frauen am Tisch der Blaubingerin vorbei, um sich zu Heldor und Pagol zu gesellen. Während sie begannen, Stühle und Tische zu rücken, fiel der Blick der Ritterin auf ihre beiden Waffenknechte, deren Mienen deutlich verrieten, dass noch jemand anders gekommen sein musste: Die Unterkiefer der Stelzböcke klappten nämlich gerade simultan nach unten. Als sie sich wieder umwandte, sah Algrid jedoch erst nur Arbogasts freundliches Gesicht – und dann wieder den Mann, der die Vorhut gebildet hatte.

„Ich darf Euch Faramund vorstellen, der in unserem Haus als Maiordomus wirkt, seit mein Vater und meine beiden ältesten Geschwister im Krieg gegen Borbarads Schergen gefallen sind“, meinte der Dûrrnwanger, derweil er auf den bereits in die Jahre gekommenen, recht vornehm aussehenden Herrn wies. „Er war der Schwertvater meines zweitältesten Bruders und ich habe ihn ... nun ja ... quasi geerbt, als der bald darauf vom Ork geholt wurde.“

„Algrid Furgund Blaubinge von Pergelgrund", stellte sich die Ritterin dem älteren Mann zu und bot ihm die Schwerthand zu Gruß dar. „Dienstritterin ihrer Hochgeboren Gwidûhenna von Gugelforst. Freut mich sehr, Euch kennenzulernen, Hoher Herr."

Faramund trat vor, um nach ihrem Unterarm zu greifen und gab ein höfliches „Sehr erfreut, Wohlgeboren“ zurück. Das Schwert an seiner Seite, sein Kettenhemd und der Wappenrock wiesen ihn als Ritter aus. Allerdings legte nicht zuletzt die verräterische Wölbung eines Wohlstandsbäuchleins in seiner Leibesmitte die Vermutung nahe, dass der Mann es zuletzt etwas ruhiger hatte angehen lassen.

„Heuer leben nur noch zwei Vertreter meiner Familie und einer davon will sich offenbar nicht zeigen“, meinte Arbogast, nachdem die Höflichkeiten fertig ausgetauscht waren. Dann wandte er sich in Richtung Tür, um die letzte Angehörige seiner Reisegruppe mit einer eindeutigen Geste an Algrids Tisch zu beordern.

Kurz darauf konnte die endlich einen Blick auf das werfen, was sie die ganze Zeit schon sehen wollte – und was wohl den Anlass für die dümmlichen Gesichter ihrer Waffenknechte bot: Gwendolyn von Dûrrnwangen war größer als gedacht. Mindestens auf einer Augenhöhe mit Algrid, was diese nicht erwartet hätte, nachdem Arbogast bei ihrem Besuch in Bärwalde von „klein und niedlich“ sprach. Allerdings war die junge Adelige viel schmaler als sie. Nicht rappeldürr, aber doch sehr schlank. Es gab zwar Rundungen an den richtigen Stellen, jedoch wahrlich nicht viel davon. Nach allem, was Algrid wusste, würde dieses grazile Geschöpf Trautmann nicht aus der Reserve locken. Auch der nette Reitrock und die enganliegende Jacke aus dunkelgrünem Loden fielen eher in die Kategorie „Dämchen“ und nicht da hin, wo die Ritterin eine ernstzunehmende Konkurrentin verortet hätte.

Das schmale Gesicht der Dûrrnwangin war sehr hübsch, ohne Frage: strahlendblaue Augen, von dunklen Wimpern umkränzt, volle Lippen, eine Nase so gerade, als sei sie mit dem Lot gezogen worden, hohe Wangenknochen, die ihr eine recht noble Ausstrahlung verliehen, und das Ganze umrahmt von goldblondem Haar, dessen Länge Algrid wegen der aufwendigen Frisur allerdings nicht einschätzen konnte. Das Problem war nur: Irgendwie wirkte das auf sie alles ziemlich leer. Die Blaubingerin konnte nicht viel Leben von den blassen Zügen dieser angeblich so willensstarken Person ablesen. Ihr kam sie eher kühl und distanziert vor. Desinteressiert und, ja, irgendwie auch ziemlich überheblich.

„Dies nun ist meine Schwester Gwendolyn“, erklärte der Junker von Hollerstockhöher gerade überflüssigerweise.

„Die Zwölfe zum Gruße, Wohlgeboren“, meinte die schmale Frau daraufhin, schenkte Algrid ein Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte, und hielt ihr die Hand für einen Gruß hin, der sich verdächtig nach totem Fisch anfühlte. Ihr „Es freut mich sehr, Euch kennenzulernen“ klang auch nicht gerade überzeugend.

Der Händedruck der Trutzer Ritterin hingegen war fest, vielleicht etwas zu fest wie Algrid einen Herzschlag später befand. Sollte sie der Dûrrnwangin wehgetan haben, ließ die sich aber immerhin nichts anmerken. „Die Freude ist ganz meinerseits, edle Dame“, erwiderte die Blaubingerin die höfliche Grußformel und gab sich dabei keine Mühe, ihr Interesse an der jungen Frau zu verbergen. Auf die Umstehenden mochte ihr Gebaren fast wirken, als hege sie amazonische Gedanken – doch Algrid war zu sehr mit sich beschäftigt, um zu bemerken, dass sie nachgerade ungebührlich starrte.

Das war sie also ... Gwendolyn von Dûrrnwangen. Was hatte sie in den letzten Tagen vor ihrem inneren Auge nicht für Bilder von dieser Frau gezeichnet. Algrid hatte sie zu einer Lichtgestalt erhoben; einem Alveraniar mit feurigem Blick und leidenschaftlichem Temperament, der von einem auf den anderen Herzschlag einen jeden männlichen Widerstand zu brechen vermochte. Sie hatte sie gedanklich zum gefährlichen Drachen hochstilisiert, hatte ihre Mauern bemannt und die Zugbrücke hochgezogen – wollte den bestmöglichen Eindruck auf sie machen. Wollte zeigen und sich selbst beweisen, dass sie zumindest im entfernteren Sinn eine ernstzunehmende Konkurrentin sein konnte.

Doch was sich da nun vor der Burg offenbarte, war kein Drache, sondern bloß eine Eidechse, die bereits ihren Schwanz abgeworfen hatte. Keine aufregende und selbstsichere Diva, sondern ein gebrochenes Mädchen, das seine Unsicherheit mit latenter Überheblichkeit übertünchen wollte. Hübsch zwar, wenn man solche Püppchen mochte, aber eben auch zerbrechlich und still ... und so ganz anders als Trautmann seine Partnerinnen bevorzugte.

„Ich habe schon so viel über Euch gehört“, fuhr Algrid nach einem Moment des Schweigens fort und registrierte daraufhin ein kaum merkliches Zucken von Gwendolyns Mundwinkeln. Da die Dûrrnwangin jedoch nichts auf ihre Worte erwiderte, wies sie auf den freien Stuhl gegenüber von ihrem: „Bitte, setzt Euch doch und stärkt Euch für die weitere Reise. Wir haben noch einiges an Weg vor uns. Wart Ihr denn schon einmal in Weidenhag?“

Nach einem kurzen Blickwechsel mit ihrem Bruder nahm Gwendolyn tatsächlich Platz, während Arbogast den Stuhl direkt daneben wählte und Faramund sich auf Algrids Seite des Tisches begab. Der alte Recke saß kaum, als die Schankmaid wie aus dem Nichts auftauchte. Was sie den hohen Herrschaften wohl bringen dürfe, wollte das Mädchen wissen – und Arbogast fertigte es atemberaubend schnell ab, indem er einfach dreimal das bestellte, was auf Algrids Teller lag und in ihrem Humpen schwappte. Offenbar wollte er sich nicht länger als unbedingt nötig von der Dienstritterin seiner künftigen Gastgeberin ablenken lassen.

„Nein, in Weidenhag war ich noch nie“, erteilte Gwendolyn unterdessen artig Auskunft. „Als ich noch klein war, sind meine Eltern einmal mit mir nach Nordhag gereist, aber ich erinnere mich kaum noch daran. Danach hat es mich eher in andere Gefilde gezogen.“

Damit schien sie ihr Soll als erfüllt zu betrachten, denn der Blick glitt von Algrid ab und wanderte durch den Schankraum, als sei so ziemlich alles hier interessanter als die Frau, die sich eigens her bequemt hatte, um ihren Bruder und sie ehrenhalber zum Ziel der Reise zu geleiten. Ganz anders Arbogast: Seine ganze Aufmerksamkeit galt der Blaubingerin und die Miene wirkte nach wie vor sehr freundlich – dem Anschein nach nicht einmal, weil er die Unhöflichkeit seiner Schwester ausgleichen wollte, sondern aus ehrlichem Interesse.

„Ich fürchte, wir wissen alle nicht so viel über Weidenhag, wie wir wissen sollten, auch wenn wir in den vergangenen Wochen versucht haben, uns kundig zu machen“, meinte er mit einem offenen Lächeln. „Vielleicht erzählt ihr uns ein bisschen was über die Baronie und auch über die Familie Gugelforst? Dafür wären wir Euch sehr verbunden.“

„Selbstverständlich“, Algrid nickte dem Junker zu und schenkte ihm nun ebenfalls ein Lächeln. Allen Umsitzenden fiel auf, dass sie mit einem Mal in gewisser Weise erleichtert und beinahe beschwingt wirkte. „Weidenhag ist meine Heimat und ich könnte mir keinen schöneren Ort vorstellen. Sanfte Hügel, geteilt von klaren Flüssen, das Blöken von Schafen auf grünen Wiesen und erhabene Wälder voller Wild ... zu fast jedem Findling und jedem besonderen Baum gibt es eine wunderschöne Legende. Es scheint fast, als hätte die Liebliche Weidenhag mit besonders viel Wohlwollen bedacht. Die Lande werden Euch bestimmt gefallen und die Baronin freut sich schon auf die Jagd. Dann könnt Ihr Euch von der Schönheit der Lande selbst überzeugen.“

„Das klingt wunderschön, Hohe Dame. Da scheint es nur angemessen, dass Ihre Hochgeboren der Lieblichen einen Tempel auf ihrem Land gestiftet hat“, sprach Arbogast in eine Redepause der Pergelgrunderin hinein. „Der ist noch recht jung, kann sich aber eines Heiligtums rühmen, nicht wahr? Das würde ja dafür sprechen, dass die Göttin dort sehr präsent ist ...“

Die Blaubingerin nickte dem Junker bestätigend zu. „Das ist wahr. Der Tempel wurde erst vor drei Sommern eingeweiht. Gwid... äh ... die Baronin hat ihn der schönen Göttin direkt beim Heiligtum gestiftet. Es ist ein hübsches kleines Göttinnenhaus und die Tempelobere Rahjania ist eine sehr herzliche Frau. Sie kam von weit her, müsst Ihr wissen, und eines Tages stand sie vor den Toren des Hags und schlug sich selbst als Geweihte vor. Damals war der Tempel zwar erst in Planung, doch die Metropolitin war damit einverstanden, dass sie es sein soll, die das neue Haus übernimmt, sobald es fertig ist.“

Als die Schankmaid mit den Metkrügen an den Tisch trat, stoppte die Ritterin in ihren Ausführungen. Dass sie ihre Worte ernst meinte und mit viel Leidenschaft vortrug, zeigten die roten Flecken, welche sich unterdessen auf ihren Wangen gebildet hatten.

„Die Gugelforster“, fuhr die Blaubingerin fort, als die Bärwaldener ihr Trinken vor sich auf dem Tisch stehen hatten, „sind noch nicht lange in den Bärenlanden. Sie kommen aus den darpatischen Marken und haben ihren Stammsitz am rahjawärtigen Hang der Trollzacken im gleichnamigen Forst. Die Familie geht ihnen über alles und sie stehen der gütigen Eidmutter sehr nahe. Als besonders beeindruckend habe ich immer die vielen familiären Bande empfunden. Nicht nur in Weiden und den darpatischen Marken haben sie sich mit hochadeligen Geschlechtern verbunden, sondern auch in Greifenfurt und Garetien.“

Algrid nahm einen Schluck von ihrem erkalteten Met, bevor sie im Plauderton fortfuhr: „Ihre Bündnisse nehmen sie sehr ernst und greifen einander stets unter die Arme. Auch mir geben sie immer das Gefühl, ein Teil dieser großen Familie zu sein und täten wohl alles, um mich zu unterstützen. Ich bin mir sicher, dass Ihr Euch auch sehr willkommen und gut aufgehoben fühlen werdet.“ Es wurde nicht ganz klar, wem die letzten Worte der Ritterin galten und ob sie einen möglichen Ehebund, oder die bloße Gastfreundschaft der Familie für den kommenden Besuch ansprach.

„Wir haben Ähnliches bereits vernommen, Hohe Dame, aber es ist natürlich noch mal etwas anderes, es aus berufenem Mund zu hören“, erwiderte Arbogast mit einem verbindlichen Nicken. Tatsächlich wirkte er äußerst zufrieden. So als habe Algrid mit ihren freundlichen Worten eine Erwartung erfüllt, an der ihm sehr viel lag. Der Ritterin war nicht entgangen, wie der Junker ein, zwei Mal vorsichtig zu seiner Schwester hinüber schielte – wohl, weil er sich versichern wollte, dass auch sie aufmerksam zuhörte. Dem war allerdings nicht so: Gwendolyns Blick ruhte weiter auf irgendetwas, das sich in Algrids Rücken abspielte.

„In jedem Falle freuen wir uns schon sehr darauf, die weit gerühmte Gastfreundschaft im Hag kennenzulernen“, fuhr Arbogast fort, ohne sich vom offenkundigen Desinteresse seiner Schwester nachhaltig beirren zu lassen. „Und natürlich darauf, die Bekanntschaft Ihrer Hochgeboren sowie der gesamten Familie zu machen. Insbesondere die Seiner Wohlgeboren Trautmann, wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt.“

„Nachdem der sein eigenes Junkertum zu verwalten hat, wird er sich bestimmt nicht allzu oft in Weidenhag aufhalten, oder täusche ich mich?“, nicht nur Algrid blinzelte irritiert, als sich Gwendolyn völlig ansatzlos ins Gespräch einklinkte und durch ihre Frage erkennen ließ, dass sie sehr wohl auf der Höhe des Geschehens war. „Lichtwacht ist der Name, nicht wahr? In Nordhag? Kennt Ihr das Gut, Hohe Dame? Seid ihr schon einmal dort gewesen? Und würdet Ihr das Land als ebenso lieblich bezeichnen wie das seiner Base?“

Die Ritterin benötigte einige Herzschläge, um sich zu fangen, trafen sie Gwendolyns Fragen doch unvorbereitet. Um ihrem Schweigen einen Grund zu geben, nahm sie erst einmal einen langen Schluck aus dem Krug.

„Nein, edle Dame, Seine Wohlgeboren hält sich nicht oft in Weidenhag auf“, hob Algrid dann an. „Und wenn Ihr mich fragt, ob die Lande Lichtwachts mit jenen Weidenhags vergleichbar sind, muss ich das ebenfalls verneinen.“ Sie schüttelte sanft den Kopf, um ihre Worte zu unterstreichen. „Aber als unschön würde ich sie auch nicht bezeichnen. Es ist halt die Frage, was Ihr als schön empfindet? Einen gepflegten und von Menschenhand angelegten Park, oder die unberührte Natur mit all der Flora und Fauna, die dazu gehört. Lichtwacht ist letzteres. Dort herrscht unberührte, wilde Natur, es gibt dichte Wälder, reißende Gebirgsbäche und felsige Vorgebirgslandschaft.“

Algrid versuchte, aus der Miene ihres Gegenübers eine Reaktion auf ihre Worte zu herauszulesen, kam aber nicht sehr weit. Die Dûrrnwangin wirkte nach wie vor kühl und verschlossen und allerhöchstens milde interessiert. Jetzt gerade tat sie ihrem Bruder den Gefallen, kurz in seine Richtung zu sehen – und irgendwie gewann die Trutzerin den Eindruck, einen wortlosen Schlagabtausch zu bezeugen. Worum es ging, konnte sie sich in etwa denken, aber natürlich nicht mit Gewissheit sagen.

„Ich kenne Lichtwacht gut und habe schon längere Zeit auf der Burg verbracht“, fuhr Algrid fort, da sich augenscheinlich niemand zu ihren bisherigen Worten äußern wollte. „Mir hat es dort immer gefallen. Gerade auch, weil der Junker es geschafft hat, seinen Lebensstil und damit ein gewisses Maß an Geborgenheit in diese wild-romantische Landschaft zu bringen und Lichtwacht zu einem Ort zu machen, an den man stets gern zurückkommt.“

„Wild-romantisch ...“, wiederholte Gwendolyn so leise, dass es fast nicht zu hören war. Irgendwie schaffte sie das Kunststück, die Worte so zu betonen, dass die Pergelgrunderin weder Zustimmung noch Ablehnung aus ihnen herauslesen konnte. Sie verzog auch keine Miene, als sie noch eine Frage hinterherschob: „Was ist mit Orks? Gehören die auch zu der wilden Romantik, von der ihr sprecht, Hohe Dame?“

Algrid löste ihren Blick von Gwendolyn und sah für einen Moment zu deren Bruder hinüber. Die Runzeln auf ihrer Stirn zeigten dem Junker, dass die Ritterin sich unschlüssig war, ob diese Frage ernst oder vielleicht gar als eine Beleidigung gemeint war. Eine Trutzerin mit so etwas zu konfrontieren, war schon ein starkes Stück – jeder hatte jemanden in der Familie, der in jüngerer Vergangenheit sein oder ihr Leben im Kampf gegen den Erbfeind ließ. Dann erinnerte sie sich jedoch daran, dass auch die Dûrrnwangens einen hohen Blutzoll zahlen mussten und ihr Blick ging wieder zurück zu ihrem Gegenüber.

„Orks ...“, die Pergelgrunderin räusperte sich. „Während meiner Zeit auf Lichtwacht gab es keinen Vorfall mit den Schwarzpelzen und auf der Burg ist man sicher. Sie ist wehrhaft und gut zu verteidigen.“ Sie fuhr sich durch ihre braunen Haare. „Einige Meilen efferdwärts der Burg hatten die Schwarzpelze einmal ein Heiligtum im Mackwandt, doch wurde das schon zu Zeiten der Priesterkaiser von Sonnenlegion und dem Bannstrahl zerstört. Das ging aus den Aufzeichnungen in der Burg hervor, meinte Trautm... der Junker zu mir. Also hält sie wohl auch nichts mehr in dieser Gegend.“

Abermals schenkte die Blaubingerin dem Junker einen Seitenblick und fügte noch rasch eine Erklärung an: „Auch ist man auf Lichtwacht ja nicht aus der Welt. Ihr seid innerhalb eines Tages in der Stadt Nordhag. Aus Fialgrau, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist es beispielsweise ein längerer Weg.“

Arbogast nickte zu Alrgids Worten und ging einen Moment in sich, bevor er etwas erwiderte. Die Trutzerin hatte den Eindruck, dass er sich genau überlegte, was er jetzt sagen wollte und wie er es sagen wollte. Offenbar war ihm nicht entgangen, dass die Frage seiner Schwester alles andere als gut angekommen war, und hielt es für erforderlich, die Situation zu bereinigen.

„Im Vierten Orkensturm ist der Schwarzpelz durch die Hollerheide marschiert – von den nördlichsten Ausläufern bis hinunter zum Rhodenstein, den er belagerte“, hob er schließlich an, ohne ein Wort der Vorrede zu verlieren. Das war auch nicht nötig, denn wie die allermeisten Weidener wusste Algrid genau, dass die Feste der Wahrer eines der Hauptziele des Aikar Brazoragh gewesen war. „Gewndolyn zählte damals keine zehn Winter, ich stand kurz vor der Volljährigkeit. Wir sind gemeinsam mit unserem älteren Bruder auf den Distelstein geflüchtet, weil es außerhalb der Burgen nirgends mehr sicher war. Aber auch dort ...“, er hielt kurz inne, um seiner Schwester einen nachdenklichen Blick zuzuwerfen.

„In einem Gefecht vor den Toren der Burg haben wir winters an einem Tag sowohl den Erben der Baronie als auch den des Junkertums Hollerstockhöhe verloren. Dazu viele, viele weitere gute Leute“, fügte er schließlich an und fasste Algrid wieder ins Auge. „Was ich damit sagen will: Wir wissen, wie es ist, den Ork in zu großer Nähe zu haben und sind darob nicht ganz frei von Furcht – wie es wohl bei jedem halbwegs vernünftigen Menschen der Fall sein dürfte. Für manche ist es leichter zu ertragen als für andere. Das hängt womöglich auch damit zusammen, ob man der Bedrohung im Ernstfall etwas entgegenzusetzen hätte, oder ob man ihr mehr oder minder hilflos ausgeliefert wäre.“ Diesmal sah er nicht zu Gwendolyn hinüber, aber Algrid begriff auch so, worauf die letzte Bemerkung abzielte.

Nach einer kurzen Pause hob Arbogast seinen Humpen, warf ein leises „Wohlschmecken!“ in die Runde und gönnte sich seinen ersten Schluck. Nachdem das vollbracht war, warf er der Pergelgrunderin einen entschuldigenden Blick zu. Die Stimmung war nun erst einmal gründlich ruiniert, und er schien dem irgendwie entgegenwirken zu wollen, weshalb er schließlich noch einmal anhob:

„Umso mehr freut es mich, zu hören, dass Lichtwacht sicher ist. Ich hatte zuletzt gehört, dass die Burg zu großen Teilen in Trümmern liegt ... oder lag und war mir dessen nicht ganz sicher. Aber sagt, Hohe Dame, was meint Ihr denn mit dem ‚Lebensstil‘ von Herrn Trautmann? Ihr spracht von einem Gefühl der Geborgenheit auf der Burg. Wie darf ich mir das vorstellen?“

„Lichtwacht liegt fernab von strategisch wichtigen Zielen und ist auch selbst keines“, griff Algrid erst einmal die Sorgen Arbogasts auf, die sie durchaus ernstnahm. „Die Orks müssten einiges auf sich nehmen, um die Anlage zu erobern, was sie sich für dieses mäßig attraktive Ziel sicher zweimal überlegen. Meine Familie hat ebenfalls ein Gut im Finsterkamm, das die letzten Orkenstürme wohl aus genau dem gleichen Grund ganz gut überstanden hat.“ Sie griff nach ihrem Krug, doch hob sie ihn nicht hoch, sondern strich lediglich über den Henkel. „Burg Lichtwacht war einst ein Sitz des Ordens vom Bannstrahl“, führte die Blaubingerin weiter aus. „Zur Zeit der Herzogenwahrer wurden dort Schriften und Artefakte aufbewahrt, die sich teils immer noch in den Kammern unterhalb der Burg befinden. Inzwischen stehen diese wieder unter der Obhut einer Geweihten des Götterfürsten, was lange nicht der Fall war.“

Ihr Blick lag für einen Moment auf Gwendolyn, die allerdings schon wieder den Eindruck erweckte, nicht richtig zuzuhören. „Trautmann hat die Anlage vor gut drei Götterläufen als Ruine übernommen, doch sie mit Tatkraft, Fleiß, Opferbereitschaft und der Hilfe seiner Familie über zwei Sommer wieder so weit instandgesetzt. Sogar das Gutshaus ist inzwischen fertig und die Kapelle eingeweiht. Einst haben wir dort lediglich einen zugigen Turm bewohnt, inzwischen sieht das ganze aber schon wieder nach einem herrschaftlichen Sitz aus. Es gibt einen Rittersaal und sogar eine Badekammer ... das war ihm ein Anliegen.“ Algrids Augen leuchteten und es war offensichtlich, dass sie viele positive Erinnerungen mit Lichtwacht verband.

„Der Junker ist ein Mann, der Geborgenheit vermittelt, Euer Wohlgeboren. Darauf bezog ich mich“, setzte Algrid die Lobeshymnen fort und beantwortete sich damit schließlich die Frage ihres Gegenübers. „Er ist gütig, strahlt Stärke und Führungsvermögen aus und leiht jedem ein offenes Ohr. Man merkt seine Abstammung und auch die Ausbildung am Grafenhof.“ Die Ritterin hielt in ihren Ausführungen inne und biss sich auf die Unterlippe. Mit geröteten Wangen griff sie nach ihrem Krug und führte ihn nun doch an die Lippen.

Unterdessen ruhte nicht mehr nur der Blick Arbogasts auf ihr – das spürte sie zunächst bloß, sah es aber auch, als sie den Becher wieder absetzte. Sie schien Gwendolyns Interesse nun doch noch geweckt zu haben. Unbeabsichtigt und mit etwas, das ihr im Grunde nicht so gelungen war, wie geplant. Die Pergelgrunderin wurde schlagartig bewusst, dass sie ihre Begeisterung für Trautmann nur ganz schlecht verhohlen hatte. Wenn überhaupt. Das brachte ihr die Aufmerksamkeit des Mädchens ein, mit dem er verheiratet werden sollte – sehr zu ihrem Ungemach. Algrid war sich nicht sicher, was es damit auf sich hatte, vermutete aber, dass es nichts allzu Gutes bedeuten konnte. Innerlich wappnete sie sich schon für eine weitere, unangemessene Frage der Dûrrnwangin, als sich Faramund an ihrer Seite plötzlich leise räusperte.

„Wie wäre es, wenn Ihr die gute Frau Algrid erst einmal essen lassen würdet, Kinder?“, fragte er freundlich lächelnd. „Das sieht alles schon nur noch bestenfalls lauwarm aus und wenn es erst ganz kalt ist, schmeckt es vermutlich nicht mehr.“

Als hätte er einen Pakt mit der Schankmaid getroffen, tauchte die just in diesem Augenblick wieder neben dem Tisch auf und stellte drei Teller mit dampfendem Essen vor die Nasen der Bärwaldener. Es folgten ein lautes Schniefen und ein gutgelauntes „Wohlschmecken!“, dann war sie auch schon wieder weg. Die Dûrrnwanger und ihr Haushofmeister griffen anschließend mit sehr unterschiedlicher Begeisterung nach ihrem Besteck. Auch sie wünschten einander sowie Algrid „Wohlschmecken!“ und taten dann, worum Faramund gebeten hatte: Sie ließen die Trutzerin ganz in Ruhe essen.

Damit war die Fragestunde beendet. Vorerst.

 


 

Der brüskierte Jäger

Dramatis Personae:

 

Motte Waldtreuffen, Junkergut Hennsthal, Herzoglich Waldleuen, 11. Travia 1042 BF

Ein gleichmäßig schleifendes Geräusch durchbrach die herrschende Stille in der Hochmotte Waldtreuffen. Es war herrlich! Norsold von Waldtreuffen schätzte Tage wie diesen. Sein Blick ging zu seinem Hund Wasso, der es sich nahe dem Kamin bequem gemacht hatte, während er, der Junker dieser Lande und Sohn des herzoglichen Landvogts von Waldleuen, seine Waffen pflegte. So konnte es sich leben lassen. Besonders zufrieden stimmte ihn, dass auch das Gesinde den Wink wohl oder übel verstanden hatte: Niemand wagte es, ihn in seiner wohlverdienten Ruhe zu stören. Ihm war jedoch auch bewusst, dass das Abendmahl innerhalb des nächsten Stundenglases folgen würde.

Einen Herzschlag nachdem diese Gedanken durch seinen Kopf gegangen waren, klopfte es plötzlich an der Tür zu seinen Gemächern – und der Ritter seufzte vernehmlich.

„Was?“, fragte er harsch.

Langsam öffnete sich die hölzerne Tür einen Spalt breit und es war die Magd Firre, die ihren rot beschopften Kopf hinein streckte.

„Herr, bitte entschuldigt die Störung“, sagte sie. „Besuch wurde angekündigt.“

Der Junker wandte sich nun gänzlich der jungen Frau zu.

„Besuch?“, meinte er verwundert. „Jetzt noch? Hast du auch einen Namen?“ Es mussten Gäste von Stand sein. Der Hagweg lag Meilen entfernt und das Dorf Hennsthal bot genügend Möglichkeiten, um zu nächtigen.

Die Magd nickte eifrig und wagte es nun, das Zimmer zu betreten.

Sie räusperte sich: „Ja, der Junker Arbogast von Dûrrnwangen mit seiner Schwester, der edlen Dame Gwendolyn ... in äh ... Begleitung der hohen Dame Algrid Blaubinge.“

Norsold erhob sich aus seinem Ohrensessel und blickte einen Moment seufzend ins Feuer, ehe er sein Schwert in die Scheide an seinem Gürtel steckte.

„Dûrrnwangen ...“, sann er dem Gesagten nach. „Sind sie schon da?“

Als Antwort folgte ein knappes Kopfschütteln: „Ein Knecht hat sie angekündigt. Wird wohl noch ein halbes Stundenglas dauern.“

„Gut“, der Waldtreuffener nahm die Nachricht mit Wohlwollen zur Kenntnis und strich seinen Gambeson zurecht. Er war ein großgewachsener, schlanker Mann mit kurzem blonden Haar, grünen Augen und glattrasiertem Gesicht. Gegenwärtig trug der Junker einen dunkelgrünen Gambeson, dunkelbraune Hosen aus Leder sowie leichte Stiefel in derselben Farbe. „Dann veranlasse alles Nötige. Die Herrschaften werden hungrig sein und die Kälte wird ihnen in den Gliedern stecken.“

Firre nickte ihrem Herrn eifrig zu und entfernte sich sogleich pflichtbewusst.

Hätte Norsold seine Gesichtszüge nicht so gut im Griff gehabt, wäre ihm der Missmut über den abendlichen Besuch deutlich anzusehen gewesen. Etwas an den angekündigten Personen schaffte es jedoch, seine Neugier zu wecken. Er konnte sich nicht erinnern, die Dûrrnwanger schon einmal hier in der Gegend getroffen zu haben. Wiewohl er die Familie vom Hörensagen kannte, hatte er noch nie bewusst einem Abkömmling der Sippschaft gegenübergestanden. Vielleicht würde der Abend ja noch interessant werden?


***


Besuch empfingen die Herren von Hennsthal stets im dafür vorgesehenen Gutshaus, das über eine hölzerne Treppe mit der Motte verbunden war und am Fuße des Turmhügels stand. Genauso wie die Gesindebehausungen, einige Holzhäuser der hier lebenden Leibeigenen und die Ställe der Herrschaft. Umgeben war die Anlage von einer wehrhaften Palisade. Dies war der Stammsitz derer von Waldtreuffen und auch der Namensgeber für die Familie. Hier, wo der Wald Iseholz auf das Hennsthal traf, wurde die Motte vor gut 150 Götterläufen errichtet und Norsolds Ahnin Heidelind übertragen.

So schritt der Junker hinunter ins Gutshaus, wo er im Rittersaal auf dem Stuhl des Hausherrn Platz nahm und dem Eintreffen des eigentlich gar nicht mal so erwünschten Besuchs harrte. Tatsächlich besaß der wenigstens den Anstand, nicht lange auf sich warten zu lassen. Norsold saß kaum, als auch schon angeklopft und aufgetan wurde. Dann tauchte erst Firre in der Tür auf – und hinter ihr schien es ein kleines Abstimmungsproblem zu geben. Norsold konnte es nicht sehen, er ahnte mehr, dass da irgendwas im Busch war: vernahm das leise Klimpern von Rüstzeug, das aneinander schabte, und gewahrte natürlich auch, dass der Abstand zwischen der Magd und dem ersten Gast ungewöhnlich groß ausfiel.

Schließlich bildete nicht etwa der Dûrrnwanger sie Spitze, sondern Algrid Blaubinge von Pergelgrund. Wobei Norsold einen Moment brauchte, um die Dienstritterin Gwidûhennas von Gugelforst mit Gewissheit zu erkennen. Für ihre Verhältnisse wirkte sie nämlich nachgerade aufgedonnert. Die Stiefel waren frisch gefettet, das lange Kettenhemd glitzerte förmlich im Schein der Kerzen und kein Stäubchen klebte an ihrem Wappenrock. Der Trutzerin schien einiges daran zu liegen, als Erste vor seinen herrschaftlichen Stuhl zu treten. Die angespannte Miene ließ vermuten, dass sie irgendein Anliegen vortragen wollte, doch bevor er dazu kam, ließ der Junker seinen Blick über die restlichen Besucher gleiten.

Es waren drei an der Zahl. Ein jüngerer Ritter, der sich in Sachen Frisur vielleicht besser ein Beispiel an der Blaubingerin hätte nehmen sollen: Das glänzte nämlich wie poliertes Nussholz und war ordentlich geschnitten, während auf seinem Kopf ein ziemliches Chaos herrschte. Vielleicht vom Wind auf der Reise? Darüber hinaus gab es an seiner Aufmachung jedoch nichts zu bemängeln: Kettenhemd, Plattenteile, Waffenrock, Schwert und Anderthalbhänder. Er sah aus, wie es sich für einen Weidener Ritter gehörte. Keine Selbstverständlichkeit, nahm Norsold an, handelte es sich bei dem Kerl doch nach allem, was man so hörte, um einen Schwertgesellen. Zum Glück hatte er seine Züge so gut im Griff, sonst wären ihm beim Gedanken daran vielleicht die Mundwinkel abgesackt. Der zweite Mann im Bunde war ein älterer Herr mit gepflegtem Bart und Wohlstandsbäuchlein. Auch er schien ein Ritter zu sein – trug jedenfalls Schwert und Schild bei sich, ein Kettenhemd und ebenfalls einen Wappenrock. Das Bildnis darauf war Norsold fremd, was ihn vermuten ließ, dass der Mann nicht aus der Trutz – wahrscheinlich nicht einmal aus den Weidenlanden – kam.

Schließlich war da noch die andere Frau. Norsold hob sich deren Betrachtung aus gutem Grund bis zum Schluss auf: Ein Adelsdämchen wie sie bekam man hier in der Trutz eher selten zu sehen, deshalb schien es ihm angeraten, sich Zeit zu lassen. Immerhin musste er hier, anders als in einem Tiergarten, keine Geld bezahlen, um den Exoten zu bestaunen. Die Dûrrnwangin trug keine Rüstung, keine Waffe und auch keinen Wappenrock. Bei ihrer zarten Gestalt lag ohnehin die Vermutung nahe, dass sie darunter zusammengebrochen wäre. Ein wenig mickrig das alles, aber durchaus nett anzusehen. Reitrock und Jacke betonten nicht nur die schlanke Gestalt, sondern auch erstaunlich blaue Augen. Und dann war da noch diese Frisur, die irgendwie ...

Der Junker runzelte die Stirn, weil er der verwirrenden Anordnung der blonden Flechten beim besten Willen nicht folgen konnte. Er kam aber nicht dazu, seine Betrachtung zu beenden, denn mit einem Mal erklang Algrids Stimme direkt vor ihm. Ein Gruß, wenn ihn nicht alles täuschte. Zugehört hatte er ja nicht, deshalb musste er raten – und tat das eben.

„Algrid“, begrüßte der Junker die Rittfrau mit verwundertem Unterton in der Stimme. Auf seinem kantigen Antlitz zeigte sich keine Regung, einzig die Augen schienen in diesem Moment neugierig zu funkeln. „Es ist mir eine Freude und Ehre gleichermaßen, Euch ...“, damit wandte er sich an alle Umstehenden, „... in Travias und Rondras Namen in meiner bescheidenen Halle begrüßen zu dürfen.“  Der Hausherr erhob sich und machte eine einladende Handbewegung. „Setzt und wärmt Euch. Es wird auch reichlich zu Essen geben. Ich habe nicht oft Besuch“, nach diesen Worten lag sein Blick wieder auf Algrid und es schien, als umspielte seine Lippen nun der Anflug eines Schmunzelns, „und noch seltener kommt ganz überraschend jemand vorbei.“

Der Pergelgrunderin trieben diese Worte die Röte ins Gesicht. Sie war die letzten Tage so aufgewühlt und nervös gewesen, dass sie schlicht und ergreifend vergessen hatte, dem Waldtreuffener ihr Kommen anzukündigen.

Der Junker schien dies zu bemerken und winkte ab. Er kannte die Blaubingerin. Sie war eine gute Frau und fleißige Ritterin. „Und wohin soll es gehen?“, fragte er, ließ aber keine Antwort zu. „Nach Vinsalt?“

„Vinsalt?“ Algrid runzelte ihre Stirn.

Abermals folgte der Anflug eines Schmunzelns, wobei Norsold sowohl die Pergelgrunderin als auch Gwendolyn mit einem eindringlichen Blick bedachte: „Bitte entschuldige. Ich habe dich noch nie so ...“

„Weidenhag!“, fiel ihm die Ritterin ins Wort, bevor er Gastgeber ihre Maskerade aufdecken konnte. Die Röte in ihrem Antlitz war nun noch intensiver geworden.

„Ah, dann lass mir Dylga grüßen“, nun brach beim Junker erstmals ein Lächeln durch.

„Mache ich“, kam es murmelnd zur Antwort.

„Bitte entschuldigt, Euer Wohlgeboren“, Norsold ließ von Algrid ab und wandte sich seinen restlichen Gästen zu. „Es freut mich, Euch und Eure Familie hier auf meinem Gut begrüßen zu dürfen. Ich denke, es ist Euer erstes Mal hier in diesen Breiten? Wäre mir Euer Kommen angekündigt worden, hätte ich zugesehen, dass mein Vater Euch ebenfalls empfängt.“

„Nicht das erste Mal in der Heldentrutz, aber doch das erste Mal, dass wir in Herzoglich Waldleuen gastieren“, erteilte der Dûrrnwanger bereitwillig Auskunft. Dabei fiel sein Blick auf Algrid, wirkte im Angesicht ihres Missgeschicks aber nicht etwa tadelnd oder missvergnügt, sondern eher mitfühlend. Folgerichtig ging er auch mit keinem Wort auf das überfallartige Erscheinen der Reisegruppe ein, sondern meinte bloß: „Wir danken Euch im Namen der Herdmutter für die freundliche Aufnahme und ich denke doch, es ist absolut ausreichend, dass Ihr uns hier empfangt, Wohlgeboren. Von Junker zu Junker, sozusagen.“

Das Sprüchlein des Bärwaldeners hatte anfangs noch recht steif geklungen, nun schien er sich aber langsam zu fangen und ein freundliches Lächeln eroberte seine Lippen: „Was ich hier bisher gesehen habe, gefällt mir sehr gut. Vor allem der Wald. Sicher sehr wildreich, womit das Lehen seinem Ruf mehr als gerecht werden dürfte. Für einen begeisterten Waidmann wie mich kann es landschaftlich gar nicht mehr besser werden.“

Nachdem das gesagt war, ging der Dûrrnwanger in sich und schien das bisherige Gespräch zu rekapitulieren. Dabei traf ihn eine offenbar recht unangenehme Erkenntnis, denn er runzelte erst die Stirn und räusperte sich dann vernehmlich: „Um der Etikette Genüge zu tun: Ich bin Arbogast von Dûrrnwangen, Junker des Jagdguts Hollerstockhöhe in der Baronie Hollerheide.“ Er deutete eine Verneigung an und wies dann auf das schlanke Mädchen neben sich: „Dies ist meine Schwester,  Jungfer Gwendolyn von Dûrrnwangen, und neben ihr steht unser geschätzter Haushofmeister Faramund. Wir folgen einer Einladung nach Weidenhag, wohin wir zu ... nun ... einer Jagd geladen wurden.“

Norsold nickte den beiden mit freundlichem Gesichtsausdruck zu und wies dann noch einmal einladend auf die Tafel.

„Ich habe schon einiges von der Hollerstockhöhe gehört, Wohlgeboren. Ein schöner Flecken Land, so heißt es jedenfalls“, hob er an, als alle platzgenommen hatten. Seine Aufmerksamkeit galt nun wieder gänzlich dem Junker. „Wenn Ihr nach dem Essen Zeit und Muße habt, würde ich Euch gern ein paar Exponate aus der Familiensammlung zeigen. Das meiste und wohl auch die kapitalsten Stücke daraus von meinem Vater, dem herzoglichen Jagdmeister.“

„Sehr gern“, die Antwort des Dûrrnwangers kam wie von der Sehne geschnellt und seine Augen leuchteten begeistert, als er dem Waldtreuffener zunickte. „Bei so etwas bin ich natürlich sofort mit von der Partie, da müsst ihr mich nicht zweimal fragen. Und ich denke, Faramund hier hätte auch seinen Spaß daran. Er ist ebenfalls ein guter Jägersmann.“

Der Junker stoppte in seinen Ausführungen als die Magd und ein Knecht in den Raum kamen und begannen, die Speisen aufzutragen, welche die Küche des Gastgebers auf die Schnelle hatte zusammenstellen können: Würste, Brot, Schafskäse, Eintopf und etwas Wildbraten, der jedoch in seiner Größe bestimmt nicht für alle Anwesenden reichte.

Mit einer weiteren einladenden Geste bedeutete Norsold seinen Bärwaldener Gästen unterdessen, sich am Braten zu bedienen.

„Weidenhag“, hob der Hausherr an, als die Bediensteten sich wieder entfernten. „Dort gibt es auch sehr schöne Jagdgründe, es wird Euch gefallen. Der Hohenforst zum Beispiel und das kleine Weidenwäldchen. Vom Dûrenwald und dem Wargenforst würde ich mich jedoch fernhalten. Stimmt doch, oder Algrid?“

Die Angesprochene schrak auf und rang sich nach einer kurzen Zeit des fragenden Starrens zu einem Nicken durch. Die Frage hatte sie nämlich gar nicht richtig gehört.

„Dort läuft man höchstens einem Elfen vor den Bogen ... oder Schlimmerem“, fuhr der Junker daher selbst fort und griff nach seinem Kelch. „Und Ihr, edles Fräulein Gwendolyn? Ihr versteht Euch auch aufs Waidwerk?“

Die Dûrrnwangin blickte den Waldtreuffener fast ebenso verdattert an, wie Algrid kurz zuvor – aber nicht etwa, weil sie nicht zugehört hatte, sondern weil sie in Gedanken noch bei den Elfen war. Jedenfalls nahm Norsold das an, denn er hatte bemerkt, wie ihre Augen blitzten, als er die Spitzohren erwähnte. Er befürchtete schon, dass er wieder keine Antwort erhalten würde, als sich das Mädchen berappelte und zu seiner Ehrenrettung ansetzte, indem es zunächst einmal ein gewinnendes Lächeln auf seine Lippen zauberte.

„Ich verstehe mich auch auf das Waidwerk, durchaus“, sagte Gwendolyn. „Anderenfalls dürfte ich den Namen Dûrrnwangen wahrscheinlich nicht länger tragen. Dass ich keine Rittfrau geworden bin, hat mein geschätzter Bruder gerade eben noch so verkraften können. Wenn ich überdies auch nicht wüsste, wie man Wild ausmacht, streckt und aufbricht, wäre das aber sicher zu viel des Guten.“

Norsold bemerkte, wie Algrid, Arbogast und auch Faramund ihrer Begleiterin überraschte Blicke zuwarfen, als sie ihm seine Frage freimütig und offenbar recht gutgelaunt beantwortete. Erklären konnte er sich das so wenig wie den erleichterten Ausdruck, der kurz darauf die Züge des Junkers von Hollerstockhöhe eroberte. Es wäre aber unhöflich gewesen, nachzufragen. Also entschied er, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Stattdessen wandte er sich der Dûrrnwangin wieder zu, da die offensichtlich noch etwas sagen wollte.

„Ich muss aber gestehen, dass mir nicht alle Formen der Jagd gleichermaßen zusagen, Wohlgeboren. Ich gehe am liebsten auf die Pirsch“, erklärte sie. „Die Beizjagd ist das Meine nicht. Ich sehe Greifvögel lieber frei fliegen, als wie sie mit Hauben auf dem Kopf durch die Gegend getragen werden. Ich mag jedenfalls kein solcher gefiederter Helfer sein, der am Ende auch noch um seine Beute betrogen wird. Treibjagden – gleich ob hoch zu Ross, mit Hunden oder zweibeinigen Helfern – begeistern mich auch nicht wirklich. Nach meinem Dafürhalten lassen sie den ehrlichen Wettstreit zwischen Jäger und Beute missen, an dem der Herr Firun Gefallen findet. Darüber hinaus, und das wiegt für mich ebenso schwer, kann ich wenig Gnade im Sinne der Schwanengleichen erkennen, wo Tiere über Meilen getrieben oder gehetzt werden und Todesängste durchleiden, bevor man sie endlich erlöst.“

Nachdem das gesagt war, schenkte die Jungfer Norsold ein nachgerade liebliches Lächeln, schlug die langen Wimpern nieder und schnupperte vorsichtig an dem Eintopf, den er gerade erst hatte auftragen lassen.

Der Waldtreuffener gewahrte unterdessen, dass der Blick ihres Bruders auf ihm ruhte. Die Miene des armen Kerls wirkte ziemlich bang. Kein Wunder, schließlich kannten sie einander kaum, und das vermeintlich so harmlose Mädchen hatte gerade ein ziemliches Brett vom Stapel gelassen. Vor allem die Beizjagd wurde von vielen Weidenern hoch geschätzt, und sie hielten große Stücke auf ihre Greifer. Zudem war Norsold der Sohn des Herzoglichen Jagdmeisters. An dessen Tisch zu sitzen und frei heraus seine Abneigung gegen die herrschaftliche Jagd zu erörtern, war schon mutig, um nicht zu sagen: tollkühn. Und vielleicht auch ein bisschen anmaßend.

Der Gastgeber ließ sich jedoch nicht anmerken, was er davon hielt. Nur kurz wanderte ein Mundwinkel nach oben. Er fragte sich, was das Mädchen bewogen hatte, diesen Vortrag zu halten. Ein einfaches „Ja“ oder „Nein“ hätte als Antwort ja eigentlich genügt.  

„Ich kann Euch beruhigen, edle Dame“, hob Norsold nach einigen Momenten des Schweigens an. „Diese Art der Treib- und Hetzjagd ist in unseren Breiten verpönt. Wie Ihr schon angesprochen habt, schätzt der Alte Vater vom Berg den Wettstreit zwischen Jäger und Beute. Dem Wild muss ständig eine Möglichkeit gegeben werden, sich seinem Schicksal zu entziehen. Es bis zur Erschöpfung zu jagen und dann zum Abschuss freizugeben, ist nicht, wie wir im efferdwärtigen Weiden zu jagen pflegen.“  

Sein Blick ging zu Arbogast hin, als er anfügte: „Ich weiß nicht, wie Ihr auf die Idee kommt, wir würden es anders halten. Wir sind hier weder in Garetien noch dem Horasreich.“ Auch wenn Gwendolyn es ihm nicht direkt unterstellt hatte, schien der Junker es so verstanden zu haben. „Ja, es gibt auch hier Treiber und Jagdhelfer, doch werden die Tiere nicht in die Enge getrieben. Ein Rudel Wölfe, die natürlichen Feinde unserer Jagdbeute, wäre da nicht so gnädig.“

„Schaut doch bitte mich an, wenn Ihr mit mir sprecht, Wohlgeboren. Gebt mir die Chance, mich zu rechtfertigen, statt meinen Bruder in noch größere Verlegenheit zu bringen“, warf Gwendolyn ein, ehe Arbogast auch nur einen Ton von sich geben konnte. „Ich kann selbst für meine Worte einstehen, auch wenn ich keine Ritterin bin.“ Die Aufforderung hätte tadelnd klingen können, doch war aus ihrer Stimme kein Vorwurf herauszuhören. Vielmehr klang es tatsächlich nach einer höflichen Bitte.

Als Norsold den Blick wieder auf das Gesicht der Dûrrnwangin richtete – leicht konsterniert, zugegebenermaßen – konnte er auf ihren Zügen auch keinen Ärger darüber erkennen, dass er sich an ihren Bruder gewandt hatte, als säße sie nicht am Tisch. Obwohl das vermutlich irgendwie verdient gewesen wäre. Stattdessen lächelte sie und legte das Besteck beiseite, was die Befürchtung aufkommen ließ, dass nun ein weiterer Vortrag folgen würde.

„Zunächst einmal: Ich wollte nicht unterstellen, dass Ihr oder irgendjemand im efferdwärtigen Weiden Treibjagden veranstaltet, wie sie gerade von Euch geschildert wurden. Sollte dieser Eindruck entstanden sein, habe ich mich offenbar ungeschickt ausgedrückt. In dem Fall tut es mir leid und ich entschuldige mich in aller Form“, meinte die Jungfer. „Eigentlich wollte ich nur hervorheben, dass Waidwerk für mich nicht gleich Waidwerk ist. Ich verstehe, dass das das falsche Thema zum falschen Zeitpunkt war. Aber da wir nun ohnehin schon dabei sind, will ich Stellung zu dem beziehen, was Ihr gesagt habt.“

Sie machte eine kurze Pause und ließ den Blick über die anderen Anwesenden gleiten. Erst als niemand Einspruch erhob, fuhr sie fort:

„Zur Gnade: Das ist der Unterschied zwischen Menschen und Wölfen, nicht wahr? Dass wir uns einfühlen können, den Wert eines schnellen, möglichst schmerzlosen Todes kennen und die Mittel haben, ihn unserer Beute angedeihen zu lassen. Wenn Wölfe andere Tiere hetzen, fünfmal ansetzen müssen, um sie von den Beinen zu holen, oder ewig brauchen, um ihr Leben zu beenden, ist es das Eine. Sie können nicht anders, wir aber schon. Daher verbietet sich für mich ein Vergleich. Allzumal wir uns – oder sagen wir meinethalben: die Horasier und Garetier sich – meist selbst zu fein zum Hetzen sind, nicht wahr? Das lassen sie lieber ihre Hunde übernehmen, obwohl der menschliche Körper bestens für eine Verfolgung über lange Strecken geeignet wäre. Viel besser als die der meisten Tiere.“

Gwendolyn hob die Schultern: „Ich könnte jetzt einen langen Vortrag über unsere Anatomie halten und darüber, warum dem so ist. Aber ich weiß, dass ich damit nur langweile. Deshalb beschränke ich mich darauf, zu sagen: Wer nach einem ehrlichen Wettstreit sucht, sollte den Großteil der Arbeit selbst verrichten und nicht von anderen erledigen lassen – ob nun Mensch, Hund, Pferd oder Greifvogel.“

„Die Beizjagd und Eure Bedenken dagegen sind noch mal ein anderes Kapitel“, stellte Norsold umgehend fest. Ihm ging nicht aus dem Kopf, was sein Gast zum Thema „frei fliegen“ und „um die Beute bringen“ gesagt hatte. Er musste dabei auch an Gwidûhenna von Gugelforst denken. Die Baronin war nämlich eine Liebhaberin dieser Art der Jagd und sehr stolz auf ihre Blaufalken. „Denkt Ihr, dass nicht auch unsere Pferde lieber mit ihren Artgenossen über die Heiden und Weiden laufen würden, als den gerüsteten dicken Hintern eines Ritters zu tragen?“, fragte er, ohne direkt auf das Halten von Greifvögeln einzugehen. „Oder, dass die Säue nicht lieber im Wald nach Eicheln suchen würden, als im Stall eines Bauern zu stehen?“

„Das ist eine interessante Frage“, erwiderte die Dûrrnwangin und nickte ernst. „Ich kann sie selbstverständlich nicht beantworten, aber ich weiß, dass mein Pferd stets kommt, wenn ich es rufe. Und manchmal auch, wenn ich das nicht tu. Ich muss es weder fesseln noch seine Augen verbinden, damit es an meiner Seite bleibt. Und wenn ich es laufen lasse, vergisst es nicht, dass es mich gibt, sondern kehrt aus eigenem Antrieb zurück. Pferde kann man mit Sanftheit für sich gewinnen, Greifvögel müssen gebrochen werden, damit sie uns Menschen überhaupt ertragen und unsere Nähe erdulden. Was nun Säue betrifft ... ich muss ehrlich sagen: Ich zweifle daran, dass die alle lieber im Wald Eicheln suchen würden, als ihr Fressen direkt hinterm Stall in den Trog geschüttet zu bekommen. Auch weiß ich nicht, ob so ein Hausschwein allein mehr als zwei Tage im Wald überleben würde.“

Die Dûrrnwangin lächelte, als sie erneut die Schultern hob: „Das ist wohl der Punkt: Pferd und Sau sind schon vor langem einen Pakt mit den Menschen eingegangen. Sie haben ihre Freiheit gegen Sicherheit und Bequemlichkeit eingetauscht. Unsere Haustiere ähneln ihren wilden Brüdern doch oft gar nicht mehr – oder was hat ein Rahjatänzer noch mit einem Wolf gemein? Greifvögel hingegen scheinen zu einem solchen Handel nicht bereit. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass sie sich die Wildnis von uns austreiben lassen wollen. Und manchmal schmerzt es mich einfach, zu sehen, was wir anstellen, um sie trotzdem an uns zu binden.“

Nach diesen Worten, griff Gwendolyn wieder zu ihrem Besteck und hatte es schon in den Eintopf getaucht, als sie Norsolds Blick noch einmal suchte und ein pflichtschuldiges „Was nicht heißt, dass ich Menschen verurteile, die nicht von diesen herrlichen Tieren lassen können“ nachschob. „Das ist nur einfach nichts für mich.“

Algrid verfolgte die Unterhaltung interessiert. Nicht etwa des Themas wegen, sondern weil dies das erste Mal war, dass sie Gwendolyn so viele Worte in solch kurzer Zeit sagen hörte. Die junge Dame zeichnete sich in ihrer Gegenwart sonst eher durch brütendes Schweigen und große Distanziertheit aus. Etwas Sorgen bereitete ihr die Inbrunst, mit der die Dûrrnwangin an dieses, hier am Tisch wohl heikle, Thema heranging. War sie mutig und wollte provozieren? Oder war sie einfach nur unbedacht? Das dürfte noch interessant werden – vor allem wenn sie Travine das erste Mal gegenübertrat.

Derweil hatte Norsold die Worte seines Gasts mit dem Anflug eines Lächelns auf seinen Lippen verfolgt. Dabei war wieder nicht zu erkennen, was er davon hielt: Ob das Lächeln nun anerkennend oder ein abschätzig war. Das hätten wohl nicht einmal Menschen beurteilen können, die dem Junker nahestanden.

„Denkt Ihr, dass die Tiere ihren Pakt mit den Menschen freiwillig geschlossen haben? Oder haben wir sie nicht vielmehr hineingezwungen?“, fragte der Waldtreuffener schließlich, hob interessiert die Brauen und musterte die schmale Frau im edlen Zwirn. „Denkt Ihr, dass Tharvun und Sulva so etwas für ihre Söhne und Töchter beschlossen hätten, wo doch Freiheit und Selbstbestimmung eines der höchsten Güter im Glaubensbild der Ewigschönen sind?“ Norsold schüttelte knapp den Kopf. „Macht es das wirklich besser, dass sie sich jetzt damit abgefunden haben von Menschenhand gefüttert und geführt zu werden?“

Der Waldtreuffener ließ jedoch vorerst keine Antwort zu, sondern bohrte weiter: „Tiere haben genauso ihr Schicksal zu erfüllen wie Menschen. Ein Blaufalke, der in Gefangenschaft geboren wurde, wird selten frei sein. Genauso ein Leibeigener, gleich wie sehr er nach seiner persönlichen Freiheit trachtet. Es ist doch viel eher die Frage, wie wir als Herren mit unseren Gefährten und Schutzbefohlenen umgehen.“

Der Junker ließ seinen Blick über alle Anwesenden schweifen. „Ich wurde dazu erzogen, Menschen und Tieren Respekt entgegenzubringen. Genauso handhaben wir es hier bei der Jagd und so halte ich es mit meinen Schutzbefohlenen und meinen Tieren.“ Der Gastgeber war offenbar  der Meinung, dies klarstellen zu müssen und ließ damit letztlich doch noch erkennen, dass er die direkte Zunge des edlen Fräuleins aus Bärwalde nicht wirklich schätzte.

Nachdem Norsold geendet hatte, schwieg die Jungfer noch einen Moment, wohl um den richtigen Ansatzpunkt zu finden, und schaffte es dann tatsächlich, das höfliche Lächeln zurück auf ihre Lippen zu bringen.

„Ich weiß nicht, wie es sich hier in der Trutz verhält, Wohlgeboren, aber in den Breiten, in denen ich mich bewege, werden Sulva und Tharvun auch als ‚göttliches Gespann‘ bezeichnet“, hob sie schließlich an. „Dies deshalb, weil sie den Wagen der Lieblichen über das Firmament ziehen – jeden Tag aufs Neue. Ich denke, die beiden sind nicht etwa frei, weil sie zu niemandem gehören. Vielmehr betrachtet ihre Herrin sie nicht als Diener oder gar Eigentum, sondern als Verbündete und Freunde. Bisweilen lässt sie ihnen ihren Willen. Dadurch bekommt sie vielleicht mehr Respekt, als wenn sie sie stets unterwerfen würde. Und wenn ihr schon fragt: Ich denke, das würden sich Sulva und Tharvun auch für ihre Söhne und Töchter wünschen.“

Diesmal war es Gwendolyn, die den Junker nicht zu Wort kommen ließ. Als er Luft holte, um zu einer Replik anzusetzen, neigte sie den Kopf zur Seite und warf ihm einen Blick zu, der ein unmissverständlich „Jetzt bin ich dran!“ vermittelte.

„Ich weiß auch nicht, ob der Pakt mit uns Menschen einst freiwillig geschlossen wurde. Ich weiß nur, dass er besiegelt ist und dass ich in den Nutztieren von heute meist wenig Aufbegehren erkennen kann. Wir haben ihre Gestalt und ihr Wesen verändert – uns zum Gefallen und oft zum Gewinn. Ihr Schicksal ist nun untrennbar mit unserem verwoben und ich hoffe inbrünstig, dass nicht nur wir davon profitieren. Greifvögel aber ...“, der Blick der Dûrrnwangin schweifte ab. „Wäre euch aufgefallen, dass wir ihre Gestalt über die Jahrhunderte so stark verändert hätten wie die vieler anderer Arten, Wohlgeboren? Oder dass es uns gelungen wäre, ihr Wesen zu ändern? Sie treu und folgsam zu machen? Mir nicht. Ich denke, sie wehren sich noch immer – und dass es vielleicht an Zeit ist, ihre Ablehnung zu akzeptieren. Sie wollen uns nicht. Und was hätten wir den Königen der Lüfte auch zu bieten?“

Ihr Blick verstetigte sich schließlich wieder und sie sah dem Waltreuffener direkt in die Augen. „Ihr habt gefragt, was ich denke“, meinte sie. „Und das habe ich nun erklärt. Weder erhebe ich Anspruch auf eine Allgemeingültigkeit dieser Ansichten, noch verlange ich, dass Ihr Euch ihnen anschließt. Und damit es keine weiteren Missverständnisse gibt, will ich eines unbedingt klarstellen“, fuhr sie mit eindringlicher Stimme fort, „Ich habe nicht einen Moment daran gezweifelt, dass ihr einen verantwortungsbewussten Umgang mit Euren Schutzbefohlenen und Tieren pflegt. Ich respektiere Eure Meinung und denke, sie wird von allen anderen Anwesenden geteilt. Mit bleibt nur die Hoffnung, dass sich niemand angegriffen fühlt, weil ich aus der Reihe tanze. Das liegt wahrlich nicht meine Absicht.“

Diesmal griff Gwendolyn nicht gleich wieder nach ihrem Besteck, sondern wartete ab, ob noch irgendjemand etwas sagen wollte. Dabei hatte Algrid den Eindruck, dass das Interesse – oder die Sorge? – der Dûrrnwangin vor allem ihr galt. Der Blick der jungen Ritterin ging weiter zum Waldtreuffener, der seinerseits die junge Hollerheidenerin musterte. Es war offensichtlich, dass Norsold etwas auf der Zunge brannte. Er schien seinen Gästen noch einen Moment Ruhe gönnen zu wollen, aber sein Visier war bereits heruntergeklappt und er legte gerade die Lanze ein. Algrid erkannte das und nutzte die sich bietende Gelegenheit, um das Gesprächsthema von der leidigen Sache wegzubekommen.

„Apropos Tharvun und Sulva“, hob sie an und fuhr erst fort, als sie sich der Aufmerksamkeit des Junkers gewiss war. „Wie läuft es eigentlich mit Dylga? Hast du ihren Vater endlich einmal um ihre Hand gebeten?“

Der Gastgeber schob die Augenbrauen zusammen. Es war offensichtlich, dass die Frage ihn unvorbereitet traf und damit beschwor sie genau die Reaktion herauf, die die Blaubingerin haben wollte. Vergessen schien die Diskussion über das Halten von Jagdgefährten und darüber, welches Viehzeug wann und wie einen Pakt mit den Menschen eingegangen war. Algrid hatte sie nicht mehr hören können und glaubte, dass ihre Intervention auch im Sinne Arbogasts war.  

Als sie sich dessen mit einem raschen Blick versichern wollte, gewahrte sie auf den Zügen des Dûrrnwangers ein gequältes Lächeln. Er schien einerseits froh, dass das Gespräch derart rasch in andere Bahnen gelenkt worden war. Andererseits hatte ihm die Diskussion offenbar schwer genug zugesetzt, dass er sich dem neuen Thema gar nicht widmen wollte. Vielmehr sah es so aus, als würde er sich geistig gerade komplett ausklinken, um sich mit dem zu befassen, was ihn wirklich bewegte: Der Frage, wie es am Baronshof der Gugelforster erst werden sollte, wenn sich Gwendolyn auf dem Weg dorthin schon von ihrer besten Seite zeigte.

Faramund hingegen interessierte sich vor allem für das Essen. Er verfügte augenscheinlich über sehr starke Nerven, denn er wirkte nach wie vor frohgemut und machte sich mit einem stillvergnügten Lächeln über den Braten her.

Gwendolyns Besteck lag unterdessen weiter unangetastet neben ihrer Schale. Sie hatte Algrid interessiert zugehört. Als die ohne Zögern auf das Liebesleben des Waldtreuffeners zu sprechen kam, zuckte sie allerdings erschrocken zusammen und ihre Augen weiteten sich. Das war die stärkste Reaktion, die die Blaubingerin seit Beginn ihrer gemeinsamen Reise aus dem Mädchen hatte heraus kitzeln können – also immerhin schon mal etwas.

„Nein, offiziell noch nicht“, Algrids Blick kehrte zu Norslold zurück, als er sich nach einigen Herzschlägen hörbar zerknirscht zu Wort meldete. „Ich habe aber bei ihrem Bruder Wallfried vorgefühlt – und sein Vater würde einem Bund wohl nicht zustimmen.“ Der Junker hob die Schultern. „Weiß nicht, ob er schon jemanden anderes für sie im Sinn hat. An Angeboten sollte es ihm ja nicht mangeln.“

Algrid legte dem Gastgeber mit einer tröstenden Geste die Hand auf die Schulter und zeigte sich damit von ihrer einfühlsamen Seite, die die Dûrrnwanger bisher noch nicht kannten. „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, meinte sie. Darauf ließ sie ein Zwinkern folgen und wandte sich wieder ihrem Essen zu.

Der Ausflug ins Privatleben des Hennsthaler Junkers war damit schon wieder beendet, hatte seine Wirkung aber erzielt: Norsold verfiel in Grübeleien und die Runde konnte das Abendmahl in aller Ruhe einnehmen – jedenfalls diejenigen, denen es den Appetit nicht verschlagen hatte. Letzteres galt für Gwendolyn und mit Abstrichen wohl auch für ihren Bruder, der eher lustlos in seinem Essen herumstocherte.

Als er sich wieder halbwegs gefangen hatte, ging Arbogasts Blick ein ums andere Mal zu seinem Gastgeber hinüber, dem an diesem Abend gleich von zwei Weibern schmerzhafte Tiefschläge versetzt worden waren. Er fühlte mit dem Waldtreuffener, das ließ sich nur allzu leicht von seinem Gesicht ablesen. Und er konnte das nicht schweigend ertragen, sondern begann irgendwann, sich mit aller gebotenen Vorsicht um ein möglichst unverfängliches Gespräch zu bemühen. Über das Gut Hennsthal, die Baronie Waldleuen, die Trutz an sich, den Grafenhof, die Bande zur Herzogenfamilie und schließlich zurück zu den Wäldern hier in der Gegend, die er gleich zu Beginn schon so überschwänglich gelobt hatte.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es ihm, Norsold wieder auf andere Gedanken zu bringen – nicht zuletzt, weil Faramund seinen Hunger irgendwann gestillt hatte und sich ebenfalls am Gespräch beteiligte. Mit seiner herzlichen, väterlichen Art konnte er Menschen meist schnell für sich einnehmen und gute Laune verbreiten. Das funktionierte auch diesmal und als die Männer irgendwann sogar zu scherzen begannen, war die Kuh vom Eis. Das schien Algrid jedenfalls so und erleichterte auch sie.

 


 

Die tapfere Verflossene

Dramatis Personae:

 

Motte Waldtreuffen, Junkergut Hennsthal, Herzoglich Waldleuen, 11. Travia 1042 BF

Als die Teller schließlich abgetragen wurden, wiederholte Norsold von Waldtreuffen seine bereits vor dem Essen ausgesprochene Einladung an Arbogast und Faramund. Gwendolyn bezog er nicht mit ein, denn nach dem, was er eben zu hören bekommen hatte, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass die junge Dame Interesse an den Exponaten seiner jagdbegeisterten Familie hatte. Algrid erklärte sich nur zu gern bereit, ihn in seiner Abwesenheit bei der Dûrrnwangerin zu vertreten, schließlich brachte ihr das eine unerwartete Gelegenheit ein, unter vier Augen zu sprechen.

So saßen sich die beiden Frauen schließlich das erste Mal, seit sie einander kennengelernt hatten, allein gegenüber. Die Blaubingerin musterte ihr Gegenüber eingehend. Sie war nicht sicher, ob Gwendolyn überhaupt mitbekommen hatte, dass sie unter sich waren. Sie hockte auf ihrem Stuhl vor dem nunmehr leeren Tisch, auf dem bis eben noch eine randvolle Schale Eintopf gethront hatte. Ihr Blick war nach innen gerichtet und ein Interesse am sie umgebenden Raum oder den darin befindlichen Personen schien nicht vorhanden. Sie wirkte jetzt wieder blass und kühl und zerbrechlich, doch war ihr Charakter alles andere als der eines Mäuschens. Das hatte Algrid ja gerade erleben dürfen. Er passte nicht wirklich zu ihrem Äußeren.

„War es eigentlich sehr schlimm für Euch?“, fragte die Ritterin schließlich neugierig.

Es mochte ja sein, dass sich Gwendolyn der merkwürdigen Situation, in der sie sich befanden, nicht wirklich bewusst war und ihr das Schweigen daher auch nicht unangenehm wurde – sie aber, Algrid, war voll orientiert und es gab ein paar Dinge, die sie gern in Erfahrung bringen wollte. Da war einfach nur hier sitzen und schweigen keine Option.

Die Dûrrnwangin brauchte einen Moment, um ins Hier und Jetzt zurück zu finden. Ihr Blick klarte auf und sie ließ ihn suchend durch den Raum gleiten, bevor er auf Algrid zur Ruhe kam. Dabei wirkte sie irgendwie verwirrt, was fast schon amüsant war. Die Pergelgrunderin schickte sich eben an, die Frage zu wiederholen, um ihrem Gegenüber aus der unangenehmen Situation herauszuhelfen – doch dann erwies sich einmal mehr, dass Gwendolyn immer zumindest mit einem halben Ohr bei der Sache war.

„Was meint Ihr? Das Gespräch mit dem Waldtreuffener?“, fragte sie und bemühte sich um ein Lächeln. „Unangenehm“, meinte sie dann und hob die Schultern. „Aber ich schätze, ich habe es mir selbst zuzuschreiben. Ich sollte es mittlerweile wirklich besser wissen ...“

„Nein. Also ... das meine ich nicht“, Algrid schüttelte den Kopf. „Ich meine diese Sache mit Trautmann ... und Eurem Bruder. Also ... Ihr versteht schon.“

„Hum?“ In den Augen der Bärwaldenerin blitzte Verwunderung auf, als Algrid sich todesmutig auf dieses heikle Thema stürzte – das dritte dieser Art innerhalb kürzester Zeit. „Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, worauf genau Ihr hinaus wollt“, fügte sie dann an und runzelte die Stirn. Das schien allerdings weniger Ausdruck von Tadel als von Konzentration zu sein. „Helft mir doch bitte auf die Sprünge. Welcher Teil soll der schlimme sein?“

Algrid war etwas überrascht. Wusste sie wirklich nicht worauf sie hinaus wollte? Oder war es am Ende gar kein Problem für sie?

„Na, der Besuch ... der Mann, den Ihr nicht kennt und die Idee, dass Ihr in ihm morgen Euren zukünftigen Verlobten kennenlernt.“ Die Blaubingerin zwang sich zu einem Lächeln, das ihr etwas misslang und wohl recht deutlich als ein aufgesetztes zu erkennen war. „Also, wenn es so läuft, wie Euer Bruder sich das wahrscheinlich wünscht.“

„Also alles. Ihr wollt wissen, ob alles schlimm war ... oder ist?“

In Ermangelung einer besseren Idee, nickte Algrid schlicht.

Daraufhin musterte Gwendolyn sie nachdenklich und verzog die Lippen zu einem schiefen Strich. Es wirkte, als würde sie angestrengt überlegen, ob es wirklich so eine gute Idee war, sich mit einer Fremden – die zu allem Überfluss auch noch aus dem „gegnerischen Lager“ kam – über dieses Thema zu unterhalten. Schließlich war das auch wieder nicht frei von Stolperfallen für sie. Kurz sah es aus, als wolle sie sich dagegen entscheiden, doch dann blieb ihr Blick am verunglückten Lächeln der Pergelgrunderin hängen. Da seufzte sie leise, nickte und hob zugleich die schmalen Schultern.

„Ja, es ist schlimm“, meinte sie. „Schlimm, dass mein Bruder das Gespräch mit Hochwürden Travine ohne mein Beisein und mein Wissen geführt hat. Schlimm, dass er den Besuch in Weidenhag ohne meine Zustimmung vereinbart hat und dass dadurch bei mir der Eindruck entsteht, mein Wert sei auch nicht größer als der einer – immerhin kostbaren – Zuchtstute. Ich habe das mir von anderen vorbestimmte Schicksal zu erfüllen: Brav decken lassen und die Blutlinie fortführen. Vielleicht bekommen die Kinder dann alle einen Vornamen mit dem Anfangsbuchstaben T? Das wäre doch ganz famos!“

Sie hielt kurz inne und schniefte leise, ehe sie fortfuhr: „Es ist schlimm, dass ich den Mann nicht kenne, mit dem ich verheiratet werden soll, und dass ich auch keine Zeit haben werde, ihn vernünftig kennenzulernen. Schlimm, dass nicht geplant ist, mich sehen zu lassen, wo und wie er lebt und wo und wie dann wohl auch ich zu leben haben werde. Schlimm, dass ... alles.“ Sie schenkte Algrid ein bitteres Lächeln: „Ich finde das alles schlimm! Aber mir wurde gesagt, dass ich mich nicht so haben soll. Schließlich ist das der normale Gang der Dinge, nicht wahr? Selbstbestimmung gibt es für uns Menschen genauso wenig, wie für unser Nutzvieh.“

 „Ja, so ist es wohl“, meinte Algrid nachdem sie einige Momente still vor sich hin geblickt hatte. „So ging es den Generationen vor uns und genauso wird es ganz sicher auch den Generationen nach uns gehen.“ Die Worte der Ritterin waren in einem mitfühlenden, aber dennoch recht nüchternen Ton gesprochen. „Die einzige Möglichkeit, die wir haben, ist das Beste daraus zu machen.“ Die Blaubingerin wusste, dass sich das Gesagte in den Ohren ihres Gegenübers nach leeren Worthülsen anhören musste, doch war es eben auch die Realität.

„Dass Euer Bruder Euch nicht in den Prozess einbezogen hat, ist in der Tat sehr schade“, pflichtete sie Gwendolyn dann bei. „Ich war aber damals beim Gespräch zwischen ihm und ihrer Hochwürden dabei, und er machte nicht den Eindruck, dass er Euch verschachern möchte. Er war in seinen Fragen sehr gründlich und wollte sich wohl ein möglichst genaues Bild von Trautmann und seiner Familie machen. Auch schien es ihm sehr wichtig zu sein, dass Ihr in ein Umfeld kommt, das Euch nicht verändern möchte.“

Nun zeigte sich ein beinahe aufmunterndes Lächeln auf den Lippen der Ritterin und sie betonte erneut, was nun schon mehr als einmal gesagt worden war: „Der Junker von Lichtwacht ist ein anständiger Mann. Wenn man sich schon an jemanden binden muss, dann doch lieber an so jemanden, als an einen, der Euch schlecht behandeln würde, oder nicht?“ Algrid wusste nicht, warum sie auf einmal zur Fürsprecherin der angedachten Verbindung mutierte. Vielleicht, weil Gwendolyn ihr leid tat? Oder weil sie nichts Böses auf Trautmann kommen lassen wollte, der eine Frau ganz sicher niemals zur Zuchtstute degradieren würde?

„Seht es Euch einfach einmal an“, empfahl sie. „Am Ende des Tages ist es Eure Entscheidung ... und die des Junkers. Er würde der Verbindung niemals zustimmen, wenn Ihr totunglücklich damit wärt, da bin ich mir sicher.“

„Ist nur die Frage, woher er wissen soll, dass ich totunglücklich damit wäre“, entgegnete Gwendolyn. „Oder woher ich es überhaupt selbst wissen soll, bevor es zu spät ist und er mit in mein Unglück hinein gezogen wird. Das sind die Tücken, die so eine Verbindung ins Blaue hinein mit sich bringt, nehme ich an. Ich meine ... ja, sicher, jeder sagt mir, Herr Trautmann sei ein anständiger Kerl. Aber das fängt langsam an, mich nervös zu machen, weil ich mir eine Art Traviaheiligen vorstelle, der ... na ... .“ Sie räusperte sich und murmelte dann: „Lassen wir das besser! Ich schätze ... hoffe, meine Fantasie geht mal wieder mit mir durch.“

Algrid musste beim Wort ‚Traviaheiliger‘ unverhohlen grinsen. Das würde sich Travine von ihrem Sohn wohl wünschen, doch entsprach es nicht der Wahrheit.

Gwendolyn schien dieser kurze Anflug von Heiterkeit jedoch zu entgehen. Sie griff unterdessen nach ihrem Krug und gönnte sich einen kleinen Schluck Met. Dabei richtete sie den Blick allerdings rasch wieder auf Algrid und behielt sie fest im Auge. Die Pergelgrunderin konnte nicht recht deuten, was dort in den blauen Iriden blitzte, aber es verriet deutlich mehr Interesse als ihr vonseiten der Dûrrnwangin bisher zuteilgeworden war. Schließlich setzte die das Gefäß vor sich ab und runzelte nachdenklich die Stirn. Algrid war sicher, dass nun noch etwas folgen würde und schwieg daher, statt eine Erwiderung auf die Worte zu formulieren, die ihr Gegenüber gerade von sich gegeben hatte.

„Andere Frage, wenn ich sie denn stellen darf“, meinte Gwendolyn schließlich, derweil sie der Pergelgrunderin ein Lächeln schenkte, dessen Ausdruck irgendwo zwischen vorsichtiger Neugier und ... etwas anderem schwankte, das sie im Moment nicht recht einordnen konnte. „Wie schlimm ist es eigentlich für Euch, Hohe Dame? Ihr seid in den Junker von Lichtwacht verliebt, oder etwa nicht? Beruht das auf Gegenseitigkeit, oder ... was für eine Beziehung ist das, die Euch miteinander verbindet?“

Die Angesprochene schien sich auf die Fragen hin an ihrem Trinkgefäß festzuhalten. Gwendolyn sah, dass die Knöchel ihrer Finger weiß hervortraten und das damit einhergehende Senken ihres Hauptes zeigte eindeutig, dass dieses Thema wohl eines war, welches ihr sehr naheging.

„Ich ... wir ...“, hob die Ritterin nach kurzem Zögern stammelnd an. „Wir sind gute Freunde. Er ist mir wie ein großer Bruder und genau so liebt er mich. Mehr ist da nicht ...“, sie seufzte, „... mehr.“ Die Blaubingerin hob tapfer den Kopf und sah der Hollerheiderin in die Augen. „Einst waren wir ein Paar, ja. Es war die schönste Zeit meines Lebens, doch wussten wir beide, dass es nicht sein durfte. Seine Mutter würde einem Bund mit mir niemals zustimmen und deshalb haben wir es beendet. Seitdem sind wir enge Freunde und als enge Freundin wünsche ich ihm nur das Beste, auch wenn es mir wehtut.“

Abermals folgte ein leises Seufzen. „Das sind nun einmal die Pflichten, die unser Stand mit sich bringt. Selten wird einem erlaubt, dem Herzen zu folgen – so schön dieser Gedanke auch sein mag. Es gilt, das Beste für die Familie zu tun und es wird schon seine Gründe haben, warum Ihr ein lohnenderes Ziel darstellt, als ich es bin.“ Die Ritterin hob ihre Schultern. „Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass die Gugelforster mit meiner Familie bereits verbunden sind und dass mich Travine fast als Tochter betrachtet. Es käme ihr nie in den Sinn und hätte sie von unserer Liebschaft erfahren ... es würde ihr wahrscheinlich das Herz brechen.“

Gwendolyn war den Worten der Blaubingerin aufmerksam gefolgt. Sie lauschte zunächst mit offensichtlicher Neugier und dieser anderen Regung, die Algrid nach und nach als Mitgefühl zu erkennen glaubte. Aufrichtiges Mitgefühl und nicht etwa Ärger darüber, einer Verflossenen des Mannes gegenüberzusitzen, mit dem sie verheiratet werden sollte. Tatsächlich schien sich die Bärwaldenerin daran kein bisschen zu stören – vermutlich nicht zuletzt, weil sie Trautmann weder kannte, noch eine irgendwie geartete Verbindung zu ihm spürte. Ihre Miene durchlief jedoch einen raschen Wandel von Unverständnis über Tadel bis hin zu schlecht verhohlenem Ärger, je weiter Algrid mit ihrer Erzählung kam. Als sich nach den letzten Worten eine kurze Pause ergab, krauste Gwendolyn die Nase.

„Ernsthaft, Algrid?“, fragte sie dann leise. „Ihr wollt nur das Beste für den Mann und glaubt, das könnte etwas anderes sein, als eine Frau, die ihn liebt und deren Liebe er erwidert? Weiß er, wie viel Schmerz Euch das Ganze hier bereitet? Und wie kann ihm recht sein, dass Ihr den durchleidet? Warum hat er diese Scharade denn nicht verhindert?“ Die Augen der Dûrrnwangin blitzten nun angriffslustig, doch Algrid war sicher, dass der Unwillen nicht ihr galt.

„Wessen Idee ist es überhaupt gewesen, dass ausgerechnet Ihr uns abholt?“, hakte Gwendolyn nach. „Etwa die seiner Mutter? Das deucht mir eine etwas grausame Methode der ‚fast schon Tochter‘ zu verdeutlichen, wo ihr Platz ist. Ich wage jedenfalls zu bezweifeln, dass sie nicht weiß, woher der Wind weht. Sogar mein Bruder hat das begriffen – in der kurzen Zeit, die Ihr ihm auf der Hollerstockhöhe gegenüber saßt. Da wird es einer Frau, die Euch so nahe steht, kaum entgangen sein. Das würde schon ein außerordentliches Maß an Ignoranz erfordern ...“

Die Dienstritterin überging letzte Aussage und kam in recht vertrautem Ton direkt auf das zu sprechen, was ihr am Wichtigsten war: „So läuft das halt leider nicht, Gwendolyn. Trautmann muss die Erwartungen seiner Familie erfüllen. So wie wir alle.“ Algrid blickte ihr Gegenüber eindringlich an.

„Warum soll ich ihm das Leben und die Situation erschweren, indem ich um ihn kämpfe?“, fragte sie dann. „Einen Kampf, an dessen Ende entweder der gegenwärtige Status stehen würde, oder der Bruch zwischen Trautmann und seiner Familie? Das wäre grausam ... für alle Beteiligten. Und warum das alles? Aus Egoismus, weil ich einen Mann bekommen will, der mich als seine kleine Schwester betrachtet?“ Sie schüttelte sanft ihren Kopf. „Nein, ich werde stark sein. Ich werde ihm ein Teil seiner Familie sein, so wie auch er sich das wünscht.“

„Als seine kleine Schwester ...“, wiederholte Gwendolyn ungläubig und schüttelte sacht den Kopf. „Hat er das auch schon so gesehen, als Ihr das Bett mit ihm teiltet? Oder war das in der schönsten Zeit Eures Lebens vielleicht eher eine etwas andere Art der Zuneigung? Und kann man das einfach so entscheiden? Dass man für jemandem keine Leidenschaft mehr empfinden möchte, sondern nur noch eine Art geschwisterlicher Zuneigung?“ Fragend hob sie die Augenbrauen. „Ich kann das nicht, so viel weiß ich! Und ich glaube, dass Ihr es auch nicht könnt, sonst würde es jetzt nicht wehtun, oder?“

Die Bärwaldenerin biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, ehe sie mit einem Schulterzucken fortfuhr: „Ich bewundere Eure Duldsamkeit und Loyalität, Hohe Dame, wahrlich. Mir geht in diesem Fall beides abhold. Wenn ich auf die Situation blicke, die Ihr mir gerade geschildert habt, sehe ich den Egoismus und die Grausamkeit bei der Familie, die einem liebenden Paar aus Gründen der ... pffft ... was weiß ich warum ... Familienräson vielleicht ... im Wege steht, nicht bei denjenigen, die für ihr Glück kämpfen.“ Gwendolyn versuchte, die ärgerlichen Runzeln von ihrer Stirn zu verbannen und stattdessen zu lächeln, war aber offenbar mit einem Mal viel zu geknickt, als dass es überzeugend gewirkt hätte.

„Und überhaupt“, meinte sie schließlich fast trotzig, während sie Algrid mit einem prüfenden Blick maß, „habt Ihr den Herrn von Waldtreuffen nicht gerade erst ziemlich deutlich aufgefordert, zu kämpfen, weil er sonst schon verloren hat? Wie könnt Ihr ihm so etwas raten, wenn Ihr es für Euch selbst gar nicht in Betracht zieht?“

„Ich habe diesen Kampf bereits geschlagen“, meinte Algrid resignierend und schüttelte den Kopf. „Ich habe mit Trautmann darüber gesprochen und wir sind übereingekommen, dass es Freundschaft sein soll, mit der wir uns künftig begegnen. Jeder weitere Kampf würde vielleicht auch die zerstören und dafür ist sie mir viel zu kostbar.“ Der Blick der Ritterin ging hin zu der Tür, durch welche die Männer zuvor verschwunden waren. „Der hiesige Junker ist diesen Schritt noch nicht gegangen. Das Edle Fräulein weiß ja gar nicht, dass er ihm den Hof machen will. Und ihr Vater weiß es auch nicht, wiewohl er als Junker doch eigentlich gute Aussichten auf Erfolg haben müsste ... zumindest bei Letzterem.“

Die Blaubingerin machte eine wedelnde Handbewegung – wohl um dieses Thema vom Tisch zu vertreiben.

„Der Junker von Lichtwacht war stets offen, was seine Absichten anging“, erklärte sie dann. „Er hat mir nie Versprechungen gemacht, die mich auf mehr hätten hoffen lassen. Er war gut und ehrlich zu mir und für meine jetzigen Gefühle kann er ja nichts.“ Algrid nahm einen Schluck von ihrem Kelch und senkte den Blick. „Ja, es tut weh, aber Trautmann weiß davon nichts. Männer haben da oft eine etwas beschränktere Auffassungsgabe ... so, wie ich ihn jedoch kenne, würde es ihn unglücklich machen, wenn er mich jetzt so sähe.“ Sie seufzte. „Was soll ich sagen ... zu diesem Spiel gehören immer zwei und das Leben ist nur selten eine Liebesballade, in der sich am Ende alles fügt.“

Nach diesen Worten starrte Gwendolyn eine Weile schweigend ins Leere. Soweit Algrid das beurteilen konnte, arbeitete es hinter der Stirn der jungen Hollerheiderin – und zwar ganz gewaltig. Die Aussage, dass das Leben selten eine Liebesballade sei, schien ihr nicht zu schmecken, denn sie verzog unwillig das Gesicht. Allem Anschein nach war sie nicht wirklich bereit, diese Wahrheit für sich anzunehmen, aber auch zu clever, einen Widerspruch dagegen zu erheben. Stattdessen hob sie den Blick irgendwann wieder, um der Blaubingerin in die Augen zu sehen – diesmal ganz eindeutig mitfühlend.

„Es tut mir ausgesprochen leid, das alles zu hören, Hohe Dame, und ich wünschte, die Sache hätte um Euretwillen ein anderes Ende nehmen können. Aber wenn die Priorität des Herrn Trautmann nun mal bei seiner Familie liegt ... lässt sich dagegen wohl schwer angehen“, sie seufzte. „Ihr habt Eure Entscheidung gefällt, das muss ich akzeptieren. Nur eines verstehe ich beim besten Willen nicht: Wenn Seiner Wohlgeboren so viel an Euch liegt und er Schaden von Euch fernhalten will, warum lässt er zu, dass Ihr geschickt werdet, um mich nach Weidenhag zu bringen? Selbst wenn ihm nicht bewusst ist, dass es Euch Kummer bereitet, sollte er sich doch denken können, wie wenig angenehm die Situation für Euch ist, oder nicht? Und ... na ja ... gegebenenfalls auch für mich?“

Die Augen der Blaubingerin weiteten sich, als sie diese Fragen vernahm. „Nein, das war nicht Trautmanns Wunsch!“, sprang sie ihrem ehemaligen Geliebten zur Seite. „Er weiß doch von nichts. Wahrscheinlich noch nicht einmal von Euch.“ Algrid blickte einen Moment nachdenklich auf die Tischplatte vor sich. „Seine Mutter hat ihm einige Briefe geschrieben, aber was genau deren Inhalt war, kann ich nicht sagen. Er würde jedoch nie ...“, die Ritterin hielt und ließ ein herzzerreißendes Seufzen folgen.

Sie war in dem Moment so sehr mit sich beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkte, wie die Gesichtszüge ihres Gegenübers entgleisten: Als die Trutzerin verkündete, dass ihr Verflossener sicher nichts von der Eskorte wusste und wahrscheinlich auch nichts von Gwendolyn, verzogen sich deren Lippen erst zu einem schiefen Grinsen. Sie schien die Vorstellung recht amüsant zu finden – aber nur für ein oder zwei Herzschläge. Dann schwand das belustigte Funkeln aus ihren Augen, wich erst Erschrecken und schließlich Entsetzen. Das bisschen Farbe, das sie bisher noch im Gesicht gehabt hatte, verflüchtigte schlagartig und sie starrte Algrid fassungslos an. Da die jedoch völlig in Gedanken versunken war, wagte Gwendolyn es nicht, zu stören.

„Ist es grausam?“, fragte die Pergelgrunderin, nachdem einen Augenblick Totenstille im Raum geherrscht hatte. Sie schien keine sofortige Antwort zu erwarten und bekam auch keine, weshalb sie schließlich einfach fortfuhr: „Oder ist es vielleicht sogar nötig, damit auch ich von meiner Seite aus abschließen kann? Ist eine Vogelmutter grausam, die ihren Nachwuchs aus dem Nest wirft, damit er das Fliegen lernt und selbständig wird? Ist nicht sogar die Verzweiflung manchmal der fähigste Lehrer?“ Algrid hob ratlos die Schultern, den Blick noch immer auf die Tischplatte gerichtet und gedanklich in Weidenhag.

„Ich weiß es nicht, was Ihre Hochwürden damit bezweckt, dass gerade ich Euch nach Weidenhag geleite, doch bin ich mir sicher, sie tut es nicht, weil sie Freude daran hat, mich zu quälen.“ Diese Worte sprach die Ritterin aus voller Überzeugung. Travine war kein grausamer Mensch und sie wusste, dass die Hochgeweihte sich sehr freuen würde, wenn Algrid dereinst ihr Glück in einer eigenen Familie mit Mann und Kindern fand. Auch wenn dieser Mann eben nicht ihr Sohn sein sollte. Zu diesem Schluss gelangte sie und hing anschließend noch einem anderen Gedanken nach. Auch wenn es nicht lange gewesen war: Wie viele Frauen und Männer von Stand wurden verheiratet, ohne überhaupt kennenzulernen, was sie und Trautmann hatten teilen dürfen?

Da endlich hob Algrid den Blick wieder und sah ihr Gegenüber an: „Es ehrt Euch, dass Ihr mit mir fühlt. Ihr habt ein großes Herz und es beruhigt mich, dass es jemand ist wie Ihr, den seine Mutter ihm vorstellt ... was auch immer daraus wird.“ Die Worte waren heraus, bevor ihr Kopf richtig verarbeitet hatte, was die Augen sahen: Gwendolyn wirkte wie erstarrt. Sie schien schon eine Weile darauf zu warten, dass Algrid sie wieder ansah, und nun doch nicht zu wissen, wie sie reagieren sollte. Kurz noch wahrte sie ihr Schweigen, dann räusperte sie sich.

„Ähm ... habe ich das gerade richtig verstanden, Hohe Dame?“, fragt sie mit unüberhörbarer Anspannung in der Stimme. „Ihr haltet es für möglich, dass Seine Wohlgeboren gar nichts von mir weiß? Also ... von dem Besuch, den seine Mutter und mein Bruder ausgeheckt haben, von der Absicht die dahinter steckt und ... überhaupt ... von dem Ganzen?“

Algrid wirkte ob dieser starken Reaktion etwas verwundert. Gwendolyns Bruder hatte es ja schließlich nicht anders gehalten und auch hinter ihrem Rücken verhandelt, insofern war das ja eigentlich nichts Besonderes. „Ähm, ja, das halte ich für möglich“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Trautmann selbst nahm diese ... Verpflichtung ... sich ein Eheweib zu suchen in den letzten Jahren nicht allzu ernst. Er rechnete damit, dass seine Mutter dies daher nun in ihre Hände nehmen würde, aber dass er von Euch weiß, oder gar eingebunden war, halte ich für unwahrscheinlich. Er ist genauso für morgen auf den Hag bestellt.“

„Ja ... nein ... ich meine ...“, Gwendolyn hielt kurz inne, schloss die Augen und holte tief Luft. „Was ich eigentlich wissen will, ist ... . Mein Bruder hat mir vor etwa zwei Wochen von seinem Gespräch mit Hochwürden berichtet und auch davon, was er für mich plant. Bei Euch klingt das jetzt so, als hätte Seine Wohlgeboren überhaupt keine Ahnung, was ihn erwartet. Also ... weiß er, dass er nach Weidenhag bestellt wurde, weil seine Mutter ihm eine Frau vor die Nase setzen will, oder ... oder ... kommt er da etwa völlig unvorbereitet hin?“

Algrid hob auf die Frage hin ratlos die Schultern: „Ich kann nur spekulieren und meinen Wahrnehmungen folgen. Trautmann war in diesem Götterlauf noch nicht am Hag und der Briefverkehr war einseitig.“ Verlegen senkte sie den Blick. „Aber er ist nicht dumm ... ich denke, dass er – angenommen, er weiß tatsächlich nichts von Euch – zumindest die Einladung seiner Mutter richtig deuten konnte.“

Als diese Vermutung geäußert war, sah sich die Blaubingerin wieder einem langen Blick ihres Gegenübers ausgesetzt. Wieder schien Gwendolyn angestrengt nachzudenken, fuhr sich dann mit einer nachgerade verzweifelt wirkenden Geste übers Gesicht und erhob sich ruckartig.

Algrid fürchtete erst, die Hollerheiderin würde nun ohne ein Wort des Grußes aus dem Raum stürmen, doch ganz so schlimm kam es nicht. Stattdessen begann sie, neben der langen Tafel auf
und ab zu schreiten: den rechten Arm schützend vor den Bauch gelegt, den linken darauf gestützt und die Hand dazu am Hals – Finger im Haar, als würde sie dort Halt suchen, oder als würde es ihr beim Denken helfen. Das ging eine ganze Weile so, dann blieb Gwendolyn stehen und richtete ihr Augenmerk wieder auf Algrid.

„Er hat nicht gewusst, dass seine Mutter bei uns war, und weiß wahrscheinlich auch nicht, dass mein Bruder mich für ihn nach Weidenhags schleppt“, stellte sie fest. „Es ist demnach nicht ausgeschlossen, dass er genauso wenig Lust auf die Sache hat wie ich. Es könnte sein, dass ihm die Situation so verhasst sein wird, wie sie es mir stets war. Und ... eine Frau will er eigentlich auch nicht haben?“ Gwendolyn nahm die Linke aus dem Haar, um ihre Arme vor der Brust zu verschränken und lachte leise. Es klang nach einer Mischung aus Belustigung und Irritation, angereichert mit einer Prise Hysterie – alles in allem also nicht sonderlich zuversichtlich.

Algrid wollte gerade etwas erwidern, als sie den prüfenden Blick ihres Gegenübers gewahrte. Sie hatte das Gefühl, erstmals seit ihrem Kennenlernen vom Scheitel bis zur Sohle gemustert zu werden – etwa so gründlich, wie sie es vor zwei Tagen in dem Gasthaus in Altenfurten bei Gwendolyn getan hatte. Unwillkürlich straffte sie ihre Haltung und hatte plötzlich wieder das Bedürfnis, zu schauen, ob ein Stäubchen auf einem ihrer Plattenteile liegengeblieben war.

„Wenn Ihr ihm gefallt, Hohe Dame, und die Baronin von Nordhag, stehen meine Chancen ja wohl eher schlecht“, meinte die Dûrrnwangin schließlich. „Vielleicht hätte Hochwürden doch mal einen Blick auf mich werfen sollen, bevor sich mich einlädt? Womöglich hätte uns das allen eine Menge Zeit und Ärger erspart ... und Schmerz. Wenn die Personen, die miteinander verkuppelt werden sollen, beide kein Interesse an so etwas haben, steht das ganze Unterfangen ja wohl unter denkbar schlechten Vorzeichen. Ich meine ... wohin soll das bitte führen, da ...“ Just in dem Moment schien Gwendolyn der bisherige Verlauf des Gesprächs wieder einzufallen, sie hielt inne und nickte widerwillig. „Ah ja ... stimmt“, murmelte sie. „Da war was. Glückliche Familien und ein Paar, das seine Pflicht erfüllt. Sagt nichts. Ich habe schon verstanden.“

Mit diesen Worten löste sie die Verschränkung ihrer Arme auf und stützte sich stattdessen schwer auf den Stuhl, auf dem sie eben noch gesessen hatte. Algrid glaubte so etwas wie ein leise gerauntes „Scheißdreck da!“ zu vernehmen, war sich aber nicht sicher.

Die Ritterin beobachtete das Gebaren der jungen Bärwaldenerin mit zunehmender Sorge. Es war offensichtlich, wie groß der Unwillen Gwendolyns gegen diesen Besuch am Hag war und wie viel Überwindung es sie kostete, dem Wunsch ihres Bruders zu folgen. Mittlerweile tat ihr wirklich leid. Ja, wenn es um eine empathische Grundveranlagung ging, waren sich die beiden Frauen nicht ganz unähnlich.

„Ich denke, dass er es nicht weiß“, stellte Algrid dann noch einmal klar. „Aber Ihr könnt ihn ja morgen selbst fragen.“ Die Blaubingerin versuchte sich abermals an einem Lächeln. „Dann werdet Ihr auch sehen, wohin das alles führt. Vielleicht gefällt Euch Trautmann ja ... wer weiß“, es waren Worte, die sie aussprach, um ihr Gegenüber aufzumuntern und nicht, weil sie sich diesen Umstand wünschte.

„Auch würde ich mir nicht zu viele Sorgen machen, dass Ihr seinen optischen Anforderungen nicht entsprecht. Ich denke, dass es wichtigere Dinge gibt als das Aussehen. Schönheit ist ja schließlich vergänglich.“ Auffordernd sah sie die Dûrrnwangin an, bevor sie noch einmal ein paar beschwichtigende Worte nachsetzte: „Schaut Euch den Mann morgen einfach an und entscheidet dann. Wenn es gar nicht geht, werdet Ihr bestimmt ein paar Verbündete finden, die Euch aus der Situation heraushelfen. Zuvorderst Trautmann selbst, der nie damit leben könnte, wenn Ihr an seiner Seite unglücklich wärt, mich und wahrscheinlich auch Gwid... äh die Baronin. So traviagefällig sie sein mag: Ihr ist bewusst, dass auch Rahja ein Wörtchen mitzureden hat. Ich bin mir sicher, dass man mit ihr reden könnte.“

Gwendolyn sah Algrid aus großen Augen an, während sie deren Beschwichtigungsversuch folgte. Sie ließ die Ritterin ausreden, auch wenn es an ein paar Stellen aussah, als hätte sie am liebsten etwas angemerkt, erwidert oder vielleicht auch einfach nur gefragt. All das schien jedoch vergessen, als Algrid endete. Da schaute sie sie nur weiter an, seufzte leise und nickte erneut – widerwillig, aber sie nickte.

„Sicher. Ihr habt natürlich recht“, meinte sie nach einem Moment des Zögerns. „Was bleibt mir auch anderes übrig, nicht wahr?“ Kurz noch stand die Hollerheiderin auf den Stuhl gestützt, dann richtete sie sich auf, schien einen Moment nicht zu wissen, wohin mit ihren Händen und verschränkte sie schließlich in ihrem Rücken. „Ich danke Euch für Eure freundlichen Worte, Hohe Dame, die ganzen Erklärungen, Ratschläge ... für alles! Auch dass Ihr geblieben seid, um mir Gesellschaft zu leisten, statt mit zu den Trophäen zu gehen, was sicher viel spannender und auch ... angenehmer gewesen wäre. Ja ...“

Die Dûrrnwangin presste die Lippen fest aufeinander, während sie einmal mehr scharf nachdachte und fügte dann ein leises „Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt“ an. „Es ist spät geworden und ich ... ähm ... die Zofe wollte noch irgendwas von mir. Also ... abermals vielen Dank. Ich wünsche Euch eine angenehme Nachtruhe und wir sehen uns morgen früh.“

Kurz runzelte Algrid die Stirn. Würde Gwendolyn jetzt davonlaufen? Ihrem Bruder den Hosenboden langziehen und ihn zur Rückkehr bewegen? Oder wirklich bloß ins Bett gehen? Für die Ritterin war nun jedenfalls nicht mehr an Schlaf zu denken – zu sehr wühlte sie die Konversation von gerade eben auf.

„Ähm ... ja ...“, stotterte sie überrascht. „Also ... nichts zu danken. Füreinander da zu sein ist etwas, das man in Weidenhag lebt und ich habe mir schon gedacht, dass Ihr vielleicht jemand zum Reden braucht.“ Die Lippen der Blaubingerin verzogen sich zu einem milden Lächeln. „Gute Nacht, Wohlgeboren.“

Gwendolyn bedachte Die Blaubingerin daraufhin ebenfalls mit einem Lächeln – das allerdings ziemlich schief wirkte – und machte auf der Hacke kehrt. Kurz darauf fiel die Tür hinter ihr ins Schloss und die Trutzerin saß allein im Rittersaal. Der Abgang ihrer Gesprächspartnerin hatte am Ende doch einer Flucht geglichen. Welcher Grund dafür ausschlaggebend gewesen war, das vermochte Algrid nicht zu sagen. Aber immerhin war sie jetzt tatsächlich ein ganzes Stück schlauer als vor diesem Gespräch. Es hatte sich also gelohnt. Sogar mehr als erwartet.

 


 

Der besorgte Ersatzvater

Dramatis Personae:

 

Motte Waldtreuffen, Junkergut Hennsthal, Herzoglich Waldleuen, 11. Travia 1042 BF

Als er halbwegs sicher war, dass es dem Einen gutging, machte sich Faramund auf die Suche nach der Anderen. Wobei er an den Begriff „gutgehen“ in diesem Fall keine allzu strengen Maßstäbe anlegte. Nüchtern betrachtet war die Stimmung von Arbogast nämlich nach wie vor alles andere als blendend. Und für seinen Gastgeber galt das Gleiche.

Sie waren beide angeschlagen. Der Waldtreuffener offenbar nicht in erster Linie, weil die eine Furie ihm die Beizjagd madig machen wollte, sondern vielmehr, weil die andere ihn in ein Thema gestumpt hatte, mit dem er sich lieber nicht befassen wollte. Und der Dûrrnwanger, weil ihm nach dem heutigen Abend ohne Frage noch mehr vor dem morgigen graute. Gwendolyn hatte ihr liebliches Aussehen mal wieder Lügen gestraft und es war nicht auszuschließen, dass sie Selbiges auch im Hag tun würde. Deshalb hinterfragte Arbogast seine Entscheidung für ihren Besuch bei den Gugelforstern seit rund zwei Stundengläsern sicher noch mal sehr viel gründlicher als er das in den vergangenen Wochen bereits getan hatte.

Gegen all die düsteren Gedanken waren die jungen Männer angegangen, indem sie sich durch den Trophäenraum bewegten wie zwei Kinder durch ein märchenhaftes Wunderland. Sie hatten einander Geschichten von der Jagd erzählt – aus eigener Erfahrung erst und dann allerlei Spannendes und Legendäres, das aus der Vergangenheit ihrer Familien überliefert war. Dazu hatte es Bier gegeben. Ein bisschen zunächst. Dann bisschen mehr. Und schließlich so viel, dass nur noch Raum fürs Schwelgen und keiner mehr für Kopfzerbrechen blieb.

Das war der Moment gewesen, in dem Faramund seinen Abschied nahm, um nach Gwendolyn zu sehen. Denn um die machte er sich offen gesprochen nicht weniger Sorgen als um ihren Bruder. Eigentlich eher mehr. Er steuerte den Rittersaal an, fand dort aber nur noch die Blaubingerin vor, die sich ebenfalls an ihren Humpen klammerte und alles andere als gut aussah. Es war Trauerspiel. Diese ganze Unternehmung war ein fürchterliches Trauerspiel, das den Beteiligten nur Kummer statt Freude zu bereiten schien – wie man es sich zu diesem eigentlich schönen Anlass gewünscht und im Grunde auch erwartet hätte.

Algrid erzählte Faramund, dass Gwendolyn sich schon vor einiger Zeit mit einem Verweis auf die Zofe von ihr verabschiedet hatte. Daraufhin steuerte er die Kammer an, die der jungen Herrin zugewiesen worden war. Dort fand er allerdings nur Rayalina vor, besagte Zofe eben. Dösend und mit einer Menge ... Fraunekruscht um sich herum, der allem Anschein nach noch nicht angerührt worden war. Sie bestätigte ihm diesen Eindruck und schien ebenfalls ziemlich gnatischg. Dass Gwendolyn nicht bei ihr aufgetaucht war wie besprochen, empfand sie als respektlos – und irgendwie hatte sie damit ja auch recht. Faramund schickte die arme Frau ins Bett und machte sich dann zum Stall auf.

Da sie in der Fremde weilten, es neben Arbogast, den Bediensteten und ihm selbst keine vertrauten Gesichter gab, konnte sich das Mädchen Faramunds Einschätzung nach schlechterdings nur an einem Ort aufhalten. Der Verdacht bestätigte sich bald darauf. Ein Blick in den Stallgang reichte: An dessen fernem Ende stand eine kleine Sturmlaterne. Direkt vor dem Verschlag, der Ibdaar zugewiesen worden war. Der Stute mit dem Namen und den schlechten Manieren eines Hengstes. Aus unerfindlichen Gründen hatte Gwendolyn einen Narren gefressen hatte – und umgekehrt schien es sich genauso zu verhalten. Das Tier war im Halbdunkel kaum auszumachen, seine Besitzerin aber schon: Gwendolyn saß im Stroh, sozusagen zu Füßen ihres Pferdes und starrte auf ein zerknittertes Stück Papier. Sie war so konzentriert, dass es eines leisen Schnaubens ihres übermannhohen Wachhunds bedurfte, damit sie aufblickte, Faramund bemerkte und den Brief rasch zusammenfaltete.

„Was machst du denn hier?“, fragte er und schüttelte tadelnd den Kopf.

„Gedanken sortieren.“

„Kennst du den nicht mittlerweile auswendig?“ Faramund lächelte, während er eine vage Geste in Richtung des Schreibens machte.

Gwendolyn hob daraufhin nur die Schultern und ließ das Schreiben eilig aus seinem Sichtfeld verschwinden.

„Steht da drin, dass du dich auf unserer Reise wie die Axt im Walde benehmen sollst? Oder war das deine eigene Idee?“

Gwendolyn schürzte die Lippen und hob abermals die Schultern: „Das war so eigentlich nicht gedacht. Er hat halt einfach nicht aufgehört, Fragen zu stellen. Und wer fragt, dem soll geantwortet werden, oder nicht? Wenn es Meinung gewesen wäre, hätte er die ja auch einfach äußern können, statt zu tun, als würde ihn meine Sicht der Dinge interessieren.“

Faramunds Lächeln wuchs sich zu einem schiefen Grinsen aus: „Und? Hast du vor, morgen mit Ihrer Hochwürden über die Ehe zu streiten? Das Spannungsfeld zwischen Travia- und Rahja-Kirche oder etwas ähnlich Verfängliches? In dem Fall sag mir lieber gleich Bescheid, dann setze ich am Abendtisch nämlich vorsorglich meinen Helm auf.“

Nun lächelte auch Gwendolyn, es wirkte allerdings halbherzig. „Nein, das habe ich nicht vor“, meinte sie. „Aber wenn sie mir Fragen stellt, werde ich darauf selbstverständlich wahrheitsgemäß antworten. Also ... bring ihn vielleicht mit, aber setz ihn nicht gleich auf. Das könnte einen etwas merkwürdigen Eindruck erwecken.“

„Hum.“ Faramund nickte, während er das Gesicht seines Schützlings aufmerksam musterte. Ihm gefiel nicht, was er sah. Gwendolyn wirkte noch angegriffener, als er es vom Abendmahl in Erinnerung hatte. War das Gespräch mit der Blaubingerin am Ende etwa genauso entgleist wie das mit dem Waldtreuffener? Hatte sie zwischenzeitlich noch einen Tiefschlag eingesteckt? „Was ist los, Liebes?“, fragte er schließlich und setzte sich auf einen Strohballen vor dem Verschlag, um eine größere Nähe zwischen Gwendolyn und sich herzustellen. „Du siehst schlecht aus und ich beginne langsam, mich ernsthaft um dich zu sorgen.“

„Ich hätte nicht in dieses Treffen einwilligen dürfen, Faramund“, sagte sie leise.

„Was? Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„Ich bin die ganze Zeit davon ausgegangen, dass nur ich das nicht will. Also ... dass der Sohn von Hochwürden weiß, was seine Mutter tut, und dass es seine Zustimmung findet“, murmelte Gwendolyn. „Dass er sie losgeschickt hat, um eine Frau für ihn zu suchen, und dass er folglich  auch mit ihrem Besuch bei uns einverstanden war. Dass er mich sehen will. Und sei es nur, um sich die Schreckschraube einmal näher zu betrachten, über die sich offenbar halb Weiden das Maul zerreißt. Zu seinem eigenen Amüsement ... was weiß ich denn? Das wäre in Ordnung für mich gewesen ... was soll’s. Aber so?“

„Aber wie?“

„Sie hat das aus eigenem Antrieb getan, sagt Algrid. Er wusste davon so wenig wie ich. Und vielleicht weiß er es jetzt immer noch nicht. Wenn wir Pech haben und vor ihm in Weidenhag eintreffen, kriegen wir morgen womöglich sogar den Schreckensschrei zu hören, den er ausstößt, wenn sie ihm die frohe Botschaft überbringt. Also wappne dich schon mal ...“ Gwendolyn ließ den Satz mit einem leisen Lachen enden, das allerdings kein bisschen amüsiert klang, sondern eher den Ruch von Verzweiflung hatte.

„Kindchen ...“, Faramund versuchte, eine tadelnde Miene aufzusetzen. „Jetzt übertreib doch bitte nicht so. Kein Mensch auf der Welt wird vor Schreck schreien, wenn er hört, dass er dich kennenlernen wird.“

„Auch keiner, der mich heiraten soll, obwohl er lieber eine Kriegerin hätte?“

„Auch so einer nicht!“

„Was macht dich da sicher, hum?“, hakte Gwendolyn nach. „Ich musste stark an mich halten, um nicht vor Schreck zu schreien, als ich diesen vermaledeiten Waldenwinkler Troll gesehen habe. Und der wich von meinen Vorstellungen vermutlich ungefähr genauso weit ab, wie ich von denen des Herrn Trautmann.“

„Ja, aber du bist ein Sonderfall. Die meisten von uns haben sich besser im Griff und keine so großen Probleme damit, an sich zu halten“, meinte Faramund schmunzelnd. Dann bedeutete er ihr mit einer einladenden Geste, sich zu ihm auf den Strohballen zu setzen.

„Geschenkt!“ Jetzt lächelte sein Mädchen doch tatsächlich – und es wirkte wenigstens gelinde amüsiert. Sie erhob sich auch, kam zu ihm hinüber, nahm folgsam platz und ließ ihn gewähren, als er den Arm vorsichtig um sie legte.

„Ich wage ernsthaft zu bezweifeln, dass du für den Gugelforster einen so grauslichen Anblick bieten wirst wie der Waldenwinkler für dich“, meinte Faramund beschwichtigend. „Wenn man es genau nimmt, bist du nämlich ganz gut gelungen. Ich glaube jedenfalls kaum, dass irgendein Mann dich je als ... Trollin bezeichnen würde. Wir sind da in unserer Wahrnehmung etwas unkritischer als ihr Frauen. Aber das weißt du doch längst, oder nicht?“

„Hum ... vielleicht.“ Gwendolyns Lächeln wurde rasch dünner und sie klang schon wieder sehr ernst, als sie zu einer Erklärung ansetzt: „Die Sache ist die ... ich habe es gehasst, wenn Arbogast diese Kerle angeschleppt hat, um sie mir vorzustellen. Jedes einzelne Mal. Ich wollte die nicht auf der Hollerstockhöhe haben, fragte mich immer, was die eigentlich in meinem Heim wollen und hätte sie am liebsten direkt wieder weggeschickt. Die gehörten da nicht hin! Und jetzt werde ich halt angekarrt ... verstehst du?“

Sie sah ihn aus großen, unglücklichen Augen an und fuhr direkt fort, weil sie ihm wohl von der Nasenspitze ablesen konnte, dass das leider nicht der Fall war:

„Ich habe eingewilligt und Seine Wohlgeboren offenbar nicht, weil er das gar nicht konnte. Das ist ... doch irgendwie genau dasselbe wie mit Arbogasts Kandidaten, oder was meinst du? Und ich mag nicht diejenige sein, die er da gar nicht haben will. Die ungefragt in sein Heim eindringt und von der er sich dort gestört fühlt. Nach allem, was ich gehört habe, ist er von seiner Mutter erst übergangen worden und wird dann morgen auch noch überrumpelt. Und wenn sie mich ihm vorführen, ruhen die neugierigen Blicke seiner ganzen Sippe auf ihm. Dann wird er begafft wie so ein ... na, weiß nicht ... eine Zirkusnummer halt.“

„Das ist aber gar nicht sein Zuhause und daher schon im ersten Punkt nicht vergleichbar“, meinte Faramund, weil ihm zu den anderen erst mal nichts einfiel.

„Toll. Danke. Das hilft mir sehr“, fuhr Gwendolyn auf. „Dann ist ja alles gut.“

„Sag mal ... verstehe ich das eigentlich richtig, dass du dir um das Befinden Seiner Wohlgeboren gerade mehr Sorgen machst als um dein eigenes?“

„Ich kann mich halbwegs einfühlen, weil ich schon ein paarmal in seiner Situation gesteckt habe“, gab Gwendolyn achselzuckend zurück. „Und außerdem kann ich ihm keinen Vorwurf machen, weil er an dem ganzen Schlamassel so wenig Schuld trägt wie ich. Oder ... vielleicht sogar weniger? Wenn ich mich versagt hätte, wäre ihm das Ganze ja erspart geblieben.“

„Man sagt aber nicht einfach ‚Nein‘ zu einer Hochgeweihten.“

„Ja, richtig. Ich nicht und er wohl erst recht nicht.“

„Und wenn du ihm keinen Vorwurf machen kannst, wirst du ihn wohl auch nicht guten Gewissens wegbeißen können, wie die unglücklichen Kerle, die bisher in dein Heim eingedrungen sind hum?“, hakte Faramund vorsichtig nach.

„Ich müsste im Umkehrschluss darauf hoffen, dass er mich nicht wegbeißt“, antwortete sie, während sie den Kopf vertrauensselig auf Faramunds Schulter legte. „Oder ich lasse mir eine andere Begründung für meine Gemeinheiten einfallen. Zum Beispiel, dass er sich bei dieser Leudane damals nicht ein bisschen mehr in Zeug gelegt hat. Wenn er deren Gunst errungen hätte, wäre uns das Ganze hier schließlich auch erspart geblieben, nicht wahr?“

„Hmhum“, meinte Framund. Das klang schon eher nach der Gwendolyn, die er kannte. „Oder wenn du einfach einen von den anderen Kerlen genommen hättest.“

„Nein, das kam nie in Frage!“

„Vielleicht wären sie gar nicht so schlimm gewesen, wenn du ihnen nur eine Chance gegeben hättest, Liebes“, seufzte Faramund.

Darauf antwortete sie nicht.

„Also, was nun? Bekommt der Gugelforster als Erster eine?“ So schnell gab Faramund nicht auf, sondern bohrte mit einen amüsierten Feixen auf den Lippen weiter: „Weil er sich im Vorfeld nichts zuschulden hat kommen lassen, meine ich? Sprich: Nicht die Frechheit besaß, seiner Mutter oder deinem Bruder gegenüber Interesse an dir zu bekunden?“

„Weiß noch nicht“, murmelte Gwendolyn. „Ich brauche auf jeden Fall eine neue Strategie. Rundheraus destruktives Verhalten schickt sich für Gäste nicht. Und wenn er eh nicht interessiert ist, kann ich die Zähne auch da lassen, wo sie sind. Dann brauche ich die gar nicht zum Einsatz zu bringen, weil das Ganze unabhängig von meinem Verhalten nichts wird.“

Interessant! Wenn das der Schluss war, den Gwendolyn aus der tatsächlich recht unglücklichen Situation zog, konnten sie alle miteinander sehr erleichtert sein. Das war allemal besser, als wenn sie entschieden hätte, das Weite zu suchen – nicht zuletzt, weil sie mit Abstand das schnellste Pferd besaß. Und es war sicher auch besser als die Schreckensszenarien, die sich Arbogast nach dem Streitgespräch vom Abend ausmalte. Faramund würde ihn darüber informieren, ehe sie am Hof der Gugelforsterin ankamen. Aber erst morgen. Der Junge hatte es in seinen Augen verdient, noch ein bisschen zu schmoren. Schließlich arbeitete er mit großem Fleiß daran, Faramund einen der beiden Menschen zu entreißen, die er an Kindes Statt in seinem Herzen aufgenommen hatte und um keinen Preis der Welt wieder hergeben wollte.

Fürs Erste nickte der Betagte Tobrier also nur und drückte seinen Schützling fest an sich.

„Das klingt in meinen Ohren nach einem ganz guten Plan, Gwennieleinchen“, brummelte er dann leise. „Wenn du zudem vorhast, wachzubleiben und nicht am Tisch einzuschlummern oder im Halbschlaf irgendwelche Zusagen zu machen, die du später bitter bereust, solltest du dich langsam mal ins Bett begeben. Komm, steh auf! Ich bring dich hin.“

 


 

Muttern macht das schon

 

Dramatis Personae:

 

Der Hag, Baronie Weidenhag, 12. Travia 1042 BF

Travine von Weidenhag, die Hochgeweihte vom Hag des göttlichen Herdfeuers, tippte ungeduldig auf die Tischplatte vor sich. Sie war eine rundliche Frau mit einnehmendem Lächeln und streng zurückgebundenen, dunkelblonden Haaren. Gewandet war sie in den orange-gelben Ornat der Geweihtenschaft der gütigen Mutter, ergänzt um die silberne Gänsespange, welche sie als Tempelvorsteherin auswies. Gegenwärtig befand sie sich im Arbeitszimmer ihrer Nichte am Baronssitz Hag im Dorf Weidenhag.

Interessiert hatte Gwidûhenna von Gugelforst der Tante zugesehen. Ihre edel geschwungenen Lippen umspielte dabei ein leichtes Lächeln. Die Baronin war in ein hoch geschlossenes, dunkelblaues Kleid mit Stehkragen gewandet und hatte den Schwall an rabenschwarzen Haaren kunstvoll hochgesteckt. Sie trug den silbernen Baronsreif, besetzt mit Eisflockenquarzen – von denen einfältige Gemüter wissen wollen, dass es sich dabei um Tränen Ifirns handelte – und dazu dezente silberne Ohrringe. Schräg hinter ihr stand ein bildhübsches Mädchen mit offenem, dunkelblondem langem Haar in einem eher schmucklosen dunkelgrünen Kleid. Sie hatte ihren Kopf gesenkt und ihre Hände ineinander gelegt.

„Du machst mich ganz nervös, Tante“, meinte die Herrin Weidenhags knapp, als sie des Schauspiels vor ihr überdrüssig wurde. Das Licht, welches durch das große Butzenglasfenster in ihrem Rücken schien, verlieh Gwidûhenna einen erhabenen Anblick. „Wann soll er denn kommen?“

„Heute“, kam es zurück.

„Mhmm ...”, die Baronin nickte, „... und der andere Besuch?“

„Hoffentlich auch heute“, Travine fiel es schwer, den Blick ihrer Nichte zu halten. Sie hoffte, dass ihr Sohn es gefasst aufnehmen würde.

„Er weiß wohl nicht, was ihn hier erwartet?“ Es war mehr eine Feststellung, denn Frage. Zur Antwort folgte ein wortloses Kopfschütteln, was Gwidûhenna auflachen ließ. „Na, der wird sich freuen. Vor allem, wenn er sieht, wer seine Zukünftige sein wird. Die Dûrrwangens sind eine gute Familie, aber diese Gwendolyn? Du hältst das für eine gute Idee?“

„Wieso denn nicht? Eine hübsche junge Frau, was man so hört. Belesen und klug ...“, die Geweihte hob ihre Schultern.

„Genau“, nickte ihre Nichte. „Und so ganz anders als Leudane von Finsterkamm. Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass es mehr als der Titel war, der ihn um ihre Hand hat werben lassen?“

Travine schnaubte. Äußerlichkeiten waren bei der Wahl eines Ehegatten nicht von Bedeutung. Das war etwas für die Träume junger Burschen und Mädchen, die nicht viel mit der Realität zu tun hatten. „Unwichtig“, meinte sie knapp. „Er wird seiner Pflicht nachkommen und der Frau ein liebevoller Ehemann sein, weil ...“

„... weil du ihn so erzogen hast“, fiel ihr die Baronin ins Wort. „Ich weiß. Leichter wäre es für die beiden trotzdem, wenn das Herz mitsprechen würde. Denkst du, dass Gwendolyn glücklich damit ist, dass ihr Zukünftiger eine Burg im Finsterkamm bewohnt? Nach allem, was wir uns über sie erzählen haben lassen?“

Nun straffte die Hochgeweihte ihre Haltung: „Sie wird das tun, was ihr Bruder als Familienoberhaupt für sie als gut befindet!“

„Das unverheiratete Familienoberhaupt ...“, Gwidûhenna hob ihren Zeigefinger, „... das seine jüngere Schwester in den Finsterkamm schicken will.“

Abermals folgte ein Schnauben. „Henna, du vergisst dich“, ermahnte Travine ihre Nichte.
 
„Nein“, meinte diese und schüttelte sanft ihr Haupt. „Ich kenne deinen Sohn einfach ganz gut. Ich hätte ja einmal versucht, ihm Dylga“, sie wies auf ihre Zofe hinter sich, „als potenzielle Gemahlin anzutragen. Sie ist aus einem guten Weidener Haus und bildhübsch. Es interessierte ihn nicht. Dünne Frauen in feinen Kleidern scheinen sein Herz nicht wirklich schneller schlagen zu lassen.“

„Henna, bitte“, die Geweihte wedelte mit ihrer Hand durch die Luft. „Aus dem Alter, wo man solchen Oberflächlichkeiten Gewicht beimisst, solltest du schon heraußen sein.“

„Das bin ich“, eine Augenbraue der Baronin schnellte nach oben. Gwidûhenna schien nicht nachvollziehen zu können, wie leicht es Travine fiel, ihrem Sohn etwas aufzuzwingen, was sein Leben so grundlegend verändern würde. Gwendolyn von Dûrrwangen war bestimmt eine reizende junge Frau – eine Künstlerin gar, wie sie sich hatte berichten lassen – doch war sie eben auch die Zweitgeborene einer niederadeligen Familie – also nicht unbedingt eine extrem gewinnbringende Verbindung für das Haus. Ob es das wert war, dass zwei junge Menschen ins Unglück gestürzt werden? Sie schüttelte resignierend ihr Haupt.

„Ich empfange Seine Wohlgeboren von Dûrrwangen und die edle Dame Gwendolyn sehr gern als Gastgeberin“, sagte sie dann. „Gorfried freut sich auch schon auf den Junker. Er soll ja ein passionierter Jäger sein. Auch habe ich ihnen die zwei besten Zimmer herrichten lassen. Gutheißen tu ich die Sache jedoch nicht, Tante.“

„Danke“, Travine meinte, dass es hier nichts mehr zu diskutieren gab. Deshalb erhob sie sich aus dem Stuhl und strich ihren Ornat mit einer entschiedenen Geste zurecht. „Ich lasse nach dir schicken, wenn sie eingetroffen sind.“

***

Plötzlicher Trubel vor dem Hag des Göttlichen Herdfeuers ließ die Hochgeweihte Travine aufhorchen. Neugierig begab sie sich zum Portal des Göttinnenhauses und blickte hinaus auf den Hof. Just hatten drei Reiter den Baronssitz Weidenhags – ein mehrfach ausgebautes, geräumiges Rittergut im gleichnamigen Dorf – erreicht und machten sich daran, von ihren Pferden zu steigen. Zuvorderst war ein stattlicher junger Mann auf einem Teshkaler geritten, an seiner Seite hielten sich ein Knabe von vielleicht zehn, zwölf Sommern und ein schlanker Waffenknecht. Beide saßen auf kleineren Tieren. Der Ritter an der Spitze gab dem Knaben und dem Knecht ein paar knappe Anweisungen, streichelte mit einer beinahe schon liebevoll zu nennenden Geste über den muskulösen Hals seines Rosses und begrüßte dann die Stallmagd, welche herangekommen war, um dem Pagen mit den Pferden zu helfen.

Travine nickte zufrieden. Ihr Sohn war der Einladung gefolgt und seine Aufmachung in der Tat sehr ansehnlich. Nicht dass Trautmann von Gugelforst für gewöhnlich abgerissen umherlief, dennoch erleichterte es sie zu sehen, dass er auch ihrem Wunsch nachgekommen war, heute besondere Sorgfalt auf seine Kleidung zu verwenden. Der Junker von Lichtwacht trug eine feine Weste aus Wildleder und rot gefärbtem Bausch, eine Hose aus Wildleder und leichte Reitstiefel. Das alles war figurbetont geschnitten und zeigte somit seine breite Brust, die muskulösen Arme und Schultern sowie die kräftigen Beine und auch ... nun ja ... das feste Gesäß. An seinem Gürtel trug ihr Sohn ein edles Langschwert – ein Geschenk seines Schwertvaters zum Ritterschlag, wie Travine wusste.

Trautmann war ein beliebter Gast am Hag, daher kamen mehr und mehr Leute heran, um ihn zu begrüßen. Erst Travegunde, Travines zweitgeborene Tochter und seine jüngere Schwester. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm in die Arme zu springen und sich von ihm auffangen zu lassen, als wären die beiden noch Kinder. Der Ritter liebte seine Schwester. Er lächelte breit und entblößte seine weißen Zähne, ehe er der jungen Geweihten dann einen Kuss auf die Wange gab.

Als nächstes war Wilfred heran, Gwidûhennas Bruder und ihr starker Arm. Er war ebenso groß wie Trautmann, seine Statur allerdings um einiges schmaler. Die Ritter umarmten sich zur Begrüßung, doch etwas war anders als zuvor bei Travegunde: Von einem auf den anderen Herzschlag gefror das Lächeln des Lichtwachters, während Wilfred auf ihn einredete – und spätestens als ihr Neffe sich mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck zu ihr umwandte, war Travine klar, dass er den Grund für ihre Einladung offenbart hatte.

Die Tempelmutter war nicht oft nervös, doch als ihr Sohn jetzt mit kräftigem Schritt auf sie zu stapfte und sein Antlitz dabei eine Mischung aus Belustigung und Ärger zeigte, schlug ihr das Herz bis zum Hals.

„Mutter“, grüßte Trautmann sie knapp, umarmte sie und küsste ihre Stirn. „Ich denke, du schuldest mir eine Erklärung. Warum meint Wilfred, dass meine Verlobte auf dem Weg hierher ist ... und warum gratuliert er mir zu diesem Weib?“

„Die Gütige zum Gruß, Trautmann”, dankte Travine erst einmal der quasi nicht vorhandenen Grußformel ihres Sohnes. Dann wies sie einladend auf den Tempel. „Das ist etwas, das wir beide nicht zwischen Tür und Angel besprechen sollten, meinst du nicht?“

Als Antwort folgte ein tiefes Seufzen, gefolgt von einem zustimmenden Nicken: „Nach dir.“

Wenig später saßen die beiden im genügsam eingerichteten Arbeitszimmer der Tempelmutter. Travine ließ etwas Gebäck und einen Krug Wasser auftragen, dann faltete sie ihre Hände ineinander und brach das nun schon unangenehm lange andauernde Schweigen: „Es ist nicht deine Verlobte, Trautmann. Du weißt, dass so was ohne deine Zustimmung nicht geht. Du bist ja inzwischen mündig.“

Ein Satz, der dem Ritter ein Augenrollen abrang: „Mutter, bitte ...“ Das Heben von Travines Rechter ließ ihn innehalten.

„Aber wenn alles gut läuft, wird sie das hoffentlich bald werden“, sagte die Geweihte. „Es ist eine gute Wahl, Trautmann.“

Der Junker rieb sich die Wurzel seiner prominenten Nase und schloss seine milden braunen Augen, aus denen kurz zuvor noch ein herausforderndes Blitzen gedrungen war. „Mutter ... das ist nicht nötig, ich ...“

„Doch es ist nötig, Sohn“, fuhr sie ihm sogleich dazwischen. „Du zählst 28 Winter und hast bisher erst um die Hand einer Frau geworben. Du bist entweder unwillig, deinen Pflichten nachzukommen, oder du benötigst Hilfe. In beiden Fällen muss ich es wohl oder übel in meine Hände nehmen und dir ein Eheweib suchen.“

„Mutter“, begehrte Trautmann auf, „du weißt genau, dass es meine Aufgaben in den letzten Jahren nicht zuließen. Ich hätte jetzt sowieso begonnen, mich umzusehen.“

„So?“ Die Augenbrauen der Tempelmutter schnellten nach oben. „Und wo? In den Schluchten des Finsterkamms? Ein Orkweib vielleicht ... eine Harpyie ... oder eine deiner Eigenhörigen?“, sie winkte ab. „Ich hatte damals ja fast schon gehofft, dass die Praiosdienerin auf deiner Burg dein Herz erwärmen würde ... nicht die Verrückte, die andere. Das wäre eine gute Partie gewesen, habe ich mir sagen lassen. Stammte einem Baronshaus ab. Aber du warst wohl so wenig interessiert, dass du nicht einmal das herausgefunden hast, habe ich recht?“

Der Junker ließ die Worte über sich ergehen. Seine Haltung war immer noch aufrecht und er fuhr mit Daumen und Zeigefinger seine Augenbrauen entlang. „Das ist doch ... .“ Er seufzte, brach ab und setzte neu an: „Und wer ist diese Frau, die du herbestellt hast?“

„Die junge Dame heißt Gwendolyn ...”, Travine kramte nach einem Pergament, „... ah ja ... Gwendolyn Adina Veliria von Dûrrnwangen. Die jüngere Schwester des Junkers Walram Arbogast Firminius von Dûrrnwangen zu Hollerstockhöhe in der Hollerheide.“

„Dûrrnwangen?“ Trautmann schob seine Augenbrauen zusammen.

„Ja, ein gutes Haus.“

„Die Familie ist mir ein Begriff, Mutter“, den Junker schien irgendetwas daran zu erheitern. „Ich kenne deren Gut von der Durchreise, wiewohl ich noch nie Gast des Junkers war. Hast du denn schon einmal in Person mit dieser Gwendolyn gesprochen?“

Travine schüttelte ihren Kopf: „Ich habe mich mit ihrem Bruder unterhalten und ihm auch die Einladung ausgesprochen.“

„Und der Bruder hat kein Problem damit, seine Schwester aus diesem Waldschloss nach Lichtwacht zu verheiratet?“

„Nein, hat er nicht“, die Geweihte war verwundert über diesen Gesprächsverlauf. Sie hatte mit Aufbegehren und Zorn gerechnet, doch schien ihr Sohn nun, da er wusste, um wen es sich handelte, die Ruhe in Person zu sein. Das alarmierte sie.

Der Grund dafür war einfach: Trautmann war sicher, dass sich die junge Dame von keinen zehn Ochsen dazu bewegen lassen würde, in eine zugige Burg im Finsterkamm zu ziehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass diese Sache ein positives Ende nehmen würde. Deshalb entschied er sich dazu, seine Rolle zu spielen.

„Und wann erwartest du die Dame hier?“, fragte er.

„Noch heute“, gab ihm Travine zu verstehen. „Algrid begleitet sie.“

„A... Algrid ...“, die Information traf den Junker unvorbereitet.

„Genau“, nun errang Travine wieder die Oberhand und es ging leichter als gedacht. „Ich habe deinen Betthasen darum gebeten, deine Zukünftige hierher zu geleiten.“

„Meinen ... was?“

„Ach bitte, Sohn. Wer glaubst du denn, sitzt dir gegenüber? Denkst du, so was geht an mir vorbei?“ Sie wartete keine Antwort ab. Um ehrlich zu sein, wollte sie auch keine hören. „Du wirst deinen Pflichten nachkommen, Trautmann. Du wirst der edlen Dame den Hof machen und einem Bund zustimmen. Du lebst schon viel zu lange in Sünde und das hat nun ein Ende.“

Der Ritter sah für einige Momente still vor sich hin. Rote Flecken auf seinen Wangen belegten deutlich die Wirkung der eben gehörten Worte.

„Wenn es mit der Dûrrnwangin nichts werden sollte ... aus welchen Gründen auch immer ... stelle ich dir die nächste vor! Solange, bis sich eine Frau für dich findet – und wenn das bedeutet, dass ich dich alle zehn Praiosläufe hier antanzen lassen muss, dann sei es so.“ Die Worte der Hochgeweihten waren unmissverständlich und ließen keinen Raum für Interpretationen zu.

Trautmann wollte etwas erwidern, doch schnitt ihm Travine abermals das Wort ab: „Dein Zimmer ist schon hergerichtet. Mach dich frisch. Wir erwarten deine Zukünftige und ihren Bruder zum Abendmahl. Als der Junker den Worten seiner Mutter nicht sofort Folge leistete, wanderten ihre Augenbrauen abermals nach oben: „Du darfst dich entfernen.“

Daraufhin verließ er wort- und grußlos ihr Zimmer und die Tempelmutter blickte ihm für einen Moment nach. Es waren harte Worte gewesen, doch anders konnte sie ihm die Dringlichkeit und den Ernst dieser Sache offenbar nicht vermitteln. Trautmann war ein Mann, den man geradeheraus begegnen musste. Herumlavieren hatte noch nie den gewünschten Effekt erzielt, so aber war sie sicher, dass er sich fügen würde. Ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein war eine seiner positivsten Eigenschaften – man musste nur zu ihm durchdringen und ihm die Pflicht in den Kopf pflanzen.

 


 

Bruder und Schwester

 

Dramatis Personae:

 

Der Hag, Baronie Weidenhag, 12. Travia 1042 BF

Trautmann stand gedankenverloren in seinem Gemach und blickte durch das Fenster in den Innenhof des Weidenhager Baronssitzes. Fast schien es, als würde er dabei auf etwas warten – oder besser gesagt: auf jemanden. In seinem Kopf kreisten die Gedanken. Würde diese Frau sich tatsächlich darauf einlassen, hierherzukommen, um ihn kennenzulernen?

Und dann auch noch in Begleitung von Algrid ... der Gugelforster schüttelte sanft sein Haupt. Er hätte seiner Mutter nie ein solches Maß an Grausamkeit zugetraut, meinte sie doch offenbar zu wissen, dass er und die Blaubingerin sich immer noch in einer Liebschaft befanden. Doch selbst wenn Algrid ihn weiter aus großen, verträumten Augen anzusehen pflegte: Sie beide waren übereingekommen, das, was war, zu beenden und einander als Freunde zu begegnen. Nie würde er etwas Schlechtes auf sie kommen lassen und es war ihm im höchsten Maße unangenehm, dass die Ritterin eine solch tragende Rolle in dieser Tragödie bekleiden musste.

Als die Tür in seinem Rücken geöffnet wurde, wandte sich Trautmann nicht um. „Bogumil, stell die Taschen einfach zum Bett“, wies er den vermeintlichen Neuankömmling an. „Ich werde mich wohl noch einmal umkleiden müssen. Ich rieche nach Pferd.“

„Das kann ich bestätigen“, kam es von einer amüsierten Frauenstimme in seinem Rücken.

„Schwester“, Trautmann wandte sich um und blickte in das freundliche Gesicht Travegundes. An ihrer Hand hielt sie die ihres Sohnes Ulfert, der inzwischen drei Sommer zählte. Dem Ritter rang das ein Lächeln ab. Seine Schwester wusste, wie man ihn aufheitern konnte. Seinen Neffen und auch seine Nichte liebte der Lichtwachter über alles ... und sie ihn auch.

Der Knirps strahlte ihn aus großen blauen Augen an und streckte ihm seine Ärmchen entgegen. Trautmann nahm ihn hoch und setzte ihn auf seinen Unterarm: „So groß und schwer wie du bist, lehrst du jetzt schon jeden Ork das Fürchten.“

Das Kind lachte glucksend und spannte dann nicht ganz ohne Stolz seine nicht vorhandenen Muskeln an.

Der Junker setzte daraufhin einen beeindruckten Gesichtsausdruck auf. „Und stark wie ein Ochse“, meinte er und küsste Ulfert unterhalb des dunkelblonden Schopfes auf Stirn. „Ich kann es kaum erwarten, dich als Knappen aufzunehmen“, fügte er noch an, bevor er den Knaben wieder hinunter ließ.

Travegunde hatte die Szenerie mit einem Lächeln beobachtet. Ja, ihr Bruder war bereit für eine eigene Familie. Schon längst ... und tief in sich wusste er das auch. Dass die Aufmunterung durch den Neffen seine Laune jedoch nicht nachhaltig hob, zeigte Trautmanns darauffolgender Gesichtsausdruck.

Travegunde stellte sich an die Seite ihres Bruders und legte ihre schmale Hand auf seine starke Schulter. Die junge Geweihte war ein steter Sonnenschein und würde einmal ihrer Mutter als Tempelobere nachfolgen, so viel war klar. Sie war mittelgroß, hatte dunkelblondes Haar, braune Augen und trug den Ornat der Traviageweihtenschaft mit der bronzenen Gänsespange

„Kannst du dich noch daran erinnern, wie du mich immer beschützt hast, als wir noch Kinder waren?“, fragte sie.

Trautmann nickte stumm.

„Damals“, sie lächelte, „als sich die Wölfe nach dem Winter so nah an das Dorf gewagt hatten und mich mein Pferd abwarf? Du hast nicht gezögert und mir das Leben gerettet.“ Travegunde löste ihre Hand von seiner Schulter und streichelte seinen Rücken. „Wie alt warst du da?“

„Zehn Sommer“, meinte Trautmann knapp. „Sie hatten mir einen Mond zu Hause zugestanden.“

„Mhmmm. So jung und schon bereit, den größten Preis für die Familie zu zahlen“, fuhr die Geweihte in sanftem Ton fort. „Auch heute wüsste ich keinen Ort, der sicherer ist, als der an deiner Seite.“

„Warum erzählst du mir das jetzt?“, der Junker wandte sich seiner jüngeren Schwester zu. „Weißt du nicht ...“

„Sssshhhh!“, zischte sie und fiel ihm dadurch ins Wort. „Ich erzähle dir das, weil es heute ich bin, die dir helfen wird.“

„So?“ Seine Augenbrauen schnellten nach oben. „Wirst du mir bei der Flucht helfen, oder Mutter die junge Frau madig machen, die sie mir herankarrt?“

Als Antwort folgte ein Kichern Travegundes. Allem Anschein nach hatte ihr Bruder seinen Humor immer noch abrufbereit. „Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie. „Aber ich werde dir dabei helfen, zu verstehen, dass es nicht das Ende aller Tage ist. Im Gegenteil.“

„Travegunde, bitte“, Trautmann wirkte auch für diesen Versuch, ihn aufzumuntern, nicht wirklich empfänglich. „Ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass es nötig und üblich ist. Das bringt unser Stand mit sich. Vetter Wilfred ging es genauso, und du weißt, wie er anfangs damit umgegangen ist. Er hat es an Inja ausgelassen und sie gequält.“”

„Du bist nicht Wilfred, Trautmann“, antwortete die Traviageweihte sogleich und schüttelte ihren Kopf. „Und selbst wenn du das Beispiel Wilfred und Inja heranziehst: Sieh, wie sie nun miteinander umgehen. Ja, es hat etwas gedauert, aber jetzt führen die beiden eine Vorzeigeehe.“

„Und Ullgrein?“, abermals zog der Lichtwachter eine Augenbraue hoch.

Nun, das war ein Einwurf, den sie nicht so einfach entkräften konnte. Das wusste auch Trautmann – das Schicksal seiner Cousine, der ehemaligen Heroldin des Grafen, war der Todesstoß für die Bemühungen seiner Schwester. Ihr Schweigen gab ihm recht, und er richtete seinen Blick wieder hinaus auf den Hof.

„Du bist auch nicht Ullgrein, Bruder“, setzte Travegunde einen weiteren zaghaften Versuch.

„Ja ...“, er lachte bitter. „Und diese Gwendolyn?“

Travegunde erkannte jetzt, dass es ihrem Bruder in seiner Grübelei nicht nur um sich selbst ging. Das war typisch für ihn. Trautmann hatte oft in erster Linie die anderen im Sinn. „Hm, ich kenne sie nicht“, sagte sie. Aber wenn sie hierherkommt, dann wird das doch ein gutes Zeichen sein. Meinst du nicht?“

„Wenn sie es von sich aus tut, dann ja“, meinte der Ritter, begleitet von einem Schulterzucken. „Wie mir Mutter erzählt hat, führte sie ihre Verhandlungen jedoch mit dem Bruder der Frau. Ich wage deshalb zu bezweifeln, dass es ihrem eigenen Willen geschuldet ist, hierherzukommen.“ Trautmann seufzte. „Sie kennt mich auch nicht. Ich habe sie, glaube ich, noch nie gesehen. Weder auf einem Turnier, noch am Grafenhof oder sonst wo. Sie ist eine Unbekannte für mich und ich bin ein Unbekannter für sie.“

„Mhmmm“, brummte Travegunde zustimmend. „Was jedoch nicht heißt, dass sie einem Bund mit dir nicht aufgeschlossen begegnen würde. Du stammst aus einem guten Haus und bist ein wohlgeratener Mann. Gib der Sache Zeit.“ Trautmann stand nach wie vor von ihr abgewandt. Dennoch sah sie, dass er seinen Kopf schüttelte.

„Ich weiß nicht, ob dir die Familie der Frau etwas sagt, Schwester“, meinte er bedächtig. „Ich kenne niemanden des Geschlechts persönlich, doch weiß ich, wo sie leben. Es ist ein Anwesen, gegen das der Hag schäbig wirkt und von Lichtwacht brauchen wir, glaube ich, gar nicht erst anzufangen.“

„Und? Ein Haus ist bloß Stein, Holz und Glas. Was sagt das schon aus?“ Abermals streichelte Travegunde beruhigend über den Rücken ihres Bruders.

„Es sagt aus, dass unser beider Werdegang und Hintergrund nicht miteinander vergleichbar sind“, antwortete der Ritter etwas schärfer als gewollt. „Ich weiß nicht, was sie mag, welche Ziele und Träume sie hat ... wäre es ihr großer Wunsch, eine Mutter zu sein und den Bund zu schließen, hätte sie das inzwischen getan. Vor allem, wenn sie so hübsch ist, wie angepriesen und die Familie so wohlhabend.“

Travegunde fiel nun in ein länger andauerndes Schweigen. So standen die beiden ungleichen Geschwister Seite an Seite am Fenster und blickten hinaus auf den Innenhof, wo sich Gwidûhenna mit ihrer beider Mutter unterhielt.

Ob auch sie in diese Sache involviert war? Wäre dem so, dann war er es ihr schuldig, diese Sache wenigstens zu versuchen, schoss es Trautmann durch den Kopf. Nach allem, was sie die letzten Sommer für ihn getan hatte.

„Es ist ein Kennenlernen, Trautmann“, beendete Travegunde ihr Schweigen, nachdem der Junker wieder in brütendes Schweigen verfallen war. „Nutze die Zeit und lerne sie kennen. Frag sie nach ihren Wünschen und Träumen. Zeig Interesse an ihrem Wesen und dann entscheide für dich selbst. Ohne deine Zustimmung wird hier nichts geschehen. Und genau das gilt auch für die Dame Gwendolyn.“

Nun wandte sich der Ritter der jungen Geweihten wieder zu. Seine Lippen zeigten ein etwas gequältes Lächeln: „So einfach ist das nicht, Schwester. Mutter lässt die Niederhöllen überfrieren, wenn ich ablehne.“

„Das lass dann meine Sorge sein, Bruder“, Travegunde stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste seine Wange. „Wie gesagt, dieses Mal passe ich auf dich auf!“ Mit diesen Worten nahm sie den kleinen Ulfert wieder auf den Arm und bewegte sich zur Tür hin.

„Viel Glück!“, mit einem Augenzwinkern verließ sie das Gemach.

 


 

Die Ankunft

 

Dramatis Personae:


 Der Hag, Baronie Weidenhag, 12. Travia 1042 BF

Immer noch saß Trautmann in seinem Gästezimmer im Haupthaus des Baronssitzes Hag ... oder stand ... wobei, es wechselte sich ab. Vor ihm auf dem Bett lagen ausgebreitet die drei Westen, die er mit sich hierher gebracht hatte. Mit bloßem Oberkörper und lediglich in dunkle Hosen sowie ein Paar leichte Stiefel gekleidet beäugte er das Bild, das sich ihm bot. Schließlich seufzte der Ritter, denn er empfand diesen Maskenball vor seinem Pagen doch als unwürdig.

„Versucht doch noch einmal das Blaue, Herr“, schaltete sich Bogumil gerade ein. Der Knabe zeigte eine sehr verblüffende Begeisterung für das An- und Auskleiden seines Herrn und die verschiedenen Farbkombinationen. Ein Interesse, das man bei einem jungen Kerl, der in einem Tal des Finsterkamms geboren wurde, so wohl in den wenigsten Fällen antreffen würde.

Der Junker ließ auf den Vorschlag jedoch lediglich ein unwilliges Murren folgen. „Mir gefällt ja das Rote“, meinte Trautmann mit skeptischem Gesichtsausdruck.

„Dann nehmt das, Herr ... soll ich Euch damit helfen?“ Der Blaubinger hatte sich von seinem Schemel erhoben und nahm die rote Weste in seine Hände.

„Oder doch das Blaue?“ Der Gugelforster fuhr sich durch seinen braunen Haarschopf. „Ach, ist doch eigentlich egal!“

Im Endeffekt ging es Trautmann nur darum, sich abzulenken und nicht länger wie ein Horst vor dem Fenster zu stehen und die Ankunft dieser Gwendolyn abzuwarten. Und von Algrid. Ja, das würde seine Mutter noch zu hören bekommen. Was er davon hielt, dass sie gerade jene Ritterin, die ihm so sehr am Herzen lag und mit der er eine gemeinsame amouröse Vergangenheit hatte, entsandte, um eine Frau zu holen, die er kennenlernen sollte.

„Das Blaue, Herr?“, die fragende Stimme des Pagen rief ihn ins Hier und Jetzt zurück. Bogumil stand vor ihm und hielt ihm die hübsche Weste entgegen.

„Hm ... ja gut ...“, der Gugelforster schlüpfte durch einen der Ärmel.

„Äh ... Herr.“

„Ja, was?“ Der groß gewachsene Junker blickte auf den jungen, schlaksigen Knaben herab.

„Wollt Ihr nicht auch ...“, er wies aufs Bett, „... das Hemd.“

Als Antwort folgt ein tiefes Seufzen. „Natürlich ...“, weiter kam Trautmann nicht, klopfte es doch an seiner Tür. Also hielt er inne und gab ein klares, deutliches „Ja!“ zum Besten.

Herein trat Dylga vom Blautann, die Zofe Gwidûhennas. Eine hübsche junge Frau in einem grünen Kleid und mit schön frisierten, dunkelblonden Haaren. Als sie sich der Kleidung – oder vielmehr: des Fehlens bestimmter Kleidungsstücke – des Junkers gewahr wurde, senkte sie ihren Blick. Dabei nahmen ihre Wangen einen leichten Rotton an. „Herr, bitte verzeiht. Die Baronin möchte Euch sehen.“

„Ja, ich komme gleich“, antwortete Trautmann, der sich offenbar nicht daran störte, der Zofe in seinem gegenwärtigen Aufzug gegenübergetreten zu sein.

„Das wird nicht nötig sein.“ Hinter der Blautannerin schritt Gwidûhenna von Gugelforst durch die Tür ins Zimmer. Den bloßen Oberkörper des Ritters bedachte sie mit einem kurzen Blick und einer leicht nach oben wandernden Augenbraue. „Danke Dylga“, die Baronin lächelte ihrer Zofe zu und entließ sie damit.

Die Gastgeberin war in ein schönes dunkelblaues Kleid mit einem Stehkragen gewandet. Das rabenschwarze Haar war hochgesteckt und sie trug dezenten silbernen Schmuck, sowie den Baronsreif von Weidenhag.

„Ah, du bist also noch dabei dich anzukleiden ...“, das war mehr eine Feststellung denn eine Frage, „... das ist gut.“

„Sind sie da?“

Gwidûhennas Nicken ließ ihn innehalten. „Bald“, setzte sie dann hinzu. „Algrid hat einen der Knechte vorausgeschickt. Wird wohl noch ein viertel bis halbes Wassermaß dauern.“

Der Lichtwachter atmete tief durch.

„Ach, Trautmann“, die Baronin trat an den großgewachsenen Mann heran und legte ihre schlanke Hand auf seine Wange. „Du wirkst, als würde man dich zum Schafott führen. So schlimm ist das nicht.“

„Ach, tatsächlich?“, der Junker entfernte sich von seiner Base und griff nach dem weißen Hemd auf seinem Bett. Er begann sich anzukleiden.

„Ja, tatsächlich“, führte Gwidûhenna weiter aus. „Du wirst heute einfach nur einen Menschen kennenlernen. Eine junge Frau ... hübsch und belesen, was man so hört. Niemand möchte, dass ihre beiden hier und heute den Bund schließt.“

Als Antwort verzog der Lichtwachter einen Mundwinkel und warf seine Stirn in Falten. „Das sagst du so leicht. Du kennst Mutter: Wenn es nicht diese Gwendolyn ist, dann wird es das nächste Mal eine andere sein, die sie einlädt. Sie wird erst dann Ruhe geben, wenn ich den Bund geschlossen habe. Du weißt, wie unnachgiebig sie bei Wilfred war.“

Die Gastgeberin nickte mitfühlend. „In der Tat. Aber du solltest es dennoch als eine Möglichkeit verstehen. Im Endeffekt ist es deine Entscheidung und die der jungen Frau, die du heute kennenlernen wirst.“

„Was rätst du mir?“

„Sei du selbst und versuche, sie kennenzulernen. Wenn möglich, ohne dass ihr Bruder oder deine Mutter danebenstehen.“ Gwidûhenna lächelte milde. „Dann sind Rahja und Travia am Zug. Entweder ihr beide findet einen Verbindung zueinander, oder eben nicht. Das ist etwas, das euch beiden weder Seine Wohlgeboren von Dûrrnwangen noch deine Mutter abnehmen können.“

Trautmann ließ die Worte seiner Cousine noch etwas nachwirken, dann nickte er vorsichtig.

„Schön“, die Baronin klatschte in ihre Hände. Eine Geste, die durch die herrschende Stimme schnitt wie ein glühender Schmiederohling durch Schafskäse. „Dann sieh zu, dass du deinen Gast nicht unnötig warten lässt!“

In würdevollem Schritt ging die Gugelforsterin hin zur Tür. „Das Grüne“, meinte sie dann noch lächelnd, bevor sie hinaustrat und den Junker wieder mit seinem Pagen alleine ließ.

***

Ein knappes halbes Stundenglas später trat Trautmann im Innenhof des Hags an. Zu den dunklen Hosen und leichten Stiefel hatte er sich letztlich für die grüne Weste mit bronzenen Knöpfen entschieden. Um die Hüfte trug er standesgemäß einen Schwertgürtel und in einer Scheide daran ein Langschwert.

Neben ihm standen lediglich Gwidûhenna und seine Mutter Travine im Hof. Für gewöhnlich ließ die Baronin bei hohem Besuch gern ihre ganze Familie und die Bediensteten Spalier stehen, doch hatte sie sich dieses Mal dagegen entschieden. Sie wollte ihre Gäste heute nicht beeindrucken oder, im Falle der angedachten Braut, gar verschrecken.

Ihr Blick lag für einige Momente auf Trautmann. Seine Nervosität und Unsicherheit schienen verflogen und er strahlte wieder jenes Maß an Selbstsicherheit aus, das sie von ihm gewohnt war. Vielleicht hatte ihm das Gespräch wirklich geholfen. Weiter kam sie in ihren Gedanken nicht, bog doch eben eine Gruppe Pferde auf den Innenhof des Hags ein.

An der Spitze ritt Gwidûhennas Dienstritterin Algrid Blaubinge von Pergelgrund, die sich für diesen Auftrag in bisher ungekanntem Maße herausgeputzt hatte. Von ihrem Gesicht hätte die Baronin gern abgelesen, in welcher Stimmung das Trüppchen reiste, doch es war zur Seite geneigt. Allem Anschein nach erklärte sie dem schlanken Mann neben sich gerade etwas. Gwidûhenna hatte den zwar nie zuvor gesehen, doch weil er bewaffnet und gerüstet war und nicht zuletzt, weil er das Wappen der Dûrrnwanger auf seiner Tunika trug, ging sie davon aus, dass es sich um das Familienoberhaupt Arbogast handelte. Der Mann war noch jung – in ihrem Alter etwa. Neben seiner Kleidung nahm sie zuerst das auffallend breite Gesicht wahr, eine leicht schiefe Nase, hohe Wangenknochen, ein spitzes Kind und das rundheraus freundliche Lächeln, das seine Lippen zierte.

Da sowohl die Blaubingerin als auch der Dûrrnwanger auf großen, breiten Pferden saßen, dauerte es einen Moment, bis Gwidûhenna weitere Angehörige der Reisegesellschaft zu Gesicht bekam. Dabei erkannte sie Knechte und Mägde schnell als solche und ließ den Blick ohne Umschweife weiter wandern. Erst zu einem älteren Herrn hinüber, der allem Anschein nach auf einem Tobimora-Falben saß, einer Pferderasse, die heuer nur noch selten zu sehen war. Sie konnte den Mann nicht recht zuordnen, meinte in ihm aber einen Ritter zu erkennen, denn auch er war bewaffnet und gerüstet. Vielleicht stand er in Diensten der Familie Dûrrnwangen? Das war eine Frage, die sie später noch klären konnte.

Erst einmal galt es, die junge Frau ins Auge zu fassen, die sich dicht an seiner Seite hielt und die neben den ganzen Kriegern genauso klein und zierlich wirkte wie ihr rassiges Pferd im Vergleich zu deren schweren Rössern. Für das Tier galt, dass es sich davon nicht im Mindesten beeindrucken ließ – es hielt den Kopf hoch erhoben, die Ohren waren aufmerksam nach vorn gerichtet und der Blick wirkte ausgesprochen wach. Bei der Reiterin war sich Gwidûhenna nicht gar so sicher. Sie machte einen eher zurückhaltenden, reservierten Eindruck und bemerkte ihren prüfenden Blick entweder nicht, oder wich ihm absichtlich aus.

Glücklicherweise brauchte die Baronin den aber auch nicht, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Sie stellte fest, dass zumindest die Behauptung, Gwendolyn von Dûrrnwangen sei ein sehr hübsches Mädchen, stimmte – jedenfalls wenn man nach allgemeinen Maßstäben ging. Mit ihrer hellen Haut, den großen Augen und vollen Lippen sowie dem güldenen Haar konnte sich die Dûrrnwangin durchaus sehen lassen. Ob dieser ganze Liebreiz Trautmanns Gefallen fand, stand auf einem anderen Blatt. In jedem Fall aber konnte man Travine nicht den Vorwurf machen, in ihrer Eile, den Sohnemann zu verheiraten, einen auf den ersten Blick erkennbaren Fehlgriff getätigt zu haben.

Interessiert wandte sich die Baronin zu ihrem Vetter um und was sie sah, war ein ... Lächeln. Verwundert zog Gwidûhenna ihre Braue. Hatte sie ihn wirklich so falsch eingeschätzt? Wohl nicht, wie sich ihr bereits wenige Herzschläge später erschloss: Trautmanns Lächeln galt weniger der Bärwaldener Edeldame als Ritterin Algrid, der er noch einige Momente hinterher sah und deren Anblick ihn tatsächlich zu erfreuen schien.

Die Gugelforsterin hoffte, dass dieser Umstand den Gästen verborgen bleiben würde, zweifelte nach einem sichernden Blick in die Runde jedoch daran: Sie schaute nämlich just in dem Moment ins Gesicht der Dûrrnwangin, als die Trautmanns freundliche Miene gewahrte und begriff, dass sie nicht ihr galt, da seine Aufmerksamkeit nun mal ersichtlich jemandem anders galt. Leicht verwundert nahm Gwidûhenna zur Kenntnis, dass sich ihr Gast daran nicht im Mindesten zu stören schien. Im Gegenteil: Für einen Moment glaubte sie sogar, Amüsement in Gwendolyns Augen aufblitzen zu sehen.

Die Baronin löste ihren Blick daraufhin von der kleinen Edeldame und richtete ihn stattdessen auf ihren groß gewachsenen Vetter. Der Ausdruck der Freude, der dessen Lippen bisher geziert hatte, erstarb zwar, als er die Dûrrnwangin ins Auge fasste, doch schaffte er es immerhin, eine offene und freundliche Miene zu wahren.

„Hübsch, nicht wahr?“, tuschelte Gwidûhenna in seine Richtung und versuchte dabei, seine Reaktion möglichst genau zu lesen.

„Ähm ... ja und so ... schlank und grazil“, sehr überzeugend wirkte Trautmann nicht, wahrte aber seine Fassung und ließ sich nicht wirklich in die Karten schauen. Das bewertete die Baronin schon mal positiv, wiewohl sie von ihrem Vetter nichts anderes erwartet hatte. Es war der harten Schule geschuldet, durch die man zu gehen hatte, wenn man das Mündel eines Cholerikers war. In Situationen wie diesen kam Trautmann die Ausbildung am Grafenhof der Heldentrutz mit Sicherheit zugute.  

„Lass sie uns begrüßen, was meinst du?“ Gwidûhenna überging ihre Tante, die sich vorerst klaglos mit einer Beobachterrolle zufriedengab, und lächelte Trautmann aufmunternd an.

„Ja, ich mache das, Henna. Sie sind ja wegen mir da, dann sollte ich das auch übernehmen“, der Gemütszustand ihres Vetters war immer noch alles andere als leicht zu lesen. Sein zielstrebiges Handeln sprach jedoch dafür, dass ihn zumindest die Optik der Dûrrnwangin nicht abschreckte. Trautmann wusste zudem, dass sie am wenigsten für die Situation konnte und deshalb würde er sie wohl auch am wenigsten spüren lassen, was genau er von diesem Treffen hielt. „Wenn du nichts dagegen hast, meine ich“, fügte er schließlich noch an.

Als Antwort folgten ein leichtes Kopfschütteln und eine Handgeste in Richtung Gäste.

Der Aufforderung nachkommend, schritt Trautmann voran zu den Neuankömmlingen, die gerade dabei waren, von ihren Pferden zu steigen und sie zur weiteren Verpflegung von den Stallknechten abgenommen bekamen. Gwidûhenna wich dem Junker nicht von der Seite, immerhin war sie die Gastgeberin an diesem Tag. Dennoch störte sich die Landesmutter nicht am Vorstoß ihres Vetters. Es war vielleicht sogar eine ganz gute Sache, dass er sich direkt zugänglich und gesellig zeigte.

„Die Zwölf zum Gruße!“, hob der Gugelforster mit kräftiger Stimme an, als er das Grüppchen erreichte. „Travia, Rondra und auch Rahja ihnen voran. Seid willkommen am Hag, dem Sitz der Baronin von Weidenhag“, er wies auf Gwidûhenna neben sich, die ihren Kopf grüßend neigte und lächelte, doch das Wort und die Vorstellung dem Lichtwachter überließ. „Es ist mir sowohl Freude als auch Ehre, Euch kennenlernen zu dürfen“, fügte der just an.

Trautmann bot Arbogast von Dûrrnwangen als offensichtlich Höchstgestelltem unter den Ankommenden zuerst die Hand zum Kriegergruß – und der griff beherzt zu, während sein Blick prüfend über den deutlich größeren und kräftigeren Trutzer glitt.

„Travia und Rahja zum Gruße, und Firun auch“, gab er derweil mit einem freundlichen Lächeln zurück. „Trautmann von Gugelforst zu Lichtwacht, nehme ich an? Die Freude und Ehre ist ganz meinerseits“, meinte er, nickte verbindlich und fügte noch ein „Ich bin Arbogast von Dûrrnwangen, Junker auf Hollerstockhöhe“ an. Dann gab er Trautmanns Unterarm frei, um sich Gwidûhenna zuzuwenden, der als Herrin des Hauses für gewöhnlich die Ehre des ersten Grußes gebührt hätte.

Das gab Trautmann Gelegenheit, seine Aufmerksamkeit auf die junge Frau an Arbogasts Seite zu richten. Gwidûenna verfolgte die Begrüßung der beiden mit einem halben Auge, während sie ein paar höfliche Floskeln mit Arbogast wechselte – was nur deshalb möglich und nicht grob unhöflich war, weil er es genauso hielt wie sie.

So beobachteten sie beide auffällig unauffällig, wie sich Trautmann mit einer galanten Bewegung, die man ihm so gar nicht zugetraut hätte, vor Gwendolyn verneigte und auch sie noch einmal im Name der Göttinnen grüßte. Die Dûrrnwangin quittierte das mit einem formvollendeten Knicks und deutete seine ausgestreckte Hand dann augenscheinlich falsch – versuchte also, danach zu greifen, um sie zu schütteln. Der Gugelforster wusste das jedoch zu verhindern, umschloss stattdessen ihre schlanken Finger und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken.

Der verdatterte Gesichtsausdruck, den Gwendolyn daraufhin für einen Moment zu Schau trug, war Gold wert. Gleichwohl widerstand Gwidûhenna dem Drang, ihrem Amüsement Ausdruck zu verliehen. Sie verzog einfach keine Miene und hoffte im Stillen, dass Trautmanns Handeln nicht allein von dem Drang bestimmt wurde, die Erwartungshaltung seiner Mutter an dieses Treffen zu erfüllen. Seine Miene wirkte jedenfalls nach wie vor offen und die Zähne blitzten hinter seinen vollen Lippen hervor, als er die Bärwaldenerin freundlich anlächelte.

Was die von dem distinguierten Auftreten ihres Vetters hielt, war für die Baronin schwer zu beurteilen. Sie nahm aber durchaus wahr, wie die junge Frau kurz innehielt und tief einatmete, als sich Trautmann von ihr abwandte – vielleicht weil sie den dezenten Duft nach Wacholder und Fichtennadeln bemerkt hatte, der ihn umwehte?

Unterdessen hieß Gwidûhennas Vetter bereits den älteren Ritter, der sich als Faramund von X vorstellte, mit dem Kriegergruß willkommen. „Ich hoffe, Ihr habt Hunger mitgebracht. Die Weidenhager Küche ist eine Gute“, stellte er fest und machte eine einladende Geste in Richtung des Gutshauses. Dadurch bemerkte er, dass auch seine Mutter zu ihnen aufgeschlossen hatte, und wandte sich wieder an Arbogast: „Meine Mutter Travine kennt Ihr ja schon, nicht wahr, Euer Wohlgeboren?“

„Ja, wir kennen uns“, die Hochgeweihte schenkte den Gästen nun ebenfalls ein freundliches Lächeln. „Travia zum Gruße, Wohlgeboren“, meinte sie an Arbogast gewandt und drehte sich dann zu Gwendolyn um. „Und besonders freut es mich, Euch kennenzulernen, edles Fräulein.“ Die alternde Geweihte musterte die Dûrrnwangin einmal von oben nach unten, dann suchten ihre freundlichen Augen wieder die großen blauen Seen im Antlitz ihrer designierten Schwiegertochter.

Die war unterdessen in einen artigen Knicks gesunken und richtete sich erst wieder auf, als Travine ihr bedeutete, eben jenes zu tun. Dann erwiderte sie den Blick der Geweihten und schenkte ihr ein höfliches Lächeln.

„Travia zum Gruße, Hochwürden“, sagte sie. „Und seid abermals bedankt für Eure freundliche Einladung. Auch im Namen meines Bruders.“ Während Gwendolyn sprach, glitt ihr Blick weiter zu Gwidûhenna, die sie ganz offenbar in den Dank mit einschließen wollte. Schließlich war sie am Ende des Tages die Herrin des Hauses und ohne ihre Zustimmung wäre das ganze Unterfangen nicht möglich gewesen. „Ihr gebietet über sehr liebliches Land, Hochgeboren“, fügte sie denn auch an. „Es ist eine wahre Freude, hier zu reisen.“

Die Baronin bedachte die Dûrrnwangin daraufhin mit einem freundlichen Lächeln: „Ich hoffe, Euer Weg hierher war auch sonst kurzweilig.“ Gwidûhennas Blick streifte Algrid, die etwas abseits am Sattel ihres Pferdes herum nestelte um der Szenerie keine Beachtung schenken zu müssen – und kehrte dann zu Gwendolyn zurück. Die erwiderte ihn ohne mit der Wimper zu zucken und nickte artig, um die Frage nicht unbeantwortet zu lassen.

„Ich mir sagen lassen, dass Ihr die Jagd und den Umgang mit Tieren sehr schätzt. Es wird uns eine Freude sein, Euch und Euren Bruder morgen auf eine Jagd einzuladen, aber zuvor ...“, die Gugelforsterin stoppte in ihren Ausführungen, wandte sich zur Seite und bedeutete zwei jungen Frauen, die sich im Hintergrund gehalten hatten, heranzutreten.

„Ich darf Euch zwei meiner Hofdamen vorstellen?“ Sie wies auf eine eher klein gewachsene, schlanke Frau mit langen schwarzen Haaren in einem rot-weißen Kleid: „Das ist Inja von Sunderhardt, meine Schwägerin und Haushofmeisterin. Und die junge Dame an ihrer Seite ...“, Gwidûhenna wartete den Knicks der Hahnfelserin ab und lenkte die Aufmerksamkeit der Gäste auf die zweite junge Frau. Diese war etwas größer, trug ein grünes Kleid, hatte langes, dunkelblondes Haar und hübsche blaue Augen. „Das ist meine Zofe Dylga vom Blautann. Die Damen werden Euch zu den vorbereiteten Gemächern führen, damit Ihr Euch frisch machen könnt. Euer Gepäck wird nachgebracht. Es gibt dann im Anschluss ein gemeinsames Abendessen.“

Die Bärwaldener begrüßten die Hofdamen ebenso höflich wie zuvor die Gugelforster und nickten zu den Worten der Baronin. Der geschilderte Verlauf des Abends schien ganz dem zu entsprechen, was sie erwartet hatten, weshalb es keinen weiteren Abstimmungsbedarf gab. Stattdessen ließen sie sich von Gwiduhennas dienstbaren Geistern direkt dorthin geleiten, wo sie Quartier beziehen sollten. Das Bemerkenswerteste daran war noch, dass die Dûrrnwanger offenbar eine eigene Zofe mitgebracht hatten, die sich die ganze Zeit über dicht an Gwendolyns Seite hielt.

Wenig später hatten sich die Hollerheider bereits in den ihnen zugedachten Zimmern eingerichtet. Es waren die besten im Gästetrakt des Hags: sauber, geräumig, aber weit entfernt von Luxus und Prunk – auch für Weidener Verhältnisse. Die Dienste der beiden Hofdamen wurden im Grunde gar nicht benötigt und das schien denen auch recht zu sein. Sie suchten nicht wirklich das Gespräch. Eher schon schien es, als falle es Inja und Dylga in einigen Fällen schwer, die Blicke der Gäste zu halten.

Fortsetzung folgt ...