Die Gefolgsfrau der Base

Dramatis Personae:


Schenke Bockshaut, Dorf Fialgrau, Baronie Hollerheide, 9. Travia 1042 BF

Wohl ausgeruht saß Algrid Blaubinge von Pergelgrund in der Bockshaut. Selten einmal war die junge Ritterin so penibel adjustiert und reinlich in ihrer Aufmachung gesehen worden. Eine Tatsache, die ihre beiden Waffenknechte, die an einem Tisch in der Nähe saßen, immer wieder verwundert lächeln und spöttischen flüstern ließ. Gebaren, von dem die Blaubingerin nichts mitbekam. Sie war zu beschäftigt damit, den Sitz ihres grün-weißen Wappenrocks und der Rüstung zu überprüfen und sich ab und an durch das braune Haar zu fahren, um sicherzugehen, dass es noch anständig lag.

Man hätte meinen können, dass Algrid kurz vor einer Audienz bei ihrer kaiserlichen Majestät stand. Ein volles Stundenglas hatte sie in der Waschkammer verbracht: Ihre Stiefel glänzten und waren frisch eingefettet, im Stahl ihrer Schulterplatten und der Arm- und Beinschienen konnte man sich spiegeln und auch das lange Kettenhemd funkelte im Licht des Praiosmals. Kurz hatte sie noch überlegt, ob sie Lippenrot auf ihren schmalen Mund legen sollte, doch verwarf sie diesen Gedanken als vollkommen lächerlich.

Es war schließlich keine Audienz, die der Ritterin bevorstand, sondern lediglich der Auftrag, den Junker von Hollerstockhöhe und seine Schwester nach Weidenhag zu geleiten. Warum genau, verstand sie nicht, attestierte sie dem Dûrrnwanger doch durchaus, dass er selbst für seinen Schutz und den seiner Schwester sorgen konnte. Das Ehrengeleit kannte sie in Weiden nur, wenn die sterblichen Überreste eines im Krieg Gefallenen in die Heimat überstellt werden – dann war es ein Zeichen der Ehrbezeugung. Doch in diesem Fall? Nun, vielleicht war es im Horasiat oder den darpatischen Marken üblich? Die Blaubingerin hob beim Gedanken daran ihre Schultern. Oder war der gegenwärtige Anlass gar nicht einmal so weit entfernt von einem Trauerzug? Immerhin sollte die Freiheit zweier Menschen zu Grabe getragen werden. So gesehen empfand Algrid das Ehrengeleit dann doch wieder als außerordentlich passend.

Die Ritterin dachte an Trautmann. Würde er inzwischen schon wissen, was seine Mutter für ihn im Sinn hatte? Und vor allem: mit wem? Mit einem gewissen Maß an Faszination dachte sie zurück an ihren Besuch auf Gut Hollerstockhöhe. Das Schlösschen, der kunstvoll angelegte Garten und das edle Geschirr. Dann dachte sie an Burg Lichtwacht: zwei kahle Türme, ein Gutshaus, ein Stall und einige Holzhäuschen inmitten der Wildnis. Wie passte das zusammen? Die Blaubingerin hätte der Ort nicht interessiert, sie wäre Trautmann auch in die Grimmfrostöde gefolgt, solange sie nur zusammenbleiben konnten.

Doch würde das auch für jene Frau gelten, die sie Gwendolyn nennen? Eine Künstlerin, die einen nicht unwesentlichen Teil ihres Lebens in Perricum und dem Horasreich verbracht hatte? Es war schwer vorstellbar – und ein kleiner Teil in ihr war sogar neugierig und froh darüber, dass sie es war, die sich als Erste ein Bild von der möglichen Braut ihres Verflossenen machen konnte. Auch wenn die Sorge, dass es wehtun könnte, allgegenwärtig war.

Ihr Frühstück hatte Algrid deshalb noch nicht angerührt und der einst heiße Heidemet war mittlerweile wohl ausgekühlt. Nachdem sie zum gefühlt zehnten Mal überprüft hatte, ob die Rüstung zu ihrer eigenen Zufriedenheit saß, galt ihr neugieriger Blick wieder der Tür in den Schankraum, wo sie den Junker und seine Schwester erwartete. Tatsächlich tat sich dort just in diesem Moment etwas. Es wurde aufgetan und ein älterer Herr mit grau meliertem Haar sowie einem eindrucksvollen Bart streckte seinen Kopf in den Schankraum, um sich suchend umzusehen. Bei ihrem Besuch auf der Hollerstockhöhe hatte Algrid diesen Mann nicht gesehen, kannte ihn also nicht. Dennoch vermutete sie sofort, dass er zum Gefolge des Dûrrnwangers gehörte, straffte ihre Haltung daher ein wenig und lächelte ihm zu.

In ihrer Aufmachung bot die junge Ritterin eine sehr auffällige Erscheinung, sodass es kaum zwei Herzschläge dauerte, bis der Grauhaarige sie entdeckte. Sein Blick fiel auf ihren Wappenrock und er schien sofort zu begreifen, mit wem er es zu tun hatte: Seine Miene erhellte sich, er nickte ihr grüßend zu und machte dann eine Handbewegung, die sie als freundliches „Einen Moment, bitte!“ deutete. Dann zog er den Kopf zurück und die Tür schloss sich wieder. Kurz starrte Algrid verdattert ins Leere. Was war das denn gewesen? Die Vorhut? Und wenn ja: Wie lange würde es wohl dauern, bis der Rest der Bagage auftauchte?

Ihre Hand war schon wieder auf dem Weg zur Rüstung, um deren Sitz zu prüfen. Sie war jedoch noch nicht sehr weit gekommen, als sich die Tür erneut öffnete. Der grauhaarige Mann von eben trat jetzt ganz ein und in seinem Kielwasser folgte Arbogast von Dûrrnwangen. Algrid stellte zufrieden fest, dass auch er sich in Sachen Bekleidung und Rüstung nicht hatte lumpen lassen: Sie nahm Kettenzeug und einige polierte Plattenteile wahr. An seiner Seite trug er ein Langschwert und über der linken Schulter erkannte sie den Griff eines Anderthalbhänders. Das war die Waffe seiner Zunft, so viel sie wusste: An ihr wurden die Schwertgesellen der Tannhaus-Schule ausgebildet. Zu vorzüglichen Kämpfern, wie es hieß.

Hätte sie den Werdegang des Dûrrnwangers nicht gekannt, wäre sie jedoch niemals auf die Idee gekommen, es mit etwas anderem als einem Weidener Ritter zu tun zu haben, denn er trug keinen stutzerhaften Schnickschnack, wie er von Schwertgesellen und anderen Möchtegern-Kämpfern aus dem Herzen des Reiches allgemein zu erwarten war. Im Gegenteil: Kleidung und Rüstung wirkten betont schlicht, was aber nicht über die gute Qualität hinwegtäuschte. Der Junker von Hollerstockhöhe lächelte gutgelaunt und trat ohne Zögern auf Algrids Tisch zu. Er war so schnell so nahe, dass sie es nicht schaffte, einen Blick auf die Personen zu erhaschen, die nach ihm eintraten. Sie hörte nur, dass da noch mehr kam.

„Die Zwölfe mit Euch, Frau Algrid, Rondra und Travia ihnen voran“, grüßte Arbogast sie bereits im Näherkommen, blieb dann vor ihr stehen und streckte ihr Schwerthand und -arm zum Kriegergruß entgegen.

Die Ritterin erhob sich rasch von ihrem Stuhl, richtete ihren Schwertgürtel und umfasste den ihr dargebotenen Arm dann kräftig. „Die Götter auch Euch zum Gruße, Euer Wohlgeboren“, dankte Algrid dem Dûrrnwanger und wies auf die freien Plätze an ihrem Tisch. „Bitte ... setzt Euch doch zu mir.“

Die Blaubingerin war eine eher klein gewachsene Frau und es fiel ihr in diesem Moment schwer, auszumachen, ob der Junker denn nun in Begleitung seiner Schwester war oder nicht. Statt es weiter zu versuchen, wies sie Sie auf den Tisch mit zwei Knechten aus Weidenhag. „Euer Gefolge kann sich gern zu meinen Begleitern Heldor und Pagol setzen“, sagte sie. Algrid selbst hätte es nicht gestört, gemeinsam mit Waffenknechten und sonstigem Gesinde zu essen und zu trinken. Es war für sie sogar normal, doch schätzte sie den Junker von Hollerstockhöhe als einen standesbewussten Mann ein.

„Ihr habt es gehört“, meinte Arbogast, nachdem sie geendet hatte. Dabei wandte er sich an niemanden Bestimmtes, doch das schien auch gar nicht nötig zu sein. Ohne großes Aufheben gingen zwei Männer und zwei Frauen am Tisch der Blaubingerin vorbei, um sich zu Heldor und Pagol zu gesellen. Während sie begannen, Stühle und Tische zu rücken, fiel der Blick der Ritterin auf ihre beiden Waffenknechte, deren Mienen deutlich verrieten, dass noch jemand anders gekommen sein musste: Die Unterkiefer der Stelzböcke klappten nämlich gerade simultan nach unten. Als sie sich wieder umwandte, sah Algrid jedoch erst nur Arbogasts freundliches Gesicht – und dann wieder den Mann, der die Vorhut gebildet hatte.

„Ich darf Euch Faramund vorstellen, der in unserem Haus als Maiordomus wirkt, seit mein Vater und meine beiden ältesten Geschwister im Krieg gegen Borbarads Schergen gefallen sind“, meinte der Dûrrnwanger, derweil er auf den bereits in die Jahre gekommenen, recht vornehm aussehenden Herrn wies. „Er war der Schwertvater meines zweitältesten Bruders und ich habe ihn ... nun ja ... quasi geerbt, als der bald darauf vom Ork geholt wurde.“

„Algrid Furgund Blaubinge von Pergelgrund", stellte sich die Ritterin dem älteren Mann zu und bot ihm die Schwerthand zu Gruß dar. „Dienstritterin ihrer Hochgeboren Gwidûhenna von Gugelforst. Freut mich sehr, Euch kennenzulernen, Hoher Herr."

Faramund trat vor, um nach ihrem Unterarm zu greifen und gab ein höfliches „Sehr erfreut, Wohlgeboren“ zurück. Das Schwert an seiner Seite, sein Kettenhemd und der Wappenrock wiesen ihn als Ritter aus. Allerdings legte nicht zuletzt die verräterische Wölbung eines Wohlstandsbäuchleins in seiner Leibesmitte die Vermutung nahe, dass der Mann es zuletzt etwas ruhiger hatte angehen lassen.

„Heuer leben nur noch zwei Vertreter meiner Familie und einer davon will sich offenbar nicht zeigen“, meinte Arbogast, nachdem die Höflichkeiten fertig ausgetauscht waren. Dann wandte er sich in Richtung Tür, um die letzte Angehörige seiner Reisegruppe mit einer eindeutigen Geste an Algrids Tisch zu beordern.

Kurz darauf konnte die endlich einen Blick auf das werfen, was sie die ganze Zeit schon sehen wollte – und was wohl den Anlass für die dümmlichen Gesichter ihrer Waffenknechte bot: Gwendolyn von Dûrrnwangen war größer als gedacht. Mindestens auf einer Augenhöhe mit Algrid, was diese nicht erwartet hätte, nachdem Arbogast bei ihrem Besuch in Bärwalde von „klein und niedlich“ sprach. Allerdings war die junge Adelige viel schmaler als sie. Nicht rappeldürr, aber doch sehr schlank. Es gab zwar Rundungen an den richtigen Stellen, jedoch wahrlich nicht viel davon. Nach allem, was Algrid wusste, würde dieses grazile Geschöpf Trautmann nicht aus der Reserve locken. Auch der nette Reitrock und die enganliegende Jacke aus dunkelgrünem Loden fielen eher in die Kategorie „Dämchen“ und nicht da hin, wo die Ritterin eine ernstzunehmende Konkurrentin verortet hätte.

Das schmale Gesicht der Dûrrnwangin war sehr hübsch, ohne Frage: strahlendblaue Augen, von dunklen Wimpern umkränzt, volle Lippen, eine Nase so gerade, als sei sie mit dem Lot gezogen worden, hohe Wangenknochen, die ihr eine recht noble Ausstrahlung verliehen, und das Ganze umrahmt von goldblondem Haar, dessen Länge Algrid wegen der aufwendigen Frisur allerdings nicht einschätzen konnte. Das Problem war nur: Irgendwie wirkte das auf sie alles ziemlich leer. Die Blaubingerin konnte nicht viel Leben von den blassen Zügen dieser angeblich so willensstarken Person ablesen. Ihr kam sie eher kühl und distanziert vor. Desinteressiert und, ja, irgendwie auch ziemlich überheblich.

„Dies nun ist meine Schwester Gwendolyn“, erklärte der Junker von Hollerstockhöher gerade überflüssigerweise.

„Die Zwölfe zum Gruße, Wohlgeboren“, meinte die schmale Frau daraufhin, schenkte Algrid ein Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte, und hielt ihr die Hand für einen Gruß hin, der sich verdächtig nach totem Fisch anfühlte. Ihr „Es freut mich sehr, Euch kennenzulernen“ klang auch nicht gerade überzeugend.

Der Händedruck der Trutzer Ritterin hingegen war fest, vielleicht etwas zu fest wie Algrid einen Herzschlag später befand. Sollte sie der Dûrrnwangin wehgetan haben, ließ die sich aber immerhin nichts anmerken. „Die Freude ist ganz meinerseits, edle Dame“, erwiderte die Blaubingerin die höfliche Grußformel und gab sich dabei keine Mühe, ihr Interesse an der jungen Frau zu verbergen. Auf die Umstehenden mochte ihr Gebaren fast wirken, als hege sie amazonische Gedanken – doch Algrid war zu sehr mit sich beschäftigt, um zu bemerken, dass sie nachgerade ungebührlich starrte.

Das war sie also ... Gwendolyn von Dûrrnwangen. Was hatte sie in den letzten Tagen vor ihrem inneren Auge nicht für Bilder von dieser Frau gezeichnet. Algrid hatte sie zu einer Lichtgestalt erhoben; einem Alveraniar mit feurigem Blick und leidenschaftlichem Temperament, der von einem auf den anderen Herzschlag einen jeden männlichen Widerstand zu brechen vermochte. Sie hatte sie gedanklich zum gefährlichen Drachen hochstilisiert, hatte ihre Mauern bemannt und die Zugbrücke hochgezogen – wollte den bestmöglichen Eindruck auf sie machen. Wollte zeigen und sich selbst beweisen, dass sie zumindest im entfernteren Sinn eine ernstzunehmende Konkurrentin sein konnte.

Doch was sich da nun vor der Burg offenbarte, war kein Drache, sondern bloß eine Eidechse, die bereits ihren Schwanz abgeworfen hatte. Keine aufregende und selbstsichere Diva, sondern ein gebrochenes Mädchen, das seine Unsicherheit mit latenter Überheblichkeit übertünchen wollte. Hübsch zwar, wenn man solche Püppchen mochte, aber eben auch zerbrechlich und still ... und so ganz anders als Trautmann seine Partnerinnen bevorzugte.

„Ich habe schon so viel über Euch gehört“, fuhr Algrid nach einem Moment des Schweigens fort und registrierte daraufhin ein kaum merkliches Zucken von Gwendolyns Mundwinkeln. Da die Dûrrnwangin jedoch nichts auf ihre Worte erwiderte, wies sie auf den freien Stuhl gegenüber von ihrem: „Bitte, setzt Euch doch und stärkt Euch für die weitere Reise. Wir haben noch einiges an Weg vor uns. Wart Ihr denn schon einmal in Weidenhag?“

Nach einem kurzen Blickwechsel mit ihrem Bruder nahm Gwendolyn tatsächlich Platz, während Arbogast den Stuhl direkt daneben wählte und Faramund sich auf Algrids Seite des Tisches begab. Der alte Recke saß kaum, als die Schankmaid wie aus dem Nichts auftauchte. Was sie den hohen Herrschaften wohl bringen dürfe, wollte das Mädchen wissen – und Arbogast fertigte es atemberaubend schnell ab, indem er einfach dreimal das bestellte, was auf Algrids Teller lag und in ihrem Humpen schwappte. Offenbar wollte er sich nicht länger als unbedingt nötig von der Dienstritterin seiner künftigen Gastgeberin ablenken lassen.

„Nein, in Weidenhag war ich noch nie“, erteilte Gwendolyn unterdessen artig Auskunft. „Als ich noch klein war, sind meine Eltern einmal mit mir nach Nordhag gereist, aber ich erinnere mich kaum noch daran. Danach hat es mich eher in andere Gefilde gezogen.“

Damit schien sie ihr Soll als erfüllt zu betrachten, denn der Blick glitt von Algrid ab und wanderte durch den Schankraum, als sei so ziemlich alles hier interessanter als die Frau, die sich eigens her bequemt hatte, um ihren Bruder und sie ehrenhalber zum Ziel der Reise zu geleiten. Ganz anders Arbogast: Seine ganze Aufmerksamkeit galt der Blaubingerin und die Miene wirkte nach wie vor sehr freundlich – dem Anschein nach nicht einmal, weil er die Unhöflichkeit seiner Schwester ausgleichen wollte, sondern aus ehrlichem Interesse.

„Ich fürchte, wir wissen alle nicht so viel über Weidenhag, wie wir wissen sollten, auch wenn wir in den vergangenen Wochen versucht haben, uns kundig zu machen“, meinte er mit einem offenen Lächeln. „Vielleicht erzählt ihr uns ein bisschen was über die Baronie und auch über die Familie Gugelforst? Dafür wären wir Euch sehr verbunden.“

„Selbstverständlich“, Algrid nickte dem Junker zu und schenkte ihm nun ebenfalls ein Lächeln. Allen Umsitzenden fiel auf, dass sie mit einem Mal in gewisser Weise erleichtert und beinahe beschwingt wirkte. „Weidenhag ist meine Heimat und ich könnte mir keinen schöneren Ort vorstellen. Sanfte Hügel, geteilt von klaren Flüssen, das Blöken von Schafen auf grünen Wiesen und erhabene Wälder voller Wild ... zu fast jedem Findling und jedem besonderen Baum gibt es eine wunderschöne Legende. Es scheint fast, als hätte die Liebliche Weidenhag mit besonders viel Wohlwollen bedacht. Die Lande werden Euch bestimmt gefallen und die Baronin freut sich schon auf die Jagd. Dann könnt Ihr Euch von der Schönheit der Lande selbst überzeugen.“

„Das klingt wunderschön, Hohe Dame. Da scheint es nur angemessen, dass Ihre Hochgeboren der Lieblichen einen Tempel auf ihrem Land gestiftet hat“, sprach Arbogast in eine Redepause der Pergelgrunderin hinein. „Der ist noch recht jung, kann sich aber eines Heiligtums rühmen, nicht wahr? Das würde ja dafür sprechen, dass die Göttin dort sehr präsent ist ...“

Die Blaubingerin nickte dem Junker bestätigend zu. „Das ist wahr. Der Tempel wurde erst vor drei Sommern eingeweiht. Gwid... äh ... die Baronin hat ihn der schönen Göttin direkt beim Heiligtum gestiftet. Es ist ein hübsches kleines Göttinnenhaus und die Tempelobere Rahjania ist eine sehr herzliche Frau. Sie kam von weit her, müsst Ihr wissen, und eines Tages stand sie vor den Toren des Hags und schlug sich selbst als Geweihte vor. Damals war der Tempel zwar erst in Planung, doch die Metropolitin war damit einverstanden, dass sie es sein soll, die das neue Haus übernimmt, sobald es fertig ist.“

Als die Schankmaid mit den Metkrügen an den Tisch trat, stoppte die Ritterin in ihren Ausführungen. Dass sie ihre Worte ernst meinte und mit viel Leidenschaft vortrug, zeigten die roten Flecken, welche sich unterdessen auf ihren Wangen gebildet hatten.

„Die Gugelforster“, fuhr die Blaubingerin fort, als die Bärwaldener ihr Trinken vor sich auf dem Tisch stehen hatten, „sind noch nicht lange in den Bärenlanden. Sie kommen aus den darpatischen Marken und haben ihren Stammsitz am rahjawärtigen Hang der Trollzacken im gleichnamigen Forst. Die Familie geht ihnen über alles und sie stehen der gütigen Eidmutter sehr nahe. Als besonders beeindruckend habe ich immer die vielen familiären Bande empfunden. Nicht nur in Weiden und den darpatischen Marken haben sie sich mit hochadeligen Geschlechtern verbunden, sondern auch in Greifenfurt und Garetien.“

Algrid nahm einen Schluck von ihrem erkalteten Met, bevor sie im Plauderton fortfuhr: „Ihre Bündnisse nehmen sie sehr ernst und greifen einander stets unter die Arme. Auch mir geben sie immer das Gefühl, ein Teil dieser großen Familie zu sein und täten wohl alles, um mich zu unterstützen. Ich bin mir sicher, dass Ihr Euch auch sehr willkommen und gut aufgehoben fühlen werdet.“ Es wurde nicht ganz klar, wem die letzten Worte der Ritterin galten und ob sie einen möglichen Ehebund, oder die bloße Gastfreundschaft der Familie für den kommenden Besuch ansprach.

„Wir haben Ähnliches bereits vernommen, Hohe Dame, aber es ist natürlich noch mal etwas anderes, es aus berufenem Mund zu hören“, erwiderte Arbogast mit einem verbindlichen Nicken. Tatsächlich wirkte er äußerst zufrieden. So als habe Algrid mit ihren freundlichen Worten eine Erwartung erfüllt, an der ihm sehr viel lag. Der Ritterin war nicht entgangen, wie der Junker ein, zwei Mal vorsichtig zu seiner Schwester hinüber schielte – wohl, weil er sich versichern wollte, dass auch sie aufmerksam zuhörte. Dem war allerdings nicht so: Gwendolyns Blick ruhte weiter auf irgendetwas, das sich in Algrids Rücken abspielte.

„In jedem Falle freuen wir uns schon sehr darauf, die weit gerühmte Gastfreundschaft im Hag kennenzulernen“, fuhr Arbogast fort, ohne sich vom offenkundigen Desinteresse seiner Schwester nachhaltig beirren zu lassen. „Und natürlich darauf, die Bekanntschaft Ihrer Hochgeboren sowie der gesamten Familie zu machen. Insbesondere die Seiner Wohlgeboren Trautmann, wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt.“

„Nachdem der sein eigenes Junkertum zu verwalten hat, wird er sich bestimmt nicht allzu oft in Weidenhag aufhalten, oder täusche ich mich?“, nicht nur Algrid blinzelte irritiert, als sich Gwendolyn völlig ansatzlos ins Gespräch einklinkte und durch ihre Frage erkennen ließ, dass sie sehr wohl auf der Höhe des Geschehens war. „Lichtwacht ist der Name, nicht wahr? In Nordhag? Kennt Ihr das Gut, Hohe Dame? Seid ihr schon einmal dort gewesen? Und würdet Ihr das Land als ebenso lieblich bezeichnen wie das seiner Base?“

Die Ritterin benötigte einige Herzschläge, um sich zu fangen, trafen sie Gwendolyns Fragen doch unvorbereitet. Um ihrem Schweigen einen Grund zu geben, nahm sie erst einmal einen langen Schluck aus dem Krug.

„Nein, edle Dame, Seine Wohlgeboren hält sich nicht oft in Weidenhag auf“, hob Algrid dann an. „Und wenn Ihr mich fragt, ob die Lande Lichtwachts mit jenen Weidenhags vergleichbar sind, muss ich das ebenfalls verneinen.“ Sie schüttelte sanft den Kopf, um ihre Worte zu unterstreichen. „Aber als unschön würde ich sie auch nicht bezeichnen. Es ist halt die Frage, was Ihr als schön empfindet? Einen gepflegten und von Menschenhand angelegten Park, oder die unberührte Natur mit all der Flora und Fauna, die dazu gehört. Lichtwacht ist letzteres. Dort herrscht unberührte, wilde Natur, es gibt dichte Wälder, reißende Gebirgsbäche und felsige Vorgebirgslandschaft.“

Algrid versuchte, aus der Miene ihres Gegenübers eine Reaktion auf ihre Worte zu herauszulesen, kam aber nicht sehr weit. Die Dûrrnwangin wirkte nach wie vor kühl und verschlossen und allerhöchstens milde interessiert. Jetzt gerade tat sie ihrem Bruder den Gefallen, kurz in seine Richtung zu sehen – und irgendwie gewann die Trutzerin den Eindruck, einen wortlosen Schlagabtausch zu bezeugen. Worum es ging, konnte sie sich in etwa denken, aber natürlich nicht mit Gewissheit sagen.

„Ich kenne Lichtwacht gut und habe schon längere Zeit auf der Burg verbracht“, fuhr Algrid fort, da sich augenscheinlich niemand zu ihren bisherigen Worten äußern wollte. „Mir hat es dort immer gefallen. Gerade auch, weil der Junker es geschafft hat, seinen Lebensstil und damit ein gewisses Maß an Geborgenheit in diese wild-romantische Landschaft zu bringen und Lichtwacht zu einem Ort zu machen, an den man stets gern zurückkommt.“

„Wild-romantisch ...“, wiederholte Gwendolyn so leise, dass es fast nicht zu hören war. Irgendwie schaffte sie das Kunststück, die Worte so zu betonen, dass die Pergelgrunderin weder Zustimmung noch Ablehnung aus ihnen herauslesen konnte. Sie verzog auch keine Miene, als sie noch eine Frage hinterherschob: „Was ist mit Orks? Gehören die auch zu der wilden Romantik, von der ihr sprecht, Hohe Dame?“

Algrid löste ihren Blick von Gwendolyn und sah für einen Moment zu deren Bruder hinüber. Die Runzeln auf ihrer Stirn zeigten dem Junker, dass die Ritterin sich unschlüssig war, ob diese Frage ernst oder vielleicht gar als eine Beleidigung gemeint war. Eine Trutzerin mit so etwas zu konfrontieren, war schon ein starkes Stück – jeder hatte jemanden in der Familie, der in jüngerer Vergangenheit sein oder ihr Leben im Kampf gegen den Erbfeind ließ. Dann erinnerte sie sich jedoch daran, dass auch die Dûrrnwangens einen hohen Blutzoll zahlen mussten und ihr Blick ging wieder zurück zu ihrem Gegenüber.

„Orks ...“, die Pergelgrunderin räusperte sich. „Während meiner Zeit auf Lichtwacht gab es keinen Vorfall mit den Schwarzpelzen und auf der Burg ist man sicher. Sie ist wehrhaft und gut zu verteidigen.“ Sie fuhr sich durch ihre braunen Haare. „Einige Meilen efferdwärts der Burg hatten die Schwarzpelze einmal ein Heiligtum im Mackwandt, doch wurde das schon zu Zeiten der Priesterkaiser von Sonnenlegion und dem Bannstrahl zerstört. Das ging aus den Aufzeichnungen in der Burg hervor, meinte Trautm... der Junker zu mir. Also hält sie wohl auch nichts mehr in dieser Gegend.“

Abermals schenkte die Blaubingerin dem Junker einen Seitenblick und fügte noch rasch eine Erklärung an: „Auch ist man auf Lichtwacht ja nicht aus der Welt. Ihr seid innerhalb eines Tages in der Stadt Nordhag. Aus Fialgrau, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist es beispielsweise ein längerer Weg.“

Arbogast nickte zu Alrgids Worten und ging einen Moment in sich, bevor er etwas erwiderte. Die Trutzerin hatte den Eindruck, dass er sich genau überlegte, was er jetzt sagen wollte und wie er es sagen wollte. Offenbar war ihm nicht entgangen, dass die Frage seiner Schwester alles andere als gut angekommen war, und hielt es für erforderlich, die Situation zu bereinigen.

„Im Vierten Orkensturm ist der Schwarzpelz durch die Hollerheide marschiert – von den nördlichsten Ausläufern bis hinunter zum Rhodenstein, den er belagerte“, hob er schließlich an, ohne ein Wort der Vorrede zu verlieren. Das war auch nicht nötig, denn wie die allermeisten Weidener wusste Algrid genau, dass die Feste der Wahrer eines der Hauptziele des Aikar Brazoragh gewesen war. „Gewndolyn zählte damals keine zehn Winter, ich stand kurz vor der Volljährigkeit. Wir sind gemeinsam mit unserem älteren Bruder auf den Distelstein geflüchtet, weil es außerhalb der Burgen nirgends mehr sicher war. Aber auch dort ...“, er hielt kurz inne, um seiner Schwester einen nachdenklichen Blick zuzuwerfen.

„In einem Gefecht vor den Toren der Burg haben wir winters an einem Tag sowohl den Erben der Baronie als auch den des Junkertums Hollerstockhöhe verloren. Dazu viele, viele weitere gute Leute“, fügte er schließlich an und fasste Algrid wieder ins Auge. „Was ich damit sagen will: Wir wissen, wie es ist, den Ork in zu großer Nähe zu haben und sind darob nicht ganz frei von Furcht – wie es wohl bei jedem halbwegs vernünftigen Menschen der Fall sein dürfte. Für manche ist es leichter zu ertragen als für andere. Das hängt womöglich auch damit zusammen, ob man der Bedrohung im Ernstfall etwas entgegenzusetzen hätte, oder ob man ihr mehr oder minder hilflos ausgeliefert wäre.“ Diesmal sah er nicht zu Gwendolyn hinüber, aber Algrid begriff auch so, worauf die letzte Bemerkung abzielte.

Nach einer kurzen Pause hob Arbogast seinen Humpen, warf ein leises „Wohlschmecken!“ in die Runde und gönnte sich seinen ersten Schluck. Nachdem das vollbracht war, warf er der Pergelgrunderin einen entschuldigenden Blick zu. Die Stimmung war nun erst einmal gründlich ruiniert, und er schien dem irgendwie entgegenwirken zu wollen, weshalb er schließlich noch einmal anhob:

„Umso mehr freut es mich, zu hören, dass Lichtwacht sicher ist. Ich hatte zuletzt gehört, dass die Burg zu großen Teilen in Trümmern liegt ... oder lag und war mir dessen nicht ganz sicher. Aber sagt, Hohe Dame, was meint Ihr denn mit dem ‚Lebensstil‘ von Herrn Trautmann? Ihr spracht von einem Gefühl der Geborgenheit auf der Burg. Wie darf ich mir das vorstellen?“

„Lichtwacht liegt fernab von strategisch wichtigen Zielen und ist auch selbst keines“, griff Algrid erst einmal die Sorgen Arbogasts auf, die sie durchaus ernstnahm. „Die Orks müssten einiges auf sich nehmen, um die Anlage zu erobern, was sie sich für dieses mäßig attraktive Ziel sicher zweimal überlegen. Meine Familie hat ebenfalls ein Gut im Finsterkamm, das die letzten Orkenstürme wohl aus genau dem gleichen Grund ganz gut überstanden hat.“ Sie griff nach ihrem Krug, doch hob sie ihn nicht hoch, sondern strich lediglich über den Henkel. „Burg Lichtwacht war einst ein Sitz des Ordens vom Bannstrahl“, führte die Blaubingerin weiter aus. „Zur Zeit der Herzogenwahrer wurden dort Schriften und Artefakte aufbewahrt, die sich teils immer noch in den Kammern unterhalb der Burg befinden. Inzwischen stehen diese wieder unter der Obhut einer Geweihten des Götterfürsten, was lange nicht der Fall war.“

Ihr Blick lag für einen Moment auf Gwendolyn, die allerdings schon wieder den Eindruck erweckte, nicht richtig zuzuhören. „Trautmann hat die Anlage vor gut drei Götterläufen als Ruine übernommen, doch sie mit Tatkraft, Fleiß, Opferbereitschaft und der Hilfe seiner Familie über zwei Sommer wieder so weit instandgesetzt. Sogar das Gutshaus ist inzwischen fertig und die Kapelle eingeweiht. Einst haben wir dort lediglich einen zugigen Turm bewohnt, inzwischen sieht das ganze aber schon wieder nach einem herrschaftlichen Sitz aus. Es gibt einen Rittersaal und sogar eine Badekammer ... das war ihm ein Anliegen.“ Algrids Augen leuchteten und es war offensichtlich, dass sie viele positive Erinnerungen mit Lichtwacht verband.

„Der Junker ist ein Mann, der Geborgenheit vermittelt, Euer Wohlgeboren. Darauf bezog ich mich“, setzte Algrid die Lobeshymnen fort und beantwortete sich damit schließlich die Frage ihres Gegenübers. „Er ist gütig, strahlt Stärke und Führungsvermögen aus und leiht jedem ein offenes Ohr. Man merkt seine Abstammung und auch die Ausbildung am Grafenhof.“ Die Ritterin hielt in ihren Ausführungen inne und biss sich auf die Unterlippe. Mit geröteten Wangen griff sie nach ihrem Krug und führte ihn nun doch an die Lippen.

Unterdessen ruhte nicht mehr nur der Blick Arbogasts auf ihr – das spürte sie zunächst bloß, sah es aber auch, als sie den Becher wieder absetzte. Sie schien Gwendolyns Interesse nun doch noch geweckt zu haben. Unbeabsichtigt und mit etwas, das ihr im Grunde nicht so gelungen war, wie geplant. Die Pergelgrunderin wurde schlagartig bewusst, dass sie ihre Begeisterung für Trautmann nur ganz schlecht verhohlen hatte. Wenn überhaupt. Das brachte ihr die Aufmerksamkeit des Mädchens ein, mit dem er verheiratet werden sollte – sehr zu ihrem Ungemach. Algrid war sich nicht sicher, was es damit auf sich hatte, vermutete aber, dass es nichts allzu Gutes bedeuten konnte. Innerlich wappnete sie sich schon für eine weitere, unangemessene Frage der Dûrrnwangin, als sich Faramund an ihrer Seite plötzlich leise räusperte.

„Wie wäre es, wenn Ihr die gute Frau Algrid erst einmal essen lassen würdet, Kinder?“, fragte er freundlich lächelnd. „Das sieht alles schon nur noch bestenfalls lauwarm aus und wenn es erst ganz kalt ist, schmeckt es vermutlich nicht mehr.“

Als hätte er einen Pakt mit der Schankmaid getroffen, tauchte die just in diesem Augenblick wieder neben dem Tisch auf und stellte drei Teller mit dampfendem Essen vor die Nasen der Bärwaldener. Es folgten ein lautes Schniefen und ein gutgelauntes „Wohlschmecken!“, dann war sie auch schon wieder weg. Die Dûrrnwanger und ihr Haushofmeister griffen anschließend mit sehr unterschiedlicher Begeisterung nach ihrem Besteck. Auch sie wünschten einander sowie Algrid „Wohlschmecken!“ und taten dann, worum Faramund gebeten hatte: Sie ließen die Trutzerin ganz in Ruhe essen.

Damit war die Fragestunde beendet. Vorerst.