Die Audienz
Feste Klagenfels, Baronie Rotenforst, Mitte Rondra 1040 BF
Es passierte nicht oft, dass sie auf dem Klagenfels adeligen Besuch bekamen. Und dass jemand Fremdes vollkommen unangekündigt hier auftauchte, um in aller Form eine Privataudienz beim Baron zu erbitten – das war in den zwei Jahren seit Widderichs Amtsantritt nicht ein einziges Mal vorgekommen. Es sorgte für gerunzelte Stirnen und fragende Blicke bei seinen Geschwistern, die er aber auch bloß mit einem Achselzucken beantworten konnte. Der Name Algirdas von Stockach sagte ihm so wenig wie allen anderen. Um einen jungen Ritter handelte es sich offenbar, und er hatte nicht verraten wollen, in was für einer Angelegenheit er den Herrn von Rotenforst zu sprechen wünschte.
Es blieb also spannend.
Satijana fühlte sich bemüßigt, ihren Gatten zu fragen, ob er sich im Klaren darüber sei, was das Wort „Audienz“ überhaupt bedeute, und quittierte seine gnatschige Antwort mit einem breiten Grinsen. Widderich wusste sogar, was der Unterschied zwischen einer Privat- und einer Gruppenaudienz war, und dass er für Erstere nicht unbedingt den Thronsaal wählen musste, um mit seinem Gast zu sprechen. Er befand jedoch, dass es auf der ganzen großen Feste sonst keinen Raum gab, der sich für den Empfang eines Fremden mit unbekanntem Begehr eignete – und sie stimmte ihm da durchaus zu. Es ließ sich wahrlich nicht behaupten, dass der Klagenfels in Sachen Repräsentation viel zu bieten hatte.
Also saß der Herr von Rotenforst nun schweigend auf seinem Thron und sie saß schweigend neben ihm und gemeinsam warteten sie auf das Erscheinen ihres mysteriösen Gastes. In einem ansonsten menschenleeren Saal, wohlgemerkt. Einem leeren Saal, der für diesen Anlass eigentlich viel zu groß war. Weshalb Satijana gerade eine geistige Notiz anfertigte. Das war etwas, worum es sich dringend zu kümmern galt: Einen Ort herrichten, an dem frau Gäste künftig empfangen konnte, ohne sie gleich mit der ganzen Macht des Sturmætzvallter Thronsaals zu erschlagen. Im Kopf ging sie eben alle ihr bekannten Räume durch, die sich für so etwas eignen könnten, als die Tür geöffnet wurde.
Fählindis betrat den Raum, im Schlepptau einen jungen Mann, der aussah wie ... ja.
Satijana stutzte und löste den Blick vom Fremden, um kurz zu dem überaus vertrauten Herrn an ihrer Seite hinüber zu spinxen. Der bemerkte das allerdings nicht, weil er selbst viel zu beschäftigt damit war, den Ritter zu mustern, der da gerade vor seinen Thron stolzierte. Satijana bemerkte noch, wie Widderich die Stirn runzelte und die Lippen irritiert verzog. Dann wandte sie sich dem Neuankömmling wieder zu, der aussah wie eine jüngere Version des Patriarchen der Familie Rauheneck. Jünger, etwas kleiner und deutlich weniger kantig. Mit einer etwas gefälligeren Nase und helleren Augen zwar, aber die Ähnlichkeit blieb unbestreitbar.
Was Fragen aufwarf. Fragen, auf deren Beantwortung sie sehr gespannt war.
Sollten sie denn in dieser Audienz gestellt werden.
Was sie doch sehr hoffte.
„Hochgeboren“, Fählindis hielt ein paar Schritt von ihnen entfernt und neigte das Haupt leicht. „Ich bringe den Hohen Herrn Algirdas von Stockach, der Euch zu sprechen wünscht.“
Neben ihr verneigte sich auch der Fremde, elegant, und gab dann ein klar vernehmbares „Den Zwölfen zum Gruße, Hochgeboren, Rondra voran!“ von sich.
Widderich behielt den jungen Kerl noch einen Moment schweigend im Auge und bedeutete ihm dann mit knapper Geste, sich wieder aufzurichten.
„Den Zwölfen zum Gruße, Hoher Herr, und willkommen auf dem Klagenfels“, gab er schließlich zurück. „Sei bedankt, Fählindis. Warte bitte draußen!“, meinte er dann in Richtung seiner Base.
Die schien das überaus enttäuschend zu finden – hatte wohl gehofft, der Audienz irgendwie beiwohnen zu dürfen. Nichtsdestotrotz nickte sie ergeben und machte auf der Hacke kehrt. Wenige Augenblicke später fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
„Wie kann ich helfen?“, fragte Widderich daraufhin.
Er war kein Mann des Worts. Noch nie gewesen. Deshalb hatte Satijana nicht viel Vorgeplänkel erwartet. Dass sich ihr Gemahl so unvermittelt auf den Grund des Besuchs stürzen würde, hätte sie allerdings auch nicht für möglich gehalten, und es ließ sie innerlich zusammenzucken.
„Die Götter zum Gruße“, schob sie daher mit einem freundlichen Lächeln hinterher, als der junge Mann den Blick auf sie richtete – es also ohnehin angezeigt war, sich ins Gespräch einzuführen. „Ich hoffe, Ihr habt hier in Rotenforst ungestört reisen können und dass unser Gesinde Euch anständig versorgt hat, bevor Ihr zu uns geschickt wurdet.“
„Ich kann nicht klagen“, sagte der Stockacher knapp und nickte verbindlich. Anstatt noch ein paar Worte mehr zu machen, wandte er sich jedoch gleich wieder an Widderich. Er schien es also ebenfalls eilig zu haben. „Ich bin davon ausgegangen, eine Privataudienz bedeutet, dass ich mit Euch unter vier Augen sprechen werde, Euer Hochgeboren“, hob er nach einem Moment der angespannten Stille an. „Ich weiß nicht, ob wir mein Anliegen ernstlich vor Eurer Gemahlin besprechen sollten.“
„Ich habe keine Geheimnisse vor meiner Frau“, erwiderte Widderich. „Haltet Euch also nicht zurück.“
Der Rittersmann schien das für eine denkbar schlechte Entscheidung zu halten und zögerte noch einen Moment, in dem sein Blick zwischen Widderich und Satijana hin und her flog. Dann trat ein beinahe mutwilliges Funkeln in seine Augen und er hob die Schultern.
„Wie Ihr meint“, sagte er, während er begann, an seiner Gürteltasche zu nesteln. Einen Moment später hatte er ein gefaltetes und gesiegeltes Pergament zu Tage gefördert und trat näher: „Ich würde Euch gern ein Schreiben meiner hochverehrten Frau Mutter zu lesen geben, bevor ich mein Anliegen näher erläutere. Ich denke, das wäre der Situation dienlich.“
„Und wer ist Eure hochverehrte Frau Mutter?“, wollte Widderich wissen.
„Fredemin von Stockach war meine Mutter – Boron hab’ sie selig. Sie ist vergangenes Jahr beim Kriegszug gen Mendena gefallen“, erklärte der junge Ritter, diesmal ohne zu zögern, und warf seinem Gegenüber einen lauernden Blick zu.
Satijana beobachtete es mit Interesse, dann wandte sie sich ebenfalls in Widderichs Richtung. So bekam sie mit, wie in dessen Augen Erkennen aufblitzte: Anscheinend sagte der Name Fredemin ihm mehr als das Algirdas. Kurz runzelte er die Stirn, nickte hernach aber bestätigend und streckte dem jungen Mann vor seinem Thron auffordernd die Hand entgegen.
„Es dauert mich, das zu hören, Hoher Herr. Mein Mitgefühl“, sagte er, während er das Schreiben entgegennahm. „Und Ihr seid wahrhaftig der Meinung, dass ich das jetzt lesen soll, statt einfach mit Euch zu sprechen?“
„Ja, bitte!“
Widderich zuckte mit den Achseln, dann brach er das Siegel und vertiefte sich in die Nachricht.
Satijana wäre am liebsten aufgesprungen, um ihm über Schulter zu sehen. Aber das gehörte sich nun wirklich nicht.
Also blieb sie brav sitzen und wartete – bis es ihr zu blöd wurde. Offenbar war dieser Brief nicht gerade kurz. Oder so umständlich formuliert, dass er sich schwer lesen ließ. Oder der Inhalt so skandalös, dass Widderich ewig brauchte, um ihn zu verdauen. Weil es irgendwie auch unnütz war, schweigend dazusitzen, während der Herr Baron sich nicht regte, wandte sie sich an seinen Gast. Dessen hochkonzentrierte Mine verriet zwar, dass er den Rauheneck gern im Blick behalten hätte, aber darum scherte sie sich nicht.
„Woher stammt Ihr, Wohlgeboren?“, fragte sie ganz unbefangen.
„Ich bin in der Baronie Drachenstein aufgewachsen“, antwortete der Stockacher, ohne seinen Blick von Widderich zu lösen.
„Dann sitzt Eure Familie dort?“
„Nein“, kam es prompt zurück. „Der Stammsitz meiner Familie ist in Schroffenfels. Meine Mutter und ich haben allein in Drachenstein gelebt.“
Nun endlich löste er sich von Widderich und besaß die Freundlichkeit, Satijana beim Reden anzusehen. Etwas in seinem Blick, wie auch in seiner Stimme, verriet ihr: Sie fragte ihn gerade über Dinge aus, zu denen er gemeinhin lieber schwieg. Und es gab ja auch eine naheliegende Vermutung, warum Familienangelegenheiten nicht sein Lieblingsthema waren.
„Und wo seid Ihr ausgebildet worden?“, wollte sie dennoch wissen.
„Auch in Drachenstein. Am Hof der Baronin. Von ihrem Gemahl Haldoran.“
„In Drachenstein. Von ... ? Oh!“ Satijana hielt irritiert inne.
Na, das waren ja Neuigkeiten!
Im näheren Umfeld von Rotenforst gab es kaum jemanden, der Widderich weniger leiden konnte, als die Drachensteiner Baronin Sindaja. Allein, Haldoran gehörte womöglich in diese Kategorie, was den Besuch des Stockachers noch pikanter machte, als sie ihn ohnehin schon fand. Sie überlegte noch, wie sie das Gespräch an diesem Punkt fortführen sollte, ohne in irgendwelche Fettnäpfchen zu treten, als Widderich sich an ihrer Seite räusperte.
Er ließ den Brief sinken. Endlich. Zum Glück!
„Ich nehme an, dass Ihr nichts über den Inhalt dieses Schreibens wisst, Hoher Herr?“, hob ihr Gemahl unvermittelt an.
„Nein, aber sie hat mir auch einen hinterlassen. Da stehen vermutlich ähnliche Dinge drin. Ich weiß zumindest, warum sie wollte, dass ich hierherkomme: Ich bin Euer Sohn!“
Bei den letzten Worten reckte der junge Ritter herausfordernd das Kinn – als erwarte er, dass nun eine vehemente Widerrede Widderichs erfolgen würde. Und als sei er bestens darauf vorbereitet, einen wortreichen Strauß über die Motive seiner Mutter mit ihm auszufechten.
Üblicherweise wäre das auch eine vollkommen angebrachte Reaktion gewesen. Da spielte das Schicksal einem einfachen Junker so in die Karten, dass er in den Baronsstand erhoben wurde, wodurch seine gesamte Familie mit einem Mal zum Hochadel gehörte – und wenig später fiel einer Frau, von der er offenbar seit Ewigkeiten nichts gehört hatte, wieder ein, dass sie ihm einen Sohn geboren hatte? Wie glaubwürdig war das schon?
Nicht sehr. Im Allgemeinen. In diesem Fall allerdings ...
Satijana ließ den Blick erneut zwischen Widderich und Algirdas hin und her gleiten und schüttelte schweigend den Kopf. Das hier war nicht im Allgemeinen. Auch deshalb nicht, weil Bastarde in der Familie Rauheneck fast schon zum guten Ton gehörten und auf dem Klagenfels daher generell weniger Zweifel angemeldet wurden als anderswo.
Satijana bemerkte, dass Widderich Blickkontakt suchte, und nahm ihre Gedanken an die Kandare, um ihm entgegenzukommen. Seine Brauen waren fast unmerklich gehoben – wohl, weil er sich versichern wollte, dass sie nicht kurz davorstand, ihm den Kopf abzureißen. Die unausgesprochene Frage des Rauheneck beantwortete sie mit einem schiefen Lächeln und indem sie gleichmütig die Schultern hob.
„Ich habe Euch gesagt, dass es keine gute Idee ist, sie hier zu behalten“, drangen die Worte des Stockachers unterdessen an ihr Ohr.
„Ich habe keine Geheimnisse vor meiner Frau“, wiederholte Widderich stur und richtete den Blick anschließend wieder auf seinen ... Sohn. „Ich schließe aus Euren Worten, dass Fredemin zu Lebzeiten so wenig mit Euch wie mit mir hierüber geredet hat?“, er hob den Brief, während er den jungen Mann fragend ansah.
„Nein“, gab der mit reichlich patzigem Unterton in der Stimme zurück. „Sie meinte immer, sie erzählt mir alles, wenn ich alt genug dafür bin. Offenbar war das jedoch zeit ihres Lebens nicht der Fall. Soweit ich weiß, hat sie auch mit niemandem sonst darüber gesprochen. In all den Jahren nicht. Kein Wunder, will ich meinen. Es verhält sich ja schließlich nicht so, als ob Euer Name einer wäre, mit dem sie hier in der Sichelwacht stolz hätte hausieren gehen können. Wer gibt schon gern preis, dass er sich von einem Raubritter, Heiden, Triebtäter, Mörder und Thronräuber hat schwängern lassen?“
Widderich sparte sich zu dem Anwurf jeden Kommentar. Er zog einfach nur unwirsch die Brauen zusammen. Das schien aber schon auszureichen, um seinen Gast mit der Nase darauf zu stoßen, dass er sich gerade sehr unziemlich verhielt.
„Ich meine ... von jemandem, über den die Leute all das sagen“, schob der Stockacher da eilig nach. „So wird nun mal über Euch geredet, Hochgeboren, in weiten Teilen der Grafschaft. Das wird Euch ja wohl nicht neu sein.“
„Als ich Fredemin zuletzt gesehen habe, beschränkte sich diese Liste auf Raubritter und Heide ... Triebtäter vielleicht noch ... . Schön, ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt“, brummte Widderich. „Außerdem war sie seinerzeit eine Ritterin am Saltheler Herrscherhof. Die dienen gemeinhin ihr Leben lang. Wieso also Drachenstein?“
„Weil eine unverheiratete Ritterin, die den Bastard eines Mannes austrägt, dessen Namen sie nicht verraten will, keinesfalls als Vorbild für die Ritterschaft in der Sichelwacht taugt, die Dienstritter des Markverwesers aber genau das tun sollten“, lautete die prompte Erwiderung. „Die Erste Ritterin hat das Problem seinerzeit geräuschlos vom Hof verschwinden lassen.“
„Ihre Familie sitzt in Schroffenfels. Warum ist sie nicht dorthin zurückgekehrt?“
„Weil eine unverheiratete Ritterin, die den Bastard eines Mannes austrägt, dessen Namen sie nicht verraten will, keinesfalls in eine Familie passt, deren Patriarch ein frommer Anhänger der in seinen Augen reinen Lehre Travias ist. Sie hat den Namen Stockach mit ihrem Verhalten befleckt und wurde daher vor die Tür gesetzt.“
Widderich stieß einen Laut aus, der nach einer recht ungesunden Mischung aus pikiertem Schniefen und geringschätzigem Schnauben klang – und begann damit, den Brief der gefallenen Rittfrau wieder zusammenzufalten.
„Warum Drachenstein?“, wiederholte er derweil.
„Weil Frau Sindaja von jeher einer gänzlich anderen Auslegung des Traviaglaubens folgt als mein Großonkel. Sie hat uns aufgenommen, als ich noch ganz klein war, und meiner Mutter erst eine Anstellung, später auch ein Gut zur Verwaltung gegeben.“
Im Angesicht dieser Eröffnung des Jungen konnte sich Satijana ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Kein Wunder, dass Fredemin den Namen des Kindsvaters niemals preisgegeben hatte! Wie ratsam wäre es wohl gewesen, der eigenen Dienst- und Lehnsherrin zu gestehen, dass auf ihrem Land der Sohn des verhassten Nachbarn im Osten heranwuchs? Erst recht, nachdem sie das Kind zur Ausbildung an den Hof der Baronin gegeben hatte? In die Hände von Haldoran von Friggenhaupt, der sich vermutlich selbst entleiben würde, wenn er erfuhr, an wen er sein Wissen und Können über sechs Götterläufe hinweg weitergegeben hatte.
Widderichs Gedanken schienen sich in ganz ähnlichen Bahnen zu bewegen. Der Verdacht kam Satijana, als sie ihm ins Gesicht sah und einer äußerst sparsamen Miene ansichtig wurde. Die Tatsache, dass Algirdas im Dunstkreis der Silkenauerin und ihres Gemahls aufgewachsen war, schmeckte ihm offensichtlich überhaupt nicht. Sei es nun, weil sie dem Jungen sicher vieles vorgelebt hatten, womit hier in Rotenforst niemand etwas anfangen konnte, oder weil er sich den beiden dadurch im Nachhinein irgendwie zu Dank verpflichtet fühlte.
„Sie hätte hierherkommen können, zu uns ... meiner Familie“, meinte er schließlich. „Warum im Namen aller guten Geister hat sie das nicht getan?“
Die Frage galt nicht Algirdas, sondern war einfach nur so dahingesagt, aber der Junge fühlte sich offenbar angesprochen. Er hob die Schultern:
„Ich sage doch: Sie hat nie über Euch geredet. Aber wenn ich raten soll: Vielleicht, weil der Rest der Sichelwacht sich dann hätte denken können, was Sache ist, sie das aber um keinen Preis der Welt wollte? Vielleicht, weil jeder weiß, wie die Kirche Travias zu den Rauhenecks steht und sie daher das letzte bisschen Hoffnung auf eine Versöhnung mit ihrer Familie hätte aufgeben müssen? Vielleicht, weil die Gerüchte über Euren Lebenswandel sie abgestoßen haben? Oder weil Ihr mehr als ein Jahrzehnt so gut wie nie in Weiden anzutreffen wart? Vielleicht, weil ihr nach Eurer Rückkehr erst mal mit Hochgeboren Erzelhardt Krieg spielen musstet?“
Auch diese Spitzen waren Widderich keine Erwiderung wert. Er runzelte bloß die Stirn und seufzte schwer.
„Und überhaupt ... was ist das hier eigentlich für ein merkwürdiges Gespräch?“, fuhr Algirdas danach zornig auf. „Warum fragt Ihr mich über meine Mutter aus? Wollt Ihr nicht lieber irgendetwas zu ihrer Behauptung sagen, dass ich Euer Sohn bin? Dass das nicht sein kann, vielleicht? Dass Ihr sie nie angerührt habt? Oder irgendeinen anderen Grund nennen, aus dem ich Eure Burg augenblicklich zu verlassen und nie wieder hier aufzutauchen habe?“
„Würde Euch das helfen, Hoher Herr?“
Satijana blinzelte irritiert.
Das war eine sehr seltsame Frage. Im ersten Moment verstand sie nicht, worauf Widderich damit hinauswollte. Dann gewahrte sie jedoch den zornigen Blick des jungen Stockachers, sein bockig vorgeschobenes Kinn, die ganze angespannte Haltung – und begriff. Es hatte sich etwas in dem Kerlchen aufgestaut, das dringend hinaus wollte. Algirdas konnte es aber nicht reinen Gewissens in die Freiheit entlassen, solange Widderich ihm keinen Anlass bot, der eine solche Eskalation gerechtfertigt hätte. Nach einem solchen suchte er offenbar.
Dies zu begreifen, erforderte einiges an Einfühlungsvermögen. Und das war gemeinhin wahrlich keine Stärke ihres Gemahls.
Faszinierend!
„Was ... ? Wie meint Ihr das ... ?“, stotterte der Drachensteiner unterdessen.
„Ich könnte das alles natürlich sagen. Die Frage ist nur: Wer soll es mir glauben?“, gab Widderich gelassen zurück. „Vielleicht ist es Euch noch nicht aufgefallen, aber Ihr seid mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Da ich keinen Zwilling habe und da ich eben nicht von mir behaupten kann, Eure Frau Mutter nie angerührt zu haben ...“ Er hielt kurz inne und hob die Schultern: „Sagt mir lieber, was Ihr von mir wollt.“
Algirdas starrte ihn einen Moment schweigend an.
Er schien nicht damit gerechnet zu haben, dass es so einfach werden würde, und wusste jetzt nicht, wie er weitermachen sollte. Davon erholte er sich jedoch rasch, atmete tief durch und straffte seine Schultern:
„Eine Anstellung! Ich habe drüben in Drachenstein kürzlich meine Schwertleite erhalten und wie Ihr Euch sicher denken könnt, ist es für jemanden wie mich nicht leicht, an den Höfen des Adels unterzukommen“, er deutete auf das von einem Bastardbalken verschandelte Wappen der Stockacher, das er klein und damit ziemlich unauffällig an seinem Gürtel trug. „Ich habe nicht vor, lange zu bleiben, keine Sorge. Aber fürs Erste brauche ich etwas, womit ich mich über Wasser halten kann.“
„Hat die Gastfreundschaft der Drachensteiner ein Ende gefunden, als sie erfuhren, wer Euer Vater ist?“, hakte Widderich nach.
„Das habe ich ihnen nicht erzählt. Ich bin doch nicht wahnsinnig!“
„Dann seid Ihr als Ritter so schlecht, dass sie Euch – anders als Eurer Mutter – keine Anstellung an Ihrem Hof bieten wollten?“
„Pffffft!“, Algirdas zischte verärgert und schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Wenn Ihr es genau wissen wollt, beweise ich Euch das auch gern. Bis dahin wisset, dass ich gegangen bin, weil es der letzte Wille meiner Mutter ist. Aus irgendeinem Grund war sie der Meinung, dass ich hierher zu Euch kommen soll. Nach all der Zeit. Verstehe es, wer will.“
„Hum“, brummte Widderich leise. Und dann: „Ich nehme nicht jeden in meine Dienste.“
„Ich bin nicht jeder, ich bin Euer Sohn.“
„Was heißt das schon?“
„Wollt Ihr mich jetzt doch fortjagen?“
„Ihr dürft gern bleiben, Hoher Herr. Wenn Ihr einen Ort braucht, an dem Ihr fürs Erste unterkommen könnt, stehen Euch die Tore des Klagenfels offen“, erklärte Widderich mit ruhiger Stimme. „Aber als meinen Dienstritter stelle ich Euch nur an, wenn Ihr taugt.“
„Das sagt der Richtige! Wenn mich nicht alles täuscht, steht Ihr selbst mit mindestens der Hälfte der ritterlichen Gebote auf dem Kriegsfuß!“
„Ist das der Maßstab, den Ihr an Eure eigene Tugendhaftigkeit anlegen wollt?“
„Das ist de...“, hob Algirdas zornig an und stockte dann konsterniert. „Wie bitte?“
„Gleich, wie es um mich bestellt ist: Ihr habt bei einer Frömmlerin und einem Pantoffelhelden gelernt – was denn bitte genau? Wie man richtig betet und Stiefel leckt? Oder wisst Ihr auch, wie man kämpft?“
„Natürlich weiß ich das!“, fuhr Algirdas auf. „Herr Haldoran war einst der Erste Ritter Tobriens, vom Waffenhandwerk versteht der mehr als so ein hergelaufener Heckenreiter wie Ihr. Ich sagte ja schon: Ich zeig Euch gern, was ich vermag! Euch wir...“
„Abgemacht!“, fiel Widderich seinem Sohnemann gnadenlos ins Wort. „Wir sehen uns in einem Wassermaß in der Fechthalle, Hoher Herr. Dort könnt Ihr mir zeigen, was Euch der Erste Ritter Tobriens in den vergangenen Götterläufen beigebracht hat und ich zeige Euch, was das Leben als Heckenreiter mich lehrte.“
„N...wa..äääh?“, Algirdas stand einen Moment wie vom Donner gerührt und starrte er den Herrn des Klagenfels an, als sei er völlig von Sinnen. „Ihr wollt mit mir fechten?“
„Bevor ich Euch anstelle, will ich wissen, was Ihr vermögt. Und warum sollte ich nicht sofort anfangen, mir ein Bild davon zu machen?“
Damit war die Sache entschieden.
Während es hinter der Stirn des Stockachers noch schwer arbeitete, beorderte Widderich Fählindis zurück in den Thronsaal und erklärte ihr, was folgen sollte. Augenblicke später war die Privataudienz zu Ende.