Von Mutter zu Bruder


Dramatis Personae:

 

Junkergut Hollerstockhöhe, Baronie Hollerheide, Ende Praios 1042 BF

Zwei Reiterinnen näherten sich von Rahja kommend dem Jagdgut Hollerstockhöhe. Eine davon, gewandet in den orange-gelben Ornat der Geweihten der Eidmutter, die andere unverkennbar eine Ritterin – in Kettenzeug, grünem Wappenrock und mit gegürtetem Langschwert. Das Tempo der beiden war gemächlich, doch das Ziel eindeutig.

„Ist hübsch hier“, meinte Algrid Blaubinge von Pergelgrund und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Die Ritterin war eine eher klein gewachsene Frau mit schulterlangem, braunem Haar und athletisch-kräftigem Körperbau. Sie war eine Dienstritterin der Baronin von Weidenhag und wie so oft begleitete sie die Hochgeweihte Travine auf ihren Reisen. Einst hatten sie diese gar bis in die Schluchten und Täler der Roten Sichel geführt.

„Mhmm“, brummte die ältere Geweihte daraufhin, nahm ihren Blick dabei aber nicht von dem repräsentativen Jagdschlösschen, das mit kunstvoll gearbeitetem Fachwerk, dunklen Holzschindeln auf dem Dach, einem schönen Spitzgiebel und mehreren Türmchen zwar irgendwie verspielt, aber dennoch rustikal wirkte.

Travines halbjährlicher Besuch in Baliho bei Mutter Aldessia von Rabenmund war wie immer viel zu schnell vorüber gegangen. Es rief schon recht bald wieder die Pflicht und genau diese hatte sie einen kleinen Umweg nach Hollerstockhöhe machen lassen. Der hiesige Junker, Arbogast von Dûrrwangen, suchte schon länger nach einem Ehegatten für seine jüngere Schwester. Ein Umstand, von dem sie allein auf ihrer derzeitigen Reise zu drei verschiedenen Anlässen gehört hatte. Denn eben jene Suche gestaltete sich wohl nicht leicht und die junge Dame, Gwendolyn, hatte es wohl zur Kunstform erhoben, ihre Werber schnell und effektiv zu vergraulen. Ja, es war offensichtlich, dass der Junker jede Hilfe brauchen konnte, die ihm angetragen wurde.

„Bin schon gespannt, was es zu essen gibt“, meldete sich abermals die junge Ritterin an der Seite der Tempelmutter zu Wort – und erntete dafür einen strengen Blick.

„Wir kommen nicht zum Essen, Kind“, ermahnte Travine ihre Begleiterin. „Wir werden dem Junker ein Angebot unterbreiten. Eins zum Wohle unser beider Familien.“

„Ja, ich weiß“, etwas enttäuscht ließ Algrid den Kopf hängen. „Die Sache mit Eurem Sohn.“

„Genau. Es wird Zeit für ihn. Er ist in einem Alter, wo er sich schon längst darum gekümmert haben sollte, Weib und Kind an seiner Seite zu haben.“ Travine seufzte und schüttelte ihr Haupt. „Manchmal denke ich, dass er gar kein Interesse an einer Frau hat und dass ihm die Abweisung der Baronin von Nordhag ganz gut passte.“

Algrid presste die Lippen aufeinander. Dass Trautmann von Gugelforst sehr wohl an Frauen interessiert war, hatte sie schon einige Male am eigenen Leib erfahren dürfen. Es gab jedoch einen Unterschied zwischen dem rahjagefälligen Interesse und dem Willen, sich traviagefällig an eine Frau zu binden. Ein Gedanke, der einer Dienerin Travias wahrscheinlich fremd war. Sie wusste bestimmt, dass er existierte, doch würde sie solch ein Denken beim eigenen Nachwuchs wohl am Wenigsten vermuten – noch dazu, weil der Sohn diese Geschichten anscheinend außerordentlich diskret behandelte. Wenn selbst die eigene Mutter den Verdacht hegte, Trautmann wäre am eigenen Geschlecht interessiert, schien er sich in dem Ansinnen, seine Liebeleien geheim zu halten, ganz geschickt anzustellen.

„Ihr nehmt das also jetzt in die Hände, Hochwürden?“, fragte Algrid.

„So ist es.“ Die Hochgeweihte reckte ihr Kinn. „Es beschämt mich, dass mein Erstgeborener ein Leben als Junggeselle führt, während seine jüngere Schwester schon verheiratet ist und zwei Kindern das Leben schenkte. Wäre doch gelacht, wenn ich ihm nicht innerhalb von ein paar Monden ein Weib finde. Er ist ein anständiger Mann aus einem angesehenen und frommen Haus. Er dient dem Grafen und ist stattlich.“

Die Ritterin an ihrer Seite nickte bestätigend. ‚Darüber hinaus auch noch groß, stark, ruhig, pflicht- und selbstbewusst, dabei aber kein Prahlrik und kein Großmaul ...‘, Algrids Augen rollten kurz zurück, als sie ihre Gedanken immer weiter und weiter spann. Ja, sie würde ihn sofort heiraten ... alle zehn Finger würde sie sich nach einem Mann wie ihm abschlecken. Doch die Räson ließ dies nicht zu – Travine würde sie nie in Betracht ziehen und von Trautmann konnte dahingehend sowieso niemand etwas erwarten.

„Das denke ich auch“, fügte die Ritterin nach einigen Momenten des Schweigens hinzu. Ein kleiner Teil in ihr war gespannt, wer die Göre sein mochte, die in diesem hübschen Anwesen lebte und die Travine für ihren Sohn im Sinn hatte. Auch fand sich tief im Herzen der Blaubingerin ein kleiner Funken der Eifersucht, den sie mit aller Kraft daran hindern musste, zum Feuer zu werden.

Wenige Momente später stiegen die beiden Frauen von ihren Pferden und warteten darauf, dass man ihre Ankunft bemerkte. Um nicht unangemeldet zu erscheinen, hatte die Geweihte dem Hausherrn einen Brief geschickt, in dem sie ihr Kommen ankündigte und der Arbogast vor einigen Tagen hätte erreichen sollen.

Tatsächlich schienen die beiden schon bemerkt worden zu sein, bevor sie von den Pferden stiegen. Anders war nicht zu erklären, dass ein Knecht wie aus den Nichts neben ihnen auftauchte, kaum dass sie sich suchend nach einem eben solchen umsahen.

„Die Götter zum Gruße, Travia ihnen allen voran“, grüßte der Mann artig und verneigte sich, ehe er fragte, ob er „den Damen wohl die Rösser abnehmen“ dürfe. Algrid wollte gerade fragen, wo der Herr des Hauses war, als der Bursche eine eindeutige Geste in Richtung Jagdschloss machte. „Herr Arbogast erwartet Euch schon“, meinte er, bevor er ihr die Zügel abluchste.

Passenderweise tauchte just in dem Moment ein Mann von vielleicht 30 Wintern im kunstvoll beschnitzten Eingangsportal des Schlösschens auf. Er war nicht besonders groß und wirkte auch nicht allzu bullig. Eher wie einer von den zähen Kerlen, die im Kampf lieber auf Schnelligkeit als auf Kraft setzten.

Die Pergelgrunderin meinte zu erinnern, dass der Herr von Hollerstockhöhe nur ein Ritter ehrenhalber war, also nicht die typische Ausbildung eines Weidener Kämpfers durchlaufen hatte. Sie wusste nicht mehr, wo sie das aufgeschnappt hatte, doch schien es ihr jetzt bewiesen. Zumal der Mann kein Kettenhemd oder sonst eine Rüstung trug, sondern Kleidung, die ... nun ja ... edel wirkte und ... sehr ... modisch. Mochte wohl sein, dass er sich in seinen feinsten Zwirn geworfen hatte, um Hochwürden Travine zu empfangen. Jedenfalls hoffte sie das für Trautmann. Denn wenn der Dûrrnwanger immer so rum lief und seine Schwester auch, dann war die ganz sicher nichts für ihn!

Während Algrid ihren Gedanken nachhing, stieg Arbogast die Stufen zum weiten Vorplatz des Schlösschens hinab. Er trug ein offenes Lächeln zur Schau, das ihn trotz der albernen Aufmachung irgendwie sympathisch wirken ließ. Die Pergelgrunderin nahm freundliche dunkle Augen wahr, Feenküsschen und ein Gesicht, das irgendwie lausbubenhaft wirkte. Auch wenn er längst aus dem Alter heraus war, in dem man noch von einem Lausbuben hätte reden können.

„Travia zum Gruße, Hochwürden ...“, als er seine Gäste erreichte, verneigte sich der Dûrrnwanger formvollendet vor Travine. Dann ließ er seinen Blick prüfend über Algrid gleiten und schob ein „... und Wohlgeboren“ nach. „Ich hoffe doch sehr, Eure Reise hierher ist angenehm verlaufen?“

„Die Gütige möge Euer Heim und Haus segnen und Euch Eure Gastfreundschaft vergelten, Wohlgeboren“, dankte die Hochgeweihte dem Junker. Dann wies sie auf die Ritterin neben sich und ergänzte: „Ich darf Euch meine Begleiterin, die Hohe Dame Algrid Blaubinge von Pergelgrund vorstellen.“

Die Angesprochene grüßte den Dûrrnwanger mit der Schwertfaust zum Herzen, überließ sonst aber Travine das Wort. Ihre Vorbehalte gegen den Junker schien die Geweihte nach nicht zu teilen – zumindest ließ sie sich dahingehend nichts anmerken. Das Antlitz der Älteren war freundlich, gütig und ganz anders als Algrid es bisweilen schon erlebt hatte.

Der Pergelgrunderin war bekannt, dass ihre ältere Begleiterin ein bemerkenswertes Wissen darüber hatte, welche Häuser der Mittnacht ihrer Herrin nahestanden und welche nicht. Und sie wusste, dass sie mit mahnenden Worten für gewöhnlich nicht hinter dem Berg hielt. Umso interessanter würde dieses Treffen wohl werden. Vielleicht schafften es die Darbietung und die der Hochgeweihten ja, sie vom eigentlichen Thema abzulenken.

„Die Reise war angenehm und sehr kurzweilig“, fuhr die Tempelmutter fort, als den Formalitäten Genüge getan war. „Ihr habt meinen Brief erhalten und wisst warum ich Euch besuche?“

Dass Travine derart offensiv mit der Tür ins Haus fiel, schien den Dûrrnwanger auf dem falschen Fuß zu erwischen. Sein Lächeln verrutschte ein wenig und auf der von zahllosen Feen geküssten Stirn bildete sich die Ahnung zweier Falten. Es sah eher nach Sorge als nach Missbilligung aus. Dazu passte auch, dass sich die Haltung des Junkers von einem Moment auf den nächsten versteifte und er plötzlich irgendwie angespannt wirkte.

Algrid hatte keine Ahnung, was genau in Travines Brief stand. Wenn sie die Hochzeitpläne für ihren Sohn erwähnt haben sollte, konnte diese Reaktion des Dûrrnwangers aber nichts Gutes bedeuten: Seine aktuelle Miene verriet weder Freude noch Zuversicht, sondern eher Zweifel und Nervosität. Der Mann fand seine Fassung jedoch recht schnell wieder und zwang das Lächeln zurück auf seine Lippen.

„Selbstverständlich habe ich Euren Brief erhalten, Hochwürden“, meinte er mit einem beflissenen Nicken. „Doch lasst uns nicht hier darüber sprechen. Ich habe Most und etwas Kleines zu Essen richten lassen und schlage vor, dass wir uns auf die Terrasse hinterm Haus begeben. Im Garten ist es schattig, ihr könnt es Euch dort bequem machen und vor allem sind wir ungestört. Ich schätze, das wäre angemessener, als hier auf dem Vorplatz zu stehen?!“

Er wartete Travines Nicken ab und deutete dann mit einer galanten Geste auf einen Weg aus Natursteinen, der sich dicht ans Hauptgebäude des Jagdguts schmiegte. Auf diesem schmalen Pfad gingen sie um das Schlösschen herum.

Die Neugier von Algrid war ohnehin geweckt, also hielt sie auch hier die Augen offen, wurde von der allenthalben wuchernden Blütenpracht geradezu erschlagen und nahm vereinzelte Formgehölze sowie einige naturbelassene Sträucher zur Kenntnis. Es roch nach frischer Erde, Gras und Blumen, Insekten taumelten durch die Luft und das Zwitschern von Vögeln drang an ihre Ohren. Sie wusste nicht, ob Letzteres aus den Büschen auf dem Grundstück kam, oder ob es aus dem nahen Wald herüber klang, der das gesamte Anwesen umschloss – und im Grunde war das ja auch egal. Schweigend folgte die Ritterin der Hochgeweihten und dem Junker, während sie sich fragte, wohin sie hier eigentlich geraten war.

Dann bogen sie auch schon um eine letzte Ecke des herrschaftlichen Hauses herum und vor ihnen tat sich das auf, was der Herr von Hollerstockhöhe als „Garten“ bezeichnet hatte. Algrid fand dieses Wort ziemlich unpassend. Sie hätte das Ganze eher als Park beschrieben. Es war eine Anlage mit noch mehr Blumenbeeten, mit Rosenstöcken, knallbunten Rabatten, hübsch in Form geschnittenen Sträuchern, einem berankten Bogengang und wenn sie nicht alles täuschte, befand sich am fernen Ende der Grünfläche ein kleiner Teich mit Pavillon. Eingefasst wurde das Ganze wiederum von Wald – hohen alten Bäumen, die die Szenerie noch verwunschener und unwirklicher wirken ließen.

Die Pergelgrunderin wollte sich auf die Schnelle kein Urteil über ihre Umgebung erlauben. Sie kam jedoch nicht umhin, festzustellen, dass es eine andere Welt war als die, die sie aus der Trutz kannte. Lichtwacht war hiermit nicht vergleichbar. Nicht mal der Hag, wenn sie es recht bedachte. Und eigentlich gar nichts, was ihr in Weiden bislang untergekommen war. Sie fand das Jagdgut irgendwie deplatziert, wahrte aber ihr Schweigen und folgte der Einladung auf die Terrasse mit einem dankbaren Nicken. Dem Beispiel Travines folgend ließ sie sich an einem gusseisernen Tischlein nieder, auf dem schon ein Krug mit Most und drei irdene Becher bereitstanden. Wenigstens das und keine Pokale aus Kristall. Das wäre ihr nun wirklich zu viel des Guten gewesen.

Algrid trank sofort einen Schluck des kühlen Safts und warf dann einen interessierten Blick in das Gesicht ihrer Begleiterin. Sie wollte ergründen, ob die mit der überbordenden Pracht von Hollerstockhöhe gerechnet hatte, oder ob sie auch überrascht war. Darüber hinaus wurde die Neugier der Ritterin immer größer. Sie wollte unbedingt wissen, wer die Frau war, die diesem Ort entstammt. Etwa eines dieser Hühner, wie sie sie aus den besseren Vierteln von Rommilys kannte? Eine, die ihre Nase so hoch trug, dass man bei Efferdwetter Sorge haben musste, es könnte hinein regnen? War dem so, dann tat ihr Trautmann jetzt schon leid. Er war ein Mann mit einem großen Herzen und so was hatte er nicht verdient ... . Bevor die Pergelgrunderin wieder in Tagträume abschweifen konnte, mahnte sie sich selbst zu Ruhe und Aufmerksamkeit.

Unterdessen ließ sich Travine nichts anmerken – genau wie Algrid es erwartet hatte. Die Geweihte wahrte einen weitgehend neutralen Gesichtsausdruck. So blieben der Blaubingerin lediglich Mutmaßungen. Sie wusste, dass die Gugelforsterin den Verfall der Sitten durch das übertriebene Zurschaustellen von Prunk und Pomp ind er Vergangenheit durchaus schon angeprangert hatte. Würde sie zu diesem Anlass damit hinter dem Berg halten? Oder würde sie es irgendwann ansprechen?

An diesem Punkt waren Algrids Überlegungen angelengt, als der Junker das Gespräch von vorhin wieder aufgriff. Sicher nicht zuletzt, weil ihn der strenge Blick Travines dazu ermunterte. Die Tempelvorsteherin hätte schon in alveranischen Gefilden wandeln müssen, um ihr Ziel aus den Augen zu verlieren – irdische Pracht reichte dafür definitiv nicht aus.

„Ihr habt geschrieben, dass es um meine Schwester geht, Hochwürden, aber nicht worum genau“, hob Arbogast zögernd an. Er wirkte jetzt wieder etwas unsicher, hatte sich aber weit besser im Griff als bei dem überraschenden Vorstoß von eben. „Ich muss Euch leider sagen, dass sie im Moment gar nicht hier ist, sondern auf dem Distelstein weilt, um Ihrer Hochgeboren Baraya Gesellschaft zu leisten. Ich konnte sie in der Kürze der Zeit nicht hierher zurück beordern und hoffe, das ist kein Problem?“

Travine schüttelte knapp ihr Haupt, während Algrid neben ihr in den Mostbecher starrte und ihre Enttäuschung über das Fehlen dieser Gwendolyn nicht wirklich verhehlen konnte. Eine Geste, die die Tempelmutter mit einem kurzen Seitenblick bedachte.

„Nein, es wäre zwar schön gewesen, Eure Schwester auch kennenzulernen, doch gilt mein Besuch in erster Linie einmal Euch als Familienoberhaupt derer von Dûrrnwangen“, meinte sie dann. Nun zeigte sich wieder der erste Anflug eines schmalen Lächelns auf ihren Lippen – vielleicht auch, weil sie wusste, dass ihr Besuch den Junker verunsicherte. Die Geweihte war eine ausgezeichnete Menschenkennerin, es konnte ihr also gar nicht entgangen sein.

„Es ist wohl die Göttin selbst gewesen, die mich hierher geführt hat“, fuhr sie fort. „Ich habe ein paar Tage in Baliho zugebracht und während meiner Reise den Namen Eurer Schwester einige Male vernommen. Daher weiß ich auch, dass Ihr auf der Suche nach einem Gemahl für sie seid“, nun steigerte sich Travines schmales Lächeln, zu einem breiten und einnehmendem „Das ist auch der Grund für meinen Besuch. Vielleicht kann ich Euch damit helfen. Was setzt Ihr denn für Erwartungen in den Zukünftigen Eurer Schwester und auch in das daraus erwachsene Bündnis?“

„Äh ... ja.“

Nach dieser wenig eloquenten Feststellung stierte der Junker von Hollerstockhöhe seinen hohen Gast einen ausgedehnten Moment lang schweigend und mit völlig belämmerter Miene an. Ihm stand förmlich ins Gesicht geschrieben, dass er mit etwas Anderem gerechnet hatte.

Interessiert nahm Algrid die Erleichterung zur Kenntnis, die in seinen Augen aufschien – aber auch die Tatsache, dass da nach wie vor Besorgnis sichtbar blieb.

Als er mit dem Stieren fertig war, griff der Dûrrnwanger nach seinem Becher und genehmigte sich ein paar große Schlucke Most, satt Travine endlich eine Antwort zu geben.

„Entschuldigt bitte vielmals“, hob er an, nachdem er das irdene Gefäß wieder auf dem Tisch abgestellt hatte – ohne allerdings zu erklären, wofür genau er um Verzeihung bat. „Ich ... ähm ... ja“, stotterte er dann und schloss die Augen kurz.

Algrid konnte regelrecht hören, wie er sich innerlich selbst ermahnte. Gekrönt wurde dieser Vorgang von einem tiefen Atemzug und einem schiefen Lächeln.

„Ihr scheint zu wissen, dass es bereits einige erfolglose Bewerber gab“, hob der Bärwaldener schließlich mit überraschend gemessener Stimme an. „Die meisten davon sind aber nicht an meinen Ansprüchen gescheitert, sondern ... nun ja, an Gwendolyn, wenn man so will.“ Die Formulierung öffnete Raum für Spekulationen, doch schien Arbogast es wiederum nicht für nötig zu halten, eine Erläuterung anzufügen.

„Ich denke, meine Vorstellungen sind nicht zu hochschweifend“, fuhr er stattdessen fort. „Ich wünsche mir im Grunde nur einen Mann aus einer Familie mit gutem Leumund, der in der Lage ist, sie zu versorgen, der sie respektvoll behandelt und mit ihren Eigenheiten angemessen umzugehen weiß. Für eine gewisse Balance in der Ehe würde es sicher nicht schaden, wenn er ein eher ruhiges und ausgeglichenes Gemüt hat und mit beiden Beinen fest im Leben steht. Abgesehen davon wäre es schön, wenn er nicht am anderen Ende Weidens leben würde, denn Gwendolyn ist die einzige Familie, die ich noch habe – ich hänge an ihr und sie an mir.“

Ah, nun wurde es also spannend! Algrid lehnte sich leicht nach vorn und versuchte, Travines Regungen zu deuten. Die angesprochenen Eigenheiten interessierten die Pergelgrunderin brennend, denn vielleicht waren sie der Grund dafür, dass diese Gwendolyn ihre Werber allesamt vergraulte. Doch wie stand es um ihre Begleiterin? War deren Interesse ebenfalls geweckt?

Die alternde Geweihte ließ sich leider nicht in die Karten schauen. Stattdessen nickte sie nur und wahrte ein freundliches Lächeln. „Das sind in der Tat nachvollziehbare Erwartungen, die Ihr habt“, hob sie dann an. „Respekt, ein guter Leumund, ruhiger Umgang ... doch sagt an, woran, meint Ihr, liegt es, dass Eure Schwester noch bei keinem der Interessenten ihre Einwilligung gegeben hat?“ Travine schob interessiert ihre Augenbrauen hoch. „Ich habe Euch doch richtig verstanden, dass sie der Grund ist?“

„Ja, na ja, so ganz trifft es das nicht“, gab der Junker zurück und wiegte den Kopf, während er die Lippen nachdenklich schürzte. „Oberflächlich betrachtet, hat sie keinen der Männer rundheraus abgelehnt. Bei denen, die ich nicht gleich in die Wüste geschickt habe, weil ihre Motive ersichtlich die falschen waren, verhielt es sich meistenteils eher so, dass sie das Interesse schnell verloren und von sich aus die Segel gestrichen haben.“

„Und unter der Oberfläche?“, hakte Travine nach.

„Unter der Oberfläche ... wird es kompliziert. Ich schätze, es würde eine ganze Weile dauern, Euch das zu erkl...“

„Wir haben Zeit mitgebracht, Wohlgeboren“, sprach die Gugelforsterin seelenruhig in den halbfertigen Satz des Dûrrnwangers hinein.

„Ja ... ähm ... sicher“, stotterte der daraufhin, griff erneut nach seinem Krug und genehmigte sich einen Schluck.

Als er das erledigt hatte, bedachte er erst Travine und dann Algrid mit nachdenklichen Blicken. Er schien schwer darum bemüht, sich einen Reim auf die zweifelsohne etwas kuriose Situation zu machen – scheiterte aber ganz offensichtlich. Was dazu führte, dass er sich schließlich verlegen am Kopf kratzte.

„Ich möchte wahrlich nicht unhöflich erscheinen, Hochwürden“, hob er mit überaus vorsichtiger Stimme an. „Aber es fällt mir schwer, mich in dieser Unterhaltung zurechtzufinden. Ihr habt eingangs gesagt, Ihr könnt mir vielleicht bei der Suche nach einem Mann für meine Schwester helfen. Allein, ich weiß nicht, welcher Art diese Hilfe sein soll. Wärt Ihr vielleicht so freundlich, mir zu verraten, worum es überhaupt geht? Ich schätze, danach würde es mit leichter fallen, Euch zu erklären, woran ... nun ... es ... hakt.“

Travine zog eine Braue hoch und strich mit einer beiläufigen Geste über ihren Ornat – ganz so, als würde sie ihr Gegenüber auf ihre Position hinweisen wollen. Dennoch zeigte sich auf ihren Lippen ein freundliches, beinahe mütterliches Lächeln.

„Nun, es ist nicht so selten, dass Geweihte der Eidmutter die Menschen dabei unterstützen, zu ihrer Herrin zu finden, meint Ihr nicht, Euer Wohlgeboren?“ Dann hob die Tempelmutter beschwichtigend eine Hand und ließ vorerst keine Antwort zu. „Doch habt Ihr schon recht, wenn Ihr in diesem Fall mehr dahinter vermutet. Das Angebot zur Hilfe ist nicht zur Gänze uneigennützig.“ Die Gugelforsterin machte eine bedeutungsschwangere Pause und nippte an ihrem Most.

„Ich bringe Euch nicht nur das Angebot, zu helfen, sondern schlage Euch auch gleich eine Lösung vor.“ Travine stoppte abermals und atmete tief durch. „Mein Sohn ist ebenfalls auf der Suche nach einem Eheweib. Er ist ein angesehenes Mitglied der Weidener Ritterschaft, leistete seine Knappschaft am Grafenhof der Heldentrutz ab und ist seit einigen Sommern mit dem Junkergut Lichtwacht in der Baronie Nordhag belehnt. Er ...“, die Geweihte suchte nach den richtigen Worten, „... tut sich auch etwas schwer ... die richtige Dame für den Bund zu finden. Nicht aufgrund seiner Erziehung oder seiner Eigenschaften, sondern eher ... nun ich denke, es ist ebenfalls ein Problem ... unter der Oberfläche.“

Algrid fiel es plötzlich schwer, den Blick der anderen beiden am Tisch zu halten, denn ihr leiser Seufzer war Travine und Arbogast mit Sicherheit nicht entgangen.

Die Vermutung bestätigte sich sofort: Die Aufmerksamkeit des Gastgebers richtete sich erstmals seit einer ganzen Weile auf die Ritterin und sie fürchtete schon, dass er irgendetwas zu ihr sagen würde, als eine Magd an den Tisch heran trat. Keiner hat das Nahen der jungen Frau bemerkt, so konzentriert waren sie auf das Gespräch gewesen. Umso überraschter blickten nun alle auf und selbst Arbogast brauchte einen Moment, um sich zu fangen.

„Stell es einfach mit auf den Tisch, Trissa“, meinte er knapp. „Und dann ab dafür, wir haben sonst alles, was wir brauchen!“

Die Magd kam der Aufforderung mit einem kleinen Knicks nach und zog dann rasch wieder von hinnen. Zurück blieb ein großer Teller, der mit Fürchten bemalt und mit einigen durchaus verlockend anzusehenden Spezereien beladen war. Algrid griff sofort zu – vor allem, weil man mit vollem Mund nicht reden konnte und diese Maßnahme sie daher hoffentlich vor neugierigen Fragen des Junkers bewahren würde.

Tatsächlich schien der ihren herzerweichenden Seufzer schon wieder ganz vergessen zu haben, denn er wandte sich Travine zu und machte eine einladende Geste in Richtung Gebäck. Er schien die Gugelforsterin mittlerweile aber schon so weit durchschaut zu haben, dass ihm klar war: Die kurze Unterbrechung würde sie nicht davon abhalten, das Gespräch fortzuführen. Folglich versuchte er auch gar nicht erst, sich selbst zu bedienen und die Sache dadurch weiter in die Länge zu ziehen. Stattdessen knüpfte er nahtlos an das an, was zuletzt gesagt wurde.

„Trautmann von Gugelforst“, meinte er und neigte das Haupt leicht zur Seite. „Das ist Euer Sohn, nicht wahr, Hochwürden?“ Er wartete das angedeutete Nicken Travines ab und fuhr dann fort: „Der Name sagt mir etwas. Auch der des Junkertums drüben on Nordhag. Ich war zwar selbst nicht da, aber ich habe Geschichten über die Brautschau von Frouwen Leudane gehört – und darüber, dass Euer Sohn zu den aussichtsreichsten Bewerbern gehörte.“

Interessanterweise gewann der Dûrrnwanger mit einem Mal rasch an Selbstsicherheit. Seine Stimme wirkte jetzt deutlich fester als noch vor dem Auftauchen der Magd. Vielleicht ja, weil es nicht mehr um seine Schwester ging, die offenbar einen wunden Punkt darstellte? Womöglich hatte er in der Vergangenheit schon oft bohrende Fragen über sie beantworten müssen, sodass er mittlerweile gar nicht mehr anders konnte, als in die Defensive zu gehen? Gleich wie: Die Pergelgrunderin hörte aufmerksam zu, während sie kaute und hoffte, dass sie nicht noch einmal in den Mittelpunkt des Interesses geraten würde.

„Es ehrt mich, dass Ihr eine eheliche Verbindung mit unserer Familie in Betracht zieht, Hochwürden“, meinte der Dûrrnwanger unterdessen. Tatsächlich wirkte sein Gesichtsausdruck eher verwundert als geschmeichelt – es war aber eindeutig angenehme Überraschung und keine Irritation. „Allein, meine Schwester Gwendolyn kann sowohl vom Rang als auch vom Wesen her nicht ernstlich mit der Finsterkammerin verglichen werden. Ich nehme an, das wisst ihr bereits und habt es in Eure Überlegungen einbezogen?“

Travine ließ sich jedoch weiter nicht in die Karten blicken. Der Ausdruck auf ihrem Antlitz war unverändert und auch der Gefühlsausbruch der Ritterin an ihrer Seite, die sich nun mit Gebäck den Mund vollstopfte, als hätte sie seit Wochen nichts gegessen, hatte ihr nicht einmal einen Blick abgerungen.

„Leudane von Finsterkamm, ja, die einzige Frau, um die mein Sohn offiziell geworben hat“, die Geweihte entschied sich dazu, ein bisschen weiter auszuholen, meinte sie in Arbogast doch jemanden zu erkennen, der dasselbe Theater mit seiner Schwester durchzumachen hatte, wie sie mit ihrem Sohn. „Ich habe es ihm bisher freigelassen, sich eine Frau zu suchen. Er ist ein guter Mann ... treu, wohlerzogen, pflichtbewusst und er hat sich die letzten Sommer aufopferungsvoll um seine Schutzbefohlenen und sein Lehen gekümmert“, meinte sie nicht ganz ohne Stolz. „Ihm wurde ja eine Burgruine zum Lehen gegeben, doch hat er es in recht kurzer Zeit geschafft, sie wieder zu einem Zuhause zu machen. Nun, da dies vollbracht ist, helfe ich ihm bei der familiären Planung. Ihr kennt die Situation offenbar, in der ich mich befinde.“

Travine warf Arbogast einen forschenden Blick zu, wartete seine Antwort jedoch nicht ab, sondern sprach direkt weiter: „Ich bin keine Politikerin, Euer Wohlgeboren, doch Eure Familie besitzt selbst einen guten Leumund.“ Die Dienerin der Eidmutter war keine Verfechterin des Gedanken, sich lediglich mit Häusern zu verbinden, die entweder genauso so traviafromm waren wie ihres oder einen Zuwachs an Macht und Ansehen versprachen. Nein, sie war überzeugt, dass auch kleinere Geschlechter wie die Dûrrnwangens einen Platz in der erweiterten Familie verdienten. Gerade die brauchten jemanden, der sie an der Hand nahm und der gütigen Mutter zuführte. Zudem war Gwendolyn alles andere als schlechte Partie – insbesondere wenn man ihre Abstammung mütterlicherseits bedachte.

„Das Wesen Eurer Schwester mag sich von dem ihrer Hochgeboren unterscheiden, ich kenne leider beide Damen nicht persönlich, aber das bedeutet ja nicht, dass nicht auch Gwendolyn eine ausgezeichnete Ehefrau, Partnerin und Mutter sein kann“, stellte sie fest, und ihre Lippen verzogen sich zu einem herzlichen Lächeln. „Ich versichere Euch, dass es von unserer Seite keinerlei Bedenken hinsichtlich ihrer Abstammung gibt. Wir empfinden Eure Schwester als eine gute Partie für meinen Sohn und könnten uns sogar vorstellen, bei Verhandlungen zum Ehevertrag Zugeständnisse zu machen. Beispielsweise, was den Adelsnamen betrifft, ist uns die schwierige Lage Eures Geschlechts doch bewusst.“

Der letzte Satz hätte sich wie eine versteckte Kritik daran anhören können, dass die Dûrrnwangens praktisch vor der Ausrottung standen, doch gab Travine ihn vollkommen wertungsfrei wieder. Kopfschwache Familien existierten in der Mittnacht viele und sie wusste, dass das in diesen Breiten kein Zeichen für fehlende Bereitschaft sein musste, sich seinen dynastischen Pflichten zuzuwenden. So verhielt es sich auch bei den Dûrrnwangens: Arbogast und Gwendolyn waren die letzten von fünf Kindern, ihre älteren Geschwister allesamt in diversen Schlachten der vergangenen Jahrzehnte gefallen.

Travine hatte den Junker die ganze Zeit über aufmerksam im Auge behalten und registriert, dass dessen Augen durchaus an der einen oder anderen Stelle verwundert aufblitzten. Vielleicht wunderte er sich einfach nur darüber, dass sie recht gut über seine Familie Bescheid zu wissen schien – vielleicht aber auch darüber, wie weit ihre Überlegungen zu einem Bund, der noch komplett in den Sternen stand, schon gediehen war. Als sie die Sache mit den Namen erwähnte, schien Arbogast etwas sagen zu wollen, doch die Priesterin bedeutete ihm mit einer vagen Geste, dass sie noch nicht fertig war, und führte ihren Monolog ganz unbeirrt fort:

„Wenn Ihr Interesse habt und Eure Schwester einverstanden ist, würde ich Euch gern auf den Hag nach Weidenhag einladen. Zum Kennenlernen und – soweit sich die Sache gut entwickelt – hoffentlich auch, um erste Formalitäten zu erledigen. Zumindest über eine Verlobung könnten wir direkt sprechen und vielleicht auch schon die wichtigsten Punkte eines möglichen Ehevertrags abstecken.“ Travine war bewusst, dass vor allem das Einverständnis der Braut zu einem Problem werden konnte, sofern sie die Worte des Junkers richtig gedeutet hatte. Doch war ihr Anliegen durch diesen Vorstoß nun schon einmal deponiert und Arbogast konnte sich ein paar Gedanken dazu machen.

Algrid entgleiste unterdessen etwas das Gesicht. Hatte ihre Begleiterin denn nicht gehört, was der Junker zuvor sagte? Hatte sie seine Unsicherheit nicht mitbekommen? Selbst der Blaubingerin war das Unwohlsein des Gastgebers nicht entgangen, obwohl sie mehr auf die Tischplatte, ihren Mostkrug oder in die Gebäckschale sah, als der Unterhaltung zu folgen. Diese Gwendolyn hatte wohl einen recht schwierigen Charakter – wie konnte Travine es da verantworten, nach einem Viertel Wassermaß bereits ein solches Angebot auszusprechen? Noch dazu, wo die Frau ja nicht einmal anwesend war?

Ähnliche Fragen schien sich auch der Dûrrnwanger zu stellen. Auf der einen Seite wirkte er nun wirklich beeindruckt und deutlich geschmeichelt. Auf der anderen glaubte die Pergelgrunderin aber nach wie vor Zweifel in seinen Augen schimmern zu sehen. Ein bisschen was von der Nervosität war auch zurückgekehrt, als die Travianerin ihn mit ihren Vorstellungen überrollte, das spürte Algrid förmlich. Etwas bereitete ihm nach wie vor Kopfzerbrechen – und sie glaubte, eine ziemlich genaue Vorstellung davon zu haben, was das war.

„Vielen Dank für Eure freundlichen Worte zu unserer Familie und auch für das Angebot bezüglich des Namens, das für uns natürlich ein sehr interessantes wäre“, hob der Herr von Hollerstockhöhe nach einer kurzen Pause an. Er lächelte und nickte nachdenklich, während er Travines Blick suchte. „Eurer Einladung nach Weidenhag werde ich gern Folge leisten und auch meine Schwester dafür gewinnen – verlasst Euch darauf! Nachdem Ihr offenbar schon einiges an Zeit in diesbezügliche Überlegungen investiert habt, kommt es gar nicht in Frage, das nicht geschehen zu machen. Also haben wir diesbezüglich bereits eine Einigung erzielt und müssen uns nur noch über Details unterhalten.“

Nachdem das gesagt war, schien der junge Mann innerlich tief durchzuatmen und Mut für das zu sammeln, was er als nächstes ansprechen wollte. Um die Pause zu füllen, hob er wie gehabt den Mostbecher an seine Lippen. Er ließ den Blick auch kurz zum Gebäck hinüber wandern, wagte es aber anders als Algrid nicht, sich daran zu bedienen.

„Da wir so weit nun schon mal sind, würde ich gern auf einen anderen Punkt zurückkommen, Hochwürden“, meinte er dann vorsichtig. „Diese ... nun ... Probleme unter der Oberfläche ... sollten wir vielleicht wechselseitig kennen, bevor wir uns auf so ein Treffen einlassen. Nicht, dass wir am Ende eine böse Überraschung erleben. Ihr spracht davon, dass Euer Sohn bislang nur einmal um eine Frau geworben hat – und danach nicht mehr, obwohl Ihr ihm freie Hand gegeben hattet. Wie ist das zu verstehen? Bitte verzeiht, ich will Euch beileibe keine ungehörigen Fragen stellen. Ich versuche nur, zu begreifen. Hat er kein Interesse? Oder war es so sehr damit beschäftigt, besagte Ruine wieder aufzubauen und ein Heim für seine Leute zu schaffen, dass er schlicht nicht dazu gekommen ist?“

Eine beschwichtigende Handbewegung der Geweihten zeigte Arbogast, dass sie seine Neugier nicht negativ auffasste: „Die Fragen sind schon in Ordnung. Nichts anderes habe ich von einem gewissenhaften Familienoberhaupt erwartet. Hier geht es immerhin auch um die Zukunft Eurer Schwester.“

Nun warf Travine erstmals seit längerem wieder einen kurzen Seitenblick auf Algrid, die sich förmlich an der Tischplatte festzuhalten schien. Die Hochgeweihte war nicht dumm. Sie wusste durchaus, was die Ritterin mit ihrem Sohn verband und sah den jetzigen Besuch in gewisser Art auch als eine Form der Therapie: Die Blaubingerin sollte das nun Gehörte auch verstehen und für sich nutzen. Sie musste loslassen und zusehen, dass sie ihr Glück in der Gründung einer eigenen Familie fand.

„Mein Sohn hatte sich die letzten Sommer in der Tat sehr viel Ballast aufgeladen“, hob die Gugelforsterin nach einer kurzen Pause an. „Dinge, die sich in einer starken ehelichen Gemeinschaft auf die Schultern eines Paars aufgeteilt hätten und somit leichter zu bewerkstelligen gewesen wären. Doch blieb zwischen seinem Werben für die Baronin von Nordhag und seiner Belehnung keine Zeit, sich um die Suche nach einer Verlobten zu kümmern.“ Abermals schielten die Augen der Geweihten auf ihre jüngere Begleitung – fast schien es, als wolle sie sich vergewissern, dass sie auch ja gefasst blieb. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es ein Mitgrund dafür war, dass er auf dem Heiratsmarkt untätig war.“

Mitgrund? Algrid blickte verwundert auf.

Travine fuhr indessen ganz ungerührt fort: „Der andere Grund ist meines Wissens das Wesen meines Sohns. Er mag in vielen Bereichen impulsiv sein, doch bei tiefgreifenden Entscheidungen wie der für einen Traviabund ist er sehr bedacht und verlässt sich auch auf die helfende Hand seiner Mutter. Die Aufgaben in seinem Lehen, für die Finsterwacht und den Grafen machen es ihm offenbar unmöglich, die verfügbaren Damen selbst zu kontaktieren. Deshalb sehe ich mich nun für ihn um und spreche Euch in seinem Namen ein Angebot aus.“

Es war nicht die ganze Wahrheit, die Travine hier von sich gab. Algrid wusste das. Sie kannte Trautmann in mancher Hinsicht wohl besser als seine Mutter – zumindest hatte er sich ihr stets ganz selbstverständlich anvertraut. Aus dem Grund war der Blaubingerin auch klar, dass der Junker sehr unsicher war, was die Ehe anging. Er wusste, dass von ihm erwartet wurde, eine zu schließen, und dass es auch seine Pflicht war. Doch genoss er sein Leben als Junggeselle durchaus. Trautmann war nie ein Frauenheld gewesen, dafür war er zu ehrlich in seinen Absichten und dazu fehlte ihm auch die nötige Eloquenz. Dennoch hatte er immer mal wieder ausgedehnte, aber sehr diskrete Liebschaften unterhalten.

„Seid jedoch versichert, dass ich nicht hier sitzen würde, wenn ich an der Befähigung und dem Willen meines Sohnes zweifeln würde, Eurer Schwester ein respektvoller, treusorgender und liebevoller Ehemann zu sein“, Travine schenkte Arbogast ein Lächeln, nippte an ihrem Most und schlug dann noch einmal das Thema an, das ihm so unangenehm war. „Eure Schwester ... Ihr habt vorhin von ihrem Wesen gesprochen, das eine Verlobung bisher erschwert hat. Nun denke ich nicht, dass mein Sohn nicht damit umgehen könnte, was auch immer es sein mag, doch: Was genau meintet Ihr damit?“

„Eigentlich weniger ihr Wesen, als das Verhalten den Interessenten gegenüber. Wobei das Wesen sicher auch nicht unbedingt dem entspricht, was sich ein Weidener Ritter gemeinhin von seiner Gemahlin wünschen würde“, meinte Arbogast.

Er hielt kurz inne, um Tarvine mit einem nachdenklichen Blick zu messen. Dabei wirkte er zwar immer noch ein wenig gehemmt, aber bei weitem nicht mehr so nervös wie ehedem. Die Gugelforsterin hatte ihre Karten offen auf den Tisch gelegt – und wie es aussah, half ihm das dabei, ebenfalls frei zu sprechen. Er griff nicht mal nach seinem Becher, bevor er zu der von Algrid schon lange herbeigesehnten Erklärung ansetzte:

„Gwendolyn nennt eine sehr leidenschaftliche Art ihr Eigen, Hochwürden. Sie lässt sich von ihren Gefühlen leiten, nicht vom Verstand, ist behütet aufgewachsen und daher recht unbekümmert, zudem äußerst feinsinnig, was sie leider verletzlich macht. Überdies ist sie klein und zart und blond und so niedlich, dass die Herren der Schöpfung ihren Dünkel gern mal übersehen. Zunächst jedenfalls. Und den Eigensinn kann man ihr ja auch nicht unbedingt von der Nasespitze ablesen. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, boxt sie das durch. Ich meine ... sie ist Hofkünstlerin, Hochwürden. Ihr könnt Euch sicher denken, dass das nicht meine Idee war. Ich habe ihr zu etwas anderem geraten. Aber sie wollte nicht hören und hat solange auf mich eingewirkt, bis ich nachgab.“

Er lächelte der Geweihten zu – entschuldigend fast. Als täte es ihm im Nachhinein leid, dass er damals nicht mehr Entschiedenheit gezeigt hatte.

„Ich denke, die Kombination aus Leidenschaft und Willenskraft ist auch das Problem. Also das, was ich mit ‚unter der Oberfläche‘ meine. Gwendolyn will überhaupt nicht heiraten und schon gar nicht irgendwen. Vielleicht liegt das ein Stück weit an mir, ich gehe schließlich mit schlechtem Beispiel voran. Und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass ich mich noch nicht dazu durchringen konnte, ein Machtwort zu sprechen.“ Er hob die Schultern. „In jedem Fall verhielt es sich mit den Männern bislang meist so: Sie wollten das naive, gefühlige Mädel im Sturm nehmen und merkten leider erst, dass sie die Wehr besser oben gelassen hätten, als sie schon sterbend in der Palisade hingen. Und die, die rücksichtsvoller vorgegangen sind ... na ja ... hatten auch einen schweren Stand. Sie sind irgendwann zu dem Schluss gelangt, dass der Nutzen die Kosten nicht aufwiegt. Also haben sie ihre Bemühungen eingestellt. Verständlicherweise.“

Arbogast kratzte sich verlegen am Kopf und wollte nun doch wieder nach dem Mostbecher greifen – überlegte es sich aber im letzten Augenblick noch einmal anders.

„Damit  es keine Missverständnisse gibt“, schob er rasch nach, „Es nicht so, als ob wir alle Nase lang Besuch hier hätten. Und meist gab es auch keinen förmlichen Rahmen, sondern ich habe Gwendolyn Freunde und Bekannte vorgestellt. Sie zählt jetzt 25 Winter. Es sind in den vergangenen vier Götterläufen insgesamt sechs gewesen. Und einer davon ... nun ... das war ... der war nicht hier, sondern wir bei ihm, weil er nach Adlerflug in der Sichelwacht eingeladen hatte. Aber über dieses Erlebnis reden wir besser nicht. Das war mit Abstand das schlimmste Gemetzel. Wobei ich sagen muss, dass es mir um den Kerl nicht leid tut – nicht zuletzt, weil er am Ende dennoch eine Braut gefunden hat. Sogar aus Eurer Heimat, der Heldentrutz.“

Travine hatte den Worten des Junkers aufmerksam gelauscht. Beim Begriff ‚Gemetzel‘ zog sie kurz eine Braue hoch und wunderte sich über die vom Gastgeber angeschlagene Wortwahl. Ihr brannte auch sofort die Frage auf der Zunge, wie sich die Sichelwacht mit Arbogasts Wunsch vertrug, seine Schwester in der Nähe zu behalten, doch ließ sie dies unausgesprochen.

Neben ihr kaute Algrid derweil auf der Unterlippe. So abschreckend die Worte des Junkers im ersten Moment wirken mochten: Sie sah keine Gefahr für Trautmann. Er war keiner, der naive Mädchen im Sturm erobern wollte. Diese Art Frau interessierte ihn nämlich gar nicht. Er wollte eine starke Partnerin. Nicht weil er sich unterzuordnen gedachte, sondern weil er es schätzte, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Er mochte Frauen, die ihn forderten und Kampfgeist zeigten, denn nur so konnte man gemeinsam wachsen. Sollte diese Gwendolyn also tatsächlich einen starken Willen und eine ebenso starke Persönlichkeit haben, dann fand er das womöglich sogar interessant und konnte über das eine oder andere hinwegsehen.

„Ich verstehe“, meinte Travine unterdessen. Wenn Arbogasts Worte sie Hochgeweihte in irgendeiner Art irritiert hatten, ließ sie sich dies nicht anmerken. „Ihr tätet in diesem Fall vielleicht wirklich gut daran, ein Machtwort zu sprechen. Es ist öfter einmal vonnöten, junge Menschen an der Hand zu nehmen und der gütigen Mutter zuzuführen, doch sorgt Euch nicht“, auf den Lippen der Hochgeweihten Lippen zeigte sich ein mütterliches Lächeln, „ich bin davon überzeugt, dass Eure Schwester das Glück und die Erfüllung einer Ehe bald zu schätzen lernt und Euch in weiterer Folge dankbar für Euren Fingerzeig sein wird.“

Die junge Ritterin an ihrer Seite schob sich wieder ein Stück Kuchen in den Mund, während sie zuhörte und sich ihren Teil dachte. Ob Trautmann seiner Mutter am Ende auch dankbar sein würde? Nach allem, was sie bisher gehört hatte, wagte sie es das zu bezweifeln.

„Wo hat Eure Schwester denn ihre Ausbildung erfahren? Hofkünstler sind in Weiden ja etwas eher Seltenes. Wiewohl auch meine Nichte eine sehr begeisterte Künstlerin ist“, Travine hielt nicht viel von diesem Handwerk, doch ließ sie sich das nicht anmerken.

„Sie ist zuerst in Perricum gewesen. Unser Minimalkonsens war, dass sie die Kunst der Buchmalerei erlernt und sich auch in der Kalligraphie schulen lässt – was drunten im Südosten wohl besser geht als anderswo, da es sich um eine ursprünglich tulamidische Tradition handelt“, erklärte Arbogast freimütig. „Ich dachte, mit diesen Fähigkeiten könnte sie sich später einmal auf den Rhodenstein nützlich machen. Deshalb war sie auch bei einer Künstlerin in der Lehre, die öfter Aufträge aus der Löwenburg erhält.“

Arbogast hielt kurz inne und fuhr sich nachdenklich mit der Hand durchs Haar, ehe er fortfuhr: „Sie hat das alles mit großem Ernst und Eifer betrieben. Allerdings schrieb die Lehrmeisterin mir nach dem ersten Götterlauf einen Brief, in dem stand, dass Gwendolyn eine auffällige Begabung für die ... äh ... figurative Kunst erkennen lässt und dass es eine Schande wäre, diese nicht zu fördern. Also hat sie nicht nur drei, sondern vier Jahre gelernt. Als sie bald 20 Winter zählte, kam sie hierher zurück und ist mit Ende 20 für ein Jahr ins Horasiat, die Heimat meiner Mutter, um  sich fortzubilden. Später war sie noch mal einen halben Götterlauf dort, also ... ich denke, dass sie jetzt langsam mal ausgelernt hat?!“

Der Dûrrnwanger wirkte ein wenig ratlos, vermutlich nicht zuletzt wegen der von Travine bereits angesprochenen Seltenheit der Profession in den Weidenlanden. Es sah ganz so aus, als hätte er im Grunde nicht viel Ahnung von dem, was seine Schwester trieb. Vermutlich war das in erster Linie einem Mangel an Interesse für die feinen Künste geschuldet, das ihm nun wirklich niemand ernsthaft vorwerfen konnte.

„Ich glaube, sie ist wirklich sehr begabt“, fügte er schließlich erkennbar zerknirscht an. „Aber ich wäre wohl auch ein schlechter Bruder, wenn ich das anders sähe.“

Abermals lächelte die Hochgeweihte ihm freundlich zu. „Nicht unbedingt, Euer Wohlgeboren“, meinte sie dann. „Es ist wichtig, dass Ihr Eurer Schwester ehrlich und geradeheraus begegnet, auch wenn es ihr im ersten Moment wehtun würde: Am Ende des Tages wird sie Euch dafür dankbar sein.“

Algrid war sicher, dass es bei diesen Worten nicht um Gwendolyns Talent für die Kunst und die Meinung des Junkers diesbezüglich ging. Und sie war sicher, dass Travine nicht weiter auf den Werdegang ihrer eventuellen Schwiegertochter in spe eingehen würde. Die Tempelmutter von Weidenhag stand den „schönen Künsten“ nämlich eher reserviert gegenüber, was auch der Streit um den neuen Weidenhager Rahjatempel zeigte. Umso mehr wurde die Blaubingerin von den nächsten Worten ihrer Begleiterin überrascht.

„Und Eure Schwester hat es bisher nicht geschafft, in Weiden eine Anstellung zu finden?“, hakte Travine nach. „Hat sie es bei den Kirchen versucht? Heiligenbilder für Tempel oder auch beim Adel ... Portraits für Ahnengalerien sollten doch gefragt sein.“

„In Trallop gibt es eine Hofkünstlerin, die allein schon die Anfrage meiner Schwester als schwere Beleidigung empfunden zu haben scheint. Die Balihoer sind auch versorgt. Olat hat mit dem Umbau der neuen Grafenfeste in Pallingen gerade andere Sorgen. Und aus Salthel kam überhaupt keine Antwort. Damit sind die Weidener Höfe, an denen wir eine feste Anstellung für möglich gehalten hätten, abgegrast“, erklärte Arbogast. „Tempel und Klöster hat Gwendolyn noch nicht kontaktiert. Sie sagt, dass sie als Hofkünstlerin mehr Freiheiten hätte denn als Buchmalerin und dass sie diese gern erst mal genießen würde, so weit es eben möglich ist. Ich glaube, ich verstehe sogar, was sie damit meint.“ Der Junker lächelte schief.

„Das Hollerheider Baronshaus hat meiner Schwester ein paar Aufträge in Aussicht gestellt“, fuhr er dann fort. „Wie Ihr vielleicht wisst, steht Familie Weiden-Harlburg der Kirche der Heiteren Göttin nahe und kann den schönen Künsten daher einiges abgewinnen. Allerdings ist auch hier eine feste Anstellung nicht denkbar. Gwendolyn selbst hatte die Idee, ihre Dienste einfach an verschiedenen Höfen anzubieten, aber das sagt mir nicht zu. Das hier ist Weiden und nicht das Horasiat. Ich kann sie nicht allein durch die Gegend ziehen lassen, dafür ist sie nicht wehrhaft genug. Und auf Dauer jemanden abzustellen, der mit ihr durch alle Ecken der Mittnacht reist ... das kann ich mir auch nicht vorstellen.“ Der Dûrrnwanger hob die Schultern und stieß einen resignierten Seufzer aus.“

„Nun, vielleicht können wir Euch ja helfen?“, meinte Travine daraufhin. „Ich bin mir sicher, dass meine Nichte ihre Kontakte spielen lassen und Eurer Schwester Aufträge verschaffen könnte. Sie hält engen Kontakt zu kunstinteressierten Weidenern, wie zum Beispiel unserer Base Liutpercht von Dûrenwald, der Vögtin von Dornstein, oder Malepia von Helburg, der Gemahlin des Landvogts von Waldleuen. Auch in den Marken gäbe es Möglichkeiten. Gwidûhenna verbrachte ihr halbes Leben dort und erfuhr ihre Ausbildung am Hof des wohl bekanntesten Kunstsammlers des Reiches. Sie hat sowohl einen Sinn dafür, als auch die nötigen Kontakte, um Gwendolyn da die eine oder andere Tür zu öffnen, würde ich meinen. Darüber hinaus haben wir familiäre Verbindungen in den Marken, Greifenfurt und sogar im firunwärtigen Garetien.“

Algrid zog eine Augenbraue hoch und wandte sich ihrer älteren Begleiterin verwundert zu. Die Gugelforsterin sprang über ihren eigenen Schatten, wie es schien.

„Es geht uns nicht darum, Eure Schwester von dem fernzuhalten, was sie ausmacht, Wohlgeboren“, fuhr Travine unterdessen gänzlich ungerührt fort. „Solange sie weiß, wie sie ihre Prioritäten zu setzen hat und die Familie für sie an der ersten Stelle steht, sehe ich da kein Problem.“

Arbogasts hatte die lange Aufzählung seines Gasts mit immer größer werdenden Augen verfolgt. Er schien nicht recht fassen zu können, was er da hörte und antwortete auch nicht sofort, als Travine ihre Rede beendete. Stattdessen starrte er sie einen Moment schweigend an. Algrid glaubte, erstmals vorsichtige Zuversicht im Gesicht des Herrn von Hollerstockhöhe aufscheinen zu sehen. Was die geweckt hatte, würde wohl sein Geheimnis bleiben. Vielleicht schlicht die Aussicht auf Aufträge für seine Schwester. Vielleicht aber auch die Hoffnung, dass es ihm mit diesem fraglos hohen Trumpf in der Hand endlich gelingen würde, die Widerspenstige doch noch von den Vorzügen einer Ehe zu überzeugen ...

„Das ... äh ... das klingt ganz hervorragend, Hochwürden“, hob der Junker schließlich mit leicht belegter Stimme an. „Dafür wären wir Euch zu großem Dank verpflichtet, und ich kann Euch gar nicht sagen, wie viel es Gwendolyn bedeuten würde. Vor allem das, was ihr zuletzt gesagt habt. Dass Ihr sie nicht von dem fernhalten wollt, was sie ausmacht, meine ich.“ Er lächelte der Gugelforsterin  zu und wirkte jetzt schon sehr dankbar. Dann schien ihm allerdings ein Gedanke durch den Kopf zu schießen, der ihn wieder etwas ernster werden ließ: „Denkt Ihr denn, dass Seine Wohlgeboren, Euer Sohn, das ebenso sieht? Hätte er auch nichts dagegen, dass seine Gemahlin einer solchen Beschäftigung nachgeht?“

Algrid hätte diese Frage sofort beantworten können. Sie wusste, dass es Trautmann nicht nur nichts ausmachen würde, wenn seine Frau einer Beschäftigung nachging, die sie erfüllte, er würde es sogar unterstützen. Er wollte schließlich eine Partnerin und keinen hübschen Vogel, den er in einem Käfig hielt.

Travine schien ein ähnliches Bild von ihrem Sohn zu haben. „Ich denke nicht, dass er ein Problem damit hat, Wohlgeboren“, meinte sie und klang dabei sehr überzeugt. „Es wäre auch nicht das Bild, das wir unseren Kindern vermitteln. Wir sind der Meinung, dass ein jeder und eine jede der Familie mit seinen oder ihren Talenten am besten dienen kann.“ Sie nahm einen Schluck vom Most und hob dabei den Zeigefinger der freien Hand. „Solange die Familie und die damit einhergehenden Pflichten darunter nicht leiden, wohlgemerkt. Ich darf Euch ein Beispiel geben. Meine Nichte Gwidûhenna: Es gab wohl nichts, was sich mein Bruder Andîlgarn so sehr wünschte wie sie als stolze Ritterin zu sehen, ist sie doch seine Erstgeborene und Erbin. Deshalb schickte er sie nach Darpatien in die Pagenschaft. Schon recht früh wurde jedoch klar, dass das Waffenhandwerk nichts für sie ist. Sie war ein Schöngeist, malte Landschaftsbilder, musizierte auf ihrer Handharfe und tanzte gern. An der Waffe zeigte sie wenig bis gar keine Begabung, dafür jedoch für Zahlen und Bücher.“

Travine verzog kurz ihre Mundwinkel: „Es brach meinem Bruder fast das Herz, kann er mit derlei doch wenig bis gar nichts anfangen. Trotzdem setzte er sich dafür ein, dass sie im Ochsenwasser-Palast zu Rommilys Aufnahme fand, wo man sich ihrer Talente und Interessen am besten annehmen konnte. Sie erhielt eine fundierte Ausbildung im Gefolge des Grafen Barnhelm von Rabenmund und diente seiner Hochwohlgeboren nach ihrer Ausbildung in der gräflichen Kanzlei. Doch als ihre Familie sie brauchte, kam sie zurück nach Weiden. Damals starb ihre Mutter Rodwiga  und sie übernahm deren Aufgaben an der Seite ihres Vaters, wie es ihre Pflicht war.“ Der Blick der Tempelmutter ging zwischen Algrid und Arbogast hin und her: „Genau so wurde auch mein Sohn erzogen und eben dieses Zugeständnis an den Sinn für die Eigenverantwortung ist auch der Grund dafür, dass ich ihm bei der Suche nach einer Ehefrau freie Hand gelassen habe.“

Der Blick der Blaubingerin lag interessiert auf dem Gastgeber. Würde er sich mit dieser Antwort zufriedengeben? Offensichtlich war es Arbogast wichtig, seine Schwester in einem Umfeld zu wissen, in dem sie ihren Talenten und Leidenschaften weiter nachgehen konnte. Travine schien daher mit ihren Worten einen Treffer gelandet zu haben und die Ritterin wusste, dass sie keine leeren Hülsen waren, sondern schon auch der Wahrheit entsprachen.

„Wenn das alles auch im Sinne Eurer Schwester ist, wüsste ich nicht was gegen eine Verbindung sprechen sollte“, schob die Hochgeweihte gerade nach und bedachte den Dûrrnwanger mit einem prüfenden Blick.

„Das alles dürfte sehr im Sinne meiner Schwester sein“, eilte sich Arbogast zu betonen. „Die Familie ist ihr sehr wichtig. Allerdings betrachtet sie bisher naturgemäß nur mich als ihre Familie, denn sonst ist ja niemand mehr übrig. Ich denke, es könnte eine Weile dauern, bis sie sich an etwas anderes gewöhnt. Aber wenn es einmal so weit ist, könnt ihr Euch ganz sicher blind auf sie verlassen.“ Die letzten Worte sprach er im Brustton der Überzeugung und gönnte sich dann endlich den Schluck Most, nach dem er die ganze Zeit schon trachtete.

„Aus meiner Sicht und mit dem Wissen, das mir aktuell zur Verfügung steht, spricht absolut nichts gegen eine Verbindung. Aber das heißt nicht, dass sie keine Einwände erheben wird – wie hanebüchen die auch immer sein mögen“, er lächelte schief. „Ich sagte ja schon, dass sie in dieser Hinsicht ein paar sehr merkwürdige Eigenheiten kultiviert. Daher halte ich es für überaus wichtig, dass sie Euch und Eure Familie kennenlernt – vor allem natürlich Euren Sohn. Wenn die beiden sich partout nicht ausstehen könnten, wäre das wohl ein Hinderungsgrund. Aber das lässt sich eben nur herausfinden, indem wir es geschehen machen.“

Travine schenkte dem Junker daraufhin ein schmales Lächeln: „Ich denke, dass das kein Problem darstellen wird. Ich würde Euch und Eure Schwester gern für den 12. Travia auf den Hag in Weidenhag einladen. Wie ich mir habe sagen lassen, jagt Ihr und auch Eure Schwester sehr gern. Ich denke, dass es meiner Nichte und ihrem Gemahl eine große Freude wäre, Euch dazu einzuladen.“

„Nun, es liegt uns sozusagen im Blut“, gab Arbogast zurück. „Die Familie Dûrrnwangen verwaltet Gut Hollerstockhöhe bereits seit einigen Generationen und die Jagd gehört mehr oder minder zum Geschäft. Doch ob nun mit oder ohne: Ich nehme Eure Einladung gern an und freue mich schon auf den Besuch in Weidenhag.“

Die Travianerin nickte, dann wanderte ihr Blick zu Algrid hinüber. „Solltet Ihr ein Ehrengeleit für den Weg nach Weidenhag wünschen, werden wir Euch gern eines stellen“, meinte sie – ohne Frage noch immer an Arbogast gerichtet.

Weil sie so auf die Dienstritterin ihrer Base konzentriert war, entging der Hochgeweihten die Reaktion ihres Gastgebers. Er hatte zunächst abwehrend die Hand gehoben und schien schon drauf und dran, das Angebot auszuschlagen. Dann fiel sein Blick jedoch ebenfalls auf die Pergelgrunderin und er hielt mitten in der Bewegung inne. Ein Gedanke schien ihm durch den Kopf zu gehen, der dafür sorgte, dass er seine Hand senkte und langsam nickte.

„Ihr meint, Frau Algrid könnte uns auf der Reise nach Weidenhag begleiten?“, hakte er interessiert nach. Als Travine dies bestätigte, wandte sich Arbogast mit einem freundlichen Lächeln an die Pergelgrunderin: „Ja, sicher. Warum denn auch nicht? Vielleicht können wir uns an der Grenze zur Trutz treffen, oder so?!“

„Das auszumachen, überlasse ich Euch“, konstatierte die Geweihte und griff nun auch nach einem Stück Gebäck.

Ihre Erleichterung war groß. Nach all den Jahren des Wartens schien sie an dieser Front nun endlich eine Tür geöffnet zu haben. Es wäre eine gute Verbindung und ihr Sohn würde sich seiner Pflicht nicht widersetzen, da war sie sich sicher. Was ihre zukünftige Schwiegertochter anging ... da verließ sie sich ein Stück weit auch auf Gwidûhenna. Die beiden Frauen würden wohl einen Draht zueinander haben – hoffte sie.