Der Rat einer Freundin


Dramatis Personae:

 

Gut Hollerstockhöhe und Burg Distelstein, Ende Efferd/Anfang Travia 1042 BF



Liebe Baraya,

ich weiß, Du bist momentan mit wichtigen verwalterischen Aufgaben befasst, die Deine volle Aufmerksamkeit erfordern. Daher will ich mich kurz fassen und schicke eine Entschuldigung für die Störung voraus. Ich kann nicht anders, als dir zu schreiben, denn ich weiß nicht ein noch aus.

Arbogast hat mir nach meiner Rückkehr auf die Hollerstockhöhe eröffnet, dass ich erneut einem möglichen Gemahl vorgeführt werden soll. Leider handelt es sich diesmal nicht um ein informelles Treffen mit einem seiner Freunde und auch nicht um eine satirische Veranstaltung in der Sichelwacht, sondern um einen „hochoffiziellen“ Termin, zu dem die Familie Gugelforst uns nach Weidenhag eingeladen hat. Ich soll dort Junker Trautmann von Gugelforst zu Lichtwacht kennenlernen, welchselbes in der Baronie Nordhag liegt.

Arbogast fordert, dass ich mich diesmal „benehme“, weil der Ruf der Familie sonst schwereren Schaden nehmen könnte. Es leuchtet mir ein. Gleichwohl: Er hat das Treffen ohne meine Zustimmung vereinbart, und ich bin so zornig, dass ich ihn am liebsten auflaufen lassen würde wie nie zuvor ...

Ich schreibe Dir, um zu fragen: Was rätst du mir? Wie soll ich mich betragen? Du kennst meine Haltung zu Arbogasts Versuchen, mich in etwas zu zwingen, das er für sich selbst nicht will. Und meine Angst vor dem, was aus meinen Träumen wird, wenn ich mich in etwas füge, das mir unerträglich scheint.

Was nun mit mir geschieht, hast Du bereits durchlitten, also kann ich mir nichts Hilfreicheres vorstellen, als Manövrierhilfen aus Deiner Feder. Ich wäre unendlich dankbar, wenn Du Dir Zeit für ein paar Zeilen nehmen könntest – verstehe aber auch, wenn Deine Pflichten es gerade nicht zulassen.


Die Zwölfe allzeit mit Dir,
Gwendolyn


PS: Wir brechen am 8. Travia in die Trutz auf.

PPS: Wenn Deine Aufgabe es zulassen, kannst du uns vielleicht alsbald auf der Hollerstockhöhe besuchen? Ich gebe gern Bescheid, wenn wir von unserer Reise zurück sind.


***


Er stand nun schon eine kleine Weile in der Tür, die in den kleinen Raum führte, den Baraya als Schreibzimmer nutzte. Eigentlich war der Anblick, der sich ihm bot, durchaus vertraut. Die hölzerne Täfelung glänzte matt, die Bemalung der Wand darüber wirkte im Kerzenlicht, als würde sie jeden Augenblick zum Leben erwachen, Kommoden und Schreibtisch waren bedeckt von Papieren, Büchern sowie Pergamentrollen und seine Gemahlin saß, vertieft in irgendetwas, mittendrin.

Isedorn lächelte, weil es ein so friedliches Bild war. Eines, das ihn unterdessen mit heimeliger Wärme erfüllte, wie er feststellte. Er scheute sich, Baraya aus ihrer Konzentration zu reißen und beschloss, einfach hier stehen zu bleiben, bis sie von sich aus den Blick hob und gar nicht anders konnte, als ihn wahrzunehmen. Immerhin stand er nur drei gute Schritte von ihr entfernt und war nicht gerade schmächtig.

Zu spät ging ihm auf, dass die anhaltend offene Tür etwas gefährdete, was Baraya lieb und teuer war: die mittels eines kleinen Kamins erzeugte Wärme, die nur zum Bleiben überredet werden konnte, wenn Fenster und Tür fest geschlossen waren. Was ihm erst wieder einfiel, als er das Schaudern bemerkte, mit dem Baraya von ihrer Lektüre aufblickte. Mit gerunzelter Stirn, zusammengezogenen Brauen und ganz und gar unvergnügtem Gesichtsausdruck.

„Du?“, schnappte sie ohne jeden Anflug von Freude. Gefolgt von einem schnarrenden, „was willst du? Dass ich mir den unzeitigen Tod hole? Dann bleib nur weiter so stehen und lass die Kälte der Niederhöllen hier reinziehen.“

„Oh, entschuldige“, Isedorn von Pandlarin beeilte sich in den Raum zu schlüpfen und die Tür hinter sich zu schließen, „das war unbedacht. Ich werde das Feuer umgehend neu schüren, dann ist dir gleich wieder warm, mein Herz.“ Er legte seine Kladde und den Korb mit Blüten und Blättern zuoberst auf einen Bücherstapel und wollte beflissen das Gesagte in die Tat umzusetzen.

„Weil ich das selbst nicht kann, oder wie? Lass gut sein und sag mir, was du willst. Ich habe zu tun.“

„Ähm … nein, eigentlich“, irritiert blinzelnd verhielt Isedorn mitten in seiner Bewegung.

„Ich bin sehr gut in der Lage, das Feuer selbst am Laufen zu halten und für einen angenehm temperierten Raum zu sorgen, Dankeschön. Bis eben habe ich das auch wunderbar bewerkstelligt. Wir Frauen“, fuhr sie schneidend fort, „sind nämlich tatsächlich durchaus in der Lage, unser Leben in die eigenen Hände zu nehmen.“

„… öm … bitte?“

„Oh ja, sofern die Herren der Schöpfung uns die Gelegenheit dazu lassen, sind wir das sehr wohl. Wenn du dich nützlich machen willst, sorge dafür, dass der Holzkorb aufgefüllt wird und lass mir meine Ruhe.“

„Also, hör mal, ich wollte dich doch nur …“, langsam wurde es Isedorn zu bunt. Gut, er hatte die Tür aufgelassen. Gut, das war dämlich, aber darüber hinaus hatte er sich doch nichts zuschulden kommen lassen.

Baraya beäugte Kladde und Grünzeug. „Sieht nicht so aus, als wäre das da mein Beritt.“

Lautes Klopfen ertönte und die Tür wurde unmittelbar geöffnet. Ein gutgelaunter Baron, die jüngste Tochter nonchalant unter den rechten Arm geklemmt, duckte sich unter dem Rahmen hindurch. „Heja, Baraya“, hub er an und wurde seines Schwagers gewahr und verhielt in der Bewegung. Klein-Grini fing unleidlich an zu zappeln und ihr Vater musste eilends nachfassen. „Isedorn? Du auch hier?“

„Oh ja, das ist er, wollte aber gerade gehen. Was willst du jetzt?“ Barayas missgelaunter Blick wanderte ansatzlos zu ihrem Bruder hinüber.

„Eigentlich nicht“, erklärte Isedorn ungefragt und straffte seine Haltung. Beinahe zeitgleich sagte Lanzelund ebenfalls „Eigentlich“, was dazu führte, dass die beide Männer einander verdutzt ansahen.

„WAS AUCH IMMER“, erstickte Baraya potentielle Erklärungen laut im Keim. „Ich habe jetzt keine Zeit. Wenn möglich, merkt euch, was ihr wolltet und vor allem: überlegt: ob es wirklich so wichtig ist, dass ihr mich damit behelligen müsst. Ich habe jetzt wirklich wichtigeres zu tun. Offenbar sind die Männer der Hollerheide immer noch der Meinung, ihre Schwestern müssten auf jeden Fall über ihren Kopf hinweg vermählt werden. Aber daran habt Ihr beide ja schon mal nichts wirklich Schlechtes finden können, eh? Also raus jetzt!“ Im Laufe ihrer Rede war die Vögtin der Baronie aufgestanden und wies nun mit ausgestrecktem Arm auf die Tür.

Isedorn und Lanzelund waren von der abweisenden Reaktion, die offenbar auf tiefen Gefühlen der Wut gründeten, überrumpelt. Ehe sie es sich versahen, fanden sie sich vor der Tür wieder.

Griniguld fing leise an zu quengeln und ihr Vater begann sie zu wiegen. „Was war das denn?“, fragte er mit aufgerissenen Augen. „Ich wollte sie doch nur fragen, ob sie Lust hat, später auf einen kleinen Ausritt mitzukommen. Mit den Kindern. Ist ein so schöner Tag.“

„Frag mich nicht, ich wollte nur fragen, welche der Waldreben ihr besser gefällt, damit ich sie auf Sandelbach pflanzen kann. Ich dachte, es wäre doch schön, wenn wir im Sommer durch Blüten aus dem Fenster schauen.“

„Und das hat sie so fuchsig gemacht?“

„Soweit kam ich gar nicht. Erst war ihr zu kalt und dann brüllte sie mich an, dass Frauen durchaus selbst was hinkriegen, oder so.“ Hilflos hob der Padlariner die Schultern und entschied sich dagegen, Kladde und Körbchen aus dem Zimmer seiner Frau zu holen.

„Hm“, brummte Lanzelund und schüttelte den Kopf, „muss einer dieser Tage sein.“ Damit war das Thema für ihn erledigt. „Na dann, komm du doch einfach mit. Wer weiß, wie viele schöne Tage wir noch haben, ehe der Herbst die Hollerheide in Nebel und Regen hüllt. Lass uns die Kinder einpacken, einen großen Korb mit Spezereien und uns einen schönen Platz in der Heide suchen. Mit etwas Glück, hat sie sich beruhigt, wenn wir wieder zurück sind.“

„Ich glaub, dazu gehört mehr, als nur etwas Glück, aber warum nicht. Klingt gut, ich suche Viridia und Pandrad und wir sind mit dabei!“


***


Meine liebe Gwendolyn,

verzage nicht und sorge dich auch nicht um meine Zeit. In Notfällen wie diesen stehe ich parat und kein noch so wichtiger Vorgang administrativer Natur kann mich davon abhalten.

Ich weiß sehr gut, wie du dich jetzt fühlst, liebe Freundin. Wie schwer die Last ist, die einem Mühlstein gleich auf deinem Herzen liegt. Wie heiß die Wut, die dein Inneres verzehrt. Und nicht zu vergessen: die maßlose, schmerzhafte Enttäuschung, in deren Gefolge sich bald tiefe Traurigkeit einfinden wird. All dies habe ich selbst durchlebt.

Doch weil dem so ist, will ich dir jetzt eines schreiben: So schlimm es heute auch ist, es wird nicht so bleiben!

So zornig ich selbst gerade auf meinen geschätzten Ersten Ritter bin, so sicher bin ich, dass er nichts tun wird, was dich, seine geliebte kleine Schwester, in tiefes Unglück stürzt. Arbogast ist ein lieber, guter Freund und Bruder, der vor allem dein Wohl im Auge hat.

Reise in dieser Gewissheit, Gwen.

Schau dir an, welchen Spross gugelforstsche Lenden ins Derenrund entlassen haben. Lausche, aber frage auch nach. Lass dich nicht abspeisen, blicke hinter die Fassade und dazu: Kitzle ihn, diesen Trautmann. Aber betrage dich wohl, wenn dies angemessen ist. Sei das reizende Adelsfräulein, das du sein kannst, wenn es dich frommt. Aber sei auch die scharfzüngige Gesellschafterin, die ich so schätze. Bleibe respektvoll, aber sei keinesfalls verhuscht. Wenn dieser Gugelforster damit zurechtkommt, mag ein zweiter Blick lohnen. Reise also nicht verzweifelt, sondern wachsam und so du es bewerkstelligen kannst: neugierig.

Keinesfalls verstelle dich. Bisweilen erlebt man unverhofft Überraschungen, die zwar den vorgezeichneten Weg beeinflussen. Aber das, meine Liebe, ist häufig ein Gewinn. So schmerzhaft mein eigener Weg zu Anfang war, er war auch überraschend und entpuppte sich am Ende sogar als ein guter.

Ich weiß, wie unglaubwürdig meine Worte für dich klingen. Du musst sie auch nicht glauben, aber vertraue mir, denn ich wünsche dir nur das Beste.

Also, schließe ich, wie ich begann: Verzage nicht! So seltsam es in diesem Kontext anmuten mag, aber mir hat diese Herangehensweise geholfen: Wappne dich, als zögest du in einen Kampf. Schirme dein Herz, schärfe Zunge und Verstand und sei mutig. Bitte neben der Liebholden auch die Alveransleuin um ihre Hilfe, denn letztlich verstehen Weidener Männer ihre Wege besser als alle anderen.

Wie es der Zufall will, hatte ich ohnehin überlegt, dass ich gern ein paar schöne Herbstabende auf Hollerstockhöhe verbringen würde, wir sehen uns also bald nach deiner Rückkehr.


Die Allschöne und die Wächterin auf Alvernas Zinnen mit dir,
Baraya