Der brüskierte Jäger

Dramatis Personae:

 

Motte Waldtreuffen, Junkergut Hennsthal, Herzoglich Waldleuen, 11. Travia 1042 BF

Ein gleichmäßig schleifendes Geräusch durchbrach die herrschende Stille in der Hochmotte Waldtreuffen. Es war herrlich! Norsold von Waldtreuffen schätzte Tage wie diesen. Sein Blick ging zu seinem Hund Wasso, der es sich nahe dem Kamin bequem gemacht hatte, während er, der Junker dieser Lande und Sohn des herzoglichen Landvogts von Waldleuen, seine Waffen pflegte. So konnte es sich leben lassen. Besonders zufrieden stimmte ihn, dass auch das Gesinde den Wink wohl oder übel verstanden hatte: Niemand wagte es, ihn in seiner wohlverdienten Ruhe zu stören. Ihm war jedoch auch bewusst, dass das Abendmahl innerhalb des nächsten Stundenglases folgen würde.

Einen Herzschlag nachdem diese Gedanken durch seinen Kopf gegangen waren, klopfte es plötzlich an der Tür zu seinen Gemächern – und der Ritter seufzte vernehmlich.

„Was?“, fragte er harsch.

Langsam öffnete sich die hölzerne Tür einen Spalt breit und es war die Magd Firre, die ihren rot beschopften Kopf hinein streckte.

„Herr, bitte entschuldigt die Störung“, sagte sie. „Besuch wurde angekündigt.“

Der Junker wandte sich nun gänzlich der jungen Frau zu.

„Besuch?“, meinte er verwundert. „Jetzt noch? Hast du auch einen Namen?“ Es mussten Gäste von Stand sein. Der Hagweg lag Meilen entfernt und das Dorf Hennsthal bot genügend Möglichkeiten, um zu nächtigen.

Die Magd nickte eifrig und wagte es nun, das Zimmer zu betreten.

Sie räusperte sich: „Ja, der Junker Arbogast von Dûrrnwangen mit seiner Schwester, der edlen Dame Gwendolyn ... in äh ... Begleitung der hohen Dame Algrid Blaubinge.“

Norsold erhob sich aus seinem Ohrensessel und blickte einen Moment seufzend ins Feuer, ehe er sein Schwert in die Scheide an seinem Gürtel steckte.

„Dûrrnwangen ...“, sann er dem Gesagten nach. „Sind sie schon da?“

Als Antwort folgte ein knappes Kopfschütteln: „Ein Knecht hat sie angekündigt. Wird wohl noch ein halbes Stundenglas dauern.“

„Gut“, der Waldtreuffener nahm die Nachricht mit Wohlwollen zur Kenntnis und strich seinen Gambeson zurecht. Er war ein großgewachsener, schlanker Mann mit kurzem blonden Haar, grünen Augen und glattrasiertem Gesicht. Gegenwärtig trug der Junker einen dunkelgrünen Gambeson, dunkelbraune Hosen aus Leder sowie leichte Stiefel in derselben Farbe. „Dann veranlasse alles Nötige. Die Herrschaften werden hungrig sein und die Kälte wird ihnen in den Gliedern stecken.“

Firre nickte ihrem Herrn eifrig zu und entfernte sich sogleich pflichtbewusst.

Hätte Norsold seine Gesichtszüge nicht so gut im Griff gehabt, wäre ihm der Missmut über den abendlichen Besuch deutlich anzusehen gewesen. Etwas an den angekündigten Personen schaffte es jedoch, seine Neugier zu wecken. Er konnte sich nicht erinnern, die Dûrrnwanger schon einmal hier in der Gegend getroffen zu haben. Wiewohl er die Familie vom Hörensagen kannte, hatte er noch nie bewusst einem Abkömmling der Sippschaft gegenübergestanden. Vielleicht würde der Abend ja noch interessant werden?


***


Besuch empfingen die Herren von Hennsthal stets im dafür vorgesehenen Gutshaus, das über eine hölzerne Treppe mit der Motte verbunden war und am Fuße des Turmhügels stand. Genauso wie die Gesindebehausungen, einige Holzhäuser der hier lebenden Leibeigenen und die Ställe der Herrschaft. Umgeben war die Anlage von einer wehrhaften Palisade. Dies war der Stammsitz derer von Waldtreuffen und auch der Namensgeber für die Familie. Hier, wo der Wald Iseholz auf das Hennsthal traf, wurde die Motte vor gut 150 Götterläufen errichtet und Norsolds Ahnin Heidelind übertragen.

So schritt der Junker hinunter ins Gutshaus, wo er im Rittersaal auf dem Stuhl des Hausherrn Platz nahm und dem Eintreffen des eigentlich gar nicht mal so erwünschten Besuchs harrte. Tatsächlich besaß der wenigstens den Anstand, nicht lange auf sich warten zu lassen. Norsold saß kaum, als auch schon angeklopft und aufgetan wurde. Dann tauchte erst Firre in der Tür auf – und hinter ihr schien es ein kleines Abstimmungsproblem zu geben. Norsold konnte es nicht sehen, er ahnte mehr, dass da irgendwas im Busch war: vernahm das leise Klimpern von Rüstzeug, das aneinander schabte, und gewahrte natürlich auch, dass der Abstand zwischen der Magd und dem ersten Gast ungewöhnlich groß ausfiel.

Schließlich bildete nicht etwa der Dûrrnwanger sie Spitze, sondern Algrid Blaubinge von Pergelgrund. Wobei Norsold einen Moment brauchte, um die Dienstritterin Gwidûhennas von Gugelforst mit Gewissheit zu erkennen. Für ihre Verhältnisse wirkte sie nämlich nachgerade aufgedonnert. Die Stiefel waren frisch gefettet, das lange Kettenhemd glitzerte förmlich im Schein der Kerzen und kein Stäubchen klebte an ihrem Wappenrock. Der Trutzerin schien einiges daran zu liegen, als Erste vor seinen herrschaftlichen Stuhl zu treten. Die angespannte Miene ließ vermuten, dass sie irgendein Anliegen vortragen wollte, doch bevor er dazu kam, ließ der Junker seinen Blick über die restlichen Besucher gleiten.

Es waren drei an der Zahl. Ein jüngerer Ritter, der sich in Sachen Frisur vielleicht besser ein Beispiel an der Blaubingerin hätte nehmen sollen: Das glänzte nämlich wie poliertes Nussholz und war ordentlich geschnitten, während auf seinem Kopf ein ziemliches Chaos herrschte. Vielleicht vom Wind auf der Reise? Darüber hinaus gab es an seiner Aufmachung jedoch nichts zu bemängeln: Kettenhemd, Plattenteile, Waffenrock, Schwert und Anderthalbhänder. Er sah aus, wie es sich für einen Weidener Ritter gehörte. Keine Selbstverständlichkeit, nahm Norsold an, handelte es sich bei dem Kerl doch nach allem, was man so hörte, um einen Schwertgesellen. Zum Glück hatte er seine Züge so gut im Griff, sonst wären ihm beim Gedanken daran vielleicht die Mundwinkel abgesackt. Der zweite Mann im Bunde war ein älterer Herr mit gepflegtem Bart und Wohlstandsbäuchlein. Auch er schien ein Ritter zu sein – trug jedenfalls Schwert und Schild bei sich, ein Kettenhemd und ebenfalls einen Wappenrock. Das Bildnis darauf war Norsold fremd, was ihn vermuten ließ, dass der Mann nicht aus der Trutz – wahrscheinlich nicht einmal aus den Weidenlanden – kam.

Schließlich war da noch die andere Frau. Norsold hob sich deren Betrachtung aus gutem Grund bis zum Schluss auf: Ein Adelsdämchen wie sie bekam man hier in der Trutz eher selten zu sehen, deshalb schien es ihm angeraten, sich Zeit zu lassen. Immerhin musste er hier, anders als in einem Tiergarten, keine Geld bezahlen, um den Exoten zu bestaunen. Die Dûrrnwangin trug keine Rüstung, keine Waffe und auch keinen Wappenrock. Bei ihrer zarten Gestalt lag ohnehin die Vermutung nahe, dass sie darunter zusammengebrochen wäre. Ein wenig mickrig das alles, aber durchaus nett anzusehen. Reitrock und Jacke betonten nicht nur die schlanke Gestalt, sondern auch erstaunlich blaue Augen. Und dann war da noch diese Frisur, die irgendwie ...

Der Junker runzelte die Stirn, weil er der verwirrenden Anordnung der blonden Flechten beim besten Willen nicht folgen konnte. Er kam aber nicht dazu, seine Betrachtung zu beenden, denn mit einem Mal erklang Algrids Stimme direkt vor ihm. Ein Gruß, wenn ihn nicht alles täuschte. Zugehört hatte er ja nicht, deshalb musste er raten – und tat das eben.

„Algrid“, begrüßte der Junker die Rittfrau mit verwundertem Unterton in der Stimme. Auf seinem kantigen Antlitz zeigte sich keine Regung, einzig die Augen schienen in diesem Moment neugierig zu funkeln. „Es ist mir eine Freude und Ehre gleichermaßen, Euch ...“, damit wandte er sich an alle Umstehenden, „... in Travias und Rondras Namen in meiner bescheidenen Halle begrüßen zu dürfen.“  Der Hausherr erhob sich und machte eine einladende Handbewegung. „Setzt und wärmt Euch. Es wird auch reichlich zu Essen geben. Ich habe nicht oft Besuch“, nach diesen Worten lag sein Blick wieder auf Algrid und es schien, als umspielte seine Lippen nun der Anflug eines Schmunzelns, „und noch seltener kommt ganz überraschend jemand vorbei.“

Der Pergelgrunderin trieben diese Worte die Röte ins Gesicht. Sie war die letzten Tage so aufgewühlt und nervös gewesen, dass sie schlicht und ergreifend vergessen hatte, dem Waldtreuffener ihr Kommen anzukündigen.

Der Junker schien dies zu bemerken und winkte ab. Er kannte die Blaubingerin. Sie war eine gute Frau und fleißige Ritterin. „Und wohin soll es gehen?“, fragte er, ließ aber keine Antwort zu. „Nach Vinsalt?“

„Vinsalt?“ Algrid runzelte ihre Stirn.

Abermals folgte der Anflug eines Schmunzelns, wobei Norsold sowohl die Pergelgrunderin als auch Gwendolyn mit einem eindringlichen Blick bedachte: „Bitte entschuldige. Ich habe dich noch nie so ...“

„Weidenhag!“, fiel ihm die Ritterin ins Wort, bevor er Gastgeber ihre Maskerade aufdecken konnte. Die Röte in ihrem Antlitz war nun noch intensiver geworden.

„Ah, dann lass mir Dylga grüßen“, nun brach beim Junker erstmals ein Lächeln durch.

„Mache ich“, kam es murmelnd zur Antwort.

„Bitte entschuldigt, Euer Wohlgeboren“, Norsold ließ von Algrid ab und wandte sich seinen restlichen Gästen zu. „Es freut mich, Euch und Eure Familie hier auf meinem Gut begrüßen zu dürfen. Ich denke, es ist Euer erstes Mal hier in diesen Breiten? Wäre mir Euer Kommen angekündigt worden, hätte ich zugesehen, dass mein Vater Euch ebenfalls empfängt.“

„Nicht das erste Mal in der Heldentrutz, aber doch das erste Mal, dass wir in Herzoglich Waldleuen gastieren“, erteilte der Dûrrnwanger bereitwillig Auskunft. Dabei fiel sein Blick auf Algrid, wirkte im Angesicht ihres Missgeschicks aber nicht etwa tadelnd oder missvergnügt, sondern eher mitfühlend. Folgerichtig ging er auch mit keinem Wort auf das überfallartige Erscheinen der Reisegruppe ein, sondern meinte bloß: „Wir danken Euch im Namen der Herdmutter für die freundliche Aufnahme und ich denke doch, es ist absolut ausreichend, dass Ihr uns hier empfangt, Wohlgeboren. Von Junker zu Junker, sozusagen.“

Das Sprüchlein des Bärwaldeners hatte anfangs noch recht steif geklungen, nun schien er sich aber langsam zu fangen und ein freundliches Lächeln eroberte seine Lippen: „Was ich hier bisher gesehen habe, gefällt mir sehr gut. Vor allem der Wald. Sicher sehr wildreich, womit das Lehen seinem Ruf mehr als gerecht werden dürfte. Für einen begeisterten Waidmann wie mich kann es landschaftlich gar nicht mehr besser werden.“

Nachdem das gesagt war, ging der Dûrrnwanger in sich und schien das bisherige Gespräch zu rekapitulieren. Dabei traf ihn eine offenbar recht unangenehme Erkenntnis, denn er runzelte erst die Stirn und räusperte sich dann vernehmlich: „Um der Etikette Genüge zu tun: Ich bin Arbogast von Dûrrnwangen, Junker des Jagdguts Hollerstockhöhe in der Baronie Hollerheide.“ Er deutete eine Verneigung an und wies dann auf das schlanke Mädchen neben sich: „Dies ist meine Schwester,  Jungfer Gwendolyn von Dûrrnwangen, und neben ihr steht unser geschätzter Haushofmeister Faramund. Wir folgen einer Einladung nach Weidenhag, wohin wir zu ... nun ... einer Jagd geladen wurden.“

Norsold nickte den beiden mit freundlichem Gesichtsausdruck zu und wies dann noch einmal einladend auf die Tafel.

„Ich habe schon einiges von der Hollerstockhöhe gehört, Wohlgeboren. Ein schöner Flecken Land, so heißt es jedenfalls“, hob er an, als alle platzgenommen hatten. Seine Aufmerksamkeit galt nun wieder gänzlich dem Junker. „Wenn Ihr nach dem Essen Zeit und Muße habt, würde ich Euch gern ein paar Exponate aus der Familiensammlung zeigen. Das meiste und wohl auch die kapitalsten Stücke daraus von meinem Vater, dem herzoglichen Jagdmeister.“

„Sehr gern“, die Antwort des Dûrrnwangers kam wie von der Sehne geschnellt und seine Augen leuchteten begeistert, als er dem Waldtreuffener zunickte. „Bei so etwas bin ich natürlich sofort mit von der Partie, da müsst ihr mich nicht zweimal fragen. Und ich denke, Faramund hier hätte auch seinen Spaß daran. Er ist ebenfalls ein guter Jägersmann.“

Der Junker stoppte in seinen Ausführungen als die Magd und ein Knecht in den Raum kamen und begannen, die Speisen aufzutragen, welche die Küche des Gastgebers auf die Schnelle hatte zusammenstellen können: Würste, Brot, Schafskäse, Eintopf und etwas Wildbraten, der jedoch in seiner Größe bestimmt nicht für alle Anwesenden reichte.

Mit einer weiteren einladenden Geste bedeutete Norsold seinen Bärwaldener Gästen unterdessen, sich am Braten zu bedienen.

„Weidenhag“, hob der Hausherr an, als die Bediensteten sich wieder entfernten. „Dort gibt es auch sehr schöne Jagdgründe, es wird Euch gefallen. Der Hohenforst zum Beispiel und das kleine Weidenwäldchen. Vom Dûrenwald und dem Wargenforst würde ich mich jedoch fernhalten. Stimmt doch, oder Algrid?“

Die Angesprochene schrak auf und rang sich nach einer kurzen Zeit des fragenden Starrens zu einem Nicken durch. Die Frage hatte sie nämlich gar nicht richtig gehört.

„Dort läuft man höchstens einem Elfen vor den Bogen ... oder Schlimmerem“, fuhr der Junker daher selbst fort und griff nach seinem Kelch. „Und Ihr, edles Fräulein Gwendolyn? Ihr versteht Euch auch aufs Waidwerk?“

Die Dûrrnwangin blickte den Waldtreuffener fast ebenso verdattert an, wie Algrid kurz zuvor – aber nicht etwa, weil sie nicht zugehört hatte, sondern weil sie in Gedanken noch bei den Elfen war. Jedenfalls nahm Norsold das an, denn er hatte bemerkt, wie ihre Augen blitzten, als er die Spitzohren erwähnte. Er befürchtete schon, dass er wieder keine Antwort erhalten würde, als sich das Mädchen berappelte und zu seiner Ehrenrettung ansetzte, indem es zunächst einmal ein gewinnendes Lächeln auf seine Lippen zauberte.

„Ich verstehe mich auch auf das Waidwerk, durchaus“, sagte Gwendolyn. „Anderenfalls dürfte ich den Namen Dûrrnwangen wahrscheinlich nicht länger tragen. Dass ich keine Rittfrau geworden bin, hat mein geschätzter Bruder gerade eben noch so verkraften können. Wenn ich überdies auch nicht wüsste, wie man Wild ausmacht, streckt und aufbricht, wäre das aber sicher zu viel des Guten.“

Norsold bemerkte, wie Algrid, Arbogast und auch Faramund ihrer Begleiterin überraschte Blicke zuwarfen, als sie ihm seine Frage freimütig und offenbar recht gutgelaunt beantwortete. Erklären konnte er sich das so wenig wie den erleichterten Ausdruck, der kurz darauf die Züge des Junkers von Hollerstockhöhe eroberte. Es wäre aber unhöflich gewesen, nachzufragen. Also entschied er, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Stattdessen wandte er sich der Dûrrnwangin wieder zu, da die offensichtlich noch etwas sagen wollte.

„Ich muss aber gestehen, dass mir nicht alle Formen der Jagd gleichermaßen zusagen, Wohlgeboren. Ich gehe am liebsten auf die Pirsch“, erklärte sie. „Die Beizjagd ist das Meine nicht. Ich sehe Greifvögel lieber frei fliegen, als wie sie mit Hauben auf dem Kopf durch die Gegend getragen werden. Ich mag jedenfalls kein solcher gefiederter Helfer sein, der am Ende auch noch um seine Beute betrogen wird. Treibjagden – gleich ob hoch zu Ross, mit Hunden oder zweibeinigen Helfern – begeistern mich auch nicht wirklich. Nach meinem Dafürhalten lassen sie den ehrlichen Wettstreit zwischen Jäger und Beute missen, an dem der Herr Firun Gefallen findet. Darüber hinaus, und das wiegt für mich ebenso schwer, kann ich wenig Gnade im Sinne der Schwanengleichen erkennen, wo Tiere über Meilen getrieben oder gehetzt werden und Todesängste durchleiden, bevor man sie endlich erlöst.“

Nachdem das gesagt war, schenkte die Jungfer Norsold ein nachgerade liebliches Lächeln, schlug die langen Wimpern nieder und schnupperte vorsichtig an dem Eintopf, den er gerade erst hatte auftragen lassen.

Der Waldtreuffener gewahrte unterdessen, dass der Blick ihres Bruders auf ihm ruhte. Die Miene des armen Kerls wirkte ziemlich bang. Kein Wunder, schließlich kannten sie einander kaum, und das vermeintlich so harmlose Mädchen hatte gerade ein ziemliches Brett vom Stapel gelassen. Vor allem die Beizjagd wurde von vielen Weidenern hoch geschätzt, und sie hielten große Stücke auf ihre Greifer. Zudem war Norsold der Sohn des Herzoglichen Jagdmeisters. An dessen Tisch zu sitzen und frei heraus seine Abneigung gegen die herrschaftliche Jagd zu erörtern, war schon mutig, um nicht zu sagen: tollkühn. Und vielleicht auch ein bisschen anmaßend.

Der Gastgeber ließ sich jedoch nicht anmerken, was er davon hielt. Nur kurz wanderte ein Mundwinkel nach oben. Er fragte sich, was das Mädchen bewogen hatte, diesen Vortrag zu halten. Ein einfaches „Ja“ oder „Nein“ hätte als Antwort ja eigentlich genügt.  

„Ich kann Euch beruhigen, edle Dame“, hob Norsold nach einigen Momenten des Schweigens an. „Diese Art der Treib- und Hetzjagd ist in unseren Breiten verpönt. Wie Ihr schon angesprochen habt, schätzt der Alte Vater vom Berg den Wettstreit zwischen Jäger und Beute. Dem Wild muss ständig eine Möglichkeit gegeben werden, sich seinem Schicksal zu entziehen. Es bis zur Erschöpfung zu jagen und dann zum Abschuss freizugeben, ist nicht, wie wir im efferdwärtigen Weiden zu jagen pflegen.“  

Sein Blick ging zu Arbogast hin, als er anfügte: „Ich weiß nicht, wie Ihr auf die Idee kommt, wir würden es anders halten. Wir sind hier weder in Garetien noch dem Horasreich.“ Auch wenn Gwendolyn es ihm nicht direkt unterstellt hatte, schien der Junker es so verstanden zu haben. „Ja, es gibt auch hier Treiber und Jagdhelfer, doch werden die Tiere nicht in die Enge getrieben. Ein Rudel Wölfe, die natürlichen Feinde unserer Jagdbeute, wäre da nicht so gnädig.“

„Schaut doch bitte mich an, wenn Ihr mit mir sprecht, Wohlgeboren. Gebt mir die Chance, mich zu rechtfertigen, statt meinen Bruder in noch größere Verlegenheit zu bringen“, warf Gwendolyn ein, ehe Arbogast auch nur einen Ton von sich geben konnte. „Ich kann selbst für meine Worte einstehen, auch wenn ich keine Ritterin bin.“ Die Aufforderung hätte tadelnd klingen können, doch war aus ihrer Stimme kein Vorwurf herauszuhören. Vielmehr klang es tatsächlich nach einer höflichen Bitte.

Als Norsold den Blick wieder auf das Gesicht der Dûrrnwangin richtete – leicht konsterniert, zugegebenermaßen – konnte er auf ihren Zügen auch keinen Ärger darüber erkennen, dass er sich an ihren Bruder gewandt hatte, als säße sie nicht am Tisch. Obwohl das vermutlich irgendwie verdient gewesen wäre. Stattdessen lächelte sie und legte das Besteck beiseite, was die Befürchtung aufkommen ließ, dass nun ein weiterer Vortrag folgen würde.

„Zunächst einmal: Ich wollte nicht unterstellen, dass Ihr oder irgendjemand im efferdwärtigen Weiden Treibjagden veranstaltet, wie sie gerade von Euch geschildert wurden. Sollte dieser Eindruck entstanden sein, habe ich mich offenbar ungeschickt ausgedrückt. In dem Fall tut es mir leid und ich entschuldige mich in aller Form“, meinte die Jungfer. „Eigentlich wollte ich nur hervorheben, dass Waidwerk für mich nicht gleich Waidwerk ist. Ich verstehe, dass das das falsche Thema zum falschen Zeitpunkt war. Aber da wir nun ohnehin schon dabei sind, will ich Stellung zu dem beziehen, was Ihr gesagt habt.“

Sie machte eine kurze Pause und ließ den Blick über die anderen Anwesenden gleiten. Erst als niemand Einspruch erhob, fuhr sie fort:

„Zur Gnade: Das ist der Unterschied zwischen Menschen und Wölfen, nicht wahr? Dass wir uns einfühlen können, den Wert eines schnellen, möglichst schmerzlosen Todes kennen und die Mittel haben, ihn unserer Beute angedeihen zu lassen. Wenn Wölfe andere Tiere hetzen, fünfmal ansetzen müssen, um sie von den Beinen zu holen, oder ewig brauchen, um ihr Leben zu beenden, ist es das Eine. Sie können nicht anders, wir aber schon. Daher verbietet sich für mich ein Vergleich. Allzumal wir uns – oder sagen wir meinethalben: die Horasier und Garetier sich – meist selbst zu fein zum Hetzen sind, nicht wahr? Das lassen sie lieber ihre Hunde übernehmen, obwohl der menschliche Körper bestens für eine Verfolgung über lange Strecken geeignet wäre. Viel besser als die der meisten Tiere.“

Gwendolyn hob die Schultern: „Ich könnte jetzt einen langen Vortrag über unsere Anatomie halten und darüber, warum dem so ist. Aber ich weiß, dass ich damit nur langweile. Deshalb beschränke ich mich darauf, zu sagen: Wer nach einem ehrlichen Wettstreit sucht, sollte den Großteil der Arbeit selbst verrichten und nicht von anderen erledigen lassen – ob nun Mensch, Hund, Pferd oder Greifvogel.“

„Die Beizjagd und Eure Bedenken dagegen sind noch mal ein anderes Kapitel“, stellte Norsold umgehend fest. Ihm ging nicht aus dem Kopf, was sein Gast zum Thema „frei fliegen“ und „um die Beute bringen“ gesagt hatte. Er musste dabei auch an Gwidûhenna von Gugelforst denken. Die Baronin war nämlich eine Liebhaberin dieser Art der Jagd und sehr stolz auf ihre Blaufalken. „Denkt Ihr, dass nicht auch unsere Pferde lieber mit ihren Artgenossen über die Heiden und Weiden laufen würden, als den gerüsteten dicken Hintern eines Ritters zu tragen?“, fragte er, ohne direkt auf das Halten von Greifvögeln einzugehen. „Oder, dass die Säue nicht lieber im Wald nach Eicheln suchen würden, als im Stall eines Bauern zu stehen?“

„Das ist eine interessante Frage“, erwiderte die Dûrrnwangin und nickte ernst. „Ich kann sie selbstverständlich nicht beantworten, aber ich weiß, dass mein Pferd stets kommt, wenn ich es rufe. Und manchmal auch, wenn ich das nicht tu. Ich muss es weder fesseln noch seine Augen verbinden, damit es an meiner Seite bleibt. Und wenn ich es laufen lasse, vergisst es nicht, dass es mich gibt, sondern kehrt aus eigenem Antrieb zurück. Pferde kann man mit Sanftheit für sich gewinnen, Greifvögel müssen gebrochen werden, damit sie uns Menschen überhaupt ertragen und unsere Nähe erdulden. Was nun Säue betrifft ... ich muss ehrlich sagen: Ich zweifle daran, dass die alle lieber im Wald Eicheln suchen würden, als ihr Fressen direkt hinterm Stall in den Trog geschüttet zu bekommen. Auch weiß ich nicht, ob so ein Hausschwein allein mehr als zwei Tage im Wald überleben würde.“

Die Dûrrnwangin lächelte, als sie erneut die Schultern hob: „Das ist wohl der Punkt: Pferd und Sau sind schon vor langem einen Pakt mit den Menschen eingegangen. Sie haben ihre Freiheit gegen Sicherheit und Bequemlichkeit eingetauscht. Unsere Haustiere ähneln ihren wilden Brüdern doch oft gar nicht mehr – oder was hat ein Rahjatänzer noch mit einem Wolf gemein? Greifvögel hingegen scheinen zu einem solchen Handel nicht bereit. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass sie sich die Wildnis von uns austreiben lassen wollen. Und manchmal schmerzt es mich einfach, zu sehen, was wir anstellen, um sie trotzdem an uns zu binden.“

Nach diesen Worten, griff Gwendolyn wieder zu ihrem Besteck und hatte es schon in den Eintopf getaucht, als sie Norsolds Blick noch einmal suchte und ein pflichtschuldiges „Was nicht heißt, dass ich Menschen verurteile, die nicht von diesen herrlichen Tieren lassen können“ nachschob. „Das ist nur einfach nichts für mich.“

Algrid verfolgte die Unterhaltung interessiert. Nicht etwa des Themas wegen, sondern weil dies das erste Mal war, dass sie Gwendolyn so viele Worte in solch kurzer Zeit sagen hörte. Die junge Dame zeichnete sich in ihrer Gegenwart sonst eher durch brütendes Schweigen und große Distanziertheit aus. Etwas Sorgen bereitete ihr die Inbrunst, mit der die Dûrrnwangin an dieses, hier am Tisch wohl heikle, Thema heranging. War sie mutig und wollte provozieren? Oder war sie einfach nur unbedacht? Das dürfte noch interessant werden – vor allem wenn sie Travine das erste Mal gegenübertrat.

Derweil hatte Norsold die Worte seines Gasts mit dem Anflug eines Lächelns auf seinen Lippen verfolgt. Dabei war wieder nicht zu erkennen, was er davon hielt: Ob das Lächeln nun anerkennend oder ein abschätzig war. Das hätten wohl nicht einmal Menschen beurteilen können, die dem Junker nahestanden.

„Denkt Ihr, dass die Tiere ihren Pakt mit den Menschen freiwillig geschlossen haben? Oder haben wir sie nicht vielmehr hineingezwungen?“, fragte der Waldtreuffener schließlich, hob interessiert die Brauen und musterte die schmale Frau im edlen Zwirn. „Denkt Ihr, dass Tharvun und Sulva so etwas für ihre Söhne und Töchter beschlossen hätten, wo doch Freiheit und Selbstbestimmung eines der höchsten Güter im Glaubensbild der Ewigschönen sind?“ Norsold schüttelte knapp den Kopf. „Macht es das wirklich besser, dass sie sich jetzt damit abgefunden haben von Menschenhand gefüttert und geführt zu werden?“

Der Waldtreuffener ließ jedoch vorerst keine Antwort zu, sondern bohrte weiter: „Tiere haben genauso ihr Schicksal zu erfüllen wie Menschen. Ein Blaufalke, der in Gefangenschaft geboren wurde, wird selten frei sein. Genauso ein Leibeigener, gleich wie sehr er nach seiner persönlichen Freiheit trachtet. Es ist doch viel eher die Frage, wie wir als Herren mit unseren Gefährten und Schutzbefohlenen umgehen.“

Der Junker ließ seinen Blick über alle Anwesenden schweifen. „Ich wurde dazu erzogen, Menschen und Tieren Respekt entgegenzubringen. Genauso handhaben wir es hier bei der Jagd und so halte ich es mit meinen Schutzbefohlenen und meinen Tieren.“ Der Gastgeber war offenbar  der Meinung, dies klarstellen zu müssen und ließ damit letztlich doch noch erkennen, dass er die direkte Zunge des edlen Fräuleins aus Bärwalde nicht wirklich schätzte.

Nachdem Norsold geendet hatte, schwieg die Jungfer noch einen Moment, wohl um den richtigen Ansatzpunkt zu finden, und schaffte es dann tatsächlich, das höfliche Lächeln zurück auf ihre Lippen zu bringen.

„Ich weiß nicht, wie es sich hier in der Trutz verhält, Wohlgeboren, aber in den Breiten, in denen ich mich bewege, werden Sulva und Tharvun auch als ‚göttliches Gespann‘ bezeichnet“, hob sie schließlich an. „Dies deshalb, weil sie den Wagen der Lieblichen über das Firmament ziehen – jeden Tag aufs Neue. Ich denke, die beiden sind nicht etwa frei, weil sie zu niemandem gehören. Vielmehr betrachtet ihre Herrin sie nicht als Diener oder gar Eigentum, sondern als Verbündete und Freunde. Bisweilen lässt sie ihnen ihren Willen. Dadurch bekommt sie vielleicht mehr Respekt, als wenn sie sie stets unterwerfen würde. Und wenn ihr schon fragt: Ich denke, das würden sich Sulva und Tharvun auch für ihre Söhne und Töchter wünschen.“

Diesmal war es Gwendolyn, die den Junker nicht zu Wort kommen ließ. Als er Luft holte, um zu einer Replik anzusetzen, neigte sie den Kopf zur Seite und warf ihm einen Blick zu, der ein unmissverständlich „Jetzt bin ich dran!“ vermittelte.

„Ich weiß auch nicht, ob der Pakt mit uns Menschen einst freiwillig geschlossen wurde. Ich weiß nur, dass er besiegelt ist und dass ich in den Nutztieren von heute meist wenig Aufbegehren erkennen kann. Wir haben ihre Gestalt und ihr Wesen verändert – uns zum Gefallen und oft zum Gewinn. Ihr Schicksal ist nun untrennbar mit unserem verwoben und ich hoffe inbrünstig, dass nicht nur wir davon profitieren. Greifvögel aber ...“, der Blick der Dûrrnwangin schweifte ab. „Wäre euch aufgefallen, dass wir ihre Gestalt über die Jahrhunderte so stark verändert hätten wie die vieler anderer Arten, Wohlgeboren? Oder dass es uns gelungen wäre, ihr Wesen zu ändern? Sie treu und folgsam zu machen? Mir nicht. Ich denke, sie wehren sich noch immer – und dass es vielleicht an Zeit ist, ihre Ablehnung zu akzeptieren. Sie wollen uns nicht. Und was hätten wir den Königen der Lüfte auch zu bieten?“

Ihr Blick verstetigte sich schließlich wieder und sie sah dem Waltreuffener direkt in die Augen. „Ihr habt gefragt, was ich denke“, meinte sie. „Und das habe ich nun erklärt. Weder erhebe ich Anspruch auf eine Allgemeingültigkeit dieser Ansichten, noch verlange ich, dass Ihr Euch ihnen anschließt. Und damit es keine weiteren Missverständnisse gibt, will ich eines unbedingt klarstellen“, fuhr sie mit eindringlicher Stimme fort, „Ich habe nicht einen Moment daran gezweifelt, dass ihr einen verantwortungsbewussten Umgang mit Euren Schutzbefohlenen und Tieren pflegt. Ich respektiere Eure Meinung und denke, sie wird von allen anderen Anwesenden geteilt. Mit bleibt nur die Hoffnung, dass sich niemand angegriffen fühlt, weil ich aus der Reihe tanze. Das liegt wahrlich nicht meine Absicht.“

Diesmal griff Gwendolyn nicht gleich wieder nach ihrem Besteck, sondern wartete ab, ob noch irgendjemand etwas sagen wollte. Dabei hatte Algrid den Eindruck, dass das Interesse – oder die Sorge? – der Dûrrnwangin vor allem ihr galt. Der Blick der jungen Ritterin ging weiter zum Waldtreuffener, der seinerseits die junge Hollerheidenerin musterte. Es war offensichtlich, dass Norsold etwas auf der Zunge brannte. Er schien seinen Gästen noch einen Moment Ruhe gönnen zu wollen, aber sein Visier war bereits heruntergeklappt und er legte gerade die Lanze ein. Algrid erkannte das und nutzte die sich bietende Gelegenheit, um das Gesprächsthema von der leidigen Sache wegzubekommen.

„Apropos Tharvun und Sulva“, hob sie an und fuhr erst fort, als sie sich der Aufmerksamkeit des Junkers gewiss war. „Wie läuft es eigentlich mit Dylga? Hast du ihren Vater endlich einmal um ihre Hand gebeten?“

Der Gastgeber schob die Augenbrauen zusammen. Es war offensichtlich, dass die Frage ihn unvorbereitet traf und damit beschwor sie genau die Reaktion herauf, die die Blaubingerin haben wollte. Vergessen schien die Diskussion über das Halten von Jagdgefährten und darüber, welches Viehzeug wann und wie einen Pakt mit den Menschen eingegangen war. Algrid hatte sie nicht mehr hören können und glaubte, dass ihre Intervention auch im Sinne Arbogasts war.  

Als sie sich dessen mit einem raschen Blick versichern wollte, gewahrte sie auf den Zügen des Dûrrnwangers ein gequältes Lächeln. Er schien einerseits froh, dass das Gespräch derart rasch in andere Bahnen gelenkt worden war. Andererseits hatte ihm die Diskussion offenbar schwer genug zugesetzt, dass er sich dem neuen Thema gar nicht widmen wollte. Vielmehr sah es so aus, als würde er sich geistig gerade komplett ausklinken, um sich mit dem zu befassen, was ihn wirklich bewegte: Der Frage, wie es am Baronshof der Gugelforster erst werden sollte, wenn sich Gwendolyn auf dem Weg dorthin schon von ihrer besten Seite zeigte.

Faramund hingegen interessierte sich vor allem für das Essen. Er verfügte augenscheinlich über sehr starke Nerven, denn er wirkte nach wie vor frohgemut und machte sich mit einem stillvergnügten Lächeln über den Braten her.

Gwendolyns Besteck lag unterdessen weiter unangetastet neben ihrer Schale. Sie hatte Algrid interessiert zugehört. Als die ohne Zögern auf das Liebesleben des Waldtreuffeners zu sprechen kam, zuckte sie allerdings erschrocken zusammen und ihre Augen weiteten sich. Das war die stärkste Reaktion, die die Blaubingerin seit Beginn ihrer gemeinsamen Reise aus dem Mädchen hatte heraus kitzeln können – also immerhin schon mal etwas.

„Nein, offiziell noch nicht“, Algrids Blick kehrte zu Norslold zurück, als er sich nach einigen Herzschlägen hörbar zerknirscht zu Wort meldete. „Ich habe aber bei ihrem Bruder Wallfried vorgefühlt – und sein Vater würde einem Bund wohl nicht zustimmen.“ Der Junker hob die Schultern. „Weiß nicht, ob er schon jemanden anderes für sie im Sinn hat. An Angeboten sollte es ihm ja nicht mangeln.“

Algrid legte dem Gastgeber mit einer tröstenden Geste die Hand auf die Schulter und zeigte sich damit von ihrer einfühlsamen Seite, die die Dûrrnwanger bisher noch nicht kannten. „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, meinte sie. Darauf ließ sie ein Zwinkern folgen und wandte sich wieder ihrem Essen zu.

Der Ausflug ins Privatleben des Hennsthaler Junkers war damit schon wieder beendet, hatte seine Wirkung aber erzielt: Norsold verfiel in Grübeleien und die Runde konnte das Abendmahl in aller Ruhe einnehmen – jedenfalls diejenigen, denen es den Appetit nicht verschlagen hatte. Letzteres galt für Gwendolyn und mit Abstrichen wohl auch für ihren Bruder, der eher lustlos in seinem Essen herumstocherte.

Als er sich wieder halbwegs gefangen hatte, ging Arbogasts Blick ein ums andere Mal zu seinem Gastgeber hinüber, dem an diesem Abend gleich von zwei Weibern schmerzhafte Tiefschläge versetzt worden waren. Er fühlte mit dem Waldtreuffener, das ließ sich nur allzu leicht von seinem Gesicht ablesen. Und er konnte das nicht schweigend ertragen, sondern begann irgendwann, sich mit aller gebotenen Vorsicht um ein möglichst unverfängliches Gespräch zu bemühen. Über das Gut Hennsthal, die Baronie Waldleuen, die Trutz an sich, den Grafenhof, die Bande zur Herzogenfamilie und schließlich zurück zu den Wäldern hier in der Gegend, die er gleich zu Beginn schon so überschwänglich gelobt hatte.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es ihm, Norsold wieder auf andere Gedanken zu bringen – nicht zuletzt, weil Faramund seinen Hunger irgendwann gestillt hatte und sich ebenfalls am Gespräch beteiligte. Mit seiner herzlichen, väterlichen Art konnte er Menschen meist schnell für sich einnehmen und gute Laune verbreiten. Das funktionierte auch diesmal und als die Männer irgendwann sogar zu scherzen begannen, war die Kuh vom Eis. Das schien Algrid jedenfalls so und erleichterte auch sie.