Die tapfere Verflossene

Dramatis Personae:

 

Motte Waldtreuffen, Junkergut Hennsthal, Herzoglich Waldleuen, 11. Travia 1042 BF

Als die Teller schließlich abgetragen wurden, wiederholte Norsold von Waldtreuffen seine bereits vor dem Essen ausgesprochene Einladung an Arbogast und Faramund. Gwendolyn bezog er nicht mit ein, denn nach dem, was er eben zu hören bekommen hatte, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass die junge Dame Interesse an den Exponaten seiner jagdbegeisterten Familie hatte. Algrid erklärte sich nur zu gern bereit, ihn in seiner Abwesenheit bei der Dûrrnwangerin zu vertreten, schließlich brachte ihr das eine unerwartete Gelegenheit ein, unter vier Augen zu sprechen.

So saßen sich die beiden Frauen schließlich das erste Mal, seit sie einander kennengelernt hatten, allein gegenüber. Die Blaubingerin musterte ihr Gegenüber eingehend. Sie war nicht sicher, ob Gwendolyn überhaupt mitbekommen hatte, dass sie unter sich waren. Sie hockte auf ihrem Stuhl vor dem nunmehr leeren Tisch, auf dem bis eben noch eine randvolle Schale Eintopf gethront hatte. Ihr Blick war nach innen gerichtet und ein Interesse am sie umgebenden Raum oder den darin befindlichen Personen schien nicht vorhanden. Sie wirkte jetzt wieder blass und kühl und zerbrechlich, doch war ihr Charakter alles andere als der eines Mäuschens. Das hatte Algrid ja gerade erleben dürfen. Er passte nicht wirklich zu ihrem Äußeren.

„War es eigentlich sehr schlimm für Euch?“, fragte die Ritterin schließlich neugierig.

Es mochte ja sein, dass sich Gwendolyn der merkwürdigen Situation, in der sie sich befanden, nicht wirklich bewusst war und ihr das Schweigen daher auch nicht unangenehm wurde – sie aber, Algrid, war voll orientiert und es gab ein paar Dinge, die sie gern in Erfahrung bringen wollte. Da war einfach nur hier sitzen und schweigen keine Option.

Die Dûrrnwangin brauchte einen Moment, um ins Hier und Jetzt zurück zu finden. Ihr Blick klarte auf und sie ließ ihn suchend durch den Raum gleiten, bevor er auf Algrid zur Ruhe kam. Dabei wirkte sie irgendwie verwirrt, was fast schon amüsant war. Die Pergelgrunderin schickte sich eben an, die Frage zu wiederholen, um ihrem Gegenüber aus der unangenehmen Situation herauszuhelfen – doch dann erwies sich einmal mehr, dass Gwendolyn immer zumindest mit einem halben Ohr bei der Sache war.

„Was meint Ihr? Das Gespräch mit dem Waldtreuffener?“, fragte sie und bemühte sich um ein Lächeln. „Unangenehm“, meinte sie dann und hob die Schultern. „Aber ich schätze, ich habe es mir selbst zuzuschreiben. Ich sollte es mittlerweile wirklich besser wissen ...“

„Nein. Also ... das meine ich nicht“, Algrid schüttelte den Kopf. „Ich meine diese Sache mit Trautmann ... und Eurem Bruder. Also ... Ihr versteht schon.“

„Hum?“ In den Augen der Bärwaldenerin blitzte Verwunderung auf, als Algrid sich todesmutig auf dieses heikle Thema stürzte – das dritte dieser Art innerhalb kürzester Zeit. „Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, worauf genau Ihr hinaus wollt“, fügte sie dann an und runzelte die Stirn. Das schien allerdings weniger Ausdruck von Tadel als von Konzentration zu sein. „Helft mir doch bitte auf die Sprünge. Welcher Teil soll der schlimme sein?“

Algrid war etwas überrascht. Wusste sie wirklich nicht worauf sie hinaus wollte? Oder war es am Ende gar kein Problem für sie?

„Na, der Besuch ... der Mann, den Ihr nicht kennt und die Idee, dass Ihr in ihm morgen Euren zukünftigen Verlobten kennenlernt.“ Die Blaubingerin zwang sich zu einem Lächeln, das ihr etwas misslang und wohl recht deutlich als ein aufgesetztes zu erkennen war. „Also, wenn es so läuft, wie Euer Bruder sich das wahrscheinlich wünscht.“

„Also alles. Ihr wollt wissen, ob alles schlimm war ... oder ist?“

In Ermangelung einer besseren Idee, nickte Algrid schlicht.

Daraufhin musterte Gwendolyn sie nachdenklich und verzog die Lippen zu einem schiefen Strich. Es wirkte, als würde sie angestrengt überlegen, ob es wirklich so eine gute Idee war, sich mit einer Fremden – die zu allem Überfluss auch noch aus dem „gegnerischen Lager“ kam – über dieses Thema zu unterhalten. Schließlich war das auch wieder nicht frei von Stolperfallen für sie. Kurz sah es aus, als wolle sie sich dagegen entscheiden, doch dann blieb ihr Blick am verunglückten Lächeln der Pergelgrunderin hängen. Da seufzte sie leise, nickte und hob zugleich die schmalen Schultern.

„Ja, es ist schlimm“, meinte sie. „Schlimm, dass mein Bruder das Gespräch mit Hochwürden Travine ohne mein Beisein und mein Wissen geführt hat. Schlimm, dass er den Besuch in Weidenhag ohne meine Zustimmung vereinbart hat und dass dadurch bei mir der Eindruck entsteht, mein Wert sei auch nicht größer als der einer – immerhin kostbaren – Zuchtstute. Ich habe das mir von anderen vorbestimmte Schicksal zu erfüllen: Brav decken lassen und die Blutlinie fortführen. Vielleicht bekommen die Kinder dann alle einen Vornamen mit dem Anfangsbuchstaben T? Das wäre doch ganz famos!“

Sie hielt kurz inne und schniefte leise, ehe sie fortfuhr: „Es ist schlimm, dass ich den Mann nicht kenne, mit dem ich verheiratet werden soll, und dass ich auch keine Zeit haben werde, ihn vernünftig kennenzulernen. Schlimm, dass nicht geplant ist, mich sehen zu lassen, wo und wie er lebt und wo und wie dann wohl auch ich zu leben haben werde. Schlimm, dass ... alles.“ Sie schenkte Algrid ein bitteres Lächeln: „Ich finde das alles schlimm! Aber mir wurde gesagt, dass ich mich nicht so haben soll. Schließlich ist das der normale Gang der Dinge, nicht wahr? Selbstbestimmung gibt es für uns Menschen genauso wenig, wie für unser Nutzvieh.“

 „Ja, so ist es wohl“, meinte Algrid nachdem sie einige Momente still vor sich hin geblickt hatte. „So ging es den Generationen vor uns und genauso wird es ganz sicher auch den Generationen nach uns gehen.“ Die Worte der Ritterin waren in einem mitfühlenden, aber dennoch recht nüchternen Ton gesprochen. „Die einzige Möglichkeit, die wir haben, ist das Beste daraus zu machen.“ Die Blaubingerin wusste, dass sich das Gesagte in den Ohren ihres Gegenübers nach leeren Worthülsen anhören musste, doch war es eben auch die Realität.

„Dass Euer Bruder Euch nicht in den Prozess einbezogen hat, ist in der Tat sehr schade“, pflichtete sie Gwendolyn dann bei. „Ich war aber damals beim Gespräch zwischen ihm und ihrer Hochwürden dabei, und er machte nicht den Eindruck, dass er Euch verschachern möchte. Er war in seinen Fragen sehr gründlich und wollte sich wohl ein möglichst genaues Bild von Trautmann und seiner Familie machen. Auch schien es ihm sehr wichtig zu sein, dass Ihr in ein Umfeld kommt, das Euch nicht verändern möchte.“

Nun zeigte sich ein beinahe aufmunterndes Lächeln auf den Lippen der Ritterin und sie betonte erneut, was nun schon mehr als einmal gesagt worden war: „Der Junker von Lichtwacht ist ein anständiger Mann. Wenn man sich schon an jemanden binden muss, dann doch lieber an so jemanden, als an einen, der Euch schlecht behandeln würde, oder nicht?“ Algrid wusste nicht, warum sie auf einmal zur Fürsprecherin der angedachten Verbindung mutierte. Vielleicht, weil Gwendolyn ihr leid tat? Oder weil sie nichts Böses auf Trautmann kommen lassen wollte, der eine Frau ganz sicher niemals zur Zuchtstute degradieren würde?

„Seht es Euch einfach einmal an“, empfahl sie. „Am Ende des Tages ist es Eure Entscheidung ... und die des Junkers. Er würde der Verbindung niemals zustimmen, wenn Ihr totunglücklich damit wärt, da bin ich mir sicher.“

„Ist nur die Frage, woher er wissen soll, dass ich totunglücklich damit wäre“, entgegnete Gwendolyn. „Oder woher ich es überhaupt selbst wissen soll, bevor es zu spät ist und er mit in mein Unglück hinein gezogen wird. Das sind die Tücken, die so eine Verbindung ins Blaue hinein mit sich bringt, nehme ich an. Ich meine ... ja, sicher, jeder sagt mir, Herr Trautmann sei ein anständiger Kerl. Aber das fängt langsam an, mich nervös zu machen, weil ich mir eine Art Traviaheiligen vorstelle, der ... na ... .“ Sie räusperte sich und murmelte dann: „Lassen wir das besser! Ich schätze ... hoffe, meine Fantasie geht mal wieder mit mir durch.“

Algrid musste beim Wort ‚Traviaheiliger‘ unverhohlen grinsen. Das würde sich Travine von ihrem Sohn wohl wünschen, doch entsprach es nicht der Wahrheit.

Gwendolyn schien dieser kurze Anflug von Heiterkeit jedoch zu entgehen. Sie griff unterdessen nach ihrem Krug und gönnte sich einen kleinen Schluck Met. Dabei richtete sie den Blick allerdings rasch wieder auf Algrid und behielt sie fest im Auge. Die Pergelgrunderin konnte nicht recht deuten, was dort in den blauen Iriden blitzte, aber es verriet deutlich mehr Interesse als ihr vonseiten der Dûrrnwangin bisher zuteilgeworden war. Schließlich setzte die das Gefäß vor sich ab und runzelte nachdenklich die Stirn. Algrid war sicher, dass nun noch etwas folgen würde und schwieg daher, statt eine Erwiderung auf die Worte zu formulieren, die ihr Gegenüber gerade von sich gegeben hatte.

„Andere Frage, wenn ich sie denn stellen darf“, meinte Gwendolyn schließlich, derweil sie der Pergelgrunderin ein Lächeln schenkte, dessen Ausdruck irgendwo zwischen vorsichtiger Neugier und ... etwas anderem schwankte, das sie im Moment nicht recht einordnen konnte. „Wie schlimm ist es eigentlich für Euch, Hohe Dame? Ihr seid in den Junker von Lichtwacht verliebt, oder etwa nicht? Beruht das auf Gegenseitigkeit, oder ... was für eine Beziehung ist das, die Euch miteinander verbindet?“

Die Angesprochene schien sich auf die Fragen hin an ihrem Trinkgefäß festzuhalten. Gwendolyn sah, dass die Knöchel ihrer Finger weiß hervortraten und das damit einhergehende Senken ihres Hauptes zeigte eindeutig, dass dieses Thema wohl eines war, welches ihr sehr naheging.

„Ich ... wir ...“, hob die Ritterin nach kurzem Zögern stammelnd an. „Wir sind gute Freunde. Er ist mir wie ein großer Bruder und genau so liebt er mich. Mehr ist da nicht ...“, sie seufzte, „... mehr.“ Die Blaubingerin hob tapfer den Kopf und sah der Hollerheiderin in die Augen. „Einst waren wir ein Paar, ja. Es war die schönste Zeit meines Lebens, doch wussten wir beide, dass es nicht sein durfte. Seine Mutter würde einem Bund mit mir niemals zustimmen und deshalb haben wir es beendet. Seitdem sind wir enge Freunde und als enge Freundin wünsche ich ihm nur das Beste, auch wenn es mir wehtut.“

Abermals folgte ein leises Seufzen. „Das sind nun einmal die Pflichten, die unser Stand mit sich bringt. Selten wird einem erlaubt, dem Herzen zu folgen – so schön dieser Gedanke auch sein mag. Es gilt, das Beste für die Familie zu tun und es wird schon seine Gründe haben, warum Ihr ein lohnenderes Ziel darstellt, als ich es bin.“ Die Ritterin hob ihre Schultern. „Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass die Gugelforster mit meiner Familie bereits verbunden sind und dass mich Travine fast als Tochter betrachtet. Es käme ihr nie in den Sinn und hätte sie von unserer Liebschaft erfahren ... es würde ihr wahrscheinlich das Herz brechen.“

Gwendolyn war den Worten der Blaubingerin aufmerksam gefolgt. Sie lauschte zunächst mit offensichtlicher Neugier und dieser anderen Regung, die Algrid nach und nach als Mitgefühl zu erkennen glaubte. Aufrichtiges Mitgefühl und nicht etwa Ärger darüber, einer Verflossenen des Mannes gegenüberzusitzen, mit dem sie verheiratet werden sollte. Tatsächlich schien sich die Bärwaldenerin daran kein bisschen zu stören – vermutlich nicht zuletzt, weil sie Trautmann weder kannte, noch eine irgendwie geartete Verbindung zu ihm spürte. Ihre Miene durchlief jedoch einen raschen Wandel von Unverständnis über Tadel bis hin zu schlecht verhohlenem Ärger, je weiter Algrid mit ihrer Erzählung kam. Als sich nach den letzten Worten eine kurze Pause ergab, krauste Gwendolyn die Nase.

„Ernsthaft, Algrid?“, fragte sie dann leise. „Ihr wollt nur das Beste für den Mann und glaubt, das könnte etwas anderes sein, als eine Frau, die ihn liebt und deren Liebe er erwidert? Weiß er, wie viel Schmerz Euch das Ganze hier bereitet? Und wie kann ihm recht sein, dass Ihr den durchleidet? Warum hat er diese Scharade denn nicht verhindert?“ Die Augen der Dûrrnwangin blitzten nun angriffslustig, doch Algrid war sicher, dass der Unwillen nicht ihr galt.

„Wessen Idee ist es überhaupt gewesen, dass ausgerechnet Ihr uns abholt?“, hakte Gwendolyn nach. „Etwa die seiner Mutter? Das deucht mir eine etwas grausame Methode der ‚fast schon Tochter‘ zu verdeutlichen, wo ihr Platz ist. Ich wage jedenfalls zu bezweifeln, dass sie nicht weiß, woher der Wind weht. Sogar mein Bruder hat das begriffen – in der kurzen Zeit, die Ihr ihm auf der Hollerstockhöhe gegenüber saßt. Da wird es einer Frau, die Euch so nahe steht, kaum entgangen sein. Das würde schon ein außerordentliches Maß an Ignoranz erfordern ...“

Die Dienstritterin überging letzte Aussage und kam in recht vertrautem Ton direkt auf das zu sprechen, was ihr am Wichtigsten war: „So läuft das halt leider nicht, Gwendolyn. Trautmann muss die Erwartungen seiner Familie erfüllen. So wie wir alle.“ Algrid blickte ihr Gegenüber eindringlich an.

„Warum soll ich ihm das Leben und die Situation erschweren, indem ich um ihn kämpfe?“, fragte sie dann. „Einen Kampf, an dessen Ende entweder der gegenwärtige Status stehen würde, oder der Bruch zwischen Trautmann und seiner Familie? Das wäre grausam ... für alle Beteiligten. Und warum das alles? Aus Egoismus, weil ich einen Mann bekommen will, der mich als seine kleine Schwester betrachtet?“ Sie schüttelte sanft ihren Kopf. „Nein, ich werde stark sein. Ich werde ihm ein Teil seiner Familie sein, so wie auch er sich das wünscht.“

„Als seine kleine Schwester ...“, wiederholte Gwendolyn ungläubig und schüttelte sacht den Kopf. „Hat er das auch schon so gesehen, als Ihr das Bett mit ihm teiltet? Oder war das in der schönsten Zeit Eures Lebens vielleicht eher eine etwas andere Art der Zuneigung? Und kann man das einfach so entscheiden? Dass man für jemandem keine Leidenschaft mehr empfinden möchte, sondern nur noch eine Art geschwisterlicher Zuneigung?“ Fragend hob sie die Augenbrauen. „Ich kann das nicht, so viel weiß ich! Und ich glaube, dass Ihr es auch nicht könnt, sonst würde es jetzt nicht wehtun, oder?“

Die Bärwaldenerin biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, ehe sie mit einem Schulterzucken fortfuhr: „Ich bewundere Eure Duldsamkeit und Loyalität, Hohe Dame, wahrlich. Mir geht in diesem Fall beides abhold. Wenn ich auf die Situation blicke, die Ihr mir gerade geschildert habt, sehe ich den Egoismus und die Grausamkeit bei der Familie, die einem liebenden Paar aus Gründen der ... pffft ... was weiß ich warum ... Familienräson vielleicht ... im Wege steht, nicht bei denjenigen, die für ihr Glück kämpfen.“ Gwendolyn versuchte, die ärgerlichen Runzeln von ihrer Stirn zu verbannen und stattdessen zu lächeln, war aber offenbar mit einem Mal viel zu geknickt, als dass es überzeugend gewirkt hätte.

„Und überhaupt“, meinte sie schließlich fast trotzig, während sie Algrid mit einem prüfenden Blick maß, „habt Ihr den Herrn von Waldtreuffen nicht gerade erst ziemlich deutlich aufgefordert, zu kämpfen, weil er sonst schon verloren hat? Wie könnt Ihr ihm so etwas raten, wenn Ihr es für Euch selbst gar nicht in Betracht zieht?“

„Ich habe diesen Kampf bereits geschlagen“, meinte Algrid resignierend und schüttelte den Kopf. „Ich habe mit Trautmann darüber gesprochen und wir sind übereingekommen, dass es Freundschaft sein soll, mit der wir uns künftig begegnen. Jeder weitere Kampf würde vielleicht auch die zerstören und dafür ist sie mir viel zu kostbar.“ Der Blick der Ritterin ging hin zu der Tür, durch welche die Männer zuvor verschwunden waren. „Der hiesige Junker ist diesen Schritt noch nicht gegangen. Das Edle Fräulein weiß ja gar nicht, dass er ihm den Hof machen will. Und ihr Vater weiß es auch nicht, wiewohl er als Junker doch eigentlich gute Aussichten auf Erfolg haben müsste ... zumindest bei Letzterem.“

Die Blaubingerin machte eine wedelnde Handbewegung – wohl um dieses Thema vom Tisch zu vertreiben.

„Der Junker von Lichtwacht war stets offen, was seine Absichten anging“, erklärte sie dann. „Er hat mir nie Versprechungen gemacht, die mich auf mehr hätten hoffen lassen. Er war gut und ehrlich zu mir und für meine jetzigen Gefühle kann er ja nichts.“ Algrid nahm einen Schluck von ihrem Kelch und senkte den Blick. „Ja, es tut weh, aber Trautmann weiß davon nichts. Männer haben da oft eine etwas beschränktere Auffassungsgabe ... so, wie ich ihn jedoch kenne, würde es ihn unglücklich machen, wenn er mich jetzt so sähe.“ Sie seufzte. „Was soll ich sagen ... zu diesem Spiel gehören immer zwei und das Leben ist nur selten eine Liebesballade, in der sich am Ende alles fügt.“

Nach diesen Worten starrte Gwendolyn eine Weile schweigend ins Leere. Soweit Algrid das beurteilen konnte, arbeitete es hinter der Stirn der jungen Hollerheiderin – und zwar ganz gewaltig. Die Aussage, dass das Leben selten eine Liebesballade sei, schien ihr nicht zu schmecken, denn sie verzog unwillig das Gesicht. Allem Anschein nach war sie nicht wirklich bereit, diese Wahrheit für sich anzunehmen, aber auch zu clever, einen Widerspruch dagegen zu erheben. Stattdessen hob sie den Blick irgendwann wieder, um der Blaubingerin in die Augen zu sehen – diesmal ganz eindeutig mitfühlend.

„Es tut mir ausgesprochen leid, das alles zu hören, Hohe Dame, und ich wünschte, die Sache hätte um Euretwillen ein anderes Ende nehmen können. Aber wenn die Priorität des Herrn Trautmann nun mal bei seiner Familie liegt ... lässt sich dagegen wohl schwer angehen“, sie seufzte. „Ihr habt Eure Entscheidung gefällt, das muss ich akzeptieren. Nur eines verstehe ich beim besten Willen nicht: Wenn Seiner Wohlgeboren so viel an Euch liegt und er Schaden von Euch fernhalten will, warum lässt er zu, dass Ihr geschickt werdet, um mich nach Weidenhag zu bringen? Selbst wenn ihm nicht bewusst ist, dass es Euch Kummer bereitet, sollte er sich doch denken können, wie wenig angenehm die Situation für Euch ist, oder nicht? Und ... na ja ... gegebenenfalls auch für mich?“

Die Augen der Blaubingerin weiteten sich, als sie diese Fragen vernahm. „Nein, das war nicht Trautmanns Wunsch!“, sprang sie ihrem ehemaligen Geliebten zur Seite. „Er weiß doch von nichts. Wahrscheinlich noch nicht einmal von Euch.“ Algrid blickte einen Moment nachdenklich auf die Tischplatte vor sich. „Seine Mutter hat ihm einige Briefe geschrieben, aber was genau deren Inhalt war, kann ich nicht sagen. Er würde jedoch nie ...“, die Ritterin hielt und ließ ein herzzerreißendes Seufzen folgen.

Sie war in dem Moment so sehr mit sich beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkte, wie die Gesichtszüge ihres Gegenübers entgleisten: Als die Trutzerin verkündete, dass ihr Verflossener sicher nichts von der Eskorte wusste und wahrscheinlich auch nichts von Gwendolyn, verzogen sich deren Lippen erst zu einem schiefen Grinsen. Sie schien die Vorstellung recht amüsant zu finden – aber nur für ein oder zwei Herzschläge. Dann schwand das belustigte Funkeln aus ihren Augen, wich erst Erschrecken und schließlich Entsetzen. Das bisschen Farbe, das sie bisher noch im Gesicht gehabt hatte, verflüchtigte schlagartig und sie starrte Algrid fassungslos an. Da die jedoch völlig in Gedanken versunken war, wagte Gwendolyn es nicht, zu stören.

„Ist es grausam?“, fragte die Pergelgrunderin, nachdem einen Augenblick Totenstille im Raum geherrscht hatte. Sie schien keine sofortige Antwort zu erwarten und bekam auch keine, weshalb sie schließlich einfach fortfuhr: „Oder ist es vielleicht sogar nötig, damit auch ich von meiner Seite aus abschließen kann? Ist eine Vogelmutter grausam, die ihren Nachwuchs aus dem Nest wirft, damit er das Fliegen lernt und selbständig wird? Ist nicht sogar die Verzweiflung manchmal der fähigste Lehrer?“ Algrid hob ratlos die Schultern, den Blick noch immer auf die Tischplatte gerichtet und gedanklich in Weidenhag.

„Ich weiß es nicht, was Ihre Hochwürden damit bezweckt, dass gerade ich Euch nach Weidenhag geleite, doch bin ich mir sicher, sie tut es nicht, weil sie Freude daran hat, mich zu quälen.“ Diese Worte sprach die Ritterin aus voller Überzeugung. Travine war kein grausamer Mensch und sie wusste, dass die Hochgeweihte sich sehr freuen würde, wenn Algrid dereinst ihr Glück in einer eigenen Familie mit Mann und Kindern fand. Auch wenn dieser Mann eben nicht ihr Sohn sein sollte. Zu diesem Schluss gelangte sie und hing anschließend noch einem anderen Gedanken nach. Auch wenn es nicht lange gewesen war: Wie viele Frauen und Männer von Stand wurden verheiratet, ohne überhaupt kennenzulernen, was sie und Trautmann hatten teilen dürfen?

Da endlich hob Algrid den Blick wieder und sah ihr Gegenüber an: „Es ehrt Euch, dass Ihr mit mir fühlt. Ihr habt ein großes Herz und es beruhigt mich, dass es jemand ist wie Ihr, den seine Mutter ihm vorstellt ... was auch immer daraus wird.“ Die Worte waren heraus, bevor ihr Kopf richtig verarbeitet hatte, was die Augen sahen: Gwendolyn wirkte wie erstarrt. Sie schien schon eine Weile darauf zu warten, dass Algrid sie wieder ansah, und nun doch nicht zu wissen, wie sie reagieren sollte. Kurz noch wahrte sie ihr Schweigen, dann räusperte sie sich.

„Ähm ... habe ich das gerade richtig verstanden, Hohe Dame?“, fragt sie mit unüberhörbarer Anspannung in der Stimme. „Ihr haltet es für möglich, dass Seine Wohlgeboren gar nichts von mir weiß? Also ... von dem Besuch, den seine Mutter und mein Bruder ausgeheckt haben, von der Absicht die dahinter steckt und ... überhaupt ... von dem Ganzen?“

Algrid wirkte ob dieser starken Reaktion etwas verwundert. Gwendolyns Bruder hatte es ja schließlich nicht anders gehalten und auch hinter ihrem Rücken verhandelt, insofern war das ja eigentlich nichts Besonderes. „Ähm, ja, das halte ich für möglich“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Trautmann selbst nahm diese ... Verpflichtung ... sich ein Eheweib zu suchen in den letzten Jahren nicht allzu ernst. Er rechnete damit, dass seine Mutter dies daher nun in ihre Hände nehmen würde, aber dass er von Euch weiß, oder gar eingebunden war, halte ich für unwahrscheinlich. Er ist genauso für morgen auf den Hag bestellt.“

„Ja ... nein ... ich meine ...“, Gwendolyn hielt kurz inne, schloss die Augen und holte tief Luft. „Was ich eigentlich wissen will, ist ... . Mein Bruder hat mir vor etwa zwei Wochen von seinem Gespräch mit Hochwürden berichtet und auch davon, was er für mich plant. Bei Euch klingt das jetzt so, als hätte Seine Wohlgeboren überhaupt keine Ahnung, was ihn erwartet. Also ... weiß er, dass er nach Weidenhag bestellt wurde, weil seine Mutter ihm eine Frau vor die Nase setzen will, oder ... oder ... kommt er da etwa völlig unvorbereitet hin?“

Algrid hob auf die Frage hin ratlos die Schultern: „Ich kann nur spekulieren und meinen Wahrnehmungen folgen. Trautmann war in diesem Götterlauf noch nicht am Hag und der Briefverkehr war einseitig.“ Verlegen senkte sie den Blick. „Aber er ist nicht dumm ... ich denke, dass er – angenommen, er weiß tatsächlich nichts von Euch – zumindest die Einladung seiner Mutter richtig deuten konnte.“

Als diese Vermutung geäußert war, sah sich die Blaubingerin wieder einem langen Blick ihres Gegenübers ausgesetzt. Wieder schien Gwendolyn angestrengt nachzudenken, fuhr sich dann mit einer nachgerade verzweifelt wirkenden Geste übers Gesicht und erhob sich ruckartig.

Algrid fürchtete erst, die Hollerheiderin würde nun ohne ein Wort des Grußes aus dem Raum stürmen, doch ganz so schlimm kam es nicht. Stattdessen begann sie, neben der langen Tafel auf
und ab zu schreiten: den rechten Arm schützend vor den Bauch gelegt, den linken darauf gestützt und die Hand dazu am Hals – Finger im Haar, als würde sie dort Halt suchen, oder als würde es ihr beim Denken helfen. Das ging eine ganze Weile so, dann blieb Gwendolyn stehen und richtete ihr Augenmerk wieder auf Algrid.

„Er hat nicht gewusst, dass seine Mutter bei uns war, und weiß wahrscheinlich auch nicht, dass mein Bruder mich für ihn nach Weidenhags schleppt“, stellte sie fest. „Es ist demnach nicht ausgeschlossen, dass er genauso wenig Lust auf die Sache hat wie ich. Es könnte sein, dass ihm die Situation so verhasst sein wird, wie sie es mir stets war. Und ... eine Frau will er eigentlich auch nicht haben?“ Gwendolyn nahm die Linke aus dem Haar, um ihre Arme vor der Brust zu verschränken und lachte leise. Es klang nach einer Mischung aus Belustigung und Irritation, angereichert mit einer Prise Hysterie – alles in allem also nicht sonderlich zuversichtlich.

Algrid wollte gerade etwas erwidern, als sie den prüfenden Blick ihres Gegenübers gewahrte. Sie hatte das Gefühl, erstmals seit ihrem Kennenlernen vom Scheitel bis zur Sohle gemustert zu werden – etwa so gründlich, wie sie es vor zwei Tagen in dem Gasthaus in Altenfurten bei Gwendolyn getan hatte. Unwillkürlich straffte sie ihre Haltung und hatte plötzlich wieder das Bedürfnis, zu schauen, ob ein Stäubchen auf einem ihrer Plattenteile liegengeblieben war.

„Wenn Ihr ihm gefallt, Hohe Dame, und die Baronin von Nordhag, stehen meine Chancen ja wohl eher schlecht“, meinte die Dûrrnwangin schließlich. „Vielleicht hätte Hochwürden doch mal einen Blick auf mich werfen sollen, bevor sich mich einlädt? Womöglich hätte uns das allen eine Menge Zeit und Ärger erspart ... und Schmerz. Wenn die Personen, die miteinander verkuppelt werden sollen, beide kein Interesse an so etwas haben, steht das ganze Unterfangen ja wohl unter denkbar schlechten Vorzeichen. Ich meine ... wohin soll das bitte führen, da ...“ Just in dem Moment schien Gwendolyn der bisherige Verlauf des Gesprächs wieder einzufallen, sie hielt inne und nickte widerwillig. „Ah ja ... stimmt“, murmelte sie. „Da war was. Glückliche Familien und ein Paar, das seine Pflicht erfüllt. Sagt nichts. Ich habe schon verstanden.“

Mit diesen Worten löste sie die Verschränkung ihrer Arme auf und stützte sich stattdessen schwer auf den Stuhl, auf dem sie eben noch gesessen hatte. Algrid glaubte so etwas wie ein leise gerauntes „Scheißdreck da!“ zu vernehmen, war sich aber nicht sicher.

Die Ritterin beobachtete das Gebaren der jungen Bärwaldenerin mit zunehmender Sorge. Es war offensichtlich, wie groß der Unwillen Gwendolyns gegen diesen Besuch am Hag war und wie viel Überwindung es sie kostete, dem Wunsch ihres Bruders zu folgen. Mittlerweile tat ihr wirklich leid. Ja, wenn es um eine empathische Grundveranlagung ging, waren sich die beiden Frauen nicht ganz unähnlich.

„Ich denke, dass er es nicht weiß“, stellte Algrid dann noch einmal klar. „Aber Ihr könnt ihn ja morgen selbst fragen.“ Die Blaubingerin versuchte sich abermals an einem Lächeln. „Dann werdet Ihr auch sehen, wohin das alles führt. Vielleicht gefällt Euch Trautmann ja ... wer weiß“, es waren Worte, die sie aussprach, um ihr Gegenüber aufzumuntern und nicht, weil sie sich diesen Umstand wünschte.

„Auch würde ich mir nicht zu viele Sorgen machen, dass Ihr seinen optischen Anforderungen nicht entsprecht. Ich denke, dass es wichtigere Dinge gibt als das Aussehen. Schönheit ist ja schließlich vergänglich.“ Auffordernd sah sie die Dûrrnwangin an, bevor sie noch einmal ein paar beschwichtigende Worte nachsetzte: „Schaut Euch den Mann morgen einfach an und entscheidet dann. Wenn es gar nicht geht, werdet Ihr bestimmt ein paar Verbündete finden, die Euch aus der Situation heraushelfen. Zuvorderst Trautmann selbst, der nie damit leben könnte, wenn Ihr an seiner Seite unglücklich wärt, mich und wahrscheinlich auch Gwid... äh die Baronin. So traviagefällig sie sein mag: Ihr ist bewusst, dass auch Rahja ein Wörtchen mitzureden hat. Ich bin mir sicher, dass man mit ihr reden könnte.“

Gwendolyn sah Algrid aus großen Augen an, während sie deren Beschwichtigungsversuch folgte. Sie ließ die Ritterin ausreden, auch wenn es an ein paar Stellen aussah, als hätte sie am liebsten etwas angemerkt, erwidert oder vielleicht auch einfach nur gefragt. All das schien jedoch vergessen, als Algrid endete. Da schaute sie sie nur weiter an, seufzte leise und nickte erneut – widerwillig, aber sie nickte.

„Sicher. Ihr habt natürlich recht“, meinte sie nach einem Moment des Zögerns. „Was bleibt mir auch anderes übrig, nicht wahr?“ Kurz noch stand die Hollerheiderin auf den Stuhl gestützt, dann richtete sie sich auf, schien einen Moment nicht zu wissen, wohin mit ihren Händen und verschränkte sie schließlich in ihrem Rücken. „Ich danke Euch für Eure freundlichen Worte, Hohe Dame, die ganzen Erklärungen, Ratschläge ... für alles! Auch dass Ihr geblieben seid, um mir Gesellschaft zu leisten, statt mit zu den Trophäen zu gehen, was sicher viel spannender und auch ... angenehmer gewesen wäre. Ja ...“

Die Dûrrnwangin presste die Lippen fest aufeinander, während sie einmal mehr scharf nachdachte und fügte dann ein leises „Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt“ an. „Es ist spät geworden und ich ... ähm ... die Zofe wollte noch irgendwas von mir. Also ... abermals vielen Dank. Ich wünsche Euch eine angenehme Nachtruhe und wir sehen uns morgen früh.“

Kurz runzelte Algrid die Stirn. Würde Gwendolyn jetzt davonlaufen? Ihrem Bruder den Hosenboden langziehen und ihn zur Rückkehr bewegen? Oder wirklich bloß ins Bett gehen? Für die Ritterin war nun jedenfalls nicht mehr an Schlaf zu denken – zu sehr wühlte sie die Konversation von gerade eben auf.

„Ähm ... ja ...“, stotterte sie überrascht. „Also ... nichts zu danken. Füreinander da zu sein ist etwas, das man in Weidenhag lebt und ich habe mir schon gedacht, dass Ihr vielleicht jemand zum Reden braucht.“ Die Lippen der Blaubingerin verzogen sich zu einem milden Lächeln. „Gute Nacht, Wohlgeboren.“

Gwendolyn bedachte Die Blaubingerin daraufhin ebenfalls mit einem Lächeln – das allerdings ziemlich schief wirkte – und machte auf der Hacke kehrt. Kurz darauf fiel die Tür hinter ihr ins Schloss und die Trutzerin saß allein im Rittersaal. Der Abgang ihrer Gesprächspartnerin hatte am Ende doch einer Flucht geglichen. Welcher Grund dafür ausschlaggebend gewesen war, das vermochte Algrid nicht zu sagen. Aber immerhin war sie jetzt tatsächlich ein ganzes Stück schlauer als vor diesem Gespräch. Es hatte sich also gelohnt. Sogar mehr als erwartet.