Unter vier Augen

Feste Klagenfels, Baronie Rotenforst, Mitte Rondra 1040 BF

Widderich war schweigend über die Gänge des Klagenfels geeilt – und Satijana ihm schweigend gefolgt. Als er ihre Gemächer erreichte, stieß er die Tür mit viel zu viel Kraft auf, sodass sie scheppernd gegen die Wand krachte und gleich wieder zurückgeflogen kam. Er versetzte ihr also noch mal einen Stoß, trat dann ein und hielt sofort inne, um beide Handballen fest auf seine Augäpfel zu pressen. Dabei stieß er ein lautes Stöhnen aus, das ein bisschen so klang, als hätte er im Grunde lieber geschrien.

Satijana schloss die Tür hinter sich und scharwenzelte in einem elenganten Bogen um ihren Göttergatten herum, sodass sie am Ende vor ihm stand und in sein Gesicht gucken konnte – von dem gerade allerdings nicht viel zu sehen war, weil Hände. Sie wartete, bis er ein paarmal tief durchgeatmet und den Sichtschutz wieder entfernt hatte. Danach reichte ein Blick in seine Augen, um zu erkennen, dass die Situation ihn viel mehr anfasste, als eben im Thronsaal noch zu erkennen gewesen war.

„So schlimm?“, fragte sie leise. In ihrer Stimme hielten sich Besorgnis und Belustigung die Waage. Sie nahm das Ganze leichter als ihr Gemahl, aus offensichtlichen Gründen. „Ich hatte bislang den Eindruck, du würdest es mit Fassung tragen?“

Widderich presste die Lippen zusammen, schob das Kinn vor und nickte bedächtig, während er ihre Miene aufmerksam studierte. Dann hob er die Schultern und wog den Kopf:

„Offenbar gelingt mir das nicht ganz so gut wie dir.“

„Kunststück! Ich bin ja nicht unmittelbar betroffen.“

„Es ist gerade ein potenzieller Erbe meines Titels aufgetaucht. Ich meine schon, dass dich das unmittelbar betrifft, Satijana. So als Baronsgemahlin ... die bisher zu allem Überfluss auch noch kinderlos ist?!“

„Oh, tsssk, Dummerchen!“, machte sie spöttisch und winkte mit großer Geste ab. „Ich meine, damit ist das abgedeckt, oder nicht? Wenn du jetzt ohnehin schon einen Erben von deinem Blute hast, mit einer adeligen Mutter noch dazu, bleibt es mir ja vielleicht erspart, überhaupt einen austragen zu müssen? Ich habe gehört, dass das ziemlich anstrengend sein soll und gern mal die Figur ruiniert. Außerdem ist es wirklich kein Spaß, Kinder aufzuziehen. Und die Götter waren so nett, uns eines zu servieren, das durch das Gröbste schon durch ist – hoffentlich! Ich verbuche das, ehrlich gesagt, als Erfolg auf ganzer Linie.“

„Findest du das etwa lustig?“ fragte Widderich gereizt.

„Ein bisschen schon.“

„Fein!“ Er seufzte und fuhr sich mit der rechten Hand entnervt übers Gesicht. „Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Irgendwann wird Wîswartari dieses verfluchte Ritual durchführen. Dann bist du fällig, ist das klar?! Dann entlasse ich dich erst wieder aus meinem Bett, wenn ich weiß, dass du schwanger bist. Merk dir das! So weit kommt es noch, dass ich den Rotenforster Thron an ein Kind gehen lasse, das nicht dem Schoß meines hochverehrten Eheweibs entsprungen ist!“

„Ah“, Satijana lachte leise. „Dann sag deinem Hüter vielleicht mal, dass er sich ein bisschen beeilen soll?! Ich bin nicht mehr die Jüngste, wenn er noch lange wartet, kommen wir am Ende nie wieder aus deinem Bett raus? Nicht, dass mich das groß stören würde. Aber mit Blick auf die Aufgaben, die du als Baron versehen solltest, könnte das etwas problematisch werden ...“

Daraufhin knurrte Widderich unwillig und begann, wie ein gefangenes Tier im Zimmer auf und ab zu schreiten.

Das war ein wunder Punkt und sie wusste es, konnte aber trotzdem nicht ganz von dem Thema lassen. Nicht etwa, weil ihr persönlich viel daran gelegen hätte, mondelang ein Kind in ihrem Leib mit sich herumschleppen zu müssen – das tat es wirklich nicht. Doch war sie die Tochter eines Bronnjaren und sich daher vollauf im Klaren darüber, welch immense Bedeutung dynastische Erwägungen vor allem für alte Adelsgeschlechter hatten.

„Warum kommt diese Fredemin damit jetzt erst?“, hob Satijana an, als sie zu der Überzeugung gelangt war, dass Widderich auf ihre letzten Worte nichts erwidern würde. „Steht dazu irgendwas in ihrem Brief? Ich meine ... sie hatte eine Menge Zeit, um sich bei dir zu melden. Hätte sie das nicht allein schon im Interesse ihres Sohns viel früher tun sollen?“

„Der Junge hat es ganz gut zusammengefasst. Es gab viele gute Gründe, meine Identität geheim zu halten. Ich war lange aus der Welt und dann ...“, Widderich zögerte einen Augenblick, bevor er mit einem sachten Kopfschütteln fortfuhr. „Sie hat auf dem Goblinfeldzug des Grafen 1030 das Gespräch mit mir gesucht. Aber die Begegnung war so kurz, ich hatte sie schon wieder ganz vergessen.“

„Was ist passiert?“

„Nichts. Sie empfand meine Haltung als ablehnend und hatte das Gefühl, dass ich nicht mit ihr reden will“, meinte Widderich. „Vermutlich habe ich ihr Angst gemacht, also ist es kein Wunder, dass sie das Thema lieber ruhen ließ.“

„Der Fluch ...“

„Hmhum.“

„Oh je, das tut mir leid.“

„Mir nicht!“ Widderich fixierte sie mit einem Blick, der keinen Zweifel daran ließ, dass es ihm mit dieser Aussage ernst war. „Wer weiß, wie es mit mir weitergegangen wäre, wenn ich seinerzeit von dem Kind erfahren hätte? Wer weiß, ob wir uns dann je getroffen hätten?“

„Wer weiß, ob das überhaupt noch von Belang gewesen wäre? Du hättest auch mit Fredemin und Algirdas dein Glück finden können.“

„Wohl kaum“, Widderich schüttelte den Kopf. „Unsere Beziehung war nicht dergestalt, dass wir uns für alle Zeiten aneinander hätten binden wollen.“

„Aaaaaah, so ist das also?!“, säuselte Satijana spöttisch. „Na, wenn wir uns damit jetzt eh schon befassen, erlaube mir diese eine Frage: Wie alt bist du bitte gewesen, als du diesen Bengel gezeugt hast? Er ist Ritter, zählt also mindestens 20 Winter, nicht wahr? Du bist gerade erst 39 geworden, also ... will ich es wirklich wissen?“

Widderich hielt in seinem Getigere inne und sah sie an: „Ja. So in etwa. 18, 19 Winter.“ Er hob die Schultern, entschuldigend irgendwie. „Ich war jung und ... äh ... wild, bevor mich der Zauber deiner Schwester getroffen hat.“

„18 oder 19 Winter? Liebe Güte!“ Satijana warf ihrem Gemahl einen ungläubigen Blick zu. „Sag jetzt bitte nicht, dass du damals ein halbes Kind geschwängert und mit dem ganzen Scheiß allein gelassen hast, Widderich? Wie alt war Fredemin? 14? 16?“

„Ein paar Jahre älter als ich. Schon fertige Ritterin. 25 Winter vielleicht?“

„Mit einer erfahreneren Frau, huh? Hört, hört!“, Satijana schüttelte den Kopf und grinste schief. Es erleichterte sie, das zu hören, denn die Alternative hätte in ihren Augen alles nur noch schlimmer gemacht. Für Fredemin war es sicher auch so eine dramatische Erfahrung gewesen, aber als Erwachsene trug sie selbst die Verantwortung für ihr Handeln. „Der feine Herr von Rauheneck. So früh angefangen? Vielleicht ist es ganz gut, dass sich meine Schwester um dich gekümmert hat. Wer weiß, wie viele Bankerte du sonst noch gezeugt hättest?“

„Ist das wirklich kein Problem?“, fragte Widderich daraufhin.

„Was? Dass du vor 20 Jahren mal mit einer anderen Frau geschlafen hast? Sicher nicht! Für wen hältst du mich, dass du glaubst ich könnte dir derlei vorhalten? Ich habe mir doch selbst stets alle nur erdenklichen Freiheiten genommen.“

„Nicht die Frau, sondern das Kind.“

„Ach was, das hatten wir doch gerade schon.“

„Ich meine es ernst“, er griff nach ihrem Arm und suchte ihren Blick. „Ist es ein Problem, dass ich einen Sohn habe? Du bist meine Frau und es wäre nun wahrlich nicht ungewöhnlich, wenn du dich daran störtest.“

„Nein, Griesgram. Ich störe mich ernsthaft nicht daran“, sie legte ihre Hand auf seine und lächelte ihm aufmunternd zu. „Es würde mich stören, wenn du es gewusst und mir verheimlicht hättest. Da das aber nicht der Fall ist, gibt es keinen Grund zur Sorge.“

Ihr Herz flog ihm zu, als sie Erleichterung in seinen Augen aufblitzen sah, und sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Stirn mit einem keuschen Küsschen zu versehen. Harmlos. Nicht dazu geeignet, eine der Lawinen loszutreten, von denen sie sonst gern mal erfasst und mitgerissen wurden. Dann nickte sie und meinte:

„Außer vielleicht der, dass dein Sohn dich erschlagen könnte, wenn du dir nicht langsam mal eine Rüstung für den Kampf überwirfst, zu dem du ihn verpflichtet hast. Also lass uns wenigstens in der Sache zur Tat schreiten, bevor es zu spät ist.“